Kleiner Rückblick – unbekanntes Pflänzchen

Fortsetzung Teil 32

Obwohl wir Anfang Juli auf meinem großen Bett gelegen hatten, hatten wir immer noch nicht richtig miteinander geschlafen. Es war damals mehr ein Vorspiel gewesen.
In diesem Ereignis sah K. den Auslöser für die Sehnsucht, die mich nun quälte. Deshalb hatte er es sich in den Kopf gesetzt, es mit mir ein weiteres Mal nur in freier Natur zu tun, und das sollte erst im nächsten Jahr in Weimar passieren!
Bevor er diese plötzliche Erkenntnis hatte, war er mit dem Fahrrad herumgefahren, um für uns nach einem geeigneten Ort zu suchen.

„…A. und ich waren heute mit dem Fahrrad unterwegs“, schrieb er mir am 30. Juli 2006. „Ich habe überall gesucht, wo es einen schönen Ort, nur für uns beide, geben könnte. Ich habe leider noch nichts Gutes gefunden, wo wir uns wohlfühlen könnten. Aber ich suche weiter! Kennst Du einen Ort „mit Ausstrahlung“ hier in der Nähe, der für unser erstes Mal geeignet wäre?“

Was sollte das?! Ich versuchte, es ihm auszureden. DRAUSSEN? Das ging gar nicht! Das lehnte ich ab, doch er suchte tausend Argumente dafür.

Ich bin kein Mensch, der ohne Aussicht auf Erfüllung lange warten will. Auch beim nächsten Treffen kamen wir uns nicht näher. Es wäre ein wundervoller Nachmittag geworden, wenn mir K. nicht seine Pilzinfektion hätte beichten müssen. Er hatte sich im Urlaub bei seiner Frau angesteckt.

In diesem Moment fiel mir meine Naivität wie Schuppen von den Augen, und ich sah voller Entsetzen, was ich meiner Seele in dieser Situation antat. Ich versuchte, K. gegenüber meine Bestürzung zu verbergen, doch ich konnte das nicht so ohne weiteres wegstecken. Es tat zu weh!

Was hatte ich überhaupt zwischen K. und seiner Frau zu suchen!? „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weibes!“, ordneten die zehn Gebote an. Sicher galt das auch für „Deiner Nächsten Mann“. Zur Zeit Moses wäre ich wohl für dieses Vergehen gesteinigt worden!

K. vollzog den ehelichen Verkehr mit seiner Gattin, als würde es mich gar nicht geben. Kein einziger Gedanke galt dann mir und unserer Liebe.

„Es wird alles gut werden!“, beschwichtigte er mich. „Wir werden zueinander finden und eines Tages nebeneinander aufwachen, und Du wirst von DEINEM SCHÖNEN TRAUM erzählen. Du wirst zu Hause ankommen. Sei sicher: Es wird so kommen!“
Ich hatte fortan schlaflose Nächte, wachte mitten in der Nacht auf und konnte nicht wieder einschlafen.
Wann wird dieses „Irgendwann“ sein, das er beschrieb? Für mich war das der Name des Zuges, der schon längst abgefahren war.
K. glaubte nicht an die Aussage der Wahrsagerinnen, die durchaus eine Zukunft für uns sahen.

„…aber ich WILL es in diesem Fall glauben“, schrieb er mir Anfang August. „Keine Ahnung wie und in welcher Form, aber ich möchte DEIN ZUHAUSE sein.
Für mich ist die Zeit, in der ich Dich nicht sehen kann, keine „tote Zeit“. Du bist immer da, auch wenn ich Dich nicht sehen kann. Wie hast Du denn gelebt, als wir uns noch nicht gekannt haben? Um wie viel schöner ist es jetzt für Dich, wenn wir uns kennen und zumindest von Zeit zu Zeit (natürlich immer viel zu kurz und immer unter äußeren Zwängen) sehen können? Ist es jetzt nicht besser als vorher, als Du ‚nur’ Dein Leben gelebt hast? Sicherlich ist unser Leben jetzt schwerer, aber auch um so vieles schöner geworden! Dieses Zittern und Bangen, dieses tiefe Atmen bevor und während ich mit Dir spreche (auch wenn es nur am Telefon ist), diese Unruhe, bis ich Dich in den Armen halten kann, Dein Stöhnen, wenn Du Dich erregst, Dein „Schnurren“, wenn ich Dich streichle, Dein spitzbübisches Gesicht, als Du mich „entführt“ hast, das Strahlen in Deinen Augen, als wir im Kloster Kamp waren, Dein schneller, stolzer und zunehmend sicherer Schritt zusammen mit mir, Arm in Arm, mit mir, als dem Mann an Deiner Seite! …“


Hierzu fällt mir wieder diese Betrachtung ein:

Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet finden, dass nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.

Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen, und ihr werdet sehen, dass die Wahrheit um das weint, was euch Vergnügen bereitet hat.

Einige von euch sagen: „Freude ist größer als Leid“, und andere sagen: „Nein, Leid ist größer.“

Aber ich sage euch, sie sind untrennbar.

Sie kommen zusammen, und wenn einer allein mit euch am Tisch sitzt, denkt daran, dass der andere auf eurem Bett schläft.

Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude.

Und wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht.

Khalil Gibran 1883-1931

Der Prophet brachte es genau auf den Punkt: Ohne K. war mein Leben zwar im Gleichgewicht, aber vollkommen leer gewesen. Nur Liebe hatte diese Leere füllen können. Ohne Liebe verläuft alles ohne Höhen und Tiefen…ein weitgehend freudloses Dasein, ohne tiefes Glücksempfinden.

Damals wollte ich nicht verstehen, dass ich umsonst um K. kämpfte. In mir fraßen Verlust- und Zukunftsängste gleichermaßen. Er wollte seine Familie nicht verlieren und ich nicht den Glauben an die Liebe und an eine Zukunft mit ihm. In jedem neuen Brief überhäufte ich ihn mit „W“-Fragen. Mein Forschen nach dem Weshalb, Wieso, Warum und Wann, um mir selbst Klarheit zu verschaffen, machten ihn mürbe.

Ich glaube ihm, dass er mich irgendwie geliebt hat, trotzdem waren meine Nähe und das gemeinsame Erleben für ihn nicht wichtig. Sein Bestreben, „GUT“ für mich zu sein, bezog sich NUR auf meine sexuellen Erfordernisse, nicht auf meine Seelen- und Lebensbedürfnisse. Immer mehr verschloss er sich vor mir und wich zurück, wenn wieder eine solch gefürchtete Frage von mir ausgesprochen worden war, die er selbst nicht beantworten konnte.

Tief in meinem Innern rief eine laute Stimme „Ihr gehört zusammen!“ – Oder war es etwa mein Ego, das rief? Oder war es wie ein gewonnener Kampf, wenn er sich endgültig für mich entscheiden würde, und dass ich dann jedes Interesse an ihm verlor? Ich konnte ihn nur als meinen Mann sehen und nicht nur als meinen Liebhaber, der bei Gelegenheit Zärtlichkeiten mit mir austauschte. So verrückt das auch sein mochte.

Jedenfalls trug mich unsere Verbindung in eine romantische Gefühlswelt, die ich bisher nicht kannte.

Ich schrieb ihm: „Es darf kein Tag vergehen, an dem wir uns nicht gegenseitig unsere Liebe spüren lassen! Das darf niemals einschlafen! Wir dürfen nie vergessen, etwas dafür zu tun. An jedem Tag, wieder und wieder… damit wir das Glück erhalten, das uns geschenkt worden ist.

Du bist wie ein schöner, großer, geheimnisvoller Garten für mich, den ich ganz neu entdecken will, mit all seinen seltenen Pflänzchen darin. Was wärst Du für eine Pflanze? Das Pflänzchen „Sonnentau“, das manchmal gar nicht so lieb ist oder eher die schöne Dahlie, die keiner frostigen Nacht standhält…, vielleicht das bescheidene Veilchen, das irgendwo ganz versteckt aus purer Lebensfreude heraus die herrlichsten Blüten treibt?

Quelle: Wikipedia, Fleischfressende Pflanze „Sonnentau“

Irgendwann sollte ich K. meinen schönen Traum erzählen? Es gab keine schönen Träume für mich. Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich noch nie einen solchen Traum geträumt. Im Gegenteil: Wenn ich träume, dann waren es oft bedrückende Dinge, die ich sah. Seit meiner Jugend hatte ich ein und denselben Traum, der immer wiederkam: Ständig irrte ich des nachts alleine umher, in meist fremder, dunkler Umgebung. Ich versuche, nach Hause zu kommen, doch es gelang mir nicht.

Seitdem habe ich Angst, im Dunkeln draußen alleine zu sein. Es ist dann so, als würde mein Alptraum Realität werden. Wenn ich diesen Traum habe, macht er mir Angst. Dann stehe ich an Bushaltestellen und alle Busse fahren vorbei, ohne mich mitzunehmen, oder ich finde mein Auto nicht wieder; manchmal fahre ich im Dunkeln mit dem Fahrrad umher und kann den Weg nicht finden.

Das ist schlimm für mich! Das macht mir jedes Mal bewusst, dass ich im Leben alleine bin und niemanden habe, zu dem ich gehen könnte oder zu dem ich gehöre. Dann fühle ich mich verlassen, wie ein kleines Mädchen, das seine Eltern sucht.

Schon als Kind hatte ich diese Träume gehabt: Ich betrat den Hof meines Elternhauses, und als ich darauf einige Schritte gegangen war, kamen ganz hinten aus der Rosenlaube des Gartens wilde Tiere, meist Löwen und Tiger, auf mich zu gerannt. Ich versuchte ins Haus zu flüchten und rüttelte voller Angst an die rote Holztüre im Anbau, doch niemand öffnete mir.

K. versuchte, mir diese Angst zu nehmen:
„Mein Liebes…Du schreibst, dass Dein Traum Dir immer wieder zeigt, dass Dich Deine Eltern nicht wollten und Du ganz alleine auf der Welt bist.
Du bist nicht alleine! Ich BIN bei Dir, und ich WERDE Dich abholen! Du wirst Dein Zuhause finden! Bitte schenke mir Zeit und dränge mich nicht (zu sehr). Ein bisschen Drängen ist bei mir ganz gut, weil ich manchmal etwas „Anschub“ brauche, um etwas auf die Reihe zu bringen. Aber wirklich nur ganz wenig. Wenn es zu viel wird, zerbreche ich… und zerstöre mich eher selbst.

Du hast Dich gefragt, welche Pflanze ich denn sein könnte. Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Es gibt bei vielen Indianerstämmen einen Brauch, in dem die jungen Männer ihr „Symboltier“ finden müssen, bevor sie als Erwachsene aufgenommen werden. …Ich habe mein Symboltier gefunden, als ich einmal mit hohem Fieber im Bett lag. Es ist die Eule. Sie lebst versteckt im Wald, fliegt fast lautlos, ist selbst fast unsichtbar, sieht und hört aber selbst alles sehr genau, sie ist schnell, geschickt und auch stark, aber sie ist auch ein Raubtier. Mir kommen immer die Tränen, wenn ich im Zoo die Eulen sehe: eingesperrt, nur zum Sitzen, Warten, Fressen und Schlafen verurteilt. So eine Eule will ich niemals sein.

…Natürlich würde ich einsam sein, ohne Dich! Gut, dass es Dich gibt, und ich Dich kennengelernt habe. Jetzt, da ich weiß, dass es einen solchen Menschen, wie Dich auf dieser Welt gibt, würde ich einsam sein, ja, sehr einsam und alleine. Vorher hätte ich mir das nicht vorstellen können. …Dein unbekanntes Pflänzchen.“

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Nein, eigentlich wollte ich ihn zu nichts drängen, aber es lag in meiner Natur, nur wenig Geduld zu haben. Er sollte frei sein, in seiner Entscheidung, denn es war ja schließlich sein Leben, über das er entscheiden musste. Ich wollte ihm Zeit geben!

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Rheinaue

Fortsetzung Teil 31

Foto: Gisela Seidel

Wir sahen uns wenig später wieder und standen uns zitternd gegenüber. Dann fuhren wir zu einem Spaziergang in die Rheinaue, an meinen Kraftort, den er noch nicht kannte. Dort saßen wir auf einer Bank und küssten uns immer wieder und wieder. Es war ein schöner Sonnentag, und ich war glücklich. Dennoch wirkte K. irgendwie distanzierter als vor dem Urlaub auf mich.

Foto: Gisela Seidel, Rheinaue in Duisburg-Friemersheim
Foto: Gisela Seidel

Es folgte ein Treffen bei mir zu Hause. Ich hatte eine ungestillte Sehnsucht in mir und wollte nichts als seine Nähe, doch er beachtete mich gar nicht. Küsse erwiderte er wie ein Automat, aber sonst berührte er mich nicht ein einziges Mal. Als ich ihn schließlich überredet hatte, sich zu mir aufs Bett zu legen, lag er da, bewegungslos wie ein Stein und ließ sich von mir befriedigen. Da merkte ich, dass nicht nur EINE Frau zwischen uns lag, sondern sogar zwei weibliche Wesen, die absolute Macht über ihn hatten: seine Frau und seine Tochter. Danach folgte sein verletzendes Geständnis: „Meine Frau ist auch zärtlich!“
Er hatte ein schlechtes Gewissen… auch seiner Tochter gegenüber. Das verstand ich nicht. Man kann seine Kinder lieben, aber sich ihnen zu unterwerfen, das war sicherlich nicht so gedacht.
Ich fühlte mich minderwertig. Mir schien es so, als sei K. Liebe für mich in Kroatien auf der Strecke geblieben.

„Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter!“, dachte ich enttäuscht. Und genauso war es auch: Er hatte im Urlaub natürlich mit seiner Frau geschlafen. Das brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück!

Dazu gestand er mir:
„.. Ich habe Dich gestern aus einem ganz anderen Grund nicht berührt: als Du mich auf dem Bett geküsst hattest und ich „fertig“ war, hatte ich natürlich auch ein schlechtes Gewissen, weil ich mein Versprechen meiner Frau gegenüber gebrochen hatte, aber das war es nicht. Ich war sehr unglücklich, und ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen, weil mir in den Sinn kam, was Du jetzt von mir denken musst. Ich war vor Dir fertig! Ich hatte ein schönes Erlebnis, ich hatte einen Vorteil dadurch, dass ich untreu war. Würdest Du nicht später immer denken: „Wenn er jetzt untreu ist, dann wird er später bei mir auch untreu sein, obwohl er sein Versprechen gegeben hat?“ Ist es nicht so?
Wenn ich dagegen nur DICH berühren würde und alles für Dich tue, wäre es für mich tausendmal leichter, weil ich dann keinen eigenen Vorteil davon habe. Mein Gewissen wäre dann überhaupt nicht (oder zumindest fast nicht) belastet. Ich tue es dann für DICH und NUR für Dich. Und das wäre gut, und ich kein schlechter Mensch. Alles wäre schön! Das wäre die Lösung, …aber ich weiß, auf die Dauer wirst Du Dich damit nicht zufrieden geben (können): Du willst ausschließlich geliebt werden – ohne wenn und aber! Du willst die Einzige sein, die von mir geliebt wird, und Du willst die Einzige sein, die mich liebt. Ich habe Dich schon verstanden … Ich bin voller Liebe für Dich! Dein K.“


Wie sollte ich DAS verstehen? Das würde bedeuten, dass er nur noch mit seiner Frau „richtig“ schlafen würde! Versuchte K. mir etwas zu verbergen? Vielleicht war es ihm gar nicht möglich, „normal“ mit mir zu schlafen!?

