Kleiner Rückblick – Schiller

Fortsetzung Teil 21

Gisela Seidel

Im Dezember 2003 war ich auf dem Weg zum Altenheim mit einem voll bepackten Wäschekorb von meiner Wohnungstreppe gestürzt und hatte mir einen riesengroßen Bluterguss am Oberschenkel zugezogen. Meine „Gabor“-Schuhe waren hin, und ich hatte mich im ersten Schockzustand auf die Bank im Flur gesetzt, um Atem zu holen und mich zitternd auszuheulen. Es war alles zu viel.

Mir war so, als wäre ich geschubst worden. Es war wie ein „Stopp“!
„Die geistige Welt schubst nicht!“, rief eine Stimme in mir. Trotzdem war der Sturz für mich die Aufforderung, nicht mehr ins Altenheim zu gehen, der ich umgehend nachkam. Ich sollte etwas anderes tun. Da war ich sicher! Aber was?

Von Esoterik war nur noch die Frauengruppe bei E. geblieben, und ich fuhr einmal wöchentlich nach Krefeld. E. nannte sich schamanische Heilerin und Kartenlegerin. Ab und zu kriegte sie hellsichtige Bilder, wie damals bei D.
Das kam plötzlich und unerwartet. Mir sagte sie irgendwann aus heiterem Himmel: „Ich sehe für dich die Namen Hus und Eck.

Jan Hus 1370-1415
Johannes Eck 1486-1543

Jan Hus war wegen Ketzerei verbrannt worden. Johannes Eck war ein Gegner Martin Luthers. Was ich damit zu tun haben sollte, weiß ich bis heute nicht. Nur waren alle diese Personen eng mit der Kirche verbunden.

Gegen ein Honorar von 10 Euro pro Person zeigte E. uns alles, was mit Geistheilung zu tun hatte. Wir machten Meditationen in der Gruppe, bei denen ich in Halbtrance viele „Bilder sehen“ konnte.

Ich sah Petrus auf einem Berg stehend ins Tal hinabsehen, saß inmitten von Indianern auf einer Anhöhe beim Lagerfeuer und schaute zuletzt in ein freundliches Männergesicht mit Zopf, das nach kurzer Zeit mit einem Lächeln wieder verschwand.

Noch ganz verzückt fuhr ich an diesem Abend nach Hause und wälzte mein Lexikon, in der Hoffnung, dort vielleicht das Bild wieder zu entdecken. Aber ich fand es nicht, und ein Name wurde mir auch nach wiederholtem Bitten von meinem Geistführer nicht genannt.

Auch an E., vielmehr an den dortigen Räumlichkeiten hatte die mediale alte Dame aus I. Bekanntenkreis nichts Gutes gelassen. Sie hatte gesagt, der Raum, in dem sich die Gruppe traf, sei von negativer Energie durchsetzt und auch über E. fand sie kein positives Urteil. I., die bis zu diesem Zeitpunkt stets mitgefahren war, wollte sich der vermeintlichen Gefahr nicht mehr aussetzen. E. tat mir leid, denn ich hatte sie als vertrauenswürdig eingestuft und konnte nichts Negatives an ihr finden. Nun hieß es ihr gegenüber Farbe bekennen, und es fiel mir sehr schwer, mich an einer weiteren „Hexenjagd“ zu beteiligen, von der ich gar nicht überzeugt war. E. war verständlicherweise sehr betroffen über unsere Entscheidung und von dem, was man ihr anlastete. Doch ich gehorchte meinem Bauchgefühl und das riet mir, der Gruppe fernzubleiben.

Friedrich Schiller, Gemälde von Anton Graff;
Quelle: Wikipedia

Dann vergingen zwei weitere Monate. Mittlerweile hatte ich fast 300 Gedichte geschrieben, und ich schaute und wartete auf neue Erkenntnisse, die mich weiterbringen sollten.

Im März 2004 entdeckte ich in einer Zeitung eine Ausstellung im Goethemuseum in Düsseldorf. Sie nannte sich „Weimarer Frühling“. Ich plante einen Besuch und fuhr alleine mit der S-Bahn dorthin, obwohl ich so etwas noch niemals zuvor gemacht hatte.

Das Museum zeigte vor allen Dingen „Goethe“, und als ich das obere Stockwerk erreicht hatte, war ich fast enttäuscht darüber. Dann betrat ich den letzten Raum, der Schiller gewidmet war und blieb vor einer Reproduktion seines Gemäldes von Anton Graff stehen. Ich schaute zu ihm hinauf…nein, er schaute mich an, und es war dasselbe freundliche Gesicht, das mir in der Meditation erschienen war. Als mir das bewusst wurde, brach ich in Tränen aus. Ich kannte diese alte Seele! Doch woher? Es war wie ein Déjà-vu, und ich fuhr glücklich, mit schillernden Gedanken nach Hause.

Direkt am nächsten Tag eilte ich in die nächste Buchhandlung und kaufte mir das erste Buch „Unser armer Schiller“. Eigentlich war es das zweite, denn ich hatte ja noch die Rowohlt-Bibliografie von R. M. zu Hause. Ich verschlang diese Lektüren und kaufte in Antiquariaten das ein, was mir ‚von oben‘ gezeigt wurde, denn mir war klar, dass ich geführt wurde.

Doch meine Fragen nach dem Warum blieben unbeantwortet. Sollte ich etwas aufdecken, was anderen nicht gelungen war? Es musste schon ein besonderes Buch werden, denn Biografien über Schiller gab es genug. So entschied ich mich dazu, eine Biografie aus seiner Perspektive zu schreiben, um eine besondere Nähe zu ihm herzustellen.

Im Juni 2004 fuhr ich zum zweiten Mal nach Weimar und war begeistert. Hier ließ ich mein Herz! Der Jakobskirchhof aktivierte schon beim Betreten den Tränenfluss bei mir, und ich war mir sicher: Die alte Schwingung ist noch da!

Als ich den Kirchenraum betrat und dem Spiel der Organistin lauschte, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Mir war, als würde Schillers Geist durch meine Augen die Welt schauen. Er begleitete mich und zeigte mir alles, was ich sehen sollte.

Die Biographie wuchs langsam, aber stetig. Ich fand alles, was ich brauchte. Manchmal nicht sofort. Dann musste ich auf meine innere Stimme hören, schrieb hin, was mir in den Sinn kam und stellte im Nachhinein fest, dass es immer richtig gewesen ist.

Die Bücherberge um mich herum wuchsen. Vieles kaufte ich, denn ich wollte die alten Bücher in Händen halten, so als könnte ich den Inhalt auf Wahrheit erfühlen. Über die Hoffmeister-Biografie habe ich mich am Allermeisten gefreut. Ich bekam sie für 15 Euro. Ein Schatz unter vielen aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings musste ich achtgeben, denn einige Stellen waren absichtlich verfälscht, weil die Angehörigen dieser Personen noch lebten.

Die Briefe von Schiller konnte ich mir finanziell nicht leisten. Die Nationalausgabe zu kaufen, wäre viel zu kostspielig für mich gewesen, und ich war froh, dass ich sie kostenlos in der Stadtbücherei leihen konnte. So erfasste ich tausende von Seiten in relativ kurzer Zeit und bemerkte, dass ich beim Lesen des alten Sprachstils überhaupt keine Schwierigkeiten hatte.

Schiller schien IN mir zu sein, und ich war in seiner Welt und wäre am liebsten dort geblieben. Ich konnte mich mit ihm verbinden. Es war wundervoll, was mir da widerfuhr! Ich nahm es als ein Geschenk von „allerhöchster Stelle“.
Ich liebe diese große Seele! Ich fühlte eine besondere Nähe zu ihm, eine Vertrautheit, als würde ich ihn schon ewig kennen. Vielleicht tue ich das tatsächlich!? Ich weiß es nicht.

Seine Biografie lag mir sehr am Herzen. Immer wieder wurde er als Weiberheld dargestellt. Dabei hatte er doch nur ein starkes Liebesdefizit – ähnlich wie ich. Das wollte ich klarstellen. Er war ein ganz normaler Mensch, mit allen Ängsten und Nöten. Zeit seines Lebens war er mit Schulden behaftet, aber sie hielten ihn am Leben. Das machte ihn noch sympathischer und mir ähnlich.

Friedrich Schiller in Tiefurt

Ende 2004 war die Biografie fertig. Doch mir fehlte die Schreibroutine und später, als das Buch beim Engelsdorfer Verlag veröffentlicht war, entdeckte ich viele Fehler, die ich nicht mehr korrigieren konnte. Es ärgerte mich wahnsinnig, aber ein Lektorat hatte ich mir nicht leisten können.

Im Schillerjahr 2005 kam es auf den Büchermarkt. Zuvor hatte ich natürlich nach einem renommierten Verlag gesucht, fand jedoch keinen. Außerdem war es viel zu spät. Die Verlage hatten ihre Bücher schon längst gedruckt.
Wieder fluteten unzählige Neuerscheinungen den Markt. Mein Buch blieb weitgehend unentdeckt. Viel zu wenige kauften es. Ich war enttäuscht und hatte erst mal vom Schreiben genug.

Doch dachte ich, wenn es wirklich meine Bestimmung ist, muss ich weitermachen. Plötzlich fiel mir der Traum von „Jakobus dem Älteren“ ein. Jetzt wusste ich, was er mir sagen wollte: Er sollte mich an mein Apostolat erinnern, das ich zu erfüllen hatte. War ich mit diesem Schreibauftrag in dieses Leben gegangen?

Worte können verletzen, aber auch heilen. Sollte ich heilende Worte wie Seelentrostpflaster in die Welt streuen? Wieso halfen mir meine Engel dann nicht auch bei der Verlagssuche? Auch sie hatten den eigenen Willen der anderen zu respektieren. Hier durften sie nicht eingreifen. Deshalb hatte ich meinen „Verlag im Dorf der Engel“ als himmlischen Fingerzeig begriffen. Dort wurden meine Bücher verlegt. Leider war dort kein Geld für Werbezwecke vorhanden. Deshalb ist der Verkauf schleppend und viele Lesungen waren für mich nicht zu bewältigen. 2009 wurde das Buch überarbeitet und neu aufgelegt. Für das Buch-Cover ließ ich einen für mich ‚lebendigen‘ Schiller malen.

Damit das Buch jedermann zugänglich ist, habe ich es komplett ins Internet gestellt:
Schiller – Erinnerungen

Eigentlich konnte ich schon deshalb stolz auf den autobiografischen Roman sein, weil es die einzige Ich-Biografie über Schiller ist, die es auf der Welt gibt. Er hatte selbst nichts hinterlassen.

Doch was konnte meine Biografie über Schiller bewirken? Sie konnte zeigen, wie sehr der Geist den Körper trägt…nicht umgekehrt! Schillers Körper war durch eine schwere Krankheit zerstört. Trotzdem ließ ihn sein Geist Unmögliches vollbringen.

Nach ersten Leseterminen mit großem Lampenfieber und mäßigem Erfolg folgten diverse Radiosendungen und Kontakte zur Presse. Die Schiller-Biografie brachte viele neue Menschen in mein Leben, darunter auch ein Kontakt zu einer Frau, die für eine rheinische Zeitung schreibt.

Eines Tages kam sie mit einem alten Artikel über eine Niederrhein-Dichterin zu mir, die ich bis dahin nicht gekannt hatte und meinte, damit ein neues Thema für eine weitere Ich-Biografie für mich zu haben.

Henriette Brey hatte ähnlich wie Schiller trotz ihrer großen Leiden das Schreiben zu ihrer Berufung gemacht, um Menschen von Nutzen zu sein. Auch sie sah es als ihre Lebensaufgabe, die Welt mit guten Gedanken, christlichem Glauben und ethischer Vollkommenheit zu bereichern. Gott selbst machte sie stark für diesen Weg!

Henriette Brey hatte zu mir gefunden und ich zu ihr. Eine neue Ich-Biografie entstand im Stil der Jahrhundertwende um 1900.

Wieder las ich unzählige Bücher der Dichterin selbst, um ihren Stil in mich aufzunehmen, damit ich ihn später in den Buchtext zurückfließen lassen konnte. Henriette Brey hatte einen überaus ‚blumigen‘ Schreibstil.
Erschwerend hinzu kam dazu noch ihre streng anerzogene katholische Gesinnung. Alles Neuland für mich. Ihr Großneffe achtete darauf, dass die Kirche betreffende Dinge strikt korrekt dargestellt wurden, wie z. B. die Messe vor und nach dem Konzil.

Leider musste ich gewisse andere Vorkommnisse ihres Lebens ‚verdeckt‘ darstellen, damit es der Kirche dienlich war. Liebe zum anderen Geschlecht, auch platonische, durfte dort nicht vorkommen.

Noch dazu gestaltete sich das Schreiben schwierig, weil ich zunächst eine komplette Biografie über Henriette Brey erstellen musste, die später im Bautz-Kirchenlexikon veröffentlicht wurde.

Grafik von Heinrich Brey – „Henriette Brey -Ein Vogel im Käfig“

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Außerirdisch

Fortsetzung Teil 20

Ostern 1958

Es ist traurig, dass mein Vater mich schon als kleines Mädchen nicht sonderlich gemocht hatte, noch tragischer war es für mich gewesen, in meinen schwersten Stunden mutterseelenallein zu sein.

Ende 1997 starb meine Mutter an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung. Damals hatte ich zu meinen Eltern keinen Kontakt. Mein Vater hatte mich nicht informiert, als sie in der Klinik im Sterben lag. Ich hatte keine Tageszeitung abonniert, deshalb war es ein Wink des Himmels, dass ich eine Zeitung kaufte und dort die Todesanzeige meiner Mutter fand. Dort wurde ich nicht erwähnt.

Ein halbes Jahr später sollte ich auf gleiche Art und Weise die Todesanzeige meiner Bekannten vom Bundespresseamt entdecken. Sie war an Krebs verstorben.

Heute muss ich sagen: „Es gibt keine Zufälle!“ Was mich finden soll, das findet mich.

Mein Erscheinen bei der Beerdigung war von meinem Vater nicht erwünscht gewesen. Das hatte mir mein Sohn G. damals am Telefon mitgeteilt. Er warf mir vor, dass ich überhaupt nicht trauern würde. Doch was sollte ich dazu sagen!?
Als meine Mutter im Sterben lag, erkrankte mein Kater „Paulchen“ plötzlich so schwer, dass er nur noch schrie. Sonntags musste ich ihn einschläfern lassen, weil er Wasser in der Lunge hatte. Sein Herz war zu schwach. Ich habe Tag und Nacht geweint, wie um ein Kind, dem nicht mehr zu helfen war. Von dem Todeskampf meiner Mutter wusste ich damals nichts. Später erst erfuhr ich, dass sie an den gleichen Symptomen wie mein Kater gestorben ist. Zufall?

Um des lieben Friedens willen fügte ich mich und hatte nicht an der Trauerfeier teilgenommen, obwohl mir das zuvor schlaflose Nächte bereitete. Schließlich war ich zu der Einsicht gekommen, dass ‚der Abschied‘ einzig und allein eine Sache zwischen mir und meiner Mutter war. Am offenen Grab hatte ich mich allein von ihr verabschiedet, nachdem die Trauergesellschaft bereits gegangen war, doch ich konnte nicht weinen.

Hochzeit meiner Eltern 1950

Während des Readings mit R. M. bat meine Mutter mich um Vergebung und verließ mich an der Seite des Lichtwesens, mit dem sie gekommen war. R. M. meinte, sie würde geschult werden und ihre Seele gereinigt. Später vernichtete ich die Tonbänder. Kein Fremder sollte sie hören! Meinem Vater habe ich nie davon erzählt, weil er sowieso glaubte, dass nach dem Tod nichts mehr käme.

Ich hatte damals sehr großes Vertrauen zu R. M. und merkte gar nicht, wie sehr sie es verstand, andere Menschen für sich einzunehmen und zu manipulieren.
Jedes Mal, wenn ich in die Stadt fuhr, dachte ich immer erst daran, wie ich R. M. eine Freude machen könnte. I,, meine Bekannte, ging es genauso wie mir, doch sie hatte auch das nötige Geld, um dies umzusetzen. Sie kaufte Geschenke für R. M., hier mal ein Kettchen, ein Handtäschchen oder einen Schal.

R. M. durchleuchtete das Leben von I. genau und verordnete ihr, sie müsse sich von allem alten Ballast trennen. Damit meinte sie alle Dinge, die an den kürzlich verstorbenen Gatten erinnerten, sprich alte Fotos, Gemälde und Kunstgegenstände. All das nahm R. M. an sich, um es – wie sie sagte, zu entsorgen. Zwei Ölgemälde nahm ich mit zu mir. Eins war das Lieblingsbild des Mannes gewesen. Ich sollte es aufbewahren und gab es später an sie zurück.

Während dieser Zeit erkrankte mein Chef mit 54 Jahren an Hautkrebs. Für die Verabschiedung eines Kollegen hatten wir Fotos gemacht, und ich zeigte I. und auch R. M. das Bild meines Vorgesetzten. R. M. erklärte sofort, dass er sterben würde. Ich sollte keine Energie mehr hineinstecken und keine Hoffnung. Seine Seele wüsste es längst. Es bliebe noch Zeit zum Abschiednehmen.

