Kleiner Rückblick – Krankheit

Fortsetzung Teil 11

Ende 1979 in der psychosomatischen Klinik im Schwarzwald zur Reha

Die psychische Belastung der vergangenen Jahre forderte ihren Tribut. Von einem Tag auf den anderen bekam ich massive, blutige Durchfälle, die mit Krämpfen einhergingen. Irgendwann konnte ich wegen der Schmerzen nicht mehr arbeiten. Über ein Jahr lang war ich krank geschrieben und erhielt schließlich die Kündigung.

Monatelang war ich 1977/78 von einem Arzt zum anderen gelaufen und hatte mir schließlich auf Verdacht die Gallenblase wegen eines Steines entfernen lassen. Keiner erkannte die Ursache meiner plötzlichen Durchfälle und der immer wiederkehrenden Darmkoliken, und als ich in meiner Not kurz vor Weihnachten schließlich zum Gynäkologen ging, wies der mich notfallmäßig ins Homberger Krankenhaus ein.

Es war „kurz vor Zwölf“ gewesen. Zwanzig Kilogramm hatte ich bereits abgenommen. Ich wurde mit 50 kg auf die Intensivstation gelegt und sechs Wochen lang künstlich ernährt. Bei einer Bauchspiegelung konnte man einen großen Entzündungsherd im Darmbereich ausmachen und riet zur baldigen Operation.

Was man alles in mich hinein spritzte, weiß ich nicht mehr. Nach über einem Monat waren alle meine Venen durch die Infusionsnadeln kaputt. Selbst die hart gesottene Ordensschwester Hermana litt mit mir, wenn sie mir morgens einen neuen Tropf anlegen musste. Irgendwann ging nichts mehr. Die Ärzte legten mir in zweieinhalbstündiger Prozedur einen Subclavia Katheder und punktierten mich, da man zusätzlich eine perniziöse Anämie vermutete. Dann bekam ich vom ‚Novalgin‘ einen anaphylaktischen Schock. Das wurde angenommen, möglicherweise waren aber Keime des Katheders schuld.

Der kurdische Arzt Dr. Al-Faily hatte mein Bett geschnappt und es in Windeseile zur Intensivstation geschoben, nachdem er mich zufällig kollabierend im Zimmer vorgefunden hatte. Mein Puls betrug nur noch 35 und ich bekam keine Luft mehr. In meiner Todesangst schrie ich panisch: „Ich will nicht sterben…ich will nicht sterben!“ Dann wurde ich ohnmächtig und erwachte auf der Intensivstation. Der Himmel erfüllte meine Bitte: Ich überlebte!

Aufgrund meiner negativen Erfahrungen wollte ich mich in der Homberger Klinik nicht operieren lassen und ging auf eigenen Wunsch nach Hause.

Wenige Tage später konnte ich das rechte Bein nicht mehr strecken und bekam wieder heftigste Schmerzen im rechten Bauchbereich.

Daraufhin erklärten sich meine Eltern zu meiner Verwunderung bereit, mich aufzunehmen, bis ich wieder gesund sei. Fortan lag ich dort im Wohnzimmer auf der schwarzen Ledercouch, unfähig zu laufen, weil ich auf dem rechten Bein nicht mehr stehen konnte. Jedes Mal, wenn ich zur Toilette musste, konnte ich nur auf allen Vieren oder gestützt dorthin gelangen.

Meine Eltern schliefen nebenan im Schlafzimmer, und ich musste meine Mutter rufen, wenn ich nachts raus musste. Einmal dann wurde mein Rufen von ihr nicht gehört, und ich machte mein großes Geschäft auf der Couch, was mir sehr unangenehm war. Am nächsten Morgen hat meine Mutter getobt und mich angeschrien. Später hat sie in Rage meiner Oma gesagt, dass ich nie mehr ins Haus käme, wenn ich erst wieder gesund sei. Beide standen im Wohnzimmer, wo ich alles genau mitbekam.
„Du bist immer schon ein Dreckschwein gewesen!“, hatte meine Mutter gesagt.
Es tat weh, doch ich konnte mich nicht wehren. Diese Worte schmerzten damals mehr, als mein Bauch. Und Oma stand daneben und schwieg.

Schließlich bot Oma mir an, einen Heilpraktiker zu bezahlen, der täglich kam, um mir Spritzen im Sinne der Neuraltherapie zu geben. Er spritzte mir in den Darm, ins Hüftgelenk und in die Wirbelsäule und diagnostizierte, weil er keine Ahnung hatte, eine Muskelentzündung. Irgendwann konnte ich nicht mehr aufstehen, sitzen, schreiben und sprechen. Ich weinte den ganzen Tag vor Schmerzen und bemerkte schließlich eine dicke, schmerzende Beule an der rechten Gesäßhälfte.

Als 1979 im April mein Geburtstag kam, wurde es meinem Vater mulmig zumute. Er alarmierte die Rettung. Ich konnte wegen der Schmerzen nur sitzend transportiert werden und wurde in ein anderes Krankenhaus nach Moers gebracht. Die Nachbarin vom Haus gegenüber stand bei meinem Abtransport fassungslos an der Türe und weinte. Meine Eltern waren erleichtert. Endlich verließ ich das Haus. Ob tot oder lebendig: Ich war erstmal weg.

In der Klinik standen alle Oberärzte und Professoren ratlos an meinem Bett. Sie vermuteten einen Spritzenabzess, aber es war eine Darmfistel, die nach zwei Wochen aufgeschnitten wurde. Eiter hatte den Bauchraum erfüllt und das rechte Hüftgelenk war dadurch aus der Gelenkschale gesprungen. Ich glaubte, das sei mein Todesurteil und war nur noch eine Masse aus Schmerz und Verzweiflung.

Man verlegte mich auf die septische Station, in ein Fünf-Bett-Zimmer, und versuchte, mich durch Bluttransfusionen und Infusionen wieder aufzupäppeln.
Die Wunde am Gesäß wurde täglich aufgestochen, damit der Eiter abfließen konnte. Eines morgens floss Stuhl mit Eiter heraus. Ich glaubte, das sei mein Ende und weinte stundenlang.

Neben unserem Zimmer lag eine junge Frau im Sterben. Sie hatte Krebs und muss wohl fürchterlich gelitten haben, denn sie schrie Tag und Nacht nach ihrer Mutter. Ihr „Mama, Mama!“, werde ich nie mehr vergessen können! Es verhallte im Flur, denn niemand kam sie besuchen. Nach vierzehn Tagen Kampf war sie verstummt.

Ich überlebte wie durch ein Wunder und mir ging es täglich besser. Einmal gab man mir eine falsche Spritze. Ich kollabierte und erwachte auf der Intensivstation. Hätte ich allein im Zimmer gelegen, wäre ich tot gewesen. Das ist der Grund, weshalb ich niemals ein Einzelzimmer haben möchte.

Täglich bekam ich sechs große Infusionsflaschen angehängt. Dazu war ein neuer Katheder gelegt worden. Da einmal eine Schwester vergaß, die Luft aus dem Schlauch zu lassen, als sie mir die Infusion anlegen wollte, bestand ich darauf, das selber zu tun und man stellte mir die Flaschen auf die Fensterbank.

Alle starken Raucher – das waren damals fast alle – trafen sich im Raucherzimmer. Da ich anfangs das Bett nicht verlassen konnte, brachten mir die Schwestern Zigaretten und Feuerzeug in einem Infusionsständer, und ich durfte im Bett rauchen, weil die anderen Patienten nichts dagegen hatten.

Auf der Station lagen viele Brandopfern. Eine Clique von Leidensgenossen hatte sich gefunden. Wir machten uns gegenseitig Mut, spielten Karten auf dem Flur und „geisterten“ durch die Krankenhausgänge und-abteilungen. Manchmal kam eine Schwester und holte in einem Zinksarg Verstorbene aus den Zimmern, um sie in den Keller zu bringen. Die Männer ärgerten sie mit dummen Sprüchen, bis sie ihnen hinterher rief: „Wartet, euch kriege ich auch noch!“

Ich war froh, nicht mehr ganz allein zu sein, obwohl mich meine Eltern in der Zeit fast täglich besuchten und mich mit Wäsche und dem Nötigsten versorgten. Die schweren Schicksale der anderen nahmen mir meine Angst und bauten mich auf.
Nach drei Monaten operierte man mich und entfernte das kranke Stück Darm. Ein Morbus Crohn wurde diagnostiziert. Ihn würde ich ein Leben lang behalten. Erst vor kurzem stellten die Wissenschaftler fest, dass diese Krankheit oft entsteht, nachdem Blinddarm und Mandeln entfernt wurden, wie bei mir. Aber damals war die Erkrankung unerforschtes Gebiet.

Nach der Operation durfte ich wochenlang nur flüssige und breiige Nahrung zu mir nehmen. Doch ich war froh, dass ich überhaupt wieder etwas essen konnte. Vorher gab es Astronautenkost, die wie Tapetenkleister schmeckte. Es ging langsam und stetig voran.

Gegen Ende des Sommers wurde ich entlassen. Eine Kur im Schwarzwald schloss sich im Spätherbst an. Ein Jahr lang bekam ich eine kleine Rente und begann allmählich wieder zu leben.

Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 10

1977 – 24 Jahre

Der Freund meines Vaters verkaufte mir später für 50 DM seinen VW-Käfer aus dem Jahre 1959, mit Seilzugbremse und Zwischengas, doch ich war froh, endlich ein Auto zu haben.

Zwei Jahre später mietete ich mir Zweieinhalb-Zimmer und nahm einen Kredit für Möbel auf. Das war gar nicht so einfach, denn damals bekam eine geschiedene Frau nicht ohne weiteres einen Kredit. Sie könnte ja schwanger werden, dachte man.

Mit meiner Arbeit in der Reederei klappte es gut; ein Verhältnis zu Männern war jedoch nachhaltig gestört. Sex war ein Muss, bei dem ich nichts empfand. Es war für mich ein Zeichen von Macht, nicht von Liebe.

In meiner Stammdiskothek hatte ich K. kennengelernt. polnisch, adlig und verarmt. Mit ihm „latschte“ ich durch die Stadt; mit ihm verbrachte ich die Wochenenden, und ich ließ meinen ganzen Frust an ihm ab. Er war ein Stillhalter und Dulder…bis zuletzt war er dem Alkohol verfallen. Ich verprügelte ihn, wenn er mich reizte, und einmal riss ich ihm vor Wut die Haare aus. Er kam immer wieder, bis ich ihn eines Tages endgültig fortschickte.

Meine Freundin S. kannte einen Club in Duisburg, in dem hauptsächlich schwule Männer und Lesben verkehrten. Irgendwann nahm sie mich dorthin mit.
An diesem Abend schminkte ich mich nur mäßig und hatte meine ältesten Jeans und die Fransen-Lederweste meines Ex-Mannes angezogen. Ich glaubte, in dem Lokal keine Männer zu finden, denen ich gefallen könnte und eigentlich wollte ich das auch nicht. Meine Freundin und ihre Bekannte hatten sich im Gegensatz zu mir ganz besonders aufgestylt. Mir war das egal!

Ausgerechnet in diesem Lokal lernte ich einen Jura-Studenten kennen, der auf der anderen Seite der Theke mit dem Barkeeper redete. Meine Freundinnen waren essen gegangen, und ich blieb allein im Lokal zurück. Als sie wiederkamen, fanden sie mich knutschend auf der Tanzfläche. S. verstand die Welt nicht mehr.
„Du wieder, mit deinem Unschuldsblick!“, hatte sie oft vorwurfsvoll gesagt.

Mit F., meiner neuen Eroberung, blieb ich ein halbes Jahr zusammen… sehr zur Freude meiner Mutter. Er war nicht nur attraktiv, mit schwarz-graumeliertem Haar, sondern auch sehr redegewandt. Er spielte Gitarre und konnte gut singen, natürlich in einwandfreiem Englisch. Meine Eltern sahen mich bereits als angehende Gattin eines Rechtsanwaltes. Mit F.s Eltern verstand ich mich gut. Seine Mutter war Journalistin beim Bundespresseamt in Bonn und ausgesprochen dominant. Sie hatte ein Faible für meinen Sohn und für Amerika. Zwei Mal jährlich flogen sie dorthin. Mein Sohn G. blieb für sie stets „das liebe Schätzchen“, dem sie auch später noch Geschenke zukommen ließ, nachdem die Beziehung mit F. und mir in die Brüche gegangen war. Auch der Kontakt zu meinen Eltern blieb bis zu ihrem Tod 1998 bestehen. F.s Mutter hatte mir in späteren Jahren immer wieder finanziell geholfen – im Gegensatz zu meinen Eltern.

F. hatte ihre Adoptionsurkunde in alten Unterlagen gefunden. Davon ahnte sie aber nichts. Demnach war sie ein Findelkind und hatte es gewiss in den Kriegsjahren nicht leicht gehabt. Eine Sinti- oder Roma Abstammung konnte man ihr ansehen. Sie war eine sehr auffällige Frau, immer in teure Klamotten und Pelze gekleidet. Ihre schwarzen Haare hatte sie knallrot gefärbt. Ebenso auffällig eingerichtet waren ihre Wohnräume, die ich damals tapeziert habe: auf einer Seite die Skyline von Manhattan, in der Ecke, um den kleinen Gaskamin ein wenig dezentes Schottenkaro und den Rest des kleinen Raumes in einem Lila-Ton, der ganz und gar zu nichts passte. Aber ich half ihnen gerne. Das taten sie auch für mich.

Durch ihre Arbeit in Bonn durfte ich sie ein Mal zum Bundespresseball begleiten, wo ich mit ihrer Chinchilla-Stola herumflanierte. Ein anderes Mal lernte ich durch sie einen echten Lord kennen, der ein Schloss in England besaß. Ich ging mit ihnen in Duisburg in den Steigenberger Hof und schämte mich abgrundtief, weil Milady mit einem türkisfarbenen Hosenanzug bekleidet war, der wegen der vielen Urinflecke alle Blicke auf sich zog. Es war ein schon älteres Ehepaar – Milady mit Diamanten behangen – die ihre vornehme Herkunft ansonsten keineswegs verbarg.

Ein halbes Jahr vor dem Staatsexamen warf F. damals sein Studium hin. Wenn er Alkohol trank, fand ich ihn widerlich. Eigentlich geht es mir bei allen alkoholisierten Menschen so, besonders wenn man es ihnen ansieht. Ich liebte F. nicht und machte deshalb kurzerhand Schluss. Von meinem Vater hatte ich zwar seinen Jähzorn erfahren, aber er trank nur hin und wieder ein Glas Wein. Ansonsten hatte ich die Alkohol-Abstinenz von ihm geerbt. Die Ähnlichkeit zu meinem Nikotin-Dämon, so nenne ich die Abhängigkeit, erkannte ich da noch nicht.

F. hatte mir irgendwann erzählt, dass er auf asiatische, kleine Jungs stand. Von sexuellen Handlungen an Kindern wusste ich damals nichts. So etwas existierte außerhalb meiner Vorstellungen. Mir wurde erst in späteren Jahren klar, weshalb sich F. in diesem Schwulenclub aufgehalten haben muss.

Für meine verliebte Mutter brach eine Welt zusammen, als die Beziehung mit F. in die Brüche ging. Er ging wochentags weiter bei ihr frühstücken, bis mein Ex-Mann im Werk zu meinem Vater ging und meiner Mutter ein Verhältnis nachsagte.

Ein Jahr später heiratete F. die Kindergärtnerin meines Sohnes und bekam einen Managerposten in Düsseldorf. Gut reden zu können und ein fast abgeschlossenes Jura-Studium zu haben war und ist scheinbar ein Privileg.

Ich zog in den 20. Stock des Hochhauses und flüchtete in die Schwulenszene. In dem Lokal gab es am Wochenende Travestieshows. Hier konnte ich untertauchen, in eine bunte, fremde Fantasiewelt, mit Federn, schrillen Kostümen und Männern in Frauenkleidern. Es wurden Freundschaften geknüpft, die anders waren. Zusammen mit „Tunten und Tucken“ kaufte ich Abendkleider für die Shows. Wir haben viel gelacht. Das tat mir gut!

Mit einer männlichen, hellblonden „Freundin“ verbrachte ich oft die freie Zeit. Mit ihm fuhr ich tagsüber auf der Kirmes Karussell oder ging abends in feinem Abendkleid zum Ball. Wir küssten uns, so, dass seine Freunde meinten, er sei ‚normal‘ geworden. Wir mochten uns – mehr nicht.

Ich begann mich selbst zu verkleiden, trug Herrenanzüge und -hüte, Krawatten und auffälliges Make-up. Geraucht wurde mit Zigarettenspitze. Die kurzen Haare färbte ich knallrot wie David Bowie. Überall fiel ich auf… man redete über mich. Es machte mir Spaß, aufzufallen. Damals merkte ich zum ersten Mal, dass ich anders war als andere… und das wollte ich auch sein. Ich bin auch heute noch keine Frau ‚von der Stange‘!