„Mein Liebes, keine Sorge! Es geht schon auf dem ganz „normalen“ Weg. Das ist überhaupt nicht das Problem. …Das liegt – für mich – irgendwo anders. Du schreibst:
„Ich könnte es niemals ertragen, wenn Du mit ihr „Eins“ sein würdest. MEIN Mann wird nur mit mir „Eins“. Das ist für mich wie eine geweihte Handlung. Da gibt es keine Ausnahme!“
Das ist etwas, das ich nicht verstehen kann! Nein, verstehen kann ich es schon, aber ich bin nicht damit einverstanden! Da sind wir verschieden – trotz vieler Gemeinsamkeiten. Du fragst, ob ich mit meiner Frau so eng verbunden bin wie mit Dir? Willst Du das wirklich wissen? Du hast mir einmal gesagt, dass Du nichts über sie wissen willst, weil es Dir wehtun würde. Willst Du es wirklich wissen?“

Inzwischen hatte ich ihm seinen Stein mit der Hauspost in der Firma zurückgeschickt. Seinen Brief musste ich erstmal ‚verdauen‘. Er war ja nicht MEIN Mann, also konnte er mit seiner Frau schlafen, wann immer er wollte. Ich hatte kein Recht dazu, ihm das zu verbieten. Wie immer suchte ich nach Entschuldigungen für ihn, streichelte ihn mit Worten und tat alles, um ihn glücklich zu machen, obwohl es gleichzeitig mein Unglück war und mir ein riesiger Kloß im Hals saß. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Am nächsten Tag schrieb er mir:
„…Ich bin so froh und glücklich, dass Du versuchen willst, mich nicht ganz ausschließlich zu besitzen. Ich bin sowieso ganz voll von Dir. Jede Faser meines Körpers hängt in irgendeiner Weise mit Dir zusammen, obwohl ich nicht erklären kann, auf welche Weise dies geschieht. Es ist ganz einfach so! Wenn Du es wirklich versuchen willst, fällt mir ein riesiger, großer Felsbrocken von meinem Herzen. Ich glaube ein bisschen zu verstehen, wie schwer Dir das fallen muss. Nun kann ich wieder tief atmen; ich fühle mich glücklich und frei und kann auch wieder klarer denken. Alles wird sich finden… es gibt für alles eine Zeit! Ich küsse, küsse und küsse Dich ohne Ende! K.“

Ich wollte es wirklich versuchen und nicht mehr darüber nachdenken, was er zu Hause tat. Aber ich tat es trotzdem irgendwann, und es war dann so schwer, dass ich zur Toilette rennen musste, weil sich mein Magen herumdrehte. Eigentlich ein guter Grund Schluss zu machen, aber ich brachte es nicht übers Herz, in den ‚kalten Entzug‘ zu gehen.

Ich machte für ihn viele Fotos von mir, und er schickte mir seinen Stein zurück.

Seifenstein Karneol

Er schrieb:„… Ich wiederhole mich, aber eines ist mir gestern und vorgestern klar geworden: Wir müssen nicht nur miteinander reden, schreiben, uns sehen und berühren, sondern auch jeder für sich aus dem engen Gefängnis der eigenen Gedanken und Grübeleien herauskommen, und stattdessen die Gefühle und Gedanken des Partners herauszulesen versuchen und vor allem, sie als WAHR akzeptieren. Wenn Du mir beispielsweise sagst, dass ich nicht unscheinbar bin, dann BIN ich es auch nicht (auch wenn es mir bei meinen eigenen Grübeleien oft so vorkommt), und wenn ich Dir sage „DU BIST SCHÖN UND LIEBENSWERT“, dann BIST Du es! Wir müssen immer versuchen, die Gefühle des Partners zu verstehen und uns deshalb sowohl im praktischen, als auch im übertragenen Sinn immer in die Augen sehen, damit wir nie die Verbundenheit verlieren.
Du hast mich sehr verändert! Ich akzeptierte jetzt eine andere Stimme in meinem tiefsten Innern, in meinen Gedanken und Gefühlen, ich akzeptiere und achte DEINE Meinung über MICH. Das habe ich bisher noch nie… und ich meine NIE… getan. Meine innersten Gedanken waren bisher NUR für mich da. Ich teile sie jetzt mit Dir. Du veränderst mich – zu meinem Guten! Ich bete dafür, dass ich das auch für Dich tun kann.
Ich habe Dir den Stein zurückgeschickt, weil ich es so will. Er soll bei Dir sein, wenn Du ihn noch möchtest. Darf ich Deinen Türkis auch noch behalten – nicht als Besitz, sondern als einen Teil von Dir in meiner direkten Nähe, das ich jederzeit berühren kann, wenn ich es möchte?
…Ich will etwas Schönes mit Dir zusammen erschaffen – eine schöne Welt, eine Welt nur für uns beide! Dein Liebster“


Wie ich jedes Wort und seine Briefe liebte! Alles, was er mir sagte und schrieb, ging direkt in mein Herz hinein. Es machte mich nicht nur glücklich, sondern auch sehr verletzlich. Ich fühlte seine Gedanken bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich mit einem heißen, drückenden Gefühl im Solar-Plexus aufwachte.

„Mein lieber, außergewöhnlich strahlender Engel“, antwortete ich ihm, „manchmal habe ich wirklich Angst, weil ich Dich nicht verstehen kann, und obwohl ich es versuchen will, stoße ich auf meine eigenen Grenzen. Ich kann nicht immer über meinen Schatten springen, und viele Sprünge endeten mit einer schmerzhaften Bauchlandung, von der ich mich dann nur mühsam erholen kann.
Du öffnest mir Deine tiefe Gefühlswelt und lässt mich in Dein Innerstes schauen. Du willst mit mir zusammen eine eigene Welt schaffen, in die nur wir beide Zugang haben – unser geheimes Märchenschloss – fern ab der Realität, umgeben von einem Rosengarten, der nur für uns ohne Dornen sein wird.

Es ist schön, dass Du das willst, aber Du weißt, dass ich für unsere Zukunft nicht nur mit Dir unsere eigene Welt erschaffen will, sondern diese auch in ein gemeinsames Leben mit Dir einbetten möchte. Es wäre ein schönes, erfülltes Zusammensein, dessen bin ich mir sicher.

Ich bin schon ein Leben lang gefühlsmäßig alleine, und dieses Alleinsein schmerzt von Tag zu Tag mehr. Dieses Einsamkeitsgefühl würde mir kein „normaler“ Mann nehmen können, weil er niemals an meine Psyche herankäme. Ich würde sie einem Mann dieser Art auf keinen Fall öffnen, weil er mich nicht verstehen könnte.

Das ist mein ständiger Traum, den ich habe, niemals nach Hause finden zu können. Wo ist dieses Zuhause? Auf dieser Welt vermag ich es nicht zu entdecken, auch nach fünfzehn Umzügen nicht. Meine Seele ist unendlich einsam, und das schon so lange! Manchmal habe ich den Drang auf die geistige Seite zu wollen, aber ich muss dieses Leben weiter ertragen, in dem mich meine Körperlichkeit und mein engstirniges Denken so sehr einschränken. Und das Schlimmste ist, dass ich mich so fernab von der Liebe fühlte – schon ein ganzes Leben lang. Und ich sehne mich nach einer Schulter zum Anlehnen, einem Seelen- und Lebensgefährten, auf den ich mich in Allem verlassen kann, und nach einer tiefen, gefühlsmäßigen Bindung, die alles trägt; ein gegenseitiges Nehmen und Geben, ein ständiges geistiges Wachstum, ein Ergänzen und gemeinsames Streben zum Guten und Schönen. Es wäre ein gegenseitiges Sich-Fallenlassen und Auffangen; man würde das alltägliche Muss als „Nebenbeschäftigung“ sehen und höhere, wichtigere Dinge zum gemeinsamen Lebensmittelpunkt machen.

Es ist wunderschön mit Dir – Du bist mein Traum! Endlich eine männliche Seele, die ich lieben kann, die mich liebt und meiner Seele und meinem Geist alles gibt, was sie brauchen. Du beseelst jede Zelle von mir mit Deinem Gefühl, Deinem Feinsinn und Deinen zärtlichen Gedanken. Du malst in meiner grauen Seele mit den buntesten Farben!“

Aber, ich bin doch nur ein schwacher Mensch. Ich wollte K. auch körperlich nah sein, doch er wich immer noch davor zurück. Ich hatte das Gefühl, er sei die Frau und ich der Mann, der ihn erobern musste. Unser letztes Beisammensein auf meinem Bett war mir noch im Gedächtnis. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben!

„Mein lieber Schatz“, schrieb er, „wie kann ich Dich nur um Verzeihung bitten, für letzten Mittwoch? Das Allerschlimmste ist, dass es mir erst gestern Morgen bewusst geworden ist, wie sehr ich Dich verletzt haben muss. Wir hatten uns mehr als zwei Wochen nicht gesehen und dann das! Ich bin manchmal so sehr in mir selbst und meinen Gedanken verloren, dass ich es noch nicht einmal bemerkt hatte. Verzeih mir bitte! Ich muss viel mehr auf Dich und Deine Gefühle achten. Ich bin manchmal leider sehr egoistisch. Ich hatte an diesem Tag das Gefühl gehabt, dass es kein guter Tag für ein Zusammenschlafen sei. Das war für mich Fakt und in meinem Egoismus war ich der Meinung, dass das für Dich ganz genauso gelten müsse, ganz so, als wenn mein Gefühl auch für Dich Gültigkeit haben müsse. Du bist ein eigener Mensch und Deine Gedanken gehören natürlich nur Dir. Ich bin verrückt, und ich glaube Dir, dass ich manchmal nicht zu verstehen bin. Verzeih mir bitte! Beim ‚nächsten Mal’ werde ich meine Gedanken abschalten und NUR für Dich da sein. Ich muss meinen Egoismus überwinden lernen! Das hatte nicht im Geringsten mit Dir oder Deinem Körper zu tun. Des begehre ich immer mehr. Ich möchte nur, dass es ganz schön wird zwischen uns. Es soll perfekt sein, genauso wie Du es beschrieben hast: Wir werden beide „fliegen“ und uns gleichzeitig von oben sehen, wie wir uns lieben. Ich liebe Dich! Dein K.“

Was sollte ich nun wieder von diesem Brief halten? Woher kamen seine plötzlichen Einsichten? Ja, in manchen Dingen wirkte er sehr eigenartig auf mich, und ich konnte ihm diese „Geschichte“ nicht so recht abnehmen. War es eine große Angst, die er hinter wohlklingenden Worten zu verbergen versuchte oder „ein gestörtes Ich“? Ich verwarf diese Gedanken zwar sofort wieder, nur blieb sein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis auffällig, wie auch die Furcht vor Gesprächen am Telefon, bei denen ihm die wohl durchdachte Formulierung seiner Worte nicht möglich war. Alles in allem: Er scheute den Konflikt und versuchte die Fehler, die möglicherweise dorthin führten, möglichst klein zu halten!

Einige Tage später „entführte“ ich ihn in der Mittagspause von meinem Büro aus zu einem Ausflug zum Kloster Kamp, wo wir Arm in Arm spazieren gingen. Mein Gott, wie glücklich war ich in dieser Stunde! Sie gehörte zu den wenigen Glücksmomenten meines Lebens, die ich niemals vergessen werde.

Kloster Kamp – Foto: Gisela Seidel
Garten Kloster Kamp – Foto: Gisela Seidel

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Sonnenuntergang

Fortsetzung Teil 30

Sonnenuntergang an der Adria in Novigrad, Kroatien.
Foto: gratis-photos.com

Wie fühlt es sich an, ’nur‘ Geliebte zu sein? Wenn man das Wort „Geliebte“ näher betrachtet, könnte man die Buchstabenfolge „lieb“ als etwas Positives empfinden. Ist es aber nicht! Die Geliebte hat „lieb“ zu sein, um ihrem Auserwählten zu gefallen. Übt sie Kritik an ihrer misslichen Lage, was bei ihm wie ein Vorwurf klingen muss, wird sie gar nicht mehr als ‚lieb‘ eingestuft. ‚Böse‘ Worte, persönlich oder in Briefen, sind dann seiner angeblichen Liebe eher abträglich, weil er sich sofort unter Druck gesetzt fühlt.

Eine Geliebte darf nichts wollen, erhoffen, fordern, erwarten und ersehnen! Eine Geliebte darf nur eines: ihren Geliebten empfangen und die körperlichen Geschenke von ihm dankbar annehmen – mehr wird sie niemals bekommen. An diese Geschenke klammert sie sich und vor allem an den geistigen Austausch. Es gibt ihr das Gefühl, nicht alleine zu sein, obwohl sie es nach wie vor ist. Den Alltag und das Leben außerhalb des Bettes, darf nur die Ehefrau teilen. Nach mehr zu fragen ist grundsätzlich verboten… genauso tabu ist die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft. Fehlanzeige!

Vor diesen Fragen hatte K. geradezu Angst. Entweder folgte auf meine Fragen ein viel sagendes Schweigen oder ein schulterzuckendes „Ich-weiß-es-nicht-Grinsen“, was sich auch nach zwei Jahren nicht änderte.

Ich fragte und fragte, obwohl ich doch die Antwort kannte. Was hätte er mir sagen sollen? Er redete einerseits von Liebe und „verbundenen Seelen“, andererseits ließ er alle Handlungen vermissen, die dies untermauerten. Obwohl er vor mir stand, wie ein Kind vor dem Christbaum, ließ er sich von seinen Emotionen nicht zu einer „romantischen Kurzschlussreaktion“ verleiten. „Ich brauche Zeit!“, sagte er. „Hab Geduld!“

Wenn K. nach unseren Treffen den „Tatort Geliebte“ verlassen hatte, blieb ich jedes Mal mit einem unguten Gefühl in der Magengegend und Tränen in den Augen zurück. Wie ich mich danach fühlte?

Er stellte problemlos den Schalter „Geliebte“ auf „Aus“ und den Schalter „Familie“ auf „An“ und lief in bester Laune und guten Gedanken, ohne schlechtes Gewissen, bei seiner Frau in den heimischen Hafen ein.

Und ich? Wie ging es mir? Mich drückte bereits der Magen, wenn er kurz vor 17 Uhr auf die Uhr schaute, aus dem Bett stieg und duschen ging. Dann fühlte ich mich benutzt, wie von allen anderen Männern in meiner Vergangenheit, obwohl es gar nicht stimmte. In seinen Augen gab er mir Glücksgefühle und das war ja auch so. Doch dann wandelten sie sich, weil danach nichts blieb.

Nachdem er fort war, entfernte ich die Überreste seines Besuches, löschte die Kerzen, spülte die Sektgläser, die Teetassen und lüftete das Schlafzimmer, das noch immer nach ihm roch. Anschließend saß ich traurig auf der Couch und war noch ganz erfüllt von ihm.

Ob er mich vermisste, wie ich ihn? Nein, natürlich tat er das nicht! Er saß vermutlich ebenfalls zu Hause auf der Couch, aber nicht alleine. Seine Frau und seine beiden Kinder waren anwesend, redeten wie immer über ihre Tageserlebnisse… und waren völlig ahnungslos. Wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, dann eher seiner Tochter gegenüber. Das zeigte mir deutlich, wie fixiert er auf sie war, und wie er sich an sie und ihre Zärtlichkeiten klammerte.

„Meine Frau ist auch zärtlich!“, hatte er mir einmal ganz unverblümt und wenig einfühlsam erklärt, nachdem er aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Eine glückliche Familie! Er vermisste nichts… auch nicht mich. Ich schwebte ja immer irgendwie mit im Raum… wenn auch nur gedanklich. Aber ich war DA, auch mit meinen Gedanken an ihn. Das reichte ihm! Mehr, als DAS, was wir zusammen erlebten, brauchte er nicht – den Rest bekam es ja von IHR! War DAS seine Liebe? Ich wollte das nicht glauben und wurde doch immer wieder aufgefordert, genau hinzusehen.