Irgendwann träumte ich von einem schwarzen Riesenschnauzer, der auf zwei Beinen zu mir gelaufen kam und mit mir redete. Ich wusste damit nichts anzufangen. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Dann erzählte ich R. M. davon. Sie spulte das Traumgeschehen zurück, wie einen Film und sagte mir, dass mein Chef sich in einen Hund verwandelt hätte, weil er wusste, wie tierlieb ich sei. Dadurch glaubte er, besser an mich heranzukommen. Er wäre gekommen, um sich zu verabschieden. Mit dem heutigen Wissen über meine Träume und denen meiner Oma, ist es leicht, den schwarzen Hund als den Tod zu entschlüsseln.

Seitdem ich wusste, wie es um meinen Chef stand, schrieb ich einige Gedichte für ihn. Ich machte sie ihm zum Geschenk. Er nahm sie sogar mit in die Klinik und später sagte mir seine Frau, dass er sie sehr gemocht hätte. Zwei Jahre nach meinem Traum ist er dann gestorben. R. M. hatte Recht behalten.

Ende 2003 lud ich den neuen Bekanntenkreis und auch R. M. und ihre Kollegin zu Kaffee und Kuchen ein. ‚Petrus‘ war ebenfalls dabei, doch obwohl sie sonst immer gerne im Mittelpunkt stand, verstummte sie diesmal, weil R. M. anwesend war. Die beiden stammten aus zwei Welten. Geisterwelt und Esoterik passten irgendwie nicht zusammen.


R. M. hatte mir als kleine Gabe eine Rowohlt-Bibliografie über Friedrich Schiller mitgebracht, über die ich mich sehr wunderte. Mit den Klassikern hatte ich noch nie zu tun gehabt, und sie interessierten mich auch nicht sonderlich.

Während wir angeregt miteinander plauderten, stand R. M. plötzlich auf und bat I., ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Sie sagte ihr, dass der verstorbene Mann den Kontakt suchen würde. Erst nach einer halben Stunde kehrten beide an die Kaffeetafel zurück

Als sich gegen Abend die Gesellschaft langsam auflöste, blieben nur noch I., die nonnenhafte B., eine Lehrerin, die Ikonen malte und fast täglich in die Kirche ging und ich, zusammen mit R. M. übrig. Diese sprach plötzlich mit mir über meine Zukunft und meinte, ich würde einige Gedichte nicht nur selbst schreiben, sondern viele, längst verstorbene Dichter hätten schon lange darauf gewartet, dies mit mir gemeinsam zu tun. Jeder, der mit meinem Geist kompatibel sei, könnte sich mit mir verbinden. R. M. bekam ein Bild von einem Rondell, wie auf einem Spielplatz, auf dem die Dichter säßen. Abwechselnd kämen sie zu mir und füllten ihren Geist in meine Gedanken. Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit und Demut, als ich das erfuhr. Es fühlte sich in mir ganz stimmig an.

Weiter prophezeite sie mir, dass ich Biografien schreiben würde. Ich sollte schon mal ein Regal leerräumen. Es würden viele Bücher sein, und ich würde bis ins hohe Alter schreiben. Eine Schiller-Biografie wäre mein erstes Buch. Sie sagte mir auch, dass mich der Spagat zwischen meiner „normalen“ Arbeit und der Schriftstellerei beinahe zerreißen würde. Ich müsste damit rechnen, dass meine Hellsichtigkeit stärker werden würde. Ich war sprachlos und konnte das alles zunächst gar nicht glauben.
Besonders die Schiller-Biografie lag mir im Magen. Weil ich gerade das für ganz unmöglich hielt, bezweifelte ich auch den Rest.

Natürlich wollte ich wissen, wann der nächste Mann in mein Leben kommt. Durch den „göttlichen Kanal“ nannte man mir das Jahr 2006. Drei einsame Jahre lagen nun vor mir, und ich dachte im ersten Moment mit Schrecken an die lange Zeit.
„Du wirst die Zeit für Dich brauchen!“, hatte R. M. gesagt. „Ich bekomme ein Bild mit zwei Ringen. Das bedeutet immer eine feste, lange Partnerschaft. Freu Dich auf diesen wunderbaren Mann!“
Die Zeit bis dahin war zwar lang, aber immerhin sah sie überhaupt eine Partnerschaft für mich. Das war mir Trost genug.

R. M. lebte ebenfalls allein. Sie sagte, dass es für sie sehr schwer wäre, mit einem Mann zusammen zu sein, weil sie dessen Gedanken lesen könnte. Sie erkannte sogar die Geschenke schon vorher, die man ihr machte. Das nahm ihr zu Weihnachten und an Geburtstagen die Freude.

Als Medium war sie außergewöhnlich. Wir waren alle von ihr fasziniert – außer P.

Den Jahreswechsel 2003/2004 feierten I. und ich zusammen mit R. M. Es war eine außergewöhnliche Nacht mit ebensolchen Ereignissen. Die Seele von „Gerhard Schröder“ gesellte sich in unseren Kreis und befand sich laut Auskunft von R. M. im Raum der Versuchung. Er sprach über R. M. mit uns und äußerte sich über das desolate Bildungssystem, als säße er mit in unserer Runde.

Sie erzählte mir, ich sei in einem früheren Leben Hohepriesterin in Ägypten gewesen und hätte Schriftrollen und Steintafeln bewacht. Mein Sohn sei mein engster Vertrauter gewesen und hätte ein Leben lang als Priester schützend an meiner Seite gestanden. Dann hätte ich mich in einen Hohepriester verliebt und meinen Keuschheitsschwur gebrochen. Ich hätte mit ihm fliehen wollen, doch er sah seine höhere Pflicht in den Diensten der Götter. Weil ich nicht ohne ihn weiterleben wollte, hätte ich mich schließlich durch Schlangenbiss getötet und wäre sofort nach dem Biss ins Meer gegangen.

Ich war hin- und hergerissen. Sollte ich das glauben oder nicht!? Bei P. war ich Priesterin in Atlantis, bei R. M. Priesterin in Ägypten. Ich erfuhr es ja am eigenen Leib und war Zeuge dieses Geschehens, und meine innere Stimme wehrte sich nicht. Das erklärte sogar die Ängste, die der Blick aufs Meer heute noch bei mir auslöst.

Danach saßen wir lange und lauschten den Botschaften, die uns durch den „göttlichen Kanal“ offenbart wurden. Doch wer saß am anderen Ende des Kanals? War das wirklich Gott? Wenn man ihm nicht die volle Aufmerksamkeit widmete, wurde er ungehalten. R. M. meinte lapidar: „So ist er!“

R. M. hatte uns erzählt, dass Satan sie besuchen käme. Er würde sehr gut aussehen, hätte eine braune Hautfarbe, wie mein Sohn und würde ihr gefallen. Ich glaubte ihr das, denn nur allzu oft wurde sie von der übrigen Welt abgeschottet. Dann war ihre Telefonleitung gestört. Jedes Mal war nur ein lautes Knacken und Rauschen zu hören.
„Ich werde geschult!“, erklärte sie uns und litt entsetzlich darunter. Was während dieser angeblichen Schulungen wirklich stattfand, durfte sie nicht erzählen. Vermutlich befand sie sich nur allzu oft selbst im ‚Raum der Versuchung‘! Ich dachte sofort, dass ihr etwas Gutes niemals ihre Kräfte nehmen würde… im Gegenteil.

Meinen Sohn hatten P. und ich während einer Blödelei bereits als die sumerische Königin Schub-ad ausgemacht, die vor rund 5.000 Jahren gelebt hatte. Das, weil Patrick jede Arbeit scheute und grundsätzlich allen Lernstoff wusste, ohne zu lernen.
Für Erich van Däniken und Zecharia Sitchin ist diese Königin außerirdisch und dies durch DNA beweisbar.

Sumerische Königin oder Hofdame (ungewiss) Schub-ad ca. 2.500 v. Chr. aus dem Buch „Götter, Gräber und Gelehrte“
Frauen machen Geschichte

R. M. hatte in der Silvesternacht versucht, mir mittels Reiki belastende Energien zu nehmen. Sie verlangte, dass ich meine Mutter beschimpfte, weil ich immer noch nicht trauern konnte. Aber ich fühle keinen Hass auf meine Mutter und wollte sie nicht angreifen.

Meine Bekannte hatte mir davon berichtet, dass R. M. dazu in der Lage sei, ihr Aussehen zu verändern. Sie hatte sich ihr mit dem Gesicht einer Alkoholikerin gezeigt und sie gefragt, wen sie sehen würde. I. war darüber ganz erschrocken gewesen, denn sie erkannte P. als ältere Frau. Das beängstigte mich irgendwie. Warum tat sie das?

In dieser Silvesternacht machten wir Fotos…auch von R. M., die urplötzlich gegen drei Uhr aufbrach und nach Hause fuhr. Es war so, als würde ihre Kraft schwinden, denn dann offenbarte sich uns anscheinend ihr wirkliches Gesicht, wie bei „Aschenputtel“ um Mitternacht, wenn der Zauber nachließ, oder eher wie ein Vampir, der das Tageslicht fürchtete.

Ein paar Tage später, empfing mich I. ganz aufgeregt. Sie hatte die Fotos entwickeln lassen und präsentierte mir nun eine R. M., die wir so nicht kannten. Es zeigte ein fremdes Gesicht, nicht das liebliche, dass wir bisher wahrgenommen hatten.
I. weigerte sich, die Bilder in der Wohnung aufzubewahren und ließ sie in der Garage, um sie später zu entsorgen.

Uns war aufgefallen, dass I. seit einiger Zeit keinen wirklichen Lebenswillen mehr hatte. Irgendwie schien sie verändert zu sein. Sie saß nur noch auf ihrer Couch und wartete lächelnd auf den Tod. Da stimmte etwas nicht!

Eine andere Bekannte von I. war ebenfalls als Medium tätig. Diese Dame war schon über achtzig Jahre alt und sorgte unter anderem dafür, dass Verstorbene den Weg ins Licht finden konnten. Angeblich kannte sie sogar ihren eigenen Todestag und wusste, dass sie bald gehen musste. Man konnte ihr am Telefon einen Namen nennen, und sie wusste sofort, ob derjenige auf der guten oder bösen Seite stand.
I. bat sie um Auskunft über R. M., und es verschlug uns fast die Sprache, als die Dame ihr sagte, R. M. stünde auf der ‚anderen Seite‘. Sie hätte I. einen Dämon an die Decke im Wohnzimmer gehängt, der dafür sorgen sollte, dass sie apathisch vor sich hinvegetierte. Die alte Dame musste viele Gebete sprechen, um das dunkle Etwas zu entfernen. Erst nach Tagen gelang es ihr.

Reginas Show hatte ein Ende! Wir sahen von weiteren Kontakten ab, denn ihr Klumpfuß bekam plötzlich eine andere Bedeutung. Es gab noch ein paar geliehene Bücher, die ich ihr zurücksandte, mit ein paar erklärenden Worten per Brief.
R. M. brauchte keine Erklärung. Sie wusste selbst am besten, warum wir ihr den Rücken zukehrten. Dennoch tat es mir irgendwie leid, dass es so gekommen war, denn ich mochte sie. Aber ich wollte mich der Gefahr nicht weiter aussetzen.
I. sagte: „Wenn du von der Gefahr weißt und setzt dich ihr trotzdem aus, verlierst du den Schutz deiner Engel!“ Das klang einleuchtend und daran hielt ich mich.
Trotzdem blieben Zweifel. War unsere „Hexenjagd“ richtig gewesen? Ich versuchte auszupendeln, ob die alte Dame Recht gehabt hatte, und das Pendel blieb ohne jegliche Bewegung stehen. Es rührte sich nicht. Ich sollte nicht fragen!

Irgendwann – Monate waren inzwischen vergangen – erschien mir R. M. im Traum. Ich wusste, dass sie es war, doch die Gestalt, in der sie mir erschien, zeigte ihr wahres Gesicht. Es war ein grüner, haarloser Kopf, wie ein Alien, mit riesengroßen, dunklen Augenhöhlen. Das Wesen schimmerte kardinalsrot, wie das Buch. Beim zweiten Traum stand R. M. vor einer Schaufensterscheibe, und ich sah mich dahinter in meinem Bett liegen. Ich spürte, dass sie nach mir schaute und erwachte davon.

Ich bin ihr und der geistigen Welt für das, was ich gesehen und erfahren habe, dankbar. Sie durfte mir ein Stück meines weiteren Weges beleuchten, doch manches konnte ich zu der Zeit noch nicht so recht glauben. Als Biografin sah ich mich jedenfalls nicht. Doch irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich einsah, dass das Schreiben der Gedichte nicht alles gewesen sein konnte.

Die Verlagssuche für meine Gedichte gestaltete sich alles andere als einfach. Auch hier merkte ich schnell, dass es gar nicht einfach war, die Guten von den Bösen zu unterscheiden. In letzter Minute zog ich die rettende Notbremse. Es gab Verlage, die sich mit den wohlklingendsten Namen schmückten und sich hier mit keinen geringeren Zeitgenossen, als Goethe & Co. bedienten. Doch gerade diese Häuser verlangten viel Geld für ihre Tätigkeit, was absolut unseriös und nicht branchenüblich ist. Sogenannte Zuschussverlage sollte man meiden wie die Pest! Man sagt, wer einmal bei einem solchen Verlag veröffentlicht hat, ist bei renommierten Verlagen für alle Zeit unten durch.

Nach vielen vergeblichen Kontakten zu Verlagshäusern musste ich einsehen, dass die Zeit für Gedichte und Lyrik offenbar vorbei war. Deshalb entschloss ich mich, alles ins Internet zu stellen und ließ mein Buch „Himmelspoesie“ im BoD-Verfahren drucken. BoD-Verlage wurden ebenfalls von den renommierten nicht akzeptiert. Wer dort ein Buch publiziert, gilt in der elitären Schriftstellergemeinde nicht als Autor(in), und ich schon gar nicht, weil ich zur ‚bildungsfernen Schicht‘ gehöre und kein adäquates Studium vorweisen kann.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Inspiration

Fortsetzung Teil 19

der Heilige Sankt Georg (Teildarstellung) – Julius Hübner 1806-1882

Bereits im Januar 2003 begann für mich eine Neuentwicklung. Im Anschluss an die leeren Weihnachtstage hatte ich für mich beschlossen, meinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Ich dachte an eine ehrenamtliche Tätigkeit, hatte jedoch noch keine konkreten Vorstellungen.

Anfang März flatterte wie immer das hiesige Blättchen der evangelischen Kirchengemeinde ins Haus, weil mein Sohn dort noch Mitglied war. Was ich normalerweise sofort ins Altpapier gebe, fand diesmal mein Interesse. Auf der Rückseite machte man mit wenigen Zeilen darauf aufmerksam, dass man ehrenamtliche Mitarbeiter für eines der hiesigen Altenheime suchte. Die Botschaft hatte zu mir gefunden, und ich nahm sie als Aufforderung, endlich etwas Gutes und Sinnvolles in mein Leben zu lassen.

Kurz vor Ostern begann ich meinen ersten Dienst der Nächstenliebe. Was anfangs ein wenig unbeholfen vonstattenging, entwickelte sich stetig. Ich half in den Bingo-Gruppen und beim Erstellen der Heimzeitung und merkte schnell, dass mir das Schreiben die größte Freude bereitete. Meine ehrenamtliche Tätigkeit wurde Hilfe zur Selbsthilfe. Ich traf neue Menschen, hatte einen Ort, an dem ich willkommen war und wo ich helfen konnte.

Eine dieser Menschen war die Sozialarbeiterin P, eine sehr liebenswerte, quirlige und immer lustige Person, die sich nicht nur sehr für die Belange der Heimbewohner einsetzte, sondern auch ihre Spiritualität lebte. Mit der Zeit lernten wir uns näher kennen. Sie erzählte mir, dass ihre Oma sie als Kind immer „Petrus“ genannt hätte. Dieser Name wäre ihr wegweisend gewesen, wie auch Sankt Georg, der auf einem großen Plakat an ihrer Bürotür hing. Das Altenheim war ein Haus des Roten Kreuzes. Auch dieses Zeichen zog sich magisch durch ihr Leben.

John William Waterhouse 1849-1917 The lady of shalott

Sie sah sich als „Lady vom See“; König Artus und die Ritter der Tafelrunde seien ihre Begleiter in einem früheren Leben gewesen. Das rote Kreuz der Templer war ihr ebenfalls ein Zeichen aus der fernen Seelenvergangenheit.

Obwohl ich nicht glaube, dass mit dem Tod alles vorbei ist, war Reinkarnation für mich noch nie Thema gewesen. Ich war im evangelischen Glauben getauft und erzogen worden. Von Seiten meiner Oma war mir jedoch der Umgang mit der Geisterwelt durchaus vertraut, und alles Mystische zog mich magisch an, so auch das Kartenlegen.