In meiner Alltagswelt wurde das leider nicht immer positiv aufgenommen. Eine Frau, die ich nur aus dem Bus kannte, stellte sich irgendwann in der Reederei vor, weil sie in unserem Büro arbeiten wollte. Als sie mich sah, weinte sie und wollte nicht mit mir zusammen in einem Zimmer sitzen, obwohl sie mich gar nicht kannte. Das konnte ich nicht verstehen. Ich muss wohl für damalige Verhältnisse sehr „abenteuerlich“ ausgesehen haben.

Als ich mit dieser Kollegin und späteren Freundin in der Düsseldorfer Altstadt war und vor einer Pizzeria auf sie und ihren Freund wartete, merkte ich gar nicht, dass viele Leute vor mir stehen blieben und mich ausgiebig musterten. Sie hielten mich wohl für eine „Bordsteinschwalbe“, als ich mit roten High-Heels, schwarzen Strümpfen und rotem Lackmantel, mit aufgeklebten Wimpern an einem Laternenpfahl lehnte. Meine Freunde hatten das hinter meinem Rücken die ganze Zeit beobachtet und waren darüber sehr belustigt.

Ich hatte überall ‚meine Auftritte‘. Auch in der Schwulenszene. Es gab hübsche Frauen dort, und ich fühlte mich eine Zeit lang von ihnen sehr angezogen. Doch mehr als Schmuserei und ein paar Streicheleinheiten gab es nicht. Ich war nicht lesbisch. Es brachte mir genauso wenig Befriedigung wie der Umgang mit einem Mann, weil es meine innere Leere nicht füllen konnte. Auch in späteren Jahren erlebte ich noch oft, wie mir Frauen in ganz „normalen“ Lokalitäten und Bereichen schöne Augen machten. Ich nahm es stets als Kompliment zur Kenntnis. Trotzdem sehnte ich mich nach der Liebe eines Mannes.

Irgendwann in dieser Zeit kam es zu einer Affäre mit einem zwanzig Jahre älteren, verheirateten Kollegen. Wir trafen uns nicht oft, aber regelmäßig. D. hatte früher bei Porsche gearbeitet und selbst ein Faible für schnelle, teure Autos gehabt. Ich fuhr mit ihm zum Nürburgring, wo er Zutritt zum Fahrerlager hatte. Seine Frau finanzierte ihm sein Hobby. Sie war Geschäftsführerin in einer Süßwarenfabrik. Es dauerte nicht lange, bis nach ein paar Wochen der Anwalt der Ehefrau bei mir anrief. Die Ehe wurde geschieden. Ich war nicht die erste Affäre, die D. hatte. Schließlich ging er nach Stuttgart. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Ich hatte gelernt, wenn ich mich mit einem verheirateten Mann einlasse, kann mir dieser nicht allzu nah kommen. Aber es war paradox, weil ich mich trotzdem nach absoluter Nähe sehnte.

Wird fortgesetzt…



Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 9

Meine Eltern und mein Sohn G.

Der Kontakt zu meinen Eltern wurde auch danach nicht besser. Mein Mann wurde von meinem Vater immer nur „das Arschloch“ genannt. Im ersten Ehejahr hatte ich mir mit diesem eine kleine Wohnung in der Nachbarstadt gemietet. Ein französisches Bett hatten wir uns gekauft und eine weiße, kleine Anbauküche folgte. Im Wohnzimmer stand anfangs nur ein Tapeziertisch. Später leisteten wir uns dann eine dunkelbraune Couchgarnitur aus Cord. An den Wänden klebte eine silbrig schimmernde Tapete mit großen Kreisen. Das war damals modern. Meine Eltern hatten uns zur Hochzeit eine Waschmaschine geschenkt. Nicht ohne Hintergedanken. Ein Mittel, um mich ganz und gar loszuwerden.

Ein halbes Jahr später wurde ich schwanger. Als ich 1973 im siebten Monat zu ihnen kam und mein Kleid am Bauch spannte, verbot mir mein Vater das Haus.
Er sagte: „Wenn du noch einmal mit diesem Kleid hier erscheinst, schmeiße ich dich raus!“
Ich hatte kein Geld für neue Kleider. A. hielt mich kurz, obwohl ich damals mein eigenes Geld im Büro einer Kiesbaggerei verdiente. Mein Vater verletzte mich so sehr mit seiner Drohung, dass ich ausgerastet bin. Zum ersten Mal habe ich ihn angeschrien und ihm gesagt, was für ein Arschloch ER sei. Ich habe es aus dem Fenster des oberen Stockwerkes geschrien. Die ganze Nachbarschaft muss es gehört haben. Selbst die Beruhigungsversuche meiner Mutter halfen nichts. Dann bin ich wütend und verletzt gegangen und hatte monatelang keinen Kontakt mehr. Erst als G. längst auf der Welt war, und ich irgendwann meine Oma besuchte, stand plötzlich meine Mutter am Kinderwagen im Flur und schaute sich wohlwollend ihr Enkelkind an. Danach „durfte“ ich wieder zu meinen Eltern kommen.

A. war anfangs ständig mit dem Schiff unterwegs gewesen und nur selten zu Hause. Ich war meistens allein. Eines Tages hatte er einen jungen Dackelmischling mitgebracht, der mir Gesellschaft leisten sollte. Auf einem Spaziergang mit A. lief er angeblich fort. Er konnte ihn nicht wiederfinden. Das erzählte er mir, aber ich konnte ihm nicht glauben. Ich war betrübt und nahm als Ausgleich einen kleinen Kater aus dem Wurf der Nachbarkatze mit in unsere Wohnung auf. Er war fortan das einzige Wesen, das die Einsamkeit mit mir teilte. Nur wenig Kontakt hatte ich mit S., meiner Freundin, die ebenfalls verheiratet war. Sie durfte irgendwann nicht mehr zu mir kommen. Ihr Mann hatte es ihr verboten, weil A. ihr ‚eindeutige‘ Angebote gemacht hatte.
Ende Januar 1974 bin ich dann am ausgezählten Tag zur Entbindung mit dem Bus ins Krankenhaus gefahren. Obwohl ich frei von Wehen war, dachte ich, es muss so sein. Fragen konnte ich niemanden. A. war nicht zu Hause, ich hatte zu niemandem Kontakt.
„Was rein gekommen ist, muss auch wieder raus!“, hatte die Hebamme zu mir gesagt, als sie mich jammernd treppauf und treppab laufen ließ, damit die Wehen schneller kamen. Dann brachte sie mich in den Kreissaal. Ich kann mich heute noch an die große, weiße Uhr an der Wand erinnern, deren Zeiger Stunde um Stunde kreisten, bis endlich die Presswehen einsetzten. Dann, gegen Morgen, kam die Hebamme zurück. Als ich um eine Betäubung bettelte, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, kam der Arzt und setzte sich grinsend mit einem Skalpell zwischen meine Beine, um den Dammschnitt zu machen. Viel brauchte er nicht mehr zu tun, denn der Damm war längst gerissen. Fast 24 Stunden hatte ich in den Wehen gelegen. Von den Schmerzen traumatisiert, schwor ich, nie wieder ein Kind zu bekommen. Ich hasste die Situation, das Kind und mich!

Niemand besuchte mich in dieser Zeit. Mit wem sollte ich reden? Wer interessierte sich für meine Lage? Ich hatte große Sorge etwas falsch zu machen. Stillen konnte ich nicht. Wickeln, Fläschchen geben und die Körperpflege des Babys hatte mir die Hebamme gezeigt. Doch ich war unsicher. Das Kind war schließlich kein Tier, das ich nach Hause brachte, sondern ein Mensch, für den ich große Verantwortung trug. Ich hatte Angst, weil ich niemanden fragen konnte, ob es richtig war, was ich tat. Also hielt ich mich an das, was ich in Zeitschriften und Büchern gelesen hatte.

Nach dem Klinikaufenthalt fuhr ich mit dem Taxi nach Hause. Dort erwartete mich niemand, und das Kind wollte auch keiner sehen. Ich musste feststellen, dass mein Mann noch nicht mal das Kinderbettchen aufgebaut hatte. Fassungslos habe ich mit dem Säugling auf dem Arm im Schlafzimmer gestanden und geweint.
Auch in der Zeit danach war ich mit allen Sorgen, Fragen und Problemen allein. Ich war 20 Jahre alt! Meine Mutter konnte ich nicht fragen. Wir hatten keinen Kontakt. Mein Mann hatte andere Interessen.

Später bekam er eine Anstellung an Land, in dem Chemiewerk, in dem auch mein Vater arbeitete und begann fremd zu gehen, weil ich nicht mehr mit ihm schlafen wollte.
Nach unserer Scheidung zeigte er mir die Nacktfotos seiner Sex-Gespielinnen. Siebzehn waren es gewesen. Es ekelte mich an, wenn er abends ins Bett kam und neben mir atmete. Dann lag ich bewegungslos, bis ich einschlief. Er meinte, ich sei frigide. Das war ich wohl auch. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.

Alsdann zogen wir in ein Hochhaus in den 19. Stock, weil unsere Wohnung zu klein war, und A. begann, mich ins Schlafzimmer einzusperren und mich zu vergewaltigen. Das war der Anfang vom Ende! Ich ging zum Anwalt und reichte die Scheidung ein. A. wehrte sich dagegen und bettelte auf Knien darum, dass ich bleiben sollte. Als ich ablehnte, schlug er mich nieder. Ich lag bewusstlos im Wohnzimmer auf dem Boden. Als ich wieder erwachte, rief ich in meiner Not meine Mutter an. Sie sagte nur: „DU hast ihn dir ausgesucht! Jetzt sieh zu, wie du damit klar kommst!“

Ich hatte ihn mir ausgesucht? Wie konnte man mit einem solchen Menschen klar kommen? Alles war doch nur das Resultat von Vaters Jähzorn und Mutters Teilnahmslosigkeit , als mein Vater mich schlug und mich damit aus dem Haus trieb.

In meiner Not flüchtete ich zu einer Bekannten, die mit Bruder und Eltern in einem anderen Hochhaus wohnte. Trotz der Enge nahmen sie mich auf, und ich war im ersten Moment froh darüber, dass ich mit meinem erst einjährigen Sohn dort sein durfte. Wo sollte ich sonst hingehen? Von meiner Familie durfte ich keine Hilfe erwarten. Der Bruder meiner Bekannten konnte meinen Sohn nicht leiden. Immer, wenn die beiden allein im Raum waren, fing G. an zu schreien.
An einem Nachmittag ging ich mit meiner Bekannten zu einer Geburtstagsfeier in die Nachbarschaft. Mein Sohn blieb bei ihren Eltern. Als wir zurückkehrten, war das Baby blau und grün geschlagen. Sein ganzer Körper war mit Blutergüssen übersät und angeschwollen. Weil mein Sohn geschrien hatte, hatte ihn der Bruder, völlig in Rage, fast erschlagen.

Als ich meinen Sohn wimmernd im Kinderwagen liegen sah, bin ich wie eine Furie auf den Bruder losgegangen. Ich habe ihm den Tisch auf die Knie geknallt, meine Sachen gepackt und bin gegangen. Die Wut hatte mir fast übermenschliche Kräfte verliehen. Jedes Mal, wenn ich diesen Menschen irgendwo in der Stadt traf, machte ich einen großen Bogen um ihn. Dann verfolgte er mich und beschimpfte mich mit den übelsten Worten. Am liebsten wäre ich dann jedes Mal im Erdboden versunken. Ich hätte ihn damals anzeigen sollen, aber ich war naiv und zu gutmütig.

Nach der Attacke auf meinen Sohn hatte ich den Kinderarzt aufgesucht. Der machte den Aktenvermerk „Kindesmisshandlung“, und ich ging in meiner Not zu meinem Mann zurück ins Hochhaus, wo ich auf der Couch im Wohnzimmer schlief. Mein Mann hatte genau an dem Tag zwei weibliche Gäste im Schlafzimmer, die mich fragend musterten, als sie mich morgens sahen. Mir war das egal!

Ich hatte keine Freunde, nur einen Bekannten, mit dem ich mich hin und wieder in einer Gaststätte traf. Er wollte für mich vor Gericht aussagen, damit ich schuldlos geschieden würde. Mein Anwalt hatte das in einem Schreiben an A. erwähnt. Eines Tages kam mein Mann in das Lokal und drohte meinem Bekannten Prügel an, wenn er für mich aussagen würde. Mein Bekannter machte danach keine Anstalten mehr, mir zu helfen. Nach einer Weile wurde die Ehe nach holländischem Recht geschieden. Man gab mir die Schuld. A. hatte mich des Ehebruchs mit meinem Bekannten beschuldigt, was ich aus Angst nicht widerlegen wollte. Ich verzichtete auf alles, auch auf Unterhalt für mich, weil A. mir mit weiteren Repressalien drohte.

Danach war ich zunächst ohne eigene Einkünfte in ein möbliertes Zimmer unter dem Dach eines alten Jugendstilhauses gezogen. Eine Kollegin hatte mir den Makler besorgt. Nur ein paar Handtücher und meine persönlichen Sachen hatte ich mitgenommen. Der kleine Raum hatte kein warmes Wasser und auch kein Bad; die Toilette befand sich auf dem Flur, ein halbes Stockwerk tiefer.

Ich hatte fast kein Geld, versorgte meinen Sohn aber mit allem Notwendigen. Selbst aß ich so gut wie gar nichts mehr. Nach ein paar Monaten bekam ich Skorbut. Mein Zahnarzt traute seinen Augen nicht und verordnete mir eine Traubenkur.

Trotz abgebrochener Lehre fand ich Arbeit bei einer Reederei, und meine Eltern erklärten sich bereit, meinen Sohn zunächst während meiner Arbeitszeit bei sich aufzunehmen. Das bedeutete jedoch für mich, dass ich morgens vor Dienstbeginn und abends nach Dienstende bei Wind und Wetter mit dem Kinderwagen in einen anderen Ortsteil laufen musste. Geld für den Bus hatte ich nicht. Diese tägliche Belastung nahm mir meine Kräfte. Das war kein Leben mehr! Ich war gerade mal 21 Jahre alt und fühlte mich total überfordert.

Zu allem Elend rief meine Mutter täglich bei mir im Büro an und setzte mich so sehr unter Druck, dass es kaum auszuhalten war. Sie war nicht die liebende Großmutter, wie es nach außen aussah. Eigentlich wollte sie nicht auf das Kind aufpassen und schmierte mir das jeden Tag aufs Butterbrot.

22 Jahre alt

Glücklicherweise hatte ich bereits mit 18 Jahren einen Führerschein gemacht, konnte mir jedoch wegen meiner Geldknappheit kein eigenes Auto leisten. Ab und zu hatte mir mein Vater sein Auto geliehen. Einmal durfte ich mit seinem Wagen, ein Ford 17M, zur Arbeit fahren und wollte danach noch ins Schwimmbad gehen. Es war Hochsommer. Durch die Hitze hatte sich das Benzinkabel gelöst, und plötzlich kam während der Fahrt eine riesige Stichflamme aus der Gangschaltung emporgeschossen. Ich musste anhalten und rief die Feuerwehr. Das war genau vor dem Thyssen-Fabrikgelände, direkt gegenüber der Ruhrorter Badeanstalt. Die Feuerwehrleute mussten den Wagen mit der Axt öffnen, weil die Motorhaube klemmte. Der ganze Wagen war ausgebrannt. Ich dachte mit Schrecken daran, was mein Vater wohl sagen würde, wenn ich damit nach Hause käme. Als der den Schaden sah, grinste er nur und ließ ihn reparieren. Seine Reaktion hat mich damals sehr gewundert.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Erwachsen werden

Fortsetzung Teil 8

Fotos aus dieser Zeit existieren leider nicht mehr, weil ich das Album verloren habe.

Wenn ich nach diesem Vorfall nicht gegangen wäre, hätte mich mein Vater womöglich totgeschlagen. Sein Jähzorn machte ihn unberechenbar.
Ich erinnere mich noch genau an den Hergang meiner Flucht: Vater hatte Nachtschicht und schlief im Wohnzimmer auf der Couch, als ich mit einer großen Reisetasche und meinem Kofferradio, zitternd wie Espenlaub, durch die Hintertüre ins Freie schlich, den Beatles-Song „She’s leaving home“ und die Hoffnung auf ein angstfreies Leben im Kopf.

In der Parallelstraße wartete ein Bekannter aus der Disco mit seinem Auto auf mich und brachte mich in den Nachbarort, gar nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Dort war ich zunächst in einem möblierten Zimmer untergekommen, das ich mir aus der Zeitung gesucht hatte. Zum Glück hatte die Vermieterin keinen Ausweis verlangt. Meine Lehre hatte ich geschmissen, weil mich meine Eltern dort gefunden hätten. Ich wollte nur weg von ihnen… raus aus meinem Gefängnis. Zwanzig Mark hatte ich mitgenommen. Das war mein ganzer, gestohlener Reichtum. Wie ich die Miete aufbringen sollte, wusste ich nicht. Es war mir in dem Moment egal. Es ging immer irgendwie weiter, hoffte ich. Das war wie eine Art Ur-Vertrauen.

