Kleiner Rückblick – Der halbe Mann

Fortsetzung Teil 24

2006-2008

K. schrieb mir von seiner Familie, die er über alles liebte, von seinen Kindern, die mit 5 und 11 Jahren noch recht klein waren, und auf die er stolz war. Das Töchterchen war sein absoluter Liebling. Alles schien sich nur um diese „kleine Prinzessin“ zu drehen. Fast täglich berichtete er über ihre Klugheit, ihre Fantasie und ihre besonderen Malfertigkeiten.

An der Wand seines Büros konnte man ihre Bilder und die ihres Bruders bestaunen. Ich bestaunte sie nicht. Für mich war darin keine Besonderheit erkennbar. Alle Kinder in diesem Alter malten so! Es machte mir ein unangenehmes Bauchgefühl, wenn K. seinen Nachwuchs auf einen Sockel hob. Das konnte in meinen Augen nicht gut sein – im Gegenteil, und diese maßlose Präsentation der Bilder an den Bürowänden musste auf Fremde einen eher merkwürdigen Eindruck machen. Als unser damaliger Chef mit Besuch in sein Büro kam, deutete er auf die Bilderwand und sagte: „Sehn Sie, daran arbeitet Herr B.“

Wir standen damals noch am Anfang. Noch konnte ich nicht aussprechen, was ich darüber dachte, und es lag mir fern, K. in irgendeiner Weise zu verletzen.

Am 20. Juni 2006 schrieb er mir: „…morgen ist ein ganz besonderer Tag! Morgen ist der Tag der Sommersonnenwende. Für die alten Kelten war es einer der höchsten Feiertage im Jahr. An diesem Tag sei einfach alles möglich, weil der Tag verzaubert war. Ich möchte Dir gerne ein Geschenk machen! Wünsch Dir etwas und genau das, was Dir im allerersten Moment nach dem Lesen dieser Zeilen als Allererstes einfällt, möchte ich Dir schenken. Wünsch Dir etwas! Dein K.“

Ich wünschte mir Jasmin, nicht ahnend, dass das im Arabischen „Verzweiflung“ bedeutete.

Echter Jasmin, Quelle: Wikipedia

Mit jedem neuen Brief wuchs die Nähe zu K., die ich einerseits gerne zugelassen hätte, aber andererseits auch fürchtete. Ich versuchte, die alte Distanz wiederherzustellen, indem ich am 21. Juni „vernünftige Worte“ schrieb und das Gefühl herunterfuhr, so gut es ging:
„…Was hast Du Dir um Himmelswillen in dem Moment gewünscht? Du bist verrückt! Ja, hin und wieder denke ich an Dich – zugegebener Weise. …Ich glaube, dass die räumliche Distanz zwischen uns von Vorteil ist, weil wir sonst den Überblick verlieren würden. Ich möchte auf keinen Fall, dass uns das Ganze entgleitet! Da wir beide sehr gefühlsbetont sind, würde vermutlich DAS geschehen, was uns hinterher leid täte. Und ich will nicht wieder leiden! Ich genieße die Korrespondenz mit Dir – weiter will ich nicht denken. Du hast eine Familie, und ich habe kein Recht, dort zu stören – auch nicht gedanklich! Sei bitte nicht böse auf mich – ich will nur vernünftig sein. Herzlichst, G.“

K. reagierte gekränkt und sehr heftig: „Das war deutlich! JETZT spricht der Goethe aus Dir und Schiller ist verschwunden… Auch herzlichst, K.“

Auch das „Dein“ vor dem K. war verschwunden, und ich wusste ja mittlerweile, dass er Goethe nicht mochte, weil er ihm zu oberflächlich war und nicht tiefgründig genug.

„Oh je!“, dachte ich und sah die ersten dunklen Wolken über uns schweben. Er war so sensibel. Ich versuchte zu retten und zu beschwichtigen, so gut ich konnte.

„Vielleicht muss ich Dich wirklich mal „in Echt“ drücken, damit Du merkst, wie ich gewisse Dinge meine: lieb!!!“, schlug ich ihm vor.

Was folgte, war eine schlaflose Nacht. Es machte mich verrückt, dass ich ihn nicht einfach anrufen konnte, um ein versöhnendes Gespräch zu führen. Er befand sich nur zwei Straßen von mir entfernt in seiner Welt, von hohen, unüberwindlichen Mauern umgeben. Dort war er unerreichbar für mich. An diesem Abend wartete ich vergeblich auf seine Antwort.

