Kleiner Rückblick – Der Baum

Fortsetzung Teil 35

Der Mann im Baum – Catrin Welz-Stein

Er antwortete: „Mein liebster Schatz, Dein Gedicht ist wunderschön, und ich habe es überhaupt nicht als Vorwurf empfunden. Wie könnte ich das auch?
Unsere Liebe ist ein Baum, eine Pflanze, die noch oben, zum Licht hin will. Sie will wachsen wie alles Lebendige und Schöne. Sie will sich vermehren und verbreiten. Sie möchte den Himmel bedecken mit Blättern und Ästen, leuchtend grün, als blühendes Blatt und braun und schwarz als starker Ast. Sie ist gut!

Aber bin ich gut, wenn ich sehe, wie sich Deine Blätter und Äste in meine Richtung bewegen, wie sie wachsen und blühen, wie sie sich verzehren nach gemeinsamem Leben auf der Suche nach gemeinsamer Stütze und Halt?
Aber bin ich gut, wenn ich…noch (?)…in anderer Erde meine Wurzeln habe?
Meine Wurzeln haben längst in Deiner Erde Fuß gefasst. Sie umwinden, sie berühren und streicheln Deine Wurzeln und ach, so feinen Äste. Sie sehnen sich nach der gleichen Nahrung wie Du. Sie wollen das gleiche Wasser trinken und mit Dir wachsen. Aber (verzeih mir, es ist immer das gleiche!) meine Aufgabe sind meine kleinen Pflänzchen, die in meiner jetzigen Erde und auch durch mich wachsen! Sie sind meine Aufgabe! Ich durfte damals weiterleben, weil ich eine neue Aufgabe bekam. Das war der Preis, der gleichzeitig eine Belohnung war. Das war meine Verpflichtung, ein MUSS. Wenn ich diese Verpflichtung nicht erfülle, werde ich verloren sein…


Aber bin ich gut, wenn ich sehe, wie Du Dich quälst, wie Du körperlich krank werden wirst, aus tiefster Sehnsucht und tiefstem, inneren Schmerz?
Ich sehe Dich vor mir, wie Deine zarten Blätter und Äste schon nach kurzer Zeit verkümmern, wie sie zunächst gelb und dann rot werden, bevor sie langsam und qualvoll auf den Boden herunter sinken, aus Qual, aus noch nicht erfüllter Sehnsucht. Und das alles nur wegen mir, einem unscheinbaren Baum, der sich nicht lösen darf?

Ich wäre böse, wenn ich das zulassen würde! Du musst wachsen und blühen!
Und wenn ich für Dich schädlich bin, wenn ich Deine Blätter und Äste beim Wachsen hindere, weil sie nur (!) in meine Richtung wachsen wollen, und wenn es nicht möglich ist, dass Deine Äste auch (!) in Richtung zu Deinem Himmel unabhängig von mir wachsen können, dann bin ich verpflichtet (!), Dich vor mir zu schützen.
Dein Baum ist wichtiger als meiner! Du musst wachsen! Du hast eine Aufgabe! Du hast es Apostolat genannt. Nimm Deine Aufgabe wahr! Wenn ich Dich dabei behindere, (…und im Moment behindere, nein, verhindere ich sie sogar, ohne es zu wollen), muss ich meine Wurzeln, die Dich umgeben und berühren, aus Deiner Erde zurückziehen, um Dich zu schützen. Du musst wachsen und Dein Apostolat erfüllen! Wenn ich noch nicht in der Lage oder fähig bin, Dich jetzt dabei zu begleiten, DARFST Du nicht auf mich warten. Fange einfach an, ich werde Dich bald einholen…