Die ersten Tage lief ich umher und trampte ziellos durch die Gegend, wie ich es auch vorher schon oft getan hatte, um auszubrechen. Abends ging ich in eine Kneipe, unweit von meinem Zimmer entfernt. Dort lernte ich einen Fernfahrer kennen, der mich abends mit in die Hafenbar „Der goldene Anker“ nahm. Dort gab es Striptease und Porno auf der Bühne. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war peinlichst berührt. Es war das Lokal mit dem schlechtesten Ruf in der Stadt. Aber ich war furchtbar naiv und innerlich tot. Ich dachte nicht nach, über die Absicht, die hinter der Einladung steckte. Schließlich ließ ich mich von dem Mann überreden, am nächsten Tag mit nach Nord-Holland zu fahren, wo er eine Fuhre abliefern musste.
Als wir dort ankamen, war es mitten in der Nacht, und er wurde handgreiflich. Ich wehrte mich und lehnte es ab, zum Schlafen zu ihm in seine Kabine zu kommen. Also wartete ich, bis er eingeschlafen war und stahl ihm 20 Mark aus seiner Brieftasche. Ich wollte nur weg…nur wieder nach Hause kommen…obwohl es das ja gar nicht mehr gab. Ich war in einem fremden Land, irgendwo an der See, und ich hatte Angst. Ich irrte ziellos durch die Nacht. Irgendwo fand ich eine Kneipe, die noch offen war und ging hinein. Ein Holländer sprach mich an, machte aber keinen Hehl daraus, dass er Deutsche nicht ausstehen konnte.
Ich erzählte ihm von meiner Misere und erklärte ihm, dass ich nicht wüsste, wie ich von dort aus nach Moers kommen könnte. Er nahm mich ein Stück weit in seinem Auto mit und meinte dann, dass ich es mit 20 Mark nicht bis über die Grenze schaffen würde. Dann bot er mir 25 Gulden für einmal Geschlechtsverkehr. Was sollte ich tun?

„Augen zu und durch! Es sind nur ein paar Minuten“, dachte ich und ließ mich benutzen. Ich würde diesen Kerl nie wiedersehen. Ich hatte keine Wahl, doch Minuten können verdammt lang sein.

Als ich aus dem Wagen ausstieg, ekelte ich mich vor mir selbst. Aber ich hatte nun wenigstens Geld genug, um von dort fort zu kommen. Es war gegen Morgen, als ich mich an die nächste Hauptstraße stellte, um per Anhalter nach Venlo zu trampen. Ein LKW-Fahrer hielt an und nahm mich mit. Er sah sofort, dass es mir nicht gut ging und war sehr fürsorglich zu mir. Irgendwo hielt er unterwegs auf einem Rastplatz an und brachte mir etwas zu Essen und zu Trinken. Er nahm mich mit bis nach Ede. Von dort aus fuhr ich mit dem Bus bis an die Grenze. Am frühen Morgen kam ich dort an – völlig fertig und übermüdet.

Ich erinnere mich sogar noch an die wollweiße Baskenmütze, die ich damals trug, und wie schmutzig und hässlich ich mich gefühlt habe. Ich ging in das Bahnhofscafé, weil mein Bus nach Deutschland erst später fuhr. Dort sah ich eine Clique deutscher Hippies am Nebentisch sitzen, und ich lauschte ihren Gesprächen.
„Wir haben kein Geld und nichts mehr zu essen!“, sagte einer von ihnen. „Wie sollen wir bloß die nächste Zeit überleben?“
Ich überlegte nicht lange, stand auf, ging an den Nachbartisch und legte wortlos mein Geld hin. Alle sahen mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Ein Mann stand auf und bedankte sich überschwänglich bei mir.
„Unsere Gebete wurden erhört. Dich hat der Himmel geschickt!“, rief er mir nach.
Bis auf das Fahrgeld war ich den Rest meines erbärmlichen Hurenlohns los, und es ging mir besser. Dann bin ich mit dem Bus nach Hause gefahren. Ein Zollbeamter kontrollierte beim Einstieg die Pässe. Niemand schien mich zu suchen. Eine Stunde Fahrt, dann war ich wieder zu Hause. Als ich ausstieg und den vertrauten Boden betrat, war es mir, als würde ich aus einem Alptraum erwachen.

In meinem Zimmer habe ich mich erst einmal gewaschen und wollte ausschlafen, doch am späten Nachmittag klopfte jemand energisch an mein Fenster. Es war der Fernfahrer, der sein Geld zurückhaben wollte. Ich hatte es nicht mehr, und er machte einen Riesenlärm vor dem Haus. Als ich versprach, ihm das Geld wiederzugeben, ist er mit der Drohung, zur Polizei zu gehen, wenn ich es nicht täte, schließlich fort gegangen.

Abends ging ich in eine Disco in Homberg, in der ich einige Leute kannte. Ein Bekannter verkaufte mir dort einen LSD-Trip für 1 DM. Ich hätte nicht gedacht, dass eine so kleine Pille eine solch große Wirkung haben könnte. Aus Vorsicht schluckte ich die Hälfte, und die Auswirkung blieb nach einer halben Stunde nicht aus.

Ich sah Pärchen auf der Tanzfläche, die gar nicht da waren und musste über alles und jeden lachen. Irgendwann begann sich meine ganze Umgebung in bunte Punkte aufzulösen. Alles bewegte sich unter mir, und ich lief wie auf Wellen. Ich stand an der Theke und sah zwei junge Männer am Nebentisch sitzen. Einer war blond und hatte lockige, schulterlange Haare. Er trug eine Lederweste mit Fransen, und in meinem berauschten Zustand nahm ich ihn als ein ganz armes Geschöpf wahr, dem ich helfen musste. Ich ging zu ihm an den Tisch und fragte ihn, ob er kein Zuhause hätte.
„Du kannst bei mir schlafen, wenn du willst!“, bot ich ihm an.
Ich war nicht Herr meiner Sinne, als ich das sagte. A. stellte sich vor und willigte ein. Dann liefen wir…oder vielmehr ich schwebte über die Straßen in Richtung Nachbarort, wo mein Zimmer war. Alles waberte und wogte in seiner Buntheit unter mir und um mich herum. Ich lief lachend mit dem Wohnungsschlüssel in der Hand und suchte das passende Haus.

Dann übernachteten wir in meinem Zimmer. Ich weiß nicht, was wir taten, aber wir taten es. Mein Begleiter war mir völlig fremd, aber es war mir egal…wie alles andere auch. Am nächsten Morgen sah ich in den Spiegel und traute meinen Augen nicht. Mein Gesicht war nicht mehr MEIN Gesicht! Es wirkte verzerrt und schien voller Pusteln zu sein.
Ich schaute mir die Bescherung im Zimmer an. Die Kissen und die Bettwäsche waren Urin durchtränkt. Die weiße Wäsche hatte rote Flecken, wie in meiner Kindheit. Das Inlett hatte abgefärbt. Ich war voller Panik und schämte mich.
Als ich meine Begleitung sah, war ich zu Tode erschrocken!
„Wen hast du denn da mitgenommen!?“, dachte ich entsetzt.
A. war aufgewacht, und ich versuchte, ihm meinen Zustand zu erklären. Schnell verließen wir die Wohnung. Wir liefen und liefen – stundenlang, bis die Wirkung der Droge schließlich nachließ. Nie wieder habe ich später so etwas genommen. Ab und zu rauchte ich Haschisch, was meinem Kreislauf nicht gerade gut bekam. Das taten alle, die ich kannte, aber ich empfand es als negativ, und als ich mit Ende Zwanzig beinahe einen Kreislaufkollaps von Marihuana bekam, habe ich die Finger gänzlich davon gelassen.

A. war Matrose. Sein Vater hatte das eigene Schiff versoffen. Es lag in Rotterdam an der Kette. Nun fuhr A. auf verschiedenen Schiffen als „Springer“. Als ich ihm von meiner finanziellen Misere erzählte, bot er mir an, dass ich mitfahren könnte. Des nachts holten wir schweigend meine Sachen aus dem Zimmer. Ich habe die Vermieterin nie wiedergesehen. Später habe ich noch oft an sie denken müssen. Was sie wohl gedacht haben mag, als sie das Zimmer betrat? Das tat mir leid.

Mehrere Monate lang fuhr ich mit auf dem Schiff, den Rhein rauf und wieder runter. Es war abenteuerlich und langweilig zugleich, aber ich hatte eine kostenlose Unterkunft und Essen genug. A. war Holländer, ein ruhiger, einfach strukturierter Mann, wohl aber sehr rechthaberisch. Er sorgte für mich, wollte als Gegenleistung aber die Koje mit mir teilen. Ich ließ ihn gewähren. In mir war sowieso alles tot.

Der Satz: „Augen zu und durch“, wurde zu meinem Lebensmotto. Für mein Überleben bezahlte ich einen hohen Preis!

Irgendwann hatte A. genug von mir. Mit voll bepackten Reisetaschen ließ er mich im dicksten Winter von einem Lotsenboot in Kaub an Land setzen. Ich sollte bei seinem Großvater auf ihn warten. Der war schon äußerst senil. Alles ließ er unter sich gehen. Ich putzte es angewidert weg und wartete…tagelang, wochenlang. A. blieb auf dem Schiff. Niemand wusste, wann er wiederkommen würde.

In meiner Verzweiflung rief ich meine Mutter an.
„Komm nach Hause!“, bat sie mich. „Hier bei uns ist dein Zuhause!“
Ich wunderte mich über ihre Gefühlsregung. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein halbes Jahr war inzwischen vergangen. Ich verließ Kaub und fuhr mit der Bahn in Richtung Heimat. Als ich dort ankam und mein Elternhaus betrat, war alles beim Alten.

Meine Mutter machte sich lustig über mich.
„Es geht eine Träne auf Reisen!“, sang sie jedes Mal mit, sobald das Lied von „Adamo“ im Radio gespielt wurde und blickte dann augenzwinkernd zu mir. Mit „Träne“ meinte sie mich. WDR4 dudelte von früh bis spät in der Küche. Der Schlager wurde oft gespielt. Sie fand das lustig… ich sehr verletzend.

Mein Vater grinste, als er mich nach meiner Rückkehr wiedersah und sagte ironisch: „Bin ich froh, dass DU wieder da bist!“

Da merkte ich, dass sich im Grunde nichts geändert hatte. Meine Eltern hatten mich mit der Interpol suchen lassen. Mussten sie ja! Ich war oft über die Grenze gefahren, aber die Polizei hatte mich nicht gefunden. A. hatte sich strafbar gemacht, weil er mich minderjährig mit an Bord des Schiffes genommen hatte. Mein Vater bestand darauf, ihn anzuzeigen. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden. Er wollte auf die Anzeige verzichten, wenn wir zusammenbleiben würden.
A. mietete sich ein Zimmer, und wir trafen uns dort. Einmal kam ich mit dem Bus aus der Stadt und bemerkte, wie jemand von der Haltestelle aus hinter mir herlief. Ich hörte seine Schritte und drehte mich um. Es war ein jüngerer Mann, den ich nicht kannte. Wenn ich schneller ging, ging auch er schneller. Kurz vor meinem Elternhaus holte er mich ein und stand mit offener Hose und erigiertem Glied vor mir.
„Fass ihn nur einmal an!“, forderte er gierig, doch in meiner Panik riss ich mich los und lief weg. Doch er war schneller als ich. Zwei Häuser vor der elterlichen Wohnung warf er mich gegen die Stahltüre der nachbarlichen Garage. Diese sprang auf und schlug mit lautem Knall gegen die Wand. Der Kerl stieß mich wie von Sinnen zu Boden und stürzte sich auf mich. Ich landete mit dem Kopf auf der Stoßstange des Autos. Er saß über mich gebeugt und zerriss mir die Bluse, als der Nachbar erschien und irgendeine blöde Bemerkung machte, weil er die Situation nicht erfassen konnte. Der Übeltäter sprang auf und verschwand.

Ich rannte nach Hause und meine Eltern reagierten mit Kopfschütteln, taten aber nichts. Ich verkroch mich in mein Zimmer und heulte.
Das war nicht das letzte Mal, dass mir so etwas passierte. Meine Ausstrahlung auf Männer muss wohl sehr erotisch gewirkt haben. Ich war mir dessen nicht bewusst. Einmal stand ein Mann onanierend an der Bushaltestelle, als ich zur Arbeit fuhr; ein anderer Kerl verfolgte mich später mit derselben Handlung durch den Hauptbahnhof. Hier muss ich anmerken: Es waren jedes Mal deutsche Männer.
A. und ich, wir fügten uns den Forderungen meines Vaters, obwohl kein Gefühl zwischen uns war, nur dieses Muss. Schließlich heirateten wir im September 1972, allein, mit zwei Trauzeugen, die ich nicht mal kannte. Ich war froh, das Haus meiner Kindheit verlassen zu können. Darauf lag kein Segen.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Erwachsen werden

Fortsetzung Teil 7

14 Jahre – 1967

Ich wuchs heran und der Zeitgeist änderte sich. Anfang der 50er Jahre besann man sich demütig auf die Dinge, die der Krieg erhalten hatte. Der Nachwuchs der „Ich bin doch nur lieb Gesellschaft“ der 60er Jahre begehrte mit einem Mal auf. Mit einem Teenager dieser Generation kamen meine Eltern nicht zurecht. Sie forderten absoluten Gehorsam, solange ich in ihrem Hause wohnte. Man duldete keine Widerworte, gleich einem militärischen Drill, wodurch jedes selbstständig werden unterbunden wurde.
Mehr oder weniger schweigend wurde ich groß. Mit den Eltern konnte ich nicht reden. Da waren respektvolle, nein, angstvolle, aber keine freundschaftlichen Bande. Bei Tisch unterhielten sich die Erwachsenen. Wir Kinder hatten zu schweigen und wussten überhaupt nicht wozu wir da waren.
Als ich mit zwölf Jahren wieder einmal mit den Eltern in der Rhön war, bekam ich von einem Jungen namens Erwin ein erstes Küsschen. Sehr beschämend war das, zumal meine Freundinnen am Fenster lästerten und kicherten. Aber es war nur ein Küsschen, kein Kuss. Jahre später erfuhr ich, dass dieser Mann zu einem Dorf bekannten Säufer geworden war. Mit 15 Jahren war ich dann ein letztes Mal dort, an diesem, für mich, paradiesischen Ort. Dort gab es zwar viel Arbeit, aber die Tiere und Menschen dort gaben mir Entschädigung für vieles.

Da meinem Vater Frauen mit langen Haaren nicht gefielen, „befahl“ er mir zum wiederholten Male einen Kurzhaarschnitt. Folglich ließ ich mir die Haare streichholzkurz schneiden, wie Julie Driscoll, die ich damals sehr verehrte.

Meinen Freundinnen wuchs ein Busen, mir nicht, und ich füllte meinen ersten Büstenhalter mit Tempo Taschentüchern, um beim Sportunterricht nicht unangenehm aufzufallen. Aber das tat ich ohnehin, weil ich total unsportlich war. Auf unserer Straße spielte man Völkerball, und ich landete immer in der Mitte, obwohl ich eine Riesenangst vor dem Ball hatte.

Mit einer Schulfreundin Monika hatte ich in einem stillen Winkel des Gartens Zungenküsse geübt. Wir erkundeten unsere veränderten Körper, und ich wartete darauf, dass sich, wie bei allen anderen auch, die Monatsblutung einstellte.
Mit vierzehn Jahren verließ ich nach meiner Konfirmation die Volksschule nach der 9. Klasse. Dieses Jahr Verlängerung war gerade erst eingeführt worden. Ich konnte lesen, schreiben und rechnen. Fürs Leben und eine Lehre musste das reichen. Naturkunde erhielten wir anschaulich in den Grüngürteln der Stadt. Als Abschlussfahrt, ab dem Bahnhof in Homberg, wählte unser Rektor Wolf, Bad Münstereifel.
Zusätzlich bekamen wir Mädchen Kochen, Nadelkunde und Hauswirtschaft beigebracht. Damals stand man noch auf dem Standpunkt: Eine Frau wird sowie verheiratet und braucht später nicht zu arbeiten. Dafür hatte sie Kinder zu kriegen und den Haushalt zu führen. Der Mann bezahlte den Unterhalt. Wer das Geld hat, hat auch das Sagen. Eine Frau galt als Besitz des Mannes. Haushaltsgeld wurde zugeteilt. Meine Mutter fuhr zweimal im Jahr nach Duisburg ins Zentrum, um uns neue Anziehsachen zu kaufen. Das war etwas ganz Besonderes. Dann gab es nämlich Blockschokolade mit ganzen Nüssen von Karstadt. Eine außergewöhnliche Leckerei!