Dann kam der Tag, an dem P. feststellte: „Na, wir kennen uns doch auch schon seit ewigen Zeiten!?“
Ich hätte mit ihr zusammen auf „Atlantis“ im Tempel getanzt und sei dort Hohepriesterin gewesen. Ich war verblüfft und schüttelte den Kopf, fühlte mich aber irgendwie ertappt. Damals mussten sich die Priesterinnen prostituieren, um ihren Göttern zu dienen. Schon in meiner Jugend hatte mich die ägyptische Kultur fasziniert. Aber Atlantis oder gar Lemuria? P. ging mit alledem recht locker um…auch mit der Sexualität. Hier war ein Stück Tempelleben hängen geblieben. Sie konnte sich durchaus vorstellen, wie eine Hohepriesterin nacheinander ihre Gralsritter zu empfangen.

Durch P. lernte ich weitere Menschen kennen, die mit ihrer Spiritualität ganz offen umgingen, ganz anders, als ich es von der Kirche her gewohnt war. Es war eine neue Welt für mich, voller Mystik…aber irgendwie ohne meine Gottesvorstellung. Ich besorgte mir spirituelle Bücher und öffnete mich der Esoterik. Doch die sogenannten „aufgestiegenen Meister“ machten mir eher ein negatives Bauchgefühl. Dahinter verbarg sich eine riesige Geschäftemacherei.

Im neuen Bekanntenkreis erzählte man mir von der „Zusammenführung der geistigen Familien“, die angeblich zu der Zeit gerade stattfinden sollte. Ein Jeder rätselte für sich, wer er denn zu Jesus Zeiten wohl gewesen sein könnte.

Eine Reise nach Hamburg wurde durchgeführt, um einem Channeling mit „Kryon“ im Audimax beizuwohnen. Lee Carroll bezeichnete sich als Medium für diese Wesenheit. Damals begann ich innerlich zu erwachen…nachzudenken, dass es Wichtigeres im Leben gibt, als Sex, Partnerschaft und Männer. Es ging darum, meinen Seelenfrieden zu finden und meinen Weg zu suchen, der mir von Anfang an zugedacht war.

Alle Vorhersagen meiner Kartenlegerin waren zwischenzeitlich eingetroffen. Sie hatte mir prophezeit, dass ich mit Anfang 50 endlich das tun würde, was ich schon immer machen wollte. Aber was sollte das sein?

Ich war auf der Suche nach Wahrheit und merkte schon bald, dass einige der neuen Wege, auf denen die anderen gingen, nicht meine sein konnten.
Die Channelings mit Kryon, Tobias und anderen Wesenheiten füllten Bücher, hatten jedoch für mich allesamt keinen Inhalt…keine Aussagekraft. Ich sagte mir immer wieder, dass Gott niemals eine bestimmte Gruppe bevorzugen würde.

„Sie kommen als Lichtgestalt!“, steht warnend in der Bibel. Auch diese Worte kamen mir immer wieder in den Sinn. Je mehr ich las, umso mehr wurde mir klar, dass ich meine eigene Wahrheit suchen musste, und ich fühlte, dass die Wahrheit IN mir eine ganz andere war. In dieser Zeit suchte und forschte ich im Internet. Mit jedem neuen Tag fand ich Neues, Unbekanntes…oder besser gesagt: es fand mich.

Quelle: Heiligenlexikon, Fra Angelico: Jakobus befreit den Zauberer Hermogenes von den Dämonen, Ausschnitt aus einem Altarbild, 1430, im Kimbell Art Museum in Fort Worth in Texas / USA

Irgendwann landete ich auch im Heiligenlexikon, und hier fiel mir die Seite über „Jakobus dem Älteren“ besonders auf. Dort stand geschrieben, dass eine Legende besagte, Jakobus habe den Zauberer Hermogenes bezwungen, dessen Dämonen befreit und seine Zauberbücher ins Meer werfen lassen.

Im Oktober 2003, Wochen später, hatte ich dann einen seltsamen Traum, den ich nie vergessen werde: Ein kardinalrotes, uraltes, großes Buch mit der Aufschrift „DÄMON“ lag auf meinem Bett. D. hatte es beim Trödler gekauft und dorthin gelegt. Es schien in Altgriechisch verfasst zu sein, und die einstigen Warnungen meiner Oma: „Lese niemals das Sechste- und Siebte Buch Moses!“, kamen mir wieder in den Sinn.

Das ließ mich im Traum zögern, doch ich dachte: „Das Buch ist in Altgriechisch geschrieben. Das kann ich sowieso nicht lesen.“, und schon hatte ich das Buch geöffnet und siehe da: Es sprangen mir deutsche Worte entgegen. Ich zuckte zurück und schloss das Buch sofort! Dann lag es da, als würde es glühen. Es sah aus wie eine alte Bibel.

Nur eine Nacht später folgte ein weiterer Traum, der viel intensiver war, als alle anderen. Ich wusste, er sollte mir Wahrheit zeigen, nur verstand ich den Sinn nicht, als ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters, in eigenartiger Montur plötzlich zu mir schwebte und mir zulächelte. Er war mir nicht fremd, aber ich erkannte ihn nicht.

Aufgeregt rief ich daraufhin meine Bekannte an und erzählte ihr von dem Buch und dem bartlosen Mann, mit den halblangen Haaren. Sie meinte, ein „Dämon“ könnte sowohl gut als auch böse sein, Engel oder Teufel. Noch während des Gespräches ging ich an mein Bücherregal, um ein Lexikon zu suchen und hatte mit einem Mal ein blaues Buch in der Hand, mit dem Titel „Das altjüdische Zauberwesen“. Ich erschrak, denn ich kannte dies Buch nicht, welches fast gänzlich in hebräischer Sprache geschrieben war und lauter Zaubersprüche enthielt.

Ich war fassungslos, nahm mein „Heilorakel der Engel“ zur Hilfe und zog eine Karte: „Der Traum“. Hier schloss sich der Kreis!

Im Traum: das bibelartige alte Buch auf dem Bett; was sagte die Realität? Mit Warnung, das Buch zu lesen…etwa die Bibel? Das Zauberbuch in meinem Bücherregal…und dann „Jakobus der Ältere“. Doch was wollte er mir sagen? Was hatte ich damit zu tun? Zusammenführung der geistigen Familien?

Ich zerriss das Zauberbuch in kleine Stücke und brachte es sofort zum Altpapier-Container. War es in meiner Wohnung ein Störfaktor gewesen? Ich weiß es bis heute nicht aber irgendetwas sagte mir, ich soll es zerstören.

Jakobus verabschiedete sich von mir in der darauffolgenden Nacht. Er trug ein Leinenkleid mit Gürtel und grüßte mich lächelnd. Danach trug ihn eine Spirale in den Himmel hinauf. Sein Bild werde ich nie vergessen! Er sollte mich erinnern. Woran, das würde ich erst später erfahren. Jesus war mir durch diesen Traum auf jeden Fall ein Stück nähergekommen.

Ich erinnerte mich an ganz frühe Jahre, in denen ich auf der Suche war, die Bibel las und versuchte, ihren Sinn zu erfassen. Auch hier war ich zwischen Wahrheit und Zweifel auf Irrwegen gewandert. Erich von Dänikens Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ trug meiner Ansicht nach mehr Wahrheit in sich, als das Alte Testament. Trotzdem blieben alle Fragen offen. Nur die Lehren aus dem Neuen Testament blieben in meinem Herzen: Jesus Christus und die Nächstenliebe! Doch, wie ich später erfuhr, waren selbst diese Evangelien teilweise gefälscht.

P. hatte damit nichts zu tun. Für sie war Jesus nur irgendein Mann aus der Bibel. Und die Bibel lehnte sie ab. Für mich ist Jesus viel mehr, nämlich ein göttlicher Mensch. Im empfand es mehr als frevelhaft, wenn sie sich darüber lustig machte, und das tat sie oft.

Einmal saßen wir zusammen mit unserem Bekanntenkreis, und sie begann erneut damit, Jesus anzuzweifeln und ihn zu verunglimpfen.
Da platzte etwas aus mir heraus, was mich im Nachhinein selbst verblüffte: „Du hast ihn doch schon damals verleugnet!“, schrie ich sie an.

Alle waren plötzlich still, und sie wusste gar nicht wie ihr geschah und was sie antworten sollte. Fortan versuchten wir dies Thema zu vermeiden. Seit diesem Tag nannte sie mich „Giselus“, und meinte, dass ich ja vielleicht in einem früheren Leben Jakobus, „der Donnerbruder“, gewesen sei.

P. malte Engelbilder in Acryl. Sie hatte schon mehrere Ausstellungen gehabt, wofür sich das Altenheim vorzüglich anbot. Eines Tages kam sie zu mir und sagte ganz lapidar: „Wir machen ein Buch! Ich male die Bilder und du schreibst Gedichte dazu.“

P., die vormals Buchhändlerin gewesen war, stellte sich die Vermarktung offenbar sehr einfach vor. Damals war ich noch blauäugig genug, das genauso zu sehen. Ich war natürlich begeistert von ihrer Idee, wusste aber beim besten Willen nicht, wie ich die erforderlichen Gedichte zustande bringen sollte. P. meinte, ich sollte meine Bitte einfach „nach oben“ schicken.

Mein Pavillon mit Hollywoodschaukel

Es war im Juli 2003, als ich mich mit einem leeren Schreibblock unter dem Arm in den Garten aufmachte. Dort saß ich unter meinem Pavillon auf der Hollywoodschaukel und bat um himmlischen „Input“. Was werden soll, wird! Ich hätte es niemals für möglich gehalten, aber die Seiten füllten sich. Täglich „bekam“ ich meine Gedichtsration und war darüber ganz außer mir vor Freude.
So ging es bis zum Herbst. Dann wechselte plötzlich der Stil. Ich schrieb mit einem Mal in Reimen…ganz anders als am Anfang, und meine Worte klangen alles andere als modern.

Die 65jährige I., aus dem neuen Kreis, sah in den Versen etwas ganz Großes.
„Deine Gedichte könnte man als die von Goethe ausgeben. Es würde nicht auffallen.“, sagte sie einmal.

Meine Gedichtsammlung wuchs unaufhörlich, und ich fragte mich, was ich damit tun sollte. Mir war inzwischen klar geworden, dass sie von der Tiefe her überhaupt nicht zu P.s „leichten“ Engelbildchen passen würden. Also suchte ich im Außen nach einem Hinweis… einer Führung. I. hatte mich an zwei Heilpraktikerinnen verwiesen.

„Die passen zu uns! Esoterik ist nicht unser Ding!“, meinte sie. „Da musst du unbedingt hingehen!“, sagte sie mit Nachdruck.
„Lass ein Seelenreading machen! Das befreit dich von deinen alten Verhaltensmustern, die du Männern gegenüber hast.“
Ein Reading!? Das war wieder vollkommenes Neuland für mich.
„Das Medium heißt „Regina Maria“. Sie bekommt Botschaften aus der geistigen Welt und kann manchmal in die Zukunft schauen.“, hatte meine Bekannte gesagt.

Der Name „Königin Maria“ hatte Gewicht. Sofort dachte ich an die Zusammenführung der geistigen Familien.

Ich war neugierig und bin ganz unbefangen nach Rheinberg gefahren. Das war eine Erfahrung, die ich nie mehr vergessen werde, und so negativ sie auch endete – ich möchte sie nicht missen.

Meine Oma hatte zwar immer wieder von Geistern gesprochen, die sie angeblich gesehen hatte und wahrnehmen konnte, aber das, was R. M. da tat, war eine Klasse für sich. Sie war in dieser Hinsicht hochbegabt und von Geburt an hellsichtig, hellfühlend und mit den ‚Jenseitigen‘ in Kontakt, mit denen sie kommunizieren konnte und diese wiederum mit ihr. Sie konnte Gedanken lesen und bekam ihre Botschaften und Bilder durch den „göttlichen Kanal“, wie sie es nannte.
R. M. war ein zierliches Persönchen, mit einer ganz zarten Stimme, und ich fand sie sofort sympathisch. Sie kleidete sich sehr verspielt und außergewöhnlich; trug beispielsweise derbe Schnürschuhe zu Tüllröckchen und Spitzenbluse. Irgendwann später erzählte sie, sie habe einen Klumpfuß und sei deswegen als Kind sehr gehänselt worden. Diese Missbildung verbarg sie aber sehr gekonnt.

Während des Readings saß sie mir gegenüber und sprach in ihr Diktiergerät. Dabei hielt sie fortwährend die Augen geschlossen, genau wie ich. Das Band lief die ganze Zeit mit, und am Ende der Sitzung bekam ich es mit nach Hause, damit ich es mir jederzeit anhören konnte. Die zweite Heilpraktikerin versorgte mich nach Anweisung von R. M. mit Bachblüten-Globolis, nachdem sie mich kinesiologisch getestet hatte.
Schon, als ich den Behandlungsraum betrat, sagte mir R. M., dass sie kaum atmen könnte, so sehr würden ihr zwei geistige Wesen, die ich mitgebracht hätte, die Luft nehmen.

Es wären zwei Männer, die sehr herrschsüchtig seien. Einer davon sei alt, der andere jünger. Bis ins Detail beschrieb sie D. und wies mich an, für beide zwei Plätze auszusuchen und diese mit Symbolen zu belegen. D. verwies ich in die äußerste Ecke des Raumes. Meinem Vater erlaubte ich den Platz in unserem Kreis. Das zeigte ihr, dass der alte Mann immer noch eine große Rolle in meinem Leben spielte.

Dann begann das Reading. Es endete nach zwei Stunden. Während der Zeit war R. M. auf meiner Lebenslinie bis zu meinem sechsten Lebensjahr zurückgegangen und hatte alle kritischen Punkte aufgedeckt, ohne dass ich auch nur ein einziges Wort dazu gesagt hatte. Mehr noch: Sie redete im Tonfall meines Vaters. Ihr „Du unnützes Ding!“, ließ mich zusammenzucken.

Ich lernte meinen Geistführer Samuel kennen, der offenbar mit mir sehr viel Mühe hatte, weil ich nicht auf seine Warnungen hören wollte, sondern immer wieder hinfiel, wie ein kleines Kind.

Das Reading zeigte mir die Misshandlung durch meinen Vater, der mir während meiner Kindheit wie in einer Gehirnwäsche eingeredet hatte, ich sei unnütz und wertlos, und dass ich sowieso keinen Mann abkriegen würde. Aus dieser Zeit trug ich ein enormes Liebesdefizit mit mir herum, das mich immer wieder zu Handlungen trieb, durch die ich mir selbst Wunden zufügte.

„Deine Seele sieht aus wie ein graues Tuch mit vielen Löchern“, hatte Samuel gesagt. „überall sind offene Wunden. Ich muss ständig hin- und her springen, um sie zuzuhalten. Ich komme gar nicht zur Ruhe!“

An diesem Nachmittag fuhr ich sehr nachdenklich nach Hause. Wir hatten das Band der alten Muster in einem Ritual durchtrennt, und ich hoffte, dass der nächste Mann anders sein würde, als alle vorherigen.

Nach dem ersten Reading folgten weitere, auch ein Jenseitskontakt mit meiner 1997 verstorbenen Mutter wurde bei mir zu Hause hergestellt, der fast drei Stunden dauerte. Meine Mutter wurde von einem Lichtwesen zu mir gebracht. Ich konnte sie nicht sehen oder spüren, doch es wurde eiskalt im Raum, so sehr, dass man den Atem sehen konnte. Ich saß wie erstarrt, als R. M. mir sagte, dass meine Mutter mir gerade über meine Hände streichelt. Sie sagte auch, die Kälte käme von den ungereinigten Seelenanteilen. R. M. hatte sich schon vor der Sitzung mit Pullover, Schal und dicken Socken bekleidet, weil sie wohl wusste, wie kalt es werden würde. Sie erklärte mir, dass das Jenseits mitten unter uns wäre.

Bei dieser Sitzung wurden für mich sehr tragische Dinge zu Tage befördert. Das Schlimmste war, dass mir bewusst gemacht wurde, dass ich noch gar nicht um meine Mutter getrauert hätte. Sollte ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Ich hatte doch schon zu Lebzeiten genug um sie getrauert. Da hatte der Tod kein Gewicht mehr!

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Chaos

Fortsetzung Teil 18

Patrick

Mein jüngster Sohn wohnte mit seinen damals 23 Jahren noch bei mir. Er hatte mehr schlecht als recht sein Fachabitur absolviert und versuchte nun ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, wobei er nie zu den Vorlesungen ging und auch sonst nichts tat, was ihn weiterbrachte. Er behauptete zwar, er hätte früher mal ein Buch gelesen, doch ich weiß vom Gegenteil. Es gab kein Thema, das ihn interessierte, und ich glaubte, dass er den Inhalt einer Buchseite überhaupt nicht verstanden hätte, wenn er sie las. Doch er liebte Rap-Musik, schrieb Texte und hatte Auftritte im kleinen Kreis und bei der Schulentlassung.

