Kleiner Rückblick – Blindheit

Fortsetzung Teil 42

Mein Alleinsein füllte ich mit Arbeit und Tränen. Die große Wohnung war mir nicht dienlich. Dort fühlte ich mich noch verlorener. Fast verbissen schrieb ich meinen Roman „Jenseits des Schleiers“ zu Ende, in dem ich meinen verletzten Gefühlen Ausdruck verleihen konnte.

Seitdem mein Vater zu seiner Freundin in den Duisburger Süden gezogen war und mein Elternhaus von fremden Menschen bewohnt wurde, hatten wir mäßigen Kontakt. Der beschränkte sich auf ein Mittwochstreffen zum Kaffeetrinken, zu dem ich nach Feierabend quer durch die Stadt fuhr, was meiner künftigen Stiefmutter gar nicht passte. Sobald ich ihre Wohnung betrat und in ihr abweisendes Gesicht sah, wusste ich, dass ich nicht willkommen war. Mein Vater schien hingegen Freude daran zu haben, dass ich ihn besuchte, im Gegensatz zu früher.

Bereits Anfang 2008 hatte mein ältester Sohn G. meinen Vater beim Straßenverkehrsamt angezeigt, quasi als Rache für das nicht erhaltene Haus. Angegeben hatte er, dass mein Vater trotz Makulardegeneration fast blind Auto fuhr. Daraufhin wurde dessen Führerschein eingezogen. Nun stand er da, mit seiner relativ neuwertigen Mercedes-Limousine, mit der er nicht mehr fahren durfte.

Mein Vater und seine Lebensgefährtin hatten ein gemeinsames Hobby: das Tanzen. Dazu waren sie bisher sonntags an die holländische Grenze nach Herongen gefahren, was nun nicht mehr möglich war.

Kurz entschlossen wurde ich dazu verdonnert, diese Fahrten zu übernehmen. Das bedeutete, dass ich überhaupt keine Freizeit mehr hatte. Mittags in den Duisburger Süden, dann nach Herongen, zwischendurch nach Hause und wieder zurück, dann erst nach Huckingen und schließlich abends nach Hause. Jeden Sonntag 250 Kilometer!

Von ‚Madame‘ wurde ich behandelt wie eine Dienstmagd. Kein „Guten Tag“, kein „Auf Wiedersehen“. Während der Fahrt saß sie neben mir und redete kein Wort, auch nicht, wenn ich sie ansprach. Das tat meinem desolaten Gemütszustand nicht gut. Wieder fühlte ich mich minderwertig und benutzt, wollte aber nichts dagegen tun, weil ich meinem alten Vater das Tanzen gönnte. Es sollte ihm gut gehen. Lieber weinte ich im Stillen und bedauerte mich im Selbstmitleid.

Der einzige Lichtblick waren meine drei Katzen, die geduldig zu Hause auf mich warteten. Sie waren lebendig, immer gut gelaunt und mir zugewandt. Wie Engelchen, kleine, gute Energien, die mir Freude machten, wenn ich in ihre niedlichen Gesichter schaute.

Als ich den Wagen meines Vater fuhr, den K. ‚Protzauto‘ genannt hatte, hatte mein Sohn Patrick den verbeulten Micra bekommen. Damit konnte er mich samstags besuchen und die Katzen. Patrick liebte die Katzen und besonders seinen „Wichtel“.

Suse, Wichtel und Dibo waren ein ‚Rudel‘. Als meine Nachbarn in Urlaub waren, folgten sie mir in den Keller und dann hinaus in den Garten. Das war ihnen nicht geheuer, denn sie kannten nur die Wohnung. Ein Abenteuer! Dann entdeckte Wichtel eine Feldmaus, und sie rannte im ‚Tiefflug‘ die Mauer entlang, zurück in den Keller, wo sie mit weit aufgerissenen Augen auf uns wartete. Damit endete unser Familienausflug und keine Katze wollte mehr nach draußen. Wenn ich am Wochenende die Außentreppe putzen musste, hockte Wichtel stets auf der oberen Stufe, wartete, bis ich fertig war und lief dann artig mit mir in die Wohnung zurück.

Patrick und Wichtel

Das Ende des Jahres nahte und die mulmigen Gedanken nahmen zu. Im Geiste sah ich K. mit seiner Familie feiern, denn ich konnte nicht vergessen.

Als der 24. Dezember 2008 auf einen Mittwoch fiel, fuhr ich wie gewöhnlich nachmittags nach Huckingen, um meinen Vater zu besuchen. Ich hatte für ihn und für seine Frau bunte Weihnachtsteller vorbereitet, voll mit Nüssen und Süßigkeiten. Mein Vater bekam zusätzlich einen CD-Player und Hörbuch-CDs, womit er aber überhaupt nicht zurechtkam. Er fragte mich mürrisch, was das sollte. Später erfuhr ich, dass mein Geschenk an den Stiefsohn weitergegeben worden war.

Die Freundin meines Vaters nahm zwar meine Geschenke zur Kenntnis, war aber ziemlich ungehalten.
„Wieso kommst Du heute?“, fragte sie mich. „Heute ist doch Heiligabend!“

An diesem Tag gab es kein Kaffeetrinken, und ich fuhr tief getroffen nach Hause zurück, wo glücklicherweise Patrick zu Besuch kam und mir einen riesigen Engel schenkte.

Wir waren zwar alleine, aber zufrieden.
Ich kochte Patricks Lieblingsweihnachtsessen: Pute mit Kastanien, Klöße und Rotkohl…wie noch weitere zehn Jahre.

Dann kam das trostlose Silvester-Feuerwerk, bei dem ich alleine am Fenster stand und auf die feiernde Welt schaute. Ein neues Jahr begann. Konnte es besser werden?

Kleiner Rückblick – Verlust des Herzkönigs

Fortsetzung Teil 41

George Goodwin Kilburne , (1839 – 1924)

Das war der Anfang vom Ende! Mir war die Gegenwart eines geliebten Menschen tausend Mal mehr wert als ein Foto. Er brauchte meine Gegenwart nicht. Er brauchte lediglich meine Energie zur Stärkung seiner Lebenskraft. Ich kreiste ja in Gedanken immer um ihn herum. Meine Kraft nahm ab, seine zu. Seitdem ich in ihn verliebt war, fühlte ich mich minderwertig, zweite Wahl. Meine Fotos waren lediglich seine Onaniervorlage.

Mehr als 3.000 Euro hatte ich aus purer Verzweiflung für Kartenlegerinnen und sogenannte Hellseherinnen ausgegeben. Obwohl er davon wusste, tat er nichts, außer es mir schön zu reden. An jeden Strohhalm klammerte ich mich. Ich war emotional abhängig von ihm und beherrscht von meinen Zukunftsängsten.

Bei einem weiteren Treffen war es zum Eklat gekommen. Es war wie immer schön mit ihm gewesen, doch dann kam der Moment, wo er aus dieser Harmonie heraus auf die Uhr schaute, wortlos aufstand und zum Duschen ging. Fertig zum Gehen kam er ins Wohnzimmer zurück. Ein Mal duschen und die Sache war vergessen – meine Zweckbestimmung war erfüllt!

Da K. ein französisches Abitur hatte, sprach er kein Englisch. Als ein Amerikaner die Firma übernahm, wurde Englisch vorausgesetzt. Im Jahr 2000 bekam ich von einer Privatlehrerin, die vom Arbeitgeber finanziert wurde, Englisch-Unterricht in einer kleinen Gruppe von vier Personen. 2002 hatte ich bei der IHK eine Prüfung abgelegt, um notfalls in ganz Europa arbeiten zu können. Deshalb hatte ich K. meine Englischvokabel herausgesucht, die er für seine neue Arbeit brauchen konnte und verlängerte dadurch seine Anwesenheitszeit bei mir um zehn Minuten. Er war ungehalten. Die Vokabel wollte er nicht haben.

Sofort merkte ich, dass er unruhig wurde, und als ich ihn fragte, ob dies zu riskant sei, und er es bejahte, bin ich in Tränen ausgebrochen. Er hatte mir damit nur zu deutlich gezeigt, wo er stand: bei seiner Familie. Ich war NUR das Risiko, nicht etwa die große Liebe, für die man etwas riskierte.

K. gehört zu den Menschen, die am Telefon lächeln können. Wenn ich seine Stimme hörte, versank ich in ihr. Das verband mich sofort mit ihm. Er hat das nie verstehen können, weil ihm die Gespräche mit mir offenbar nichts bedeuteten. Er hasste es anscheinend, mit mir zu telefonieren. Ich versuchte ihn noch einmal anzurufen, doch er lehnte es ab, mit mir zu sprechen.

„Ich bin im Moment voller Wut und Ärger. Alles ist schlecht! Nach dem Essen hat sich mein neuer Chef aufgedrängt, weil er sich unbedingt noch heute mit mir treffen will. Ich bin in allerschlechtester Stimmung. Das kann nicht gut werden! Ich will auch nicht telefonieren. Ich will nur noch Ruhe und Frieden.“

Das war Anfang September 2008. Ein Mal kam er zu einem Gespräch in das Büro meines Chefs, weil er dort eine Besprechung hatte. Ein kurzes „Hallo“, ein paar verlegene Blicke – nicht mehr. Ich war äußerlich gefasst, aber innerlich total aufgewühlt und wund. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber ich lächelte tapfer und trug den Schmerz mit nach Hause. Danach schickte ich K. noch eine kurze Email ins Büro und fragte ihn, ob wir nur noch Kollegen wären. Ich bekam darauf keine Antwort. Das schnitt mir messerscharf ins Herz. Hatte ich solch eine Behandlung verdient? K. hatte die Türe einfach zugemacht! Da stand kein Spalt mehr offen, wie er einmal geschrieben hatte. Lange fragte ich mich warum.

„Ich will vorläufig keinen Kontakt!“, hatte er mir geschrieben, und es hatte wie der Befehl „Lass mich in Ruhe!“, geklungen.

Er tat mir so weh damit. Drei Jahre später war ich immer noch untröstlich. Ob ich frei bin von ihm? Im Tagesbewusstsein ja, obwohl ich ihn immer lieben werde. Er war etwas ganz Besonderes für mich…ein besonderer Mensch, von einer ausgestorbenen Art. Aber er hat auch besondere Ecken und Kanten, die, wenn man sich daran stößt, sehr verletzend sein können.

Ganz am Anfang hatte er geschrieben, dass meine Ängste das wundervolle Gefühl, das uns verband, zerstören würden. Waren es nicht SEINE Ängste, die unserer Liebe keinen Raum boten? K. habe ich für immer verloren. Er forderte von mir, in Ruhe gelassen zu werden, damit er seinen Frieden wiederfindet. Wenn ich auf dem Friedhof liege, werde ich Ruhe und Frieden genug haben. Leben ist immer auch Risiko…weitergehen…ausprobieren. Er wollte seine Familie nicht verlieren. Mich zu opfern war leicht.

Mittlerweile verstehe ich, warum er das tat. Wenn ich auch sein wortloses Fallenlassen niemals verstehen werde. Jemanden ohne Erklärung, ohne Abschied abzuservieren, halte ich für verwerflich. K. musste sein altes Büro räumen, von dem aus er gehen konnte, wann er wollte. Dort war er sein eigener Herr. Dann wurde er in die Hauptverwaltung versetzt und war somit unter ständiger Kontrolle. Es wäre nicht mehr möglich gewesen, zu mir zu kommen. Nach Feierabend wollte er die Freizeit mit seiner Familie verbringen…und seine Frau belügen, lag ihm fern.

Ich habe sein bequemes Hamsterrad zum Eiern gebracht. Er hatte Angst, dort herauskatapultiert zu werden. Er hatte einmal die Behauptung aufgestellt, dass Frauen eine viel größere materielle Einstellung hätten als Männer. Liebe ist kein Besitz, sondern ein Geschenk! Ich wollte ihn nie besitzen. Ich hatte gehofft, dass er sich mir schenkt, genauso, wie ich mich ihm schenken wollte.

Er hatte Angst vor finanziellen Verlusten und davor, gesellschaftliches Ansehen zu verlieren, wenn er sich für ein Leben mit mir entschieden hätte. Das wollte er nie.
Heute verstehe ich ihn…damals wollte ich das nicht.

Ich weiß nun, es wird kein Haus mit hellen Räumen für K. und mich geben. Er wird niemals für mich da sein…schon gar nicht, bevor seine Kinder erwachsen sind…in acht bis zehn Jahren vielleicht, und dann wird er seine „kranke, arme, ohne ihn lebensunfähige Frau“ auch nicht mehr verlassen wollen. Er hatte sie zur Unselbstständigkeit erzogen und nun war sie abhängig von ihm. Mit ihm zusammen leben war meinerseits eine Illusion. Wenn man gehen will, geht man gleich oder nie. Er nannte das eine romantische Kurzschlussreaktion, und K. liebte seine Frau auch und vor allem seine Kinder.

Eine der vielen medialen Frauen hatte mir gesagt, es sei eine karmische Verbindung, die gelebt werden MUSS, damit sich das Negative endlich auflösen kann. Sie meinte, ich sei in einem meiner Vorleben schon einmal mit K. zusammen gewesen. Wir hätten uns sehr geliebt, dann wäre er jedoch die Ehe mit einer anderen Frau eingegangen, weil er durch sie seine „Aufgabe“ besser erfüllen konnte. K. sah seine jetzige Aufgabe in der Erziehung der Kinder.

Diskus von Chinkultic – Maya-Kalender

Lt. Maya-Kalender ist er mein Lehrer, wenn ich die Geburtsdaten vergleiche. Das kommt der Wahrheit sicher nahe, denn ich habe viel gelernt aus dieser schmerzhaften Geschichte. Man sollte niemals Liebe mit Leidenschaft verwechseln; am Besitz anderer kann man sich gewaltig die Finger verbrennen; Hände weg von verheirateten Männern; man muss lernen, sich selbst zu lieben, um solchen Verlockungen zu widerstehen.

Vielleicht war K. ja doch Lermontow gewesen, der Offizier in roter Uniform, den ich in Weimar gesehen hatte?

2009 steckte ich in einem dunklen Tunnel ohne Licht, das Ende nicht absehbar. Damals hatte ich oft keine Kraft mehr, um weiterzugehen. Dann hielt ich inne und lauschte: Da ist niemand auf der Welt, der meinen Namen ruft, niemand, der mich vermisst, niemand, der mich liebt. Wird jemand am Ausgang stehen, wenn die Nacht zu Ende ist?

Bild: Bernhard Brügging

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Ewig grüßt das Murmeltier

Fortsetzung Teil 40

„Mein Liebes! Hast Du den Unterschied bemerkt? Damals, vor zwei Jahren kamst Du aus dem Urlaub zurück und hast ein volles Postfach vorgefunden. Ich hatte Dir damals so eine Art Tagebuch geschrieben…und vom „Jahrhundertgefühl“, das ich für Dich empfand.
Gestern war Dein Postfach leer. Ich hatte nichts zu sagen, weil ich leer bin…genauso wie Dein Postfach…“

So fühlte es sich tatsächlich an. Ich hatte ihm nicht viel zu sagen, bis auf die vielen Wiederholungen, die mir selbst zum Hals heraus hingen. Es würde immer so weitergehen: Feste mit der Familie, einsames Warten und nicht zuletzt der nächste Familienurlaub.

Wie immer beschwichtigte K. alles:
„Mein Liebes, natürlich habe ich bemerkt, dass Du nichts geschrieben hattest. Aber das ist kein MUSS! Du MUSST mir nicht schreiben und Du MUSST mir keine Beweise Deiner Liebe schenken.
Ich WEISS, dass wir verbunden sind und das genügt mir!
Ich bin kein Mann, der Dich nur für eine ‚einzige Sache‘ (wie Du es genannt hast) braucht. Ich brauche keine Äußerlichkeiten, keine Geschenke und keine regelmäßigen Bestätigungen unserer Verbundenheit. Ich WEISS, dass wir verbunden sind. Ist Dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass ich noch nie (noch nie!) diese ‚einzige Sache‘ von Dir als Bestätigung unserer Verbindung gefordert habe? Ich brauche keine Bestätigungen dieser Art – weder als Mann noch als Mensch.
Du schreibst, dass uns nichts verbindet! NICHTS? NUR das Gefühl? Ist das für Dich NICHTS? Ich weiß, dass Du mir Deine ganze Liebe und Dein ganzes Vertrauen schenkst. DAS genügt mir! Ich brauche dafür keine Beweise oder Bestätigungen. Ich habe Dir meine Seele genau so offen und frei vor Dir ausgebreitet, wie Du Deine vor mir. Es irritiert mich immer, wenn Du sagst, dass Du nicht weißt, was gerade in meinem Kopf vorgeht und was ich denke. Ich müsste für Dich eigentlich offen wie ein Buch sein, in dem Du jederzeit lesen kannst. Aber Du hast Recht: das Gefühl verbindet uns! Und das ist gut so! Ich küsse Dich! Dein K.“


K., der Mann der Ausrufezeichen! War das alles nur so dahingesagt? Ich wollte das nicht glauben, obwohl ich einsah, dass das nur Worte waren, keine Taten.
Es genügte mir nicht, NUR zu wissen, dass wir verbunden sind. Ich muss es auch fühlen, durch Gesten, Berührungen, geistige und körperliche. Ständiges Getrenntsein löst die Verbundenheit auf. Wenn er glaubte, dass ich in den Tagen ohne ihn Sehnsucht nach Sex mit ihm hatte, dann irrte er sich. DAS ist mir völlig egal! Es sind die kleinen, wichtigen Dinge, die mir fehlten: Blicke, Gesten, Berührungen, seine Stimme, seine Anwesenheit. Es geht nicht ohne. Aber seine Anwesenheit genoss schon seine Frau. Ein Zeichen, dass er sich ihr viel mehr verbunden fühlte, als mir. Meine Gegenwart brauchte er nicht.
Es gab nur EINEN einzigen Weg aus dem Teufelskreis: Die endgültige Trennung!
Ich war so müde, und es schien so aussichtslos zu sein.
In jedem Brief spürte ich das nahende Ende, den ewig langen Weg ins Nichts, den jedes Wort von uns pflasterte.