Wie alle Mädchen in der Pubertät sprach ich mit den Freundinnen auch über die männliche Anatomie, die uns belustigte, aber auch in Furcht versetzte. Ich hatte meine Ängste vor dem ersten Mal in mein Tagebuch geschrieben. Meine Mutter las es, denn es gab bei uns keine Dinge, die ich verheimlichen konnte. Sie machte sich lustig über das, was ich schrieb. Ich war schockiert und schämte mich entsetzlich. Zur Aufklärung bekam ich die Zeitschrift „Constanze“ hingelegt, in der die Unterschiede zwischen Mann und Frau und auch die Folgen des Beischlafes erklärt wurden. Auch den ersten nackten Busen sah ich in dieser Illustrierten. Der erste Bikini wurde abgelichtet. Das war besonders für meine Großeltern eine Sittenlosigkeit, die ihresgleichen suchte. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter, wenn es Kuss-Szenen in einem Fernsehfilm gab, Schnalzgeräusche von sich gab, die mit einem Kopfschütteln verbunden waren. Dies war für mich peinlicher, als die Filmszenen selbst.

Meine Freundin S. hatte ich über meine Schulfreundin kennen gelernt. Sie wohnten nah beieinander. Wir waren damals beide 13/14 Jahre alt gewesen. Sie stammte aus einem „guten Stall“. Ihr Vater war Geschäftsführer der großen Kaufhauskette in Duisburg gewesen, bei der meine Mutter die Blockschokolade kaufte. S.s Mutter, damals Laufstegmodell für Unterwäsche, hatte 15-jährig den damals dreißig Jahre älteren Mann heiraten müssen, weil sie von ihm mit S. schwanger war. Ihre Muss-Ehe war finanziell gut abgesichert, aber unglücklich. Deshalb flüchtete die Mutter in die Religion.

S. hatte noch drei Schwestern, die mit ihr im Glauben der Zeugen Jehovas erzogen wurden. Ich nahm manchmal an den Bibelstunden teil und reiste mit zu den Kongressen. Aber ich erfasste das alles nur oberflächlich und gezwungenermaßen, damit S. mit mir ausgehen durfte.

Obwohl sie nicht die ‚hellste Kerze auf der Torte‘ war, war sie eine Art Vorbild. Sie war immer nach der neuesten Mode gekleidet und schminkte sich nach den aktuellen Ratschlägen der „Bravo“. Ich folgte ihrem Beispiel, womit ich bei meinem Vater auf derben Widerstand stieß. Alles, was ich mir an Kosmetik zu-legte, wanderte umgehend in den Mülleimer. Also schminkte ich mich heimlich mit Lidstrich und Wimperntusche, begann zusammen mit S. das Rauchen und toupierte mir die Haare, wenn er es nicht sah. Die ersten Minikleidchen gab es erst nach heftigem Kampf. Meine Mutter nähte sie mir. Später tat sie das auch für meine Freundin, damit wir dieselben Sachen tragen konnten. An meinem 15. Geburtstag erlaubte mein Vater mir offiziell das Rauchen.

Ich bekam nur ein kleines Taschengeld. S. und ich versuchten zum Tanzen ins Gemeindehaus zu gehen, was allerdings verboten war. Dort spielte jeden Freitag die Band „The Roadrunners“. Wir wussten, dass dort regelmäßig von der Polizei Razzien durchgeführt wurden.

„Ich habe den Ausweis vergessen“, war eine beliebte Ausrede, die keiner der Polizisten mehr hören wollte. Die Erwischten wurden mit zur Wache genommen, von wo sie die Eltern abholen mussten. Mein Vater hätte mich totgeschlagen! Das war viel zu gefährlich, und weil ich bereits um 20 Uhr zu Hause sein musste, lohnte es sich nicht, das Risiko einzugehen.

Wenig später kamen die ersten Diskotheken in Mode, die man „Beatschuppen“ nannte und italienische Eisdielen und Milchbars. Wir trafen uns regelmäßig dort und lernten auch junge Männer kennen. Ich wollte dazu gehören, obwohl ich sehr schüchtern und albern war. Es wurden Partys gefeiert, wo getanzt und geknutscht…manchmal ein bisschen „gefummelt“ wurde – mehr aber nicht.

S. hatte die Erlaubnis ihrer Eltern. Die Mutter holte uns dort sogar ab und brachte mich nach Hause. Schon an der Haustüre schlug mein Vater zu. Er prügelte mich blau und grün, weil ich auf einer Party gewesen war. Meine Eltern wussten gar nicht, was eine Party war. Für meinen Vater war es eine Bar, in der ich mich rumgetrieben hatte. Im Beatkeller war nichts Schlimmes passiert, aber er glaubte mir nicht, obwohl mir S. Mutter beistand.

Mit 14 Jahren machten wir einen Campingurlaub auf einem Zeltplatz an der Thülsfelder Talsperre bei Cloppenburg. Meine Eltern erlaubten, dass S. mitfahren durfte. Auf dem Zeltplatz bekamen wir sofort Kontakt…auch zu jungen Männern in unserem Alter. Wir übernachteten in einem separaten Zelt, und da es uns nicht erlaubt war, abends in einem Lokal am See zum Tanz zu gehen, schlichen S. und ich heimlich fort, wenn meine Eltern schon schliefen. Das funktionierte immer, bis auf ein Mal. Es kam ein heftiges Gewitter auf und meine Eltern erwachten in der Nacht. Als sie merkten, dass wir nicht im Zelt waren, warteten sie im Auto auf uns.

Irgendwann des Nachts kehrten wir zurück und das Geschrei war groß. Der Jähzorn meines Vaters auch. S. bekam von ihm eine Ohrfeige, und ich einen Tritt in den Hintern. Am nächsten Tag brachen wir die Zelte ab und fuhren postwendend nach Hause. S. und mir wurde ein Kontaktverbot auferlegt, und ich erhielt zwei Jahre lang Hausarrest. Das war schlimmer, als in einer Haftanstalt. Mein Vater redete kein einziges Wort mehr mit mir. Noch weniger als sonst. Wenn ich in seine Augen schaute, sah ich den blanken Hass darin. Es war ganz furchtbar für mich.

Nach der Volksschule musste ich eine private Handelsschule in Duisburg besuchen. Ich mochte diese Unterrichtsfächer überhaupt nicht: Schreibmaschine, Steno, Englisch und BWL. Meinen Berufswunsch durfte ich nicht ausüben.
In dieser Zeit trafen meine Eltern für mich die Berufswahl. Ein Besuch des Gymnasiums kam für mich nicht in Betracht, weil ich ein Mädchen war, und weil mein Vater meinte, dass ich aus einer Arbeiterfamilie stammend, dort nichts zu suchen hätte.
„Die heiratet doch sowieso irgendwann!“, war sein Argument. Da wäre ein höherer Bildungsweg rausgeworfenes Geld gewesen. Für ihn kamen nur zwei Berufe für mich in Frage: Sekretärin oder Krankenschwester. Beides wollte ich nicht. Mein Wunsch, vielleicht Tierpflegerin im Zoo zu werden, wurde niedergeschmettert und an ein Kunststudium war wegen des fehlenden Abiturs gar nicht erst zu denken. Schon als Kind hatte ich gerne gezeichnet und wäre damals sehr daran interessiert gewesen, diese Kenntnisse zu vertiefen.
Ich wollte nicht zur Handelsschule gehen und danach eine Lehre machen. Nichts interessierte mich weniger als das.

Aber mit meinen Eltern war darüber nicht zu reden. Ich glaube heute, dass sie alles daransetzten, mich aus dem Haus zu ekeln, denn sie wollten aus meinem Zimmer ein Badezimmer bauen.
„Solange du die Füße unter MEINEN Tisch stellst, hast du zu tun, was ICH dir sage!“, war das Gegenargument meines Vaters. Er war ein Despot und duldete keine Widerrede! Also fuhr ich fortan täglich mit dem Bus ins Zentrum der Stadt und ging auf die Handelsschule, in der Nähe des Theaters. Obwohl wir immer noch Kontaktverbot hatten, sah ich S. jeden Tag im Bus, weil sie auf das dortige ‚Bretter-Gymnasium‘ gehen musste, weil ihr Vater das aus Prestigegründen so wollte.

Dann kam das Erwachsenwerden plötzlicher als gedacht. Ich suchte mir Freiräume, so oft ich konnte. Ich schwänzte die Schule so oft es ging. Nahestehende Menschen gab es kaum. Da war niemand, dem ich mein Leid hätte klagen können, als ich mit Fünfzehn meine Unschuld durch eine Vergewaltigung verlor.

Meine Eltern hatten mir Geld gegeben, und ich sollte davon im Nachbarort Moers etwas für sie einkaufen. Vorher ging ich in das Café Roos und traf dort eine Clique Jugendlicher, die mir flüchtig bekannt waren. Einer dieser Parka tragenden Männer – er hatte einen Irokesenschnitt – stahl mir das Geld und versprach, es mir wieder zu geben, wenn ich mit ihm zu seinen Eltern fahren würde. Ich war naiv genug, ihm das zu glauben und fuhr mit dem Bus einige Haltestellen weiter, wo angeblich die Eltern wohnten.

An den Kohlehalden im dortigen Zechengelände hat er sich an mir vergangen, obwohl ich meine Periode hatte. Aus Angst ließ ich es über mich ergehen. Was hätte ich auch tun sollen? Augen zu und durch! Ich hatte keine Chance, konnte nicht weglaufen. Der Mann war doch viel stärker als ich, und auf Seiten der Männer standen immer Macht und Recht. Das Geld sah ich nicht wieder, und zu Hause gab es obendrein noch Prügel, weil mein Vater mir vorwarf, ich hätte es für mich ausgegeben. Der Mann suchte mich heim und bedrohte mich. Meinem Vater wollte er erzählen, was ich für eine war. Er verging sich mehrfach an mir, obwohl ich Schmerzen hatte und manchmal kaum sitzen konnte. Aber ich schwieg.

In dieser Zeit kam mein Opa ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch genau an seine Worte, als er zum letzten Mal die Türe zum Flur durchschritt.
„Ich komme nicht wieder!“, hatte er mit traurigen Augen gesagt, doch ich verstand nicht den tiefen Sinn seiner Worte. Für mich war er Bestandteil des Hauses und immer da. Dann lag er im Krankenhaus und man stellte bei ihm Krebs im fortgeschrittenen Stadium fest. Ob es am Magen oder im Bauchraum war, weiß ich nicht mehr. Mit uns Kindern sprach man nicht darüber. Nachdem die Diagnose gestellt worden war, ging es ganz schnell. Oma drängte noch, ich sollte ins Krankenhaus gehen, um Opa zu besuchen. Ich ging. Er wirkte erleichtert, als ich das kleine, dunkle Zimmer betrat, in dem er lag.
„Endlich bist Du gekommen!“, hatte er mit zitternder Stimme gesagt. „Es wurde auch Zeit!“

Es war das letzte Mal, dass ich Opa lebendig gesehen habe. Kurz darauf fiel er ins Koma und wachte nicht mehr auf. Dann musste ich mit in die Leichenhalle des Parkfriedhofes. Dort lag er im offenen Sarg und Oma kämmte ihm das Haar. Mich gruselte. Es war kalt, und ich wollte niemals dort aufgebahrt liegen. Als man den Sarg in die Erde hinabließ, war es ganz furchtbar. Hier würde nun sein Körper verrotten. Aber es gibt doch vier Elemente, denen man sich zurückgeben kann. Feuer war mir lieber…wärmer. Tod war unvorstellbar. Nichts mehr fühlen ebenfalls. Vielleicht war ich damals zu jung gewesen und zu sehr mit mir selbst beschäftigt!?

Mein Bruder und ich machten nach der Beerdigung einen großen Bogen um das Schlafzimmer unserer Großeltern, weil wir uns fürchteten und glaubten, Opas Geist müsse noch immer dort sein, obwohl er im Krankenhaus gestorben war. Nach der Beerdigung habe ich noch oft von verwesten Leichen geträumt. Obwohl Opa nicht schlimm ausgesehen hatte, als er tot da lag, hätte ich ihn lieber lebendig in Erinnerung behalten.

Kurz darauf wurde eine Mandeloperation bei mir notwendig, und ein Arzt verletzte mich dabei so sehr in der Mundhöhle, dass ich wochenlang mit übelsten Entzündungen zu kämpfen hatte. Als ich dann noch auf der Krankenhaus-Toilette eine tote Frau vorfand, die zusammen mit mir operiert worden war, war das die zweite Leiche in Folge, die ich zu Gesicht bekam. Mein männlicher Peiniger hatte mir damals ein Stofftier ins Krankenhaus gebracht und verschwand für immer. Gott sei Dank!

15 Jahre alt

Ein Jahr lang überwand ich mich und ging zur Handelsschule, danach schwänzte ich mehr und mehr den Unterricht, und die Noten wurden immer schlechter. Dort hinzugehen war eine Qual für mich, und ich schrieb die Entschuldigungen selbst – bis meine Mutter es schließlich entdeckte. Wieder gab es Prügel und böse Worte. Vater drohte mit Kinderheim. Wie gerne wäre ich damals dorthin gegangen.

Der Zustand zu Hause wurde mir unerträglich. Zum ersten Mal schrieb ich mir meinen Frust von der Seele, doch die Seiten wurden von meiner Mutter gefunden und landeten im Herdfeuer.

Ich wollte nur weg – egal wohin! Eines Tages – es war mitten im Winter, stellte ich mich an die nächste Autobahnauffahrt und fuhr per Anhalter nach Bielefeld. Dort kannte ich keine Menschenseele, aber ich bildete mir ein, irgendjemandem zu begegnen, der mich mitnehmen und erlösen würde.

Ich lief und lief kilometerweit von der Autobahnabfahrt bis zur Innenstadt, und es wurde immer kälter. Frierend und hungrig verkroch ich mich spät abends in den Kellereingang eines Schulgebäudes, doch ich konnte zum Glück nicht einschlafen. Es waren mehrere Grad Minus und der Boden war gefroren. In meiner Not lief ich zu einem Imbiss, der noch geöffnet hatte und bat die Inhaber, die Polizei zu holen. Der Streifenwagen kam sofort und man nahm mich mit zur Wache. Dort gab man mir etwas zu trinken, und man informierte meinen Vater telefonisch über meinen Aufenthaltsort. Er musste mich mitten in der Nacht abholen, und ich hatte Angst, als er mit hochrotem Kopf, zusammen mit seinem Freund, die Wache betrat. Die Rückfahrt nach Hause war eine Tortur, die ich hinten auf der Rückbank des Autos überstehen musste. Dieses Ereignis verschärfte alsdann meine häusliche „Haft“.

Wegen des Hausarrestes schaffte ich mir Freiräume, wann immer ich es konnte. Ich ging fast gar nicht mehr zur Schule und trampte oft den ganzen Tag umher. Irgendwo musste ich ja den Tag verbringen! Neben dem großen Kaufhaus in der Innenstadt gab es das Bistro „Expresso“, in dem ich mich häufig mit Schulkollegen aufhielt. Wenn ich blau machte, waren sie nicht da, sondern in der Schule. Eines Morgens traf ich dort auf drei Pärchen, die ich nicht kannte. Sie konnten wunderbar Rock and Roll tanzen. Es war wie in einem amerikanischen Film. Wir saßen zusammen und sie fragten mich, ob ich nicht mit in die Nachbarstadt fahren wollte. Ich hatte, trotz des völlig überladenen Wagens, keine Bedenken, und da ich sowieso den Tag herumkriegen musste, fuhr ich mit. Am Zielort angekommen, ließen sie zu meiner Verwunderung die Frauen aus dem Auto und fuhren mit mir in den Wald. Meine Angst kann sich wohl jeder vorstellen, zumal ich die erste Vergewaltigung noch gut in Erinnerung hatte.
Einer der drei Männer zückte sein Messer und befahl mir, ich solle meinen Mantel auf die Erde legen und mich darauf. Dann vergewaltigte er mich…er versuchte es zumindest. Ich leistete aus Angst keinen Widerstand, aber es tat weh, weil ich mich verkrampfte. Die beiden anderen schauten zunächst zu, dann aber weg und hatten wohl keine Lust mehr. Weil es nicht so funktionierte, wie er es sich vorgestellt hatte, ließ der Mann wütend schreiend von mir ab und onanierte auf meinen neuen Fishgrat-Mantel. Ich hatte Angst, er würde mich töten, doch dann ließen die Männer mich im Wald zurück und fuhren weg.

Ich wusste weder wo ich war, noch wie ich nach Hause kommen sollte. In meiner Not stellte ich mich an die nächste Straße, und ein älterer Herr hielt an. Er merkte gleich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Deshalb brachte er mich bis nach Hause. Das war Glück im Unglück. Ich konnte mich, wie bei der ersten Vergewaltigung, niemandem anvertrauen. In mir war alles tot!

Meine Mutter sah nur den beschmutzten Mantel und die zerrissenen Strumpfhosen. Sie schimpfte darüber und stellte keine Fragen. Ich weiß noch genau, was ich damals trug: Einen schwarzen Kittelrock mit Kellerfalte, eine weiße Gardinenbluse und Plateauschuhe.