Wie seinen Vater, unterstützte ich auch ihn finanziell. Sein Vater hatte in all den Jahren keinen Unterhalt gezahlt.

Jeder normal denkende Mensch wird nun zu Recht meinen, dass mein Sohn ja wohl alt genug gewesen sei, um mir zu helfen. Weit gefehlt! Von ihm durfte ich keine Hilfe erwarten. Mein Sohn hasste Gartenarbeit, Arbeit im Allgemeinen und im Besonderen, und ich hasste seine Einstellung. Wenn er den Rasen mähte, tat er das mit Todesverachtung und dermaßen schlecht, dass ich es beim nächsten Mal lieber selbst machte. Außerdem war ich die Bittgesuche bei ihm leid, die ich tagelang vorher stellen musste. Ich konnte die Uhr danach stellen: Er hatte Zeit, wenn es draußen regnete.

Unser Verhältnis war angespannt. Sein Tagesablauf bestand darin, nachmittags nicht vor 15 Uhr aufzustehen, sich sein Essen, wie selbstverständlich, aus der Küche zu holen und sich dann vor den PC zu setzen, um bis spät in die Nacht irgendwelche schrecklichen Ballerspiele zu spielen. Er hatte seine besten Jahre verkifft, zusätzlich seinen Ordnungssinn und jeden inneren Antrieb, aus dieser Misere heraus zu wollen. Irgendwie schien ihm das Chaos im Zimmer eine Art von Geborgenheit zu geben. Und das musste ich mir tagtäglich ansehen.

Das war wie eine Folter, und ich gab mir insgeheim die Schuld, weil ich ihn zur Welt gebracht und allein erzogen hatte. Seinen Vater aus Curacao kannte mein Sohn nur vom Foto. Das trug er stets bei sich wie ein Heiligtum.

Er suchte nach seinen Wurzeln, fand sie aber nicht. Irgendwie hing er zwischen zwei Welten. Hatte er nun eine schwarze, rote oder weiße Seele oder war sie gemischt wie seine Hautfarbe? Im Grunde war Patrick ein ergebener Junge, der sehr an mir hing und ich an ihm, und das Fatale war, wir hatten nur uns alleine. Doch sein Sternzeichen „Skorpion mit Aszendent Skorpion“ verhinderte die Harmonie zwischen uns. Was er nicht wollte, tat er auch nicht! Dagegen kam der „Widder mit Aszendent Stier“ nicht an.

Ich bildete mir ein, versagt zu haben und begann aus meinem Unvermögen heraus, meinen Frust darüber an meinem Sohn auszulassen. Das äußerte sich in recht heftigen und lauten verbalen Äußerungen, wenn ich beispielsweise sein Zimmer nicht mehr betreten konnte, weil dort der Müll, mein gutes Geschirr mit verschimmelten Essensresten und seine schmutzige Wäsche den Raum füllten. Immer dann kamen mir die warnenden Worte seines Erzeugers in den Sinn: „Ein Farbiger in Deutschland – das geht nicht gut!“ oder „Deutsche Frauen haben schmutzige Wohnungen!“
Es war schlimm für mich, mit ansehen zu müssen, dass Erick möglicherweise Recht behalten sollte.

Seit dem Wechsel ins zweite Millennium hatte mein Sohn die Entwicklung mit D. natürlich mitbekommen und geriet immer häufiger zwischen die Fronten. Er mochte D. nicht, hielt sich aber weitgehend aus allem heraus. Als D. mich verließ, freute sich mein Sohn.

Mit meiner Panik über Alleinsein und Geldmangel, kam der psychische Absturz. Noch heute habe ich die Abschiedsworte von D. in Erinnerung: „Du wirst nie mehr einen Mann finden! Wer Dich anspricht, muss sich vorher Mut antrinken.“
Heute klingen sie wie ein Fluch. War ich wirklich solch eine Anti-Frau? Wieder einmal mehr im Leben hatte ich anscheinend alles falsch gemacht.

„Männer mögen keine starken Frauen!“, hatte meine Freundin gesagt. „Sie wollen das unschuldige, hilflose Weibchen, das abends den Mund hält, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.“

Ich war eine starke, resolute Frau…stark auch dann, wenn ich schwach war. Das Leben hatte mich zu dem gemacht, was ich bin. War ich denn schlechter als andere? Ich wünschte mir einen liebevollen, intelligenten Mann, mit dem ich über alles reden konnte, …eine starke Schulter zum Anlehnen und vor allen Dingen Liebe, Ehrlichkeit und Harmonie. Das hatte ich doch noch nie bekommen. Stattdessen Gleichgültigkeit, Lügen, Brutalität, Oberflächlichkeit und Langeweile.

Meine Nerven lagen blank. Wo ich ging und stand, weinte ich hemmungslos. Mein Arzt injizierte „Imap“ zum Ruhigstellen.
Meine Psyche reagierte mit panischer Höhenangst, die ich vorher nicht gekannt hatte. Sie hinderte mich daran, Rolltreppen zu benutzen oder eine Leiter zu besteigen. Sobald es draußen dunkel wurde, bekam ich Angst, nicht mehr nach Hause zu finden und Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit machten sich breit, die mich tief depressiv werden ließen. Das äußerte sich wieder in Herzrasen und erhöhtem Puls. Da wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauchte und ließ mich von meinem Hausarzt in die psychosomatische Klinik einweisen.

Burghof-Klinik, Rinteln

Anfang Dezember 2002 wurde ich dort entlassen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir der Aufenthalt dort gutgetan hat. Ich gewann Abstand, bekam eine andere Sicht der Dinge und lernte neue Menschen kennen. Dann folgte ein Rückfall.

D. war nach zwei Wochen in der Klinik aufgetaucht, um sich in Erinnerung zu bringen und seinen Marktwert zu testen. Ich stieß die Warnungen der Ärzte in den Wind und glaubte seinen Versprechungen, dass er noch vor Weihnachten wieder bei mir wäre. Es war ein Trugbild von Zuneigung, die gar keine war. Jetzt hatte D. Macht über mich: Er kam nicht! Seine Schwester erklärte mir am Telefon, er sei in Begleitung einer blonden Frau bei ihr im Laden gewesen.

Weihnachten fiel in diesem Jahr ins Wasser, Silvester ebenfalls. Ich kannte das ja schon. Trotzdem war ich wie immer todunglücklich.

Ende Januar 2003 traf ich D. wieder, ganz zufällig, auf dem Weg zum Trödelmarkt. Er grinste mich an, als sei niemals etwas geschehen, und zwei Wochen später war er wieder in meiner Wohnung, mit all seinen Siebensachen. In einem Anfall von Wahnsinn wurde ein neuer Versuch gestartet. Ich war froh, nicht mehr allein zu sein. Mein Sohn verstand die Welt nicht mehr, hielt sich aber raus.

Heute bin ich davon überzeugt, dass D. zurückkommen musste, nicht nur um etwas an mir gut zu machen, sondern, damit ich abschließen konnte. Ich sollte ihn mir noch einmal genau anschauen. Und das tat ich auch.

D. baute die gesamte Wohnung nach meinen Wünschen um. Mein Sohn bezog unsere ehemaligen Schlafräume in der oberen Etage und hatte fortan eine noch größere Ablagefläche für seinen Unrat, der mir nun aber aus den Augen war; die untere Wohnung wurde auf einer Ebene von 100 qm zusammengefasst, wodurch sich mein Wohnzimmer in einen sonnendurchfluteten, positiven Raum verwandelte. Das machte mich froh. Allein hätte ich das niemals geschafft.

Im April 2003 war D. fertig, auch mit dem Garten. Dann, im Mai, folgten die ersten Wochenenden, an denen er mit recht fragwürdigen Ausflüchten wegblieb. Da wusste ich, dass es endgültig aus war. Ich hatte genug von seinen Eskapaden und ließ mir die Kündigung für die gemeinsame Wohnung unterschreiben, um jederzeit ausziehen zu können.

Ich packte ihm seine Siebensachen in große Umzugskartons und stellte sie in die Garage, wo er sie nach und nach abholte. Vorher wechselte ich den Zylinder des Schlosses zur Wohnung. Hier sollte er nicht mehr reinkommen. Das Thema D. war durch – ich konnte es abschließen und begraben.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst

Fortsetzung Teil 17

1999
2000

Eine relativ kurze Beziehung von zwei Jahren, in der mein Lebensabschnittsgefährte D. im Jahre 2002 von heut auf morgen ohne ein Wort verschwunden war, hatte mich im ersten Schockzustand für einen Monat in eine psychosomatische Klinik nach Rinteln befördert. Im alten Domizil des Barons von Münchhausen zog ich mich, nach dessen Vorbild, selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Zu therapeutischen Zwecken hatte dort fast jeder Klinikinsasse das Buch „Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst!“ lesen müssen. Distanz und Nähe in Beziehungen – dessen Logik von Ursache und Wirkung verstand ich zwar, konnte es aber nicht umsetzen. Denn für mich ist Liebe nichts, was man künstlich dosieren kann, indem man das Gefühl auf „klein“ dreht und den Verstand auf „groß“ wie an einem Gasherd. Wenn mein Herz entflammt ist, lässt es sich nicht mehr regulieren. Die emotionale Flamme ist bei mir stets größer, als irgendwelche logisch erscheinenden Überlegungen. Entweder brenne ich lichterloh, oder die Flamme erlischt nach einiger Zeit ganz von selbst wieder.

Für D. hatte es nie eine wirkliche Flamme gegeben, nur eine Glut, die sich an Äußerlichkeiten entzündete. 2002 war es also nicht die verlorene Liebe gewesen, die mich nervlich und emotional runtergezogen hatte. Eher war das Kindheitstraumata des Verlassenseins der Auslöser gewesen, denn Liebe hatte es in der Beziehung mit D. überhaupt nicht gegeben. Aus einem sexuellen Abenteuer, das für mich ziemlich emotionsfrei begonnen hatte, war plötzlich ein Zusammenleben geworden, weil D. keine eigene Wohnung hatte. Bis dahin hatte er bei seiner Ex gelebt, die manisch-depressiv fast ständig im Krankenhaus untergebracht war.
Beim Tanzen hatte ich D. kennen gelernt. Nachdem sich mein Bauchgefühl mit einem lauten „Nein“ geäußert hatte, hatte meine weibliche Begleitung dies mit einem sehr eindringlichen „Ja“ übertönt.
„Er ist der bestaussehende Mann im Lokal!“, hatte sie mir immer wieder einzureden versucht. Für mich war er ein Prolet wie aus der Coca-Cola-Werbung. Eine Kollegin, die ihn zum ersten Mal bei mir zu Hause gesehen hatte, hatte ganz verzückt gemeint: „Wo hast du ihn denn her? So einer läuft noch frei herum?“

Alle sahen nur D. schöne Fassade, aber bei einem Blick dahinter klaffte mir seine „Hohlraumversiegelung“ derart entgegen, dass seine Zweckbestimmung für mich von Anfang an feststand. Obwohl ich kleiner war, als er, schaute ich auf ihn herunter. Ich kann einen Mann nur auf gleicher Augenhöhe lieben.

Der Mann, den ich mir da in mein Bett geholt hatte, beziehungsweise, der sich fast unmerklich in meiner Wohnung einnistete, war überhaupt kein Kandidat gewesen, den ich hätte lieben können. Seine Anwesenheit belastete mich, weil ich mit ihm nichts anzufangen wusste, und er passte auch nicht in meine liebevoll eingerichtete Frauenwohnung. Trotzdem war ich froh, nicht mehr allein zu sein, was durchaus ein Widerspruch war, für den ich später sehr tief in die Tasche greifen musste. Aber das war wohl mein Los.

Eine Freundin erinnerte mich an die Schattenseiten des Zusammenlebens mit einem Mann.
„Warte ab, wenn du zum ersten Mal seine schmutzigen Socken waschen musst, und er erwartet, dass sein Essen pünktlich auf dem Tisch zu stehen hat!“, hatte sie gesagt.

Socken und Essen waren nur ein kleines Problem; Modellautos hingegen ein großes! Als D. diese wie selbstverständlich auf ein Regal ins Wohnzimmer stellte, sträubten sich meine Nackenhaare.

Er besaß nichts, außer Schulden, hatte ein einfaches Gemüt und großes handwerkliches Geschick. Er aß den ganzen Tag und stopfte Unmengen in sich hinein. Unterwegs war keine Fressbude vor ihm sicher und wenigstens einmal wöchentlich ging es in ein Restaurant.
„Große Männer essen viel!“, hatte meine Freundin beiläufig erklärt. Das Beiläufige wurde vor meinen Augen jeden Tag größer und größer. Ich fand das ekelhaft!

Gegen Ende des Jahres 2000 besuchte ich zusammen mit D. eine Kartenlegerin, die mitunter recht hellsichtige Anwandlungen hatte. D. war erst kürzlich mit seinem Laden in die Pleite gegangen und suchte nach einer neuen Anstellung. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, bei seiner Schwester, die eine IKEA-Filiale leitete, eine Stelle als Geschäftsführer zu bekommen. Sie hatte es ihm versprochen.
Eva, die Wahrsagerin sah unsere Zukunft rosarot:
„Ihr werdet zusammenarbeiten“, prophezeite sie, „und in einem Haus am Wasser wohnen.“
Tagelang zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wie eine Zusammenarbeit denn überhaupt möglich sein könnte. Meinen Job aufgeben, wollte ich auf gar keinen Fall. Ich sah mich bereits in Schweden an einem einsamen Fjord bei IKEA sitzen, doch es kam ganz anders.

Das schwedische Möbelhaus schickte eine klare Absage, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt waren. D. besaß die nötige Vorbildung nicht. Auch seine Schwester konnte daran nichts ändern. Er war enttäuscht und wütend, doch das brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor seiner Selbstständigkeit hatte er als Maschinist gearbeitet. Bei meinem Arbeitgeber bot sich zwar nicht die Möglichkeit einer solchen Tätigkeit, aber eine dort ansässige Firma stellte D. schließlich als Kran- und Schaufelladerfahrer ein.

Nun waren wir sicher, dass auch die zweite Vorhersage von Eva eintreffen würde. Wir bewarben uns intern um eine Werkswohnung und mussten feststellen, dass für die heiß begehrte 150 Quadratmeter-Wohnung noch weitere 35 Interessenten Schlange standen. Mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen kamen wir in die engere Sozialauswahl, die vom Betriebsrat genehmigt worden war. D. hatte seine Tochter angegeben, die nur alle zwei Wochen bei ihm war, aber es funktionierte. Als ehemaliges Geschäftsführerdomizil war die Wohnung nicht nur besonders hochwertig ausgestattet, mit hohen Decken, neuen Fenstern und Rheinblick, sondern verfügte auch über einen riesigen Garten, der in Gemeinschaftsfläche und Mieter-Nutzfläche aufgeteilt war.

Die viele Arbeit, die andere eher abschreckte, scheuten wir nicht. Zusammen – da waren wir sicher – könnten wir aus dem völlig heruntergekommenen Gartenanteil ein kleines Paradies machen. Außerdem hatte ich mich in die flämische Eichenküche verliebt, die der Vormieter zum Verkauf anbot. Gespannt hofften wir weiter.

Nachdem der Februar 2001 vorüber war, gab ich die Hoffnung auf. Dabei standen wir nur noch mit einem anderen Bewerber auf der Liste. Doch dieser eine war vorrangig, denn seine Familie hatte die größere Personenanzahl. Und das Wunder geschah: Zu guter Letzt sprang der Kandidat ab, weil der Ehefrau, die viele Arbeit doch zu gewaltig erschienen war.

Wir bekamen das „Haus am Wasser“ mit hochwertiger Küche. Anfang April zogen wir ein. D. machte den Umzug nahezu allein und transportierte selbst die großen Möbelstücke auf dem Dach seines alten Ford Fiesta.

Arbeiten konnte er! Das muss ich ihm lassen. Ihm wurde nie etwas zu viel.
Die fehlende Bildung versteckte D. hinter einem guten, gepflegten Aussehen, und dadurch wirkte er auf Frauen sehr anziehend. Seine Ex hatte ihn kürzlich erst frisch eingekleidet, als er mit mir anbandelte. Junker und Lodenmantel standen ihm gut – er war groß und konnte das tragen, Aber ich konnte nicht zu ihm aufschauen.

So sehr er sich auch mühte, intelligent daherzureden, es gelang ihm nicht. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Buch gelesen. Abends saß er vor dem Fernseher und glotzte RTL2. Dann hasste ich ihn…und er mich, weil er sich ertappt und beobachtet fühlte, wenn ich wie „Kermit der Frosch“ mit verkniffenem Mund neben ihm saß. Er verstand nicht, dass ich nicht schadenfroh über die vielen Hinfall-Pannen-Videos anderer Leute lachen konnte. Da streikte selbst mein inneres Kind und schaute weg.