„Mein Liebes, sei nicht traurig! Ich verstehe Dich! Ja, ich verstehe Dich! Du schreibst: „Je schöner es ist mit Dir, umso trauriger macht mich das.“ Das ist kein Paradoxon! Es ist nur dann paradox, wenn man Vergleiche zieht: Du schreibst: „Auf der einen Seite steht die ganz große Liebe, die besondere Nähe, die Geborgenheit und das Vertrauen. Auf der anderen Seite steht Dein familiäres Glück, die daraus resultierende unüberbrückbare Ferne, die gestohlene Zeit, die leeren Abende, Wochenenden etc.“. Ich weiß, dass es nicht zu Dir passt, das voneinander trennen zu können. Für Dich ist es eine (!) Erfahrung, die nicht voneinander zu trennen ist: Gutes und Schlechtes immer zur gleichen Zeit. Dadurch wird es für Dich zu einem Paradoxon. Aber es ist ein zeitliches Paradoxon und kein inhaltliches! Zur gleichen Zeit, in der Du Glück empfindest, empfindest Du auch Trauer und Sehnsucht nach dem noch fehlenden Glück, nach gemeinsamen – öffentlichen – Spaziergängen, nach unbegrenzter Zeit der gemeinsamen Nähe, nach Ruhe, nach häuslichem Glück und vor allem … nach Zuhause. Das verstehe ich sehr gut!
Aber deshalb ist ein gemeinsamer Spaziergang durch die Rheinauen oder sonst wohin doch kein ‚Almosen‘. Es ist ein zusätzlicher Moment des Glücks und der Freude – für mich, aber ganz bestimmt auch für Dich, oder? Das hat nichts mit Almosen zu tun. Almosen sind Dinge, die man an jemanden weggibt, die man nicht mehr braucht und die für einen selber keine Bedeutung oder Wichtigkeit mehr haben. Für mich sind die Spaziergänge mit Dir wichtig! Ich küsse Deine Lippen und streichle Dein Haar! Dein K.“


Von mir, Klappe, die 100ste:

„Merkst Du nicht, was Du mit mir machst? Du lebst Dein Leben weiter, als würde ich gar nicht existieren!
Wie kannst Du das tun, wenn Du mich liebst? Wie ist das möglich?
Du musst Deine Frau doch noch immer sehr lieben, wenn Dir das Risiko, mich zu verlieren, weniger Kopfzerbrechen machst, als das Risiko, sie zu verlieren, was Du ja unter allen Umständen vermeiden willst.
Wenn Du sie immer noch liebst, ist es besser, wenn wir uns trennen! Ich warte nicht jahrelang auf einen Mann, der eine andere Frau liebt.“

„Ach Liebes, das kann doch nicht wahr sein! Wieso eskaliert es immer so oder so oft? Ich verstehe das nicht! Ich will Dich nicht verlieren. Dein K.“

„Wieso? Weil mir gestern dieses Wahnsinnsgefühl zwischen uns wieder einmal klar gemacht hat, dass ich den Spagat zwischen Liebe und Verzicht nicht schaffe, weil er mich auseinander reißt! Weil Du mir immer wieder zeigst, dass ich Dir im Grunde gar nicht wichtig bin! Du willst Deine Familie nicht verlieren…und Du willst mich nicht verlieren. Wann wirst Du endlich zu dieser Liebe stehen? Du weißt immer noch nicht, was Du willst.
Wenn ich Dich verliere geht für mich die Welt unter! Aber wie kann ich Dich verlieren, wenn Du weiterhin zu ihr gehören willst?“

„Mein Liebes, ja! Es ist ein Wahnsinnsgefühl zwischen uns! Gerade deshalb dürfen wir uns nicht verlieren! Die Welt wird dann zwar nicht ‚untergehen‘, aber sie würde leer und kalt sein. Das darf nicht passieren! Dein K.“

„Liebes, so weit darf es nicht kommen! Wir dürfen uns nicht verlieren! Für mich würde das Leben ganz bestimmt nicht weitergehen wie bisher, wenn Du weg wärst! Ich hätte mich nach den fünf Monaten ganz bestimmt wieder gemeldet. Vielleicht etwas später nachdem Du Dich gemeldet hattest, aber ich hätte es ganz bestimmt getan. Ich würde auch verrückt werden! Schlafe gut und tausend Küsse für Dich ! Ich brauche Dich! Dein K.“

Großes Theater! Unsere Rollen waren längst bühnenreif.

Ende August hatte ich diesen Traum:

Piet Mondrian (1872-1944)

…“In einem weiteren Traumabschnitt befand ich mich mit einer männlichen Person, die ich nicht erkennen konnte, in irgendeinem Wald. Wie immer wollte ich schnell nach Hause, fand aber den Weg nicht. Es ging steil bergauf, bis auf einmal links ein seltsames Haus erschien, vor dem wir Halt machten. Draußen an der Hauswand waren Gipsköpfe befestigt, die aussahen wie Totenmasken. Mit einem Mal waren ganz viele Leute um uns herum, aus Touristenbussen. Wir fragten, ob wir ins Haus gehen dürften, um uns alles anzusehen, aber der Mann am Eingang wollte niemanden hineinlassen. Dann machte er doch eine Ausnahme, und ich ging hinein, durch viele Räume hindurch, die voller eigenartiger Männer waren. Alle waren beschäftigt. Es war wie in einer Werkstatt. Dann sah ich an einer Wand, zwischen ca. zwanzig anderen Männern, meinen Ex-Mann stehen und meinen ältesten Sohn. Beide nahmen keine Notiz von mir. Es waren überhaupt keine Frauen dort. Ich weiß nur noch, dass ich immer weiter gelaufen bin, von Raum zu Raum. Dann bin ich aufgewacht.“

Anscheinend war es ein Fehler gewesen, K. von meinem Traum zu schreiben. (?) Danach wurde mir klar, wie falsch es gewesen war, ihm von meiner Vergangenheit zu erzählen.

Seine Traumdeutung war mir nicht gerade angenehm:

„Der zweite Traumabschnitt ist eigentlich klar: das Haus mit den zwanzig Männern ist die Verkörperung Deiner bisherigen sexuellen Beziehungen zu anderen Männern. Du irrst herum und findest nicht den Richtigen. Du bist an keinem dieser Männer wirklich interessiert und suchst immer weiter, bis Du aufwachst, obwohl ich doch schon vorher mit Dir im Wald war und Du mich nicht erkannt hast. Wir sind zusammen zu diesem Haus gegangen, damit Du erkennst, dass in diesem Haus niemand ist, der Dich interessiert und der sich wirklich für Dich interessiert. Wenn Dir das bewusst geworden wäre, bevor Du aufgewacht bist, hättest Du mich bestimmt erkannt. Ich war Dein Begleiter, der Dich im Wald beschützt und Dir den Weg zu diesem Haus gezeigt hat, damit Du erkennst, dass ich für Dich da bin, und dass alle anderen Männer nur Deinen Körper und ihre eigene sexuelle Befriedigung gesucht haben. Und die vielen ‚Touristen‘, die in Dein ’sexuelles Haus‘, in Deinen Körper, hineindrängten, ob-wohl Du das nicht wolltest, wollten Dich nur kurz zu besuchen, um ihren Spaß an Dir zu haben und Dich zu benutzen. Verzeih mir bitte, aber das waren meine ganz spontanen Gedanken zu diesem Traum. Dein Gefühl, in diesem Haus in einer Werkstatt gewesen zu sein, beschreibt das ‚Mechanische‘ in diesen sexuellen Beziehungen sehr gut. Deshalb waren auch keine Frauen dort in diesem Haus.“

Ich musste ihm teilweise Recht geben: Man hätte es so sehen können. K. gab mir einerseits das Gefühl, dass ich ihm nicht gleichgültig bin, andererseits trafen die „kurzen Besuche“ doch auch auf ihn zu.

„Mein Liebes, ich weiß, dass meine Traumdeutung sehr hart und grausam war. Ich wollte sie auch zunächst wieder löschen, aber dann habe ich es doch nicht getan, weil es das war, was ich ganz spontan beim Lesen dabei empfunden habe. Für mich war das dann in diesem Moment die Wahrheit. Ob das die ‚wirkliche‘ Wahrheit ist, kann ich nicht sagen, aber Du bist es wert ganz offen und ehrlich zu Dir zu sein. Auch wenn es manchmal sehr weh tut. Ich achte und respektiere Dich!
Du bist so viel mehr als eine Frau, die nur aus einem ’sexuellen Haus‘ besteht. Du hast ganz, ganz viele Häuser in Dir mit ganz, ganz vielen Räumen, von denen Du selbst viele wahrscheinlich überhaupt noch nicht kennst. Ich werde Dich beim Entdecken dieser Räume und Häuser begleiten. Dein K.“

Ich war es wert, dass er ganz offen und ehrlich zu mir war? Seine Frau dann wohl anscheinend nicht! SIE genoss seinen völligen Schutz, weil er sich selbst damit am meisten beschützte.

K. wollte mit mir zusammen diese anderen Räume und Häuser entdecken. Das machte mich zwar stutzig, aber beflügelte meine Laune umso mehr. Seine Worte wirbelten mir durch den Kopf:

„Meine höchstpersönliche Hausmaus im neuen Haus mit den vielen, schönen und hellen Räumen? MEINE alleinige, superliebe, sanfte, zärtliche, durch nichts und niemanden ersetzbare, schlaue, knuddelige, schmusige, hübsche, sensible HAUSmaus!!!? MEINE? Irgendwann?
Nie wieder andere Männer, die mich nur auf meine Geschlechtsteile reduzieren!? (?) Nur noch Dich und ein kuscheliges Zuhause ganz für uns…wo die Welt draußen bleibt…und unsere Liebe, die wir nie mehr loslassen werden?! Keine einsamen Wochenenden mehr, sondern Kuchen mit Sahne und Küsse von Dir, gemeinsame Spaziergänge und gemeinsames Fernsehen, wobei ich Dich nicht loslassen werde. Selbst die lästigen Einkäufe wären schön, wenn Du dabei wärst. MEINE HAUSMAUS! Jetzt würde ich Dich gerne knuddeln und ganz festhalten! Deine Mieze.“

Außerdem hatte ich ihm die Aktfotos geschickt, die er schon immer von mir haben wollte. Das brachte ihn vollkommen aus dem Häuschen:

Károly Brocky (1807–1855) – Schlafender Bacchant

„Ich wünsche meiner lieben Schönen einen wunderschönen guten Morgen mit viel strahlendem Sonnenschein!
Gestern war ein guter Tag! Ein sehr guter Tag! An diesem Tag hast Du endlich den Traum geträumt, den Du schon lange träumen solltest. Du hast endlich erkannt, dass Du Dich von Deinem alten sexuellen Haus mit den Werkstattmännern und den Touristen, die Dich besuchen, trennen musst, weil es leer und eigentlich ohne Bedeutung für Dich ist. Es ist Vergangenheit! Wenn Du bisher an Deinen Körper gedacht hast, hast Du immer daran gedacht wie schön Dein Körper in der Vergangenheit war („Ach ja, früher war ich doch viel dünner, früher hatte ich keine Falten im Gesicht usw.“). Dein sexuelles Selbstbewusstsein bezog sich meistens nur auf die Vergangenheit, weil Du Dich damals körperlich schöner gefunden hast. Du brauchtest die Werkstattmänner zu Deiner sexuellen Bestätigung. Du brauchtest sie, damit Du Dich selber und Deinen Körper lieben konntest, weil Du Dich nur dann für begehrenswert und wertvoll hieltst. Du hast Dich nur für wertvoll gehalten, wenn man Dich begehrt hat. Das ist jetzt vorbei! Du kannst jetzt dieses Haus verlassen und mit mir zusammen ein neues aufbauen.
Gestern war ein guter Tag! Ein sehr guter Tag! An diesem Tag hast Du Dich mir zum ersten Mal GANZ gegeben. Du hast zum ersten Mal erkannt, dass Du andere Männer nicht zur Bestätigung Deines sexuellen Wertes brauchst. Du hast Dich mir gezeigt wie Du bist: wunderschön und aufregend! Du hast nicht mehr daran gedacht, dass die Zeit ihre Spuren in unseren Gesichtern und Körpern hinterlässt, sondern daran, dass Du JETZT (!!!) schön bist. Das spürt man auf dem Foto, auch wenn Du noch etwas die linke Hand zusammendrückst, weil Du Dich nicht ganz wohl fühlst. Aber das ist egal! Du hast Dich mir GANZ gezeigt und gerne! Das ist das Wichtige! Du bist jetzt stolz und selbstsicher was Deinen schönen Körper betrifft! Du bist JETZT schön! Dafür brauche ich auch keine rosarote Brille, die alles in einem schöneren Licht erscheinen lässt. Ich sehe Dich viel besser als Du denkst und mein Blick auf Dich ist viel klarer als Du ihn bisher jemals hattest! Du bist aufregend und faszinierend! Das Schönste an Gestern war, dass Du das jetzt auch erkannt hast. Du brauchst keine sexuelle Bestätigung aus der Vergangenheit mehr in der Du zwar von ganz vielen Männern begehrt warst, die Dich aber nur wegen Deiner Jugendlichkeit und Verletzlichkeit besitzen wollten und nicht wegen Deiner Schönheit. Diese Schönheit Deines Körpers ist unabhängig vom Alter, und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich sie Dir gestern für Dich wieder bewusst machen durfte. Aber das hast Du selbst getan, weil Du keine Angst mehr hattest Dich mir GANZ zu zeigen. Du hast die Schönheit Deines Körpers wiederentdeckt! Damit meine ich nicht Deine innere Schönheit, sondern ganz bewusst die äußere, erotische Ausstrahlung Deines Körpers!
Ich bin sehr glücklich! Gestern war ein guter Tag! Dein K.“

Noch mehr Ausrufungszeichen! Ich konnte seine Euphorie über die Fotos überhaupt nicht verstehen und den Hinweis auf die „vielen Männer“ empfand ich als „voll daneben“.

„Aha, UNSER Haus wird also doch nur ein rein sexuelles Haus sein! So ein Haus brauche ich nicht! MEIN Fundament für unsere Verbindung ist sowieso die Treue. Das Haus würde zusammenbrechen, wenn DU dieses Fundament erschütterst, denn dann würde das Haus einstürzen oder grobe Risse erhalten. Es wird keine Gäste oder Besucher geben, solange ich auf das „Irgendwann“ hoffen kann. Es ist zwar für den Moment ein gutes Gefühl, von anderen Männern ‚gesehen‘ zu werden, aber da ihr Interesse nicht auf mein Innen gerichtet ist, sind mir solche Pseudo-Bewunderungen eher zuwider, als erwünscht.
MEINE Schönheit kommt – wenn überhaupt – von innen und nicht von außen. Wer sie nicht sieht, wird mich nicht lieben können. Wer mich nicht lieben kann, wird zukünftig auch nicht mehr als Gast geduldet werden! Deine G.“

Dann folgte ein weiterer Traum, der mich sehr mitnahm, denn er zeigte mir ein schreckliches Bild:
Ich stand alleine und schweigend in meiner Küche. Alles war still. Als ich zur Türe blickte, sah ich K. im Flur zur Haustüre hinausgehen, wie in Nebel hinein.
Dann vernahm ich eine Person neben mir, groß, ohne Gesicht, mit einer braunen Kutte bekleidet, die Kapuze über dem Kopf. Als er meine Hand umfasste, gruselte es mich. Dann bin ich erwacht.

Dieses Traumbild machte mir Angst, denn ich empfand plötzlich eine tiefe Einsamkeit. Da ahnte ich, dass das Ende der Affäre mit K. kurz bevor stand. Und so war es dann auch.


Kleiner Rückblick – Seelenbilder

Fortsetzung Teil 39

Postkarte: Liebe

Dann folgte dieser Brief:

„Liebes, ich will Dir doch nicht wehtun! Ich will einzig und alleine Ruhe und Frieden finden. Und ich will, dass Du die auch findest.

Was verlangst Du von mir? Du trennst Dich von mir, bedrohst, beleidigst und beschimpfst mich, beschreibst mich in den schlechtesten Tönen, bist froh, dass Du endlich frei von mir bist, und dann? Du hängst Dich an mich, willst Briefe von mir, liebe Worte und Zärtlichkeiten. Wie soll ich darauf reagieren? Soll ich Dich in Besitz nehmen und Dich ausnützen? Macht über Dich ausüben wie sie wahrscheinlich schon viele Männer vor mir über Dich ausgeübt haben? Willst Du das? Das ist nicht mein Weg. Ich will keine Sexsklavin unter mir haben. Das interessiert mich nicht. Ich respektiere, bewundere, liebe und achte Dich aus ganzem Herzen. Und gerade deshalb werde ich jetzt konsequent bleiben…für mich und für Dich!

Ich schicke Dir im Anhang mein Tagebuch/Traumtagebuch der letzten Tage und Wochen. Nimm nichts persönlich oder als Kränkung. Es sind nur meine innersten Gedanken und Gefühle der letzten Zeit. Sie sind eigentlich für mich, aber sie gehören natürlich auch Dir, weil sie fast nur Dich betreffen. Ich habe keine Kraft mehr. Ich will nicht mehr. Diese Wechselbäder durch die Du mich jagst, sind einfach zu viel für mich (für Dich sowieso!). Jetzt am Wochenende konnte ich zum allerersten Mal seit Wochen wieder ganz durchschlafen und mir geht es wieder einigermaßen gut. Ich brauche diese Ruhe …und Du auch! Und sage jetzt nicht wieder, dass wir uns verlieren, wenn wir uns nicht sehen. Das ist jetzt seit fast zwei Jahren ein ständiges Auf und Ab unserer Gefühle. Sicher ist dabei ist nur Eines: Wir sind verbunden! Wenn wir nicht verbunden wären, hätten wir schon längst aufgegeben.

Wenn Du aufgeben und wieder ganz frei sein willst, dann zerschlage meinen Traumstein oder schicke ihn mir wieder zurück. Du wirst dann sofort einen anderen Mann finden, der Dein Alleinsein beendet. Ich werde es dann nicht mehr sein. Das Gleiche gilt für mich: wenn Dein Druck für mich zu groß wird, werde ich Deinen Wunschstein ebenfalls zerstören oder Dir zurückschicken. Dann werden wir beide ganz frei …aber auch ganz alleine sein. Letzte Woche wollte ich Deinen Wunschstein zuerst mit dem Hammer zerschlagen, aber ich habe es nicht getan, obwohl mein ganzer Körper und mein Geist voller Wut und Aggression auf Dich waren.

Ich will jetzt Ruhe finden! Bitte akzeptiere das, wenn Du mich noch liebst. Ansonsten werde ich mich ENDGÜLTIG von Dir trennen. Bisher hattest DU Dich immer nur von mir getrennt. Ich habe diese Trennungen nie akzeptiert. Deshalb konnten wir immer wieder zusammenfinden (auch wenn Du dabei immer der ‚Initiator‘ warst … und das ist Dir bestimmt nicht leicht gefallen, weil Du ein sehr stolzer, aufrechter Mensch bist). Dein K.“

Sein Tagebuch:

13.04.08:
Sie ist nach München weggefahren. Habe Angst um sie wegen des Fahrens und Angst sie an einen anderen zu verlieren. Bitte sie Fotos von sich im Hotelzimmer zu machen. Will ihre Seele in ihrem Körper entdecken. Will sie besitzen. Schäme mich gleichzeitig dafür.

14.04.08:
Mit ihrem Termin ist alles gut gelaufen. Sie war bester Stimmung und ganz gelöst am Telefon, fast euphorisch. Keine Gefahr durch ‚andere‘. Das hätte ich gespürt trotz der Entfernung.

15.04.08:
Sie ist aus München zurück. Wir haben uns gesehen. Sie war sehr müde und irgendwie kalt zu mir. Sie hat mir keine Fotos von sich geschenkt, obwohl ich sie so sehr darum gebeten hatte. Ich darf ihre Seele also nicht mehr sehen – ganz wie im Traum von letzter Woche. Ich habe die ganzen schönen Fotos von ihr auf den Festplatten gelöscht. Ich bin so traurig.

21.04.08:
Trennung! Klare Aussage von ihr! Wie ein Befehl. Erbärmliche Beschimpfungen, Beleidigungen: feiger Duckmäuser, erbärmlicher, langweiliger Spießer, Geizhals, der kein Geld und Mühe für Geschenk opfert, kein Geld für Essen und ich passe nicht zu ihrer Freigiebigkeit, Geradlinigkeit etc. Wirft mir Betrug vor. Sie wirft mir Betrug vor! Alle dürfen das, aber nicht sie! Trennung wäre wie immer, wenn sie ein Gesicht im Traum erkannt habe. Droht anzurufen! Droht! DAS ist erbärmlich! DAS ist das Letzte!

ER konnte nicht mehr! (?) ER brauchte Ruhe und Frieden! (?) ER, ER, ER! Interessierte es ihn, dass es für mich ganz furchtbar ist, ohne ihn leben zu müssen!? Was hatte ich ihm Böses angetan, dass er so reagierte? Einzig und alleine die Drohung von mir war falsch gewesen, und es tat mir entsetzlich leid, weil Rachegelüste nicht zu meinen Eigenschaften zählen sollten. Immerhin hatte ich sie unter Kontrolle gehalten.

K. war überhaupt nicht konfliktfähig. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich mit ihm „normal“ auseinanderzusetzen. Nicht einmal ein „einfacher“ Streit war zwischen uns möglich, weil wir das nicht ausleben konnten. Sobald es Stress gab, zog er sich zurück und war unerreichbar für mich. Das machte mich wahnsinnig! Das war Folter!

Er hatte Angst gehabt, mich an einen anderen Mann zu verlieren, als ich mich in München mit Professor J. wegen Schiller getroffen hatte. Mir stand überhaupt nicht der Sinn nach anderen Männern! Sexsklavin? Was dachte er von mir?

