Kleiner Rückblick – Abschiede

Fortsetzung Teil 46

Geliebter Balkon – Foto: Gisela Seidel

Im Januar 2013, kurz nach dem Umzug, kam nach längerer Pause meine Freundin B. aus Xanten zu Besuch. Sie wirkte eigenartig, anders als sonst und brachte mir ein außergewöhnliches Geschenk mit, das ich am nächsten Tag zum Friedhof auf das Grab meiner Mutter legte. Es war ein im November für die Trauertage hergestelltes Grabgesteck: ein Herz, das in der Mitte mit Krähen-Beeren geschmückt war. Außerdem überreichte sie mir ein Armband aus Plastik, wie eins aus einer Wundertüte.

B., die sich in der Vergangenheit stets etwas abgehoben und versnobt gegeben hatte, schenkte mir ein Kinderarmband. Innerlich konnte ich das nicht umsetzen und verstehen. Sie wirke anders, saß eine Weile da und redete kaum ein Wort. Ehrlich gesagt, wusste ich in dieser Situation nichts mit ihr anzufangen und hatte auch keine Erklärung für ihr Verhalten. Es kam kein Gespräch zustande, so leid es mir tat. Wo ich früher über alles mit ihr reden konnte, war nun Unverständnis und Schweigen.

Sie merkte wohl auch, dass etwas anders war, stand schließlich auf und fuhr nach Xanten zurück. Was blieb war ein großes Fragezeichen. Am Folgetag, als ich ihr Geschenk näher betrachtete, gruselte es mich. Ich wollte es nicht länger im Haus haben.

Es hatte für mich eine andere Bedeutung, wie auch das Armband, das sofort zerriss, als ich versuchte, es an den Schlüssel des Wohnzimmer-Schrankes zu hängen. Unser Band war zerrissen, unsere Freundschaft würde sterben, Symbol dafür war das Grabgesteck. Auch dieses Rätsel wurde erst 2015 gelöst.

In meiner neuen Wohnung lebte ich mich schnell ein. Meine Nachbarn waren allesamt deutsche Rentner. Es lebte die deutsche Gründlichkeit in ihren Eigentumswohnungen. Ich nur in einer Mietwohnung, war in ihren Augen weniger wert. Alles wurde akribisch genau notiert, die Durchführung des Putzplanes kontrolliert. Sofort lag ich bei ihnen im Fokus der Aufmerksamkeit. Eine allein-stehende Frau wurde von den Herrschaften herabgewertet. Dann war da noch mein Mercedes, den mir mein Vater mittlerweile geschenkt und überschrieben hatte. Ich blieb bis zuletzt ein Stein des Anstoßes für sie. Von nachbarschaftlicher Hilfe habe ich nie etwas erfahren. Nur meine direkte Nachbarin stand regelmäßig auf der Schwelle, wenn sie in Urlaub fahren wollte und der Putzplan geändert werden sollte.

Mein Sohn Patrick kam jedes Wochenende zu Besuch und wir hatten Kontakt über SMS. Als seine geliebte Katze „Wichtel“ eingeschläfert werden musste, weil es nicht mehr anders ging, machte er mir heftige Vorwürfe. Es war mir nicht mehr möglich gewesen, ihm vorher Bescheid zu geben. Wichtel kippte immer um und war so schwach, dass sie sich bei mir verkriechen wollte. Das Einschläfern war eine Erlösung für sie.

Nun war ich mit meinem Kater „Dibo“ alleine. Wir hatten nur noch eine kurze Zeit zusammen. Anfang 2015 begann er, sich zu verkriechen. Ich stellte fest, dass sein Auge rot unterlaufen war und dachte mir, es sei eine Bindehautentzündung. Aber leider ging es trotz Tropfen nicht weg, und ich bin mit ihm zur Tierklinik gefahren. Dort wurde festgestellt, dass ein Tumor hinter dem Auge saß, der bereits den Gaumen befallen hatte. Also musste ich auch mein geliebtes Katerchen einschläfern lassen. Das war ein harter Schlag für mich. Mit ihm starb endgültig meine Vergangenheit.

Dibo – Foto: Gisela Seidel

Eigentlich hatte mein Vater meinem Sohn die Möglichkeit gegeben, mich jede Woche sehen zu können. Da mir seine Lebensgefährtin Hausverbot erteilt hatte und sich mein Vater aufgrund seiner Blindheit fügen musste, traf ich mich gelegentlich heimlich mit ihm, im nahegelegenen Edeka-Café. Dort erzählte ich ihm, dass Patrick den Micra verschrotten musste und nun ohne Auto sei. Die Reaktion meines Vaters verblüffte mich, denn er meinte, jeder junge Mann sollte ein Auto haben. Er wollte Patrick ein Auto bis zu 6.000 Euro schenken. Das müsste jedoch innerhalb von zwei Tagen geschehen, weil sonst seine Frau etwas davon erfahren würde.