In punkto Sexualität und Frauen kannte D. sich aus. Das war sein Fachgebiet. Darüber konnte er stundenlang reden; besonders wie gut er doch sei, im Gegensatz zu anderen. Die Überzeugung: „Man(n) muss doch immer erst an die Befriedigung der Frau denken!“, hatte er sich auf seine Fahnen geschrieben. Naja, es gab jedenfalls keine Nähe zwischen uns, außer an einer bestimmten Körperstelle. Aber auch sein „Zipfel zum Glück“ beeindruckte mich nicht wirklich.

Als ich ihn irgendwann nach seinem „Sinn des Lebens“ fragte, hat mich die Antwort beinahe umgehauen: „Wohnmobil fahren“. Etwas Dümmeres hätte er nicht sagen können. DAS ging gar nicht!

Das alles war keine Grundlage für eine Partnerschaft – im Gegenteil. Für mich der absolute Horror! Wohnmobil fahren sowieso.

Die Gespräche waren belangloses Alltags-Blah-Blah, ohne Tiefgang und sein platter Humor, der sich darin äußerte, dass er mir ständig Witze erzählte, über die ich nicht lachen konnte, ekelte mich an, wie die ganze Situation und zuletzt der ganze Kerl.
Obwohl er vom Aussehen wirkte wie Rock Hudson, konnte mich das nicht täuschen. Wenn er mich anlächelte, sah ich, welch Geistes Kind er war. Er wirkte stupide…nein, er war es. Dafür konnte er nichts…ich aber auch nicht.

D. war eifersüchtig. Er verbot mir den Umgang mit alten Bekannten und scheute sich nicht, es denjenigen direkt telefonisch mitzuteilen. Ich stand wütend daneben und traute meinen Ohren nicht. Gesprächen mit Freundinnen lauschte er interessiert. Dabei bekamen seine Ohren die Größe von Rhabarberblättern.

D. trug gerne kleinkarierte Hemden. Die passten zu ihm. Etwas tiefer ausgeschnittene Blusen oder Oberteile durfte ich nicht anziehen. Kam ich mit einem solchen Teil nachmittags aus dem Büro nach Hause, gab es Stress.

Nach einem Jahr des Zusammenlebens fand ich D. nur noch widerlich und ertrug ihn immer weniger in meiner Nähe. Wenn er meiner Aura zu nah kam, glich das einer Verletzung. Der Abstand zwischen seiner und meiner Bettseite war irgendwann nicht mehr groß genug. Seine Gegenwart schnitt mir in die Seele wie ein Elektroschocker. Das musste ich abstellen! Folglich verwies ich ihn aus dem Schlafzimmer.

Er wusste gar nicht wie ihm geschah. Ich brauchte diese Bannmeile. Wenn er sie überschritt, läuteten bei mir die Alarmglocken. Manchmal merkte ich, dass er hinter mir stand und mich beim Ankleiden beobachtete. Ich sah, wie er zitterte und welche Macht ich über ihn hatte. Das gefiel mir irgendwie, obwohl ich wusste, dass solche Anwandlungen nicht richtig sein können. Ich ließ ihn zappeln und wies ihn gnadenlos zurück. Dann gab es nur noch Streit und Handgreiflichkeiten vom Allergemeinsten. Er „rückte“ meine Wohnung zurecht, wenn ihm danach war. Und ihm war oft danach, weil er sich verbal nicht gegen mich wehren konnte.
Als in dieser Situation noch seine manisch-depressive Ex anrief und mir mit teuflischer Freude erzählte, dass er mit ihr fremdgegangen sei, brachte das das Fass zum Überlaufen.

D. machte eine Zeit lang gute Miene zum bösen Spiel, um seine desolaten Finanzen durch mich noch ein wenig aufzubessern und seinen ‚Abflug‘ vorzubereiten, von dem ich nichts ahnte. Dann überredete er mich zu einer Reise nach Berchtesgaden, die natürlich ich bezahlen ‚durfte‘. Er wollte König Ludwig spielen in Junker und Lodenmantel und badete in den Blicken der bayrischen Frauenwelt. Ich ließ ihn gewähren. Dann fuhren wir nach Hause zurück. Zwei Tage später war er verschwunden.

Er hatte mich mit der gemeinsam gemieteten Wohnung und natürlich auch mit den Kosten und der ganzen Arbeit alleine gelassen. Den riesigen Garten musste ich nun selbst pflegen. Alle Lasten und Kosten hatte ich von Stund an am Hals und kein Geld für einen weiteren Umzug.

Zum ersten Schock des Verlassenseins gesellte sich die Panik, es womöglich finanziell und kräftemäßig nicht alleine schaffen zu können. Ich hatte für den letzten Wohnungswechsel Schulden gemacht, die ich abzahlen musste. D. schuldete mir Geld, das ich nie wiedersehen würde, denn ich hatte nicht nur seine Rechnungen bezahlt, sondern auch die Unterhaltszahlungen für seine Tochter monatelang übernommen. Unbezahlte Rechnungen und Mahnbescheide von D. flatterten haufenweise ins Haus. Ich schickte sie alle zurück.

D. war unerreichbar für mich. Er hatte sein Handy abgestellt. Erst als ich ihm mit dem Einschalten der Polizei drohte, meldete er sich. Ich ging zum Neurologen. Er verschrieb mir Beruhigungsmittel.

Blick auf den Garten 2001
Blick am Abend aus dem Küchenfenster

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Umzüge

Fortsetzung Teil 16

Mit „Manni“ und Patrick vor dem Jasmin-Busch meiner Eltern

Als ich 1987 M., meinen zweiten Ehemann, einen Musiker, kennen lernte, hatte mir meine ehemalige Kollegin in einem Lokal für Live-Musik in Krefeld dringlich ins Gewissen geredet: „Manni sucht eine Frau. Mit zwei Kindern musst du froh sein, wenn dich überhaupt noch einer nimmt!“

„Manni“ nahm mich und hatte seinen besten Freund T., zehn Jahre jünger als ich und angehender Fachpfleger für Intensivmedizin, gleich mit in die Ehe gebracht. Als ich damals heiratete und mit Manni zusammen ein Reihenhaus kaufte, das unsere Väter mit viel Arbeit und Geld renovierten, tat ich das aus Torschlusspanik und nicht aus Liebe. Manni war Heizungstechniker, nur mein Herz konnte er nicht erwärmen. Ich wollte irgendwo ankommen und meinen Söhnen ein sicheres Heim bieten.

Manni war überhaupt nicht mein Typ, er war überall dunkel behaart, auch auf dem Rücken. Eigentlich hatten wir uns nicht viel zu sagen. Im Alltag war er langweilig, und er hatte keinen Geschmack, was Kleidung oder Einrichtung betraf. Seine Wohnung bestand aus Ikea-Bretterregalen, die ich mir nur in den Keller gestellt hätte. Bei ihm standen sie im Wohnzimmer. Ich fand alles schrecklich! Aber er hatte den Blues und konnte singen wie Jimi Hendrix. Selbst zur Weihnachtsmusik wurde ein Blues-Element geklimpert. Für seine Gitarrensolos war er bekannt. Wie die meisten Musiker hatte er ein massives Alkoholproblem. Wenn bereits nachmittags die Flasche Schnaps und das Bier auf dem Tisch standen, und ich ihn im Unterhemd und Trainingsanzug vor dem Fernseher sitzen sah, sah ich „rot“. An den Wochenenden hatte Manni Auftritte mit seiner Band. Dann floss der Sambuca in Strömen, und es gruselte mich davor, wenn er nach Hause kam.

Helene Nicolay, geb. Buskies – Foto Reisepass

Im April 1988, kurz bevor wir heirateten, verstarb meine Oma. Sie hatte ein halbes Jahr vorher, nach einer schweren Magen-Darminfektion – vermutlich durch eine Lebensmittelvergiftung – jegliche Lebensenergie verloren. Bis zu ihrem 93. Lebensjahr hatte sie völlig selbstständig gelebt. 26 Jahre lang war sie nach Opas Tod allein gewesen. Mit einem Mal wollte sie nicht mehr und verweigerte jegliche Nahrung. Bis auf ein paar Löffelchen Wasser lehnte sie alles ab. Der herbeigerufene Notarzt meinte, wir sollen sie in Frieden sterben lassen. Ein paar Tage vor ihrem Tod umarmte sie mich ein letztes Mal und wurde nicht wieder wach. Das war das erste Mal, dass mich ein Familienmitglied umarmt hatte, und ich wusste zunächst gar nicht was es bedeutete: Abschied für immer.

Weil meine Mutter nicht mehr in der Lage war, Omas langes Haar zu kämmen, sollte ich es abschneiden. Ich ging widerwillig diesem Wunsch nach und tat wie mir aufgetragen war. Hierauf reagierte Oma mit heftiger Gegenwehr. Sprechen konnte sie nicht mehr. Sie hatte ihr langes Haar mit ins Grab nehmen wollen. Oft habe ich daran denken müssen und mich jedes Mal schlecht gefühlt. Ich hoffe, dass sie mir vergeben hat.

Nach Omas Tod weinte ich hemmungslos. Meine Mutter zeigte keine Gemütsregung – im Gegenteil: Sie machte sich bei meinem Vater über mich lustig, weil ich nicht aufhörte zu weinen. „Die hat einen Weinkrampf gekriegt“, berichtete sie ihm kichernd. Heute denke ich, es waren bereits die Anfänge ihrer Alzheimer Erkrankung gewesen.

Mein damals 16-jähriger Sohn G. war mitten in der Pubertät und kam weder mit sich selbst noch mit mir, noch mit meinem zweiten Ehemann zurecht. Weil Manni ihn nicht mochte, behandelte er ihn immer wieder ungerecht.

Eine solche Ungerechtigkeit brachte das Fass zum Überlaufen. Es folgte eine üble Auseinandersetzung, bei der G. meinem Mann beinahe die Augen ins Gehirn gedrückt hatte. Es ging so weit, dass ich meine Eltern anrief, die jedoch davon nichts hören wollten. Schließlich bewog es sie, meinen Sohn wieder mit Sack und Pack bei sich aufzunehmen. Er hatte bereits zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr bei ihnen gelebt.

Mein Vater hatte den Anbau des Hauses für G. ausgebaut und verwöhnte ihn wie einen Sohn, weil er seinen eigenen einst für tot erklärt hatte.
Gerald, mein Bruder, war mit 16 Jahren heroinsüchtig in die Landesklinik gekommen und durchlief danach eine Therapie nach der anderen, ohne Aussicht auf Erfolg. Als mein Bruder zu allem Elend noch auf die kriminelle Schiene geriet und meiner Oma die Rente stahl, durfte er nicht mehr nach Hause zurückkehren. Für meinen Vater war eine Welt zusammengebrochen, denn er hatte alle Hoffnungen in seinen Sohn gesetzt, den er mir von klein auf vorgezogen hatte. Als er fort war, projizierte er diese Hoffnungen später auf meinen Sohn.

Da meine schwere Erkrankung nichts anderes mehr zuließ, blieb G. ganz bei meinen Eltern. In der Zeit, als ich damals bewegungsunfähig auf der Couch meiner Eltern lag, hörte ich seine Stimme, als er zur Oma in die Küche lief: „Oma, Oma, komm schnell, die Mama weint!“ Diese Situation bleibt immer in meinen Gedanken.

Die Zeit entfremdete uns mehr und mehr. Meine Mutter trug ihren Teil dazu bei, als sie mich mit G. zusammen auslachte, wenn ich beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk zu ihm brachte. Später sah ich mich nur noch als eine „Auf-die-Welt-Bringerin“, nicht mehr als Mutter, weil ich jeglichen Zugang zum Kind verloren hatte.

Mit zwölf Jahren setzten meine Eltern meinen „verlorenen“ Sohn kurzerhand vor die Türe und gaben ihn mir mit den Worten: „Jetzt bist du wieder dran.“, zurück. Das konnte nicht gut gehen, zumal die neue Situation einen weiteren Umzug verlangte.

Wie ich das damals finanziell gestemmt habe, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine gebrauchte Küche und ein separates Kinderzimmer für beide Kinder. Doch das ging nicht lange gut, wegen der G.s Eifersucht. Ein Mal schaute sich Patrick einen Film im TV an und kam mit einer Szene nicht klar, die ihm Angst machte. Ich war an diesem Nachmittag nur kurz zu einem Geburtstag gegangen und wollte danach wieder zu Hause sein. Als ich kam, fand ich die Polizei vor und meine Nachbarn, die durch Patricks Weinen aufmerksam geworden waren. Erst als ich den Beamten zeigte, dass er gar nicht alleine war, sondern sein Bruder unbeteiligt im Kinderzimmer saß, fuhren sie fort. G. hatte wohl Spaß daran gehabt, als es seinem Bruder schlecht erging.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als erneut umzuziehen, in eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern. Ich tat mein Bestes, doch das Mutter-/Sohn-Verhältnis blieb gestört. Der arme Junge wusste gar nicht wie ihm geschah. Er konnte doch mit mir genauso wenig anfangen, wie ich mit ihm und war noch dazu sehr eifersüchtig auf seinen Bruder.

G. war verzogen, unehrlich und brutal. Einmal glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als er seine lebendige Wüstenrennmaus im Klo herunterspülte. Eine zweite erweckte das Interesse meines Katers „Paulchen“, weil sie tot im Papierkorb lag.

Kurz danach heiratete ich und kaufte mit Manni zusammen ein Reihenhaus.

G. hatte an jedem und an allem etwas auszusetzen und war genauso rechthaberisch wie sein Vater. An jedem Essen mäkelte er herum. Ich konnte ihm nichts recht machen. Bei Tisch eskalierte es immer wieder. Obwohl ich nur wenig Geld hatte, musste ich seinetwegen teures Fleisch kaufen. Eines Tages stocherte er wieder mal an seinem Steak herum und fand natürlich Fett, wo gar keins war. Da habe ich getobt und so fest auf den Tisch geschlagen, dass ich mir die Hand gebrochen hatte. Ich wollte nicht mehr mit ihm umgehen… nein, ich konnte es nicht!

Das war eine schlimme Zeit für uns alle. Als es dann mit seinem Stiefvater eskalierte, nahmen ihn meine Eltern wieder bei sich auf, und ich war froh, dass G. sein eigentliches Zuhause wieder hatte.

T., Manni’s Freund und Bandkollege, kam oft zu uns und begleitete uns auch bei aushäusigen Unternehmungen. Er war hellblond, unscheinbar und unbehaart. Irgendwann, als ich mit Manni ein halbes Jahr lang verheiratet war, machte es „klick“. Ich verliebte mich in T. und er sich in mich. Wir sträubten uns zunächst beide dagegen, doch es half nichts.

Ich wollte wie immer klare Verhältnisse haben, obwohl mir mehr als Chaos bevorstand. Die Ehe wurde geschieden, das Haus verkauft, die Musikerfreundschaft zerbrach, und die Band suchte sich einen neuen Schlagzeuger.

Als das Reihenhaus nach nur drei Monaten verkauft worden war, zog ich mit T. zusammen in eine Mietwohnung. Kurz darauf wurde ich schwanger, verlor aber das Kind gleich zu Beginn mit großen Schmerzen auf dem Büro-Parkplatz. Zum Glück! T. mochte keine Kinder. Mit meinem jüngsten Sohn konnte er nichts anfangen.

Der Kontakt zu meinen Eltern war seit der Scheidung von Manni nahezu abgerissen. Mein Vater hatte nach meiner Heirat das Haus renoviert und sein Vorzeigebad war verkauft worden. Darüber war er sauer. Meine Scheidung war ihm egal.

Mit T. war es von Anfang an eine Verbindung ohne Leidenschaft gewesen. Anfangs war ich verliebt und sah darüber hinweg. Er war ein ruhiger Zeitgenosse mit jungenhaftem Aussehen – kein Mensch, mit dem man Streit bekommen konnte. Er war ehrlich, arbeitsam und ordentlich und in seiner Freizeit ein nicht ganz alkoholfreier Schlagzeuger. Abends brauchte er seine vier Flaschen Bier. Zwei Mal wöchentlich reagierte er sich im Proberaum ab.
Ein weiterer Makel war, dass er von sich aus nie mit mir schlafen wollte. Das tat er nur, wenn ich den Anfang machte, und nur selten dachte ich: „Und er bewegt sich doch!“. Nach zwei Jahren begann ich an meiner Weiblichkeit zu zweifeln und nach weiteren zwei Jahren machte ich mir Gedanken darüber, ob er vielleicht schwul sei.

Obwohl es im Krankenhaus Frauen genug gab, vermutete ich niemals, dass es eine andere geben könnte. Er hatte ganz einfach keine Lust auf Sex. Orale Befriedigung fand er widerlich. Bei sich selbst nicht. Wenn ich die Initiative ergriff, ließ er es geschehen. Aber das war auch alles. Nach sechs Jahren hatte ich dazu keine Lust mehr. Nach acht Jahren dachte ich: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ und machte „Butter beim Fisch“. Ich beendete die Beziehung, weil wir seit Jahren nur noch wie Bruder und Schwester zusammengelebt hatten. Als Partner und Mensch blieb T. mir fremd. Es gab keine innere und keine äußere Nähe, nur tristes Alltagseinerlei.