Kalt sei ich zu ihm gewesen!? Noch NIE war ich das! Als ich nach Hause kam, war ich todmüde. Die Reise war sehr anstrengend gewesen. Nur weil ich wegen eines leeren Akkus keine Fotos von mir machen konnte, meinte er, er dürfe meine Seele nicht mehr sehen!? Er hatte daraufhin alle Fotos von mir gelöscht. Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, und ich nahm es ihm übel.

Er hatte mich zum wiederholten Male um Nacktfotos gebeten und reagierte sehr empfindlich darauf, weil ich sie ihm nicht geben konnte und wollte. Was sollte das? Ich verstand das nicht. Was wollte er noch von mir besitzen? Er besaß doch schon ALLES!
In diesem Moment kam es in mir hoch, und ich verlangte meinen Traumstein von ihm zurück, denn ich ahnte, dass meine Träume mit K. niemals in Erfüllung gehen würden. Er weigerte sich.

Lilith – John Collier (1850-1934)

„Liebes, Du willst Ruhe und Frieden finden, indem Du auf Abstand gehst…endgültig und konsequent, wie Du geschrieben hast!
Was habe ich von Dir verlangt? Nichts, außer einer Entscheidung! Ich hatte etwas von Dir erhofft, was Du mir nicht geben willst. Was hast DU von mir erwartet, als Du mir gesagt hast, dass Du weiter mit Deiner Frau zusammenleben willst? Hast Du erwartet, dass ich es hinnehmen kann…einfach so, als wäre diese Aussage bedeutungslos für mich!? Wenn Du gesagt hättest „im Moment“ muss ich noch mit ihr zusammenleben, wegen der Kinder. Aber nein, das hast Du nicht! Durch Deine Worte hast Du nicht nur meine Gefühle mit Füßen getreten, sondern mich dadurch natürlich auch zu einer minderwertigen Frau gemacht und meine Liebe gleich dazu.

Meine Anwesenheit spielt in Deinem Leben keine Rolle! Wie oft hast Du schon SO entschieden? Gegen mich! Jedes Mal habe ich mich dann zu trennen versucht. Aber ich liebe Dich doch! Schon in dem Moment, als ich Dir von Trennung geschrieben hatte, bin ich selbst daran verzweifelt! Wie könnte ich froh darüber sein, endlich frei von Dir zu werden? Es schien Dir ganz egal zu sein, wie liebevoll und wie zärtlich ich mit Dir umgehe…viel zärtlicher, als Deine Frau jemals mit Dir umgegangen ist. Trotzdem ist Deine Wahl wieder auf sie gefallen.

Als Du mir das am Telefon gesagt hattest, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich war außer mir…außerhalb der Normalität, und ich habe total über reagiert, als ich Dir drohte. Das tut mir sehr leid! Ich wollte Dir keine Angst machen. Ich hatte es voller Wut hingeschrieben, dann aber überlegt, wie weh es Dir tun würde, und es sofort wieder verworfen. Ich will Dir doch nicht schaden! Ich war wütend und enttäuscht. In dem Moment habe ich auch manch andere Dinge nur noch persönlich nehmen können und es als Dein persönliches Desinteresse an mir gesehen. Ich war total neben der Spur! Kannst Du das nicht verstehen und verzeihen? Es tut mir leid, aber es hatte einen Grund.

Du schreibst: „Du hängst Dich an mich, willst Briefe von mir, liebe Worte und Zärtlichkeiten. Wie soll ich darauf reagieren? Soll ich Dich in Besitz nehmen und Dich ausnützen? Macht über Dich ausüben wie sie wahrscheinlich schon viele Männer vor mir über Dich ausgeübt haben? Willst Du das? Das ist nicht mein Weg. Ich will keine Sexsklavin unter mir haben. Das interessiert mich nicht.“
Was hast Du denn sonst gemacht, vor diesem entsetzlichen Streit? Hast Du mich „in Besitz genommen und mich ausgenutzt“ oder hast Du mit mir geschlafen, weil Du mich liebst und mir nah sein wolltest…genau wie ich es von Dir wollte? Es gab doch immer liebe Worte und Zärtlichkeiten zwischen uns. Wieso wertest Du diese Worte jetzt so ab? Wieso schreibst Du hier von anderen Männern und Macht? Ich wollte nur lieb zu Dir sein! Immer wollte ich das! Nur lieb sein wollte ich, weil ich Dich liebe und dachte, Du seiest anders als andere Männer. Jetzt schreibst Du, dass ich mich „an Dich hänge“ und um Deine Liebe bettle, und Du schreibst es so, als sei es Dir lästig, und dass Du das ausnutzen könntest, wie die anderen und Du fragst, ob ich das wollte. Eine Sexsklavin? Hast Du mich so empfunden? Ich wollte Dir doch nur nah sein, weil ich Dich liebe. Warum ist das falsch? Das tut mir sehr weh!

Du willst Ruhe vor mir! Du willst mich und meine Liebe nicht mehr. Liebe ist immer Berg und Talfahrt. Immer! So extrem ist es doch nur, weil unsere Situation extrem ist.
Wir sind verbunden…aber warum und wozu dann noch, wenn kein Miteinander, kein Austausch mehr stattfinden darf? Du willst mich nicht mehr sehen und lieben? Unsere Verbundenheit soll „in den Schrank gestellt werden“ und ob sie irgendwann wieder herausgekramt wird, steht in den Sternen? Du schreibst „wenn Du aufgeben und wieder ganz frei sein willst“. Was soll ich aufgeben wollen? Unsere Liebe? Dich? Wenn ich Deinen Stein zerstöre oder ihn Dir zurückschicke, werde ich sofort einen anderen Mann finden, der mein Alleinsein beendet? Willst Du das? Würdest Du nicht lieber an seiner Stelle sein? DU bist MEIN Mann…meine Maus! Ich wünsche mir, dass DU mein Alleinsein beendest, ich will keinen anderen Mann. Das weißt Du ganz genau! DU BIST MEIN MANN, MEIN SEELENPARTNER! DU bist die Idealbesetzung für mein Leben, auch wenn wir beide ab und zu Achterbahn fahren müssen. Für mich gab es in den letzten zwei Jahren zwar auch ein Auf und Ab in den Gefühlen, aber niemals, NIEMALS habe ich Dich weniger geliebt! Die Liebe ist immer gleich geblieben…immer gleich groß. Meine Aggressionen gegen Dich beschränken sich auf höchstens eine halbe Stunde, in der ich Dampf ablasse und deshalb denke ich von Dir, dass Du genauso bist wie ich. Das ist ein Fehler, aber ich bin nicht nachtragend und vergesse Streit und Vorwürfe sofort wieder, weil die Liebe viel größer ist. Leider haben wir keine Möglichkeit, uns zu versöhnen…uns in die Augen zu schauen und die Liebe zu fühlen, die Du vergessen willst.

Ich werde Dir Deinen Stein nicht zurückschicken!

Du willst jetzt Ruhe finden. Ansonsten wirst Du Dich endgültig von mir trennen? Ist das auch eine Drohung? Das heißt, ich soll Dich in Ruhe lassen, Dir nicht mehr schreiben und schon gar nicht anrufen. Du verbannst mich aus Deinem Leben…willst nicht mehr teilhaben an meinem.

Es tut mir leid, ich werde keine Ruhe und keinen Frieden finden, ohne Dich und Deine Liebe, ohne Deine Zärtlichkeiten und Gefühle. Du bist mein Lebensinhalt, und ich werde wieder Millionen von Gedanken an Dich haben, die ich nicht mit Dir teilen darf. In der Einsamkeit kann man nur Ruhe und Frieden finden, wenn man niemanden im Herzen trägt. Ich trage Dich in meinem Herzen und es wird mir schwer sein!

Ich hatte Dich im Traum gesehen. Ich sagte Dir, dass ich Dich erst richtig im Traum sehen würde, wenn es mit uns vorbei wäre, sozusagen als Zeichen der Verarbeitung. Ich hatte fünf Monate Trennung zu verarbeiten. Wenn ein Mensch aus meinem Leben verschwindet, ist das auch im Traum so. Er verschwindet einfach! Du bist noch nie verschwunden.

Ich habe Deine Verlustangst gespürt, als ich in München war, dabei war sie völlig unbegründet. Wie Du weißt, bin ich sehr schamhaft was diese Art von Fotos betrifft, die Du haben wolltest, und ich war müde und mein Akku war leer. Alles sprach also gegen diese Aufnahmen. Trotzdem hatte ich Dir am nächsten Tag zwei gemacht. Du bist wirklich der einzige Mann, der mich besitzen durfte. Also war ich kein Besitz mehr, sondern ein Geschenk an Dich! Ich habe mich Dir gerne geschenkt.

Als ich von München heimkam, war ich sehr müde! Aber trotzdem wollte ich Dich unbedingt sehen, weil ich Dich vermisst hatte. Vielleicht hat meine Erschöpfung kalt auf Dich gewirkt? Das tut mir leid! Es war mein Wunsch, Dir nah zu sein. Ich hatte einfach nur in Deinem Arm liegen wollen. Ich muss auch nicht immer mit Dir schlafen. Eigentlich war ich viel zu müde dafür gewesen.

Du hast alle schönen Fotos von mir gelöscht? ALLE? Jetzt muss ich weinen! Die waren doch nur für Dich! Ich hatte sie Dir aus Liebe gemacht. Noch niemals hat ein Mann solche Bilder von mir bekommen! Es ist so, als hättest Du Deine Liebe zu mir gelöscht…mit allen Erinnerungen! WAS hast Du mir damit angetan? Du hast MICH und mein Andenken gelöscht aus Deinem Gedächtnis…aus Deinem Leben! Du hast damit meine Seele zerstört, denn Du wusstest ganz genau, dass in jedem Bild meine Seele steckt! Warum hast Du mir das angetan? ALLES hätte ich Dir geschenkt, sogar mein Leben! Du hast mich gelöscht! Das überlebe ich nicht! Das ist wie ein Stich ins Herz!
Vergiss mich und lösche mich aus Deinem Herzen und aus Deiner Seele. Du hast jetzt noch nicht einmal mehr ein Foto zum Anschauen von mir. Bald wirst Du Ruhe und Frieden vor mir finden, wo ich doch immer „Dein Engel“ war. Aber das scheinst Du vergessen zu haben.
Für das was ich nun in diesem Augenblick empfinde, habe ich keine Worte. Es frisst mich innerlich auf. Du hast meine Seele gelöscht! Deine G.“

Wieder ein ständiges Auf und Ab:

„Liebes, Dein Wunschstein und mein Traumstein sind nicht unbedeutend. Sie sind Symbole unserer Verbindung. Jeder hat den Stein des anderen und damit symbolisch die dessen Wünsche und Träume. Und die sind nicht unbedeutend. Für mich sind diese beiden Steine sehr wichtig!

Es ist nicht gut, dass Du die Originale der Bilder nicht aufbewahrt hast. Das ist sogar sehr schlecht! Aber wieso hast Du Dich auf diesen Bildern unwohl gefühlt? Sie sind doch sehr schön gewesen! Aber wenn Du Dich dabei unwohl gefühlt hast, dann waren sie auch nicht gut für Dich. Und ich dachte, dass Du mir auf diesen Fotos Deine Seele und Deinen Körper sehr gerne gezeigt hattest. Ich habe sie jedenfalls als sehr schön empfunden. Schade!

Ich habe nicht gesagt, dass ich Dich nicht wiedersehen will. Ich habe nur gesagt, dass ich im Moment keine Kraft mehr hätte. Die weibliche Seite der G. hat auf mich eine ungebrochen starke Anziehungskraft und ist so überaus lebendig – Du weißt gar nicht wie Du auf mich wirkst. Du bist wie das Licht einer Kerze, in das ich arme, kleine Motte immer wieder hineinfliegen will. Ich kann mich nur durch Schließen meiner Augen dagegen schützen. Gerade deshalb habe ich Deine Seelen-Bilder gelöscht und bedaure es doch sehr. Dein K.“

Wieder ging es bergab, und als der Sommer kam und K. mit seiner Familie nach Griechenland in Urlaub fuhr, war meine Gefühlswelt unter dem Nullpunkt angelangt. Es konnte so nicht funktionieren! Ich konnte mich an diesen unnatürlichen Zustand nicht gewöhnen und wollte es auch gar nicht. Nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, kriselte es immer mehr.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Selbst-Aufgabe

Fortsetzung Teil 38

Valentinstag

Es ist der 14. Februar 2009: Valentinstag! Für mich unbedeutend, wenn auch mit einer gewissen Symbolkraft behaftet. Der Tag steht für die Liebenden. So genannt nach dem heiligen Sankt Valentin, der im Jahre 269 enthauptet wurde und den Tod eines Märtyrers starb. Er gilt als Schutzpatron gegen die „fallenden Krankheiten“ Epilepsie und Ohnmacht.
Gegen die Ohnmacht im übertragenen Sinn könnte ich ihn als Schutzgeist sicher gut brauchen.

Nichts hat sich seit zweieinhalb Jahren verändert…und letztendlich doch alles. K. und ich, wir hatten uns damals nicht zum letzten Mal getrennt, waren später wieder zusammengekommen. Vier Mal, genauer gesagt, wobei die Trennungszeit jedes Mal größer wurde. Drei Mal trennte K. sich von mir, oder besser: er ging auf Distanz, ein Mal ging es von mir aus. Ein langer Prozess, in dem es für mich nie wirklich zu Ende war.
R. M., die Hellseherin aus der Vergangenheit, sie hatte recht behalten, als sie die Ringe gesehen hatte: Die Verbindung hält für immer. Für mich ist das wirklich so. Bei jedem neuen Mann kämen unweigerlich Vergleiche. Niemand könnte diesen standhalten.

Bereits im Januar 2007 ging K. wieder auf Abstand, den er brauchte, wie er sagte. Ich hatte „böse Dinge“ über seine Kinder geschrieben, weil mir das übertriebene Familiengetue zum Hals heraus hing. Alleine gegen das Wort „Familie“ habe ich mittlerweile eine richtige Abneigung entwickelt. Einerseits verurteilte ich seine übergroße Fürsorge, andererseits hätte ich alles dafür gegeben, diese Erfahrung mit ihm zusammen machen zu dürfen. Seine Kinder werde ich wohl niemals kennenlernen. Oft sehe ich seinen Sohn auf dem Fahrrad von der Schule nach Hause radeln.

Nachdem ich das erste von drei Tränen durchtränkten Weihnachtsfesten gefeiert und mir Silvester vorgestellt hatte, wie zukunftsoffen und traulich sich die Eheleute B. zugeprostet hatten, war mir bei so viel Scheinheiligkeit der Kragen geplatzt.

K. und ich, wir waren uns sehr ähnlich, aber ich verstand dieses ausschließliche Fixiertsein auf seine Kinder überhaupt nicht. Es gibt auch ein Leben ohne die Kinder. Für ihn gab es nur sie! Für mich steht die Partnerschaft an erster Stelle. Darüber ließ er natürlich nicht mit sich reden und spielte mir gegenüber den „zerbrochenen Krug“. Leer und nicht mehr in der Lage, irgendwelche Emotionen von mir aufzunehmen, wandte er sich recht theatralisch von mir ab…bis zum März 2007. Er hatte mir wie immer ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich fühlte mich schuldig an seinem „zerbrochenen“ Zustand, weil ich nicht die Oberflächlichkeit besaß, mit der Situation anders umzugehen.

Die Wiederannäherung war zunächst nur zögerlich vonstatten gegangen, endete aber in einer Reise nach Weimar, die wir vor Ostern gemeinsam unternahmen. K. hatte mich dazu eingeladen und betonte immer wieder, dass das wohl das erste Mal sei, dass mich ein Mann zu einer Reise einladen würde. Recht hatte er! War seine Großzügigkeit nur Machogehabe? Ich verstand ihn nicht. Seiner Frau bezahlte er doch auch ALLES. Er finanzierte seit fast zwanzig Jahren ihr ganzes Leben, inklusive Urlaube, während sie tagtäglich nur auf der Couch saß. Wenn sie etwas nicht tun wollte, war Diabetes ein vorzügliches Druckmittel, um ihren Mann für Arbeiten zu benutzen, die eigentlich ihr Part waren. Es schüttelte mich jedes Mal, wenn er mir schrieb, dass er am Wochenende Keller und Hausflur putzen müsse. Er fuhr zum Einkaufen, weil sie keinen Führerschein besitzt und kümmerte sich um die Kinder. Wenn er etwas mit ihnen unternahm, dann tat er es für gewöhnlich allein, weil seine Frau keine Lust dazu hatte. Er tat seine Pflicht (meinte er). Was tat sie? Sieht so eine glückliche Ehe…eine gut funktionierende Partnerschaft aus? Manchmal frage ich mich wirklich, wie naiv Männer sind!

Jedes Jahr um Ostern fuhr seine Frau mit den Kindern in ihre Heimat. 2007 tat sie das auch, und wir fuhren nach Weimar. Diese Tage waren wohl die schönste Zeit, die ich mit K. erleben durfte. Ein Hauch von Glück schwebte über all unseren Unternehmungen. Er bewunderte meine „schönen Kleider“, wie er sagte, die ich extra für ihn gekauft hatte und abends ausführte. Als wir in Höhe von Goethes Gartenhaus in den Ilmwiesen auf der Bank saßen, war es mir, als könnte ich mit ihm in eine andere Zeit entfliehen. Wir waren uns ganz nah, und ich schwebte auf „Wolke 7“.

Foto: Gisela Seidel – In Weimar

Aber leider geht alles Schöne irgendwann zu Ende. Der Absturz von meiner Wolke war vorprogrammiert. Wir fuhren heim und ein paar Tage später kam seine Familie aus Bulgarien zurück. Der Schalter „Gisela“ wurde wieder auf „Aus“ gestellt. Sein ‚Heiligtum‘ und seine kleinen Engel waren zurückgekehrt, und ich hatte in der Versenkung zu verschwinden.

Ich stürzte emotional in den Abgrund. Es tat so weh, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich fühlte mich so ohnmächtig und so minderwertig.
Immer wieder fragte ich mich, wieso K. in der Lage war, nach all den gemeinsamen Glücksmomenten wieder zu seiner Frau zurückgehen zu können, ohne, dass es ihm wehtat. Er ging direkt aus meiner Welt in ihre…ohne die geringsten Skrupel zu haben. Was er mir damit antat, war ihm durchaus bewusst – auch, wenn er es nie verstehen konnte.

Wenn ich ihn nicht verlieren wollte, musste ich damit leben. Seine Frau schien von alldem nichts zu ahnen. Sie fühlte sich in Sicherheit. Sie wusste doch, wie sehr ihr Mann an den Kindern hing und umgekehrt. Niemals würde er von dort weggehen! Zu alledem hatte sie gelernt, ihr Spiel „Alleine bin ich lebensunfähig“ perfekt zu spielen, und wenn er nicht so funktionierte, wie sie es sich vorstellte, wurde sie krank.

„Sie ist gut für mich!“, sagte er mir einmal und wusste anscheinend mal wieder nicht, was er mir damit sagte. Sie war doch nur gut für ihn, weil sie keine Erwartungen mehr an ihn stellte. Leere Waagschalen = Ruhe und Frieden, Ausgeglichenheit…und sie war eine gute Köchin, eine gute Hausfrau und Mutter. Was wollte er von mir? GAR NICHTS…vielleicht die Leidenschaft!? Er nahm alles mit, was ich ihm in Liebe zu geben bereit war. Ohne innerliche Verrenkungen spielte er Zuhause den zufriedenen Ehemann.

Nach emotionalem Kampf versuchte ich im Sommer 2007 die endgültige Trennung zu vollziehen. Es war ein schrecklicher Sommer! Jedes Wochenende, wenn K. mit seiner Familie draußen im Garten saß und wieder einmal grillte, saß ich zu Hause und weinte mir die Augen nach ihm aus. Im Geiste sah ich ihn im Kreise „seiner Lieben“ sitzen. Er genoss sein Leben auch ohne mich. Ich konnte das nicht! Ohne ihn war ich unglücklich. Er hatte Spaß mit seiner Frau und seinen Kindern, währenddessen mich die Sehnsucht von innen aushöhlte.