Als mein Vater 2010 geheiratet hatte, spielte auch die finanzielle Sicherheit seiner Frau eine große Rolle. Sie sollte alles erben. Seinem Stiefsohn ließ mein Vater ohnehin große Geldsummen zukommen.

Das Geschenk meines Vaters an meinen Sohn Patrick, der ihm aufgrund seiner Hautfarbe immer ein Dorn im Auge war, nahm dieser freudig an. Es war das erste Geschenk überhaupt, das er von ihm erhalten hatte. Mein Vater fuhr mit zum Händler und brachte den Kauf unter Dach und Fach. Als ein paar Tage später seine Frau davon erfuhr, eröffnete sie ein neues Konto und buchte alles um, was meinem Vater gehört hatte. Sie war außer sich vor Wut und sah mich als Sünderin an, die meinen Vater zum Zahlen verführt hatte. Von dem Zeitpunkt an herrschte absolute Funkstille. Zweimal im Jahr telefonierte ich mit meinem Vater an unseren Geburtstagen. Da er nicht mehr ohne die Hilfe seiner Frau telefonieren konnte, blieb es dabei.

Bis 2016 fuhr ich täglich in mein Büro und ging nach 47 Arbeitsjahren in Rente. Zum Schluss war ich nur zum Monatsabschluss im Büro, um meine Nachfolgerin einzuarbeiten. Die ersten Wochen brachte mir mein ständiges Zuhausesein wenig Freude. Immer Urlaub zu haben, war ich nicht gewohnt. Da war keine berufliche Herausforderung mehr. Mein Wissen war nicht mehr gefragt. Das, was ich erarbeitet hatte, machte nun teilweise mein Chef selbst, wenn meine Nachfolgerin die Excel-Tabellen nicht verstand. Ich musste loslassen! Das alles ging mich nichts mehr an. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer begann.

Das Eichhörnchen hatte eine Futterbox – Foto: Gisela Seidel

Es blieb der große Balkon mit dem wundervollen Ausblick. Ich liebe die Stille, aber selbst das war mir zu viel. Es fehlte das Leben und die Gespräche mit den Kollegen. Ich hatte meine Hoffnungen auf die Dorfkirche gesetzt und besuchte den Gottesdienst jeden Sonntag.

Foto: Gisela Seidel

Ich betrachtete das Neuland kritisch. Die Predigten waren viel kürzer, als in früheren Jahren. Wenn der MSV spielte, schaute einer der Pfarrer auf die Uhr und endete in Eile. Manchmal erklärte er Bibelverse von der Kanzel, die sich mir ganz anders darstellten. Aber das konnte ich nicht klären. Also begann ich, beim Bibelkurs mitzumachen, musste jedoch feststellen, dass über alles Mögliche erzählt wurde, nur nicht über die Bibel. Mich interessierte das Thema schon immer, und ich denke, jeder Mensch, der sich Christ nennt, sollte zumindest dort gelesen haben. Auf die Darstellungen der Kirche wollte ich mich nicht verlassen. Nur ein Papier-Christ, der sich mit einer Taufurkunde zufrieden gibt, um in den Himmel zu kommen, das wollte ich nicht sein.

Nach einem Jahr Zugehörigkeit in der Evangelischen Kirche entschloss ich mich zum Austritt, weil ich dem sinnlosen Brimborium dort nichts abgewinnen konnte.

Ich glaube an einen gerechten, liebevollen Gott! Ich bete zu Gott, niemals zu Heiligen. Ich glaube an die Christliche Botschaft und an Reinkarnation. Ich bete nicht in einer Kirche. Ich bete im ‚stillen Kämmerlein‘ zu Gott-Vater meinem Schöpfer, der mein Leben erhält und zum Guten wendet.

Ich glaube nicht an die Dreifaltigkeit. Ich glaube nicht daran, dass die Bibel von Gott geschrieben wurde. Ich glaube nicht an Gottes Königreich auf Erden, das noch kommen soll, als Erlösung der Menschheit; an einen Messias, der die Ungläubigen in die Hölle schickt. Ich respektiere alle anderen Religionen. Sie sind Wege zum Ziel.

Fazit: Ich glaube! Und diese Tatsache, an die niemand rütteln kann, hat mir über die tiefsten Abgründe meines Lebens hinweggeholfen. Ich dachte an ‚Samuel‘, meinen Geistführer, der mir damals von R. M. vorgestellt worden war. Die Löcher in meiner Seele waren kleiner geworden. Die Überwindung des Leids hatte mir Kraft gegeben, aber ich hatte mein Eremiten-Dasein noch nicht ganz akzeptieren können.

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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