Die Tage vergingen wie ihm Flug und der Urlaub von K. rückte näher und näher. Ich hatte mir seine Reise gedanklich in allen möglichen Fassetten ausgemalt. Die Tatsache, dass er romantische Abende mit seiner Frau verleben würde, ebenfalls.
Er versuchte mich zu beruhigen, so gut er konnte, aber es half nichts.

„Meine Liebste, ich habe es schon befürchtet, dass es Dich sehr beunruhigen wird, wenn wir uns zwei Wochen nicht sehen können. Mir geht es doch genauso! Ich habe es Dir nicht früher gesagt, weil ich Dich nicht auch noch mit diesen Gedanken quälen wollte. Jede unglückliche Minute, die Du erlebst, ist eine zu viel. Ich möchte, dass Du möglichst viel Glück anstelle von Leid erfährst. Oder ist es Dir lieber, wenn ich nicht versuche, Dich vor quälenden, grüblerischen Gedanken zu schützen, so lange ich das nur kann? Ich will Dich vor allem Bösen und Schlimmen schützen, soweit meine Kräfte dafür ausreichen, und ich möchte VERANTWORTUNG für Dich tragen und mich um Dich und für Dich sorgen dürfen. Darf ich das? Sag es mir bitte! Ich werde mich in Zukunft so verhalten, wie Du es wünschst.

Sei doch unbesorgt wegen der zwei Wochen und wegen des Zusammenschlafens. Normalerweise würde ich nie etwas über andere sagen, aber jetzt nur so viel: SO wie wir uns geküsst haben, haben meine Frau und ich uns in den letzten Jahren nicht mehr geküsst… Das war mir bisher aber überhaupt nicht in den Sinn gekommen, es hat mir auch nicht gefehlt… keine Ahnung warum… Ich wusste gar nicht mehr wie schön das sein kann. Das – und vielleicht bald noch viel mehr (?) – gehört ab sofort nur noch Dir und mir… Ich weiß genau, dass Dir das nicht im Geringsten reicht. Du willst mehr, Du willst mich ganz…

Du wirst NICHT weit weg von mir sein; ich werde Dir nächste Woche vor der Reise etwas von mir geben, etwas sehr Wichtiges für mich, einen Stein, MEINEN TRAUMSTEIN. Der wird bei Dir sein, die ganze Zeit, und ich werde durch ihn bei Dir sein. Er ist zwar nicht so weich und warm, wie ich es für Dich bin, er kann Dir keine Briefe schreiben, aber er wird mit Dir REDEN, meine Stimme sein; er wird ganz sanft und ein Teil von mir NUR für Dich sein. …Er hat keinen materiellen Wert, aber für mich ist er das Symbol für MEINEN Traum. Ich trage ihn normalerweise immer bei mir, aber ich werde ihn Dir anvertrauen, solange wir getrennt sind. Dadurch werde ich immer bei Dir sein. Behüte ihn gut! Mit ihm kannst Du mich zerstören!“

Diese Worte lasen sich eigentlich sehr gut, doch wie sollte mir ein Stein Ersatz sein für ihn? Er küsste seine Frau nicht mehr… nach so langen Ehejahren war das vermutlich normal und bedeutungslos, aber sie befriedigten sich gegenseitig immer noch leidenschaftlich.

Er hatte beruhigende Worte schreiben wollen, doch sie betrübten und verletzten mich. SO sollte es weitergehen? Ich hatte Angst, im Büro entdeckt zu werden… ich hatte vor so vielen Dingen Angst. Wie immer, war ich ihm gegenüber offen und machte daraus kein Geheimnis. In einem Brief, die er emotional zu den „bösen“ sortierte, vielleicht weil unangenehme Wahrheiten darin standen, durch die seine heile, neue Welt mit einem Mal Risse bekam, teilte ich ihm meine Bedenken mit.

Er schrieb:
„..Du hast Recht: Wir werden in Zukunft immer weniger Gelegenheiten haben, uns zu sehen. Irgendwann wird jeder, egal ob wir es wollen oder nicht, wissen, was unsere Blicke füreinander zu bedeuten haben. Wir werden irgendwann früher oder später bemerkt werden. Unsere Blicke und Gesten werden irgendwann für alle sichtbar sein, weil wir, wenn wir uns sehen, die Welt und die Menschen um uns herum vergessen und sie nur noch als lästige Störung unserer Zweisamkeit empfinden werden. Und das macht unvorsichtig.

Du hast weiterhin Recht: Weder Du noch ich haben schuld daran, dass wir uns lieben. Es ist einfach geschehen. Und das ist GUT so! Was nicht gut ist, ist MEIN Verhalten! Ich bin derjenige, der seine Frau und seine Familie betrügt. Ich bin der Böse, ich bin der Schuft und schlechte Mensch, der ich eigentlich nie sein wollte. Ich habe mein Wort gebrochen und meinem Gefühl nachgegeben. Ich bin SCHULD!

Jetzt ist es mir klar: Es ist nicht möglich zwei Menschen zur gleichen Zeit VOLLKOMMEN zu lieben! Ich habe dies mit meinem schlechten Gewissen (habe ich überhaupt noch eines?) bezahlt. Die Blicke von meiner Tochter und auch die meiner Frau treffen mich tief…

Du hast Recht: Es ist eine Unverschämtheit und Ungerechtigkeit von mir, Dich darum zu bitten, mich vor mir selber zu schützen. Welch eine Schwäche, welch eine Gemeinheit! Verzeih mir bitte! Ich bin für mein Handeln und Denken selbst verantwortlich und darf niemand anderen vorschieben – auch – und vor allem nicht denjenigen, den ich liebe. Das ist echte Schwäche, Schwäche, die ich verachte! Jetzt verachte ich mich selbst. Es ist gut, dass Du mir das bewusst gemacht hast! Ich muss die „Notbremse ziehen“, wie Du sagst, oder die Konsequenzen tragen. Nur ich!

Aber Du hast nicht Recht, wenn Du schreibst: „So ist es immer: Wenn die Frau Kinder bekommen hat und selbst zur Mutter wird, kann der Ehemann in ihr nur noch die Mutter sehen, und er sucht sich woanders eine Frau, die seinen Wert als Mann auf den ersten Rang rückt.“

Das trifft bei uns (bei mir) ganz sicher nicht zu! Und das weißt Du! Ich habe nie etwas von Dir gefordert, und ich will Dich auch nicht besitzen. Ich brauche Dich nicht zu meiner Selbstbestätigung, um „meinen Wert als Mann auf den ersten Rang zu rücken“. Das brauche ich nicht, ganz sicher nicht! Ich achte, liebe und respektiere Dich als MENSCH und nicht als Objekt. Mein Gefühl sagte mir eigentlich, dass Du das auch so empfunden hast, aber vielleicht habe ich mich auch nur getäuscht?

Jetzt kommen bald die zwei Wochen, in denen wir räumlich (und nur räumlich) getrennt voneinander sind. Ich werde versuchen, in dieser Zeit rein logisch und ohne Emotionen über uns und mein Verhalten Dir gegenüber nachzudenken. Vielleicht hast Du Recht, und ich verdiene es nicht, Dich zu lieben. Ich weiß es nicht. Wenn ja, wird das für mich wie ein „kleiner Tod“ sein, weil ich Dich enttäuscht und verletzt habe, ohne es zu wollen. Verzeih’ mir bitte, dass wir uns heute nicht sehen können. Ich kann Dir im Moment nicht in die Augen sehen, weil ich mich schäme…Meine Augen sind heute verschlossen, ich werde nichts mehr in mich hineinlassen (können). In Liebe, Dein K.“

Henri Gervex (1852-1929) – Rolla

Trotz seiner vor mir verschlossenen Seele kam er noch einmal zu mir. Es war der Abschied. Mit Tränen in den Augen standen wir uns gegenüber und umarmten uns vorerst zum letzten Mal.

„Mein Liebes, der Abschied ist mir sehr schwer gefallen“, schrieb ich ihm, nachdem er fort war. „Ich war bis jetzt im Garten und habe rumgewühlt, um den Schmerz zu unterdrücken.
Deinen Brief habe ich mir noch einmal in Ruhe durchgelesen. Eigentlich bin ich froh darüber, dass ich Dir manches noch einmal deutlich machen konnte. Du sollst nie sagen, dass ich Dich nicht gewarnt hätte, obwohl mir diese Warnungen schon schwer genug gefallen sind, weil sie in Dir die Ängste auslösen, die mich von Dir trennen werden.

Nein, Du darfst Dir keine Schuld geben! Du bist an nichts schuld! Das Leben ist nicht planbar und ob eine Beziehung ewig halten wird, das weiß leider niemand im voraus. Dafür gibt es keine Sicherheiten auf Erden. Vielleicht habe ich Dir einen Moment lang das geben können, was Du unbewusst vermisst hast. – Auch Deine Frau trägt keine Schuld, denn sie gibt Dir, was sie kann. Niemand hat schuld! Wenn Du sagst, dass Du sie liebst, glaube ich Dir das. Meine Liebe ist das „kleinerer Übel“. Es wird Dir sicher nicht leicht fallen, aber Du wirst mich vergessen, Deiner Familie zuliebe.

Du bist kein schlechter Mensch, nur eben ein Mensch, mit allen Schwächen und Sehnsüchten. Deshalb nimm bitte keine Rücksicht auf mich. Du weißt, ich bin daran gewöhnt, zu leiden, und das tue ich, obwohl noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Mir ist, als hätte ich ein Kreuz auf mich genommen, das ich nun tragen muss, bis zum bitteren Ende. Du bist es mir wert, dass ich es trage. Ich will, dass Du glücklich bist…sonst nichts!

Ich denke an Dich und fühle Dich ganz tief in meinem Herzen. Dort hast Du einen festen Platz, auch, wenn alles zu Ende sein sollte. Du hast mich in den wenigen Stunden, die wir zusammen waren, fühlen lassen, was Liebe ist: Glück und Leid. Deine vielen, vielen lieben Worte werde ich niemals vergessen, auch nicht die „schillernden“ Liebesbriefe, die Du mir geschrieben hast.

Ich danke Dir von ganzem Herzen für die kleinen (großen) Glücksmomente, die Du mir schenken konntest und für jeden Gedanken, den Du mir gewidmet hast.
Meine Liebe zu Dir wird mit diesem Brief nicht enden. Wie sehr ich Dich liebe, weiß nur Gott! Auch wie weh es tut, weiß er.

Ich wünsche Dir eine gute Reise, viel Sonne und Glück! Deine G.“

„Mein Liebes“, antwortete er, „ich danke Dir für den Brief nach unserem Abschied heute Morgen. Dieser Brief muss Dir unendlich wehgetan haben. Ich habe keine Worte… für das was ich jetzt empfinde. Immer nur Leid für Dich, und dieses Mal durch mich. Du trägst kein Kreuz, Du bist ein Mensch und verdienst es, Dein Glück zu finden. In Dir lebt eine Kraft, die Du auch für Dich und nicht nur für andere nutzen musst. Du musst versuchen, glücklich zu sein und nicht Dein Kreuz zu tragen. Ich wünsche mir so sehr, dass Du glücklich wirst!
Dein Brief klingt wie ein endgültiger Abschied, so, als wenn Du Dich mit allem abgefunden hast, so als wenn Du resigniert hast. Ich werde bei Dir sein, wenn wir jetzt getrennt sind. Meine Liebe für Dich ist in meinem Herzen und wird daraus auch nie verschwinden. Ich werde Dich auch nie „vergessen“, wie Du geschrieben hast. Deine Liebe zu mir wird für immer ein Teil von mir sein, und meine Liebe zu Dir ein Teil von Dir. Daran wird keine Zeit und kein Vergessen etwas ändern.
Ich danke Dir jetzt NICHT für alles, was Du mir in dieser kurzen Zeit gegeben hast (damit meine ich natürlich keine materiellen Dinge), weil jeder Dank wie ein Abschied wirken würde, ein gegenseitiges Aufrechnen von Gutem und Schlechtem. Alles was Du mir gegeben hast, lebt in mir weiter und…vielleicht auch etwas von mir in Dir?

Ich küsse Deine Hand, als ein Zeichen von Respekt und Achtung; ich küsse Deine Stirn, als Symbol Deiner Klugheit und Weisheit; ich küsse Dein Herz, als einen Ort Deiner Seele, als ein Zeichen meiner Liebe zu Dir! Dein K.“


Dann kam der Tag seiner Abreise. Ich hatte ihm ebenfalls meinen Glücksstein gegeben. Er hat ihn immer noch. Es ist ein Türkis, und man sagt, dass sich dieser Stein für seinen Besitzer opfert, wenn Gefahr droht.

Zwei schwere Wochen lagen vor mir, und ich versuchte mich abzulenken, doch es gelang mir nicht. Ich lehrte das Email-Postfach, nachdem ich K. Briefe ausgedruckt hatte. Es sollte „jungfräulich“ sein… noch einmal bei null beginnen!
Alle Gedanken drehten sich um K., und ich schrieb sie in eine Art Tagebuch, das ich ihm schicken wollte, sobald er zurückgekommen ist.

Die Stunden schleppten sich langsam wie Kaugummi. Endlich kam der lang ersehnte Tag seiner Rückkehr. Es hatte an meiner Haustüre geläutet, als ich gerade ein Bad nahm. Ich wusste sofort, dass er es war, fand aber nur noch einen Zettel mit einer Nachricht, als ich in den Briefkasten sah. „Schade!“, dachte ich und ärgerte mich über mich selbst, weil ich es nicht schnell genug aus der Wanne geschafft hatte.

Ein schnelles Wiedersehen war nicht möglich, weil er den Rest der Woche zu Hause blieb. Das machte mich mürbe. Ich war frustriert und genervt durch diese Situation. Er wohnte nur zwei Straßen von mir entfernt, und es war ihm nicht möglich, für ein paar Minuten zu mir zu kommen oder wenigstens anzurufen!? K. besaß kein Handy. Er hasste es zu telefonieren! An diesem Wochenende hatte ich das Gefühl, dass es besser wäre, K. nicht mehr zu treffen.

Er schickte mir per Email ein Urlaubsfoto mit Sonnenuntergang am Meer. Dieses Bild hatte er im Original zusammen mit seiner Frau gesehen. Nun schickte er es mir, um mir eine Freude damit zu machen!? Wie unsensibel und furchtbar fand ich das! Sie hatte diese romantischen Stunden mit ihm erlebt, währenddessen ich zu Hause in mein Taschentuch geweint hatte.

Die Sehnsucht rumorte in mir, doch ihm schien es nichts auszumachen, dass wir uns noch nicht sehen konnten. Während der letzten Jahre hatte er immer wieder versucht, es mir in unzähligen Briefen zu erklären:

„Mein armer, armer Schatz, warum quälst Du Dich nur so? Du fragst, wie ich das aushalte ohne Dich zu sehen? Du hast mir das Gefühl gegeben, dass Du mich willst und liebst. Dieses Gefühl gibt mir Sicherheit, eine Sicherheit, die es mir erlaubt, einen Tag, eine Woche oder auch einen ganzen Monat zu überstehen, ohne Dich zu sehen und zu berühren. Die Zeit und die räumliche Entfernung zwischen uns spielt dabei fast keine Rolle. Wichtig ist nur das Gefühl, dass Du mich willst. Und solange dieses Gefühl da ist, das Du mir geschenkt hast, ist alles zwar nicht immer leicht, aber es ist zu ertragen. Ich habe Dir dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit scheinbar leider noch nicht gut genug gegeben. Ich werde versuchen, mich zu verbessern…“

Wie konnten mir gelegentliche Treffen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben? Das war doch gar nicht möglich! Wie sollte es mir egal oder erträglich sein, K. nur ein paar wenige Stunden im Monat sehen zu können, in dem Bewusstsein, dass er die übrige Zeit im Büro oder mit seiner Familie verbringt?

