Kleiner Rückblick – Aus heiterem Himmel

Fortsetzung Teil 50

Foto: Patrick Seidel

Wenn man mitten im Leben steht, denkt man, alles geht immer so weiter. Das dachte ich auch, obwohl die Krankheiten im Laufe der Jahre nicht weniger geworden waren. Ich war zufrieden, wenn auch nicht mit allem.

Mit den zwei neuen Nachbarn hatte ich gar nichts zu tun. Wenn ich sie sah, grüßten sie flüchtig. Das war alles. Anfang Juni 2018 stand einer der jungen Männer vor meiner Türe und warnte mich vor, dass es bald eine Geburtstagsfeier geben würde, die in der Wohnung über mir stattfinden sollte. Der Nachbar sollte von seinen Freunden mit einer Feier zu seinem dreißigsten Geburtstag überrascht werden. Ich dachte, man würde in den neuen Tag hineinfeiern und befürchtete nichts Schlimmes. Aber es kam schlimmer! Man feiert heute anders, als in meiner Zeit.

Bereits um 20 Uhr wurde ein Anhänger mit Alkohol abgeladen. Nach und nach trudelten die Gäste ein. Es waren wenigstens zwanzig. Die Wohnung über mir wurde freigeräumt, und es entstand über meinem Wohnzimmer eine Tanzfläche. Das Haus ist alt und verfügt über Holzdecken, die den Lärm wunderbar leiteten. Als die betrunkene Gesellschaft mit lautstarker Musik und noch lauterem Gegröle über mir tanzte, dass sich die Balken bogen, verschwanden meine Katzen unter dem Bett.

Leider konnte man dem Lärm nicht entfliehen. Die rücksichtslose Gesellschaft beschallte noch nach Mitternacht die ganze Straße. Je lauter die Musik, umso lauter war das Geschreie aus den offenen Fenstern. Anscheinend war jeder Raum belegt. Gegen 3 Uhr platzte mir der Kragen, und ich rief die Polizei, die sofort erschien. Daraufhin verstummte die Musik, doch als sie weg war, fingen die betrunkenen Köpfe an zu singen. Es war nicht auszuhalten. Von Schlaf konnte keine Rede sein. Endlich, gegen 5 Uhr löste sich die Gesellschaft langsam auf und die ersten Frauen wurden abgeholt.

Als alle gegangen waren und Ruhe eingekehrt war, löste sich bei mir langsam die Anspannung. Mein Herz schlug ruhiger, doch ein erholsamer Schlaf blieb aus. Auch die Katzen waren verstört.

Zwei Tage später erwachte ich morgens gegen 6 Uhr und bemerkte beim Umlagern im Bett einen starken Schwindel. Er war so stark, dass ich Mühe hatte, aufzustehen, und er machte mir Angst. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich dachte an einen Drehschwindel, der vom Ohr ausgelöst wird. Doch, als ich mich in die Sitzposition gequält hatte, war es mir wie bei einer Seekrankheit: aller Inhalt verließ meinen Körper, und ich bemerkte schockiert, dass ich nicht mehr laufen konnte. Mein linkes Bein war wie gelähmt. In letzter Anstrengung erreichte ich kriechend den Flur, zog den Schlüssel, der immer von innen steckte, aus der Haustüre und griff mir das Telefon. Dann kam ich nur noch zur Toilette. Von dort aus rief ich meinen Sohn Patrick an, der gerade nach Hause gekommen war. Er erkannte an meinem Tonfall, dass irgendetwas nicht stimmte und kam sofort zu mir. Er hatte einen Schlüssel. Glücklicherweise konnte ich das Schloss frei machen, sonst hätte er die Wohnung nicht betreten können.

Er fand mich in einem desolaten Zustand vor. Dann versuchte er, mich ins Wohnzimmer zu bringen. Da ich nicht laufen konnte, war das mehr als schwierig. Wir waren beide überfordert und überlegten, was wir nun tun sollen. Er rief den Notdienstarzt, der erst gegen 8 Uhr erschien. Nach eingehender Untersuchung bestellte er lediglich einen Krankenwagen, der aber erst nach 12 Uhr bei mir eintraf. Als mich die Sanitäterinnen sahen, erkannten sie sofort einen Schlaganfall und brachten mich in die Stroke Unit, eine Abteilung der Sana Klinik in Duisburg, wo ich drei Wochen lang behandelt wurde. Auch dort wurde ein Schlaganfall diagnostiziert. Glücklicherweise musste mein Schädel nicht geöffnet werden. Der Druck ließ nach und das Fieber sank. Es blieb die Lähmung auf der linken Seite. Ich konnte sitzen, mehr nicht. Da meine Venen bereits völlig lädiert waren, setzte man mir einen Venen-Katheder am Hals. Das Personal tat alles, damit es mir besser ging. Ich bin dort sehr gut versorgt worden und sehr dankbar.