Dann machte ich Schluss, weil er mir am Telefon etwas von einer Einladung zur Hochzeit erzählt hatte, wo er mit seiner Frau hinfahren wollte. Daraufhin telefonierte er nicht mehr mit mir, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Es war die Hölle, denn damit nahm er mir eine für mich lebenswichtige Kontaktmöglichkeit. Das brachte das Fass zum Überlaufen!

Fünf Monate lang hielt ich die Trennung durch, doch ich konnte es nicht aushalten und abschließen. Traurigkeit und Verzweiflung waren jeden Tag bei mir zu Gast. Sie brachten mir Tränen, die niemand sah und die Erkenntnis, dass man Liebe nicht einfach loslassen kann.

Ein Mal in dieser Zeit sahen wir uns zufällig auf der Straße. Ich fuhr mit dem Auto an ihm vorbei. Unsere Blicke trafen sich nur kurz, doch ich spürte, dass die Liebe noch immer da war. Ich schrieb ihm einen langen Brief, und er antwortete…aber nur, weil ihn mein leerer Blick berührt hatte. Wenige Briefe später merkte ich, dass sich nichts geändert hatte. Er wollte weiter seinem Entschluss folgen und keinen Kontakt mit mir haben, weil er mir nur Unglück bringen würde, wie er meinte. Ich sollte mich von ihm frei machen, sagte er.

Im Januar 2008 schickte ich spontan und unüberlegt eine Email an K., weil ich im Internet etwas über Dualseelen gelesen hatte, das er auch lesen sollte. Schließlich führte mein Brief zu weiteren Briefen und letztendlich zu einer tätlichen Fortführung unserer Verbindung, mit allem was dazu gehörte.

„Guten Morgen, mein Liebes, wir verlieren uns nicht! Auch ich bin seelenlos und leer ohne Dich.
Immer wenn Du mir so schreibst wie gestern (der lange Brief von gestern Mittag und dieser Brief über den Kreislauf aus dem Du ausbrechen musst) zwingt mich das dazu logisch und verstandesmäßig darüber nachzudenken was ich tue, warum ich etwas tue und ob mein Handeln für Dich etwa sogar schädlich ist. Das war auch an Deinem schlimmsten Tag der Fall, als ich Dich in den fünf langen Monaten in Deinem Auto gesehen hatte und wir uns gerade wieder geschrieben hatten. Mein Gefühl sagt mir, dass es gut ist, Dich zu lieben und das Geschenk Deiner Liebe anzunehmen. Mein Verstand sagte mir, dass ich für Dich schädlich sei und dass diese Liebe für Dich wirklich wie ein Gefängnis ist, aus dem Du ausbrechen MUSST.

Die Bedingungen unter denen diese Liebe leben muss, ist für Dich ein Kreislauf (ein Gefängnis) aus dem Du ausbrechen musst, weil es Deinem Gefühl von Wahrheit und Offenheit widerspricht. Und diese Bedingungen sind durch MICH bestimmt. ICH bin es dann, der Dich in diesem Kreislauf gefangen hält. Nicht aktiv als Kerkermeister, der Dich irgendwo einsperrt und ab und zu etwas zu essen gibt, wohl aber als Ursache und Antrieb für Dein subjektives Gefangensein in einem Kreislauf (oder Deinem ‚Kerkerdasein‘ wie Du es damals genannt hast).

Ich wollte damals, dass Du Dich von mir befreist, dass Du wieder ganz in Deinem Gefühl von Wahrheit frei und unabhängig leben kannst. Unabhängig und frei von mir. Ich wollte, dass Du wieder frei atmen kannst und jede Antwort von mir, egal ob durch ein Wiedersehen oder durch Briefe, hätte Dein Ausbrechen aus Deinem Gefängnis behindert. Deshalb habe ich mich dafür entschuldigt, Dir geantwortet zu haben. Glaube mir, ich habe sehr unter Deiner Abwesenheit gelitten. Nicht mit Weinen und Schmerz aber mit Trauer, …einem unendlichen Meer von Trauer … und Sorge um Dich.

Ich habe NIE die Verbindung zu Dir unterbrochen, in keinem Moment der langen Zeit der Trennung. Mein ‚Unsichtbarmachen‘ sollte Dir helfen, Dich von mir befreien zu können. Es klingt paradox, aber das war das Zeichen meiner Liebe für Dich. Ich habe selbst am Allermeisten darunter gelitten… Mein Verstand sagt mir, dass eigentlich ICH in einem Kreislauf gefangen bin und nicht Du. Dein logischer Verstand (nicht Dein emotionaler Verstand!) müsste Dir eigentlich sagen, dass DU vollkommen frei und unabhängig bist. Du bist selbstständig, stark und unabhängig und brauchst keinen Mann an Deiner Seite, der Dich ernährt. Du bist hochintelligent. DU kannst mir Deine Liebe und Zuneigung schenken oder nicht. DU bist frei! DU kannst Deine Verbindung zu mir trennen und hast es auch in den fünf Monaten schon getan (wenn auch unter großen Schmerzen und Qualen, aber Du hattest es getan!). Ich kann das nicht – selbst wenn ich es wollte! Du bist viel freier als ich!

Immer wenn ich logisch und verstandesmäßig denke, komme ich immer wieder zum gleichen Schluss: ich muss Dich freigeben und die geistige und körperliche Verbindung zu Dir trennen, WEIL ich Dich liebe. ABER ES GEHT NICHT! Ich werde Dich nicht freigeben, WEIL ich Dich liebe! Ich kann meine Verbindung zu Dir nicht trennen! Dein K.“

Dieser Brief brachte es auf den Punkt! Ich weiß nicht, wie oft ich ihn bisher gelesen habe, aber es waren unzählige Male, und er beeindruckt mich jedes Mal wieder aufs Neue.

K. fühlte sich in einem Alltags-Kreislauf gefangen? Jeder Mensch ist frei in seinen eigenen Entscheidungen. Wenn man etwas wirklich will, gibt es kein Gefängnis…es sei denn, man säße tatsächlich hinter Gitter. Gefangen halten die Ängste, von denen man sich befreien kann, indem man wie der Narr im Tarot voller Gottvertrauen durch sie hindurch, mutig weitergeht. Dann ist man frei und geht voran! Alle anderen MÜSSEN dann folgen.

Da Ostern 2008 in den März fiel und sehr frostig war, blieben wir in meiner Wohnung, als seine Frau nach Bulgarien fuhr. Es war sehr eng zwischen uns. Er wich nicht von meiner Seite. Ich genoss unsere Gesten und Berührungen. Ich liebte ihn so sehr! Wir hatten viele Monate nachzuholen. Der Kurzurlaub ging schnell zu Ende. Danach: erneuter Absturz und Einsamkeit.

Als dann mein Geburtstag kam, gratulierte er mir in wenigen Worten per Email.

Ich hatte ihn gebeten, beim Tragen meiner neuen Couchgarnitur zu helfen, weil ich annahm, dass meine Freunde es nicht alleine schaffen würden, mir diese an meinem Geburtstag in die Wohnung zu bringen. Nicht freiwillig (was ich von einem Freund, der vorgibt mich zu lieben, erwartet hätte), sondern nach mehrfachem Bitten, hatte K. sich schließlich für den Notfall bereiterklärt, mir zu helfen. Mit einem solchen Verhalten hatte er mich schon einmal vor den Kopf gestoßen. Das war, als wir zusammen im Bett lagen und er ganz nebenbei bemerkte, dass meine Gardinenstange herunterhing und aussah, als würde sie jeden Moment aus der Wand reißen. Jeder andere Mann hätte sofort eine Leiter und Werkzeug geholt. Er nicht! Es war ja 17 Uhr und Zeit nach Hause zu gehen, wo seine Frau bereits darauf wartete, dass er ihr den Hintern nachtrug.

Das hatte mich empfindlich getroffen! Ich bin schon immer hilfsbereit gewesen und hätte einen Freund niemals „im Regen stehen lassen“. Und dann ausgerechnet an meinem Geburtstag. Ich war es so leid! Er wollte nichts für mich tun, und mit meinem Leben hatte er nichts am Hut. Ich war ja auch nicht seine Frau.

Ich machte meiner Enttäuschung Luft: „B. und St. bringen gegen Abend die zweite Couch und den Sessel. Vielleicht kommt M. zum Kaffeetrinken.

Warum lässt Du unsere Liebe sterben? Ich bin wütend über Deine Bequemlichkeit, über Dein Nichts-tun-wollen und Deine fehlende Eigeninitiative! Und ich bin noch wütender darüber, dass Du mich eiskalt im Regen stehen lässt, weil Du mir immer wieder die gleiche Antwort schuldig bleibst: die nach unserer gemeinsamen Zukunft.

Du lässt mich alleine – wie immer seit zwei Jahren! Ein In-den-Arm-nehmen in einem Brief ist ja auch einfacher zu bewerkstelligen, als es tatsächlich zu tun. Dafür brauchst Du Deine Wohnung nicht zu verlassen.
Kein Aufwand betreiben…es darf nichts kosten…den familiären Schein wahren. Nichts riskieren, kein Geld und schon gar nicht das bequeme Leben.
Ich habe einen traurigen Geburtstag! Mir steht nicht der Sinn nach feiern und fröhlich sein. Der Mensch, den ich liebe, liebt mich nicht. Ihm ist es offenbar gleichgültig, wie lange diese Verbindung noch bestehen bleibt. Wenn sie beendet würde, gibt es ja immer noch eine andere Frau…es ist ja auch egal, wer da im Bett liegt und mit am Tisch sitzt.“

Mein Chef hatte mir einen Strauß Rosen überreicht. Von K. hatte ich noch nie Blumen geschenkt bekommen…nicht mal zum Geburtstag. Er war kein Blumenschenker. Das hatte ich bereits während unserer gemeinsamen Woche bemerkt, als ich mir in einer Gärtnerei ein Topf-Blümchen gekauft hatte. Er hätte das niemals für mich bezahlt, um mir eine Freude zu machen. Schon damals hatte ich bemerkt, dass er generell NUR das tat, was in SEINEN Augen gut war. Ein Blumenstrauß war für ihn unnütze Geldverschwendung. So etwas schenkt er nicht, auch wenn ich mich darüber sehr gefreut hätte.

Wieder einmal fühlte K. sich zerstört und zog sich zurück. Es war wie immer: Anstatt sich mit dem Thema auseinander zu setzen, ging er in den Rückzug. Da, wo ich mir Aussprachen erhofft hatte, stieß ich auf Schweigen. Es war wie es immer war. Ändern würde er sich niemals.

Carl Spitzweg (1808-1885) – Postkutsche

„Mein Liebes, bitte lasse mich meinen Weg zum Frieden selber finden. Ich kenne mich wahrscheinlich besser als Du mich? Natürlich bin ich innerlich in einem totalen Umbruch und voller Unruhe und Unsicherheit. Aber das kann ich nur mit mir selber ausmachen und jeder Druck oder Einfluss von außen (damit bist nicht Du oder Deine Vorwürfe gemeint) bringt mich von meinem inneren Weg ab. Dieses Abweichen von diesem inneren Weg empfinde ich dann als seelischen Schmerz und zerstörerisch. Ich muss meinen richtigen Weg wieder finden. Und Du gehörst zu diesem Weg! Auch in Zukunft! Das spüre ich genau. Deshalb darf ich Dich auch nicht verlieren.

Erinnerst Du Dich an einen unserer ersten Briefe, als Du von den beiden Kutschen erzähltest, in denen wir beide reisten? Du wolltest immer zusammen in einer Kutsche zum gleichen Ziel reisen. Ich wollte immer in zwei Kutschen reisen, die den gleichen Weg nehmen und auch das gleiche Ziel ansteuern. Diese Diskrepanz zwischen unseren Zielen ist geblieben, von Anfang an. Wir sind beide sehr ‚exotische‘ Wesen mit ungewöhnlichen Ansichten und Empfindungen. Ich sage das nicht aus einer Selbstverliebtheit oder aus Egoismus heraus sondern weil es einfach so ist. Und gerade deshalb sind wir uns immer so nah und so ähnlich. Das macht unsere Verbindung aus und deshalb werden wir uns auch nie verlieren. Unsere Verbindung ist nicht schwächer geworden und hat nicht an Intensität verloren. Das empfinde ich nicht so. Es tut mir leid, wenn Du mich heute nicht fühlen kannst. Das bedeutet nicht, dass wir nicht mehr verbunden sind! Wir sind verbunden! Ich denke an Dich! Dein K.“

Ja, ja, da waren sie wieder, die beiden Kutschen! Es hatte sich nichts geändert. Ich war so dermaßen wütend auf ihn, weil er nichts für uns tun wollte, dass ich am liebsten seine Frau angerufen hätte, damit sie es endlich erfährt. In meiner Verzweiflung drohte ich ihm damit. Ich hatte Rachegedanken, weil er mich schon jahrelang leiden ließ und kein Ende in Sicht war. Sie sollte auch leiden!

Ich konnte nicht heraus aus meinem Gefängnis, weil tiefe Gefühle mich an ihn banden, aber ich wollte es, weil ich keine gemeinsame Zukunft für uns sah. Seine Frau sollte nichts von uns erfahren. Dann wäre es nämlich zu Hause recht unbequem für ihn geworden.

„Tue es nicht – für die Kinder!“, hatte er geschrieben.

Er war ganz einfach nicht willens unsere Liebe zu leben und vor allen Dingen: Er war zu feige. Auf meine Drohung reagierte er natürlich sehr wütend, was aus seiner Sicht verständlich war. Wie immer hielt ich es ohne ihn nicht lange aus. Ich schrieb ihm einen langen Brief und bat darum, er möge die Trennung zurücknehmen. Nun bestrafte er mich und ließ zunächst alle meine Nachrichten unbeantwortet. Ende April kam seinerseits ein „Wir haben uns nicht verloren!“

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Königskinder

Fortsetzung Teil 37

Bildausschnitt Hero und Leander – Karl Theodor von Piloty (1826-1886)

Während ich die Zeilen las, machte mein Herz Luftsprünge. K. war immer noch in meinem Leben. Es war nicht vorbei! Ich hatte an allem gezweifelt: an seiner Liebe, an seinem Interesse an mir. Ich konnte nicht ahnen, was in ihm vorgegangen war, nachdem ich ihm vorgeworfen hatte, er habe ein „Herz aus Stein“.

…“Wieso kommst Du auf die Idee, dass es mir egal sei, wie es Dir geht? Wir sind Dualseelen und sei gewiss: alles Leid, das Du in der Zwischenzeit erfahren hast, habe ich ganz genau so auch erfahren. Sicherlich nicht in der gleichen Form, Du wahrscheinlich mehr tagsüber, abends und an den Wochenenden. Ich vor allem nachts in meinen Träumen, wenn Du mich gerufen hast, und ich Dir nicht antworten konnte. Ein Neuanfang ohne Leid – ja, aber ohne Vorwürfe und Zwänge, ohne Eifersucht und Drängen, wenn es sein muss auch ohne körperliche Nähe, nur Briefe. Ich möchte NIE wieder etwas von „Affäre“, „Beziehung“, „ins Bett hüpfen“ und Ähnlichem als Vorwurf vorgehalten bekommen. Unsere Liebe ist keine „Affäre“! Wir sind verbunden, für immer! Die Zeit wird uns nicht trennen! Alles Leid, was wir bisher erfahren haben (ja auch ich leide), war die Folge unserer körperlichen Nähe – aber das waren auch gleichzeitig einige der schönsten Momente.

Ich habe Dir meinen Traumstein gegeben, und ich habe Dir damals gesagt, dass Du damit große Macht über mich bekommst. Das war nicht nur so dahingesagt. Mit diesem Stein hattest Du meine Träume in DEINER Hand. Ich habe es gerne getan, weil ich Dir vertraue – ja, auch jetzt vertraue ich Dir. Das war mein Geschenk für Dich von mir – ohne materiellen – aber für mich von höchstem symbolischem Wert. Du hast den Stein benutzt, als Du wütend und verzweifelt warst. Du hast mich verflucht, und Du hast mein Herz in Stein verwandelt. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn Du mich wirklich liebst! Warum hast Du den Stein nicht einfach aufbewahrt? Hat er so viel Platz beansprucht? War er so schwer, dass er Deine Schubladen durchbrochen hätte? Hättest Du ihn nicht irgendwo an einen anderen Ort, weit weg von Dir, so dass Du ihn nicht mehr sehen musstest, verstecken können? Ja, auch ich war voller Wut, aber immer wenn ich Deine Briefe und Dein Gedichte gelesen, Deine Fotos angesehen, Dein Gesicht, Deine Augen, Deinen Körper, dann war die Wut wieder weg und machte einer großen Zärtlichkeit Platz. Nur DU kannst diesen Fluch wieder lösen. Ich bitte Dich darum! Ich will kein kaltes Herz haben. Du hast mich damit mehr als getötet.

Du fragst, warum ich das Gefühl habe, Dir nicht mehr in die Augen sehen zu können? Ich habe dieses Gefühl, weil ich Dir so viel Leid gebracht habe und weil ich – bisher – bei Dir versagt habe. Ich will, dass Du Dein Zuhause findest. Ich will, dass Du Geborgenheit fühlst und Glück empfindest. Das ist meine Aufgabe! Durch meine körperliche Nähe konnte ich Dir dies alles nicht geben. Deshalb werde ich versuchen, Dir in Deinen Gedanken und Gefühlen so nah zu sein, wie Du es mir erlaubst. Auch dort kann man Geborgenheit und ein Zuhause finden! Dein K.“

Geborgenheit und ein Zuhause versprach er mir, aber nur gedanklich und gefühlsmäßig, nicht im realen Leben! Was war das für eine Liebe: Er wollte das Leben mit seiner Frau weiter führen.

Es vergingen damals ein paar Tage, bis wir eines nachmittags in getrennten Autos zum Schwafheimer See fuhren. Er wollte danach noch einen Bekannten besuchen. Nachdem wir dort eine Weile spazieren gegangen waren, fragte ich K. mehr im Scherz, ob seine „empfindlichste Stelle“ noch mir gehören würde. Es steckte natürlich eine große Portion Eifersucht dahinter, und es war eine überaus dumme Frage gewesen, denn seine Antwort stach mir wie ein Messer ins Herz.

„Wenn DU „ihn“ hast, gehört er Dir…!“, sagte er und ich schlussfolgerte, „wenn SIE „ihn“ hat, gehört er ihr!“, und damit lag ich genau richtig! Ich hatte aus ihm „herausgekitzelt“, was ich nicht hören wollte: Er schlief wieder mit ihr. Es war mir unerträglich, wie leicht es ihm war, den Schalter zwischen mir und ihr umzulegen. Wutschnaubend und maßlos enttäuscht fuhr ich nach Hause. Am Liebsten hätte ich ihn am Kragen aus seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Familie herausgezerrt und sein ekelhaftes Tun angeprangert! Sein Tun machte mich böse und auch ein Stück weit ungerecht.

Ich fragte mich in diesem Augenblick, wer schlimmer dran ist, sie oder ich!? Es machte ihm anscheinend Freude, mich zu demütigen und mit diesen Tatsachen zu quälen. Seine Frau ahnte nicht einmal, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Sie besaß seinen vollen Schutz, seine Fürsorge und alle Sicherheiten! Es war so ungerecht und doch wieder nicht, weil er ja mit ihr verheiratet war. Ich gehörte einfach nicht in sein Leben! Wieder fühlte ich das ohnmächtige Nichts-tun-können. Ich konnte es nur hinnehmen oder musste K. für immer lassen.
Aber wie sollte ich das machen? Ich liebte ihn!

