Kleiner Rückblick – Begehrlichkeiten

Fortsetzung Teil 27

Quelle: Wikipedia, Der Kuss – Liebespaar
Gustav Klimt, 1908/09
Österreichische Galerie Belvedere, Inv.-Nr. 912

Von seinem Standpunkt aus konnte er mehr als zufrieden sein. Das Gefühl, das zwischen uns war und unsere Briefe, waren eine Welt, die sich problemlos verbergen ließ. Er hatte ja noch eine andere Realität, nämlich eine Frau und Kinder zu Hause. Seine Zeit nach Büroschluss war ausgefüllt. Er war niemals alleine. Ich war es immer, schon so lange Jahre und spürte das nun noch stärker als zuvor.
Ich bildete mir ein, dass K. ein wirkliches Interesse an mir und meinem Leben hätte. Er war der erste Mensch, der mir wirklich Beachtung schenkte,…und er hatte so viel Gefühl!

Etliche Male versuchte ich den ‚Schleier der Zukunft‘ zu heben und wandte mich an sogenannte Wahrsagerinnen, die mich viel Geld kosteten. Ihre Antwort schaffte mir für kurze Zeit Beruhigung, doch dann machten ihre Worte alles noch viel schlimmer:
„Er strahlt dich an. Seine Augen sprechen von Liebe, aber er wird sich niemals von seiner Familie trennen.“
„Stell dir vor, er säße in seiner karierten Boxershorts auf deiner Couch und wüsste nichts mehr mit sich anzufangen, wenn er abends zu dir kommt. Jeden Tag würde er dich mehr dafür hassen, dass er seine Familie verloren hat.“

Wenn ich diese Nachrichten bekam, machte mich das fertig. Doch dann schrieb er ‚wie Schiller‘ und alles war vergessen:

„Hallo mein lieber, lieber Schatz…mein schönes, zartes Pflänzchen…mein Traum, meine Liebe!
Meine Gefühle für Dich sind so stark und intensiv, meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen und mein erster beim Aufwachen bist DU. Du bist auch in meinen Träumen und allen meinen Gefühlen. Unser Band darf niemals reißen, und wir werden glücklich sein! Gerade weil unser Band über den Geist geknüpft wurde, ist es jetzt so fest und intensiv. Ich fühle Dich, ich spüre Dich, ich spüre Dich am ganzen Körper. Du bist IN mir, die ganze Zeit! Ich sehne mich nach Dir, möchte Deine Umarmung und Deine Küsse, Dein zärtliches Streicheln und Deine sanfte Liebkosung. Ich küsse, küsse Dich ohne Ende! Verzeih’ mir bitte, wenn ich Dir noch nicht so viel schreiben konnte, wie ich wollte, aber im Moment ist es sehr schwierig. Meine Gedanken sind ganz fest bei Dir. Sei sicher, habe keine Angst!
Ich küsse Dich immer und wenn ich Dich nicht sehen und berühren kann, küsse ich Dich in meinen Gedanken. Du fühlst es ganz bestimmt! Ich spüre Dich, ich ATME Dich, und ich bin glücklich!
…Verzeih mir, wenn ich so offen bin! Ich habe seit meiner Heirat noch nie eine andere Frau gehabt. Bis vor zwei Jahren habe ich noch nicht einmal daran GEDACHT! Ich bekomme ALLES was ich brauche, sowohl im Bett, als auch mit den Kindern, mit dem häuslichen Wohlbefinden…alles ist perfekt, aber Du bist anders, ganz, ganz anders. Du bist wie ein Teil von mir. Du bist mir verbunden. Ich habe dafür keine anderen Worte, dafür fehlen mir wirklich Deine Ewigkeitsworte. Warten wir ab, was uns das Schicksal noch bringen wird…ich bin zuversichtlich! …Tausend Küsse für Dich! Dein K.“

Wer schreibt heutzutage noch solche Briefe?! Seine feine Wortwahl überwältigte mich. Sie war Balsam für meine Seele und ging mir direkt ins Herz hinein. Doch die Wahrheit, die er hier mit aller Offenheit beschrieb, sie tat weh. Er führte eine perfekte Ehe.

