Kleiner Rückblick – Abberufen

Fortsetzung Teil 51

Patrick Seidel, Foto: Gisela Seidel

Es begann ein neues Kapitel in meiner Geschichte. Noch hatte ich die Möglichkeit zu schreiben, zu lesen oder mich sonst wie zu beschäftigen.

Mein kleiner Freundeskreis befand sich schon lange nicht mehr in meiner Nähe. Alle wohnten von Duisburg entfernt und man sah sich meist nur ein paar Stunden im Jahr. Nach Xanten konnte ich nun nicht mehr fahren. Der einzige konstante Kontakt war mein Sohn Patrick, der jeden Sonntag mit mir zusammen aß, lachte und auch stritt, weil er sich manchmal unverstanden fühlte oder umkehrt. Da trafen zwei Sensibelchen aufeinander. Seine Gelassenheit schützte ihn. Ich mochte seine Unpünktlichkeit nicht. Aber so war er: immer wenigstens eine Viertelstunde zu spät. Dann empfing ich ihn bereits recht unterkühlt, und das konnte er gar nicht verstehen. Heute wünsche ich mir nur EINEN unpünktlichen Besuch von ihm herbei.

2019 begann, nach einer schönen Weihnachtsfeier mit meinem Sohn, so, wie wir es immer feierten. Wir ahnten nicht, dass das unser letztes gemeinsames Weihnachten sein würde.

Alles ging anfangs seinen gewohnten Gang. Patrick arbeitete in einem Callcenter und war dort sehr unglücklich. In diesem, im amerikanischen Stil geführten Großraumbüro, hätte ich niemals arbeiten können. Er hatte ständig Mittagsdienst, kaum eine Pause. Selbst die Toilettengänge wurden von der Arbeitszeit abgezogen. Er war dort absolut unterfordert. Dann wurde er psychisch krank und versuchte bei fünf Therapeuten einen Termin zu bekommen. Sie lehnten ihn allesamt ab. Er wurde von Mal zu Mal unglücklicher, was sich oft in Aggressionen äußerte. Ich hatte zuletzt Angst, ihn anzusprechen. Also packte ich die Worte ‚in Watte‘, bevor ich etwas aussprach. Es schien alles verkehrt zu sein. Das Schlimme war, dass ich ihm nicht helfen konnte. Ich konnte nichts tun!

Anfang September hatte ich den schlimmsten Traum meines Lebens:
Ich befand mich in einem völlig weißen Raum ohne Möbel. Darin waren wir beide, Patrick und ich. Er lächelte und wir hatten Spaß. Alles war durchscheinend und weiß. Plötzlich ging sein Handy. Er erhielt einen Anruf, stand auf und ging durch eine Glastüre aus dem Zimmer. Ich verließ den Raum, um auf die Toilette zu gehen. Als ich wiederkam, war Patrick weg, und es war eine drückende Stimmung im Raum. Die Leere hat so geschmerzt, dass ich laut schrie…so laut, dass ich davon wach wurde. Meine Katzen rannten aus dem Schlafzimmer. Die Nachbarn waren zum Glück nicht zu Hause. Das war das erste Mal, dass ich solch ein übles Gefühl hatte. Ich erzählte ihm davon, und er nahm es, wie immer gelassen, zur Kenntnis.

Wir waren täglich über WhatsApp verbunden. Er klang meistens freudig und ruhig, wenig besorgniserregend, wenn er schrieb. Auch am 29. Oktober 2019. Er hatte mir eine Sprachnachricht geschickt und klang diesmal besorgter als sonst, klagte über seine Bauchspeicheldrüse und wollte zum Arzt gehen. Er fühle einen Druck im Bauch und erzählte, er hätte auf dem Weg zu Aldi einen Schwächeanfall gehabt, so dass er sich an der Hauswand festhalten musste, wie ein alter Opa. Das war um 21 Uhr.

Damals schrieb ich ihm, dass die Bauchspeicheldrüse völlig abwegig sei, denn er trank, wie ich, keinen Tropfen Alkohol. Dennoch bestand er auf seiner Vermutung.

Er schrieb davon, dass er Spinat gegessen hätte und nach dem Mittagschlaf wieder ins Bett gegangen sei. Darüber machte ich noch die dumme Bemerkung: Totenstarre!

Was war das? Eine schlimme Vorahnung? Wie ich dieses Wort bereue!

Am nächsten Tag schrieb ich ihm eine Nachricht über WhatsApp und fragte ihn, ob es ihm wieder gut geht. Es kam keine Antwort. Danach war ich abgelenkt, denn meine Freundin kam aus Voerde zu mir.

Patrick schottete sich gelegentlich vor WhatsApp Nachrichten ab, wenn er Ruhe haben wollte. Deshalb war ich zunächst nicht beunruhigt. Ich schickte ihm eine SMS am folgenden Tag, und als ich wieder keine Antwort erhielt, machte ich mir Sorgen. Ich verdrängte die Möglichkeit, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte und dachte, er wird sich melden, sobald er kann. Ich wollte ihm nicht hinterherlaufen.