In seiner Gegenwart fühlte ich mich nicht wie ein Exot. Er war so erfrischend anders. Er war etwas Besonderes…wie von einem anderen Planeten stammend. Wenn er mich liebte und seine Leidenschaft mit mir auslebte, erfüllte er mich ganz und gar. Ich war glücklich in seiner Nähe. Er war für mich ein Wunder…ein Geschenk des Himmels!
Niemals hätte ich ihm wehtun wollen…auch wenn er mich immer aufs Neue in Rachegefühle trieb, wenn die Ohnmacht zu groß wurde, und ich eine Reaktion von ihm erhoffte, die nicht kam.

„…Lass uns eine Vereinbarung treffen“, schrieb ich ihm. „Nie mehr zu streiten, wenn wir uns nicht gegenüber stehen. Nie mehr alles hinzuwerfen, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben. Es gibt sonst zu viele Missverständnisse. Und, dass wir uns spätestens am Abend wieder versöhnen, wenn wir morgens gestritten haben. Wenn wir zusammen wohnen würden, wäre das einfacher, denn dann käme ich garantiert abends in Dein Bett gekrochen und würde Dir den Zorn wegküssen. Und wie ich Dich küssen würde!…“

Foto: Gisela Seidel

Er hielt sich nicht an diese Abmachung.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Neuentdeckung

Fortsetzung Teil 36

Quelle: Wikipedia, 12. Oktober 1492 – Columbus Entdeckung Bahamas

Ich brauche einen Mann, der ohne Wenn und Aber offiziell zu mir steht, und an dessen starke Schulter ich mich hin und wieder anlehnen kann. K. betrachtete unsere Liaison von einer ganz anderen Position aus. Er wollte nichts für mich tun und nichts aufgeben, aber alles haben…und ich wollte ihn. Im Grunde waren wir beide Egoisten.
Eigentlich wollte ich ihn nicht verlieren. Sobald ich darüber nachdachte, überkam mich die Panik. Trotzdem war es wie ein Sog, der mich in das unvermeidliche „Aus“ hineinzog. Noch ein paar Tage und Briefe lang kämpften wir beide. Das ist ein Auszug meines vorläufig letzten Briefes:

„Manchmal führen unüberlegte Handlungen zu überraschenden Lösungen! Es gibt Momente, da fällt es einem wie Schuppen von den Augen, und man sieht Dinge, die vorher nicht sichtbar waren. Es ist Dir egal, ob Du mich verlierst oder nicht.
Du hast einmal von Deinem „Kussverhältnis“ geschrieben, dass sie heute noch des Öfteren anrufen würde, und Du ihre Sehnsucht spüren kannst. Aber es sei zu Ende. Die Tür sei für immer verschlossen.
Unsere „große“ Liebe reduziert sich leider noch nicht einmal auf das gleiche Niveau: Es ist ein Kuss-(Bett-)verhältnis und Du bist weit davon entfernt, zu wissen, ob Du mehr von mir willst. Nein, dazu gibt es keine Vision. Deine Einstellung zu unserer Liebe ist leicht erkennbar, zumal Du nie etwas anderes hast verlauten lassen: Es ist eine Liebe, die nichts fordert und keine Forderungen zulässt. Gelegentliche Treffen, bei denen jeder seinen Spaß hat, nichts mehr, und wenn es zu Ende ist, begnügt man sich mit den schönen Erinnerungen. Ich habe noch niemals eine so große Gleichgültigkeit erfahren müssen, wie die, die in diesen Worten steckt. Selbst unsere Verbundenheit „ertränkst“ Du in dieser Gleichgültigkeit. Du hast dadurch alles zerstört. Alles, was mir wichtig war, ist nun tot. Viele schöne Worte wurden zwischen uns geschrieben. Wie habe ich diese Worte geliebt! Aber es waren leider NUR Worte ohne Taten. Ich habe sie falsch bewertet, wie ich auch die Worte „Ich liebe Dich“ aus Deinem Munde falsch bewertet habe…“

Ein Ausschnitt aus seiner Antwort:
„…Ich war sehr ratlos, als ich Deine Abschiedsbriefe wieder und wieder gelesen hatte. So viele Seiten voller Vorwürfe und Anklagen. Bin ich wirklich so? Mein erster Impuls war, Dir eine Antwort zu schreiben, in der ich alle Deine Vorwürfe Stück für Stück zu entkräften versuche, um Dich von meiner Liebe zu überzeugen. Danach habe ich mich dagegen entschieden, weil das eine logische Erklärung geworden wäre und wir beide viel zu emotionale Menschen sind, als dass es irgend etwas genutzt hätte.

Danach wollte ich Dir schreiben, was Du Gutes für mich bist, welch guten Einfluss Du auf mich hast und was Du für mich bedeutest. Es sollte nur Positives von Dir und für Dich sein. Ich wollte Dir noch einmal schreiben, was ich für Dich empfinde, und dass es GUT ist, dass ich es für Dich empfinde. Aber Du hast in der letzten Woche gesagt, dass in Deinen Karten etwas von Veränderung stand. Ich habe das damals nicht so sehr beachtet, weil ich die Karten nicht als Richtschnur für unser Leben akzeptieren will. Aber vielleicht ist doch etwas Wahrheit darin!?

Ich bin froh, dass Du meinen Traumstein nicht zurückgeben willst und mir Deine Türe offen hältst. Eines Tages werde ich durch Deine Tür gehen. Aber noch nicht jetzt. Es ist noch nicht die richtige Zeit. Ich werde mich auch zurücknehmen und Dir keinen Grund für irgendeinen Vorwurf mehr liefern, dass ich in Dir nur eine „oberflächliche“ Beziehung sehen und meinen „Spaß“ und etwas „Abwechslung“ bei Dir suchen würde. Das ist es ganz sicher nicht. Ganz sicher! Es genügt, wenn ich Dich sehe, und ich bin in einer Traumwelt, in der es keine Zeit mehr gibt. Wenn Du mich berührst (wie letzte Woche), dann bin ich total hilflos und Dir vollkommen ausgeliefert. Ich könnte mich nicht gegen Dich wehren, selbst wenn ich es wollte. Wenn Du mich berührst, BIN ich Dein BESITZ! Und das macht mir Angst, ganz große Angst, weil ich nichts, aber auch gar nichts dagegen tun kann. Du hast gesagt, dass meine Hände ganz warm sind, wenn ich Dich berühre. Das ist nur bei Dir. Das hängt nur von Dir ab. Du bist es, die mich dann verändert. Du veränderst meine Augen, so dass ich in Dich und Du in mich hineinsehen kannst. Das macht mir Angst! Angst vor der Verantwortung, die ich Dir gegenüber habe. Wie kann ich Dir gerecht werden?

Du kennst zwar Deine Eltern und Deine Verwandten, aber Du warst nie ZUHAUSE bei ihnen. Du warst immer in einer anderen, in DEINER Welt zuhause. Und dort bist Du zwar sicher, aber einsam. Du suchst einen Partner, der Deine Welt mit Dir teilt. Ich werde Dein Partner in Deiner Welt sein. Aber ich kann noch nicht Dein Partner in Deiner Wohnung, in unserem täglichen Zusammenleben, in Deinem Alltag sein. Jetzt kann ich Dein geistiger Partner, Dein Seelenpartner sein, der ALLE Gedanken und Gefühle mit Dir teilt. Möchtest Du das auch für mich sein?“


Als ich las, dass er sich zurücknehmen wollte, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Ich verstand zwar, warum er das tun wollte, aber es zeigte mir gleichzeitig ein Bild auf, das ich nicht sehen wollte: Er würde wieder öfter mit seiner Frau schlafen. Das konnte ich nicht ertragen! Es ging nicht! Wir standen wieder am Anfang.

„…Aber ich habe Dir versprochen, dass ich Verantwortung für Dich übernehmen möchte. Wie kann ich das tun, wenn ich wie Wachs in Deinen Händen bin, sobald wir uns sehen und berühren? Mein Wille und meine Beherrschung verschwinden dann genauso, wie dieses Wachs in einer Kerze schmelzen würde. Wie kann ich Verantwortung für Dich übernehmen, wenn ich nicht einmal mich selbst beherrschen kann? Und wenn es nur deshalb ist, um Dich davon zu überzeugen, dass Du für mich eben kein bloßer Zeitvertreib, keine oberflächliche Affäre und keine triviale Abwechslung bist, mit der man für einige Zeit seinen Spaß haben kann. Du bist für mich kein „bunter Punkt in meinem Alltagsgrau“, so wie Du geschrieben hast. Das kann ich Dir nur beweisen, indem ich Dir zeige, wie sehr ich Dich als Mensch und nicht nur als Frau achte und respektiere. Indem ich Dir zeige, wie sehr ich Deine Intelligenz, Deine Gefühle, Deine Gedanken und Dein Talent als „Meisterin der Worte“ schätze und…bewundere. Ja bewundere! Du besitzt eine ungeheure Empfindsamkeit und ein großes Einfühlungsvermögen, die Fähigkeit, Schwingungen aufzunehmen, die sonst niemand aufnehmen kann und gleichzeitig eine unendliche Zerbrechlichkeit und Zartheit. Ja, das bewundere ich an Dir. Und gerade deshalb, auch wenn es mir selbst am Meisten wehtut:
Das ist meine Verantwortung für Dich: Ich muss mich selbst zunächst zurücknehmen, damit Du nie mehr das Gefühl hast, dass Du benutzt worden bist. Das habe ich nie getan und werde es auch nie tun. Aber wenn wir uns sehen, wird es für mich sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein, Dich nicht besitzen zu wollen. Deshalb werde ich mich solange zurücknehmen, bis ich Dir Dein ZUHAUSE geben kann, wie Du es verdienst. Dein K.“

Maler unbekannt

Ich wusste, dass er es gut meinte, aber sein Entschluss tötete mich. Er wollte mich nicht mehr als Frau…oder doch!? Hatte eine Geliebte nicht immer das Gefühl benutzt zu werden, zumal sich die Treffen meist nur auf die wenigen Stunden im Bett beschränkten…und auf sonst nichts? Er hatte nie Zeit für mich! K. hatte geschrieben, dass seine Ehe perfekt sei. Was wollte er von mir oder mit mir? Er schrieb mir von einem Alptraum, in dem angeblich mein großes Bett eine Rolle spielte. Sehr suspekt, wie ich fand! Plötzlich wollte er ‚es‘ nicht mehr in meiner Wohnung tun, sondern irgendwo im Freien.

„…dort wo Bäume und grüne Pflanzen sind, dort wo wir Vögel hören können. Wir werden uns einen schönen Tag mit viel Sonne und Wärme aussuchen und dann EINS werden… Dein K.“

Das war eine Wirklichkeitsflucht…ein Vorwand, weil er Angst hatte, wieder etwas Falsches zu tun. Zeit schinden! Er hatte dieses „Bild“ schon einmal gehabt, ganz am Anfang unserer Verbindung.

„…Ich wollte es damals zusammen mit Dir in der freien Natur erleben, weil ich es vorher genau so in meinem Bild „gesehen“ hatte. Ich habe damals meiner „Vision“, meinem inneren Bild nicht entsprochen und habe nachgegeben, weil ich Dir nicht widerstehen konnte und weil wir beide es so wollten. Danach hatte ich das Ge-fühl, es zu früh und unter ungünstigen Vorzeichen getan zu haben, obwohl es für mich sehr schön war. Erinnerst Du Dich, wie ich Dich gebeten hatte, zu warten und Geduld zu haben? Ich hatte einen Fehler begangen, nicht Du! ICH habe meinem Bild nicht entsprochen!“

Ich verstand: Sein einziger Fehler war ICH! Er versuchte allen Ernstes aus unserer Liebe eine Freundschaft zu machen. Dann war er raus aus der Verantwortung.
Doch das Auf- und Ab in unserem Gefühlschaos war noch lange nicht zu Ende, denn wir trafen uns erneut.

„…Ich bin auch glücklich, wenn ich bei Dir bin! Ich fühle mich dann auch sehr geborgen und wohl und sehr vertraut mit Dir. Es ist schön mit Dir! Wir werden gut miteinander auskommen. Bitte habe Geduld mit mir und sei nicht allzu sehr fordernd und umklammernd. Das erdrückt mich sonst, obwohl ich es eigentlich sehr mag. Ich werde sonst immer wieder versuchen auszuweichen und zu flüchten, obwohl ich es eigentlich gar nicht will. Auf eine gewisse Art bin ich schon sehr seltsam…Habe bitte Vertrauen und Geduld mit mir! Ich küsse Dich! Dein K.“

Carlos Schwabe 1866-1926

Und wieder nahte das nächste Wochenende mit unausweichlicher Einsamkeit, die meine Gedanken wie eine Schraubzwinge in tiefste Grübeleien hineinpresste.

Egal, was wir taten, es endete in einer Sackgasse. Wir hatten uns zur falschen Zeit kennengelernt. Ich wollte ihn loslassen, weil ich keine gemeinsame Zukunft für uns sehen konnte. Wir mussten vergessen, um wieder frei zu sein. Wir durften so nicht weitermachen, und er dachte das auch.

Es war das erste Mal, dass er mich beim Namen nannte, und ich ahnte schon den Inhalt des Briefes:

„Liebe Gisela, auch ich habe an diesem Wochenende sehr viel nachgedacht. Ich habe auch gestern Mittag gespürt, dass wir uns trennen werden. Du hast Recht, wenn Du sagst, dass man sein Glück nicht auf dem Unglück von anderen aufbauen darf, weil es dadurch von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Wir haben uns in unserem Leben zu spät getroffen. Ich weiß, dass wir uns beide gegenseitig sehr lieben. Wir sind wirklich Dualseelen, und ich weiß wie sehr Dich unsere Trennung verletzten wird. Mir wird es nicht anders gehen, wenn auch in anderer Form, die Du nie verstanden hast. Verzeih mir bitte! Ich wollte, dass Du Glück empfindest und verursache Dir doch immer nur Schmerz und Gram. Ich konnte Dich nicht glücklich machen. Verzeih mir! Ich bringe Dir nur Unglück und Verzweiflung.

Ich danke Dir für die schöne Zeit, die ich mit Dir verbringen durfte, für die Gespräche und die vielen, vielen Briefe von Dir. Für Deine Gedanken und Gefühle, die Du mir entgegengebracht hast, wie tausend schöne, kostbare Geschenke. Ich werde nichts löschen, weder die Briefe, die E-Mail-Verzeichnisse, noch die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle für Dich, meine Liebe zu Dir, alles bleibt in einer meiner wenigen schönen Welten, in meiner Gisela-Welt. Sie sind jetzt dort verborgen, nur für mich sichtbar, aber sie leben dort weiter…

Sei nicht allzu traurig, denke nicht an den Schmerz und lenke Dich ab, mit der Arbeit an Deinem Roman. Er ist wichtig! Du bist wichtig! Adieu – gehe mit Gott, er allein weiß wohin unsere Wege uns führen und warum! Dein K.“

Er hatte sich entschieden und einen Schlussstrich gezogen. Nun musste der konsequente Vollzug folgen, und er setzte alle Kraft daran, dies zu tun.

„…Du kannst nicht umschalten zwischen der „Welt mit mir“ und der „Welt ohne mich“ – wie ich das scheinbar ohne Probleme tun kann. Wir beide sind gleichzeitig sehr stark und sehr schwach. Aber wir werden die Zeit der Trennung ertragen und gestärkt daraus hervorgehen. Unsere Liebe ist nicht zu Ende!!! Dein K.“

Als ich seinen Brief las, war es wie ein Stich ins Herz! Da wusste ich erst, dass er seinen Entschluss ernst meinte. Wie konnte er das tun? Ich war fassungslos! Das war doch mehr als paradox: Er wollte mich schützen und trennte sich von mir, damit ich nicht vor Sehnsucht und Verzweiflung kaputtging. –Doch was kam nach der Trennung: Sehnsucht und Verzweiflung! So endete der 13. September 2006 mit einem Desaster. Für mich war es eine Trennung für immer, obwohl ich das nicht glauben wollte.

Ein totaler Wandel wollte vollzogen sein. Nicht ganz ohne eigene Schuld war es zu diesem Bruch gekommen. Die Boten des Schicksals waren nicht gerade gnädig gewesen. Ich versuchte, die Erinnerungen loszulassen und mich abzulenken, aber es gelang mir nicht wirklich. Die Traurigkeit hatte mich in ihren Klauen und brachte Stagnation und Tränen in meine Tage, die leer und trostlos dahingingen. War es das endgültige Ende oder nur der Anfang eines langen Prozesses, der nun in Gang gesetzt worden war?
Ich konnte nicht glauben, dass es zu Ende sein sollte, weil es sich nicht „wahr“ anfühlte. Meine Lebensharfe war verstummt. Wo immer ich die Saiten anschlagen wollte, fehlte der Resonanzboden. K. war fort, und ich versuchte irgendwie weiter zu leben.

Die Wochen, die folgten, brachten Ablenkung auf eine ganz besondere Art und Weise: Mein Sohn Patrick musste notfallmäßig ins Krankenhaus und wurde sofort operiert. Ein Abszess auf den Stimmbändern verhinderte ganz plötzlich das Schlucken und hätte womöglich noch Schlimmeres verursacht, wenn der Arzt es nicht rechtzeitig entdeckt hätte. Als er wieder zu Hause war, hatte er mit dem Micra einen Totalschaden…der erste. Kurz darauf folgte ein zweiter. Ihm war zum Glück nichts geschehen. Der Monat hatte es in sich. Das war Stress pur!

Tagsüber war ich weitestgehend abgelenkt. Aber wenn ich abends alleine in meinen vier Wänden auf meiner Couch saß, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Die Sehnsucht nach K. schmerzte, und mein leeres Postfach feuerte Pfeile in mein Herz, jedes Mal wenn ich es öffnete. Einen Monat lang dauerte die Zwangsklausur. Als ich am 12. Oktober 2006 in das Gästebuch meiner Homepage schaute, fand ich dort einen Eintrag von K. vor, der mir einen Stein von der Seele nahm:

„Heute ist der 12. Oktober! Heute vor genau 514 Jahren hat jemand vor den Bahamas auf spanisch laut „Land in Sicht“ gerufen und danach lernten die damaligen Amerikaner Europa kennen. Heute vor genau vier Monaten hat mir jemand sein Gedicht vom Herbst geschenkt, mit dem die schöne Zeit begann. Heute vor genau einem Monat dann das vorläufige Ende, emotionaler Tod, ein Fluch (!): „Herz aus Stein“, Leere und Kälte, eine graue, farblose Welt.
Magie der Zahlen: „12“ – Vollkommenheit, Abgeschlossenheit, bei Reichstein: Opferung und Sühne; „10“ – Vollständigkeit, Gesamtheit, alles oder auch Wechsel des Glücks; meine Glückszahl „8“ – Unbeschränktheit, Offenheit, Freiheit, Unendlichkeit, keine Grenzen, kein Besitz, alle Richtungen und Wege sind offen – wo bleibt sie?

Heute ist der 12. Oktober! Was ist geblieben?
Schmerz, Sehnsucht, Leere, die Kälte, das Nichts. Tagsüber das Versinken in Arbeit, Konzentration auf Logisches, Verstandesmäßiges, abends Ablenkung, …Flucht vor den eigenen Gedanken und Wünschen. Nachts ist keine Flucht möglich: Träume, Träume ohne Ende, Aufwachen jede Nacht: Jemand ist da und ruft! Ich darf nicht antworten! Dann kommt schon der nächste Tag. Was bleibt noch? Trauer, ein Gefühl von Leere, die Gewissheit immer das Gute und Schöne gewollt und nichts Böses getan zu haben. Das Gefühl, Dir aus Unvermögen und Pflichtbewusstsein Leid zugefügt und…versagt zu haben. Das Gefühl, Dir nicht mehr in die Augen sehen zu dürfen. Außerdem ein Türkis, der früher immer ganz heiß in der Hand brannte, jetzt ist er kalt und tot!

Und doch: Die Moquis leben beide, sehr aktiv, sie stahlen und vibrieren, manchmal pulsieren sie wie ein Fluss – sie sind ein Trost! Du sagtest, sie würden zu Staub zerfallen, sobald das Ende kommt. Sie LEBEN, ich streichle und behüte sie. Ich hoffe!

