Kleiner Rückblick – Amigo

Fortsetzung Teil 44

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Im August 2009 verabschiedete sich mein alter Chef von mir im Traum, zwei Wochen vor seinem Tod. Er stand lächelnd da, trug einen schwarzen Anzug und winkte mir zu. Ich erzählte es meinen Kollegen, die Angst vor meinen Wahrträumen bekamen. Seitdem hüllte ich mich in Schweigen. Für mich ist ein solcher Traum ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Sphäre gibt, die wir Menschen verstandesmäßig nicht erfassen können.

Ich arbeitete in der Chemiefabrik hauptsächlich mit Männer zusammen, was mir sehr angenehm war. Mit allen kam ich gut klar, doch mein Nachbar war eine Ausnahme. Selbstständige Frauen waren ihm ein Gräuel. Einen Mann brauchte ich nur für handwerkliche Dinge, wenn mir die Kraft fehlte. Ich machte von jeher vieles selber. Bei der Gartenarbeit war das genauso. Aber meinem ‚lieben‘ Nachbarn gefiel das nicht. Der für mich abgestellte Wasserhahn im Garten war eine Geschichte von vielen. Wenn ich nicht draußen war, sah ich ihn oft durch meinen Gartenteil schleichen.

Einmal hatte er wohl mächtig Spaß daran, mir eine große, tote Ratte vor meinen Wassercontainer zu legen. Ich mag Ratten, und geekelt habe ich mich auch nicht, sondern das Tierchen beerdigt. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ende 2010 klaute er dann von meinem Gartenteil eine von mir gekaufte Christrose und pflanzte sie in eine Schale vor seinem Eingang. Ich kochte vor Wut, sagte aber nichts.

Wir hatten eine Toilette im Garten. Er hat absichtlich das Wasser abgestellt, und ich musste jedes Mal nach oben in meine Wohnung laufen. Dann zog seine Frau die Reißleine und ging mit ihm 2010 ins Altenheim, was einen neuen Mieter auf den Plan rief, der nicht besser war, als der alte. Er war Malermeister in der Fabrik gewesen und damals im Vorruhestand. Seine Frau war ebenfalls immer zu Hause.

Im Werk hatte er viele Handwerker-Kollegen, die darauf warteten, dass er einzog. Ihm wurde von allen Seiten geholfen; er hatte für jede Arbeit ein Helferlein, auch für den Garten.

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Der Garten glich vormals einer Parklandschaft. Er war an der Außenmauer dicht bepflanzt mit Sträuchern und Bäumen. Als mein Nachbar endgültig eingezogen war, änderte sich das. Er ließ alles roden, was seinem Plan im Weg stand. Die Mauer wurde durch Holzplatten erhöht, dafür Flieder und Jasmin entfernt. Dabei war ihm die Gemeinschaftsfläche ganz egal.

Als ich einmal nach Feierabend nach Hause kam, blickte ich zufällig auf eine große, kahle Stelle der unansehnlichen Mauer. Das tat mir so weh, dass ich in Tränen ausbrach. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und konnte es nicht verstehen. Wie konnte der Mensch so etwas Schönes zerstören!?

Foto: Gisela Seidel

Aber ich hatte keine Chance zu widersprechen. Nachdem der halbe Garten gerodet war, wurde ein Holzhaus gebaut und ein großer, grüner Zaun darum gesetzt. Wenn die Kollegen Mittagspause machten, war dieses Haus ein gerne angenommenes Gartendomizil. Hier wurde niemals gegrillt, nur geredet. Des Nachbarn Erklärung für diese Maßnahme: „Wenn ich ein Mal grille, will meine Frau das immer haben.“

Blumen suchte man vergebens. Dafür hatte man ja meine Seite, die ich immer neu bepflanzte. Tragisch war, dass der Mensch im Sommer hinging und die blühenden Hibiskus-Sträucher vor dem Haus mit einer Heckenschere abschnitt, damit seine Frau die herabfallenden Blüten nicht beseitigen musste.

Foto: Gisela Seidel

Die Straßenseite blieb weiterhin meine Arbeit. Ich sah das Pärchen niemals fegen oder Schnee schaufeln. Das machte ein Gärtner für sie. Aber sie hatten etwas mit ins Haus gebracht, mein Kindheitstrauma, einen großen altdeutschen Schäferhund.

Welcher Hund passt besser zu einem Macho? Der neue Nachbar glaubte auch, seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, indem er sich einen 387 PS starken, neuen Mercedes in die Garage stellte. Er brauchte diese Penis-Verlängerung!

Sorge machte mir das ‚Hündchen‘. Immer, wenn ich die Türe zum Hof aufschloss, erstarrte ich. Was war, wenn er dort frei herumlaufen würde? Einen Gärtner hatte er bereits in den Bauch gebissen. Mein Nachbar hatte ihn schon mal auf die spielenden Kinder gehetzt, als sie auf dem neuen Holzzaun herumkletterten. Die waren weinend nach Hause gelaufen.

Anfangs luden mich die Nachbarn zu sich ein. Der Hund sollte lernen, dass ich Mitglied des Hauses sei. Ich näherte mich vorsichtig, und da ich keine Hunde kannte, hielt ich „Amigo“ für unberechenbar. Nach einiger Zeit und nach zahlreichen Leckerchen, die er von mir erhielt, hatte er mich akzeptiert. Er lag im Garten zu meinen Füßen und ließ mich anstandslos auf den Hof. Die Furcht wich langsam, und er respektierte mich.
Leider musste Amigo wegen einer nicht zu behandelnden Entzündung im Bein eingeschläfert werden. Ich werde nie vergessen, wie er zu seiner letzten Fahrt in das Auto meiner Nachbarn stieg. Das tat mir sehr leid, denn ich mochte ihn.

Foto: Gisela Seidel

Fortsetzung folgt...

Autor: Gisela

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