Es müsste Lehrgänge geben in: „Wie lerne ich zu verzichten, ohne zu leiden?“ oder „Wie liebe ich richtig, ohne zu fordern?“ oder „Wie erträgt man die Sehnsucht bei ständiger Distanz?“ oder „Wie lerne ich es, oberflächlich zu lieben?“

Henri Gervex (1852-1929)

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Familienglück

Fortsetzung Teil 29

William-Adolphe Bouguereau (1825-1905)

Ich hatte K. schon so manches über meine Vergangenheit erzählt, auch über einige Männer, die es gegeben hatte, aber nie wäre ich auch nur annähernd auf die Idee gekommen, über diese in fast schwärmerischer Erinnerung zu berichten. Das wäre geschmacklos und unpassend gewesen und für mich gar nicht möglich. Diese Geschehnisse waren nicht grundlos vergangen und vorbei und somit für mich nicht mehr wichtig. Solche sexuellen Exkursionen stellen für mich sowieso keinen Grund dar, mich an sie erinnern zu wollen. Sie waren oberflächlicher Natur gewesen, weil sie der körperlichen Nähe dienten, ohne Seele und Geist zu berühren. Wenn ich auf Vergangenes zurückblicke, erinnere ich mich meist nur an das Negative. Wirklich schöne Erlebnisse sind rar, und ich müsste mein Gedächtnis schon sehr anstrengen, um welche darin finden zu können.

K. sah in den Kindern die „Engel dieser Welt“…das Wichtigste im Leben. Oh je! Kinder = Engel? Sie als das Wichtigste im Leben zu sehen, empfinde ich ähnlich schlimm wie „Wohnmobil fahren“. Natürlich bin ich verantwortlich für meine Kinder und tue alles, damit es ihnen gut geht. Das steht außer Frage! Aber ich unterwerfe mich ihnen nicht und verpflichte sie auch nicht dazu, mir eine Aufgabe zu sein. Das war der Grund, weshalb Patrick nie meine Last tragen sollte.

Aber viele Paare setzen Kinder aus purem Egoismus in die Welt, um sich darin selbst zu verwirklichen. Auch K. glaubte, mit seiner Familiengründung eine gottgefällige Tat begangen zu haben. Das hätte er getan, wenn der Menschheit ein Aussterben gedroht hätte. Doch sie stirbt nicht aus – im Gegenteil. Er hatte also vielmehr nur seinem Ego gedient und der Überbevölkerung seinen Beitrag geleistet.

Es würde ihn schier wahnsinnig machen, wenn er irgendwann die Kontrolle über den Nachwuchs verlieren würde. Hinter den Köpfen der Kinder verbergen sich ganz eigene Persönlichkeiten. Die grundlegenden Charaktereigenschaften sind von Geburt an festgelegt. Man kann nur versuchen, den Kindern den richtigen Weg zu zeigen. Aber was ist der richtige Weg? Sie werden uns ihren Weg klar machen, ob es uns passt oder nicht.

Kinder sind egoistisch und bestehen darauf, dass ihre Forderungen erfüllt werden. Sie fühlen sich als Mittelpunkt der Familie und gerade DAS finde ich falsch. Wenn sich alles hauptsächlich nur noch um sie dreht, werden sie das Gleiche auch in ihrem Erwachsenenleben erwarten. So erzieht man kleine Egoisten zu großen.

Wenn man abends lieber mit dem Töchterchen auf der Couch kuschelt, als mit der Ehefrau, läuft etwas schief… auch wenn die lieben Kleinen bis spät abends, tagein, tagaus, im Wohnzimmer bei den Eltern herumspringen dürfen und sie belagern, von früh bis spät. K. Ehefrau hatte ihre bulgarischen Sitten eingeführt und K. zum Belagerungsobjekt Nummer Eins erklärt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Kinder auch nur ein einziges Mal fortgeschickt hat, um selbst Ruhe zu finden. Die Kinder teilten sich ein kleines Zimmer – für mich ganz und gar nicht nachvollziehbar. Ab einem gewissen Alter sollten beide einen Ort des Rückzugs haben… wie auch die Eltern ihn haben sollten.

K. war stolz auf seine Kinder. Ich bin der Meinung, dass niemand stolz auf einen anderen Menschen sein darf. Man kann sich mit den Kindern über deren Erfolge freuen. Alles andere ist Hochmut!

In Kindern stecken alte und neue Seelen, die hier inkarnieren. Sie haben bei mir keinen Niedlichkeitsbonus – im Gegenteil. Wer behauptet, Babys seien süß, der lügt oder hat die Brille vergessen. Es gibt nur sehr wenige Neugeborene und Kleinkinder, die niedlich aussehen. Irgendwann werden aus Kindern Erwachsene. Gute oder böse. Ich kann doch auch nicht alle Erwachsenen lieben und ’süß‘ finden! Warum sollte das bei Kindern anders sein? Kinder machen keinen Hehl daraus, wenn sie Erwachsene nicht mögen… ich umgekehrt auch nicht.

K. schickte mir Fotos von seinen Kindern. Seinen Sohn hatte ich schon öfters auf dem Schulweg an mir vorbeifahren sehen. Er ist ein auffallend hübscher Junge, mit schwarzen Haaren, und die kleine J. war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. An beiden hätte ich Gefallen haben können, aber ein Kennenlernen war unmöglich.

Was lebte K. seinen Kindern vor? Eine heile Familienwelt… und ‚heil‘ wird sie wohl in seinen Augen auch gewesen sein. Wie schein(heil)ig! Durch die Kinder war K. mit seiner Frau in besonderem Maße verbunden. Niemand, außer der Mutter selbst, würde ein solch überzogenes Verhältnis zu den Kindern ertragen können. Das war in meinen Augen eine „Affenliebe“, die mehr schadet als nützt. Ihr alleine nützte sie, denn sie hatte es geschickt verstanden, die Lasten auf ihren Mann abzuwälzen, der das als „normal“ empfand.

Die Vergangenheit und der gemeinsame Alltag mit den Kindern verband natürlich mehr, als ein kurzes Liebesabenteuer. In seinem „Abstecher“ zu mir konnte K. keinen Betrug sehen, nur ein „Bonbon“ nebenher, das er lutschen durfte, solange es ihm und seinen Familienmitgliedern nicht im Magen liegt.

Er merkte sehr wohl, dass mich seine „Beichte“ über das Kussverhältnis gekränkt hatte, aber ich verschwieg ihm diesmal meine Gedanken darüber.

Wir trafen uns mehrmals und irgendwann ging urplötzlich eine weiteres ‚Geschoss‘ in meine Richtung los und traf mich mit mächtiger Wucht ins Herz. K. teilte mir mit, dass er in Kürze mit seiner Familie für vierzehn Tage nach Kroatien reisen würde. Wunderbar! Eine Reise für die glückliche Familie! Ich war kreuzunglücklich darüber. Hier sah ich meine Grenzen bereits erreicht.

Fast drei Wochen lagen hinter uns, die einer einzigen Liebeserklärung glichen. Wie konnte er in einer solchen Situation mit IHR in Urlaub fahren, ohne dass es ihm weh tat? Ihm würde es nichts ausmachen… im Gegenteil: Er nahm beides mit. Ich würde in meinem Jammer zu Hause sitzen und die Tage bis zu seiner Rückkehr zählen, während er mit seiner Familie am Strand lag, die fremde Umgebung und die Sonne genoss. Abends würde es ihm gleichgültig sein, dass SIE neben ihm im Bett lag und nicht ich… wie es ja auch zu Hause der Fall war. Er schlief natürlich auch mit ihr, wie er es immer tat. In diesen Momenten war seine angebliche Liebe zu mir vergessen.

Eigentlich hätte ich schon daran merken müssen, wie oberflächlich seine Gefühle für mich waren. Wie wäre es sonst überhaupt möglich gewesen, heute ihren und morgen meinen Körper zu streicheln und zu küssen? Ihn treiben Leidenschaften, nicht Liebe.
Zu solchen Handlungen bin ich nicht fähig. So etwas kann ich nur als abgrundtief lieblos und hässlich empfinden. Damit nahm er mir meine Würde. Wer war ich denn schon? Seine Frau hatte alle Rechte… ich hatte nur diese irrsinnige Liebe, die mir das Leben gleichermaßen schön und schwer machte.

Da, wo Liebe Kraft gebend sein sollte, nahm sie mir Kraft, weil alle gute Energie im Nichts verpuffte. Ich hatte K. so viel zu geben und durfte es nicht, und er wollte seine Energie lieber in sein Familienleben stecken… nur gelegentlich auch in unsere Treffen. Aber das glich dann eher einem „Spaziergang im Park“, bei dem er neue Kräfte sammelte.

Wenn ich einen Menschen liebe, ist es selbstverständlich, dass ich auch Sorge für ihn tragen möchte. Ich fühle mich dann verantwortlich für ihn. Dann will ich ihm körperlich und räumlich nah sein, ihn ansehen dürfen und streicheln, mit ihm schlafen, wenn es der Augenblick so will und meine Tage und Nächte mit ihm verbringen. Wie soll ich ihm meine Liebe denn zeigen können, wenn nicht im realen Leben…in der Öffentlichkeit!?

Aber es gab nichts, was K. in unsere Verbindung einbringen wollte, außer sein Gefühl und seinen Körper.
„Dann gebe ich mich ganz!“, sagte er einmal. Sollte ich ihm für diese Selbstverständlichkeit auch noch dankbar sein? Das war doch „normal“, wenn man jemanden liebt! Oder?

Selbst die gemeinsamen Stunden hatte er gestohlen. Ich nahm Urlaubstage, um ihn zu sehen… er kam in seiner Arbeitszeit, weil ihn niemand vermisste, wenn er aus dem Büro verschwand. Er verplemperte keine Freizeitstunden mit mir. Die hätte er ja seiner Familie wegnehmen müssen, und das wollte er nicht. Das wäre in seinen Augen Betrug gewesen. So nahm er seinen Lieben nichts weg und hatte noch dazu den Vorteil, seine Frau niemals direkt belügen zu müssen.

Ich schrieb ihm von meinem Lebensleid. Es waren auch Erlebnisse darunter, von denen niemand etwas wusste. Er tat es mir gleich, mit dem Unterschied, dass er ein solches Leid gar nicht kannte, wohl aber die Einsamkeit.

Er schrieb: „… und dann kamst Du! Wie eine Bombe, unerwartet, alleserfüllend, einfach nur SCHÖN! Du hast mir auch Unruhe und Angst gebracht, aber ich würde nie, wie Du, beides gegeneinander abwägen und vielleicht etwas Neutrales daraus gewinnen. Beides ist GUT, das SCHÖNE und die UNRUHE! Ich will beides nicht missen. Es ist…das Leben! []…ich habe nichts Besonderes erlebt und halte mich auch nicht für sehr wichtig, aber ich bin wie ich bin, und ich habe jetzt ein weiteres Ziel: Dich glücklich zu machen, Dir etwas von dem Leid, das Dich erdrückt, abzunehmen und es vielleicht in Glück zu verwandeln. Ich will, dass Du wieder LACHST und Dich über das Leben freust! Suche nicht mehr das Leid in Deinem Leben, suche das Glück! Dann wirst Du es finden! Dein Liebster, K.“

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

Unsere Liebe war von Anfang an ein Versteckspiel gewesen. Niemand durfte von uns wissen. K. bat mich darum, seine Familie zu schützen! Wohl gemerkt: Er bat ausgerechnet MICH!
Was um alles in der Welt hatte ich mit seiner Familie zu tun? Er war erwachsen und konnte entscheiden. Ich kannte die Menschen doch gar nicht. Wenn er zusammen mit mir „in den Federn“ lag, dachte ER dann daran? Du meine Güte, was hatte er für eine Angst, dass seine Frau etwas von seinem Tun erfahren könnte!

„Sie darf es niemals erfahren!“, sagte er bei einem Treffen. „Sie schneidet mir sonst die Kehle durch!“

Huch! Das schien ja eine besonders liebevolle Gattin zu sein, wenn sie Fremdgehen mit dem Tod bestrafte. Das machte mir deutlich, wie es zu Hause bei K. um die „Besitzverhältnisse“ bestellt war und wer denn letztendlich das Sagen hatte: Sie,…und er war ihr Besitz! Er konnte keinen einzigen Schritt ohne ihre Aufsicht tun. Selbst sein Auto, das meist vor dem Haus stand, behielt sie, die selbst keinen Führerschein besaß, stets im Auge. Es war K. nicht möglich gewesen, damit ungesehen wegzufahren, ohne dass sie es merkte.

Seine Frau schien durch ihre bulgarische Herkunft ein anderes Naturell zu haben. Er beschrieb sie als manchmal „aufbrausend“, und das konnte er wohl ganz und gar nicht ertragen. Schon damals wurde deutlich, wie sehr er Konflikte hasste. So etwas brachte sein „bequemes Hamsterrad“ zum Eiern, denn er liebte seine Bequemlichkeit mehr als alles andere.

Trotz all der bestehenden Hindernisse glaubte ich den Worten des Propheten: „Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.“

Nur Gott wusste, wie sehr ich K. liebte! Ich gab mich ganz dem Wunsch auf Erfüllung hin und hoffte auf das für mich Selbstverständlichste von der Welt: mit dieser Liebe, diesem Mann, leben zu dürfen. Dabei war ich mir durchaus bewusst, dass ich damit alle moralisch, ethischen Grundsätze vernachlässigte. Aufgrund seiner Gefühle für mich, war ich überzeugt davon, dass meine Wünsche auch die seinen sein müssten.

Aber das waren sie leider nicht! Er hatte doch alles was er brauchte bereits mit einer Anderen und war keinesfalls bereit, diese Welt aufzugeben. Er wollte beides! Mit seiner Angetrauten und den Kindern fuhr er in der einen Lebens-Kutsche, und ich saß alleine in einer anderen. Diese Darstellung machte mir eine Gänsehaut.
So schön wie die „gestohlenen“ Stunden mit K. auch waren, so sehr schmerzte die Leere, die jedes Mal nach den Treffen Besitz von mir ergriff. Ich versuchte, Verzicht zu üben, mich zurückzunehmen, mich auf die bestehenden Bedingungen einzulassen, aber es gelang mir nicht, weil ich keine Frau zweiter Wahl sein wollte und konnte, und weil ich viel zu viel Gefühl für ihn hatte.

Kleiner Rückblick – W-Fragen

Fortsetzung Teil 28

Federico Andreotti 1847-1930

Bis auf meine zerknitterte Bluse hatten wir die Dämonen in uns besiegen können. K. fühlte sich ganz und gar nicht an wie ein Dämon. Ich wollte ihn mit Haut und Haaren, obwohl meine innere Stimme warnend „Tu es nicht!“, rief, und er wollte mich auch. Es war nur ein Gewissen beruhigendes Verzögern, das uns abhielt, den letzten Schritt zu tun.

Zwei Tage später trafen wir uns in meinem Büro. Er liebte anscheinend dieses spannende Versteckspiel mit heimlichen Blicken, Berührungen und Küssen. Mir war alles andere als wohl dabei. Wenn das auffiel, war ich womöglich meinen Job los.
Ich merkte, dass ich schon jetzt – vor dem ersten Mal – an meine Grenzen stieß. Wie sehr hatte ich doch insgeheim gehofft, dass ich K. in punkto Sexualität nicht attraktiv finden würde. Die Situation hatte mich eines Besseren belehrt, und ich warf diesen gedanklichen Sicherheitsanker weit von mir, denn zwischen uns herrschte eine besondere Harmonie. Dabei spielte die Sexualität eher eine – wenn auch schöne – Nebenrolle.