Du hast geschrieben: „Es gibt auf dieser Welt keine Worte für die Liebe, die ich für Dich empfinde. Sie ist mit nichts zu vergleichen. Nichts ist mir wichtiger als sie! Ja, ich liebe meinen Sohn auch. Aber es ist eine andere Liebe, die nicht vergehen wird, nur weil ich Dich liebe. Beides geht nebeneinander.“
Diesen „Nebeneinandergehen“, dieses scheinbar mühelose Umschalten von einer Welt in die andere, ist für mich kein Problem. Ich musste es damals in meiner schwersten Zeit lernen, sonst wäre ich heute nicht mehr. Dieses Umschalten muss auf Dich wie ein kaltes Herz ohne jedes Gefühl wirken. Das ist es aber nicht. Es ist nur ein Mittel zum Überleben, obwohl es fast schon schizophren ist.
Ich habe Dein „Geschenk“ schon vor langer Zeit angenommen. Sonst hätte ich mich Dir nie selbst schenken können!
Ich bin heute Morgen schnell gegangen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich Dir immer nur Schmerz und Qual bringe, und weil ich nicht das sein kann, was ich für Dich sein möchte. Ich muss Dich vor mir schützen. DU MUSST WACHSEN UND DEIN APOSTOLAT ERFÜLLEN! Dein K.“

Seine Worte klangen wie ein Abschied. Was sollte ich ohne ihn anfangen? Ich wusste doch nur zu gut, was es für mich hieß, wieder alleine zu sein. K. war zwar fast nie bei mir…und doch war er irgendwie DA. Jedenfalls war das eine schöne Illusion. Ich bettelte um Änderung seines Entschlusses wie ein kleines Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtete…und dunkel und leer würde es sicherlich ohne ihn werden.

„Ich werde Dich nie alleine lassen! Ich werde Dich immer wieder einholen und bei Dir sein!“

Verlassen – Fritz von Uhde (1848-1911)

Ich vertraute seinen Worten! Sie klangen wie ein Versprechen…oder waren es wieder nur einfach so dahin geschriebene Floskeln!?
Er fühlte nicht den Schmerz, den ich fühlte, wenn wir nicht zusammen waren. Er kannte anscheinend auch nicht die Sehnsucht, die ich empfand, wenn er nicht bei mir war. Vermisste er mich nicht? Es war so, als hätte er ein Herz aus Stein. Er gab vor, mich schützen zu wollen, aber der Hauptgrund für ihn war doch nur, dass er sich nicht entscheiden wollte. Ich verstand seine Liebe nicht! Wie konnte er sie an- und ausstellen, ganz nach Bedarf? Ich konnte das nicht! Es tat mir sehr weh, dass er nicht das Gleiche für mich empfand, wie ich für ihn. War das Liebe? Er schrieb:

„Ich weiß es nicht. Für mich ist es Liebe. Es tut mir leid, aber ich bin so. Es stimmt auch nicht, wenn Du schreibst, dass ich nichts empfinde, wenn Du nicht bei mir bist. Du bist immer als zärtliches Wesen, als…Engel (obwohl ich eigentlich nicht an Engel als Wesen glaube)…bei mir und in meinen Gedanken. Ich spüre Dich…und möchte, dass Du Glück empfindest.
Als wir am Kloster Kamp waren und Du mit mir Arm in Arm spazieren gegangen bist, habe ich Stolz und Freude empfunden, ein Gefühl von Glück, weil ich neben Dir gehen durfte, weil ich gespürt habe, wie glücklich Dich das gemacht hat. Deine Augen strahlten ein Feuer aus, unglaublich! Ich war glücklich, weil Du es auch warst! Wenn Du glücklich bist, bin ich es auch!“

Genauso hätte ich gerne ein Leben lang an seiner Seite gehen wollen! Das hätte mich unendlich glücklich gemacht, aber das Leben ist leider kein Wunschkonzert! Brauchte ER mich, um glücklich zu sein? Sicherlich nicht!

„Mein Liebes“, schrieb ich ihm, „ich wünsche mir so sehr, dass wir einen gemeinsamen Weg finden werden, der uns beide glücklich und zufrieden macht!
Jedes Mal, bei jedem Treffen, stehen wir uns gegenüber mit Tränen in den Augen, Du, genauso wie ich und dabei weiß ich genau, dass wir miteinander Spaß haben und lachen könnten, wenn das Schicksal es zulassen würde.