Die nächste Periode blieb aus und weil meine Mutter annahm, dass ich schwanger sei, wurde ich in ein heißes Bad gesteckt und musste zwei Liter heißen Rotwein trinken. Danach jagte sie mich mit dem Fahrrad bergauf und bergab, bis sich irgendwann eine Blutung einstellte. Nein, sie wollte nicht wissen, wer mich geschwängert hatte und ob es überhaupt so war. Es gab damals keinen Schwangerschaftstest. In ihren Augen war ich schlecht und selbst daran schuld, und mein Vater hielt mich sowieso für schwer erziehbar, weil ich meinen Eltern immer fremder wurde.

Eine neue Zeit hatte mit den 60er Jahren begonnen, die eine Scheinfreiheit brachte, mit der die Gesellschaft gar nicht umgehen konnte, und ich saß zwischen den Stühlen, weil ich erwachsen wurde und dazugehören wollte. Ein aufmüpfiges Kind.

Nach den beiden Vergewaltigungen war mein vorher sowie schon „angekratztes“ Selbstwertgefühl unter den Nullpunkt gesunken. Was war ich den Männern wert? Wie hoch war mein Selbstwertgefühl? Was strahlte ich aus, dass man mir immer wieder Gewalt antat? Warum benutzte man ausgerechnet MICH? In meinem Kopf reifte die Überzeugung heran, dass Männer Frauen benutzen…und dass diese sich benutzen lassen müssten, weil ihnen die Männer körperlich überlegen sind oder aus finanzieller Abhängigkeit. Später übertrug ich diese Überzeugung nicht nur auf Männer, sondern auch auf die Menschen. Mich benutzte man, und ich ließ es zu, um anerkannt und geliebt zu werden.

Ich erkämpfte mir damals jeden kleinen Freiraum. Heimlich traf ich mich mit S. und schlich mich nachts aus meinem Zimmer. Mein Bruder sollte das Fenster offen lassen, damit ich jederzeit ins Haus zurückkehren konnte. Doch als ich wiederkam, war es geschlossen. S. Mutter hatte meine Eltern angerufen und ihnen erzählt, dass ich nicht in meinem Bett liegen würde. Total panisch hatte ich mich daraufhin in der Werkstatt eingeschlossen. Als mein Vater vor mir stand, gab es Ohrfeigen.

Schließlich kam ein blauer Brief von der Schule ins Haus. Darin stand, dass meine Versetzung gefährdet sei und man riet meinen Eltern dazu, mich abzumelden, was auch geschah. Eine Lehrstelle als Groß- und Außenhandelskaufmann wurde im Nachbarort gefunden, doch die Stimmung zu Hause war auf den Nullpunkt gesunken.
Wenn ich meinem Vater in dieser miesen Laune morgens über den Weg lief, schrie er mich an: „Mach’ nicht solch eine Fresse, sonst schlag’ ich dir eine rein!“
Ich, als sein Spiegelbild, mochte ihm in diesen Momenten wenig Freude bereitet haben.

Im Großen und Ganzen gefiel mir die Lehre besser als die Schule. Mein damaliger Firmenchef war ein umgänglicher Mann, ebenso der Geschäftsführer. Sie erkannten mein Problem, denn ich kam häufig mit blauen Flecken am Körper und um die Augen ins Büro. Bei meinem Vater löste bereits ein falsches Wort oder ein falscher Blick von mir eine Ohrfeige aus. Ich hatte Angst, mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Er schlug zu, wenn ich es am Wenigsten erwartete. Wir konnten unsere Gegenwart nicht mehr ertragen.
Damit ich meine Lehre fertig machen konnte, bot mein Chef meinen Eltern an, dass ich in einer Einliegerwohnung bei ihm und seiner Frau wohnen könnte, bis ich den Abschluss gemacht hatte. Mein Vater lehnte das ab, weil er die Kontrolle über mich behalten wollte.

Drei Jahre galt es so zu überstehen. Zu Hause wurde es nicht besser. Ich war nicht geliebt, nur geduldet und das auch nur bedingt, solange ich tat, was meine Eltern von mir erwarteten.

Eine Zeit lang war es einigermaßen erträglich. Ein Jugendlicher aus der Nachbarschaft erzählte mir im Freibad, dass es bei ihm zu Hause nicht mehr auszuhalten sei. Er wollte weglaufen und bat mich, mitzukommen. Als ich ihm das versprach, dachte ich, dass er das sowieso nicht tun würde. Aber er tat es zu meiner Verwunderung doch. Eines Tages, es war gerade einigermaßen erträglich zu Hause, sagte er mir, dass es soweit wäre. Obwohl ich mit diesem Jungen eigentlich nichts zu tun hatte, glaubte ich, mein Versprechen einlösen zu müssen. Mit wenigen Sachen ging ich angeblich zum Schwimmen und kehrte nicht nach Hause zurück.

Vierzehn Tage lang „gammelten“ wir durch die Stadt, übernachteten im Park und wuschen dort im Brunnen unsere Sachen aus. Brötchen und Milch stahlen wir in aller Herrgottsfrühe vor den Haustüren fremder Leute. Ich versuchte, meine Uhr und Schmuck zu verkaufen. Irgendwann saßen wir auf der Straße auf einem Wiesenstück und bemerkten, dass ein Auto immer wieder an uns vorüberfuhr, bis es schließlich anhielt. Der Fahrer sah aus wie ein Italiener. Er sprach uns mit gebrochenem Deutsch an und fragte uns, ob wir Arbeit suchen würden. Dann nahm er uns mit.

Der junge Mann, den ich begleitet hatte, verschwand am nächsten Tag spurlos. Ich blieb allein zurück. Fortan wohnte ich bei der angeblichen Schwester des vermeintlichen Italieners, der sich später als Türke entpuppte. Türken waren mir unbekannt. Die Schwester war seine Frau, die er immer wieder ganz furchtbar zusammenschlug, weil sie sich zu emanzipieren versuchte. Einmal stürzte sie dabei von oben die Treppe hinunter. Ich dachte, sie sei tot.

Dieser Türke besorgte mir einen Job in einer Schnellreinigung in der Nachbarstadt. Das ging damals noch ohne Steuerkarte. Nun hatte ich wenigstens ein wenig Geld. Aber er verlangte auch einen „Lohn“ dafür. Als ich mich in seinem Auto zu weigern versuchte, öffnete er das Handschuhfach und zeigte mir ein Messer, das dort lag. Wieder hieß es für mich: „Augen zu und durch!“ Nach Hause zurückkehren, das konnte ich nicht. Die Angst vor meinem Vater war zu groß. Was hätte ich tun sollen?

Nur ein paar Tage blieb ich bei diesem Menschen und seiner Frau. Irgendwann kam ich von der Arbeit zurück und meine Eltern saßen im Wohnzimmer. Bis heute weiß ich nicht, wie sie meinen Aufenthaltsort herausbekommen konnten. Aber ich war froh…und irgendwie doch nicht.

Der Türke lauerte danach noch ständig auf unserer Straße nach mir und versuchte mich an meiner Lehrstelle abzufangen. Einige Wochen später legte mir meine Mutter ganz aufgeregt die Tageszeitung vor die Nase. Dort stand geschrieben, dass der Türke aus dem Auto heraus einen anderen Mann aus Eifersucht erschossen hatte. Dafür verurteilte man ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Zwei Mal in der Woche ging ich in die Disco. Mehr konnte ich mir von meinem Taschengeld nicht leisten, denn ich musste mein Lehrgeld komplett zu Hause abgeben. 7,50 DM mussten für die Woche reichen und Zigaretten waren teuer. Mehr gab es nicht, nur ab und zu erhielt ich von meinem Vater ein paar Zigaretten aus seiner Schachtel. Da er selbst rauchte, hatte er dagegen keine Einwände. Mit 15 Jahren durfte ich bereits zu Hause rauchen.

Das Geld reichte nicht aus, um im Sommer ins Freibad zu gehen, und da ich schon jahrelang Mitglied des Schwimmvereines war, konnte ich schlecht fehlen. Als meine Oma für zwei Wochen an die Mosel reiste, fand ich in ihrem Wohnzimmerschrank eine Porzellandose, die bis zum Rand mit Fünfmarkstücken gefüllt war. Ich konnte nicht widerstehen und nahm mir täglich ein Stück heraus. Als sie wiederkam, war die Dose fast leer. Es gab mächtigen Ärger deswegen aber Oma verzieh mir.

Im selben Jahr fand ich in der Badeanstalt die Jahreskarte eines mir unbekannten Mädchens, das etwa im gleichen Alter war wie ich. Erst wollte ich die Karte abgeben, doch dann entschloss ich mich, sie zu fälschen. Ich klebte eines meiner Fotos ein und änderte den Namen. Nur hatte ich nicht bedacht, dass die Nummer des Ausweises registriert war. Irgendwann fiel es auf, und ich musste zur Polizei und zum Jugendamt.

Genau in diesem Jahr im Sommer verliebte ich mich zum ersten Mal in einen Jungen namens Hansi und verlor ihn nach nur zwei Wochen wieder an ein anderes Mädchen, das ebenfalls im Verein war. Erst später erfuhr ich, was mir dadurch erspart geblieben war. Hansi starb mit neunzehn Jahren an Leukämie.
Mein Liebeskummer verschwand damals sehr schnell wieder, als ich Dietmar im Freibad kennenlernte. Wir trafen uns oft und „gingen“ schließlich miteinander, was nicht mehr war, als irgendwo heimlich herumzuknutschen. Auch diese Episode war nicht langlebig. Immerhin „ging“ ich zwei Mal mit ihm.

Mit 17 Jahren bekam ich endlich einen eigenen Hausschlüssel und durfte bestimmen, wann ich nach Hause kommen wollte. Vor Mitternacht sollte dies jedoch geschehen sein. Ich hielt mich an die Vereinbarung mit meinen Eltern, spätestens um Mitternacht zu Hause zu sein, doch einmal wurde es später, weil ich auf einer Party mit etwas Alkohol im Blut eingeschlafen war, und ich vergaß ausgerechnet in dieser Nacht meinen Schlüssel. Ich musste meine Mutter aus dem Bett schellen, und sie fragte natürlich reichlich sauer, wo ich gewesen sei.
„Ich war auf einer Party“, gestand ich ihr fast panisch, doch sie meinte, ich sei in einer Bar gewesen.

Als mein Vater mich am Frühstückstisch zur Rede stellte und mich wegen dieses Missverständnisses blutig schlug und mir das Nasenbein anbrach, war meine Mutter wie immer wortlos daneben gestanden und hatte es geschehen lassen. Mein grünes Strickkleid konnte ich wegwerfen, die Tagesdecke von meinem Bett ebenfalls. Alles war voller Blut, und er hörte nicht auf, auf mich einzuprügeln. Es machte ihn noch wütender, als ich mich zu lange im Bad aufhielt und nicht schnell genug an den Frühstückstisch zurückkehren konnte. Da kam er ins Bad und zog mich an den Haaren in die Küche zurück.
„Beim nächsten Mal nehme ich eine Axt, und wenn ich dafür in den Knast gehe!“, drohte er mir mit hasserfülltem Gesicht.

Das nächste Mal wollte ich nicht abwarten! Ich wartete auf eine Gelegenheit und flüchtete aus dem Haus.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 6

Weihnachten 1958

Ich war sechs Jahre alt, als meine Großeltern mitsamt ihren Habseligkeiten in das Obergeschoss des Hauses zogen, was zur Folge hatte, dass das Untergeschoss einer deutlichen Verjüngungskur unterworfen wurde. Alte Eingänge und Fenster wurden zugemauert, neue eingebaut und ein Elternschlafzimmer in Rattas ehemaligem Wohnraum eingerichtet. Aber das war erst der Anfang einer nicht enden wollenden Sanierung.
Mein Bruder schlief im ersten Jahr noch bei den Eltern. Ich bekam mein eigenes Zimmer im Anbau. Dafür musste nicht nur das Plumpsklo, sondern auch die alte Waschküche weichen.
Dort, wo sich meine Mutter und Oma bisher einmal wöchentlich die Finger am Waschbrett wund gerieben hatten, stand die Welle im großen Waschbottich still. Fortan schwebten keine Wasserdampfschwaden mehr über dem Hof, keine Seifenlaugengerüche drangen mehr bis auf die Straße. Die schwerste Arbeit der Nachkriegsjahre nahm ein Ende. Eine neumodische Waschmaschine von Miele wurde stattdessen angeschafft. Sie bekam einen Stellplatz in der neu eingebauten Toilette der oberen Etage und tat dort die folgenden zwanzig Jahre ihren Dienst.

Trotzdem wurden an den Waschtagen die im Garten gespannten Wäscheleinen nicht leer. Windelberge mussten gewaschen, zum Trocknen gespannt und gebügelt werden. Tagelang war Mutter damit beschäftigt, die stocksteife Wäsche glatt zu bügeln und zusammen zu legen.
An Regentagen wurde das Trocknen in die Wohnräume verlegt und eine Wäscheleine quer durchs Wohnzimmer gespannt.

Freitags war Waschtag und am Samstag Badetag, wo die ganze Familie nacheinander in die Wanne stieg. Anfangs wurde das Badewasser in großen Zubern auf dem Herd erhitzt; später gab es den ersten Gasboiler und eine Heizsonne, die über der Türe hing.

Nachmittags wurde meist Kuchen für den Sonntag gebacken. In der dunklen Jahreszeit backte Oma oft gedeckten Apfelkuchen mit Cox-Orange-Äpfeln aus dem Garten, die den ganzen Winter über, im kühlen Keller, in großen Holzkisten eingelagert wurden. Opa hatte alle Obstbäume selbst veredelt. Die wurmstichigen Äpfel wurden aussortiert und Apfelmus daraus gekocht.

Mein Vater backte die besten Torten. Sein „Frankfurter Kranz“ mit selbst gemachtem Krokant und Buttercreme war der absolute Glanzpunkt, der allerdings nur selten auf dem Tisch stand. Beim Kochen machte ihm keiner etwas vor. Selbst meine Mutter konnte ihn darin nicht übertrumpfen. Am Wochenende war er allein Küchenchef. Mutter hatte zu putzen, Staub zu wischen und zu saugen, was er hinterher genauestens inspizierte, indem er mit dem Finger über die Schränke strich. Die Fransen des neuen Perserteppichs bürstete er selbst. Wehe dem, der sie danach wieder durcheinander brachte! Das Spielen im Wohnzimmer war uns untersagt.

In meinem Zimmer standen später weiß lackierte Möbel. Der Raum war ungeheizt. Zwei Heizkörper gab es unten in der Wohnung, ein Kohleofen in der Küche und einer im Wohnzimmer. Im Winter konnte gegen die Kälte der Nacht nur ein dickes Daunen Oberbett Wärme bringen.
Jeden Abend hatte ich Angst davor, einzuschlafen! Auch das Gebet, das ich immer vor dem Einschlafen sprach, schützte mich nicht. Vor meiner Einschulung hatte das Bettnässen begonnen. Damals, als mein Bruder zur Welt kam, war mir das Leben plötzlich zur Qual geworden. Meine Eltern behandelten mich lieblos und ohne jede Zärtlichkeit. Es gab nichts mehr, worüber ich mich mit ihnen hätte freuen können.

Ich fürchtete den neuen Morgen. Noch heute erinnere ich mich, wie schwer das riesige Daunenbett beim Erwachen auf meinem Körper lag. Jeder Atemzug war mir beinahe unangenehm gewesen, und ich lag wie erstarrt. Schon wieder war es mir passiert. Keinen einzigen Millimeter bewegte ich mich in meinem Bett. Der Rücken schmerzte bereits, und insgeheim wusste ich, dass ich keine andere Wahl hatte: Ich musste aufstehen, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Minutenlang versuchte ich es hinauszuzögern.

Ich erinnere mich an die Winterzeit, wenn das Dunkel der Nacht noch nicht gewichen war. Kein Geräusch drang von Haus und Hof zu mir ins Zimmer. Draußen hatte der Winter mit seinem harten Griffel Eisblumen an die Scheiben gemalt. Das war eine Zeit, in der der Winter noch klirrend kalt war. Unmengen von Schnee fielen vom Himmel, worauf man herrlich Schlitten fahren konnte. Wir Kinder bauten auf der noch fast autofreien Straße riesige Schneemänner und lange Schlitterbahnen.

Die Räume waren des Nachts derart ausgekühlt, dass ich meinen Atem sehen konnte. Die Luft floss kalt und schwer in meine Lungen, wenn ich im Bett lag.
Immer noch abwartend, so, als würde ich auf ein Wunder hoffen, lag ich bewegungslos in den Federn. Völlig durchnässt klebte das Kopfkissen an meinem Rücken, und bei der kleinsten Bewegung wurde es unangenehm kalt. Das über einer Gummidecke, dem Laken und der Matratze gespannte Moltontuch war ebenfalls nass. Meine Mutter hatte es, neben sechs anderen, eigens für mich genäht. Die Matratze sollte geschützt sein.