Abends schrieb ich ihm:

„…Es zieht mich immer mehr zu Dir hin, immer heftiger. Ich bin, wie im Nebel, aus dem Büro nach Hause gefahren und musste erst einmal zur Besinnung kommen. Alles riecht noch nach Dir; ich schmecke Dich noch immer und schon bist Du wieder unerreichbar fern für mich. Du bist ein absolut ehrlicher Mensch und dafür liebe ich Dich umso mehr! Deshalb bin ich Dir dankbar für Deine Offenheit, und dass Du mir nichts vormachst. Also muss ich aufhören an eine Zukunft mit Dir zu denken, noch bevor es richtig mit uns begonnen hat. Du sagtest, es hätte bereits richtig begonnen. Das stimmt, denn vom Denken und Fühlen her gesehen, stand ich noch niemandem näher.

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es weiter geht, aber ich will kein Verhältnis sein, das man verstecken muss. Aber, dass Du Dich von Deiner Familie trennst, um mit mir zusammen zu sein, dass will ich auch nicht, denn ich möchte von Dir geliebt werden und nicht gehasst. Was bleibt da noch? Eine Brieffreundschaft, die keine Freundschaft ist, sondern Liebe? Eine unendliche Quälerei, weil ich Dich brauche und mich nach Dir sehne? Irgendwann wird es Deine Frau merken! Ganz egal, was wir tun. Du hast Dich verändert – schon jetzt, – und wenn ich einen Schlussstrich ziehe und den Kontakt ganz abbreche, wirst Du das genauso wenig ertragen können wie ich. Gedanklich würdest Du sogar in Kauf nehmen, dass ich von hier fort ginge, ohne Dich. Dann würden wir uns bestimmt nicht wieder sehen – das ist pervers. Wenn Du so denkst, kannst Du mich nicht lieben!

Wie Du ja schon gemerkt hast, habe ich bisher bei jeder Begegnung versucht, Dir nicht tief in die Augen zu sehen. Heute ist der Funke zur Flamme geworden, weil ich es nicht mehr vermeiden konnte. Hast Du das gefühlt? Ich brauche Dich! Du bist die Seele, die ich liebe! Was soll ich ohne Dich tun? G.“

Wenig später:

„Mein Schatz, Du bist noch bei mir. Ich kann nicht aufhören, über die Einzelheiten unseres Gespräches nachzudenken, auch über die Vision, die Du hattest, als Du Deine Frau als Mutter Deiner Kinder sahst. Du hast Recht gehabt, es hat wehgetan, als Du davon erzählt hast, aber es ist die Wahrheit, die ich manchmal nicht sehen und hören will.

Ich habe auch sehr deutlich verstanden, was gestern bei Euch vorgefallen ist, obwohl Du schnell darüber hinweggegangen bist, als Du merktest, was Du da erzählst. Vielleicht schläfst Du heute mit Deiner Frau? Nun gut, ich dachte, dass ich es verwinden, teilen könnte…oh, wie könnte ich das…wie nur? Ich bin nicht Gott, der das kann, bedingungslos, sondern nur ein kleiner Mensch, der vergeblich kämpft und hofft, wo er nicht hoffen darf. Kannst Du ahnen, wie unglücklich ich bin? Nein, das kannst Du nicht! Weißt Du, wie glücklich ich bin – nein, auch das weißt Du nicht! Doch, wenn ich beides miteinander vermische, das Glücklich- und Unglücklichsein, bildet sich dann eine Art Neutralität, die über beidem steht und den Zustand erträglicher macht? Was bin ich noch, wenn ich nichts und doch alles habe? In diesem Leben werde ich keine Ruhe finden, keinen Frieden, kein Glück!

Wie es mich plagt und mir mitten ins Herz sticht! Diese Ungewissheit, die doch Gewissheit zu sein scheint. Unerträglich nimmt sie mir die Luft zum Atmen…zum Leben!
Du fehlst mir so sehr! Ja, ich sehne mich nach Dir! Der Nachmittag war zu kurz…ich könnte immer nur reden, reden und Dich ständig küssen und streicheln. Nie würde ich müde, das zu tun. Immer sehe ich Dich vor mir, wie ein Traumbild, eine Fata Morgana, die zerfließt, wenn ich sie halten will.
Es hat mir den Magen herumgedreht, als wir uns vor dem Eingang des Büros verabschiedet haben, wie zwei flüchtige Bekannte.
Ich weine um Dich, mein Schatz, ich weine! Ich weiß nicht weiter. Welche Vision hast Du für mich, wenn Du in Dich hineinsiehst? Gibt es eine? Was bin ich für Dich?“

Raimundo de Madrazo 1841-1920 – Der Liebesbrief

Das waren die ersten „W“-Fragen, die ich ihm stellte. Er hasst „W“-Fragen! Noch beantwortete er sie. Später nicht mehr. Dann ging er darüber hinweg, als hätte er sie niemals gelesen. Damit brachte er mich in Rage. Ich suchte doch Klarheit für mich… und Gespräche! Sie schienen ihm ein Gräuel zu sein.

Aber wir waren erst am Anfang. Die ersten vierzehn Tage lagen emotionsgeladen hinter uns. Nur sagte mir mein Gefühl, dass schon Jahre vergangen sein müssten.
Ich merkte selber, wie sehr ich jedes seiner Worte auf die Goldwaage legte und analysierte. Ich las auch zwischen den Zeilen! Bis vor zwei Jahren hatte er nicht an andere Frauen gedacht?! Was bedeutete das? Ich wollte es wissen. Nur zögernd gestand er mir, dass ich nicht das erste Verhältnis dieser Art war. Es hatte schon einmal eine Kollegin gegeben, und das war noch gar nicht lange her:

„…Ich wollte Dir noch erzählen, was bei uns vor zwei Jahren geschehen war, als ich das erste Mal (es war wirklich das erste Mal) daran gedacht habe, meine Frau zu verlassen. Es gab eine andere Frau, die mit mir zusammen in einem Büro war. Wir waren Freunde schon seit Jahren – aber nicht mehr. Es gab eine Krise mit meiner Frau, ich kann Dir nicht genau sagen, um was es sich genau handelte, weil es nur meine Frau betraf und nicht mich. Von mir werde ich Dir IMMER alles sagen, es gibt keine Geheimnisse zwischen uns, aber dies ist etwas sehr Persönliches von meiner Frau, das ich Dir nicht erzählen darf. Nun, ich war damals so tief verletzt, so gekränkt, dass ich nur noch weg wollte, weg aus dieser Stadt, weg aus diesem Leben. Es waren nur wenige Tage, aber sie rechten aus, dass ich empfänglich war für diese Frau.
Sie selbst war total erstaunt, als ich sie eines Tages ganz einfach in den Arm nahm und sie küsste – manchmal bin ich wirklich sehr spontan. Sie hatte nichts geahnt, und ich glaube es ihr auch wirklich – es war keine Verstellung und Koketterie dabei. Ich küsste sie (nur auf den Mund) und es war wie ein Blitz! Sie sagte, dass es für sie war wie ein elektrischer Schlag, als ich sie berührte. Es musste sein! Wir küssten und küssten uns…tage-, wochen- und monatelang. Wir küssten uns, sehr intensiv, aber auch nicht mehr. Ich wollte sie haben! Aber ich hatte keine „Vision“ von ihr. Trotzdem wollte ich sie haben! Sie wollte sich von ihrem Mann trennen (wegen uns und weil er sie schon einige Male so geschlagen hatte, dass sie ins Krankenhaus musste).
Sie hat es auch versucht, aber ihre beiden Kinder haben sie später wieder zusammengebracht. Ich hatte das akzeptiert, weil die Kinder – ihre und natürlich meine – für mich das Wichtigste im Leben sind. Für mich sind sie die wahren Engel auf der Erde, die niemals ohne Schuld leiden dürfen. Nun, sie ruft auch heute noch öfters an, ich spüre ihre Unzufriedenheit in ihrem Leben und ihre Sehnsucht. Aber es ist zu Ende. Die Tür ist für immer verschlossen! Aber ich bedaure nichts, was damals geschah, es gehört zu meinem Leben, und ich behalte die schönen Gefühle immer in Erinnerung. Es gab damals keine Vision, weder eine gute, noch eine schlechte.

Bei Dir hatte ich bisher auch noch keine Vision (das ist ein blödes Wort, es hört sich so wichtig an und trifft es auch nicht genau. Es ist wie eine Eingebung, wie ein Blitz, ganz plötzlich und tief in meinen Gedanken). Ich habe bisher das Gefühl, dass sie sich von INNEN, aus meinem Innersten heraus entwickeln wird. Sie braucht Zeit! Bitte gib sie mir! Erzwinge nichts, auch wenn Du es natürlich kannst. Ich bin ganz weich und willenlos in Deinen Armen (das meine ich ganz ernst, und das ist keine Wortspielerei). Du kannst mich zu allem bringen, auch zu Verderben und Tod, aber ich bin mir nicht sicher, ob Dir dies auch bewusst ist. Bitte gib mir Zeit! Ich habe Angst, dass durch gegenseitige Forderungen alles zerstört werden könnte. Ich gebe Dir alles, was ich Dir geben kann und erbitte das Gleiche von Dir! Hab Vertrauen und Geduld! Ich danke Dir dafür, mein Schatz! Dein Liebster.“


„…Mein Kussverhältnis war sehr (!) intensiv, vielleicht sogar intensiver, als das Zusammenschlafen mit ihr gewesen wäre, das nie stattgefunden hat. Wenn wir uns berührten, war das wie ein Brennen, ein Fließen von einem Körper zum anderen, eine Energie, die uns verband. Ich wusste immer, wenn sie in meiner Nähe war, auch wenn sie in der Stadt im Auto an mir vorbeigefahren ist oder wenn sie die Treppe hoch ins Büro kam. Sie hat sich nie darüber gewundert, dass ich sie in meinen Gedanken besuchen konnte. Sie sagte dann immer „Ich habe Dich gestern Abend wieder gespürt, fast wie jemand, der mich anruft. Es ist wie ein Klingeln in meinem Kopf. Du rufst mich und willst mich!“ Und meistens stimmte auch die Zeit, in der ich an sie gedacht hatte. Sehr seltsam, nicht wahr? Und das Merkwürdige ist, dass sie Dir vom Aussehen her sehr ähnlich war.
Mit ihr habe ich aber nie auch nur einen Brief schreiben können, der über das Niveau einer SMS-geschädigten E-Mail hinausgeht. Wie Telegramme mit hässlichen Abkürzungen ohne jedes Gefühl und Sinn – nichts sagend und belanglos. Wie anders ist das mit Dir! Vielleicht war sie jemand, der mich auf Dich vorbereiten sollte? Auf Dich, Du Meisterin der Worte UND des Gefühls!
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich mit Dir auch nur ein „Kussverhältnis“ haben könnte, und dass ich dann auch vollkommen zufrieden wäre, aber es geht nicht nur um mich, sondern vor allem um Dich: Ich glaube, Du brauchst MEHR, um glücklich zu sein und…Du wirst es bekommen… Dein K.“


Dachte er wirklich, dass ich ihm DAS geglaubt habe? NUR ein Kussverhältnis, ohne sie jemals befriedigt zu haben?!

Durch diese beiden Geständnisse machte er aus dem angeblich Besonderen zwischen uns etwas ganz Gewöhnliches…nämlich eine zweite Büroaffäre.
Das „Seelenverbindungsspiel“ hatte er doch zur Genüge mit dieser Kollegin geübt. Er hatte monatelang tagtäglich die intimsten Küsse mit ihr ausgetauscht und machte jetzt eine theatralische Szene aus einer einzigen, intensiven Umarmung mit mir?! Warum? Ein „Brennen und Fließen von einem Körper zum anderen“ hatte er dabei jedenfalls nicht gespürt.

Doch gab es einen Unterschied: Er hatte daran gedacht, seine Frau zu verlassen und mit der Überlegung gespielt, mit diesem Kussverhältnis zusammen zu leben. Meinetwegen war ihm ein solcher Gedanke noch nie in den Sinn gekommen. Wie elend und minderwertig fühlte ich mich nach seinem „Geständnis“! Am liebsten hätte ich alles hingeworfen!

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – nette Nachbarn

Fortsetzung Teil 26

Mein Leben glich einem Drahtseilakt, denn ich musste ständig zwischen Wolke 7 und dem Tagesbewusstsein hin und her balancieren. Ich erinnerte mich mit einem Mal an Samuel, meinen geistigen Führer, den mir R. M. vorgestellt hatte. Wenn es ihn wirklich gab, hatte er sicher schon verzweifelt die Hände über den Kopf zusammengeschlagen oder war geflüchtet.

Ich war allein. Draußen war nach wie vor der riesige Garten und der wenig freundliche Nachbar, der nur zu gerne wie ein Regisseur mein Rasenmähen beobachtete, indem er sich mit einem Stuhl direkt an die Kante des Rasens setzte. Sehr wahrscheinlich belustigte es ihn, wenn ich dort mit hochrotem Kopf den schweren Mäher schob. Danach war ich wirklich völlig fertig und schleppte mich im Anschluss schwer atmend zur Wohnung hinauf.

In dieser Zeit kam ich irgendwann aus dem Büro nach Hause und wollte den Schlauch zum Gießen an den Wasserhahn im Garten anschließen, wie ich es immer tat. Ich ahnte nichts Böses, aber das war leider ganz nah. Mein ‚lieber‘ Hausgenosse hatte auf mein Erscheinen gewartet und kam entrüstet aus dem Haus gelaufen.
„Das ist nun mein Wasseranschluss!“, rief er. Hinter meinem Rücken hatte er die Leitung als seinen Anschluss verlegen lassen. Ich dachte, das darf nicht wahr sein, legte ihm 2 Euro hin und goss meine Blumen, ohne auf sein Geschrei zu reagieren. Als ich wieder alleine war, bin ich in Tränen ausgebrochen.

Am nächsten Tag machte ich meinem Ärger ihm Büro Luft. Sofort wurde in der Werkswohnung eine zusätzliche Leitung für mich gelegt, und mein Nachbar würdigte mich keines Blickes. Seit dessen Krebserkrankung soll er sich in seinem Rentnerdasein wohl negativ verändert haben, sagte mein Chef, der vorher dort gewohnt hatte.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich die viele Arbeit alleine geschafft habe. Der Garten lag direkt neben einem Spielplatz, an dem überall Platanen standen. Im Herbst füllte ich rund 60 Säcke voll Laub. Im Winter folgte die Straßenkehrung, denn sie wurde nicht vom Schnee geräumt.

Das alles blieb für mich, dazu die große 150 qm Wohnung, die ich in den oberen Räumen neu streichen musste, nachdem ich alle Hinterlassenschaften von Patrick von der Müllabfuhr aus der Wohnung hatte tragen lassen.

Daneben der Vollzeitjob, meine Katzen, die übrigen Hausarbeiten und meine schriftstellerische Tätigkeit.

Der Stress konnte noch so groß sein, wenn K. auf Wolke 7 ‚herbeischwebte‘, legte das ungeahnte Kräfte in mir frei.

Am liebsten hätte ich K. den ganzen Tag lang immer nur angesehen. Sein wohlgeformtes Gesicht mit dem Schönheitsfleck auf der Wange, den wachen, lebendigen dunkelbraunen Augen und den dichten schwarzen Augenbrauen hatten es mir angetan. Seine Lippen, mit dem kleinen Bärtchen darüber, waren Sinnlichkeit pur.
Amor hatte gut gezielt und mir mitten ins Herz getroffen. Endlich!

Mit Gedanken an ihn begann ich meine Tage und abends ging ich mit ihnen zu Bett. Manchmal erwachte ich des nachts durch ein heißes, wehes Gefühl in der Herzgegend. Da wusste ich, er denkt an mich oder träumt von mir. „Wir sind verbundene Seelen!“, meinte er.

Man sagt, das, was man am meisten fürchtet, wird auch eintreffen. Ich hatte Angst ihn wieder zu verlieren,…und ich hatte Angst vor dem ‚ersten Mal‘. Ausgerechnet davor bangte mir. Es war mir doch sonst immer gleichgültig gewesen.