Ich möchte in Deinen Armen liegen und mit Dir den Himmel ansehen, wie die Wolken darüber hinwegziehen. So möchte ich liegen, bis in den Abend hinein, mit Dir den Sonnenuntergang sehen und, wenn der Nachthimmel die Dunkelheit bringt, die Sterne zählen. Ich möchte Dir immer wieder in die Augen schauen…immer wieder unsere Einheit spüren und mit Dir schweben und träumen…stundenlang…tagelang…ein Leben lang. Es darf niemals aufhören und alle, die mit uns zusammen sind, werden unser Glück spüren, weil wir es ausstrahlen und so weitergeben. Es ist eine einzigartige Energie zwischen uns beiden, eine erhabene Schwingung, die alles nebensächlich werden lässt, weil nur der Moment zählt, den wir gemeinsam erleben. Es ist so unbeschreiblich schön, wie es nur ein „Ewigkeitsmoment“ sein kann. Die Gefühle dieses Augenblicks werden in die Ewigkeit eingehen! Es ist unsere tief empfundene Liebe, und sie wird ewig zwischen und IN uns sein! Auch wenn wir auf der anderen Seite des Vorhangs sind, wird sie weiter bestehen!

Ich habe mein Leben lang darauf gehofft, einen Menschen wie Dich zu finden…und mit diesem Menschen eine solche Liebe erleben zu dürfen. Nun habe ich diese Liebe, dieses Glück geschenkt bekommen und alles ist blockiert, bis auf ein paar „gestohlene“ Stunden. Ironie des Schicksals…Prüfung? Es ist, wie eine verbotene Frucht, die man einmal gekostet hat. Man will sie immer mehr…man verzehrt sich nach ihr…weil man noch niemals etwas so Köstliches gegessen hat. Alles würde man tun, um sie zu kosten,…doch es gibt keinen Weg, sie zu pflücken. Vielleicht fällt sie einem eines Tages in den Schoß, wenn sie reif ist, oder sie vergeht an ihrem Baumstamm, wird faul, bitter und ungenießbar!? So oder so – man wird nach einer vergleichbaren Frucht ein Leben lang vergebens weitersuchen und hier auf Erden keine Glückseligkeit mehr finden können. Ich liebe Dich, mein Engel! Deine G.“

„Mein Liebes, genauso empfinde ich es auch! Diese Frucht, die uns geschenkt worden ist, ist so kostbar, dass wir dankbar dafür sein sollten. Wir dürfen uns nicht darüber beklagen, wie viele „gestohlene“ Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre sie andauert. Wichtig ist, dass es sie überhaupt gibt, diese kostbare Frucht, dieses schöne Geschenk…und nur für uns beide, für unsere „Einheit“! Ich bin bei Dir, um Dich herum und IN Dir! Dein K.“

Wie kann man so glücklich und gleichzeitig so unglücklich sein? Ich wollte stark sein und ihm Zeit geben! Doch ich konnte nicht über meinen Schatten springen! Ihn noch jahrelang teilen zu müssen, war die Hölle für mich. K. würde mich fallen lassen, wenn der Druck zu groß würde, dessen war ich mir sicher…und doch, wie konnte er diese Liebe so einfach vergessen?!

„Mein Liebes, Liebstes…eigentlich müsstest Du mein Herz bis zu Dir klopfen hören, so laut schlägt es für Dich! Meine Brust zerspringt bald, so erregt mich der Gedanke an Dich und an unser Treffen…an jede Berührung…an jeden Kuss! Bald werde ich Deine Arme um mich spüren…bald! Und es wird mir sein, wie zum ersten Mal…und gleichzeitig wie zum letzten Mal. Bei jedem Blick in Deine Augen werde ich die tiefe, tiefe Verbundenheit spüren…unsere Liebe…und dabei wird sich die Dualität in schmerzlicher Nähe befinden, die mich gleichzeitig den tiefen Schmerz erahnen lässt, der mit dieser, so einzigartigen Liebe verbunden ist.