Um uns zusammen zu bringen, müsste das Schicksal wohl gewaltige Sprünge machen!
Immer wieder dachte ich über seine Worte nach: „Ich bekomme ALLES was ich brauche, sowohl im Bett, als auch mit den Kindern, mit dem häuslichen Wohlbefinden…alles ist perfekt…“
Diese Worte steckten wie Pfeile in meiner Brust! Außerdem machte er sehr deutlich, wie wichtig ihm SEIN Wohlergehen war.

Er schrieb, ich sei anders, ganz, ganz anders, als seine Frau…ich sei ein Teil von ihm. Also sah er in mir sein emotionales Spiegelbild…genauso gefühlvoll und sensibel wie er selbst?! Mit mir konnte er in Resonanz gehen…mit ihr anscheinend nicht. (?)
Er erwartete absolute Offenheit von mir, also gestand ich ihm meine Ängste. Bereits am Anfang merkte ich, dass die räumliche Trennung eine Belastung für mich ist. Selbst, wenn ich ihn hätte anrufen wollen, wäre das nicht möglich gewesen. Wenn er zu Hause war, war er unerreichbar für mich. Ihm machte das nichts aus.

„Mein lieber, lieber Schatz!“, schrieb er. „Habe keine Angst! Wenn ich Dir von Gott geschickt wurde, um Dich glücklich zu machen, wird er auch dafür sorgen, dass dies geschieht. Ansonsten wäre er ein sehr grausamer, unvollständiger Gott, der uns nicht verstehen kann.
Ich liebe Dich! Deine Worte und Gefühle berühren meinen Geist, meinen Körper und meine Seele. Wir werden einen Weg finden, um uns glücklich zu machen. Habe Vertrauen!
Mit dem Glück geht es mir genauso wie Dir: Im Moment bestehe ich nur aus Aufregung, Anspannung und unerfüllter Sehnsucht. Wenn DAS Glück ist, dann tut es sehr weh. Im Bauch und im ganzen Körper kribbelt es. Ich bin voller Energie und doch voll gebremst. Ich kann an nichts anderes mehr denken, als an Dich! Wenn das so weitergeht, werde ich bald „explodieren“. Ich muss Dich in den Arm nehmen und Dich berühren, meine Wange an Deine Wange, die Körper fest umschlungen. Uns einfach halten, spüren, küssen, zusammen atmen, vielleicht zusammen weinen. Dann werden wir – auch ohne zusammen zu schlafen – Glück empfinden und unsere verbundenen Seelen spüren. Alles wird dann leicht. Ich sehne mich nach Dir!
In Liebe, K.“


Einen Tag später:
„Meine Liebste, ich denke nicht, dass unser Band eine schöne und auch keine tragisch, schöne „Geschichte“ ist. Ich bedaure sie nicht im Geringsten, auch wenn es weh tut und noch so schmerzt. Wir leben unser Leben, und Du gehörst für mich dazu. Du bist keine „Geschichte“, sondern meine Bestimmung! Wir müssen damit LEBEN, Du bist sogar bereit mich zu teilen, obwohl das gegen all Deine Prinzipien verstößt. Wir werden für uns einen Weg finden! Ich kenne ihn noch nicht, aber wir werden ihn finden! Und unsere Nähe wird noch größer werden, und Du wirst nicht traurig sein. Unser Band ist kein Traum! Wie sehr sehne ich mich jetzt nach Dir! Dein in Liebe! K.“