Mit diesem Mann war alles anders. Ich versuchte mir einzureden, dass es im Bett nicht klappen würde. Das tat ich, um mich selbst zu beruhigen, denn wenn ich hier auch noch Befriedigung finden würde, wäre es ganz um mich geschehen. Ich hatte Bedenken und die teilte ich ihm mit. Er antwortete wie immer sehr einfühlsam:

„…Du hast geschrieben, dass Du Bedenken hast, ob wir sexuell zusammen passen könnten. Mach Dir keine Sorgen! Wenn wir in der realen Alltagswelt nicht zusammen sein können (oder doch?), ganz sicher können wir es in unseren Briefen, in UNSERER Welt, die nur für uns beide da ist. Sie gehört UNS und nur UNS. Deine Zeilen sind auch für mich sehr…erregend! Auch beim Schreiben an Dich habe ich gewisse…Gefühle, es ist eine Energie, ein Ansporn, ein…ich weiß nicht was…vielleicht spürst Du sie später dann beim Lesen? Und wegen Deiner Bedenken…welche besonderen Wünsche hast Du denn, dass Du so besorgt bist? Ich bin mit Dir verbunden, und ich möchte ALLES von Dir wissen. Es darf KEINE Geheimnisse geben! Ich werde alles mit Dir teilen!“

Was las ich da: Er wollte alles mit mir teilen!? Sollten unsere Herzen tatsächlich im Gleichklang schlagen? Aber da stand auch: „Wenn wir in der realen Alltagswelt nicht zusammen sein können…“, ja, wäre ich dann mit dieser Scheinwelt zufrieden, die sich ständig vor der Öffentlichkeit verbergen musste? Unsere Zeilen erregten ihn, und zu Hause mit seiner Frau lebte er das aus!? Was sollte DAS für eine Liebe sein, die keine Nähe sucht, sondern „nur“ mit Worten zufrieden ist? Ich fühlte eine Sehnsucht in mir, die niemals gestillt werden sollte.

Kleiner Rückblick – Verkauf Elternhaus

Fortsetzung Teil 25

Mein Vater vor seinem neuen Mercedes
Der Hof meines Elternhauses

Die Zeit machte keinen Halt vor dem normalen Alltagstrott. Nachdem meine Mutter am 29. Oktober 1997 gestorben war, verweigerte mir mein Vater meinen Erb-Pflichtteil. Das war das einzige Mal, dass ich gegen dessen unlautere Machenschaften angegangen bin. Ich wollte mir nichts mehr gefallen lassen, was meinem Gerechtigkeitssinn widersprach. Nach einigem Hin und Her zwischen den Anwälten und Intrigen gegen mich, erlangte ich nach zwei Jahren einen Erfolg vor Gericht, und mein Vater musste mir den Anteil ausbezahlen. Danach herrschte zwischen uns Funkstille.

Mein Vater konnte und wollte nicht alleine leben und hatte bereits ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Mutter einen vollen Ordner mit Kontaktadressen. Nach einigen missglückten Beziehungsversuchen lernte er schließlich 2004 auf einer Tanzveranstaltung eine Frau aus dem Duisburger Süden kennen, für die er bereit war sein Haus aufzugeben.

Mit meinem Sohn G., der bis dahin mit ihm unter einem Dach gewohnt hatte und bereits im Testament als Erbe des Hauses vorgesehen war, überwarf er sich nach einer heftigen Auseinandersetzung. G. wurde kurzerhand enterbt und vor die Türe gesetzt. Der wollte sich das aber nicht gefallen lassen und versuchte, sein Bleiberecht einzuklagen, was jedoch misslang.

Da G. zuvor den Anbau des Hauses neu verkabelt hatte, entfernte er erbost alle neu eingezogenen Stromleitungen und hinterließ seinem Großvater ein riesiges Chaos.

Danach zog er zu seiner Freundin, die allerdings verheiratet war und drei Kinder hatte: ein Mädchen vom Ehemann und Mädchen und Junge von meinem Sohn G. Diese Beziehung hält bis heute. Mein Sohn suchte sich eine eigene Wohnung, als sein Zimmer benötigt wurde.

Als mein Vater das Haus verkaufen wollte, rief er mich völlig überraschend an. Ein ungehaltener Ton wurde laut, der mich unverzüglich in mein Elternhaus beorderte.
Mein Sohn Patrick hatte sich, trotz des fehlenden Kontaktes zu den Großeltern, bereit erklärt, mir zu helfen. „Das tue ich für Dich!“, hatte er betont, was ihm damals sicher schwer gefallen ist, denn er litt unter diesem Missverhältnis. Er hatte als Kind jedes Jahr davon gesprochen, dass die Schule und der Zug an Sankt Martin durch die Straße meiner Eltern zog. Es bedrückte ihn, alle Häuser geschmückt zu sehen, die Leute an den Türen stehend, nur meine Eltern nicht.

Schon, als wir am vereinbarten Termin bei meinem Vater eintrafen, schämte ich mich für ihn. Er begrüßte Patrick nicht und wies in seiner derben Art auf den mit Sperrmüll vollgestellten Hof hin und auf die Sachen, die zum Bauhof gebracht werden mussten. Volle Ölwannen, ein Berg Flaschen, Farben und Kabel etc. erwarteten uns. Da der Abfall von meinem ältester Sohn stammte, fühlte ich mich mit schuldig und wollte den alten Mann nicht ohne Hilfe lassen.

Patrick schleppte alles mit mir zum Auto und wir brachten es weg.
Von meinem Vater kein „Danke“, nichts! Den restlichen Sperrmüll ließ er abholen.
Da mein Sohn G. auf den Prozessausgang gegen meinen Vater wartete, durfte dieser zwei Jahre lang das Haus nicht verkaufen.

Danach fiel das Urteil positiv für meinen Vater aus, und er beauftragte 2006 einen Makler mit dem Verkauf. Schon die ersten Käufer zeigten großes Interesse. Schließlich erhielt ein junges Paar den Zuschlag.

Das Haus wurde samt Möbel verkauft. Die persönlichen Sachen hatte mein Vater schnell zur Mitnahme zusammengestellt. Weitere waren für den Müll vorsehen. Er war ja derjenige, der alles wegwarf, damit andere Menschen sich daran nicht bereichern konnten.

Diesmal war er ‚großzügig‘ und zeigte auf die ausrangierten Dinge. Davon könnte ich mitnehmen, was ich wollte. Ich sicherte mir die Ölgemälde und kleinen Dinge, die mich an mein altes Zuhause erinnerten. Er wollte nichts haben. Seine Freundin hatte eine komplette Wohnung.

Ein Jahr bevor meine Mutter starb, hatte ich ihr ein Ölbild gemalt: „Der Nachtwächter“ von Spitzweg, was mir sehr gut gelungen war. Allein der Rahmen hatte viel Geld gekostet. Damals erfuhr ich von G., dass mein Vater das Bild kurz und klein geschlagen hatte, damit ich es nicht zurückbekomme. Das machte mich fassungslos!

Den Schmuck meiner Mutter bekam die Nachbarin. Einen Goldring aus den 40er Jahren, den sie immer getragen hatte, lag auf dem Küchenschrank. Mein Vater hat ihn einfach weggeworfen, ohne mich zu fragen, so wie es immer geschah.

Nachdem das Haus verkauft worden war, zog mein Vater zu seiner Lebensgefährtin in den Duisburger-Süden.

Meine Träume von der Straße, an der mein Elternhaus stand, waren vielfältig. Oft zeigte das Traumbild einen völlig vereisten Weg, zwischen Frost belasteten Häusern. Schweigen ringsum. Alles war menschenleer.

Bevor mein Vater endgültig auszog, träumte ich, wie er mit seiner neuen Frau in seinem Mercedes um die Ecke bog. Ich lief hinterher, doch ich konnte ihn nicht einholen, und er entschwand vor meinen Blicken.

Danach träumte ich die alten Träume, vom nach Hause wollen und nicht können, lange nicht mehr. Manchmal kommen sie für kurze Zeit wieder, und ich suche verzweifelt den Weg dorthin.

Kleiner Rückblick – Der halbe Mann

Fortsetzung Teil 24

2006-2008

K. schrieb mir von seiner Familie, die er über alles liebte, von seinen Kindern, die mit 5 und 11 Jahren noch recht klein waren, und auf die er stolz war. Das Töchterchen war sein absoluter Liebling. Alles schien sich nur um diese „kleine Prinzessin“ zu drehen. Fast täglich berichtete er über ihre Klugheit, ihre Fantasie und ihre besonderen Malfertigkeiten.

An der Wand seines Büros konnte man ihre Bilder und die ihres Bruders bestaunen. Ich bestaunte sie nicht. Für mich war darin keine Besonderheit erkennbar. Alle Kinder in diesem Alter malten so! Es machte mir ein unangenehmes Bauchgefühl, wenn K. seinen Nachwuchs auf einen Sockel hob. Das konnte in meinen Augen nicht gut sein – im Gegenteil, und diese maßlose Präsentation der Bilder an den Bürowänden musste auf Fremde einen eher merkwürdigen Eindruck machen. Als unser damaliger Chef mit Besuch in sein Büro kam, deutete er auf die Bilderwand und sagte: „Sehn Sie, daran arbeitet Herr B.“

Wir standen damals noch am Anfang. Noch konnte ich nicht aussprechen, was ich darüber dachte, und es lag mir fern, K. in irgendeiner Weise zu verletzen.

Am 20. Juni 2006 schrieb er mir: „…morgen ist ein ganz besonderer Tag! Morgen ist der Tag der Sommersonnenwende. Für die alten Kelten war es einer der höchsten Feiertage im Jahr. An diesem Tag sei einfach alles möglich, weil der Tag verzaubert war. Ich möchte Dir gerne ein Geschenk machen! Wünsch Dir etwas und genau das, was Dir im allerersten Moment nach dem Lesen dieser Zeilen als Allererstes einfällt, möchte ich Dir schenken. Wünsch Dir etwas! Dein K.“

Ich wünschte mir Jasmin, nicht ahnend, dass das im Arabischen „Verzweiflung“ bedeutete.

Echter Jasmin, Quelle: Wikipedia

Mit jedem neuen Brief wuchs die Nähe zu K., die ich einerseits gerne zugelassen hätte, aber andererseits auch fürchtete. Ich versuchte, die alte Distanz wiederherzustellen, indem ich am 21. Juni „vernünftige Worte“ schrieb und das Gefühl herunterfuhr, so gut es ging:
„…Was hast Du Dir um Himmelswillen in dem Moment gewünscht? Du bist verrückt! Ja, hin und wieder denke ich an Dich – zugegebener Weise. …Ich glaube, dass die räumliche Distanz zwischen uns von Vorteil ist, weil wir sonst den Überblick verlieren würden. Ich möchte auf keinen Fall, dass uns das Ganze entgleitet! Da wir beide sehr gefühlsbetont sind, würde vermutlich DAS geschehen, was uns hinterher leid täte. Und ich will nicht wieder leiden! Ich genieße die Korrespondenz mit Dir – weiter will ich nicht denken. Du hast eine Familie, und ich habe kein Recht, dort zu stören – auch nicht gedanklich! Sei bitte nicht böse auf mich – ich will nur vernünftig sein. Herzlichst, G.“

K. reagierte gekränkt und sehr heftig: „Das war deutlich! JETZT spricht der Goethe aus Dir und Schiller ist verschwunden… Auch herzlichst, K.“

Auch das „Dein“ vor dem K. war verschwunden, und ich wusste ja mittlerweile, dass er Goethe nicht mochte, weil er ihm zu oberflächlich war und nicht tiefgründig genug.

„Oh je!“, dachte ich und sah die ersten dunklen Wolken über uns schweben. Er war so sensibel. Ich versuchte zu retten und zu beschwichtigen, so gut ich konnte.

„Vielleicht muss ich Dich wirklich mal „in Echt“ drücken, damit Du merkst, wie ich gewisse Dinge meine: lieb!!!“, schlug ich ihm vor.

Was folgte, war eine schlaflose Nacht. Es machte mich verrückt, dass ich ihn nicht einfach anrufen konnte, um ein versöhnendes Gespräch zu führen. Er befand sich nur zwei Straßen von mir entfernt in seiner Welt, von hohen, unüberwindlichen Mauern umgeben. Dort war er unerreichbar für mich. An diesem Abend wartete ich vergeblich auf seine Antwort.

Ludwig Koch 1866-1934- Postkutsche im Regen

Ich versuchte, ausgerechnet frei nach Goethes „Werther“ zu erklären, wie es in mir aussah:
„Was man ein Kind ist! Was man noch solchen Worten geizt! Was man ein Kind ist! – Wir waren ein Stück weit gen Traumland gegangen. Wir wagten uns hinaus, und während unseres Träumens glaubte ich in den wenigen Zeilen…ich bin ein Tor, verzeih mir’s! Aber Du solltest sie richtig lesen, diese Zeilen. – Dass ich kurz bin (denn die Augen fall’n mir zu vor Schlaf): siehe, wir stiegen ein und wussten nicht, wo die Reise endet, Du und ich.
Da ward aus dem Herzen geplaudert, in die Seele, die freilich leicht und offen genug war. – Ich suchte Deine Wünsche, Sehnsüchte: Ach, sie gingen in die gleiche Richtung, wie meine! Aber wer stand trotzdem allein?! Ich! Ich war’s, die ganz allein resigniert dastand. Keine Worte, die da trösteten! – Mein Herz sagte Dir tausend Adieu! Und Du fühltest es nicht! Deine Traumkutsche fuhr vorbei, und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Deinen Kopf ein letztes Mal sich zum Schlage herauslehnen, und Du wandtest Dich, um zu sehen, ach! Nach mir? – Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: Vielleicht hast Du Dich nach mir umgesehen!? Vielleicht! – Guten Morgen! O, was ich ein Kind bin!“

An diesem Morgen kam die erlösende Antwort:
„Ich seh’ Dich immer an, ganz egal wohin uns die Wege führen! Ich seh’ Dich von links, von rechts und von vorne und hinten. Immer seh’ ich Dich!
Auch, wenn wir verschiedene Kutschen haben sollten, unser Weg geht in die gleiche Richtung! Habe keine Angst! Ruh’ Dich aus und sei mir bitte gut! Dein K.“


Wieder antwortete ich frei nach „Werther“:
„Lieber, ich könnte das beste und glücklichste Leben führen, wenn ich nicht so töricht wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eine Menschenseele zu ergötzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach, so gewiss ist’s, dass unser Herz allein sein Glück macht. Nie werden wir zusammen in derselben Kutsche sitzen!
So sind die Zeilen, die wir einander schicken, wie gepflückte Blumen, die am Wegesrand blühen. Ich füge sie sehr sorgfältig zusammen zu einem Strauß, und – schließlich werfe ich sie gedanklich in den vorüberfließenden Strom, und sehe ihnen nach, wie sie leise hinunter wallen.
Ich frage mich: soll man dem Gefühl Nahrung geben, welches so unwiderstehlich hinreißt, auf das man so manche Hoffnung wirft, durch das man die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nicht sieht, nichts fühlt, als diesen Gedanken; sich nur sehnt nach dem für ewig Fernen? Man streckt in seinen Träumen die Arme aus, all’ diese Wünsche zu umfassen – doch erstarrt und besinnungslos steht man vor dem Abgrunde: keine Aussicht, kein Trost und greift ins Leere!
Muss denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends würde? Lieber, nur die Erinnerung Deiner Zeilen macht mir wohl! G.“

Die Polarität des Lebens nährte den Fluss „Glückseligkeit“ mit Liebe und Leid. Das Eine existierte nicht ohne das Andere. Nach seinem letzten Besuch im Büro hatte mich die Angst gepackt. Wir hatten uns in die Küche verkrochen, um den Blicken der anderen aus dem Weg zu gehen. Bei jedem Kuss hatte ich das ungute Gefühl, entdeckt zu werden. Wir standen nur und schauten uns an. Fast unmerklich berührte er mich. Ich war wie hypnotisiert in seiner Gegenwart. Das, was er ausstrahlte, hatte ich mein Leben lang gesucht: Liebe, Wärme, Güte und Zärtlichkeit. Da spürte ich zum ersten Mal die Macht der Liebe. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Es war zwecklos!