Wer sich auf die Liebe einlässt, lässt sich auch gleichzeitig auf den Schmerz ein. Das ist leider so, hier auf dieser Welt. Ich fühle ihn immer und glaube nicht, dass er etwas mit Sehnsucht zu tun hat. Ich fühle es so, wie ich Kant an meinem Bett habe auf- und abgehen sehen. Es besteht kein Grund, aber der Schmerz ist da!
Meine Sehnsucht nach Dir ist – so glaube ich – nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Ich sehne mich nach der Geborgenheit, die Du mir gibst…nach der Wärme und dem Glückgefühl, das ich in Deiner Nähe empfinde. Es erinnert mich an Zuhause…an ein wirkliches Zuhause. Deine G.“

Es war mir nur ein schwacher Trost, dass K. mir versicherte, dass die Küsse und die Blicke NUR mir alleine gehören würden. Sie wären MEIN Besitz, hatte er mir geschrieben, obwohl er das Besitzen-wollen eigentlich nie zulassen wollte.
Küsse und Blicke – alles andere gehörte IHR! (?) Und was war mit den Küssen auf eine ganz bestimmte Stelle? Wie ekelhaft ich das fand! Was mutete er mir zu, vielmehr, was mutete ICH mir selber zu? Wann würde er aufhören, mit ihr zu schlafen? Würde er jemals damit aufhören? Er besaß mein Herz! Wie konnte er mir das antun und dabei noch Spaß haben?
Er hatte meine wehen Gedanken von Anfang an nicht verstehen können, genauso wenig, wie ich seine.

„Hallo mein Liebes, gestern war wunderschön! Zum ersten Mal habe ich eine tiefe Ruhe und Harmonie zwischen uns beiden empfunden, die jedes reale Zeitempfinden verhindert. Die Stunden mit Dir vergehen gleichzeitig sehr schnell (wenn ich auf die Uhr sehen muss) und gleichzeitig unendlich langsam, fast zeitlos, unabhängig von der realen Zeit. Es ist wie ein Schweben, losgelöst von allen äußeren Zwängen. Ich komme in Deine Wohnung, Dein Geruch, Deine Atmosphäre, Deine Stimme, Deine Berührungen und Zärtlichkeiten sind da,…ich fühle mich wohl und alles versinkt um mich herum. Nur Du bist da, Deine Augen und Deine zärtlichen Berührungen…alles andere wird unwichtig und ist ohne Bedeutung. Ich fühle mich sicher in Deiner Nähe und will, dass Du Dich auch sicher und geborgen fühlst. Ich will Dir Zärtlichkeit, Glück und ein Zuhause geben. Die schönsten Momente sind die, wenn Du Dich ganz sanft an mich kuschelst, Deinen Kopf an mein Herz legst und mein Gefühl für Dich spürst, das aus meinem Herzen kommt. Wenn ich dann spüre, dass Du Dich geborgen fühlst, bin ich glücklich. Das ist ein Sinn meines Lebens: Dir Glück und Geborgenheit zu geben.

Bitte suche nicht immer nach dem Schmerz in der Liebe. Immer, wenn Du glücklich bist, kommt spätestens nach einer Sekunde wieder ein Zurückzucken in Deine Gedanken: „Wie? Glücklich sein? Ich, glücklich sein? Nein, das kann nicht sein! Wo ist denn jetzt der Schmerz? Es kann kein Glück ohne Schmerz geben!“ Dann suchst Du den Schmerz, weil Du es einfach nicht fassen kannst, dass Du glücklich bist. Immer hast Du die Sorge, dass etwas Böses nachkommt und Dich für Dein gefühltes Glück bestrafen muss.
Bitte, suche nicht diesen Schmerz, auch wenn Du in Deinem Leben – und gerade weil Du – so viele schmerzliche Erfahrungen machen musstest! Freue Dich über Dein Glück und…meines. Dein K.“

Bis Ende 2007 wollte ich ihm Zeit lassen. Die Frist war gesetzt; doch das war viel zu lange. Ich würde es nicht aushalten können. Wenn ich mir vorstellte, dass er bei seiner Frau genauso war, wie bei mir, drehte sich mein Magen herum. Ich war eifersüchtig auf diese Frau, obwohl ich sie gar nicht kannte. Ich grübelte und dachte darüber nach, wie er denn mit ihr schlafen würde, ohne sie zu küssen, und wie sie sich dabei fühlen musste!? Das hatte mit Zärtlichkeit und Liebe rein gar nichts mehr zu tun. Der Gedanke machte mich wahnsinnig! Ich war doch nur 2. Wahl!