Ich antwortete:
„Lieber, wie viele inhaltslose Minuten sind vergangen, seitdem ich mit Dir sprach? – Nur Du kannst sie mit sinnvollem Inhalt füllen, sie geistvoll beleben…welch’ belanglose Dinge habe ich erledigen müssen, ohne nachzudenken, weil all’ mein Denken Dir gilt!?
Du hast das Gefühl „Sehnsucht“ treffend erklärt. Ich empfinde es ständig…es ist schon ein Zustand, weil Du mir in jeder Sekunde mehr fehlst. „Gebremste Energie“ hast Du es genannt. Wenn das Sehnen zur Sucht wird, ist es sehr schmerzlich. Denn eins ist klar: Es wird sich nicht ändern, wenn WIR nichts ändern. Und ich ahne es…nein, ich weiß eigentlich genau, dass nach dem ersten Kuss noch eine Steigerung dieser Sehnsucht, des Verlangens nach dem anderen, folgen wird.
Dann werden wir noch mehr „neben uns hergehen“, nur noch wie ferngesteuert funktionieren, und ich versichere Dir, dass Du bald zu Hause nicht mehr „Deinen Mann stehen“ wirst. Es sei denn, Du schläfst mit Deiner Frau und denkst dabei an mich. Es mag ja Männer und Frauen geben, die das können und so machen, aber ich glaube nicht, dass Du dazu gehörst. Da müsste ich mich schon sehr irren.
…Ich werde konsequent sein, wenn ich merke, dass etwas aussichtslos ist und sich nicht ändern wird.
…Sicher wünsche ich mir irgendwo im tiefsten Innern, dass wir zusammen sein könnten, zumal ich mir solch einen Mann immer gewünscht habe. Aber, wenn ich konsequent sein müsste, irgendwann, um Dich und Deine Ehe zu schützen, dann würde ich das tun! Ich möchte nicht, dass Du unglücklich wirst oder Deine Familie.
Aber ich fürchte den Tag, an dem ich Dir gegenüber aussprechen muss: Schreib mir nicht mehr! Es darf kein Kontakt mehr zwischen uns sein! Glaube mir, das wird der traurigste Tag meines Lebens werden. Ich bitte Gott um Kraft für uns! In Liebe, G.“

Er hatte geschrieben, ich würde zu seinem Leben gehören, und ich sei seine Bestimmung…wir MÜSSEN damit leben. Wie gerne würde ich das: mit ihm leben. Aber er hatte doch schon eine andere. Trotzdem schien uns das Schicksal zu bedrängen…oder war es mein Ego!? Auf jeden Fall las ich ‚Hoffnung‘ zwischen seinen Zeilen.

Dann träumte ich diesen Traum: Auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße lag eine große, gelbe Boa-Constrictor.

Quelle: Wallhere.com

Sie lag dort fast regungslos, als eine Postkutsche kam und direkt über ihren Kopf fuhr.
Das sagte mir das Traumbild: Die Schlange kann noch so schön aussehen, sie bleibt ein Ausdruck des Falschen, eines Fehlverhaltens. Ihr Tod zeigte mir, dass die Geschichte mit K. irgendwann ein ungutes Ende nehmen würde. Den Traum verstand ich als Warnung…wären da nicht die Begehrlichkeiten, die zum Greifen nah waren.

Doch dann kam der nächste Tag und der nächste Brief von K.:
„Liebste, wie kannst Du nur immer wieder solche Worte finden? Im Moment kann ich gar nichts. Ich bin total verwirrt, kann keinen klaren Gedanken fassen und noch nicht einmal meine Hände ruhig halten. Ich habe dauernd das Gefühl, dass sie zittern, obwohl sie es in Wirklichkeit gar nicht tun.
…Du schreibst mir solche schönen Worte…obwohl es Dir wahrscheinlich genauso schrecklich geht wie mir. Woher hast Du bloß diese Stärke?
Ich bin sicher, dass Du die Kraft hast, unser Band zu lösen, wenn Dir Dein Verstand sagt, dass es sein muss, um mich und meine Familie zu schützen. Ich könnte das nie! Diese Stärke fehlt mir. Mein Verstand und mein Wille werden niemals so stark wie meine Gefühle sein. Ich kann sie überdecken, nach außen ruhig sein, wie Du gesagt hast, aber niemals verhindern. In meinem Innern bestimmen sie immer meinen Weg.
Ich möchte, dass wir uns sehen! Wir müssen herausfinden, ob wir stark genug sind, die Dämonen in uns zu besiegen. Es gibt keinen anderen Weg! So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen! Betrachten wir es als Prüfung, ob unsere Liebe stark genug ist, um uns vor uns selbst zu schützen. Wenn es uns einmal gelingt, uns berühren zu können, uns zu umarmen, ganz lange und ohne Bewegung, jeder nur mit den Gedanken des anderen verbunden, und wenn es dann…ohne miteinander zu schlafen…schön ist für uns beide, dann haben wir eine Chance. Dann wird es gut!
Ich gebe mich in Deine Hände, Dir vertraue ich!!! Mit zitternden Händen! Dein Liebster, K.“


Ein schöner Versuch! Im Grunde wussten wir beide, dass das nicht funktionieren würde. Er gab mir sein Vertrauen…und damit auch die Verantwortung. Natürlich wollte ich ihn auch sehen, aber ich war nicht stark. – Im Gegenteil! Ich wusste genau, wie schwach ich in seinen Armen werden würde. Bewegungslos stillhalten sollte ich! Er erwartete Undurchführbares von mir…eigentlich erwarteten wir beide genau das Gegenteil!