Doch wie sollte es weitergehen? Besuche im Büro, die irgendwann aufflogen, weil sie zu heftig wurden? Nein, das durfte nicht sein!

„Pass nur auf und lass die Treffen im Büro sein!“, hatte eine Freundin gewarnt. „Wenn man euch erwischt, bist du die Dumme. Dann gibt man dir die Schuld und wirft dir womöglich vor, dass du ihn verführt hast. Die Geliebte hat immer schuld!“
Die Warnung saß. Ich musste ihr Recht geben.
Außerdem hatte ich die Befürchtung, dass irgendjemand unsere Briefe finden könnte. Ich wollte, dass er sie vernichtet und nicht irgendwo im Schrank aufbewahrt.

Abends schrieb ich ihm: „Es tat gut, mal so richtig mit Dir reden zu können, obwohl ich sehr nervös war, in Deiner Gegenwart. Das war ich schon bei Deinem letzten Bürobesuch. Deine Ruhe macht mich ganz kribbelig!
Ich glaube, in Dir einen guten Freund zu haben, mit dem ich über alles reden kann, und dafür bin ich Dir sehr dankbar. Eine platonische Liebe ist mit Sicherheit viel haltbarer, als eine, die auf dem Körperlichen basiert. Und wir sollten es auch für die Zukunft dabei belassen, gerade weil ich Dich wirklich sehr gerne habe! Du bist eine gute Seele…mit ganz viel Sonne im Herzen! …In Freundschaft mit all meinen guten Gedanken! G.“

„…Wie seltsam, dass Du das Gefühl hattest, dass ich ganz ruhig gewesen bin“, antwortete er. „Das war ich nämlich überhaupt nicht!
Ich möchte für Dich auch ein guter Freund sein, möchte mit Dir über alles reden, für Dich da sein und Dich auch manchmal trösten, wenn Du traurig bist. Eine platonische Liebe ist vielleicht haltbarer, als eine körperliche, aber mit Sicherheit nicht so intensiv. Außerdem: Wenn es schon keine körperliche Liebe zwischen uns geben darf, müssen zumindest Zärtlichkeiten für uns erlaubt sein! Ich glaube, dass wir beide erwachsen genug sind, um den Dämon in uns beherrschen zu können.
Obwohl… bei mir bin ich mir da nicht so ganz sicher. Ich kann manchmal SEHR emotional und impulsiv sein, auch wenn das nur die Wenigsten von mir erwarten. Viele Menschen halten mich zwar für klug, aber auch für sehr langweilig und ziemlich naiv. (Das ist ein Bild, das ich ganz bewusst bei vielen Menschen provoziere, um mich zu schützen)

Aber es hat mir nach dem Gefühlsausbruch noch nie leidgetan, und es hat sich noch nie etwas Schlechtes daraus entwickelt. Wenn man ehrlich zu sich selber ist, und immer das tut, was einem sein ehrliches Gefühl sagt, macht man nichts falsch! Ich habe Dich sehr, sehr lieb – gerade weil Du mich schützen willst! K.“


Nach diesem Treffen im Büro hatte K. einen Tag Urlaub genommen, und ich hörte erst nachts wieder von ihm, als er in Ruhe schreiben konnte:

„Ich bin sehr froh, dass wir uns nach so langer Zeit wieder einmal sehen konnten. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit – eine sehr schöne und aufregende, glückliche, aber manchmal auch sehr herzzerreißende (vor allem gestern!) Zeit, seit wir mit dem Briefeschreiben FÜREINANDER begonnen haben. Und dabei ist noch nicht einmal eine Woche vergangen, seit zwischen uns eine erst kleine, dann immer größere und hellere Flamme entzündet wurde…mittlerweile brennt sie wie ein „Sonnenfeuer“.
Die wenigen Tage waren – nein, das ist falsch – sie SIND für mich erfüllt von tiefem Gefühl, Zärtlichkeit, Sehnsucht und Glück. Deine Briefe treffen meine Seele und mein Herz! Ich bin vollkommen offen für Dich, ohne jeden Panzer und Schild. Wenn Du mir etwas sagst – Gutes UND Schlechtes -, trifft es mich bis ins Innerste.


Normalerweise baue ich einen Schutzwall aus Anpassung, oberflächlichem Gerede und gespielter Leichtigkeit oder auch manchmal gespielter Unwissenheit und Naivität um mich herum auf, um mich zu schützen. Bei Dir habe…und will ich keinen Schutz! Ich möchte alles von Dir in mich aufnehmen, das Du mir schenken willst.
Wir sind beide – so glaube ich – sehr empfindsame, aber auch sehr zerbrechliche Wesen. Jeder Schmerz – egal, ob mit Absicht oder gedankenlos zugefügt – trifft uns ins Innerste. Ich werde jedenfalls alles tun um Dich – vor mir und anderen – zu schützen. Wenn ich mich in „meine Höhle“ zurückziehe, findet sich für DICH auch dort immer ein Platz. Ich kann Dich auch von meiner Höhle aus immer noch sehen, hören und spüren, auch wenn dicke Felsen zwischen uns sind. Diese Band dürfen wir nie zerreißen! Ich brauche es! Vielleicht brauchst Du es auch?


Es stimmt und Du hast Recht: Ich bin nicht frei; ich trage Verantwortung für meine Familie, und ich habe mein WORT gegeben. Es stimmt und Du hast Recht: Niemand darf durch unser Band verletzt werden! Doch das ist nicht leicht.

Darf ich Dir nah sein, …in Gedanken und auch sonst …ganz, ganz nahe, …ohne zu betrügen, ohne ein Verräter zu sein? Darf ich Dich sehen, Dich hören, mit Dir reden, Briefe schreiben, Dich zärtlich berühren, streicheln und auch manchmal küssen?
Darf ich? Bin ich dann ein Schuft?

Nein, nein, NEIN! Ich bin es nicht!
Ich will, dass wir uns sehen, uns hören, miteinander reden, Briefe schreiben, uns manchmal trösten, uns zärtlich berühren und auch – wenn Du es erlaubst – uns küssen!
DAS darf nicht verboten sein! Dürfen wir? Niemand soll dadurch Schaden leiden! Ich will es! Willst Du mehr? Ich will noch VIEL, VIEL mehr von Dir, aber, ach…
Ich, ich, ich! Was bin ich doch für ein Egoist!
Was willst Du? Dein K.“


Was ich wollte? Ich wollte ihn. Ganz und gar! Aber ich merkte, dass meine Einstellung bezüglich Treue eine ganz andere war als seine. Wenn ich gebunden bin, sind bereits Gedanken an eine andere Person Betrug, und diese Gedanken konnten gar nicht erst entstehen, wenn ich liebte. Zwei Männer gleichzeitig zu lieben, das ist mir nicht möglich, weil ich absolut monogam bin. Deshalb musste ich es als äußerst fragwürdig empfinden, wenn K. behauptete, er würde seine Frau ebenfalls lieben, auch, weil sie nach seinen Angaben ganz anders war als ich. Wem machte er etwas vor? Mir, seiner Frau oder sich selbst?

aus: Die Leiden des Jungen Werthers – J. W. von Goethe


Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Gilgamesch Epos

Fortsetzung Teil 23

Mein Büro

Der Büroalltag war die einzige Normalität, die mir geblieben war. Seit 1986 hatte sich für mich viel geändert. Von der Schreibmaschine zum PC – spannendes Neuland. Die Betriebsleiter wechselten, alters- und krankheitsbedingt.

Zwei Wochen bevor mein erster Chef, der schon lange pensioniert war, im Jahr 2009 starb, schickte er mir ein Traumbild: Er stand winkend vor mir, in einem schwarzen Anzug und lächelte. Später teilte mir seine Ehefrau mit, dass er gestorben sei. Seitdem durfte ich im Büro nichts mehr von meinen luziden Träumen erzählen, weil man Angst hatte, darin vorzukommen.

Allen Vorurteilen zum Trotz kam ich gut mit ihm aus. Nach und nach nahm ich ihm die Betriebsabrechnung ab, die er bis dato selbst gemacht hatte. Von Frauen hielt er nicht viel. Ich erinnere mich daran, wie er durch’s Werk lief und schrie: „Frauen im Betrieb sind der Anfang vom Ende!“ Doch habe ich viel von ihm gelernt, wenn es anfangs auch nicht immer ‚gemütlich‘ mit ihm war.

Seitdem ich im Heiligenlexikon gelesen hatte, dass „Jakobus der Ältere“ der Schutzpatron der Alchemie und Pharmazie ist, grübelte ich anfangs über meine berufliche Bestimmung in der Chemie nach. Da das Heiligenlexikon von Menschen gemacht worden ist, halte ich den Zusammenhang mittlerweile für willkürlich.

Hier war mein Platz, und obwohl ich hier das gleiche Getrennt- und Anderssein spürte, wie überall, war das Büro ein zweites Zuhause für mich geworden. Es war mein Vorteil, dass ich das Büro zu Fuß erreichen konnte, denn meine Werkswohnung lag unweit entfernt davon.

Bereits Ende 2005 hatte es Neuerungen gegeben. Gewisse Arbeitsbereiche verlangten nach einer Optimierung. Für etliche Abrechnungsdateien, die ich selbst entwickelt hatte und mit denen ich täglich umging, war eine Automatisierung vorgesehen. Makros mussten geschrieben werden. Ein Kollege aus einem anderen Werksbereich sollte das zusammen mit mir tun. Ich kannte K. nur ganz flüchtig. Er ist Ingenieur für technische Chemie und war mir vor Jahren kurz einmal vorgestellt worden.

K. ist ein bedächtiger, ruhiger Mensch, der, wenn er im Raum ist, nicht weiter auffällt. Bescheiden wie er war, versuchte er sich möglichst unsichtbar zu machen. Geduldig richtete er mir die neuen Dateien ein und erklärte mir das, was er tat, ganz ausführlich.

Er wusste nichts von mir und ich umgekehrt nicht viel von ihm. Nur, dass er verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte, war mir bekannt.

Während dieser Zeit kaufte ich mir privat einen Laptop, und ich bat K. darum, bei mir zu Hause nach dem Internetanschluss zu schauen, weil der nicht funktionierte. Als er abends kam, versuchte er, zusammen mit meinem Sohn, die Netzwerkverbindung einzurichten, aber es funktionierte nicht. Er blieb bis kurz vor 22 Uhr, was mich sehr wunderte, und ich schickte ihn mit den Worten nach Hause: „Jetzt gehen Sie aber besser, sonst bekommen sie noch Ärger mit ihrer Frau!“ Daraufhin lächelte er verschmitzt, so, als wäre er erwischt worden und ging.

Während er die Arbeit im Büro fertigstellte, bot ich ihm eines Tages aus Sympathie, zu seinem Erstaunen, das „Du“ an. Danach sahen wir uns wochenlang nicht mehr und telefonierten auch nicht. Erst an meinem Geburtstag sah ich ihn wieder. Er kam mit einer Flasche Rotwein in mein Büro und schenkte mir das „Gilgamesch-Epos“ mit den Worten: „Ich denke, das passt zu Dir!“

Quelle: Wikipedia – Gilgamesch-Epos

Ich gebe zu, er verblüffte mich damit, denn in all den Jahren hatte mir noch kein anderer Kollege etwas geschenkt. Das war auch nicht üblich und machte mich nachdenklich, denn das Epos war mir wie ein Zeichen, das plötzlich aus mesopotamischer Zeit zu mir herüberschwappte. Ich las die Verse aus den Urzeiten der Menschheit und die Geschichte der Priesterin im Tempel des Himmelsgottes Anu. Warum schenkte K. mir ausgerechnet diese alte Geschichte? Ich konnte es mir nicht erklären. Hatten R. M. und P. nicht gesagt, ich sei Hohepriesterin in einem Tempel gewesen!?

Wochen vergingen. Im Mai 2006 fuhr ich zu einer Lesung nach Leipzig-Gohlis. Der Leiter des Schiller-Museums hatte mir einen Lesetermin in seinem Hause eingeräumt; danach kehrte ich nach anstrengenden Tagen zurück nach Hause.

Schiller-Haus in Leipzig-Gohlis, Foto: Gisela Seidel

In meinem E-Mail-Postfach fand ich einen Brief von K. Er fragte nach, wie die Lesung verlaufen sei und schickte mir einen Link zu einer Internetseite mit keltischem Schmuck.

Seinen Geburtstag, Ende Mai, bedachte ich mit einer elektronischen Geburtstagskarte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mit einem Geschenk in sein Büro zu gehen. Er war ein Kollege wie jeder andere auch. Ich sah keine Veranlassung darin, ihm ein Geschenk zu machen.

Anfang Juni kam er zu Nachbesserungen in mein Büro und als wir nebeneinandersaßen, sah ich zum ersten Mal bewusst sein Profil. Er hatte eine „Schillernase“. Das gefiel mir! Ansonsten wirkte er, trotz der graumelierten Haare, auf mich sehr jung – schätzungsweise unter 40. Ich war erstaunt, als er mir sagte, er sei 46 geworden.

Wir sprachen u. a. auch über die Lesung in Gohlis und meinen Besuch in Weimar. Ich hatte dazu das Gedicht „Sommerspaziergang“ geschrieben, das ich ausdruckte und ihm zum Lesen überreichte. Dass dies Auslöser für unsere Liebe werden sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Bereits im Mai hatte ich eine Tarot-Kartenlegerin angerufen und nach meiner Zukunft befragt, weil ich doch noch immer auf die mir prophezeite Liebe wartete. Sie sah „Liebesbriefe wie von Schiller“ für mich, die mir ein junger Mann schicken würde. Dass so etwas eintreffen könnte, hatte ich nicht für möglich gehalten, doch es erfüllte sich.

Mehr als 8.000 E-Mails folgten dem ersten Brief von K., schöne und weniger schöne, liebevolle, traurige, aber auch lustige waren darunter. Wir legten unsere beiden Seelen in die Zeilen, und nach den ersten Tagen und Wochen öffnete sich mit einem gewaltigen Ruck mein bisher fest verschlossenes Herz wie eine Blüte.

Anfangs sträubte sich mein Innerstes gegen das neue Gefühl, und mein Verstand verbot es mir, an etwas anderes, als an Freundschaft zu denken.
Wir schrieben uns über Goethe und Schiller, über Charlotte von Kalb und deren „zweites Gesicht“, aber auch über seinen Lieblingsdichter Lermontov, der ihm ähnlich sah und über dessen Lebensgeschichte er Seiten füllen konnte.

Mikhail Yuryevich Lermontovs 1814-1841

Am 18. Juni 2006 bekam ich von K. diesen Brief:
„Du bist für mich ein Mensch, der sehr in seiner Mitte lebt, sich seiner selbst sehr sicher und trotzdem sehr empfindsam für die Gedanken und Gefühle anderer ist, und genau das finde ich sehr schwierig! Meistens gibt es ein entweder/oder: Entweder ist man sehr empfindsam ODER sehr selbstsicher. Beides zusammen ist sehr selten, und ich denke, Du bist auf Deinem Weg sehr weit vorangekommen. Ich freue mich sehr, dass Dir unser Briefwechsel Freude macht. Mir geht es ganz genauso. Ich bin zwar etwas „eingerostet“, was das Schreiben betrifft. Manchmal fehlen mir auch ganz einfach die Worte, um meine Gedanken und Gefühle gut auszudrücken, aber egal: Es macht mir Freude, meine Gedanken mit Dir zu teilen! Du bist ein ganz besonderer Mensch, und ich bin sehr froh, dass wir uns auf unserem Weg begegnet sind! – K.“

„Empfindsam und selbstsicher“, hatte er geschrieben. Natürlich sah er nur die Fassade, nicht mein Innerstes. Er konnte nicht ahnen, dass ich mir eigentlich nur sicher war, dass mein Selbst auf andere Menschen nicht immer positiv wirken konnte, weil ihnen mein Naturell fremd erscheinen musste. Er konnte auch nicht wissen, dass ich meine Selbstsicherheit nur als Schutz um meine löchrige, wunde Seele herum aufgebaut hatte.