K. fühlte sich in die Enge getrieben und gestand mir recht widerwillig, dass er seit drei Wochen nicht mehr mit seiner Frau intim gewesen war. Es machte ihn richtig wütend, dass ich ihn zu diesem Geständnis gebracht hatte. Es schien so, als würde er sich durch diese „Beichte“ bloßgestellt fühlen. Wieder dieses Machogehabe, wo doch Offenheit selbstverständlich sein sollte!

Es tat mir leid, dass ich so wütend und so eifersüchtig geworden war. Aber ich kam immer wieder an den Punkt, wo mir meine Vorstellungskraft abschreckende Gedankenbilder in den Kopf setzte. Sie zeigten K. Leben mit Frau und Kindern in einer Friede-Freude-Eierkuchenwelt. Ich kam darin nicht vor. Wenn seine Ehe nicht gewesen wäre, wäre er mein Idealmann gewesen, aber wir hatten uns zu spät kennengelernt. Aber so wie es jetzt war, gab es nur einen einzigen Weg: Ich musste es beenden!

Tagelang rang ich mit mir. Ich wollte stark sein und suchte den Ausweg, denn K. suchte ihn nicht. Er suchte auch keinen Weg für uns…nicht einmal Möglichkeiten für weitere Treffen versuchte er zu finden. Ihm genügte es so wie es war. Doch was war es denn wirklich? Eine Affäre – wirklich nicht mehr als das!?

„Liebes, immer ist es so, als würden uns Welten trennen. Dabei bist Du nur ein paar Straßen von mir entfernt. Doch diese Entfernung ist groß, so groß wie ein ganzes Universum. Lichtjahre weit weg- unerreichbar in einer anderen Galaxie. Fernab von meiner Welt…in Deiner Welt, in die ich nicht hinein gehöre. Wie ein Feind, ein Eindringling komme ich mir vor, der unbeabsichtigt eine Grenze überschritten hat. Und jedes Mal, wenn ich hinter diesen Bannkreis schauen will, steht dort eine unüberwindbare Mauer, die ich nicht überblicken kann, denn alles, was dahinter liegt, verbirgt sich im Dunkeln.

Wenn ich die Höhe dieser Mauer sehe, wird mir klar, dass ich sie niemals einreißen kann, und Du mir auch niemals die Türe zu Dir öffnen wirst.
Deine Familie wird sich wie ein Bollwerk vor Dir aufbauen und mich von Dir fern halten; mit aller Macht, die Kinder auszuüben fähig sind, bewusst oder unbewusst. Dann weiß ich, dass Du niemals von dort fortgehen wirst. Keine noch so starke Liebe wird Dich zu mir bringen! Nichts treibt Dich zu mir, keine Sehnsucht, kein Begehren…weil die Verlustangst stärker ist…und die Angst vor den Einschränkungen, die Du hinnehmen müsstest, wenn Du gehen würdest.

Du hast Dir in den Kopf gesetzt, Deine Lebensaufgabe erfüllen zu wollen, obwohl Deine Lebensaufgabe längst erfüllt ist. Sie bestand darin, diese Kinder auf die Welt zu bringen und sie zu begleiten. Begleiten könntest Du sie auch weiterhin. Du bist nicht bereit, in dieser Hinsicht irgendwelche Kompromisse einzugehen. Lieber gibst Du Dich selber auf und mich. Du willst bei Deiner Frau bleiben, auch wenn sie mittlerweile genauso wenig zu Dir passt, wie der Ring an Deinem Finger!? Ich gehöre nicht zu Dir…was bilde ich mir ein, wenn ich davon träume, Deine Frau zu werden!? Illusionen, die Du sicherlich belächelst. Wie weit sind diese Wünsche von den Deinen entfernt?!
Ich weiß, dass Du mich liebst, aber Du bist unfähig zu handeln, weil die Angst Dich nicht lässt. Lieber würdest Du ein Leben lang bei Deiner Frau bleiben, als diese Angst zu überwinden und einen ersten Schritt in meine Richtung zu tun, von dem Du trotz Deiner tiefen Empfindungen mir gegenüber noch nicht einmal weißt, ob Du ihn gehen willst.