Und doch: Sie sind so unendlich wertvoll: die vielen, vielen Briefe, die Gedanken, die AUGEN-Blicke, die Fotos, die ich immer wieder ansehe, die Gedichte, die Internetseite mit der Rubrik für einen besonderen (?) Menschen, dem Gedicht „Bittere Neige“, das mir Hoffnung lässt und trotzdem sehr weh tut, weil es unter Schmerzen geschrieben worden ist.

Und doch: Ich spüre Deine Gedanken, Deine Nähe, wenn ich an Deiner Wohnung vorbeigehe. Ich denke an unsere jetzt so leere Bank in Friemersheim. Die Sträucher in der Umgebung sind jetzt geschnitten. Einsam steht sie jetzt, allein, nicht mehr geschützt durch das üppige Grün um sie herum, wie ein kaltes, ungeschütztes, leeres Nest auf einem weiten Acker.

Ich habe mehrmals versucht, diese, unsere Bank, unseren Kraftort, mit dem Fahrrad ganz ohne Karte oder Navigationsgerät, nur nach Gefühl zu finden. Ich komme zwar jedes Mal ein Stück näher, aber ich habe sie bisher immer noch nicht erreichen können. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Irgendwann werde ich sie und Dich wieder finden. Die Zeit wird nicht trennen!

Und doch: Die Dankbarkeit überwiegt! Dankbarkeit für alles was Du mir Schönes von Dir gegeben hast!
Heute ist der 12. Oktober!


Wird fortgesetzt…






Kleiner Rückblick – Der Baum

Fortsetzung Teil 35

Der Mann im Baum – Catrin Welz-Stein

Er antwortete: „Mein liebster Schatz, Dein Gedicht ist wunderschön, und ich habe es überhaupt nicht als Vorwurf empfunden. Wie könnte ich das auch?
Unsere Liebe ist ein Baum, eine Pflanze, die noch oben, zum Licht hin will. Sie will wachsen wie alles Lebendige und Schöne. Sie will sich vermehren und verbreiten. Sie möchte den Himmel bedecken mit Blättern und Ästen, leuchtend grün, als blühendes Blatt und braun und schwarz als starker Ast. Sie ist gut!

Aber bin ich gut, wenn ich sehe, wie sich Deine Blätter und Äste in meine Richtung bewegen, wie sie wachsen und blühen, wie sie sich verzehren nach gemeinsamem Leben auf der Suche nach gemeinsamer Stütze und Halt?
Aber bin ich gut, wenn ich…noch (?)…in anderer Erde meine Wurzeln habe?
Meine Wurzeln haben längst in Deiner Erde Fuß gefasst. Sie umwinden, sie berühren und streicheln Deine Wurzeln und ach, so feinen Äste. Sie sehnen sich nach der gleichen Nahrung wie Du. Sie wollen das gleiche Wasser trinken und mit Dir wachsen. Aber (verzeih mir, es ist immer das gleiche!) meine Aufgabe sind meine kleinen Pflänzchen, die in meiner jetzigen Erde und auch durch mich wachsen! Sie sind meine Aufgabe! Ich durfte damals weiterleben, weil ich eine neue Aufgabe bekam. Das war der Preis, der gleichzeitig eine Belohnung war. Das war meine Verpflichtung, ein MUSS. Wenn ich diese Verpflichtung nicht erfülle, werde ich verloren sein…


Aber bin ich gut, wenn ich sehe, wie Du Dich quälst, wie Du körperlich krank werden wirst, aus tiefster Sehnsucht und tiefstem, inneren Schmerz?
Ich sehe Dich vor mir, wie Deine zarten Blätter und Äste schon nach kurzer Zeit verkümmern, wie sie zunächst gelb und dann rot werden, bevor sie langsam und qualvoll auf den Boden herunter sinken, aus Qual, aus noch nicht erfüllter Sehnsucht. Und das alles nur wegen mir, einem unscheinbaren Baum, der sich nicht lösen darf?

Ich wäre böse, wenn ich das zulassen würde! Du musst wachsen und blühen!
Und wenn ich für Dich schädlich bin, wenn ich Deine Blätter und Äste beim Wachsen hindere, weil sie nur (!) in meine Richtung wachsen wollen, und wenn es nicht möglich ist, dass Deine Äste auch (!) in Richtung zu Deinem Himmel unabhängig von mir wachsen können, dann bin ich verpflichtet (!), Dich vor mir zu schützen.
Dein Baum ist wichtiger als meiner! Du musst wachsen! Du hast eine Aufgabe! Du hast es Apostolat genannt. Nimm Deine Aufgabe wahr! Wenn ich Dich dabei behindere, (…und im Moment behindere, nein, verhindere ich sie sogar, ohne es zu wollen), muss ich meine Wurzeln, die Dich umgeben und berühren, aus Deiner Erde zurückziehen, um Dich zu schützen. Du musst wachsen und Dein Apostolat erfüllen! Wenn ich noch nicht in der Lage oder fähig bin, Dich jetzt dabei zu begleiten, DARFST Du nicht auf mich warten. Fange einfach an, ich werde Dich bald einholen…


Du hast geschrieben: „Es gibt auf dieser Welt keine Worte für die Liebe, die ich für Dich empfinde. Sie ist mit nichts zu vergleichen. Nichts ist mir wichtiger als sie! Ja, ich liebe meinen Sohn auch. Aber es ist eine andere Liebe, die nicht vergehen wird, nur weil ich Dich liebe. Beides geht nebeneinander.“
Diesen „Nebeneinandergehen“, dieses scheinbar mühelose Umschalten von einer Welt in die andere, ist für mich kein Problem. Ich musste es damals in meiner schwersten Zeit lernen, sonst wäre ich heute nicht mehr. Dieses Umschalten muss auf Dich wie ein kaltes Herz ohne jedes Gefühl wirken. Das ist es aber nicht. Es ist nur ein Mittel zum Überleben, obwohl es fast schon schizophren ist.
Ich habe Dein „Geschenk“ schon vor langer Zeit angenommen. Sonst hätte ich mich Dir nie selbst schenken können!
Ich bin heute Morgen schnell gegangen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich Dir immer nur Schmerz und Qual bringe, und weil ich nicht das sein kann, was ich für Dich sein möchte. Ich muss Dich vor mir schützen. DU MUSST WACHSEN UND DEIN APOSTOLAT ERFÜLLEN! Dein K.“

Seine Worte klangen wie ein Abschied. Was sollte ich ohne ihn anfangen? Ich wusste doch nur zu gut, was es für mich hieß, wieder alleine zu sein. K. war zwar fast nie bei mir…und doch war er irgendwie DA. Jedenfalls war das eine schöne Illusion. Ich bettelte um Änderung seines Entschlusses wie ein kleines Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtete…und dunkel und leer würde es sicherlich ohne ihn werden.

„Ich werde Dich nie alleine lassen! Ich werde Dich immer wieder einholen und bei Dir sein!“

Verlassen – Fritz von Uhde (1848-1911)

Ich vertraute seinen Worten! Sie klangen wie ein Versprechen…oder waren es wieder nur einfach so dahin geschriebene Floskeln!?
Er fühlte nicht den Schmerz, den ich fühlte, wenn wir nicht zusammen waren. Er kannte anscheinend auch nicht die Sehnsucht, die ich empfand, wenn er nicht bei mir war. Vermisste er mich nicht? Es war so, als hätte er ein Herz aus Stein. Er gab vor, mich schützen zu wollen, aber der Hauptgrund für ihn war doch nur, dass er sich nicht entscheiden wollte. Ich verstand seine Liebe nicht! Wie konnte er sie an- und ausstellen, ganz nach Bedarf? Ich konnte das nicht! Es tat mir sehr weh, dass er nicht das Gleiche für mich empfand, wie ich für ihn. War das Liebe? Er schrieb:

„Ich weiß es nicht. Für mich ist es Liebe. Es tut mir leid, aber ich bin so. Es stimmt auch nicht, wenn Du schreibst, dass ich nichts empfinde, wenn Du nicht bei mir bist. Du bist immer als zärtliches Wesen, als…Engel (obwohl ich eigentlich nicht an Engel als Wesen glaube)…bei mir und in meinen Gedanken. Ich spüre Dich…und möchte, dass Du Glück empfindest.
Als wir am Kloster Kamp waren und Du mit mir Arm in Arm spazieren gegangen bist, habe ich Stolz und Freude empfunden, ein Gefühl von Glück, weil ich neben Dir gehen durfte, weil ich gespürt habe, wie glücklich Dich das gemacht hat. Deine Augen strahlten ein Feuer aus, unglaublich! Ich war glücklich, weil Du es auch warst! Wenn Du glücklich bist, bin ich es auch!“

Genauso hätte ich gerne ein Leben lang an seiner Seite gehen wollen! Das hätte mich unendlich glücklich gemacht, aber das Leben ist leider kein Wunschkonzert! Brauchte ER mich, um glücklich zu sein? Sicherlich nicht!

„Mein Liebes“, schrieb ich ihm, „ich wünsche mir so sehr, dass wir einen gemeinsamen Weg finden werden, der uns beide glücklich und zufrieden macht!
Jedes Mal, bei jedem Treffen, stehen wir uns gegenüber mit Tränen in den Augen, Du, genauso wie ich und dabei weiß ich genau, dass wir miteinander Spaß haben und lachen könnten, wenn das Schicksal es zulassen würde.

Ich möchte in Deinen Armen liegen und mit Dir den Himmel ansehen, wie die Wolken darüber hinwegziehen. So möchte ich liegen, bis in den Abend hinein, mit Dir den Sonnenuntergang sehen und, wenn der Nachthimmel die Dunkelheit bringt, die Sterne zählen. Ich möchte Dir immer wieder in die Augen schauen…immer wieder unsere Einheit spüren und mit Dir schweben und träumen…stundenlang…tagelang…ein Leben lang. Es darf niemals aufhören und alle, die mit uns zusammen sind, werden unser Glück spüren, weil wir es ausstrahlen und so weitergeben. Es ist eine einzigartige Energie zwischen uns beiden, eine erhabene Schwingung, die alles nebensächlich werden lässt, weil nur der Moment zählt, den wir gemeinsam erleben. Es ist so unbeschreiblich schön, wie es nur ein „Ewigkeitsmoment“ sein kann. Die Gefühle dieses Augenblicks werden in die Ewigkeit eingehen! Es ist unsere tief empfundene Liebe, und sie wird ewig zwischen und IN uns sein! Auch wenn wir auf der anderen Seite des Vorhangs sind, wird sie weiter bestehen!

Ich habe mein Leben lang darauf gehofft, einen Menschen wie Dich zu finden…und mit diesem Menschen eine solche Liebe erleben zu dürfen. Nun habe ich diese Liebe, dieses Glück geschenkt bekommen und alles ist blockiert, bis auf ein paar „gestohlene“ Stunden. Ironie des Schicksals…Prüfung? Es ist, wie eine verbotene Frucht, die man einmal gekostet hat. Man will sie immer mehr…man verzehrt sich nach ihr…weil man noch niemals etwas so Köstliches gegessen hat. Alles würde man tun, um sie zu kosten,…doch es gibt keinen Weg, sie zu pflücken. Vielleicht fällt sie einem eines Tages in den Schoß, wenn sie reif ist, oder sie vergeht an ihrem Baumstamm, wird faul, bitter und ungenießbar!? So oder so – man wird nach einer vergleichbaren Frucht ein Leben lang vergebens weitersuchen und hier auf Erden keine Glückseligkeit mehr finden können. Ich liebe Dich, mein Engel! Deine G.“

„Mein Liebes, genauso empfinde ich es auch! Diese Frucht, die uns geschenkt worden ist, ist so kostbar, dass wir dankbar dafür sein sollten. Wir dürfen uns nicht darüber beklagen, wie viele „gestohlene“ Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre sie andauert. Wichtig ist, dass es sie überhaupt gibt, diese kostbare Frucht, dieses schöne Geschenk…und nur für uns beide, für unsere „Einheit“! Ich bin bei Dir, um Dich herum und IN Dir! Dein K.“

Wie kann man so glücklich und gleichzeitig so unglücklich sein? Ich wollte stark sein und ihm Zeit geben! Doch ich konnte nicht über meinen Schatten springen! Ihn noch jahrelang teilen zu müssen, war die Hölle für mich. K. würde mich fallen lassen, wenn der Druck zu groß würde, dessen war ich mir sicher…und doch, wie konnte er diese Liebe so einfach vergessen?!

„Mein Liebes, Liebstes…eigentlich müsstest Du mein Herz bis zu Dir klopfen hören, so laut schlägt es für Dich! Meine Brust zerspringt bald, so erregt mich der Gedanke an Dich und an unser Treffen…an jede Berührung…an jeden Kuss! Bald werde ich Deine Arme um mich spüren…bald! Und es wird mir sein, wie zum ersten Mal…und gleichzeitig wie zum letzten Mal. Bei jedem Blick in Deine Augen werde ich die tiefe, tiefe Verbundenheit spüren…unsere Liebe…und dabei wird sich die Dualität in schmerzlicher Nähe befinden, die mich gleichzeitig den tiefen Schmerz erahnen lässt, der mit dieser, so einzigartigen Liebe verbunden ist.

Wer sich auf die Liebe einlässt, lässt sich auch gleichzeitig auf den Schmerz ein. Das ist leider so, hier auf dieser Welt. Ich fühle ihn immer und glaube nicht, dass er etwas mit Sehnsucht zu tun hat. Ich fühle es so, wie ich Kant an meinem Bett habe auf- und abgehen sehen. Es besteht kein Grund, aber der Schmerz ist da!
Meine Sehnsucht nach Dir ist – so glaube ich – nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Ich sehne mich nach der Geborgenheit, die Du mir gibst…nach der Wärme und dem Glückgefühl, das ich in Deiner Nähe empfinde. Es erinnert mich an Zuhause…an ein wirkliches Zuhause. Deine G.“

Es war mir nur ein schwacher Trost, dass K. mir versicherte, dass die Küsse und die Blicke NUR mir alleine gehören würden. Sie wären MEIN Besitz, hatte er mir geschrieben, obwohl er das Besitzen-wollen eigentlich nie zulassen wollte.
Küsse und Blicke – alles andere gehörte IHR! (?) Und was war mit den Küssen auf eine ganz bestimmte Stelle? Wie ekelhaft ich das fand! Was mutete er mir zu, vielmehr, was mutete ICH mir selber zu? Wann würde er aufhören, mit ihr zu schlafen? Würde er jemals damit aufhören? Er besaß mein Herz! Wie konnte er mir das antun und dabei noch Spaß haben?
Er hatte meine wehen Gedanken von Anfang an nicht verstehen können, genauso wenig, wie ich seine.

„Hallo mein Liebes, gestern war wunderschön! Zum ersten Mal habe ich eine tiefe Ruhe und Harmonie zwischen uns beiden empfunden, die jedes reale Zeitempfinden verhindert. Die Stunden mit Dir vergehen gleichzeitig sehr schnell (wenn ich auf die Uhr sehen muss) und gleichzeitig unendlich langsam, fast zeitlos, unabhängig von der realen Zeit. Es ist wie ein Schweben, losgelöst von allen äußeren Zwängen. Ich komme in Deine Wohnung, Dein Geruch, Deine Atmosphäre, Deine Stimme, Deine Berührungen und Zärtlichkeiten sind da,…ich fühle mich wohl und alles versinkt um mich herum. Nur Du bist da, Deine Augen und Deine zärtlichen Berührungen…alles andere wird unwichtig und ist ohne Bedeutung. Ich fühle mich sicher in Deiner Nähe und will, dass Du Dich auch sicher und geborgen fühlst. Ich will Dir Zärtlichkeit, Glück und ein Zuhause geben. Die schönsten Momente sind die, wenn Du Dich ganz sanft an mich kuschelst, Deinen Kopf an mein Herz legst und mein Gefühl für Dich spürst, das aus meinem Herzen kommt. Wenn ich dann spüre, dass Du Dich geborgen fühlst, bin ich glücklich. Das ist ein Sinn meines Lebens: Dir Glück und Geborgenheit zu geben.

Bitte suche nicht immer nach dem Schmerz in der Liebe. Immer, wenn Du glücklich bist, kommt spätestens nach einer Sekunde wieder ein Zurückzucken in Deine Gedanken: „Wie? Glücklich sein? Ich, glücklich sein? Nein, das kann nicht sein! Wo ist denn jetzt der Schmerz? Es kann kein Glück ohne Schmerz geben!“ Dann suchst Du den Schmerz, weil Du es einfach nicht fassen kannst, dass Du glücklich bist. Immer hast Du die Sorge, dass etwas Böses nachkommt und Dich für Dein gefühltes Glück bestrafen muss.
Bitte, suche nicht diesen Schmerz, auch wenn Du in Deinem Leben – und gerade weil Du – so viele schmerzliche Erfahrungen machen musstest! Freue Dich über Dein Glück und…meines. Dein K.“

Bis Ende 2007 wollte ich ihm Zeit lassen. Die Frist war gesetzt; doch das war viel zu lange. Ich würde es nicht aushalten können. Wenn ich mir vorstellte, dass er bei seiner Frau genauso war, wie bei mir, drehte sich mein Magen herum. Ich war eifersüchtig auf diese Frau, obwohl ich sie gar nicht kannte. Ich grübelte und dachte darüber nach, wie er denn mit ihr schlafen würde, ohne sie zu küssen, und wie sie sich dabei fühlen musste!? Das hatte mit Zärtlichkeit und Liebe rein gar nichts mehr zu tun. Der Gedanke machte mich wahnsinnig! Ich war doch nur 2. Wahl!

K. fühlte sich in die Enge getrieben und gestand mir recht widerwillig, dass er seit drei Wochen nicht mehr mit seiner Frau intim gewesen war. Es machte ihn richtig wütend, dass ich ihn zu diesem Geständnis gebracht hatte. Es schien so, als würde er sich durch diese „Beichte“ bloßgestellt fühlen. Wieder dieses Machogehabe, wo doch Offenheit selbstverständlich sein sollte!

Es tat mir leid, dass ich so wütend und so eifersüchtig geworden war. Aber ich kam immer wieder an den Punkt, wo mir meine Vorstellungskraft abschreckende Gedankenbilder in den Kopf setzte. Sie zeigten K. Leben mit Frau und Kindern in einer Friede-Freude-Eierkuchenwelt. Ich kam darin nicht vor. Wenn seine Ehe nicht gewesen wäre, wäre er mein Idealmann gewesen, aber wir hatten uns zu spät kennengelernt. Aber so wie es jetzt war, gab es nur einen einzigen Weg: Ich musste es beenden!

Tagelang rang ich mit mir. Ich wollte stark sein und suchte den Ausweg, denn K. suchte ihn nicht. Er suchte auch keinen Weg für uns…nicht einmal Möglichkeiten für weitere Treffen versuchte er zu finden. Ihm genügte es so wie es war. Doch was war es denn wirklich? Eine Affäre – wirklich nicht mehr als das!?

„Liebes, immer ist es so, als würden uns Welten trennen. Dabei bist Du nur ein paar Straßen von mir entfernt. Doch diese Entfernung ist groß, so groß wie ein ganzes Universum. Lichtjahre weit weg- unerreichbar in einer anderen Galaxie. Fernab von meiner Welt…in Deiner Welt, in die ich nicht hinein gehöre. Wie ein Feind, ein Eindringling komme ich mir vor, der unbeabsichtigt eine Grenze überschritten hat. Und jedes Mal, wenn ich hinter diesen Bannkreis schauen will, steht dort eine unüberwindbare Mauer, die ich nicht überblicken kann, denn alles, was dahinter liegt, verbirgt sich im Dunkeln.