Foto im Krankenhaus mit Patrick

Ich musste nun das Laufen wieder ganz neu lernen. Die Physiotherapeuten kannten keine Gnade und schleiften mich zu zweit über den Flur. Mein Gehirn wusste nicht mehr was Schritte sind.

Man untersuchte die Umstände des Schlaganfalls. Es wurde ein Vorhofflimmern festgestellt. Als Ursache konnten die Feier und der Lärm in Frage kommen, was häufig Auslöser ist.

Gottseidank funktionierte mein Denkapparat bis auf kleine Störungen, von denen nur meine Kontaktpersonen etwas mitbekamen. Ab und zu sprach ich nicht mehr deutlich. Fernsehen ging nicht mehr. Ich konnte mich darauf nicht konzentrieren. Ich war anwesend aber irgendwie auch nicht.

Mein Sohn Patrick hatte Angst um mich. Er besuchte mich täglich und versorgte mich mit allem, was ich brauchte. Für die Zeit, die ich im Krankenhaus verbringen musste, blieb er in meiner Wohnung. Insgesamt drei Monate lang versorgte er die Katzen. Darüber war ich sehr froh. Er war der einzige Mensch, dem ich voll und ganz vertrauen konnte, so anspruchslos, ehrlich und lieb. Die Katzen erkannten ihn schon von weitem.

Nach dem Krankenhaus brachte mich ein Krankenwagen in eine Reha-Klinik in Hattingen. Dort lernte ich das Stehen, Gehen und Laufen. Zunächst kam der Rollstuhl, dann der Rollator und später der Gehstock. Die Therapeuten waren unbarmherzig, und ich fürchtete mich vor jedem Schritt. Aber ich wollte es schaffen!

Mein Ziel war, den Urin-Katheder loszuwerden, um wieder eigenständig auf die Toilette gehen zu können. Jeder Tag war gefüllt mit Anwendungen. Ich habe bemerkt, dass ich bergab überhaupt nicht fahren und später gehen konnte. Sogar mit Begleitung des Therapeuten klappte das nicht. Die Angst war zu groß. Das funktioniert heute noch nicht. Dafür habe ich das Gefühl verloren. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört. Damals hatte ich einen großen Rechtsdrall. Auch von einer Leiter runter steigen fällt immer noch schwer. Ich habe Angst zu fallen.
Auf jeden Fall schafften es die Therapeuten, dass ich wieder laufen konnte. Am Schwersten waren die ersten Schritte alleine, ohne mich irgendwo festhalten zu können. Ich habe gedacht, ich schaffe es nie und würde gleich wieder zusammenbrechen.

Nach drei Monaten fuhr mich ein Taxi wieder nach Hause. Dort merkte ich, wie schlimm jede Bewegung des Autofahrens für mich war. Man hatte mir in der Klinik erklärt, ich dürfte erst wieder nach einem halben Jahr selbst fahren. Dafür machte ich dann einen Test in einer Fahrschule und bekam dafür eine Bescheinigung. Aber irgendwann verlor sich mein Interesse am Autofahren und an dem schicken Mercedes vor meiner Türe.

Patrick zog zurück in seine Wohnung nach Neudorf, und ich war wieder mit den Katzen alleine. Nun fühlte ich verstärkt die Verantwortung, die ich für die Tiere hatte. Zum Glück konnte ich alles im Haushalt selbst erledigen. Ein Lieferdienst bringt mir Lebensmittel und Getränke. Alles andere bekam ich über das Internet.

Komischerweise erwiesen sich 600 Meter zum Briefkasten als riesengroße Hürde. Zunächst nahm ich sie mit Rollator. Dann fuhr ich mit dem Wagen. 600 Meter! Was sollte ich machen? Mit dem Bus konnte ich nicht fahren. Mein Morbus Crohn ließ weder einen Spaziergang noch eine Busfahrt zu. Im Auto hatte ich wenigstens meinen Raum, wenn irgendwas passierte und es womöglich wieder mal in die Hose ging. Gegen das Fahrradfahren sprach mein defekter Gleichgewichtssinn. Es war ein Teufelskreis, den ich nicht durchbrechen konnte. Das bedeutete für mich, dass ich zu Hause bleiben musste.

Mein Einsiedler-Dasein hatte begonnen, und ich dachte unwillkürlich an meinen Traum, als mich die Mönchsgestalt an die Hand nahm und ich erschauderte.

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

2 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Aus heiterem Himmel“

    1. Danke, liebe Elisa, ich muss den Weg zu Ende gehen. Jeder muss das. Ja, ich habe viel durchgemacht, aber auch viel dadurch gelernt. Ich möchte nicht mit meinem Schicksal hadern. Da bin ich wohl wie Hiob, der festhält an Gott und ihm keine Schuld zuweist. Er gibt mir Kraft und Mut. Es hat alles einen Sinn.
      Alles Liebe Dir und ein schönes Wochenende. Viele Grüße in die Schweiz.

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