Es geht mir durch den Sinn, was ich verliere, wenn ich Dich loslasse, damit Du ganz und gar in Dein Leben zurückgehen kannst…in das Leben vor mir. Ich sehe Dich im Geiste neben Deiner Frau und kann nur fassungslos den Kopf schütteln. Diese Frau liebst Du?

Meine Seele ist leer, voller Trauer, und sie ist einsam. Ich will nicht jahrelang eine „heimliche Liebe“ sein, die sich verstecken muss. Würde sich etwas ändern, wenn ich monatelang, etwa jahrelang auf Dich warte…,wenn ich nur aufgrund des Bildes in meinem Kopf hoffe und ausharre und mich immer tiefer und stärker in diese Liebe verrenne und mich darauf fixiere? Auch dann ist meine Seele leer, traurig und einsam! Alle Logik drängt mich dazu, Dich zu lassen…Dich nicht mehr zu treffen…Dich nicht mehr wieder zu sehen. All mein Gefühl treibt mich dazu, Dich sehen zu wollen, bei Dir zu sein, wenn auch nur ein paar armselige Stunden…mit Dir zu sprechen und Dich zu lieben, solange es geht…auch wenn es weh tut…ja, auch dann, wenn es sehr, sehr weh tut.

Du willst mir wirklich nicht mehr geben, als dieses vage Bild? Wenn Du heute noch nicht weißt, ob Du mit mir leben willst, wann dann? Wird das jemals sein, wo doch Deine Lebensaufgabe angeblich noch nicht erfüllt ist? Es tut mir leid, aber ich muss Dir sagen, dass ich dies für eine Ausrede halte. Warum möchtest Du, dass ich auf Dich warte? Gestern war Deine Antwort: „Weil ich Dich will!“ Wozu? Zum Spaß haben? Es tut mir leid, aber für mich ist es längst kein Spaß mehr!

Verzeih, aber alles scheint so aussichtslos…so sehr im Unklaren. Es kommt mir so vor, als würde ich schon jahrelang in dieser Situation leben, dabei sind es erst drei Monate. Wir kennen uns wirklich erst d r e i Monate! Unglaublich ist das…noch nie habe ich einem Menschen so nah gestanden, und noch nie war mir ein Mensch so vertraut wie Du! Aber unsere Situation ist aussichtslos, weil Du keinen Schritt in meine Richtung gehen willst.

Ja, die langen Wochenenden bieten leider ausreichend Zeit zum Nachdenken, und ich denke immer nach, besonders, wenn unser Kontakt brach liegt, weil Du nicht antworten oder meine Nachrichten lesen kannst.
Ich habe auch heute wieder nachgedacht und bei jedem Blick in Deine Augen und bei jedem Kuss denke ich, Du musst es doch genauso wollen und fühlen wie ich. Doch Du willst mich nur für ein paar flüchtige Stunden. Mehr bin ich Dir nicht wert. Du führst ja eine Ehe in Wärme und Harmonie.

Ich glaube, ich bin für diese Art von Beziehung nicht geeignet, denn lockere Affären liegen mir nicht, weil ich sie nicht genießen kann. Du weißt, wie sehr ich Dich liebe und wie nah ich Dir stehe. Aber es nützt ja alles nichts! Ich will nicht leiden…nicht auf Dauer…nicht für etwas, das keine Zukunft hat. Du gibst mir keine! Dann kannst Du mich auch nicht lieben. Jede Liebe braucht Hoffnung. Ohne sie sollte man alles so schnell wie möglich vergessen.

Am Freitag möchte ich Dich noch ein letztes Mal sehen. Wir werden uns nicht mehr schreiben oder anrufen. Es muss ein Ende sein, sonst verliere ich mich selbst! Du hast Deine Familie – sie wird Dich auffangen! Du wirst mich bald vergessen haben. Du brauchst mich nicht. Ich war nur ein bunter Punkt in Deinem Alltagsgrau.
Was aus mir wird…ich weiß es nicht?! Bin doch nur ein Häufchen Elend, das einen Menschen verliert, den es gar nicht besaß; eine leere Hülle werde ich sein, ohne Inhalt.