Unsere Habe wurde geteilt, das gemeinsam angeschaffte, neue Auto verkauft. Jeder half jedem beim Umzug, und wir gingen in Freundschaft auseinander.
1998 hatte ich mir schließlich eine kleine 75 qm-Wohnung und meine Freiheit erkämpft und lebte nach neunjähriger Lebensgemeinschaft wieder mit meinem jüngsten Sohn allein.

Nach meiner Trennung von T. war ich voller Zuversicht, irgendwann doch noch die Liebe zu finden, nach der ich mich schon ein Leben lang sehnte. Nach zwei missglückten Kurzversuchen mit vermeintlichen Kandidaten, waren die Stroh-feuer schnell wieder erloschen… auch meine Hoffnung. Ich war enttäuscht und frustriert und befürchtete, für lange Zeit allein sein zu müssen, wenn nicht für immer. Mit fast 50 ist eine Frau für die Männerwelt nahezu unsichtbar. Ich sah zwar jünger aus, passte aber längst nicht mehr in das gängige Beuteschema und ältere Männer nicht in meines.

Damals setzte ich Zeichen für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes: Zunächst verlor ich bei „Weight Watchers“ 13 Kilogramm Gewicht; dann wurde ich nach 30 Jahren intensivem Glimmstengelkonsum Nichtraucherin. Das, was ich nie für möglich gehalten hatte, gelang mir mit eisernem Willen in kürzester Zeit. Ich fühlte mich befreit und runderneuert.
Doch die innere Leere konnte ich mit äußeren Aktionen nicht füllen.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Lehrgeld

Fortsetzung Teil 15

Nach der Entbindung blieb ich ein Jahr lang zu Hause. Aus den wenigen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, „bastelte“ ich meinem Sohn ein eigenes Kinderzimmer und lackierte mein Schlafzimmer schwarz/orange. Ich selbst schlief im Wohnzimmer, in einem alten Bett, das ich mir bei Emmaus besorgt hatte.

Zu meinen Eltern hatte ich nach wie vor keinen Kontakt, wohl aber zu meiner Oma, die ich hin und wieder besuchte. Sie konnte für das „Niggerkind“ keine Sympathien entwickeln, was mir sehr weh tat.

Ein Mal in dieser Zeit traf ich meine Mutter beim Bäcker. Mein Söhnchen lag im Kinderwagen. Meine Mutter hatte nicht EINEN Blick für ihn und grüßte auch nicht. Das war wie ein Stich ins Herz! Es war so schlimm für mich, dass die Verkäuferin die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

1983 arbeitete ich wieder halbtags im Großhandel für Dachdeckerbedarf, verbotenerweise, weil ich eigentlich Sozialhilfe bezog. Aber ich wollte unbedingt meine Schulden abbauen. Mit Sozialhilfe allein wäre das unmöglich gewesen. Mein jüngster Sohn wurde während meiner Arbeitszeit von einer Tagesmutter betreut, die ich mir durch das Jugendamt hatte vermitteln lassen. Alles war soweit geregelt, doch ich fühlte mich einsam und allein gelassen.

Heimlich verehrte ich meinen Juniorchef und stellte ihn mir als vorbildlichen Ehemann vor. Er war immer freundlich und charmant und sah noch dazu gut aus. So einen Mann wünschte ich mir.

Es war am Anfang des Jahres 1983, als S.’s Oma heimlich für ihre Enkelin in der Zeitschrift ‚Heim und Welt‘ eine Heiratsannonce aufgegeben hatte. Meine Freundin fiel aus allen Wolken, als ihr über dreißig Briefe ins Haus flatterten, die sie selbst gar nicht haben wollte. Weil ich allein war, bot S. mir die Briefe an.

Schon damals legte ich großen Wert auf gute Rechtschreibung, obwohl ich selbst nicht fehlerfrei bin. Das war ein Kriterium, nach dem ich die Interessenten auswählte. Schließlich fiel die Wahl auf einen Mann in Freiburg, der sich als Geschäftsführer des Pharmakonzerns „Hoffmann La Roche“ in Basel ausgab. Was und wie er schrieb, sprach mich gleichermaßen an, und ich begann einen Briefwechsel mit ihm. Die Briefe waren allesamt handgeschrieben und meistens seitenlang. Fast täglich kam Post, und wenn der Briefkasten leer blieb, war ich enttäuscht. Es waren schöne Briefe, und ich war beeindruckt von der Wortwahl des Absenders. Schon hing ich am Haken.

Ganz zu Beginn der Korrespondenz teilte dieser Mensch mir mit, dass er in Freiburg wegen eines Verkehrsdelikts für ein halbes Jahr im Gefängnis säße und im Herbst entlassen würde. Das war zunächst ein Schock für mich, doch ich dachte, dass jeder andere auch in solch eine Lage kommen könnte und bewunderte ihn für seine Offenheit.

Eine meiner Freundinnen las mit mir gemeinsam die Briefe, und auch sie konnte nichts Negatives entdecken. Ich versuchte bei ‚Hoffmann La Roche‘ in Basel herauszubekommen, ob die Angaben meines Brieffreundes stimmten. Doch ich konnte nichts in Erfahrung bringen. Selbst der Gefängnispfarrer gewährte mir keine Auskunft. Mein Bauchgefühl saß voller Skepsis, mein Herz sagte zaghaft „Ja“ und mein Verstand riet ganz und gar ab.

Wir schrieben uns ein halbes Jahr lang, und als der Herbst nahte, war ich fest entschlossen, meinen inhaftierten Schreiberling in Freiburg zu besuchen. Vor seiner Entlassung stand eine Operation an der Harnröhre bei ihm an, und ich besuchte ihn im Krankenhaus.

Er war sehr freundlich und machte einen guten Eindruck auf mich. Etwas Jungenhaftes hatte er an sich und das gefiel mir gut. Als ich Freiburg verließ und nach Hause zurückfuhr, war ich fest entschlossen, mich auf eine Beziehung mit dem mysteriösen „Herrn Meier“ einzulassen. Er schrieb, dass er Ende Herbst aus der Haft entlassen würde, und er fragte mich allen Ernstes, ob ich mit ihm nach Paris gehen würde. Dort habe man ihm seitens der Firma, in der er arbeitete, einen leitenden Posten angeboten. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Ich freute mich darüber, doch es blieb ein gewisses Risiko für mich, denn er verlangte, dass ich meinen Job aufgeben sollte.

In der Firma, in der ich arbeitete, machten sich die Männer lustig über mich.
„Irgendwann wirst du in Paris in einem Schaufenster sitzen!“, witzelten sie. Ich überhörte ihre Mahnungen und kündigte.

Dann stand mein Brieffreund vor meiner Türe, und ich ging zum Sozialamt und meldete mich ab. Etwas vorschnell, wie sich bald darauf herausstellte.
Drei Tage vergingen, bis es früh morgens an der Türe sehr energisch schellte. Zwei Kripo-Beamte in Zivil standen davor. Sie fahndeten nach meinem Bekannten. Er wäre aus der Haft geflohen, sagten sie und müsste noch sieben Jahre wegen schweren Raubes absitzen. Ich war fassungslos und konnte nicht glauben, was da geschah. Alle Träume waren mit einem Mal geplatzt wie eine Seifenblase.

Ich hatte keinen Job mehr, ja selbst das Geld vom Sozialamt konnte ich nun nicht mehr in Anspruch nehmen. Nachdem ich alle Briefe vernichtet hatte, fuhr ich zur Justizanstalt in die Innenstadt und machte Schluss mit diesem Menschen. Doch der hatte nichts Besseres zu tun, als einen Erpressungsversuch zu starten.
„Wenn du Schluss machst, verpfeife ich dich beim Sozialamt!“, hatte er mir angedroht. Nun saß ich endgültig in der Klemme. Den Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

Zunächst musste ich für mich und meinen Sohn Geld zum Leben auftreiben, und zwar sofort. Ich schaute durch die Anzeigen des Wochenblattes, und mir fiel eine Annonce ins Auge, die sofortiges Geld versprach. In einem Edel-Saunaclub wurden ‚Damen‘ gesucht. Ich meldete mich noch am gleichen Tag, und obwohl ich so etwas noch nie gemacht hatte, war ich fest entschlossen, dort wenigstens zur Überbrückung arbeiten zu dürfen, bis sich etwas anderes fand. Augen zu und durch!

Aber ich hatte es mir leichter vorgestellt. Die Mädchen, die dort arbeiteten, waren allesamt nett. Die meisten machten den Job gerne und freiwillig. Unvorstellbar! Am ersten Abend wurde ich in alles eingewiesen und saß zunächst knapp bekleidet an der Theke. Als die Türglocke ging, war ich sehr aufgeregt. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch dass es so schlimm werden würde, hatte ich nicht gedacht.

Mein ehemaliger Juniorchef kam zur Türe herein und sah mich genauso erstaunt an, wie ich ihn. Er war seit Jahren Stammgast in diesem Club, wie auch sein Vater und einige seiner Geschäftsfreunde, die ich dort später wieder traf. Ich war wie erstarrt, und wäre gerne ich im Erdboden versunken. Der untreue Ehemann ging mit Pamela, einer farbigen New-Yorkerin nach oben aufs Zimmer. Zum Glück nicht mit mir.

Später traf ich noch andere alte Bekannte wieder, wie beispielsweise F., den ehemaligen Schwarm meiner Mutter, der bereitwillig für eine Stunde Sex mit mir bezahlte. Es war eine neue Welt für mich…aber es war nicht meine.

Ich erspare mir die Einzelheiten des Rückblicks, denn sie waren alles andere als schön. Zwar wusste ich, dass es Triebgesteuerte gab, doch dass sie hier teilweise ihre Perversionen auslebten, hätte ich nicht gedacht.

Aber ich bekam bereits am zweiten Tag Geld zum Überleben. Abends und des Nachts war ich im Club, morgens brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten. Zwischendurch kaufte ich ein und brachte den Haushalt in Ordnung, so gut ich konnte. Ab und zu versorgte mich meine Nachbarin, oder sie passte auf meinen Sohn auf, damit ich schlafen konnte. Es war schrecklich!

Jede Woche ging es zum Arzt zur Untersuchung. Das war eine peinliche Pflicht. Nach einem Monat fühlte ich mich tot und wurde immer dünner. Meine Psyche und mein Darm rebellierten. Jedes Mal, wenn es im Club an der Türe schellte, ging es zur Toilette, weil ich mich übergeben musste. Ich war bis auf 55 kg abgemagert und krank. Diese „Arbeit“ hatte mich hässlich gemacht, und die Gäste sahen mich auch so. Ich konnte und wollte nicht mehr. Es gruselte mich vor den geilen, teilweise ungewaschenen Typen, den Möchtegern-Prominenten verschiedener Fußballclubs und dem stets betrunkenen Fabrikbesitzer, der nächtelang sadistische Spielchen mit den Frauen liebte. Sie kamen allein, zu zweit oder zu dritt und wollten dementsprechend bedient werden. Das Schicksal befahl mir dort aufzuhören.

Da ich keinen Menschen hatte, wo ich meinen Sohn hätte hingeben können, erklärte sich eine liebe Ex-Kollegin bereit, ihn zu versorgen, als ich ins Krankenhaus kam. Das tat sie, obwohl ihr Mann aus Eifersucht strikt dagegen war. Ich muss ihr heute noch dankbar dafür sein.

Nachdem ich den ungeliebten Job aufgegeben hatte, ging ich erst zum Sozialamt und dann in die Klinik. Einen ganzen Monat lang blieb ich dort, bis sich mein Zustand, der mit Herzrasen und Durchfällen einherging, wieder einigermaßen normalisiert hatte.

Mit der Sachbearbeiterin vom Amt redete ich Klartext und gestand ihr auch meinen Nebenverdienst im Büro, mit Arbeitszeit von fast einem Jahr. Ich wollte frei sein von jeglichem Druck, doch jetzt erdrückte mich die Situation.

Die Selbstanzeige brachte mir 1.200 DM Strafe ein und die Rückzahlung der seinerzeit gezahlten Unterstützung. Es war ein hoher Preis für meine Dummheit, und ich traute zunächst keinem Menschen mehr.

Die nette Frau vom Sozialamt versuchte mir zu helfen. Da sie wusste, dass ich gerne arbeiten würde, bot sie mir in einer Emmaus-Gemeinschaft eine ABM-Stelle an, die gut bezahlt wurde. Ich willigte sofort ein und trat im Folgemonat die Stelle an.

Das Büro war in einem ehemaligen Zechensiedlungshaus untergebracht. Die Gemeinschaft lebte nach den Grundsätzen von Rudolf Steiner, was mir damals überhaupt nichts sagte.

Ein Jahr lang blieb ich dort und machte neben den üblichen Büroarbeiten auch die Buchführung. Im Haus herrschten Büro unübliche Zustände, denn morgens musste ich selbst den Kohleofen anzünden, um es bei schlechtem Wetter warm zu haben. Die Tätigkeit schloss nicht nur die Büroarbeit ein. Ich fuhr in die Brotfabrik, um altes Brot zu kaufen und auf die Wochenmärkte, wo ich nicht mehr verkäufliches Gemüse und Obst umsonst erhielt. Davon und von selbst erwirtschafteten Gütern ernährte sich die Gemeinschaft. Alle vierzehn Tage musste ich kochen.

Später wurde ich nach Mülheim-Saarn versetzt, wo die Ratten durch das Büro liefen. Dort war die Gemeinschaft auf einem ehemaligen Fabrikgelände untergebracht. Man wohnte in Bauwagen, sammelte Lumpen und Kleider, die man verkaufte und führte einen gut besuchten Trödelmarkt. In einer riesigen Fabrikhalle waren Säcke bis an die Decke gestapelt, die aus Wohnungsauflösungen und Sammlungen stammten. Dort verbargen sich unschätzbare Werte, wie beispielsweise Brüsseler Spitze und wertvolles Porzellan, alte Gemälde und Kleider. Aber niemand kümmerte sich darum, bis irgendwann die ganze Fabrik einem Feuer zum Opfer fiel.

Damals war ich dankbar für den Job. Ich lernte andere Menschen kennen, die für ihre Ideale lebten und sich ganz selbstlos verhielten. Für mich war es ein Einblick in eine andere Welt.

Nach einem Jahr Emmaus-Arbeit informierte mich mein Vater über eine interne Stellenausschreibung des Chemiewerkes in dem er arbeitete, worauf ich mich bewarb. Mein Vater dachte gar nicht daran, sich für mich einzusetzen. Im Gegenteil, er riet mir ab. Der Chef dort sei ein Despot, der bereits zig Frauen im Büro rausgeekelt hätte. Irgendwie kam mir das bekannt vor. Wie war doch gleich mein Vater…?

Ich erinnerte mich an die Fahrten zur Oma, die dort wohnte. Anstelle der weiten Rheinaue von einst war dort eine Schwefelsäurefabrik entstanden. Als ich noch Kind war, warnte mich mein Vater immer davor, alleine in die Wiesen zu laufen: „Da wohnt der Bullemann!“, mahnte er damals.
Nun stellte ich mich dort bei ebensolchem vor.

Zuvor hatte ich von einem Haufen kleiner Ferkel geträumt, die mitten auf der Straße lagen. Dieser Traum ist mir immer ein Glückszeichen geblieben. Zwei Mal träumte ich ihn und wartete bisher vergeblich auf ein drittes Mal.

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Ich bekam die Stelle 1986 und blieb 31. Jahre dort, bis zu meiner Rente.

Kleiner Rückblick – Schwangerschaft

Fortsetzung Teil 14

Patrick 3 Jahre alt

Ich versuchte, die Schulden in 50 DM-Raten abzustottern, was aber bei zig verschiedenen Gläubigern nicht gelingen konnte, da mir nichts zum Leben übrig blieb. Die Mutter von F. half mir, das Gröbste zu bereinigen. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Essen blieb da nicht viel. Der Gerichtsvollzieher ging bei mir ein und aus und wollte am Ende sogar meine Perserkatze pfänden.

Manchmal kam meine Bekannte und steckte mir einen 20 DM-Schein zu. Das half mir dann über die nächsten Tage hinweg. Da ich starke Raucherin war, sammelte ich Kippen und drehte mir aus dem restlichen Tabak neue Zigaretten. Ich wusste damals, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich hungerte und war froh darüber, wenn ich ab und zu von meiner Nachbarin einen Teller Suppe bekam. Sie meinte, es sei ein Wunder, dass ich mich nicht schon längst aufgehängt hätte.

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich gab nicht auf. Nach kurzem Suchen bekam ich einen Bürojob in einem Großhandel für Dachdeckerbedarf und sah Licht am Horizont. Wie immer war jedoch eine Wolke in der Nähe, die schnell wieder alles verdunkelte.

Nachdem ich diesen Job zwei Wochen lang ausgeführt hatte, stellte mein Arzt eine Schwangerschaft fest, da mir ständig übel war. Wieder war eine Prophezeiung eingetroffen!