Wenn ich die Höhe dieser Mauer sehe, wird mir klar, dass ich sie niemals einreißen kann, und Du mir auch niemals die Türe zu Dir öffnen wirst.
Deine Familie wird sich wie ein Bollwerk vor Dir aufbauen und mich von Dir fern halten; mit aller Macht, die Kinder auszuüben fähig sind, bewusst oder unbewusst. Dann weiß ich, dass Du niemals von dort fortgehen wirst. Keine noch so starke Liebe wird Dich zu mir bringen! Nichts treibt Dich zu mir, keine Sehnsucht, kein Begehren…weil die Verlustangst stärker ist…und die Angst vor den Einschränkungen, die Du hinnehmen müsstest, wenn Du gehen würdest.

Du hast Dir in den Kopf gesetzt, Deine Lebensaufgabe erfüllen zu wollen, obwohl Deine Lebensaufgabe längst erfüllt ist. Sie bestand darin, diese Kinder auf die Welt zu bringen und sie zu begleiten. Begleiten könntest Du sie auch weiterhin. Du bist nicht bereit, in dieser Hinsicht irgendwelche Kompromisse einzugehen. Lieber gibst Du Dich selber auf und mich. Du willst bei Deiner Frau bleiben, auch wenn sie mittlerweile genauso wenig zu Dir passt, wie der Ring an Deinem Finger!? Ich gehöre nicht zu Dir…was bilde ich mir ein, wenn ich davon träume, Deine Frau zu werden!? Illusionen, die Du sicherlich belächelst. Wie weit sind diese Wünsche von den Deinen entfernt?!
Ich weiß, dass Du mich liebst, aber Du bist unfähig zu handeln, weil die Angst Dich nicht lässt. Lieber würdest Du ein Leben lang bei Deiner Frau bleiben, als diese Angst zu überwinden und einen ersten Schritt in meine Richtung zu tun, von dem Du trotz Deiner tiefen Empfindungen mir gegenüber noch nicht einmal weißt, ob Du ihn gehen willst.

Es geht mir durch den Sinn, was ich verliere, wenn ich Dich loslasse, damit Du ganz und gar in Dein Leben zurückgehen kannst…in das Leben vor mir. Ich sehe Dich im Geiste neben Deiner Frau und kann nur fassungslos den Kopf schütteln. Diese Frau liebst Du?

Meine Seele ist leer, voller Trauer, und sie ist einsam. Ich will nicht jahrelang eine „heimliche Liebe“ sein, die sich verstecken muss. Würde sich etwas ändern, wenn ich monatelang, etwa jahrelang auf Dich warte…,wenn ich nur aufgrund des Bildes in meinem Kopf hoffe und ausharre und mich immer tiefer und stärker in diese Liebe verrenne und mich darauf fixiere? Auch dann ist meine Seele leer, traurig und einsam! Alle Logik drängt mich dazu, Dich zu lassen…Dich nicht mehr zu treffen…Dich nicht mehr wieder zu sehen. All mein Gefühl treibt mich dazu, Dich sehen zu wollen, bei Dir zu sein, wenn auch nur ein paar armselige Stunden…mit Dir zu sprechen und Dich zu lieben, solange es geht…auch wenn es weh tut…ja, auch dann, wenn es sehr, sehr weh tut.

Du willst mir wirklich nicht mehr geben, als dieses vage Bild? Wenn Du heute noch nicht weißt, ob Du mit mir leben willst, wann dann? Wird das jemals sein, wo doch Deine Lebensaufgabe angeblich noch nicht erfüllt ist? Es tut mir leid, aber ich muss Dir sagen, dass ich dies für eine Ausrede halte. Warum möchtest Du, dass ich auf Dich warte? Gestern war Deine Antwort: „Weil ich Dich will!“ Wozu? Zum Spaß haben? Es tut mir leid, aber für mich ist es längst kein Spaß mehr!

Verzeih, aber alles scheint so aussichtslos…so sehr im Unklaren. Es kommt mir so vor, als würde ich schon jahrelang in dieser Situation leben, dabei sind es erst drei Monate. Wir kennen uns wirklich erst d r e i Monate! Unglaublich ist das…noch nie habe ich einem Menschen so nah gestanden, und noch nie war mir ein Mensch so vertraut wie Du! Aber unsere Situation ist aussichtslos, weil Du keinen Schritt in meine Richtung gehen willst.

Ja, die langen Wochenenden bieten leider ausreichend Zeit zum Nachdenken, und ich denke immer nach, besonders, wenn unser Kontakt brach liegt, weil Du nicht antworten oder meine Nachrichten lesen kannst.
Ich habe auch heute wieder nachgedacht und bei jedem Blick in Deine Augen und bei jedem Kuss denke ich, Du musst es doch genauso wollen und fühlen wie ich. Doch Du willst mich nur für ein paar flüchtige Stunden. Mehr bin ich Dir nicht wert. Du führst ja eine Ehe in Wärme und Harmonie.

Ich glaube, ich bin für diese Art von Beziehung nicht geeignet, denn lockere Affären liegen mir nicht, weil ich sie nicht genießen kann. Du weißt, wie sehr ich Dich liebe und wie nah ich Dir stehe. Aber es nützt ja alles nichts! Ich will nicht leiden…nicht auf Dauer…nicht für etwas, das keine Zukunft hat. Du gibst mir keine! Dann kannst Du mich auch nicht lieben. Jede Liebe braucht Hoffnung. Ohne sie sollte man alles so schnell wie möglich vergessen.

Am Freitag möchte ich Dich noch ein letztes Mal sehen. Wir werden uns nicht mehr schreiben oder anrufen. Es muss ein Ende sein, sonst verliere ich mich selbst! Du hast Deine Familie – sie wird Dich auffangen! Du wirst mich bald vergessen haben. Du brauchst mich nicht. Ich war nur ein bunter Punkt in Deinem Alltagsgrau.
Was aus mir wird…ich weiß es nicht?! Bin doch nur ein Häufchen Elend, das einen Menschen verliert, den es gar nicht besaß; eine leere Hülle werde ich sein, ohne Inhalt.

Es klingt paradox, aber ich mache Schluss, weil ich nicht mehr ohne Dich leben kann. Meine Liebe ist zu groß, meine Sehnsucht zu stark. Ich will nicht die Zweitfrau sein, mit der Du „nur“ Spaß haben willst. Zu Hause wartet Deine Ehefrau mit den Kindern, und wie es mir geht, wenn Du dort bist, interessiert Dich nicht. Du bist ein Egoist! Das ist keine Liebe wie ich sie verstehe.

Es bleibt nur noch, Dir ein Lebewohl zu sagen. Mehr kann ich nicht tun! Vielleicht darf ich am Freitag ein letztes Mal in Deine Augen sehen? Nie werde ich diesen Blick vergessen können. Ich habe sie so sehr geliebt, diese wunderschönen, braunen Augen. Lebwohl, mein Liebes! Lebwohl!“

„Mein Liebes, ich habe gerade Deinen Brief von gestern Abend gelesen. Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich fühle mich schlecht und böse wie ein kleines, unwissendes Kind, das nicht weiß, welche Folgen manchmal sein Handeln hervorruft. Wie jemand, der ein großartiges, wundervolles Geschenk aus Unfähigkeit und Schwäche zurückweist.

Ich habe versucht, Dich im Büro anzurufen, um Deine Stimme zu hören, aber Du bist nicht da. Ich bin allein. Ich sehe Deine Zeilen vor mir, lese sie wieder und wieder. Ich kann es nicht fassen, aber Du hast Recht: Ich kann diese Mauer im Moment nicht einreißen, weil sie zu mir und meinem Leben gehört. Es ist in höchstem Maße unfair von mir, Dich mit einem vagen Bild für die Zukunft beruhigen zu wollen. Aber ich habe kein anderes. Verzeih mir bitte! Ich war immer ehrlich und offen zu Dir, so offen und ehrlich, wie ich es noch NIE zu jemand war. Du bist mir so nah, wie ich noch nie einem Menschen gewesen bin (trotz der Mauer zwischen uns!). Aber das weißt Du schon seit langem.

Sind es wirklich erst drei Monate, seit wir uns kennen? Mir kommt es vor, als kennen wir uns schon seit Ewigkeiten. Mir geht es ganz genauso wie Dir: Mein Gefühl treibt mich zu Dir, jede Logik verbietet unsere Nähe. Du bist kein bunter Punkt in meinem Alltagsgrau. Du bist eine eigene, bunte und wunderschöne Welt, die meiner manchmal so sehr ähnlich ist, die ich so zu kennen glaube, als wäre es meine eigene.

Du hast mir erlaubt, Deine Welt kennenzulernen; Du bist sogar bereit, sie für immer mit mir zu teilen. Und ich? Ich kann Dir nichts geben, noch nicht einmal die Hoffnung, die ich selbst in meinem tiefsten Innern fühle. Ich kann sie Dir nicht mitteilen oder verschenken, weil sie nur IN mir ist. Ich will nicht, dass Du Dich verlierst, dass Du Dich an MEIN vages Bild verlierst, dass Deine schöne Seele vor Sehnsucht und Trauer verkümmert. Du bist in meinem Herzen, ich vergesse Dich nicht, aber Dein Glück darf nicht von mir abhängig sein. Ich bin es nicht wert von Dir geliebt zu werden, bis ich selbst bereit bin, die entsprechende Entscheidung zu treffen. Noch bin ich es nicht…verzeih mir! Dein K.“

Wir trafen uns vorläufig zum letzten Mal, doch dieses Treffen nahm einen unschönen Ausgang, über den ich hier nicht berichten möchte. K. schämte sich dafür, fühlte sich unmöglich und lächerlich, obwohl es eigentlich meine Schuld war.
Als er kurz vor fünf Uhr nach Hause gegangen war, wusste ich, dass es vorbei sein musste. Hier endete mein Traum…dachte ich!

Kleiner Rückblick – Unerreichbar

Fortsetzung Teil 34

Janus-Kopf, römische Mythologie, Gott des Anfangs und des Endes

Er hatte mich in seine Seele schauen lassen, und was ich dort sehen durfte, war Schönheit, Reinheit und Reife. Sie überstrahlte alle anderen, die ich kannte, bei weitem. Ich liebte ihn: seinen Körper, seine Seele und seinen Geist…immer mehr!
Am 18.08.06 schrieb er mir:

Mein Liebes, so viel Gutes und Besonderes siehst Du in mir? Du kannst nicht mich gemeint haben, als Du diese Zeilen schriebst. Ich bin nichts Besonderes und fühle mich beschämt, ja wirklich, das ist keine Koketterie. Aber es ist trotzdem so schön, so etwas von einem anderen Menschen, von Dir, meiner Liebsten, zu hören. Und ich möchte es immer wieder hören, auch wenn es egoistisch von mir ist. Es ist so schön!

Auch ich durfte etwas in Deine Seele schauen…und ich bin überwältigt (im wörtlichen Sinn) von der Stärke und Intensität Deines Gefühls, von Deiner Kraft, Deiner Stärke und…Deiner Sehnsucht. Ich bin jetzt schon seit Wochen vollkommen außerhalb meiner Mitte. Meine ganze Sicherheit, Kraft und Gelassenheit sind verschwunden und haben einer Verwirrung, Unruhe und Unsicherheit Platz gemacht, die ich bisher nicht gekannt habe. Alles dreht und bewegt sich, und ich habe das Gefühl, dass ich mitgerissen werde und nichts mehr mit meinen Augen um mich herum wahrnehmen kann. Alles verschwimmt, und ich treibe auf einem wilden Fluss, der mich in jede Richtung werfen kann. Ich kann seine Strömungen nicht beeinflussen, er wirft mich mal hierhin, mal dorthin, und ich kann nicht sehen, an welchem Ufer ich vorbei treibe, was sonst noch um mich herum geschieht. Ich sehe nur Dich und Deine Augen, Deine sehnsuchtsvollen, erwartungsvollen, tiefgründigen, geheimnisvollen Augen, in denen ich mich immer wieder verliere, in denen ich versinke, wie in diesem wilden, unberechenbaren, aber doch so schönen Fluss…

Ich habe Angst, meine Mitte nicht mehr finden zu können, meine Ruhe und innere Gelassenheit, meine Sicherheit und innere Kraft. Diese innere Kraft ist notwendig für mich, weil ich ohne sie nicht der bin, den Du kennst, den Du liebst und den Du so lieb, so ganz lieb beschrieben hast. Ich möchte wieder „schillernd“ für Dich sein, so wie Du es Dir gewünscht hat. Ich muss meine innere Ruhe wieder finden, damit ich Dich weiter festhalten kann, damit ich Dich als meinen festen Punkt im Wirbeln dieser Strudel sehen und zusammen mit Dir alle Wasserfälle und Klippen überstehen kann. Ich liebe Dich! Dein K.“

Aber K. hatte zwei Gesichter. Manchmal schäumte er über vor Gefühl und einen Tag später erschreckte er mich mit seinem Alltagsgesicht. Ein kleiner Macho steckt offenbar in jedem Mann, und in K. steckte ein besonders stures Exemplar. Dann war er ganz förmlich, wirkte distanziert, und ich spürte die Veränderung, die in ihm vorgegangen war.

Manchmal war er wie ein kleiner Junge, der gerade dabei erwischt worden war, wie er aus einem Marmeladeglas naschte. Wenn er davon erzählte, dass es ihm Spaß machte, mit seiner Frau zu schlafen, dann hatte er genau den Ton in der Stimme und das erinnernde Lächeln. Dann merkte er nicht mal, wie sehr er mich durch seine Offenheit verletzte, denn er hatte ja nur genascht, weil es ihm gerade Spaß machte. Auch, wenn meine Wunde danach blutete, konnte ich nicht böse auf ihn sein.

„…Das gilt für Dich ganz genauso wie für mich!!!“, schrieb er mir zurück. „Dann hast Du Deinen Goethe-Gesichtsausdruck und Deine Kant-Stimme. Diese Stimme tut mir dann immer sehr weh, weil sie dann sehr hart ist…
Wir müssen in der Tat behutsam und geduldig miteinander umgehen. Mit Geduld und Zeit…ohne Druck werden unsere Seelen Vertrauen finden!“ Dein K.

K. sagte mir, dass die wenigen Minuten des sexuellen Beisammenseins mit seiner Frau ganz unbedeutend wären. Bisher hatte ich mir eingeredet, dass er es mit ihr tun MÜSSTE, aber das stimmte nicht: Er WOLLTE es! Das kränkte mich ungemein und tat mir weh. Das hatte nichts mit besitzen wollen zu tun, sondern war für mich ein Zeichen von Liebe. Er verstand das nicht…oder wollte es nicht verstehen. Wenn ich ihn darauf ansprach, war es so, als belächelte er mich, weil ich mich als zweite Wahl fühlte.

„Mein Liebes, ich belächele Dich doch nicht, wenn Du Dich so quälst. Hältst Du mich wirklich für so herzlos und kalt?
Lachen ist nicht nur ein Zeichen von Freude und Glück. Bei mir ist es sehr oft der hilflose Versuch schwer zu Erklärendes, oder auch etwas, das ich selber nicht verstehen kann, zu überspielen. Es ist ganz sicher nicht gegen Dich gerichtet und schon gar nicht möchte ich mich über Dich lustig machen! Es zeigt nur meine Hilflosigkeit.

Ich weiß wie sehr Dich das quält, aber ich kann es nicht verstehen. Du bist natürlich keine „Zweite Wahl“, und ich werde Dich auch nie verletzen, indem ich Dich damit quäle. Ich habe es überhaupt nie vor Dir erwähnt. Aus diesem Grund habe ich Dir auch nie ein Bild oder auch nur den Namen meiner Frau gegeben. Du sollst in ihr keinen Feind und auch keine Konkurrenz sehen. Dazu gibt es nicht den geringsten Grund,…und ich bin es auch nicht wert…
…Das Licht in unseren Herzen ist der einzig zuverlässige Wegweiser, egal auf welchen Horizont wir uns zu bewegen. Ich denke immer daran, wie sehr Du mich liebst und ich Dich!
Kannst Du Dir vorstellen, dass Dein langer und so unendlich tiefer Blick vom Donnerstag für mich tausendmal mehr Bedeutung hatte, als jedes intime Zusammensein mit allen anderen Frauen davor und sogar mit Dir? Wahrscheinlich nicht! So unglaublich das klingt, aber für mich ist es so! Dieser Blick, unsere Reise in das Innere der Partnerseele – Deine und meine – hat nichts Erotisches, ist aber derart intensiv, dass ich es niemals vergessen könnte. So nahe war ich einem anderen Menschen noch nie!!! Und das ist unvergleichlich! Tausend Küsse für Dich! Dein K.“


Ich sollte seine Frau nicht als Konkurrenz sehen!? Ich bin immerhin 13 Jahre älter als sie, was nicht gerade zu meiner Attraktivität beitragen kann. Was sah K. in mir? Doch nur die Frau, die ab und zu mal im Schnelldurchgang drankommt. Und DAS konnte er nicht verstehen?

Der Liebesbrief – Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

„Mein Liebes, Deine Blicke sind für mich auch sehr erotisch und aufregend. Aber ich habe nicht diese Blicke gemeint, sondern diesen ganz speziellen, unendlich langen, intensiven, unvergleichlichen „Einsblick“ (ich habe kein anderes Wort dafür) vom letzten Donnerstag, als wir uns so, so nah waren, so nah, wie ich noch nie…und damit meine ich NIE (!)…einem anderen Menschen war.

Es war fast so, als ob wir beide eine gemeinsame Einheit, ein gemeinsames neues Wesen gebildet hätten….Wir waren wie ein Bogen, der noch unten geschlossen und verbunden, und nach oben offen, aber verbunden durch die Energie unserer Augen, dem Himmel entgegengestreckt war. Das ist nichts Sexuelles mehr, das ist Verbindung in schönster Vollendung. Das müssen wir erreichen! Das will ich mit Dir erreichen!

Das können wir auch jetzt schon, ohne dass wir uns gegenseitig BESITZEN müssen, und ich meine Familie verlieren muss. Dieses Gefühl mit Dir ist so wunderschön, so unvergleichlich. Wie schön, dass es so einen Menschen wie Dich überhaupt gibt!

Verzeih mir bitte, jetzt habe ich schon wieder alles verdorben, aber es ist ehrlich und kommt genauso aus meinem Herzen. Genauso jetzt in diesem Moment, und ich werde den Text auch nicht mehr verändern. Ich habe Dir versprochen, immer ehrlich zu sein, auch wenn es manchmal sehr weh tut. Verzeih mir bitte! Dein K.“

Ich konnte mich an diesen Blick erinnern. Nur SO konnte sich „Glückseligkeit“ anfühlen. Es war so schön, so tief greifend, dass es beinahe wehtat. Es war Liebe pur, ganz rein und voller Seelenverbundenheit! Er war wie ein Resonanzboden für mich.
Aber was er zum Schluss in diesem letzten Brief schrieb, machte alles zunichte!

Diese Liebe trug für ihn keinen Drang und Wunsch nach Erfüllung in sich, wie bei mir. Er nannte das „besitzen wollen“, was ich als eine normale Reaktion auf Liebe ansah. Nein, es war umgekehrt: Er sah seine Familie als Besitz. Die Kontrolle darüber wollte er keinesfalls verlieren. Er bildete sich ein, dort unabkömmlich zu sein. Diesen Besitz hatte er sich erzogen, erkauft und aufgebaut, und er sah es als Lebensaufgabe, wie ein König über sein Reich zu herrschen und alles zu kontrollieren.

Was erwartete er von mir? Sollte ich jedes Mal, wenn er bei mir war, meinen Verstand ausschalten und so tun, als wäre alles gut? Ich bin kein Mensch, der nur in der Gegenwart lebt und sie genießen kann, ohne nachzudenken. Er konnte es noch so schön umschreiben: Ich war und blieb doch nur die Affäre, „nur“ eine Liebe für die man sein Leben nicht ändern wird.