„Meine Liebste, es ist nicht unmöglich! Ich möchte, dass wir uns – mit Kleidern, ansonsten wäre es vollkommen unmöglich – ganz eng umarmen. Unsere Wangen berühren sich, wir spüren unsere Wärme, unsere Körper, Du hältst mich, ich halte Dich, ganz fest. Einer hält den anderen, jeder ist des anderen Stütze und Halt und…Schutz vor uns selbst. Wir atmen zusammen, jeder spürt die Brust des anderen an seiner. Wir sehen uns an, unsere Gedanken sind verbunden. Unsere Lippen berühren sich, ganz sanft und leicht. Unsere Zungenspitze berührt ganz sanft die des anderen, ohne Bewegung, nur eine zarte Berührung. In Gedanken (!) streicheln wir über den Körper des anderen, liebkosen ihn. Alles darf dabei passieren – wir dürfen schreien, weinen, beide in Ohnmacht fallen, wir dürfen bis zum Wahnsinn erregt sein, wir dürfen beide jeder in seinem Körper „verschmelzen“ und das Paradies erleben – nur dürfen wir unsere Umarmung niemals lösen und uns mit-einander körperlich vereinigen. Das darf nie passieren – sonst sind wir verloren! Nur in unseren Gedanken sind wir mit dem Körper des anderen vereint. Unsere Vereinigung muss im Kopf stattfinden und nicht im Körper. Ich halte Dich, Du hältst mich ganz fest, wenn unser Dämon uns beherrschen will, unsere Umarmung muss ganz, ganz stark sein!
Wenn wir es schaffen, sind wir beide Sieger und unsere Dämonen haben für immer verloren. Denn dann wissen wir, dass wir unsere Gier befriedigen können, ohne uns und andere zu verletzen. Denkst Du, dass wir widerstehen können? Wenn ich den Geruch Deines Körpers, Deine weichen Formen, Deine süßen Lippen spüre…halt mich fest, sehr, sehr fest!
Hältst Du mich jetzt für sehr verquer? Dein Liebster, voller Sehnsucht und Qual.“

Am nächsten Tag hielten wir uns in den Armen. Wir hatten uns gegenseitig versprochen, stark zu sein. Nur gehalten haben wir uns, und wir zitterten beide vor Erregung und Anspannung. Wir standen eng umschlungen in meiner Wohnung, und ich spürte seine Angst. Hinterher beschrieb er sie mir in einem Gedicht:

„Eine halbe Stunde –
Ruhe gab sie mir, doch die Angst, sie blieb!
Die Dämonen blieben verborgen, kein Kampf war nötig.
Sie wussten schon, am Ende wären sie doch die Sieger.
Ist mein und Dein Glück es wert,
dass es zerstört meiner Kinder und Familie Glück?
Darf man wägen, was ist mehr?
Die Zeit wird die Antwort bringen.
Ich kenn’ sie nicht.
Ich bin jetzt tot,
von innen leer.
Ich werd’ jetzt schweigen,
traurig und verloren,
von der Erde Halt hinweg gerissen,
schwebend in der Luft,
ganz einfach tot!
Ich darf Dich nicht mehr sehen!
Nur uns’re Briefe sind unser Band!
Ruhe gabst Du mir, doch die Angst sie blieb!“

Nachdem er mir diese Zeilen gesandt hatte, schwieg er bis zum Abend. Dieses Schweigen war unerträglich für mich. War unser Treffen so schlimm für ihn gewesen, dass er mich nicht wiedersehen wollte? Es war sein Entschluss, den ich respektieren musste. Ich antwortete ihm zögernd:

„Das Beste wäre, wenn wir den Kontakt abbrechen würden. Dann könntest Du in Deine Welt zurückkehren und ich in meine. Vielleicht könnten wir irgendwann vergessen!? Ich habe schon so viel Furchtbares durchleben müssen, dass ich auch das überleben würde, wenn auch ziemlich lädiert und vielleicht mit der Gewissheit, auf weitere Jahre alleine zu bleiben.“

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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