Ich hatte keinen Schutz, wenn morgens das eingenässte Bett entdeckt wurde. Dann fielen barsche Worte, die schlimmer waren als Prügel. Manchmal schlug Mutter mich mit dem hölzernen Kochlöffel. Einmal hatte ich versucht, vor ihr davon zu laufen, immer um den Tisch herum, und sie hatte gelacht. Ich dachte, sie würde nicht schlagen, doch dann packte sie mich und schlug mich so sehr, dass der Löffel zerbrach.

Wenn es im Bett so nass war, überlegte ich angestrengt, wie ich das Aufstehen am Schnellsten hinter mich bringen konnte. Dann fasste ich mir irgendwann ein Herz, warf die schwere Zudecke zurück und hastete mit einem großen Satz hinaus. Das nasse Hemd klebte mir dann eiskalt am Rücken. Schnell zog ich es mitsamt dem Schlüpfer aus, machte Licht und öffnete so leise wie möglich den Kleiderschrank. Nachdem ich mich mit einem frischen Nachthemd und sauberen Höschen bekleidet hatte, konnte ich durchatmen. Doch ich fror entsetzlich.

Ich zog die Einschläge des Tuches unter der Matratze hervor, legte das eingenässte Nachthemd, das Höschen und den Kopfkissenbezug darauf, wickelte alles ein und schleuderte die inhaltsschwere, feuchte Rolle bis in den hintersten Winkel unter das Bett. Vor den Blicken der Mutter sollte es unsichtbar sein, und obwohl ich genau wusste, dass Mutter mit zornigen Augen zuerst unter das Bett sehen würde, wie sie es jeden Morgen tat, geschah das Verbergen der nassen Beweise dennoch aus panischer Angst und aus Scham, was die Mutter nur noch zorniger machte.

Das Inlett des Federbettes hatte abgefärbt, denn der weiße Bettbezug zeigte stellenweise rote Flecken. Ich platzierte das Kopfkissen zum Trocknen auf den Stuhl, der unter dem Fenster stand; das dicke Federbett drehte ich um, sodass die nasse Seite nach oben zu liegen kam.

Ich war in Panik, doch mehr konnte ich nicht tun. Am liebsten hätte ich alles fortgezaubert und mich selbst natürlich auch. Barfüßig stand ich mit klappernden Zähnen auf dem kalten Linoleumboden und zitterte wie Espenlaub. Ich fühlte mich ohnmächtig und ohne Schuld, denn ich hatte keinen Einfluss auf das, was während des schlafes geschah, und es geschah immer wieder und wieder.
In meinem Nachthemd aus Flanell schlüpfte ich frierend zurück ins Bett, zog das schwere Inlett über den Kopf und bangte – wie so oft – dem Morgen entgegen.

Wegen des Bettnässens wurde ich zu einem Urologen gebracht. Mit einem Katheder wurde mir Urin abgenommen. Für ein fünfjähriges Mädchen eine Tortur! Der Arzt wollte in seiner Praxis eine Blasenspiegelung durchführen, doch ich wehrte mich so sehr, dass er die Spritze nicht setzen konnte. Ein Krankenhausaufenthalt, der anfangs geplant war, blieb mir zum Glück erspart, weil ich nur noch weinte…tage- und wochenlang. Meine Eltern hörten irgendwann auf, nach dem Grund meiner Unart zu suchen, mussten sich aber letztendlich damit abfinden, dass meine unkontrollierbaren nächtlichen Entleerungen bis ins fünfzehnte Lebensjahr anhalten sollten.

Meine Mutter versorgte mich mit Nahrung und Kleidung, doch nie mit Güte und Liebe. Wenn sie mir morgens zum Frühstück den Kakao hinstellte und mir Brote machte, war das wie eine besondere Zuwendung für mich. Nie stellte sie sich schützend vor mich, wenn mein Vater mich schlug. Auf ihren mütterlichen Beistand hatte ich ein ganzes Leben lang vergeblich gehofft. Sie war keine Freundin, der ich mich hätte anvertrauen können.

Meine Kindheit war, bis auf den Jähzorn meines Vaters, dem ich stets schutzlos ausgeliefert war, erträglich. Eine seiner bevorzugten Strafen war es, mich in den dunklen Keller zu sperren. Dort ließ er mich dann hinter abgeschlossener Türe weinen und schluchzen.

Während meiner Schulzeit spielte ich meist mit den Kindern auf der noch unasphaltierten Straße vor unserem Haus. In der Nachbarschaft gab es viele Kinder. Ich durfte immer nur eins davon mit nach Hause bringen, weil es meine Eltern gestört hätte.

Wir spielten mit Tonknickern, Murmeln und Pitchdobbeln – das waren kleine, bunte Holzkreisel, die mit einer Peitsche geschlagen wurden. Später, als die Straße asphaltiert worden war, fuhren wir mit Rollschuhen oder sprangen Seil. Oft saß ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft auf den Treppenstufen vor unserem Haus und trank Leitungswasser mit echtem Lakritz, das mir Mutter in eine Flasche abgefüllt hatte. Dort tauschten wir untereinander Zigarettenbildchen, Glanzbilder und später Autogrammkarten aus.

Manchmal ermahnte Mutter mich: „Sitz’ nicht auf dem Dörpel, sonst holst du dir ‚nen Pips!“, weil meine Blase sehr oft entzündet war. Dann musste ich bittere Wacholderbeeren kauen und ekelhaften Tee trinken.

Mitte der 50er Jahre fuhren noch Händler mit Pferd und Wagen durch die Straßen. Sie brachten die Eierkohlen, die vor das Haus gekippt wurden, welche Vater und Opa dann gemeinsam in den Keller schippten. Auch Kartoffeln, Eier und Milch wurden gebracht. Ich weiß noch, wie der Händler rief: „Kartoffeln…Kartoffeln…fünf Pfund eine Mark!“
Für Eltern und Oma lief ich manchmal zum Bäcker, vorbei an der kleinen Trinkhalle, wo ich mir zur Belohnung einen Mohrenkopf kaufen durfte, oder eine Kugel Kaugummi für einen Groschen.

Meine Schulzeit verlief weitestgehend normal. Ich brachte ganz gute Noten nach Hause, womit meine Eltern jedoch keinesfalls zufrieden waren. Ständig bekam ich vorgehalten, dass meine Mutter die Schulbeste gewesen sei, mit einem einzigen „befriedigend“ in Musik auf dem Zeugnis. Ihre anderen Fächer glänzten mit „sehr gut“.

Meine Mutter in den 30er Jahren

Bereits mit neun Jahren ging ich regelmäßig allein in den Kindergottesdienst. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich sonntags für eine Mark ins Kino gehen. Dort wurden neben „Dick und Doof“ auch Märchenfilme gezeigt, was der Auslöser dafür war, dass ich begann, unzählige Bücher aus der Leihbücherei zu lesen. Ich las in jeder freien Minute, wobei mir Märchen besonders gefielen.

Bis auf die Kinderstunde blieb mir das Fernsehen verboten. Jeden Tag um 17 Uhr durfte ich mir das Programm anschauen. Da ich die Kirchturmuhr vom Garten aus sehen konnte, verpasste ich keine dieser Sendungen. Abends um 20 Uhr, wenn die Nachrichten begannen, hatte ich in meinem Zimmer zu sein, wo spätestens um 21 Uhr geschlafen wurde.

Mit elf Jahren bekam ich eine Blinddarmentzündung und kam ins Krankenhaus, was mich in helle Panik versetzte. Ich weinte und weinte und gab erst wieder Ruhe, als der Narkosearzt mir das Häubchen mit Äther aufsetzte. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und ich durfte nach zwei Wochen nach Hause zurückkehren.

Meine Großeltern gingen regelmäßig mit mir spazieren. Sie waren es gewohnt, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen. Ich hingegen hasste es, so weit zu laufen, was sich bis heute nicht geändert hat. Meist liefen wir in die Innenstadt. Dort gab es in einem Zoogeschäft lebendige Tiere zu bestaunen. Das war ein kleiner Trost für die ungeliebte Anstrengung für mich.

Einmal im Jahr gab es eine Kirmes auf dem Marktplatz. Ich mochte den Lärm zwar nicht, fuhr aber gerne auf dem Ketten-Karussell. Oma kaufte mir dort ein Äffchen aus Kaninchenfell, das wie eine Marionette an einem Hölzchen und an Fäden hing. Dieses „Tierchen“ war mein Liebstes. Es wurde überall mit hingeschleppt, gestreichelt und gekuschelt, bis es bald auseinander fiel.
Einmal wurde es meiner Mutter zu bunt. Der Affe war schmutzig, das Fell arg lädiert. Sie sprach mit mir und bot mir an, ein anderes Tier zu kaufen, wenn ich den Affen hergeben würde. Schweren Herzens willigte ich ein und bekam stattdessen einen kleinen, auf dem Bauch liegenden Bären von Steiff.
Als ich meinen geliebten Affen in den Flammen des Herdes verschwinden sah, ist mir fast das Herz gebrochen. Ich habe geschrien und geweint und war in heller Panik, doch mein Liebling war unwiederbringlich fort.
Mit dem Bären habe ich mich nie anfreunden können und noch heute finde ich „Teddys“ schrecklich, fast genauso, wie die Puppen, die man mir schenkte. Eine davon hieß Lilli. Es war eine Schildkrötpuppe mit Augen, die sich öffnen und schließen konnten. Obwohl meine Mutter viele Kleidchen dafür strickte und nähte, konnte ich keinen Gefallen daran finden.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 5

Im Kindergarten 1957

Zwei Jahre vergingen, und ich besuchte für kurze Zeit den Kindergarten, in dem E., Mutters Freundin, Kindergärtnerin war. Täglich ging ich in der Frühe dorthin, mit einem roten Ledertäschchen für das Frühstücksbrot um den Hals. Anfangs zeigte mir meine Mutter den Weg. Danach musste ich allein gehen. Das war ein richtiges Abenteuer, denn auf der Straße liefen die riesigen Schäferhunde noch frei herum, vor denen ich mich sehr fürchtete. Überall lagen ihre Kothaufen, und ich hatte Mühe, nicht hinein zu treten. Ich lief vorbei an der Post, der kleinen Leihbücherei von Frau L., dem Lädchen der Familie E., in dem es Milch, Käse und Eier zu kaufen gab und bestaunte die alten Häuser, die immer noch riesige Einschusslöcher aus der Kriegszeit aufwiesen.

Dort, wo sich heute Haus an Haus reiht, luden damals große, freie Flächen mit Wildwuchs und altem Baumbestand zum Spielen ein. Leider vertrödelte ich oft die Zeit, und einmal bin ich gar nicht nach Hause gegangen, um dort zu spielen. Das löste bei E. und meiner Mutter eine richtige Panik aus. Doch ich ging nicht verloren.

In diesem Kindergarten blieb ich einen Sommer und einen Winter lang. Noch heute habe ich alles dort in Erinnerung: Die langen, roten Holzbänke, die bei schönem Wetter nach draußen getragen wurden, die Schaukeln und Spiele. Alles war unbetoniert, keine bezwungene Natur.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, war eines der Spiele oder „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?“
Drinnen spielten wir mit Plastikblümchen, die sich zu Armbändern aneinanderreihen ließen, oder wir malten und bastelten den ganzen Vormittag. Es war eine schöne Zeit. Doch nichts Schönes hält ewig.

Als meine Mutter feststellte, dass sie wieder schwanger ist, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden – auch für den Kindergarten. Fortan musste ich zu Hause bleiben, und im darauffolgenden Sommer kam mein Bruder zur Welt.

So vieles hatte sich seit seiner Geburt in meiner kleinen Welt verändert. Ich dachte daran zurück, wie der Vater oft mit mir zur „Ting-Ting“-Oma gefahren war. Das tat er nun nicht mehr. Ich sei zu groß fürs Rad, hatte er gemeint. Die Essenberger Oma hatte diesen Spitznamen von mir bekommen, weil ich jedes Mal die Klingel am Fahrrad des Vaters betätigen durfte, wenn er damit zu seiner Mutter gefahren ist. Dann hatte ich stets mit gedurft.

Als Dreijährige wurde ich vorn am Lenker, in den schwarz lackierten Kindersitz des väterlichen Fahrrades gesetzt, wo ich die schönste Aussicht hatte. Dann war Vater mit mir zur Oma Nummer Zwei gefahren. Es ging die steile Abfahrt die Bruchstraße hinunter. Von dort fuhr er direkt in das Essenberger Bruch hinein, um Kettensalat für die Kaninchen zu holen, die hinter dem Anbau des Hauses in ihren selbstgebauten Holzställen saßen oder weiter zur Oma.

Meine Eltern und Oma in Essenberg

Überall hatte mir der Bruder das alte Platzrecht streitig gemacht. Deshalb blieb ich bei den Großeltern.

mit meiner Lieblingsoma bei uns Zuhause

Ich hörte lieber Omas Geschichten von Ostpreußen und bestaunte die vielen Dinge in ihren Schubladen und Schränken. Auch ihre Ermahnungen hielten mich nicht davon ab, dort alles gründlich zu untersuchen. Doch selbst die geduldige Oma musste ab und zu ein deutliches „Geh da nicht dran!“ aussprechen, was sich im ostpreußischen Dialekt jedoch eher lustig anhörte und wie „je da nich drran“ klang.

Von besonderem Interesse waren Perlenkette und Goldschmuck, aber auch Lippenstift und Parfüm im Schlafzimmer. All diese Schätze wurden in Schalen und Behältnissen aus Kristallglas aufbewahrt, und manchmal kehrte ich von einer Lavendelwolke umgeben zur Oma ins Wohnzimmer zurück. Diese rümpfte die Nase und schaute sich den Flakon „Uralt Lavendel“ genauer an, der sichtlich an wertvollem Inhalt verloren hatte. Was folgte, war ein striktes Schlafzimmerverbot. Nur noch in Begleitung war mir das Betreten erlaubt, doch manchmal bekam ich einen winzigen Tropfen Parfüm, als Trosttröpfchen von Oma hinter die Ohren geschmiert.
Ganz fasziniert war ich von der großen, schwarzen Wanduhr, die ihr gleichmäßiges Tick-Tack, tagein, tagaus, von der Wohnzimmerwand in die Wohnung streute. Halbstündlich und stündlich wurde das Geläut in Gang gesetzt. Die Uhr, die eine Anschaffung aus den 20er-Jahren war, wurde von Oma wie ein wertvolles Heiligtum bewacht. Nur sie hatte das Privileg, die Uhr mit einem großen Schlüssel aufzuziehen.
Immer wieder erschien das tickende Etwas in meinen Träumen; vermittelte aber jedes Mal den Eindruck, etwas Dunkles, Unheilvolles zu sein. Einmal sah ich, wie Rabenvögel aus ihr herausflogen und sich im Wohnraum verteilten. Die Uhr war für mich in späteren Jahren das Zeichen für die ablaufende Lebenszeit. Jeder Stillstand wirkte beunruhigend auf mich, denn er erinnerte an den Tod. Die Uhr ist das einzige Erbstück von Oma. Heute hängt sie an meiner Wohnzimmerwand und bringt mit jedem Tick-Tack Erinnerungen zurück.

Ich hatte als Kleinkind niemals damit aufgehört, am Daumen zu lutschen. Nach der Geburt des Bruders steigerte es sich bis ins Extreme und war so schlimm, dass das rohe Fleisch bis auf den Knochen zerbissen war. Der Kinderarzt verordnete übelschmeckende Salben und das nächtliche Handschuhtragen, was jedoch nichts bewirkte. Bis zum zwölften Lebensjahr sollte diese Unart anhalten und konnte auch nicht durch die Geschichte des Daumenlutschers im „Struwwelpeter“ vereitelt werden. Diese, von meiner Oma oft vorgelesene Geschichte des „Conrad“, dem aufgrund des Daumenlutschens beide Daumen abgeschnitten wurden, faszinierte und ängstigte mich in gleicher Weise wie die Geschichte „des bitterbösen Friederich“, bei dem die Vergleiche mit meinem Vater nicht ausblieben.

An fast jedem Tag wurde dieses Buch hervorgeholt, und bereits mit vier Jahren war es mir möglich, selbst darin zu lesen. Genauso anziehend wirkten Omas uralte Schulbücher aus Ostpreußen auf mich, und obwohl ich noch nicht alles Geschriebene verstand, ließ ich mir täglich neue Geschichten von Oma vorlesen. Zusätzlich verschlang ich Mickey-Mouse-Hefte, die wie ein kostbarer Schatz in einem kleinen Koffer unter dem Sofa verwahrt wurden. Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich schon gute Lesekenntnisse vorweisen, was meinen Klassenlehrer veranlasste, mich zum Vorlesen mit in die oberen Klassen zu nehmen.

Einschulung mit 5 Jahren 1958

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 4

Zur gleichen Zeit stellte der Hausarzt bei meiner Mutter eine neue Schwangerschaft fest, was meine Großeltern dazu bewog, nach der Geburt des neuen Erdenbürgers, nach oben, in die erste Etage zu ziehen, um den jungen Eltern mit den Kindern die größere Wohnung zu überlassen. Doch bis Oma dazu bereit war, bedurfte es wieder einiger Überzeugungskraft.