Das Schicksal hatte noch eins drauf gesetzt. Nun war ich restlos erledigt und trug mich zunächst mit dem Gedanken, abzutreiben. Doch ich konnte es nicht tun. Irgendetwas hielt mich zurück. Da war die einseitige Liebe zu Erick und die Überzeugung , dass niemand das Recht hat, Leben zu töten.

Ich sehe immer noch das erstaunte Gesicht meines neuen Chefs vor mir, der sofort dachte, ich hätte von der Schwangerschaft gewusst und daraufhin den Arbeitsvertrag mit ihm geschlossen. Aber das war nicht der Fall.

Zu meinem Geburtstag ließ ich mir aus reinem Interesse von meinen verwunderten Kollegen das Neue Testament schenken und begann darin zu lesen. Allerdings öffnete sich ‚das Wort‘ nur scheibchenweise, und bei „du sollst nicht schwören“ blieb ich verständnislos hängen, wo doch die christliche Welt auf die Bibel schwören lässt. Das war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich mit ‚Gottes Wort‘ beschäftigte. Aber erst als ich 50 Jahre alt war, fielen mir die teuflischen Details dieses Buches auf.

Obwohl Erick nur noch selten nach Deutschland kam, stellte er mir ein Ultimatum: „Entweder ich oder das Kind!“, und: „Du erschwerst mein Leben!“ Ich entschied mich für das Kind und wusste, dass ich damit die Beziehung mit Erick, die eigentlich nie eine war, beendete.

Da ich kein Geld für eine Baby-Erstausstattung hatte, besorgte ich mir diese auf unlauteren Wegen durch eine Bestellung in einem Versandhaus und ließ es an eine fingierte Adresse im Hochhaus liefern. Mir stand das Wasser bis zum Hals, und ich tat niemandem damit weh.

Meine Bekannte kaufte mir kurz vor der Entbindung einen gebrauchten Kinderwagen und ein Bettchen. Sie fand einen Käufer für mein Auto, wovon ich mich schweren Herzens trennen musste. Trotz meiner armseligen Verhältnisse wollte ich das Kind unbedingt austragen. Es gab mir einen Grund, weiter zu leben. Über das Warum machte ich mir damals keine Gedanken.

Meine Eltern mieden mich seit Monaten. Besonders als sie von meiner Schwangerschaft erfuhren, war ich für sie nicht mehr existent. Sie taten einfach so, als würde es mich nicht geben. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Ich habe mein Lebtag keinen Pfennig von ihnen erfragt oder erhalten.

Schwarze Menschen waren Untermenschen für sie, genauso wie Juden. So hatten es ihnen der ‚große Führer‘ und die Pseudo-Wissenschaftler und Theologen der damaligen Zeit beigebracht. Ein farbiges Kind war für sie das Letzte. Sogar meine Oma schimpfte über das ‚Niggerkind‘, als sie es verächtlich beim Wickeln betrachtete. Oder ihr „Das machen doch nur Juden!“, wenn ich mit rot lackierten Fingernägeln bei ihr erschien. Wie hätten sie damals anders denken können? Weiß sein und noch dazu deutsch, das war für sie etwas Besonderes, ein Privileg. Sie gehörten zur militärisch gedrillten ‚Herrenrasse‘. Was sollte ein dummer Sklave in der Familie? Dafür schämten sie sich.

Aber sie waren nicht die einzigen Menschen, die Vorurteile hatten. Auch Erick hatte sie. Hauptsächlich gegen Weiße, weil sie sowohl die indigenen Völker, als auch die Schwarz-Afrikaner auf dem Gewissen hatten, von denen seine Familie abstammt. Obwohl ein Teil seiner frühen Vorfahren Afrikaner waren, meinte er: „Lass uns Monkeys gucken.“, wenn wir ein afrikanisches Lokal besuchen wollten.

Mir war das Gerede egal. Ich kannte einen dunkelhäutigen Tänzer aus Paris, der mit mir nicht über die Straße gehen wollte, weil sich das für eine weiße Frau nicht gehört.
So engstirnig und arrogant wollte ich nicht mit Leuten umgehen. Die brachten mir auch kein Essen vorbei, wenn ich Hunger hatte. Was hatte ich mit denen zu tun, außer sie bis zu einem gewissen Grad dulden zu müssen? Aber ich suchte immer eine Entschuldigung für ihr Verhalten, weil ich mich selbst so anders denkend wahrnahm.

Nach einer normalen Schwangerschaft kam mein Sohn zur Welt, und ich war froh, dass er trotz der vielen negativen Umstände gesund war. Meine Freundin S., die damals zwei Hochhäuser von mir entfernt wohnte, hatte mich zur Entbindung ins Krankenhaus gefahren. Ich musste mit Wehen zur Telefonzelle laufen, um sie darum zu bitten, weil ich kein Telefon besaß. Heute muss ich gestehen: Ich habe bis zur letzten Minute geraucht.

Einer der wenigen Menschen, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, war mein Lebensretter von einst gewesen.

Ich hatte Dr. Al-Faily zufällig wieder getroffen, als er mit dem Fahrrad des Weges kam. Zu der Zeit war ich bereits hochschwanger. Er wusste noch, wer ich war und freute sich, mich lebend wieder zu sehen. Ihm ging es zu der Zeit nicht gut, denn er hatte alles verloren: seine Freundin, sein Haus, seine Arbeit im Krankenhaus. Man hatte ihn nach 16 Jahren Deutschlandaufenthalt nach Bagdad zurückschicken wollen, doch er war Kurde und seine Familie war bereits nach Persien verschleppt worden. Also hatte er notgedrungen Asyl beantragt und durfte nicht mehr arbeiten. Das machte ihm zu schaffen. Er kam mich oft besuchen, auch nach der Entbindung in der Klinik, und wir waren froh, jemanden zum Reden zu haben. Später heiratete er eine Deutsche, und eröffnete eine Praxis am nördlichen Ende der Stadt.

Jahrzehnte später machte mich die geistige Welt darauf aufmerksam, dass mein Arzt von damals gar nicht mehr lebte. Ich wurde von meiner Hausärztin an einen bestimmten Internisten in Homberg überwiesen und ging versehentlich zu einem anderen. Dort erfuhr ich, dass er Arzt in der Klinik gewesen war, in der einst auch Dr. Al-Faily als Internist gearbeitet hatte. Er erinnerte sich sogar an „eine Patientin, die schwerstkrank und völlig abgemagert“ dort behandelt worden war. Als ich ihm sagte, dass ich diese Frau war, erzählte er mir, dass Dr. Al-Faily vor Jahren an Krebs gestorben sei. Das hat mich sehr betroffen gemacht, und ich wusste sofort, dass diese Botschaft mich hatte finden sollen.

Weder meine Eltern noch der Vater meines Kindes ließen sich blicken. Mein Söhnchen war ein goldiger, hübscher Junge, kaffeebraun und mit großen, schwarzen Locken. Als er drei Monate alt war, stand plötzlich sein Vater vor der Hochhaus Türe.
„Der ist ja fast weiß!“, war dessen entsetzter Ausruf gewesen, nachdem er seinen Sohn zum ersten und letzten Mal gesehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen. Erick ging und kehrte niemals wieder. Kurz vor meiner zweiten Eheschließung meldete er sich noch ein einziges Mal telefonisch bei mir.
„Gisela, verzeih mir, ich war ein Schwein!“, sagte er. Das war der letzte Kontakt.

Erick wurde mit Fahndung von der Staatsanwaltschaft gesucht, aber nicht gefunden. Unterhalt bekam ich keinen Pfennig, wohl aber eine kleine Beihilfe vom Amt für die ersten Jahre. Ich kämpfte täglich ums Überleben. Irgendwann wollte ich Ericks Bedenken widerlegen und beweisen, dass auch ein Farbiger in Deutschland etwas werden konnte…

Kleiner Rückblick – Voodoo

Fortsetzung Teil 13

von links: Ich – Marcel – Gabi – Erick

Erick kam in unregelmäßigen Abständen alle vier Wochen nach Duisburg.
Nach meinem letzten Krankenhausaufenthalt hatte ich keinen Kontakt zu meinen Eltern. Sie hätten keinerlei Verständnis für meine Beziehung mit einem Ausländer gehabt, schon gar nicht hätten sie einen schwarzen Mann akzeptieren können.

Meine Familie war nationalsozialistisch geprägt. Ausländer waren das Vorletzte und ‚Neger‘ das Allerletzte. Damals war man der Ansicht, ‚die‘ seien nur gut fürs Bett und noch dazu dumm. Solche Ansichten konnte ich nicht verstehen.
Selbst viele Jahre später, als Obama Präsident wurde, meinte mein Vater verwundert: „Der hat doch nicht mehr Grips als ich!“

Nur ist es schlecht, wenn man seinen Verstand für kriminelle Zwecke einsetzt.
Das ist unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Für mich sind in erster Linie alle Menschen gleich. Es gibt gute und weniger gute in jedem Kulturkreis.

Als ich wieder mal auf Erick wartete, war als Intermezzo eine kurze Reise nach Roermond geplant, wo die Familie eines ebenfalls in Curacao geborenen Bekannten lebte. Der bestand darauf, dass ich mit meinem eigenen Auto fuhr, erzählte mir aber sonst keine Einzelheiten.

Es handelte sich um ein Familientreffen. Alle waren dort und unterhielten sich in der Landessprache Papiamento, die ich nicht verstand. Anwesend waren ungefähr 20 Personen. Ich hatte mich in die hinterste Ecke verkrochen, weil die Situation sehr angespannt war. Die Frauen gestikulierten wild und legten eine aufgeschlagene Bibel auf den Küchentisch, vor eine mittel-alte Frau, die irgendwie geistig von Sinnen zu sein schien.

Wie sich später herausstellte, war es die Schwägerin. Man sagte ihr nach, dass sie mit Hilfe eines Voodoo-Priesters aus Tahiti die Familie umbringen wollte. Sie hatte mehrfach Lebensmittel ins Haus gebracht, die angeblich ‚besprochen‘ worden waren. Dadurch verunglückten mehrere Personen. Die Mutter hatte zwei Autounfälle mit Knochenbrüchen knapp überlebt.

Die dunkelhäutige Schwägerin stritt alles ab, schimpfte und tobte, so arg, dass sie wütend aufsprang und mit den Fäusten gegen die Wand schlug. Erst als sie sich vor das aufgeschlagene Buch setzen musste, wurde sie zunehmend ruhiger. Sie erinnerte mich an den Film „Exorzist“.

Es gab eine junge Familie dort, in der ein schwarzer Mann mit einer weißen Frau verheiratet war. Aus dieser Verbindung war ein Kind hervorgegangen. Diese Familie war besonders belastet und schon mehrfach umgezogen. Sie berichteten von schwarzen und weißen Katzen, die abends vor dem Haus übelste Kämpfe aufführten, wie ein Kampf zwischen gut und böse. Eines Tages hing das noch kleine Kind am Treppengeländer im oberen Stock, und eine unsichtbare Kraft drückte den Vater zurück, als er die Treppe hochlaufen wollte. Heraus kam, dass die Schwägerin aus Hass auf Weiße die Familie zerstören wollte.

1980

Das war nicht das erste Mal, dass mein Bekannter aus demselben Grund nach Roermond fahren musste. Er verschwieg mir, dass jedes Mal sein Auto kaputt ging, wenn er dorthin gefahren war. Diesmal fuhr ich mit meinem Golf und plötzlich riss auf der Überholspur der Autobahn der Gaszug auf der Rückfahrt. Mit Mühe gelang es mir bei voller Autobahn auf die rechte Spur zu wechseln, und wir landeten erleichtert auf dem Standstreifen.

Es vergingen danach einige Wochen, bis ich erfuhr, dass die Freundin meines Bekannten in der Sauna an ihrem Erbrochenen erstickt ist. Welch mächtige, dunkle Kräfte in der Angelegenheit aktiv gewesen sein müssen, wurde mir dann erst bewusst.

Anfang September 1980 wurde meine Gaststätte eröffnet. Für mich war das absolutes Neuland, da ich so gut wie keinen Alkohol trank und noch nie hinter einem Tresen gestanden hatte. Dieser war alt und die Kühlung taugte nichts mehr. Alle paar Tage waren die Flaschen eingefroren. Außerdem litt auch das Mobiliar unter Altersschwäche. Die Pächterin hatte einige Spielautomaten aufgestellt, doch wenn man an den Flipper fasste und gegenüber die Jukebox berührte, bekam man einen leichten Stromschlag. Die Bierfässer standen im Keller und mussten nach Bedarf neu angestochen werden.

Am Eröffnungstag begleitete mich meine Pächterin und machte mich mit allem vertraut. Das Lokal war voll und jeder erwartete ein Gratis-Bier. In Duisburg hatten etliche Kneipen schließen müssen, weil dort die Rockerbanden von den Lokalen Besitz ergriffen hatten. Dann blieben die anderen Gäste aus. Inmitten des größten Ansturmes im Lokal öffnete sich die Türe und ca. zehn Rocker in Kluft standen vor meiner Theke. Meine Pächterin gab mir zu verstehen, ich soll sie nicht bedienen.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich das täte, schlagen die mir den Laden kurz und klein. Also bediente ich sie. Sie tranken nicht mal aus und verschwanden…um am Folgetag wiederzukommen.

Da wurde es richtig brenzlig, denn ich war alleine, ohne Schutz. Die Rocker hatten alle zusammen 100 Jahre Knast auf dem Buckel. So bedrohlich standen sie also in Reih und Glied vor meiner Theke und bestellten Bier, was sie auch bekamen. Aber zwei tranken es nicht, sondern schütteten es auf den Boden. Zunächst war ich schockiert, habe dann aber allen Mut zusammen genommen und bin wütend auf die Übeltäter zugesteuert. Sie bekamen von mir Lokalverbot. Dem Chef der Bande sagte ich, sie dürften in die Kneipe kommen aber ohne Montur, und wenn sie sich anständig benehmen, dürften sie gerne wiederkommen. Mir war damals so, als hätte ich sie verblüfft, denn sie kamen einige Tage später ohne ihre Banden-Kluft zurück. Ich hatte niemals mehr Handgreiflichkeiten, auch nicht zwischen den übrigen Gästen, weil mir die „Hells-Angels“ immer geholfen haben, wenn es nötig war. Mit ihnen fuhr ich ins Vereinsheim oder zum Eishockey. Später nahmen einige am Schachspiel mit Erick teil.

Erick dachte nicht im Geringsten daran, sich an der Arbeit zu beteiligen. Er benutzte lieber mein neues, auf Raten gekauftes Auto und mein Geld, während ich oft mehr als zwölf Stunden am Tag hinter dem Tresen stand und schuftete. Die Arbeit brachte keinen Gewinn…im Gegenteil. Ich hatte liebe Stammgäste, die mir halfen, wenn Not am Mann war. Kurz vor Karneval packte ich mein Bierlager voll und erhoffte mir einen großen Umsatz, weil der Zug direkt an meiner Kneipe vorbeiführte. Weit gefehlt!
Eines Morgens saß ein neuer Wirt an meinem Tresen und behauptete, er sei der neue Pächter. Die ‚Dame‘, die mir die Gaststätte verpachtet hatte, hatte mich über den Tisch gezogen. Sie hatte die Kneipe verkauft, ohne mir ein Wort zu sagen. Die 1.200 DM Konventionalstrafe taten ihr nicht weh – mir aber sehr. Für die Vorräte und das Inventar hatte ich Schulden gemacht, und es gab unzählige Rechnungen, die bezahlt werden mussten. Zusammen mit dem Auto waren es fast 35.000 DM, die offen standen.

Alle Arbeit, jede Hoffnung auf eine angenehmere Zukunft waren umsonst gewesen. Nun hatte ich nichts mehr außer Schulden. Als ich das Auto wieder abgeben musste, blieb Erick in Holland. Bei mir war nichts mehr zu holen.

Wird fortgesetzt…








Kleiner Rückblick – schwarz, rot, (gold)

Fortsetzung Teil 12

Meine Arbeitskollegin ist leider bereits mit 40 Jahren verstorben. Foto 1977

Auch nach meiner schweren Darm-Operation im Jahre 1979 fuhr ich oft zum Tanzen in eine Diskothek nach Essen oder verbrachte Abende mit Ursel, frühere Arbeitskollegin aus der Schifffahrt, die sich später mit einer Boutique selbstständig gemacht hatte.

Außerdem war zwischenzeitlich meine Freundin S. aus Günzburg nach Duisburg zurückgekehrt, weil ihr Vater verstorben war. Sie wollte sich hier eine neue Wohnung und Arbeit suchen. Ich gewährte ihr kostenlos Unterkunft. Während ich tagsüber arbeiten musste, hütete sie das Haus und machte keinen Handschlag.

Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass das Zusammenleben mit S. nicht so recht klappte. Manchmal wusch sie sich nicht und lief den ganzen Tag im Bademantel umher. Wenn ich nach Hause kam, war die laute Musik von Bob Marley nicht zu überhören. Die Vorliebe für schwarze Musik gab sie an mich weiter.