K. fragte mich nach meinem Tagesablauf, nahm gedanklich Anteil an meinem Leben, und ich empfand ihn als ebenso „besonders“, wie er mich wohl empfunden haben musste.

Ich hatte nie zuvor meine Gedanken, Träume und Wünsche mit einem Mann teilen können. Mit K. konnte ich das, weil er wirkliches Interesse an mir zu haben schien, und weil er eine ganz eigene Art von Spiritualität in sich trug. Er hatte genau meine „Wellenlänge“.

Trotzdem scheute ich mich davor, unbeabsichtigt eine gewisse Grenze zwischen uns zu überschreiten. Es gab so viele Dinge, die ich über ihn wissen wollte. Wie viel „Nähe“ war bei einem Mann erlaubt, der verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat? Ich dachte sehr oft darüber nach und umging deshalb gewisse Fragen.

Ich schrieb ihm: „…Du vermittelst mir eine gewisse Nähe, eine Vertrautheit, die ich lange nicht kannte. Da die Zeitqualität im Moment nur Offenheit zulässt, die manchmal völlig undiplomatisch „losgehen“ kann, darf ich Dich nur fragen, was Du bei unserem Briefwechsel empfindest!?“

Er antwortete: „…Jetzt habe ich Deine Briefe bekommen. Besondere Briefe, wie immer! Ich möchte mehr von Dir erfahren, erzähl mir bitte von Deinen Träumen! Sei ruhig so offen und so ‚undiplomatisch’, wie Du es möchtest! Unsere Briefe sind für mich ein Band zwischen uns. Sie sind eine ganz eigene Welt, die nur für uns beide und unsere Gedanken da ist. Ich hätte nie gedacht, einen derart sensiblen Menschen wie Dich ganz in meiner Nähe finden zu können.“

Ich war mir sicher, dass das Band zwischen uns nicht erst seit Beginn unseres Briefwechsels bestand. Vielleicht hatte das Epos damit zu tun?
K. war in allen Dingen des Alltags anders. Er machte auch auf andere Frauen den Eindruck des „Frauenverstehers“. Aus dem Saarland stammend hatte er nichts mit dem Orient zu tun. Trotzdem gab es dorthin eine Verbindung. Er hörte zu Hause fast ausschließlich orientalische Musik und träumte davon, einmal in den Libanon reisen zu können. Er liebte die Wüste und hasste weiße Spinnen.

Was verbarg der Schleier vor unserer fernen Seelenvergangenheit? Hatten wir gemeinsam in Mesopotamien gelebt…oder in Ägypten? Für mich lag ein Gefühl von Wahrheit in diesen Überlegungen.

Mein Brief vom 20. Juni 2006:
„…Von meinen Träumen soll ich Dir erzählen?! Im Moment träume ich oft von Raubkatzen, von Tigern, die andere Menschen zerfleischen, oder die bei meinem jüngsten Sohn im Bett sitzen. Er hält sie dann im Arm, wie einen Teddybären und hat überhaupt keine Angst davor. Aber ich habe Angst um ihn und weiß, dass ich nichts für ihn tun könnte, wenn der Tiger zubeißen würde.

Einer hat mich gestern ins Ohr gezwickt, als wollte er sagen: „Pass nur auf, was du tust, sonst beiße ich fester!“ Es war wie eine Warnung vor dem Animalischen in mir, das ich schon so lange weggeschlossen hatte, weil es mir, ohne es auszuleben, besser geht. Aber man kann das allzu Menschliche nicht auf Dauer wegschließen.

Anima und Animus: Wir sind stets auf der Suche nach Antworten auf offene Fragen, nach jemandem, der unsere längst verdrängten Seelenbereiche anspricht, damit sie sich endlich öffnen können. Hat man diese Dualseele gefunden, zeigt sie uns alles, was wir verdrängten, was uns bisher fehlte, was wir so lange schon suchten, und sie ist meist das Gegenteil von dem Partner, mit dem man Alltäglichkeiten durchlebt. Es ist spannend und faszinierend, in einer zunächst fremden Person plötzlich ein Gegenstück zu erkennen oder eine Ergänzung seiner eigenen Persönlichkeit.

Manchmal ist es aber auch erschreckend, weil man sich mit einem Mal bewusst macht, dass diese Dualseele unerreichbar fernbleiben wird, und man sich nur auf geistiger Ebene austauschen darf. Aber, ist das nicht nur ein (wenn auch schöner) Selbstbetrug, weil man im Grunde viel mehr wollte, wenn es möglich wäre!? Dann aber würde man das Besondere zum Alltäglichen machen.

Aus meiner Schiller-Biographie (nach Schiller): „..Alles, was unserer Phantasie entspringt, kommt letztendlich aus uns selbst; alle Gefühle, die wir beschreiben, sind in der Tiefe unserer Seele vorhanden. Wie durch einen Spiegel reflektiert, wird das dort Sichtbare in tausendfacher Form zurückgeworfen. So finden wir auch Gott nicht nur an einem bestimmten Ort im Universum, sondern als Reflektion seines großen, unendlichen Selbst in der Gesamtheit der Natur und Ökologie. Der höchste denkende Geist ist Gott; er stellt den reinen Begriff der Liebe dar. Jedes noch so vollkommene Wesen strebt in Liebe nach einer Verschmelzung mit einem anderen Geschöpf. – Diese wird es jedoch erst erreichen, wenn es wieder mit Gott vereint ist. So bleibt die Liebe – das große, unfehlbare Band der empfindenden Schöpfung – letztendlich auf Erden nur ein glücklicher Betrug.“

K. antwortete prompt: „…die Warnung vor dem Animalischen hilft nicht. Es ist untrennbar mit unserem Leben verbunden. Mit dem Animalischen ist es wie mit dem Atmen: man kann für eine kurze Zeit damit aufhören, mit großer Willensanstrengung auch noch etwas länger, aber irgendwann muss man atmen oder …man erstickt und lebt nicht mehr. Außerdem kann es sehr schön sein… Dein K.“

Unter dem Brief stand „DEIN K.“! Ich hatte das zunächst übersehen, aber nun sprang es mir ins Auge. „Dein K.“. Das hörte sich so gut an!

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Neuer Lebensabschnitt

Fortsetzung Teil 22

Zwischenzeitlich war trotz der neuen Aufgabe in mir der Ruf nach Liebe nicht verstummt. Wie andere Menschen auf die Uhr schauten, so schaute ich auf den Kalender. Schiller und das Schreiben hatten mich über die Zeit getragen. Er blieb allgegenwärtig.

Die Jahre waren fast unmerklich vergangen, doch die Aussage von R. M. konnte ich nicht vergessen. Als ich damals nach einem Partner fragte, hatte sie mir das Jahr 2006 genannt.

Viele der damaligen Freundinnen hatten sich für immer verabschiedet oder vielmehr ich mich von ihnen. P. war darunter und auch I., von der ich mich wegen ihrer Exzentrik distanziert hatte. Daneben hatte ich neue Bekanntschaften in Voerde gemacht und alte in Homberg aufgefrischt.

Als die Sache mit R. M. damals in die Brüche ging, hatte I. deren Zukunftsaussagen allesamt in Frage gestellt. Das Jahr 2006 nahte, und ich hoffte noch immer. Fast drei Jahre lang hatte ich allein gelebt.

Für meine neuen Bekannten von der Presse war ich nur interessant, solange ich ihnen Stoff für neue Artikel lieferte. Auch hier entpuppten sich vermeintliche Freundschaften als schnell vergänglich. Ein Ende 2005 gegründeter Kulturverein in Geldern hatte mir außer einer Menge Arbeit als Schatzmeisterin nur Oberflächliches gebracht. Jeder kochte hier sein eigenes Süppchen. Von Verbund spürte ich wenig und kehrte schließlich auch dem den Rücken zu.

Dass ich mitunter als weltfremder, nicht kritikfreier Exot belächelt wurde, kam erschwerend hinzu. Viele suchten meinen Rat, aber wirklichen Umgang mit mir schien niemand zu wollen. Immer war ich diejenige, die Einladungen aussprach, nur selten erhielt ich eine zurück. Schließlich war ich nicht lustig, sondern nur ‚komisch‘.

Auch ein wieder aufgenommener Kontakt zu E., die inzwischen eine mit neuen Frauen besetzte Gruppe leitete, änderte daran nichts. Sie lehrte immer noch die gleichen Dinge, und ich äußerte nach wie vor Kritik, sobald mein Bauchgefühl die Alarmglocken läuten ließen.

E. liebte Tobias-Channelings genauso, wie die Geistheilung durch irgendwelche selbsternannten „Lichtgestalten“, die gar keine waren. Einer davon entpuppte sich später als Kinderschänder. Sie animierte die anderen Gruppenmitglieder zur Teilnahme an fragwürdigen Veranstaltungen, aber ich lehnte es ab, Deeksha gebende indische Gurus reich zu machen, die in den Augen der westlichen Welt die spirituelle Weisheit scheinbar für sich gepachtet hatten. Doch damit stand ich allein.

Ich brauche Gott und seinen christlichen Geist, den er einst seinem Menschensohn Jesus mit auf diese Welt gegeben hatte. Sonst niemanden! Jeder, der sich auf ihn beruft, ist in der Lage heilend zu wirken, wenn der ‚Himmel‘ das so vorsieht und das kostenlos. Ich musste feststellen, dass manche Ärzte nicht durch Gott, sondern durch ihren Geldbeutel heilen.

Mit meiner christlichen Überzeugung konnte auch die neue Gruppe nichts anfangen. Deshalb kehrte ich E. schließlich wieder den Rücken zu. Was sollte sie mir beibringen?! Sie hatte selbst nichts dazugelernt. Ihre Wahrheit war nicht meine. Ich hatte doch alles IN mir, was wichtig für mich war.

Irgendwie war ich zu gläubig, zu leidgeprüft, zu wenig esoterisch, zu lebenserfahren, zu mystisch und passte wohl kaum in die Denkweise meiner Zeitgenossen. Das war auch nicht meine Absicht, denn ich liebte es mittlerweile, mit einem Bein in der Vergangenheit zu stehen. Egal, was ich tat, ich schien immer zwischen den Welten und Zeiten zu wandeln.

Meine Lebensanschauung war anders, mein Glaube und mein Bewusstsein hatten sich entwickelt und aus mir eine Einzelgängerin gemacht. Nur eine sehr alte Seele konnte ertragen, was ich im Leben erfahren musste. Es war mein Weg! Erst jetzt konnte ich ihn segnen, weil ich sah, welche Tiefe er mir durch seine Schwere gegeben hatte. Ich war nicht stolz darauf – im Gegenteil und hoffte, dass auch Gott mich segnen würde.

Ich sehnte mich nach Menschen und blieb dennoch unter vielen allein. Um mich zu erden, unternahm ich lange Spaziergänge durch die Rheinauen oder fuhr nach Kevelaer, um Kraft zu tanken und „Gott zu atmen“, obwohl er sehr wahrscheinlich dort, unter den vielen Geschäftemachereien des Pilgerortes, am wenigsten zu finden war. Doch ganz gleich, wo ich lief, ich fühlte mich einsam und verlassen. Ich hatte das Alleinsein gelernt und lebte autark mein Leben. Sollte DAS meine Bestimmung sein? Es machte mir zu schaffen! Wenigstens empfingen mich meine drei Katzen mit Freude, wenn ich nachmittags von meinem Vollzeitjob nach Hause kam.

Mein jüngster Sohn war die einzige Menschenseele, die mir emotional und aufgrund der räumlichen Nähe verbunden war, doch er blieb mir trotzdem fremd, weil er ein ganz anderes Naturell hatte, als ich. Was uns jedoch immer vereinte, war unsere Tierliebe. Er hegte und pflegte die Katzen, wenn ich ein paar Tage weg war. Seine Lieblingskatze hieß „Sally“. Ich rief sie „Wichtel“. Sie pinkelte durch ihr Revierverhalten ständig alle Übergardinen voll, aber wir liebten sie trotzdem.

Patrick und ich, wir beide waren hochsensibel. Sobald wir längere Zeit zusammen in einem Raum waren, entwickelte sich ein explosives Gemisch, das kurz darauf explodierte. Er entzündete sich an meiner Art und ich an seiner. Ein Teufelskreis, den man nur durch räumliche Trennung entkommen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Patrick sein Studium aufgegeben, weil es finanziell nicht zu stemmen war. Der Bafög-Antrag war zwar gestellt worden, doch die Antwort darauf verblüffte und erschreckte uns beide: Ich sollte fast 400 Euro an Patrick zahlen, obwohl ich ihn bisher alleine unterhalten hatte und nie einen Pfennig Unterhalt von seinem Erzeuger bekam. Er wohnte und aß bei mir, wurde eingekleidet, wenn er etwas brauchte und bekam ansonsten alles, was die Uni betraf, zusätzlich von mir. Hinzu kam dann noch seine fehlende Hilfe, die Unordnung und seine immer desolateren Wohnräume. Ich war verzweifelt!

In seiner Grundeigenschaft war Patrick ein liebenswerter Mensch, der sich selbst als wertloses Geschöpf empfand und genauso lebte. Er lehnte es ab, den Bafög-Bescheid umzusetzen und verzichtete auf die Geldforderung, weil er mir nicht schaden wollte. Das war auch eine Eigenart von ihm: Er hätte niemals etwas von mir weggeworfen und sei es nur eine Trockenblume gewesen, die langsam auseinander fiel.

Ich hatte ihm den Führerschein finanziert, und er benutzte meinen Micra solange, bis er rundherum verbeult war. Bei ihm herrschte das Chaos – die ‚Kehrseite der Medaille‘.

Im Frühjahr brachte er mir die Nachricht, dass er nach Duisburg-Neudorf ziehen will. Grund dafür war eine junge Frau, in die er verliebt war und die in nächster Nähe zu seiner neuen Wohnung wohnte. Mit ihr verbrachte er seine Freizeit, hing in irgendwelchen Clubs ab und zelebrierte seine Rap-Musik.

Bevor er umzog, richtete ich ihm das Nötigste ein: Eine neue Küche, Schlaf- und Wohnzimmer mit Flachbild-TV, Vorhänge und Lampen. Ich wollte, dass er es gut vorfand, in seiner 45 qm-Wohnung und wusste, dass er kein Geld zur Verfügung hatte, um sie einzurichten. Kurz darauf begann er nach einem Praktikum eine Ausbildung zum Bürokaufmann, die er auch beendete. Er war damit nicht nur unterfordert und unglücklich, sondern fand letztendlich keine Anstellung.

In der Zwischenzeit zerplatzten alle seine Träume. Die größte und letzte Liebe seines Lebens betrog ihn mit seinem besten Freund. Das hatte er niemals verwunden. Danach wollte er zwar nichts mehr von Frauen wissen, weil er deren materielle Einstellung hasste, hatte aber dennoch die Sehnsucht nach einer heilen eigenen Familie.

Ich weiß noch den Tag, an dem Patrick bei mir auszog. Das war das erste Mal, dass wir getrennt voneinander lebten. Als damals die Türe ins Schloss fiel, schauderte es mich. Ein neuer Lebensabschnitt begann! Ich blieb alleine mit meinen drei Katzen zurück.

Wird fortgesetzt…