Als mein Bruder Gerald im Juli 1958 geboren wurde, war mein Vater natürlich glücklich und erleichtert gewesen. Endlich war der ersehnte Stammhalter da! Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – jetzt musste und durfte es genug sein. Kein weiteres Kind sollte hinzukommen. Die Familiengröße entsprach genau den gesellschaftlichen Vorstellungen einer modernen Nachkriegsfamilie.

In der ersten Zeit wurden wir beide im elterlichen Schlafzimmer untergebracht. Mein Klappbett stand links an der Wand; das weiß lackierte Gitterbettchen meines Bruders wurde auf die gegenüberliegende Seite gestellt. So durchlebte man das erste Halbjahr auf engstem Raum, was meinen Vater aggressiv und übellaunig machte.

Ich fühlte mich immer mehr vernachlässigt und tat meine Eifersucht in eigenartigsten Verhaltensauffälligkeiten kund. Um meinen Bruder in Misskredit zu bringen, legte ich ihm eines mittags mein auf der Toilette fabriziertes „Geschäft“ ins Bett, was meine Mutter fassungslos ihrem Mann berichtete. Der prügelte mit seiner aufgestauten Wut auf mich ein, bis ich mich wimmernd in die hinterste Zimmerecke verkroch, aus Angst, noch weitere Schläge aushalten zu müssen. Doch die waren mir immer noch lieber, als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Von Stund an fürchtete ich mich noch mehr vor dem Vater. In meinen Augen war er der Alleskaputtmacher, der Wegwerfer, der gefühllose Grobian, der „bitterböse Friederich“ – ganz im Gegensatz zum Opa, der alles reparierte, neu pflanzte und jede noch so kleine Schraube sammelte und liebevoll in seiner Werkstatt aufhob. Alle Fragen, die man als kleines Mädchen auf den Lippen hatte, stellte ich den Großeltern, niemals meinem Vater. Wenn ich etwas haben wollte oder länger aufbleiben wollte und meine Mutter darum bat, schickte sie mich meistens zu ihm.
„Frag deinen Vater!“, sagte sie dann immer, um mich loszuwerden, aber die Angst, ihn zu fragen, war zu groß. Dann verzichtete ich lieber.

Ich bekam mit, wie die Oma über den Vater schimpfte: „Der macht doch alles kaputt!“, murrte sie immer wieder und nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich im Raum war.

Seit der Geburt des Bruders schien ich für die Eltern nicht mehr vorhanden zu sein. Nur wenn es etwas zu tadeln gab, erinnerte sich der Vater an mich.
„Du unnützes Ding!“, schimpfte er dann mit mir. Nach der Schelte oder gar Ohrfeige „verschwand“ ich wieder vor seinen Augen, bis zum nächsten Mal. Und dieses nächste Mal kam bestimmt, da konnte ich mich anstrengen, wie ich wollte. Mein „Papi“ wurde alsdann zum dunklen Schatten, der immer dann auftauchte und strafte, wenn ich es nicht erwartet hatte.

Plötzlich gab es keine Kosenamen von den Eltern mehr für mich. Fortan bekam ich ganz andere Dinge zu hören. Für meinen Vater war ich „das Blag“, das nichts taugte.

Einmal wollte ich mit den Eltern sonntags zum Onkel fahren. Ich war in meinem besten Kleidchen, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Lackschuhen noch einmal in den geliebten Garten geeilt, weil die Eltern noch nicht fertig waren. Als ich vor der Ligusterhecke stand, flog eine große Amsel erschreckt aus ihrem Nest und stieß sich mit den schmutzigen Füßen an meinem Kleidchen ab. Oh je! Wie sollte ich das Vater erklären? Ängstlich ging ich zurück ins Haus und erwartete, dass man mir meine Geschichte glaubte. Doch das taten die Eltern nicht! Sie schimpften über das beschmutzte Kleid, und Vater holte mit der Hand aus und schlug mir mitten ins Gesicht.
„Für die Lüge!“, sagte er. Ich stand fassungslos da und weinte über die Ungerechtigkeit. Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt! Von nun an schwieg ich lieber. Vater hasste meine Tränen. So sehr ich mich auch bemühte, sie zurückzuhalten, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dann schlug er mich jedes Mal noch mehr.

Schon im Kinderwagen hatte er das getan. Zwei Jahre lang hatte meine Mutter nach ihrer Heirat darauf gewartet, in guter Hoffnung zu sein. Erst eine Luftveränderung brachte den ersehnten Erfolg. Im April 1953 kam ich zur Welt, an einem Montag. Die Hoffnung meines Vaters, einen Stammhalter in den Armen halten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Stattdessen hatte ihm die Hebamme ein kleines, schreiendes Mädchen entgegengehalten. Mit Mädchen wusste mein Vater nur wenig anzufangen.

Wie meine Mutter erzählte, entwickelte ich mich mit lautem Geschrei und forderte unmissverständlich die Aufmerksamkeit aller Mitbewohner des Hauses und der Nachbarschaft dazu. Wenn ich bei schönem Wetter in einem Kinderwagen aus cremefarbig lackiertem Korbgeflecht im Hof, der unter dem großen Birnbaum stand, wurden Fenster und Türen der Nachbarhäuser der Reihe nach geschlossen. Jedes Mal, wenn sich meine Mutter auf Zehenspitzen von dem hochmodernen Gefährt entfernt hatte und zurück ins Haus geschlichen war, begann wie auf Knopfdruck kurz darauf die Heulerei. Sie nahm erst dann wieder ein Ende, wenn ich zur nächsten Fütterung zurück ins Haus gebracht wurde.

Auf jeden Fall hatte ich mich der Nachbarschaft sehr eindringlich präsentiert, was anfangs dazu führte, dass die weiblichen Anwohner der Straße ins Haus kamen, um den Eltern zu gratulieren und den Schreihals mit „och ist die süß“ oder anderen beifälligen Bemerkungen gutzuheißen. Von Mutters Freundin E., die nur zwei Häuser weiter rechts wohnte, bekam ich einen kleinen hölzernen Hund mit Messing-Plakettchen um den Hals geschenkt, der fortan auf dem Regal in der Küche einen Platz bekam und später in meinem Zimmer stehen durfte. Den Hund gibt es heute noch. Er steht auf der Fensterbank in meiner Küche. Die Messingplakette ist jedoch verloren gegangen.

Mit der Zeit wussten alle im näheren Umkreis meines Elternhauses, wer da schrie.
„Vom Schreien bekommt sie kräftige Lungen“, hatte der Kinderarzt Dr. D. meinen Eltern zur Beruhigung erklärt.

Wie schrecklich ich die Welt empfunden haben musste, konnte man nur ahnen, weil das Geschrei tage-, nächte-, ja, monatelang anhielt, ohne jemals leiser zu werden. Man konnte nur Eins tun: dem Schreihals „den Mund stopfen“, was zur Folge hatte, dass ich zusehends rundlicher wurde und als Dreijährige kaum noch in die gängige Strumpfhosengröße hineinpasste.

Dem Vater muss ich von der ersten Minute an ‚ein Dorn im Auge‘ gewesen sein. Oft drosch er entnervt auf mich ein, um das Schreien abzustellen, doch alle Schläge schafften keine Abhilfe.
Er musste sich beherrschen, und meine Mutter ließ alles was er tat, gehorsam, widerstandslos und schweigend geschehen, weil sich ihrer Ansicht nach, eine Frau dem Manne unterzuordnen hatte, auch wenn ihr die bibeltreue Mutter tagtäglich das Gegenteil vorlebte.
Das klägliche, fordernde, hilflose Geschrei des Säuglings ließ sich nicht abstellen! Es gab kein Rezept, keinen Knopf, keinen Schalter. Das Geplärr brachte meine Eltern nicht nur um ihre wohlverdiente Nachtruhe und um die letzten Nerven, sondern störte auch in erheblichem Maße die Konzentrationsfähigkeit meines Vaters, die er für die Arbeiten an seiner Meisterprüfung dringend brauchte. Schlecht gelaunt und müde verbrachte er seine normalen Arbeitsstunden im Labor und noch schlechter gelaunt kehrte er jeden Tag nach Hause zurück
Umbringen konnte mich mein Vater jedenfalls nicht, wie seine Vorfahren es einst im Hunsrück mit unerwünschten Kindern getan hatten. Wie „Hänsel und Gretel“ hatte eine seiner Ur-Großtanten zwei ihrer Kinder einfach in den Wald gebracht und getötet. Damals gab es keine Ankläger und keine Richter. Die Menschen waren bitterarm und konnten nicht alle Kinder ernähren, die sie zeugten. Aber das war lange her!

Als ich ein Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Habel in die Rhön. Dorthin war sie gegen Kriegsende aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. Ihm gehörte der größte Bauernhof des Dorfes. Seitdem war der Kontakt nicht abgebrochen.
Damals nahm sie die beschwerliche Bahnreise auf sich, weil sie ihren Mann entlasten wollte und vielleicht auch zu meinem Schutz. Wie sie mir in späteren Jahren erzählte, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, meinen Vater zu verlassen. Damals war das nicht so einfach gewesen wie heute. Deshalb rauften sie sich wieder zusammen, und meine Mutter verlor mit den Jahren nicht nur ihren eigenen Willen, sondern im Alter schließlich auch ihr Gedächtnis.

Als ich vier Jahre alt war, fuhren wir ein zweites Mal dorthin und auch in späteren Jahren immer wieder. Solange, bis mein Vater nicht mehr bereit war, in seinem Urlaub zu arbeiten, denn jeder musste dort mithelfen. Der paradiesisch gelegene Ort war ein Stückchen Himmel für mich. Ich habe die Zeit dort nie vergessen!

Das Dorf lag idyllisch von Bergen und Feldern eingerahmt am „Ende der Welt“. Es bestand aus ca. zwanzig Bauernhöfen, einer Kirche, einer Kneipe, einem Krämerladen und einer Dorfschule, in der alle gleichzeitig unterrichtet wurden. Ringsum unberührte Natur, Felder und Weiden soweit das Auge reichte, grunzende, quiekende Schweine in den Ställen und glückliche Kühe auf den Weiden. Gänse watschelten durchs Dorf, dessen einzige Straße ganz und gar mit Kuhfladen bedeckt war.

Die Dorfgemeinschaft war sehr gastfreundlich. Ich durfte bei einem Bauern schlafen, der zwei Töchter im gleichen Alter hatte und hielt mich den lieben, langen Tag bei den Tieren im Stall auf. Täglich durfte ich zusehen, wie die Kühe gemolken und in aller Herrgottsfrühe auf die Weide getrieben wurden. Wenn die Bäuerin die Schweine fütterte, roch der ganze Hof nach Kleie und Kartoffeln. Ich schaute ihr zu, wie sie zusammen mit anderen Dorffrauen den Teig für das runde Brot mit dem feinen Kümmel Geschmack zubereitete. Zum Backen stand ein großer, steinerner Ofen mitten im Dorf. In späteren Jahren fiel mir der Abschied jedes Mal sehr schwer. Ich mochte das Landleben viel lieber als die Stadt.
Nach einem Monat Aufenthalt mussten meine Mutter und ich damals nach Hause zurückkehren.

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 3

Beim Kartoffel-Setzen im Garten

Ja, Opa hatte es nicht leicht! Trotzdem sah man ihn niemals schlecht gelaunt. Er war immer freundlich, geduldig und hatte ein sonniges Gemüt. Als ich heranwuchs, genoss ich in seiner Obhut einen besonderen Schutz. Ich hielt mich gerne in seiner Nähe auf, weil er ganz das Gegenteil des autoritären Vaters war.

Mit dem Opa konnte ich spielen und lachen, ohne Ermahnungen und Schläge fürchten zu müssen. Von ihm ließ ich mich beschützen und tragen und die Natur erklären. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam, lief ich zu ihm, um nach dem Essen mit ihm in den Garten zu gehen. Er zeigte mir, wie man Kartoffeln setzt und Bäume veredelt, Strauch- und Heckenschnitt, Saat und Ernte. Mit ihm zusammen ging ich auf Entdeckungsreise. Opa offenbarte mir, dass das „Männlein im Walde“ durchaus auch in der Hecke stehen konnte. Von den Hagebutten wurde Tee gekocht, man sammelte gemeinsam Kamille und Minze, Salbei und Bohnenkraut.

Ich schaute zu, wenn er die großen Stangen für die Bohnen richtete und später, wie sich die Ranken ihren Weg bis an die Spitze bahnten. Es wurden Erbsen „gedöppt“, Sauerkirschen, „Wimmelchen“ (Johannisbeeren), Stachel- und Erdbeeren gepflückt, Rhabarberblatthüte getragen und die Stangen in Zucker getaucht gegessen. Bereits als Vierjährige stand ich mit einem Körbchen auf dem Acker, um die von Opa gegrabenen Erdlöcher mit Pflanzkartoffeln zu belegen oder schaute in der alten Laube, inmitten herrlich duftender, roter Rosen, auf dem Boden oder unter Steinen nach Kellerasseln und Silberfischen.

Wenn ich die rot lackierte Holztüre des Hinterausgangs durchschritt, kam ich in „meine Welt“. Bei gutem Wetter tollte ich beim Ballspielen auf dem Hof herum oder schaukelte stundenlang dem Himmel entgegen. Dabei sah ich meinem Schatten zu, wie er sich bei jeder Auf- und Ab Bewegung an der Wand des Nachbarhauses hob und senkte. Hinter dem Haus stand eine alte Bank, wo wir abends, nach getaner Arbeit, oft beisammen saßen. An lauen Sommerabenden konnte ich dort die Mückenschwärme tanzen sehen, oder ich lauschte dem Zirpen der Grillen.
Im Garten gab es viel Schönes zu entdecken. Wenn das Gepflanzte heranwuchs und mit ersten zartgrünen Blättchen die dunklen Erdschollen durchbrach, wurde das von mir mit dem größten Interesse beobachtet. Ebenso erregte jedes Getier meine Aufmerksamkeit. Ob es nun Spinnen, Käfer, Heuschrecken, Raupen oder Schmetterlinge waren: Jedes Krabbeltier wurde genauestens beschaut und bestaunt, in Behälter gesammelt und hinterher wieder freigelassen. Besonders Katzen machten mir damals schon große Freude. Sie wurden angelockt und gestreichelt, sobald sie unseren Garten oder den Hof durchquerten.
Jeden Herbst verbrannte Opa Strauchwerk und Kartoffelkraut auf den abgeernteten Äckern, und wir aßen in der Glut gegarte Kartoffeln, die herrlich schmeckten.
Die geernteten Kartoffeln wurden im Hof ausgebreitet, damit sie trocknen konnten, bevor sie eingekellert wurden. Von den winzig kleinen machte Oma die leckersten Bratkartoffeln, und da mir ihr Essen viel besser schmeckte als das meiner Mutter, schlug ich mir fast täglich den Bauch damit voll.
Bei Oma kamen köstliche Dinge auf den Tisch. Ihr eingepökeltes Fleisch war so zart, wie ich es nie wieder gegessen habe und ihre Pfannkuchen, die sie oft für uns Kinder zubereitete, waren, neben ihren selbst gemachten grünen Klößen mit Mehlschwitze und „Spirkel“ (dicke Rippchen) „ein Gedicht“.
Zu Beginn des Frühjahrs musste Opa die Grube unter dem hölzernen Klosett und die Mistkuhle im Garten entleeren, die mit Küchenabfällen gefüllt war. Dann wurde der Inhalt mit einem Eimer, der an einer langen, hölzernen Stange befestigt war, als Dünger in die Kartoffelacker im Garten eingebracht. In dieser Zeit lag über Hof und Garten ein bestialischer Gestank. Wege und Beete waren mit gelblich-braunen Flecken überzogen, hier und da konnte man sogar noch einige Zeitungsfetzen ausmachen, und man mied nach Möglichkeit für eine Weile diesen Ort.

Wo es während des Krieges und danach nur diese Toilette gegeben hatte, die ihre Funktion noch lange Jahre beibehielt, baute mein Vater Anfang der 50er Jahre ein Badezimmer in die Küche der Schwiegereltern ein. Dazu wurden neue Leitungen gelegt und Wände gesetzt, jedoch ohne Genehmigung der Baubehörden. Da eine Toilette mitten in der Küche weder den Hygiene- noch den Bauvorschriften entsprach, musste das Machwerk, nach behördlicher Anordnung, ein Jahrzehnt später wieder abgerissen werden.

Oma beobachtete missmutig die Aktivitäten ihres Schwiegersohnes, der seit seinem Einzug damit begonnen hatte, gewisse Dinge in Haus und Hof zu modernisieren und Überflüssiges zu entfernen.

Der riesige Birnbaum mitten im Hof hatte den letzten Krieg überstanden und war auch durch einen direkten Bombeneinschlag im Anbau des Hauses nicht zerstört worden. Aber er musste weg, denn er versperrte nicht nur die Sicht, sondern saß im Sommer voller Insekten. Im Herbst lag das Fallobst faul im Hof herum, wo es Schwärme von Wespen anzog. Zu gefährlich für mich, weil sich unter dem Baum meine Schaukel und ein Sandkasten befand.