Auf einer Tour nach Essen lernte ich im dortigen Bekanntenkreis Erick aus Curacao auf einer Party kennen. Er war ein stiller Typ und wirkte zurückhaltend, war aber ‚mit allen Wassern gewaschen‘. Damals sah ich trotz der schweren Erkrankung und meiner Gewichtsabnahme recht gut aus. Da ich meine Haare größtenteils durch die Kortisonbehandlung verloren hatte, wurden die spärlich nachgewachsenen neuen Haare abgeschnitten und unter einer Perücke versteckt. Das wusste aber fast niemand. Ich war in Ericks Augen eine gewinnbringende ‚Sache‘, die er für seine Zwecke nutzen konnte.

Seine dunkle Hautfarbe hatte einen rötlichen Schimmer und auch seine Augen verrieten indianische, südamerikanische Vorfahren. Er hatte in Curacao ein Stipendium erhalten und wollte in den Niederlanden studieren. Doch dort verfiel er mehr und mehr der Spielsucht und verzockte das ganze Geld in einem Kasino in Den Haag.

Schachspielen war seine größte Leidenschaft. Dafür stand er mitten in der Nacht auf und spielte stundenlang gegen sich selber. Er war Mitglied eines Schachclubs in Den Helder. Gegen einen Großmeister hatte er in Amsterdam Remis gespielt. Trotz seiner hohen Intelligenz hatte ihn die Rassendiskriminierung zu der Lebenseinstellung gebracht, niemals für Weiße arbeiten zu wollen und jeder weißen Frau ein farbiges Kind zu machen. Er glaubte auch nicht an einen weißen Jesus, sondern an einen schwarzen. Ich konnte ihm das nicht verdenken.

Wenn wir zusammen ausgingen, dauerte es keine fünf Minuten bis andere Frauen versuchten, ihn anzumachen. Er war nicht groß, hatte feine Gesichtszüge und wache Augen. Ihm entging nichts!

Foto ist leider beschädigt

Er machte kein Hehl daraus, dass er auch mit anderen Frauen ins Bett ging. Manchmal ließ er sich dort von mir mit dem Auto abholen. Solche Exkursionen waren für ihn normal und alle weißen Frauen gleich schlecht.

Alle sechs Wochen reiste er von Den Helder nach Duisburg. Dort gab es eine Ex „Yolanda“, die hochschwanger von ihm war. Erick war sehr sprachbegabt und lernte die deutsche Sprache innerhalb eines halben Jahres.

Ich hatte damals nur wenig Geld, versuchte aber, genug zu essen im Haus zu haben, wenn er zu mir kam. Er stellte Ansprüche und ließ mich bezahlen. Zu jedem Essen musste Apfelmus auf dem Tisch stehen, und wenn ich es vergessen hatte, wurde ich mit Schweigen ‚bestraft‘.

Er hatte die Ausstrahlung eines kleinen, unschuldigen Jungen, wenn er völlig nackt, mit Toilettenpapier unter der Vorhaut, in sein Schachspiel vertieft, im Wohnzimmer saß. Es kümmerte ihn nicht, wenn meine Freundinnen zu Besuch kamen. Er blieb ungeniert sitzen, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt.

Doch, wenn ihm etwas nicht passte, konnte er sich in einen Satan verwandeln. Dann benutzte er mich wie in seinem Spiel und schaute, wie ich reagieren würde, wenn er gewisse Dinge tat, die mich verletzten. Er sprach dann beispielsweise kein einziges Wort mehr mit mir …tagelang oder tat so, als sei er plötzlich impotent geworden, nur weil ich ‚böse‘ zu ihm war. Er opferte ‚die Dame‘ und spielte mit meinen Gefühlen, und ich litt Höllenqualen.

Mit M., ebenfalls aus Curacao, dem Freund von S., die mittlerweile geschieden war, wollte er einmal nach Moers ins „Tic Tac“ fahren. Das war eine Diskothek, in der wir häufig verkehrten. Es war ihm völlig egal, dass ich einen Notarzt rufen musste, weil meine Bauchkrämpfe so stark geworden waren. Der Arzt gab mir ein Opiat, und ich lag zuerst weinend, dann blöd grinsend auf der Couch, als Erick ging.

Nachdem er wieder in Holland war, stand irgendwann ein asiatisch aussehender Bekannter von ihm vor meiner Türe und erklärte, dass Erick ihm erlaubt hätte, für eine Weile bei mir zu wohnen. Ich traute meinen Ohren nicht! Dieser Mensch hatte eine Anstellung als Kellner in einem hiesigen Lokal angenommen und suchte eine Unterkunft. Mir war nicht wohl zumute, aber ich ließ ihn in meine Wohnung. (Ich war so blöd damals) Zwei Wochen lang biss ich die Zähne zusammen. Fast täglich gab es Streit, weil er anscheinend gar nicht daran dachte, sich eine andere Bleibe zu suchen. Als mein Frust am Größten war, setzte ich ihn kurzerhand vor die Türe.

Zwei Mal versuchte Erick, mich zur Einnahme von Kokain zu bewegen, aber ich lehnte ab. Ich ahnte, dass er in Holland damit Geschäfte machte, wusste aber nichts Genaues. Wollte ich auch gar nicht wissen.

Ich liebte das exotische, niedliche „Tierchen“ in ihm, doch seine böse, menschliche Seite schockierte mich zutiefst. Als wir gemeinsam bei meiner Bekannten in Essen übernachten wollten, fing er mit ihr hinter meinem Rücken ein Liebesspiel an, obwohl ich daneben lag. Damals war ich erbost und bin im Schockzustand nach Hause gefahren. Tagelang habe ich geweint. Ich verstand nicht, wie er so etwas tun konnte. Er meinte nur: „Deutsche Frauen lieben das doch so!“

Dass diese Frau keine Skrupel kannte, hatten S. und ich bereits am eigenen Leib erfahren. Manchmal war Gabi sehr impulsiv. Einmal war S. mit mir in Essen gewesen, und wir fuhren mit dieser „Freundin“ abends durch die Stadt. Sie besaß einen Sportwagen und uns war langweilig. Irgendwann steuerten wir eine Tankstelle in der Innenstadt an und sahen, wie auch zwei junge Polizisten mit ihrem Streifenwagen dort Halt machten. Wir wollten Spaß haben und dachten uns ein Spielchen aus.

Kurzerhand wurde eine Rallye durch Essen geplant, worin wir natürlich die nichts ahnenden Polizisten mit einbeziehen wollten. Unsere Bekannte gab Gas und jagte mit 100 km/ h durch die Stadt. Die Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn hinterher. Mit 140 km/h ging es schließlich am Baldeneysee vorbei. Dann ließ sie sich zu guter Letzt überholen und hielt an. Die gar nicht mehr so „netten Jungs“ befahlen ihr mit ernster Miene auszusteigen und kontrollierten Fahrzeug und Papiere.

S. und ich vermuteten, dass Gabi ihren Führerschein nun los sei, doch weit gefehlt. Hinten am Auto wurde plötzlich gelacht und gescherzt. Man verabschiedete die Fahrerin mit den mahnenden Worten, sie solle nun vernünftiger fahren, und sie verließen den ‚Tatort‘ in Richtung Innenstadt. Wir fuhren anschließend in derselben Richtung weiter. Nach etwa einem Kilometer fanden wir den Streifenwagen vor, der mit offener Motorhaube rechts am Straßenrand stand. Unsere Bekannte stoppte und bot sich an, die Polizisten bis zur Wache abzuschleppen, was sie dann auch tat. Kurz bevor sie dort ankam, stellte sich jedoch heraus, dass der Wagen vollkommen in Ordnung war. Man hatte sie mit dem angeblichen Motorschaden auf den Arm genommen.
Zusammen mit der ‚Dame‘ aus Essen fuhren Erick und ich eines Tages nach Holland. Es war abgesprochen, dass wir nach Den Helder in ein Motel fahren würden, um dort den Abend zu verbringen. Doch es kam ganz anders: Erick fuhr nach Amsterdam und setzte mich dort bei einem seiner Freunde ab, der ein Bordell unterhielt. Dort saß ich zunächst ahnungslos an der Theke, denn ich bemerkte erst später, was dort abging.

Ich erwartete Erick zurück, doch er kam nicht, weil er die Nacht allein mit der Bekannten verbringen wollte. Erst am darauffolgenden Tag holte er mich ab. Ich war schockiert und mit der Situation mal wieder völlig überfordert.

Dann bekam ich 1979 kurz vor Weihnachten bei derselben ‚Dame‘ einen Darmverschluss und erbrach Unmengen von Stuhl, so dass sie mich ins Krankenhaus nach Moers bringen musste. Ich war froh, dass mir dort geholfen wurde. Trotzdem wurden das die schlimmsten Weihnachtstage meines Lebens, und ich hatte schon – weiß Gott – genug davon hinter mir.

Man legte mir eine Magensonde, weil mir das ständige Erbrechen meine Kraft nahm und gab mir Rizinusöl zum Abführen. Die Krämpfe, die ich daraufhin hatte, waren grausam. Stundenlang krümmte ich mich unter Koliken und bekam kein Schmerzmittel. Als ich die unfreundliche Stationsschwester nach einem Medikament fragte, bekam ich zur Antwort, ich soll mich nicht so anstellen.

Einen Tag vor dem Heiligen Abend kam Erick und die Essenerin zu mir ins Krankenhaus. Sie blieben nur kurz und erzählten mir ganz beiläufig, dass sie zusammen nach Holland fahren würden, um dort Weihnachten zu feiern. Es verletzte mich zutiefst, und genau das war auch beabsichtigt. Ich blieb allein zurück und war todtraurig.
An den Weihnachtstagen bekamen alle Zimmergenossen Besuch und Geschenke. Zu mir kam niemand. Essen durfte ich auch nichts. Ich saß abends einsam mit meinem Tropf auf dem Flur und weinte. Es ist bitter, zu wissen, dass einem keine Menschenseele mehr nahesteht.

Meine Eltern hatten sich bereits bei meiner Einlieferung beleidigt von mir zurückgezogen. Sie waren pikiert darüber gewesen, dass ich meiner Bekannten den Wohnungsschlüssel gegeben hatte und nicht ihnen.

Als ich durch die inneren Vernarbungen den Darmverschluss bekam, hatte ich nicht darüber nachgedacht, wem ich den Schlüssel zu meiner Wohnung geben sollte… was mir später zum Verhängnis wurde. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus musste ich nämlich feststellen, dass nicht nur die besten Kleidungsstücke in meinem Schrank fehlten, sondern dass auch eine Telefonrechnung von 1.400 DM für Auslandsgespräche nach Curacao auf mich wartete.

Mit S. hatte es zwischenzeitlich Streit gegeben, weil sie dreimal hintereinander den Abwasserschlauch meiner Waschmaschine nicht in die Badewanne gelegt hatte. Jedes Mal war das Badezimmer voller Spülwasser gewesen und beim 3. Mal habe ich sie kurzerhand rausgeworfen. Sie ging und wir hatten längere Zeit keinen Kontakt.

Finanziell und körperlich erholte ich mich damals nur langsam. Erick tat so, als wäre nichts geschehen. Er hatte kein Gewissen und mir fehlte die Selbstliebe. Er zog mir nicht nur den letzten Pfennig aus der Tasche, sondern auch all meine Lebensfreude.
Es war im Februar 1980, als ich in bitterster Eiseskälte nach Den Helder fuhr, um ihn zu sehen. Gegen Abend kam ich am Bahnhof an. Er ließ mich stundenlang warten, solange, bis das Bahnhofscafé geschlossen wurde. Zitternd stand ich draußen auf der Straße. Schließlich kam er doch noch, aber nur um mir zu sagen, dass er nach Rotterdam fahren müsste. Ich könnte nicht mitkommen. Dann ließ er mich völlig fassungslos auf der Straße stehen.

Ich war außer mir und nahm weinend den nächsten Zug über Amsterdam zurück nach Hause. Die Fahrt hatte mich mein letztes Geld gekostet. Nach Mitternacht kam ich in Duisburg an und ging direkt in eine Diskothek am Bahnhof, wo ich den schwulen DJ kannte. Ich erzählte ihm mein Unglück, und er fragte, ob ich nicht Lust hätte, auf einem Kümo mit nach England zu fahren. Der Kapitän des Schiffes sei im Lokal und hätte bestimmt nichts dagegen einzuwenden.

Mir war in dem Moment alles egal gewesen. Ich hätte tot umfallen können. Erick hatte alles in mir abgetötet. Ich überlegte nicht lange und sprach mit dem Schiffsführer. Er war einverstanden und meinte, wenn ich kochen könnte, wäre ich an Bord herzlich willkommen.

Ich musste mich von meinem Schmerz ablenken. Alles war mir recht. Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, ohne Angst und mit einer riesigen Portion Gleichgültigkeit ging ich gegen Morgen mit an Bord. Das Schiff hatte Holz geladen und fuhr wild schaukelnd über den Kanal nach London. Ich wurde so fürchterlich seekrank, dass ich sterben wollte. An Kochen war gar nicht zu denken. Mein Darm spielte verrückt. Oben und unten kam es gleichzeitig, und ich war nicht in der Lage aus dem Bett aufzustehen. Ich entleerte mich in Plastiktüten, die ich in einem Spind verstaute. Die Bullaugen konnten auf See nicht geöffnet werden, sonst hätte ich sie hinausgeworfen. Als wir in London anlegten, waren die Tüten verschwunden. Ich schämte mich sehr und schwieg.

In London gingen wir an Land und abends spielten wir gemeinsam Karten mit dem Kapitän und dessen schottischer Freundin. Sie stand schon morgens unter Alkohol.
Ein dunkelhäutiger Matrose von den kapverdischen Inseln half mir so gut er konnte. Die Verständigung war schlecht, wie mein Englisch, trotzdem landeten wir irgendwann im Bett. Das war meine stille Rache an Erick, obwohl dem das eigentlich egal war. Ich empfand wie immer nichts. Nach sechs Wochen kehrten wir nach Deutschland zurück.

S. hatte mich gesucht. Sie hatte gedacht, dass Erick mich in Holland umgebracht hätte und bei der Kripo in Amsterdam angerufen. Dort war eine Leiche ohne Kopf gefunden worden. Sie war heilfroh, als ich wieder zu Hause war.

So lang ich denken kann, leben Katzen bei mir. Sie sind die ehrlichsten, treusten Geschöpfe unter dem Himmel und waren mir in meiner Einsamkeit stets ein Trost. Damals hatte ich einen Kater, an dem ich sehr hing. Erick war allergisch gegen vieles… behauptete er. Er mochte es nicht, wenn Tiere in der Wohnung waren und tyrannisierte mich so lange, bis ich das arme Tier bei Nacht und Nebel aus dem Hochhaus brachte.

Ich war verzweifelt, weinte und schrie. Meine Freundin S. war zum Glück bei mir und hielt mich in letzter Minute davon ab, im 20. Stock aus dem Fenster zu springen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Fast ein ganzes Jahr später saß das ausgesetzte Tierchen wohlgenährt wieder unten im Flur des Hochhauses. Das war ein kleines Wunder.
Bis heute weiß ich nicht, weshalb ich Erick so hörig gewesen bin, der NUR schlecht an mir handelte und der mich nur für seine Zwecke benutzte.

Ich denke, es lag daran, dass ich in ihm meinen Vater gesehen habe, dem ich als Kind aus Angst alles recht machen musste, und von dem ich nur Tadel und Prügel, aber niemals Liebe erhalten hatte.

Sexuell war mir seit meiner ersten Vergewaltigung jegliches Gefühl verschlossen. Ich ließ den Akt über mich ergehen, ohne jemals einen Höhepunkt zu erleben. Es war wie ein Händeschütteln, mehr nicht. Doch ich wollte nicht allein sein. Es gehörte dazu, und ich brauchte die männliche Energie. Mein Körperbewusstsein und meine sexuellen Empfindungen änderten sich erst irgendwann nach der Geburt meines zweiten Sohnes.

Ende 1979 hatte ich zum ersten Mal zusammen mit S. eine Kartenlegerin besucht. Ich kannte das von zu Hause. Meine Mutter legte hin und wieder die Skatkarten. Legte sie drei Siebener, starb jemand. Es war verblüffend, aber die Nachricht bestätigte sich umgehend.

Noch heute weiß ich ganz genau, was die Wahrsagerin damals sah. Diese Frau ist leider schon lange tot. Alles, was sie sagte, traf ein:
„Mit 50 Jahren werden Sie endlich das machen, was Sie schon immer machen wollten.“ Ich verstand damals den Sinn dieses Satzes nicht.

Sie legte Lenormandkarten und sagte mir, dass mein Herzensmann in einem Blumenland am Wasser wohnte, und dass ich in zwei Jahren schwanger sei.
Sie war entsetzt über mein negatives Kartenbild gewesen, und ihre erste Prophezeiung bewahrheitete sich 1980. Um Erick die Möglichkeit zu schaffen, hier in Deutschland zu arbeiten, unterschrieb ich einen Pachtvertrag für eine Kneipe in Bahnhofsnähe. Damit hatte ich endgültig meinen finanziellen Untergang besiegelt.

Fortsetzung folgt…