Nach drei Tagen sah ich nur noch EINEN Haken an der WhatsApp Nachricht, die ich ihm geschickt hatte. Der Akku war leer. Diese Tatsache machte mich verrückt. Ich musste irgendwie nach Neudorf, um nach meinem Sohn zu sehen. Zunächst bat ich meine Freundin aus Voerde mit mir dort nachzusehen. Aber das wäre nicht gut gewesen, und ich wollte niemanden damit belasten. Also rief ich die Polizei an, erklärte, was ich wusste und fragte nach einer möglichen Krankenhaus-Einlieferung. Der Beamte wollte sich kundig machen, und ich wartete zu Hause auf eine Rückmeldung. Doch die kam nicht. Gegen Abend schellte es an der Türe und zwei Polizeibeamte standen davor. Sie fragten, ob sich die Suche nach meinem Sohn geklärt hätte. Da ich auf den Rückruf ihres Kollegen gewartet hatte, war das wohl ein Missverständnis. Kein Krankenhaus hatte Patrick aufgenommen.

Die Beamten sagten mir, ich soll mit dem Taxi nach Neudorf fahren und dort die 110 wählen. Dann käme ein Wagen und man würde sich um weiteres kümmern. Das tat ich dann auch, wenn auch schweren Herzens. Ich gab dem Beamten den Wohnungsschlüssel, konnte aber nicht mit in die 2. Etage gehen. Ich hoffte immer noch, dass Patrick nur schlafen würde. Doch dann kam der Polizist zurück und sagte mir, mein Sohn würde tot in seinem Bett liegen.

Wie ich mich gefühlt habe? Ich kann es gar nicht beschreiben. Es war ein Nicht-wahr-haben-wollen in mir. Die Realität erreichte mich viel später. Damals lief ein Film vor mir ab und ich war darin. Patrick konnte gar nicht tot sein! Er war doch noch so jung, eine Woche vor seinem 38. Geburtstag!

Ich konnte im Polizeiauto auf die Kripo warten. Zwei Beamte kamen wenig später, gingen in Patricks Wohnung und ließen den Leichnam abholen. Die schockierte Nachbarin im Erdgeschoss bot uns freundlicherweise ihre Wohnung an, damit der Bericht aufgenommen werden konnte. Ich zeigte dem Beamten den letzten WhatsApp-Eintrag und spielte ihm die letzte Sprachnachricht vor. Er sagte, es sei gut gewesen, dass ich die Wohnung nicht mehr betreten habe. Patricks Leichnam zu sehen, wäre für mich ein bleibendes Erlebnis gewesen, das ich nie mehr vergessen hätte. Zu alledem wäre im Schlafzimmer kein Licht gewesen. Es muss ihn selbst gegruselt haben.

Der Beamte fand eine Tasse mit Marihuana in der Wohnung und veranlasste eine Obduktion. Nach einer Woche wurde der Leichnam freigegeben. Todesursache war ein plötzlicher Herztod durch einen Herzfehler. Mein Patrick war für immer fort!

Nun lag es an mir, jemanden mit der Beerdigung zu beauftragen, der den Leichnam nach der Obduktion abholt. Gleich am Folgetag fuhr ich mit einer ehemaligen Kollegin, die sich sofort bereit erklärt hatte, mich zu begleiten, zum Beerdigungsinstitut und zum Amtsgericht, um das Erbe auszuschlagen. Ich hätte die Wohnung nie mehr betreten wollen. Ein Nachlassverwalter regelte alles.

Da mein Sohn genauso einsam lebte, wie ich, veranlasste ich eine Einäscherung mit Beisetzung in einem Friedwald in Venlo. Patrick mit seiner indigenen Seele liebte die Freiheit. Dort gibt es keine Einzäunung. Ich ließ ihn anonym beerdigen. Niemand war dabei, nur der Förster des Waldes. Irgendwann möchte ich ebenfalls dort bestattet werden.

Ein Teil von mir ist damals mitgestorben. Nur die Erinnerung lebt in meinem Herzen weiter. Erst Tage später kam mir der Traum in den Sinn. Ich stellte fest, dass Buddhisten Weiß als Zeichen der Trauer tragen. In Afrika hat die Farbe Weiß eine herausragende Symbolik. Sie steht vielerorts für Tod und Reinkarnation.
Patricks Tod war ein schicksalhaftes Ereignis, das mir bereits vorher offenbart wurde. Nur wollte ich es nicht wahrhaben.

Patricks Tattoo

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

2 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Abberufen“

  1. Liebe Gisela, ich fühle aus tiefstem Herzen mit Dir. Ich weiss, wie Du Dich fühltest und noch fühlst. Deshalb werde ich Dich nicht fragen, wie es Dir geht. Eine Hilfe für mich ist, wenn ich Gott täglich dafür danke, dass er mir meinen wunderbaren Sohn gegeben hat, für 52 Jahre! Alles Liebe und trag Dir Sorge, Elisa

    1. Ich danke Dir, liebe Elisa. Man sagt, es findet immer wieder zueinander, was einst zusammengehörte. Dem vertraue ich.
      Wie lernt man am besten bedingungslos zu lieben? Durch Leben und Tod des Kindes!
      Auch Worte helfen, die Sorgen des anderen zu tragen. Dafür hab Dank!
      Dir auch alles Liebe und göttlichen Beistand, Gisela

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