Winterträume

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) – Winter

Ach, wie war es eine Freude,
wenn wir morgens aufgewacht;

wenn das Eis am Fensterkleide
Blumen pflanzte über Nacht,

fielen sanfte Winterträume
flockendicht auf den Asphalt,

lag der Schnee auf allen Bäumen,
deckte Böden, Tal und Wald,

haftend auf des Weges Strecke;
Flocken trieben himmelsfern.

Hell erstrahlt die Straßendecke,
leuchtet, wie ein lichter Stern.

Unter’m Glanze der Laternen
streut die weiße Glitzermacht

flatterhafte Funkelsterne
flockenprächtig in die Nacht.

Hell erleuchtet sind die Fenster,
wo die Menschen stehn und schaun.

denn das kalte Wintertreiben
deckt längst Weg und Apfelbaum.

Ach, es sind nur Kindheitsträume.
Hier schneit es schon lang nicht mehr.

Und die letzten Apfelbäume…
ach, wie lang ist das schon her.

Traumwelten

Hieronymus Bosch (1450-1516)

Die kurze Nacht verging,
es blieben dunkle Stunden,
Träume, die nicht verwunden,
sind immer noch im Sinn.

Es blutete aus Narben,
verdrängt ist all das Schöne,
und all die lichten Töne,
die mit den Wünschen starben.

Sie säuselten wie Stimmen
und sangen still: „Vergebens!“,
die Losung meines Lebens,
trostlos war ihr Verglimmen.

Die Hoffnungen ertranken
im Blute meines Herzen.
Trug Tränen meines Schmerzes
in meine Taggedanken.

Geister der Nacht

The Nightmare – Johann Heinrich Füssli 1741-1825

Licht ohne Schatten –
nimmt Einsamkeit,
bringt Gesellschaft der Engel,
vertreibt die Angst vor der Dunkelheit,
macht quälende Gedanken erträglicher.
Die Geister,
die im Verborgenen lauerten,
sie schweigen,
erwachen in der Finsternis zu neuem Leben.
 
Ängste
werden wieder Schatten werfen,
zerren an der Bettdecke,
vertreiben den Schlaf
durch Gedankengespinste,
des Lebens böse Erinnerungen.
Alpträume sind die Geschenke der Geister,
bringen die alten Schwingungen,
greifen nach dir –
vielleicht schon in der nächsten Nacht!?

Mond

Bild: Karin M.

Streifst ab die Sonnen-Tageshülle,
 behältst nur ihren Schein.
 
Dein Licht ist kalt, bizarr.
 
Beseelst mit kühlem Glanz
die dunkle Schattenstille.
 
Traumhüter,
Wandler der Gezeiten.
 
Kreist ruhelos,
 vertraut,
bis dass die Welt vergeht.
 
Allabendlich
ist jeder Blick zu dir
wie ein Gebet.

Nachtglocken

Carl Spitzweg 1808-1885, Das Ständchen

Die Glocken klingen in der Ferne,
sie läuten schon den Sonntag aus;
am Himmel stehen erste Sterne,
die Stille zieht in Stadt und Haus.

Der Lampen Licht fällt durch die Scheiben,
wirft Schatten auf die leeren Straßen,
und es beginnt das bunte Treiben
im fahlen Mondlicht zu verblassen.

Wo Tag war, herrscht nun Dunkelheit;
der Wind, er schaukelt sanft die Welt,
Gott hat für unsre Schlafenszeit
die Uhren langsamer gestellt.

Die Englein singen Wiegenlieder,
Du hörst sie, wenn’s ganz stille ist;
sie schwingen sanft zu uns hernieder,
damit das Dunkel heller ist.

Traumwelt

Frederic Leighton 1830-1896, Flaming June

Das Licht der Kerzen ist verloschen,
das Haus ruht still im Abendlicht.
In deiner Hand das Buch, geschlossen,
der Schlaf verzaubert dein Gesicht.
 
Es wirkt so sanft im Schein des Mondes,
mit einem Lächeln, ganz entrückt,
und tief in den Gedanken wohnt es,
was dich so wundersam beglückt.
 
Entführt dich jede Nacht aufs Neue,
reicht dir die Hand zum Traumestanz,
trägt deinen müden Leib mit Freude
durch allerfernsten Sternenglanz.
 
So fliehst du weit in fremde Sphären,
machst eine Reise durch die Zeit.
Wenn Träume Wirklichkeiten wären,
dann schliefest du in Ewigkeit.