Er grübelte:

„Frage: Was kann ich Dir geben? Jetzt! In der jetzigen Situation und nicht erst später?
MEINE nichtkörperliche Liebe? – JA, ohne Einschränkungen!
MEINE Gedanken und Gefühle, meine Seele? – JA, ohne Einschränkungen (sie gehören Dir sogar im Traum)!
MEINE Briefe, unsere Gespräche? – JA, ohne große Einschränkungen (wenn man vom Wochenende absieht)!
MEINEN Körper, meine Anwesenheit? – JA, aber nur zeitweise, immer zu wenig und unter schwierigen, unschönen Bedingungen!
Frage: Welche Sicherheit kann ich Dir bieten?
MEIN Bild, dass wir irgendwann (wann immer das sein mag) zusammengehören werden. Und sonst, …nichts?
Frage: Womit wirst Du Deine Zeit füllen, bis ich Dir (vielleicht) GANZ gehöre?
Mit Sehnsucht (sehr schmerzhafter)!
Mit Angst (auch körperlicher)!
Mit Bitterkeit (und Verzweiflung)!
Mit Hoffnung!
Ein Goethe oder Kant würde vielleicht fragen: Was? Wozu? Ohne Sicherheit? Nur für Sehnsucht, Angst, Hoffnung und…vielleicht Erfüllung?

Wie würdest Du für Dich darauf antworten (nur logisch, nicht emotional)?“

Rein von der Logik her hätte ich es schon wegen des in Klammer gesetzten „vielleicht“ beenden müssen. Doch rein logisch müsste die Liebe siegen. Aber er liebte auch seine Familie (Frau inbegriffen). Demnach war der Versuch gescheitert, weil es ein sinnloses Warten auf einen Menschen gewesen wäre, der mit größter Wahrscheinlichkeit niemals zu mir gehört hätte.

Nach Werther:
„Ich kann nicht beten: „Lass mir ihn!“, und doch kommt er mir oft als der Meine vor. Ich kann nicht beten: „Gib mir ihn!“, denn er ist einer andern. Ich wälze mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir’s nachließe, es gäbe eine ganze Litanei von Antithesen.“

Ich dachte schon damals mit Grauen an die endlos lange Zeit ohne ihn. Ich wollte nicht ohne ihn leben. Die Angst, ihn zu verlieren, war allgegenwärtig. Wie konnte ich unter diesen Umständen noch auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm vertrauen!?

„Mein Liebes, ich vertraue auch auf unsere Zukunft – ohne jede Logik und Verstand, aber ich vertraue…und hoffe! Dein K.“

Er vertraute und hoffte? Worauf? Welch krasser Widerspruch steckte in diesen Worten! Er wollte doch gar nichts ändern, also konnte und durfte er auch nicht auf eine himmlische Fügung hoffen, die uns zusammenbringen würde. Worauf konnte er vertrauen? Jeder Mensch wählt im Großen und Ganzen die Wege selbst, die er gehen will. K. würde sich immer wieder für seine Familie und gegen mich aussprechen.
Sein „ich vertraue und hoffe“ war demnach nichts weiter als eine Phrase gewesen, die mich beruhigen sollte.
Ich fragte mich, ob er problemlos die nächsten 30 Jahre mit seiner Frau verbringen konnte, ohne unglücklich zu sein.
In dieser Zeit schrieb ich viele Gedichte, die das Unglück aus mir herauspressten, das ich empfand. Eines davon war dieses: Liebe

Heinrich Kley (1863-1945) – Kunsthalle Karlsruhe

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Eine Liebe nur

Fortsetzung Teil 33

Das „Wie lange ich das durchhalte“ stand dabei in einem krassen Vergleich zu „Wie würde ich es ohne ihn aushalten“ oder einem „Lieber alleine, ohne Höhen und Tiefen, dafür aber leer“.

Ich träumte ja sogar schon von einer Heirat mit ihm, obwohl er noch gar nicht an die Scheidung seiner jetzigen Ehe gedacht hatte. Eine Hochzeit in Weimar! Ich versuchte eine Türe zu öffnen, obwohl das Haus dazu noch gar nicht erbaut worden war. Trotzdem malte ich mir in wunderschönen Farben unseren gemeinsamen Tagesablauf aus und kam mir dabei keineswegs verrückt vor.

Je größer meine Hoffnung auf ein gemeinsames Leben über allem schwebte, umso größer wurden auch die Ängste, es könnte sich nicht erfüllen. Dies wiederum steigerte meine Befürchtung, K. wieder zu verlieren, bis auf ein unerträgliches Maß, und er brachte mich bei fast jedem Treffen schmerzlich auf den Boden der Tatsachen zurück, indem er mir klar machte, dass er es als seine Lebensaufgabe ansah, für seine Familie da zu sein. Seine Ehe gab ihm den zweckdienlichen Rahmen für seine Kinder, und er betrachtete sie nicht als gescheitert.

Es rumorte in mir! Für diese andere Kollegin hatte er sich vor einigen Jahren von seiner Frau trennen wollen. Ich versuchte das zu verstehen, aber auch seine Erklärung hinterließ ein großes Fragezeichen in mir.

„Mein Liebes“, schrieb er, „Du fragst danach, warum ich vor einigen Jahren meine Familie verlassen wollte und nicht jetzt. Die damalige Situation und die heute sind absolut nicht vergleichbar, zumal es damals und auch sonst noch nie jemanden wie Dich gab, der mich hätte so auffangen können, wie Du es für mich tun würdest. Da bin ich mir ganz sicher! Damals hatte mich meine Frau so sehr verletzt, dass ich zu-nächst keinen Sinn mehr sah. Da sie aber mich und ich sie immer noch liebte, blieben wir zusammen, zumal sie eigentlich fast keine persönliche Schuld hatte. Niemand war schuld, es waren die Umstände.
Bitte quäle Dich doch nicht so! Der weibliche Moqui-Stein wird niemals zerfallen. (Ich hatte ihm einen männlichen und einen weiblichen Stein geschenkt) Die beiden Steine… und wir gehören zusammen. Es wird auch keine nächste Frau nach Dir in meinem Leben mehr geben. Ganz sicher nicht! …Ich liebe Dich, ich brauche Dich und werde Dich niemals aufgeben, auch wenn Du Dich von mir trennen würdest. Wir sind ganz tief und fest miteinander verbunden. Genau wie Du es beschrieben hast. Dabei spielt die Zeit und die Entfernung keine Rolle. Das Gefühl wird zwar manchmal weg sein, wenn ich abgelenkt bin, aber es wird immer wieder mit absoluter Sicherheit zurückkommen, sobald die Ablenkung vorüber ist. Dann wird es umso intensiver sein. Du bist ein Teil von mir, und ich möchte ein Teil von Dir sein! Bitte gib mir Zeit! …Ich liebe Dich, mein Schatz! Dein K.“

Moqui-Marbels, Quelle: Wikipedia

Nein, ich konnte ihn nicht loslassen! Meine Empfindungen sagten mir, dass er ein wunderbarer Mensch ist – so anders als andere. Er hätte eine reine Seele. Ich empfand ihn als meinen Mann, meinen Seelenpartner…meine große Liebe. Auch eine jahrzehntelange Ehe konnte daran nichts ändern.

„Wie töricht sind die Menschen, die glauben, dass die Liebe die Frucht eines langen Zusammenlebens ist und aus ständiger Gemeinsamkeit hervorgeht. Die Liebe ist viel mehr die Tochter des geistigen Einverständnisses, und wenn dieses Einverständnis nicht in einem einzigen Augenblick entsteht, so wird es weder in Jahren noch in Jahrhunderten entstehen.“ – So hat es der Prophet Khalil Gibran sehr genau beschrieben.

Am folgenden Wochenende fuhr er ins Saarland, um seine Eltern zu besuchen. Wieder einmal hielt mir die Realität meinen Status vor Augen, denn seine Frau und die Kinder fuhren natürlich mit. Ich saß derweil allein zu Hause und grämte mich deswegen.
„Vielleicht werde ich seine Eltern niemals kennenlernen!“, ging es mir durch den Kopf.

Ich lenkte mich ab, so gut es ging, doch die Stunden vergingen im Schneckentempo. Leer und alleine fühlte ich mich. Einziger Trost war die Pilzinfektion, die ihn davon abhalten würde, mit seiner Frau zu schlafen.

In dieser Situation begann ich mich wieder und wieder zu fragen, was ich für ihn bin. Ich war doch nur eine Frau für gelegentliche Treffen. Wie quälend war das!
Wie hatte er es formuliert: „Egal, wie meine Entscheidung ausfällt, sie wird nie gegen Dich sein!“

Montags schon kehrte er zurück, und wir trafen uns zu einem Spaziergang in den Rheinauen, der leider im Regen endete. Hinterher schrieb er mir:
„…Es ist einfach wunderschön, mit Dir zusammen zu sein. Die Zeit vergeht wie im Fluge und an den Regen am Ende werden wir uns noch nach Jahren erinnern. Wie sehr ich Dich begehre, wenn Du lachst und so bist wie Du bist – ohne Grübeln und Nachdenken, mit klaren, leuchtenden Augen, die so unendlich tief blicken lassen, in denen ich immer wieder versinke und mich so wohl fühle.

Du hast recht, rein logisch und verstandesmäßig gesehen, wäre es nicht sehr sinnvoll, meine Familie, meine Kinder und meine Frau aufzugeben. Ich liebe meine Kinder, ja, ich liebe auch meine Frau (verzeih mir bitte), aber ich liebe auch Dich. Nicht, weil ich ein Abenteuer suche, auf neue Entdeckungen aus bin oder eine Abwechslung brauche, sondern weil Du es bist. Zu Dir zieht es mich mit jeder Sekunde mehr und mehr. Du bist meine verbundene Seele. Wir werden DEN Weg finden, der gut für uns ist. Fühle Dich für nichts schuldig, was Du fühlst, wenn Du mir so vieles gibst. Ich bin der Schuldige! Bitte gib mir Zeit! Ich werde spüren, wenn es soweit ist. Hab’ keine Angst!“

Doch, ich hatte Angst! Auch, dass K. die Traurigkeit, die zeitlebens in mir war, nicht lieben konnte. Auch DAS war mein Gesicht. Mein Vater hatte mich deswegen gehasst.
Als mir K. vor Jahren von einem Kollegen vorgestellt worden war, hatte ich auf ihn den Eindruck einer total selbstsicheren, von sich selbst überzeugten Frau gemacht, die nichts und niemanden an sich heran lässt, weil sie ihr Leben vollkommen beherrscht. Wirklich eine „Madonna“, die sich selbst genügt.

Jetzt wusste er, wie sehr er sich getäuscht hatte. Ich war ganz und gar nicht selbstsicher – im Gegenteil. Ach, ich hatte so viele Fragen an ihn und bekam keine Antwort, die mich in irgendeiner Weise hätte zufriedenstellen können. Es gab keine Lösung, keinen Ausweg aus unserer Situation. Suchte K. danach, oder war es ihm möglicherweise sogar gleichgültig? Ganz gleich, wie ich lange ich grübelte, ich drehte mich im Kreis. Irgendetwas an K. Verhalten empfand ich als vollkommen widersprüchlich.

„Guten Morgen, mein Liebes, Deine Fragen belasten mich sehr. Du wirfst mir vor: „Ich kann nicht verstehen, wie Du vor Deiner Familie so tun kannst, als würde ich gar nicht existieren, obwohl ich, wie Du sagst, ständig in Deinen Gedanken bin. Es fällt Dir anscheinend noch nicht einmal schwer, Dieses Verhalten passt nicht zu Dir! Wie kannst Du so sein?“ Du hast Recht, und es gibt nur eine einzige Schlussfolgerung daraus: Ich muss schlecht und böse sein!

Es ist wirklich so, wie Du schreibst: Wenn ich bei meiner Familie bin, bin ich zu 100 % bei ihnen (obwohl Du ständig in meinen Gedanken bist), wenn ich dagegen in Deiner Nähe bin, bin ich auch genauso vollkommen bei Dir. Ich gehöre Dir dann ohne Einschränkungen. Verzeih mit bitte, ich liebe meine Familie, meine Frau UND Dich. Ich weiß, dass Du das nicht verstehen kannst, aber für mich ist es die Wahrheit, aus meinem tiefsten Herzen. Wenn ich nicht „diesen Schalter“ umlegen könnte, wäre es für mich auch unmöglich so zu leben. Ich kann diesen Schalter aber nur umlegen, solange ich aus vollem Herzen liebe, aus meinem tiefsten Innern heraus.

Du verlangst immer wieder eine Entscheidung. Du legst immer wieder Deinen Finger in meine Wunde. Ich verstehe Dich! Aber warum gibst Du mir keine Zeit? Was soll ich tun? Ich will nicht böse und schlecht sein! Solange ich euch beide von ganzem Herzen und ehrlich liebe, fühle ich mich auch nicht als böse, obwohl ich oft ein schlechtes Gewissen habe. Dein K.“


Ich habe diesen Brief oft gelesen, aber ich konnte es nicht nachvollziehen, wie man zwei Menschen gleichzeitig und von ganzem Herzen lieben kann.
Unsere Beziehung würde sich also auch weiterhin mager aus kurzen Impressionen nähren, niemals aus einem wirklichen Erleben heraus. Er wollte beides: seine Frau und mich!

Dann hatte er mir durch seine vielen schönen Worte nur Hoffnungen machen wollen?! „Ich WERDE Dich abholen; Du wirst Dein Zuhause finden!“, waren DAS etwa keine?

Einige Tage waren vergangen, und die Pilzinfektion gehörte der Vergangenheit an. Nicht aber mein Verlangen nach körperlicher Vereinigung mit K., die immer noch nicht stattgefunden hatte. In meiner Vorstellung würde sie mir ein weiteres Stück Glückseligkeit bieten…etwas Besonderes, das mir noch kein anderer Mann hatte geben können.

Doch fielen unsere „Vereinigungen“ nicht als solche aus, und ich dachte, dass ich ihm nicht das geben könnte, was er braucht. Irgendwie überkam mich das Gefühl, dass ihm unsere Verbindung zur Last geworden war.

Ich war ja selber schuld daran, weil ich ihm ständig und in allem Druck machte…vielleicht auch in sexueller Hinsicht!? Ich erwartete von ihm, dass es funktionieren müsse, wenn von mir ein bestimmter Knopf gedrückt wird, aber er war keine Maschine, sondern ein sensibler Mensch.

„Liebes“, schrieb er mir, „warum sollte ich denn Schluss machen wollen??? Wieso denn nur? Du bist manchmal wirklich sehr seltsam. Vergiss Dein „komisches Gefühl“! Wie kommst Du bloß darauf? Du schreibst Unsinn! Du bist mein Schatz, meine verbundene Seele, der Mensch, mit dem ich am Meisten fühle… und der für mich am Meisten fühlt! Alles ist GUT!!! Ich liebe und küsse Dich! Es gibt nicht den geringsten Grund Angst zu haben! Dein K.“

Dann folgte während eines Telefongespräches eine unüberlegte Äußerung von K., die mich verletzte; dann zog er sich mehr und mehr zurück.

Ich überschüttete ihn nach wie vor mit Briefen, seine wurden rar und waren längst nicht mehr so liebevoll wie am Anfang, was meine Ängste nur noch mehr schürte. Ich hatte Angst… ganz große Angst, vor dem was kommt!

Darauf reagierte er prompt:
„Mein Schatz, diese Angst MUSS verschwinden!!!
Sie wird Dich sonst zerstören – und sie wird unsere Liebe zerstören. Es darf nicht sein, dass Dein Körper leidet, nur weil Du Angst hast, mich zu verlieren. Es gibt nicht den geringsten Grund für diese Angst. Du wirst mich NIE verlieren. Auch wenn ich nicht in Deiner Nähe bin, Dich im Arm halten und sehen kann: Ich bin immer bei Dir. Das ist kein leeres Wort! Du musst mich nicht besitzen, um mir nahe zu sein. Und ohne Besitz gibt es auch keinen Verlust! Es genügt, dass wir beide wollen, dass wir uns nahe sind. Dann sind wir es auch. Dann spielt es auch fast keine Rolle mehr, ob wir zusammen leben und gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen machen werden oder uns NUR aus der Ferne lieben. Verzeih mir bitte, ich weiß, dass Du das im Moment nicht akzeptieren kannst und wirst…

Du MUSST Vertrauen und Sicherheit finden, auch wenn Du das scheinbar bisher nicht gekannt hast. Dir hilft es vielleicht, wenn Du Dir klar machst, dass Du an Vorherbestimmung durch eine „höhere“ Macht glaubst. Ich tue das nicht im gleichen Maß wie Du, aber wenn Du daran glaubst, musst Du auch das Vertrauen und die Sicherheit finden, dass sich alles letztendlich zum Guten verändern wird. Ganz egal wie das Gute am Ende aussehen wird. Habe Vertrauen, weil die Angst KEINE Alternative ist!


Sei sicher: Wenn Du diese körperliche Angst nicht loswerden kannst, werde ich mich vorher von Dir trennen! Du darfst nicht durch mich zerstört werden! Du bist viel zu kostbar und wertvoll!

Sei sicher: Wenn Du diese körperliche Angst nicht loswerden kannst, werde ich auf meine Liebe zu Dir verzichten, um Dich (und mein Gewissen Dir gegenüber!) zu schützen. Es würde Dir und mir dann zwar einen entsetzlich tiefen Schmerz verursachen, von dem wir zunächst glauben werden, dass wir nicht weiterleben können, aber wenn wir dieses Gefühl überwunden hätten, würden wir weiterleben. Unglücklich zwar, aber lebendig, weil wir die Verpflichtung dazu haben. Wir müssen es, weil wir dazu bestimmt s
ind, zu leben.

Sei sicher: Du wirst diese körperliche Angst überwinden, sobald Du Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit und Gelassenheit hast. Ich werde IMMER bei Dir sein, auch wenn ich Dich nicht immer in den Armen halten und Dir in die Augen sehen kann. Du KANNST mich und ich Dich gar nicht verlieren, weil wir verbunden sind, für IMMER! Ich liebe Dich! Dein K.

Carlos Schwabe 1866-1926

Seine Worte hatten mich tief getroffen. Ich schrieb das Gedicht „Eine Liebe nur“, um sie zu verarbeiten. Die Verse endeten mit:

Nicht schwer sein soll Dein Herz,
denn Du verlierst ja nichts:
Ich war nur eine Liebe
und nicht Dein Besitz!

Er antwortete völlig geschockt:
„Mein Liebes, „nur“ eine Liebe? Es bricht mir das Herz! Es muss einen Ausweg, eine Möglichkeit für unsere Liebe geben, ohne Schmerz, Ende und Zerstörung! Wir müssen einen Weg finden! Morgen darf kein Abschied werden, ich habe keine Kraft mehr…“

„Was man nicht besitzt, kann man auch nicht verlieren! – Deine Worte!“, schrieb ich ihm zurück. „Nein, Du willst nicht mein Mann sein – ich weiß es jetzt. Das war deutlich! So etwas bricht MIR das Herz! Diesmal hast Du Deinen Finger sehr tief in MEINE Wunde gelegt.

„Nur“ eine Liebe steht gleichwertig für den „Verlust, den ich ja gar nicht erleiden würde, weil Du überhaupt nie zu mir gehört hast“. Ich gehöre nicht zu Dir. Warum lässt Du mich das immer wieder spüren? Zu wem sollte ich denn sonst gehören? Für MICH bist Du die größte Liebe meines Lebens, und ich wünschte mir einen Anfang in Freuden und Glück mit Dir, den Du nicht zulassen willst. Wenn Du aus Deinem Denken und Handeln alle „unsere“ Zukunftsgedanken verbannst, können sich auch keine manifestieren, weil Du sie niemals zulassen wirst.“

Ich wusste, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Wir waren erst am Anfang und doch war das unvermeidliche Ende schon sichtbar. Er wollte nichts ändern, also lastete die Entscheidung auf mir. Entweder trat ich in den Hintergrund, oder ich setzte ihn so sehr unter Druck, dass ich ihm die Luft zum Atmen nahm. Ich wollte ihm nicht schaden. Keinesfalls wollte ich das! In den Hintergrund hätte ich treten sollen und mich ein wenig zurücknehmen, aber es gelang mir nicht.

Wird fortgesetzt…