Einzige Gegnerin dieser Pläne war natürlich Oma, denn sie musste sich für immer von ihren in Essig-Zuckerwasser mit Gewürznelken eingemachten Birnen verabschieden, die neben selbstgemachtem Apfelmus, im Sommer geernteten Sauerkirschen und anderen eingekochten Köstlichkeiten das ganze Jahr über in den Kellerregalen standen.

Nachdem die Pläne jahrelang aufgrund des schwiegermütterlichen Widerstandes zurückgestellt worden waren, hatte ich bereits das fünfte Lebensjahr erreicht, als mein Vater sich endlich durchsetzte. Oma murrte, ließ ihn jedoch diesmal gewähren. Ganz allein fällte er zu Beginn des Frühjahres den alten, riesigen Baum und verarbeitete ihn nach und nach zu Brennholz.

Oma hatte schon auf vieles verzichten müssen, das ihr wert und teuer gewesen war, wie zum Beispiel auf ihre Hühner und Enten. Anstelle eines Hundes hatte viele Jahre lang ein Ganter darauf aufgepasst, dass kein Fremder den Hof betrat. Ein „stinkender Köter“, wie sie sagte, kam ihr nicht ins Haus, denn sie mochte Hunde überhaupt nicht.

Einen besonderen Widerwillen hatte sie gegen Ferdinands Schäferhund, der während der Besuche immer unter dem Tisch lag und nur darauf wartete, dass sich jemand bewegte. Dann begann er sofort das Knurren und Zähnefletschen und konnte nur mit Mühe von Ferdi beruhigt werden. Ich fürchtete mich sehr vor dem langhaarigen, bissigen Gesellen, was zur Folge hatte, dass ich den Hunden aus dem Weg ging, wo immer ich es konnte.

Als der Gänserich das Zeitliche gesegnet hatte, musste Anfang der 50er Jahre durch Initiative meines Vaters auch der Hühnerstall und der Ententeich weichen. Das war das Aus für die täglich frischen Eier, und es nahm meiner Oma schließlich auch ein kleines Stück Heimat, die in ihr durch die Erinnerungen an den elterlichen Bauernhof in Ostpreußen lebendig blieb.

Was zunehmend wie eine gesteigerte Zerstörungswut aussah und von Oma auch so gedeutet wurde, sollte am Hausprojekt in eine lebenslange, ehrgeizige Sanierungs- und Erhaltungsarbeit übergehen. Dafür investierte mein Vater nicht nur alles Geld, sondern auch alle seine Kräfte.

Auch Opa hatte zuvor schon Pionierarbeit am Bau geleistet und neue Stromkabel und Wasserrohre verlegt. Wenn man nun im Wohnraum den Lichtschalter betätigte, gingen die Lampen im Schlafzimmer an, was natürlich so nicht gewollt war.

Durch die Detonation einer Bombe im Nachbarhaus gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war ein Teil der Zimmerdecke des Wohnraumes eingestürzt. Opa hatte sie nur notdürftig flicken können, weil ihm zum damaligen Zeitpunkt die dafür erforderlichen Baustoffe fehlten. Das hatte zur Folge gehabt, dass sich Anfang der 50er Jahre über dem Sofa erneut ein riesiger Deckenriss gebildet hatte, was wenige Zeit später einen weiteren Einsturz nach sich zog. Da es mittlerweile wieder alle Materialien zu kaufen gab, wurde 1957 die gesamte Decke neu eingezogen.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 2

Meine Großeltern

Obwohl mein Opa täglich zehn Stunden und mehr im Stahlwerk schuftete, bekam er nur ein kleines Taschengeld, womit er sich ab und zu Zigarren der Marke „Weiße Eule“ oder Stumpen kaufen konnte. Darüber freute ich mich als Kind, denn die Bildchen, die sich in jeder Packung befanden, kamen wie ein Schatz in eine kleine Zigarrenkiste, die ich sorgsam hütete.

In den Nachkriegsjahren hatte Opa selbst im Garten Tabak angepflanzt, und er trocknete die geernteten Blätter in seiner Werkstatt. Das war ein übel riechendes, kaum genießbares Kraut gewesen. Wenn die Taschengeld-Zuteilung aufgebraucht war, gab es nur unter heftigsten Vorhaltungen von Oma einen Nachschlag.
Penibel war ihre häusliche Buchführung. Dafür benutzte sie jedes Blättchen, das sie trotz der Papierknappheit finden konnte. Selbst Opas vergilbte Gedichtheftchen, mit Deckblättern aus alten Feldpostkarten, wurden derart „entehrt“. Neben den einst von ihm gedichteten, sehnsuchtsvollen Liebesversen standen nun Zahlenkolonnen und Auflistungen von Ein- und Ausgaben, Kosten für Tabakwaren, Benzin für das 1936 angeschaffte Motorrad und Notizen über Weinansatz und Hypothekentilgung. Hin und wieder konnte man dort auch den Text eines Volksliedes finden. „Ja, grün ist die Heide…“, von Hermann Löns, hatte es Oma besonders angetan.
„Was die schöne Heide weiß, geht die Mutter gar nichts an…“, war eine Stelle aus diesem Lied. Wann immer es ihr in den Sinn kam, gab sie es lautstark zum Besten. Neumodische Musik war ihr ein Gräuel, und auch ihrem Mann war es nicht erlaubt, derartige „Niggermusik“ zu hören. Das Röhrenradio von Nordmende wurde lediglich zum Nachrichtenempfang genutzt. Abends, immer um dieselbe Zeit, saßen meine Großeltern beisammen und lauschten dem Hörfunksprecher.

Meine Oma war als Tochter eines Gutsbesitzers zusammen mit acht Geschwistern aufgewachsen und hatte bei einem Kürschner das Nähen gelernt. In stillen Stunden schwelgte sie sehnsuchtsvoll in Erinnerungen, erzählte von der elterlichen Trakehner-Zucht und dem geschwisterlichen Spiel auf dem Heuboden. Sie schwärmte von den Störchen, die sie besonders liebte, aber auch von den dunklen Wäldern, den Elchen, dem Flussufer der Memel mit Wiesen voller Frösche und Libellen und der Weite des Landstriches, von dem sie sagte, dass er dem Niederrhein ähnlich sei. Doch ihr Heimatland lag nicht nur weit vom Ruhrgebiet entfernt, sondern war im Krieg, nach Vertreibung der Deutschen und Besetzung durch die Russen, unerreichbar für sie geworden.

Ihre Eltern starben bereits in den 30er Jahren. Ihr Lieblingsbruder Eugen Ewald war 1944 in Labian gefallen. Zwei ihrer Schwestern, Hedwig und Olga, waren ihr nach Duisburg gefolgt, wo sie im Stadtteil Beeck eine Unterkunft fanden; Maria Meta verstarb bereits 1920 in Essen, Bruder Artur Hermann 1922 in Jagstellen/Ostpreußen; von zwei Brüdern zog Georg Willy nach Köln und August Emil nach Büderich bei Werl. Ihre Schwester Elisabeth Marta – von allen „Ratta“ genannt – lebte nach Kauf des Hauses, zusammen mit ihrem beamteten Mann, ebenfalls in einem Raum des Erdgeschosses im Hause der Großeltern.
(Fotos siehe: www.gottes-bilderbuch.de/ueber-mich/zum-gedenken/ostpreussen )

Nachdem ihr Gatte im Krieg gefallen war, verlor sie all ihre Lebensfreude und versank mehr und mehr in eine tiefe Depression, die sie mit billigem Fusel und Branntwein aus Methylalkohol zu betäuben versuchte. Sie verwahrloste völlig, hörte schließlich auf zu essen und unterließ jegliche Körperpflege. Manchmal saß sie im Bademantel mit wirren Haaren auf dem unteren Treppenabsatz und aß dick mit Wasser angerührten Malzkaffee-Brei. Als ihre Krankheit den Höhepunkt erreichte, lief sie ihrem Schwager im Garten mit einer Axt hinterher und schrie voller Verzweiflung: „Erschlag mich! Bring mich doch endlich um!“
Ratta, die, wie mein Vater sagte, einst eine patente Frau gewesen war, hatte ihre Gehirnzellen endgültig dem Alkohol geopfert. Aufgrund dessen wurde sie schließlich Anfang der 50er Jahre, von Wahnvorstellungen geplagt, in die Nervenklinik nach Bedburg-Hau eingewiesen, wo sie im Jahre 1964 verstarb.


Mein Opa stammte von einem Großbauern aus Lütz an der Mosel. Er war ein geselliger, ruhiger und gutmütiger Mann, handwerklich geschickt, der die sämtlichen Arbeiten am Haus erledigte und acht Jahre jünger war, als seine Frau.
In den 20er Jahren hatten beide ihre Heimat verlassen und waren ins Ruhrgebiet gezogen, weil es dort Aussichten auf ein gutes Auskommen gab. Opa hatte als Stahlwerker eine Arbeit bei den Krupp-Werken in Rheinhausen bekommen, und Oma kaufte mit ihrem Erbteil das 1896 erbaute Haus für 7.000 Goldmark.

Vor ihrer Heirat war es bei beiden Familien in Ostpreußen und an der Mosel zum Eklat gekommen, denn Oma war Protestantin und Opa Katholik. Das wurde seinerzeit wie ein kirchlicher Verrat angesehen und stieß überall auf herbe Kritik. Selbst in der Nachbarschaft wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geschwätzt. Eine der unmittelbaren Nachbarfamilien war „schwarz-katholisch“ und ging nicht nur täglich in die Messe und zur Beichte, sondern pilgerte auch regelmäßig zur Wallfahrt nach Kevelaer.
Oma fand dafür nur ablehnende Worte. „Die Katholiken werden doch von Kindheit an durch die Beichte zum Lügen erzogen“, behauptete sie. „Denen kann man nicht trauen!“
Ob Katholik oder Protestant: Alle waren davon überzeugt, den einzig wahren Glauben zu haben. Wer andersgläubig war, wurde belächelt und verurteilt. Für diese Religionseiferer einen gemeinsamen Nenner zu finden, war ein Unterfangen, auf dem kein kirchlicher Segen ruhen konnte, denn konfessionelle Mischehen waren verpönt. Zeitlebens schimpfte Opa deshalb auf „die Pfaffen“, aber seine Frau war pietistisch fromm für beide zusammen.

Auch Opa hatte Geschwister. Einer seiner Brüder war nach München gezogen, der zweite, mit Namen Ferdinand, hatte zunächst Omas Schwester Olga geheiratet. Dann wechselte er zur Schwester Hedwig und begann zunächst ein Verhältnis mit ihr. Als die bedauernswerte Olga gezwungenermaßen mit beiden zu Dritt in einem Bett schlafen sollte, erhängte sie sich aus Kummer. Später heirateten Hedwig und Ferdinand. Es war ihre zweite Ehe. Ihrem ersten Ehemann war sie zwei Tage nach der Hochzeit in Ostpreußen davongelaufen.
Hedwig und Ferdi kamen häufig zu Besuch. Dann wurden die hauchdünnen, „guten“ Weingläser aus dem schwarz-braunen, goldfüßigen Schleiflack-Schrank geholt, und man saß bei Moselwein zusammen und schwelgte in Erinnerungen.


Als ich heranwuchs und begann, meine Umwelt bewusster wahrzunehmen, war das Gesicht von „Onkel Ferdinand“ ein besonders anziehender und gleichermaßen abstoßender Blickpunkt für mich. Seine linke Gesichtshälfte bedeckte nämlich ein Blutschwamm, der sich bis über den gesamten Hinterkopf erstreckte.

„Ist der Onkel krank?“, fragte ich immer wieder, und obwohl meine Oma hier ein deutliches „Nein“ aussprach, wurde die Frage stets wiederholt, sobald Ferdi zu Besuch kam. Meiner Oma war das peinlich, und sie versuchte es zu erklären, in dem sie mir erzählte, die Mutter von Onkel Ferdinand hätte sich während der Schwangerschaft vor Feuer erschreckt.

Ob das Aberglaube war oder nicht, Oma hatte immer Recht, wenn von solch mystischen Dingen sprach. Einmal blühte im Spätherbst die Hecke nach. Das war ihr ein Zeichen, dass jemand aus der Nachbarschaft sterben würde, und es traf ein. In der Nacht, als der Nachbar starb, hatte Oma Geistwesen in ihrem Schlafzimmer gesehen, die über den Kranken im Nebenhaus sprachen. Wie weiße Schwaden hätten sie im Raum gestanden und geflüstert: „Jetzt ist es vorbei!“

Ein anderes Mal wuchs einer Blume im Garten eine Knospe, in der sich zwei Blüten befanden. Jemand aus der Familie würde heiraten, prophezeite Oma, und so kam es dann auch.
Schon, als ich noch relativ klein war, erzählte mir Oma die Geschichte ihres Bruders Artur Hermann, der sich auf dem elterlichen Gutshof erhängt hatte.
„Er hat das „Sechste und Siebente Buch Moses“ gelesen“, hatte sie gesagt, „und damit die Toten gerufen!“ Anschließend sei er sie nicht mehr losgeworden. Das Buch wäre sieben Mal versiegelt gewesen. Der Bruder hätte aus Neugierde alle diese Siegel gebrochen und wäre deshalb immer tiefer in die Hände der Geisterwelt geraten. Schließlich hätte ihn das zum Selbstmord getrieben.
„Die Toten muss man ruhen lassen!“, warnte Oma. „Niemand darf sie rufen!“ Früher einmal hatte sie mit anderen zusammen Séancen abgehalten und den Geistern beim „Tischchen rücken“ Fragen über die Zukunft gestellt.
„Wenn die Toten schon lange von der Erde weg sind, wird ihre Schrift undeutlich“, hatte sie über das „automatische Schreiben“ gesagt, „dann ist es eine Sünde, sie zurückzuholen.“
Über Marta erzählte Oma ähnliche mysteriöse Dinge. Einmal sei diese ins Dorf zum Tanz gegangen und hätte dort einen Mann kennen gelernt. Völlig verändert wäre Marta danach ins elterliche Haus zurückgekehrt. Sie sei fortan wie verhext gewesen und geistesabwesend herumgeirrt. Oma erzählte, sie habe ihre Schwester daraufhin gefragt, was denn passiert sei.
„Jede Nacht kommt jemand und holt mich!“, hatte Marta ihr wie in Trance berichtet.

Oma wollte das nicht glauben und bot ihr an, am nächsten Abend das Bett zu tauschen. Als Oma in Martas Bett lag, erwachte sie mitten in der Nacht, weil jemand an ihrer Decke zog und raunte: „Das ist sie nicht!“ Dann wäre ein Heulen durch Haus und Garten gegangen, das Tor sei mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen, und die Tiere im Stall hätten gelärmt. Der Spuk war nach diesem Vorfall vorbei gewesen und Martas Zustand hatte sich wieder normalisiert.

Im Haus hatte Oma das Sagen und führte ein sanftes Regiment, dem sich ihr Mann nicht zu widersetzen wagte. Ihr Schwiegersohn hingegen sehr. Als Oma eines Tages, wie immer mittags um 12 Uhr, ihren Mann mit einem lauten „Robert!“ zum Essen herbei rief, platzte meinem Vater fast der Kragen. Eine dringende Arbeit im Hof sollte gemeinsam mit dem Schwiegervater erledigt werden, doch Opa ließ nach dem zweiten Mahnruf die Arbeit sinken und machte sich auf zum Mittagstisch, wo sein Weib bereits sehr ungehalten auf ihn wartete. Der häusliche Frieden war ihm wichtiger. Er gab immer klein bei und schien sich mit allem abzufinden.
Irgendwann in späteren Jahren fragte mein Vater den Schwiegervater: „Warum haust du ihr nicht einmal eine runter?“
Dieser zuckte nur mit den Schultern und erwiderte kleinlaut: „Ach, sie ist doch schon so alt!“

Oma behielt die Hosen an und ließ ihren Mann durch ihre barsche und fromme Art in punkto Sexualität und Romantik „verhungern“. Das war nicht ihre Welt! Aber es wäre durchaus die von Opa gewesen, hätte er seine Sinnlichkeit denn ausleben können. So etwas brauchte sie genauso wenig wie die Musik. Sie hatte eine Tochter zur Welt gebracht, und aus war es fortan mit der körperlichen Liebe und den ehelichen Pflichten gewesen.

Notgedrungen ergötzte ihr Mann sich deshalb an der Unterwäsche der Nachbarin, wenn sie ihre Höschen zum Trocknen auf die Wäscheleine hängte oder an diversen pornografischen Fotos, die er mit sich herum trug wie ein kleiner, ungezogener Junge. Manchmal verschwand er damit im Plumpsklo auf dem Hof, das von allen Bewohnern des Hauses benutzt wurde.
Zeitungen dienten dort nicht nur der morgendlichen Lektüre, sondern wurden auch im stark verkleinerten Zustand zum Abputzen des „Allerwertesten“ benutzt, weil Toilettenpapier Luxus war, den man sich nicht leisten konnte.

wird fortgesetzt…