Eine Frau spricht im Schlaf

Erich Kästner 1899-1974

Als er mitten in der Nacht erwachte,
schlug sein Herz, daß er davor erschrak.
Denn die Frau, die neben ihm lag, lachte,
daß es klang, als sei der Jüngste Tag.

Und er hörte ihre Stimme klagen.
Und er fühlte, daß sie trotzdem schlief.
Weil sie beide blind im Dunkeln lagen,
sah er nur die Worte, die sie rief.

Henri Gervex 1852-1928 – Rolla

„Warum tötest du mich denn nicht schneller?“
fragte sie und weinte wie ein Kind.
Und ihr Weinen drang aus jenem Keller,
wo die Träume eingemauert sind.

„Wieviel Jahre willst du mich noch hassen?“
rief sie aus und lag unheimlich still.
„Willst du mich nicht weiterleben lassen,
weil ich ohne dich nicht leben will?“

Ihre Fragen standen wie Gespenster,
die sich vor sich selber fürchten, da.
Und die Nacht war schwarz und ohne Fenster.
Und schien nicht zu wissen, was geschah.

Ihm (dem Mann im Bett) war nicht zum Lachen.
Träume sollen wahrheitsliebend sein …
Doch er sagte sich: „Was soll man machen!“
und beschloß, nachts nicht mehr aufzuwachen.
Daraufhin schlief er getröstet ein.

Zur Nacht

Bis dass der Tag beginnt,
vom Sonnenlicht erweckt,
geborgen wie ein Kind,
mit Träumen zugedeckt,

an Mutters festen Hand,
durch grüne Wiesen gehn,
im bunten Niemandsland,
bei sanften Engeln stehn.

Im Flügelschlag der Zeit,
zum Geist der Himmelsruh.
Schlaf gut und sei bereit!
Mach deine Augen zu.

Von Welt und Angst befreit,
fühl dich ins Licht gehoben.
Spür frei von Raum und Zeit
Glückseligkeiten oben.

Traumbild

Caspar David Friedrich 1774 – 1840

Bald bist Du gänzlich fort aus meinem Leben!
Du gehst nicht ganz – ein kleiner Teil bleibt hier,
den senke ich mit liebevollem Weben
in die verborgne Kammer meines Herzens mir.
 
Nicht losgelöst sind alle Erdenstricke.
Noch hält mich die Erinnerung gebannt,
doch bald pflegt Schwester Zeit mit leisem Schritte,
mir mein gebrochnes Herz mit sanfter Hand.
 
Sie wird den Balsam des Vergessens auferlegen,
der wie der Nachtwind sich in Seelen senkt.
Sie wird die Wunden heilen, die noch quälen
und tröstend Sehnsucht stillen, wenn der Tag beginnt.
 
Die Einsamkeit wird sich in Stille wandeln,
mein Herz wird heilen, irgendwann und -wie.
Nur manchmal senkt mir dein verklärtes Handeln
„Verbundenheit“ in meine Phantasie.
 
In diesem Dunstbild sehe ich dich wieder,
du hüllst mich ein, in weißes Traumgespinst.
Dein Geist singt mir am Tage Trauerlieder,
zeigt mir, dass Traumesbilder nicht das Leben sind.

Verlorene Träume

Butterfly – www.mondlicht08.de

Fahl wirft der Vollmond Schatten in die Zimmer.
Groß steht er, Stern umringt, in stiller Wacht.
Hat mich geweckt durch seinen Zauberschimmer.
Nun lieg’ ich lang schon, lausche in die Nacht.
 
Die Grillen geigen monotone Partituren.
Das Blattgewand, es rauscht im nahen Baumgeäst.
Ein Schlag fährt durch die müden Weltenuhren;
die Mitternacht hält magisch alle Zeiger fest.
 
Mein Engel singt mir Nachtwindmelodien.
Gott streut ein lichtes Ahnen in die Zeit.
Die Wesen aus den Schattenreichen fliehen
vorbei wie trüber Nebelhauch…so weit.   
 
Der Schlaf, der gnädige, ist mitgegangen.
Gedanken treiben wie das Wasser an den Strand.
Sie kommen und sie gehen; Traum verhangen
zieh ich mit ihnen ins verklärte Niemandsland.
 
Dort liegt mein Tränensee und auf dem Grunde
verlorne Träume, dicht an dicht, wie Stein an Stein.
Ich treib hinab, versink in sonnenferner Stunde;
spinn’ neue Träume, losgelöst vom Sein.