Es klingt paradox, aber ich mache Schluss, weil ich nicht mehr ohne Dich leben kann. Meine Liebe ist zu groß, meine Sehnsucht zu stark. Ich will nicht die Zweitfrau sein, mit der Du „nur“ Spaß haben willst. Zu Hause wartet Deine Ehefrau mit den Kindern, und wie es mir geht, wenn Du dort bist, interessiert Dich nicht. Du bist ein Egoist! Das ist keine Liebe wie ich sie verstehe.

Es bleibt nur noch, Dir ein Lebewohl zu sagen. Mehr kann ich nicht tun! Vielleicht darf ich am Freitag ein letztes Mal in Deine Augen sehen? Nie werde ich diesen Blick vergessen können. Ich habe sie so sehr geliebt, diese wunderschönen, braunen Augen. Lebwohl, mein Liebes! Lebwohl!“

„Mein Liebes, ich habe gerade Deinen Brief von gestern Abend gelesen. Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich fühle mich schlecht und böse wie ein kleines, unwissendes Kind, das nicht weiß, welche Folgen manchmal sein Handeln hervorruft. Wie jemand, der ein großartiges, wundervolles Geschenk aus Unfähigkeit und Schwäche zurückweist.

Ich habe versucht, Dich im Büro anzurufen, um Deine Stimme zu hören, aber Du bist nicht da. Ich bin allein. Ich sehe Deine Zeilen vor mir, lese sie wieder und wieder. Ich kann es nicht fassen, aber Du hast Recht: Ich kann diese Mauer im Moment nicht einreißen, weil sie zu mir und meinem Leben gehört. Es ist in höchstem Maße unfair von mir, Dich mit einem vagen Bild für die Zukunft beruhigen zu wollen. Aber ich habe kein anderes. Verzeih mir bitte! Ich war immer ehrlich und offen zu Dir, so offen und ehrlich, wie ich es noch NIE zu jemand war. Du bist mir so nah, wie ich noch nie einem Menschen gewesen bin (trotz der Mauer zwischen uns!). Aber das weißt Du schon seit langem.

Sind es wirklich erst drei Monate, seit wir uns kennen? Mir kommt es vor, als kennen wir uns schon seit Ewigkeiten. Mir geht es ganz genauso wie Dir: Mein Gefühl treibt mich zu Dir, jede Logik verbietet unsere Nähe. Du bist kein bunter Punkt in meinem Alltagsgrau. Du bist eine eigene, bunte und wunderschöne Welt, die meiner manchmal so sehr ähnlich ist, die ich so zu kennen glaube, als wäre es meine eigene.

Du hast mir erlaubt, Deine Welt kennenzulernen; Du bist sogar bereit, sie für immer mit mir zu teilen. Und ich? Ich kann Dir nichts geben, noch nicht einmal die Hoffnung, die ich selbst in meinem tiefsten Innern fühle. Ich kann sie Dir nicht mitteilen oder verschenken, weil sie nur IN mir ist. Ich will nicht, dass Du Dich verlierst, dass Du Dich an MEIN vages Bild verlierst, dass Deine schöne Seele vor Sehnsucht und Trauer verkümmert. Du bist in meinem Herzen, ich vergesse Dich nicht, aber Dein Glück darf nicht von mir abhängig sein. Ich bin es nicht wert von Dir geliebt zu werden, bis ich selbst bereit bin, die entsprechende Entscheidung zu treffen. Noch bin ich es nicht…verzeih mir! Dein K.“

Wir trafen uns vorläufig zum letzten Mal, doch dieses Treffen nahm einen unschönen Ausgang, über den ich hier nicht berichten möchte. K. schämte sich dafür, fühlte sich unmöglich und lächerlich, obwohl es eigentlich meine Schuld war.
Als er kurz vor fünf Uhr nach Hause gegangen war, wusste ich, dass es vorbei sein musste. Hier endete mein Traum…dachte ich!

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.