Ludwig Koch 1866-1934- Postkutsche im Regen

Ich versuchte, ausgerechnet frei nach Goethes „Werther“ zu erklären, wie es in mir aussah:
„Was man ein Kind ist! Was man noch solchen Worten geizt! Was man ein Kind ist! – Wir waren ein Stück weit gen Traumland gegangen. Wir wagten uns hinaus, und während unseres Träumens glaubte ich in den wenigen Zeilen…ich bin ein Tor, verzeih mir’s! Aber Du solltest sie richtig lesen, diese Zeilen. – Dass ich kurz bin (denn die Augen fall’n mir zu vor Schlaf): siehe, wir stiegen ein und wussten nicht, wo die Reise endet, Du und ich.
Da ward aus dem Herzen geplaudert, in die Seele, die freilich leicht und offen genug war. – Ich suchte Deine Wünsche, Sehnsüchte: Ach, sie gingen in die gleiche Richtung, wie meine! Aber wer stand trotzdem allein?! Ich! Ich war’s, die ganz allein resigniert dastand. Keine Worte, die da trösteten! – Mein Herz sagte Dir tausend Adieu! Und Du fühltest es nicht! Deine Traumkutsche fuhr vorbei, und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Deinen Kopf ein letztes Mal sich zum Schlage herauslehnen, und Du wandtest Dich, um zu sehen, ach! Nach mir? – Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: Vielleicht hast Du Dich nach mir umgesehen!? Vielleicht! – Guten Morgen! O, was ich ein Kind bin!“

An diesem Morgen kam die erlösende Antwort:
„Ich seh’ Dich immer an, ganz egal wohin uns die Wege führen! Ich seh’ Dich von links, von rechts und von vorne und hinten. Immer seh’ ich Dich!
Auch, wenn wir verschiedene Kutschen haben sollten, unser Weg geht in die gleiche Richtung! Habe keine Angst! Ruh’ Dich aus und sei mir bitte gut! Dein K.“


Wieder antwortete ich frei nach „Werther“:
„Lieber, ich könnte das beste und glücklichste Leben führen, wenn ich nicht so töricht wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eine Menschenseele zu ergötzen, als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach, so gewiss ist’s, dass unser Herz allein sein Glück macht. Nie werden wir zusammen in derselben Kutsche sitzen!
So sind die Zeilen, die wir einander schicken, wie gepflückte Blumen, die am Wegesrand blühen. Ich füge sie sehr sorgfältig zusammen zu einem Strauß, und – schließlich werfe ich sie gedanklich in den vorüberfließenden Strom, und sehe ihnen nach, wie sie leise hinunter wallen.
Ich frage mich: soll man dem Gefühl Nahrung geben, welches so unwiderstehlich hinreißt, auf das man so manche Hoffnung wirft, durch das man die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nicht sieht, nichts fühlt, als diesen Gedanken; sich nur sehnt nach dem für ewig Fernen? Man streckt in seinen Träumen die Arme aus, all’ diese Wünsche zu umfassen – doch erstarrt und besinnungslos steht man vor dem Abgrunde: keine Aussicht, kein Trost und greift ins Leere!
Muss denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends würde? Lieber, nur die Erinnerung Deiner Zeilen macht mir wohl! G.“

Die Polarität des Lebens nährte den Fluss „Glückseligkeit“ mit Liebe und Leid. Das Eine existierte nicht ohne das Andere. Nach seinem letzten Besuch im Büro hatte mich die Angst gepackt. Wir hatten uns in die Küche verkrochen, um den Blicken der anderen aus dem Weg zu gehen. Bei jedem Kuss hatte ich das ungute Gefühl, entdeckt zu werden. Wir standen nur und schauten uns an. Fast unmerklich berührte er mich. Ich war wie hypnotisiert in seiner Gegenwart. Das, was er ausstrahlte, hatte ich mein Leben lang gesucht: Liebe, Wärme, Güte und Zärtlichkeit. Da spürte ich zum ersten Mal die Macht der Liebe. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Es war zwecklos!

Doch wie sollte es weitergehen? Besuche im Büro, die irgendwann aufflogen, weil sie zu heftig wurden? Nein, das durfte nicht sein!

„Pass nur auf und lass die Treffen im Büro sein!“, hatte eine Freundin gewarnt. „Wenn man euch erwischt, bist du die Dumme. Dann gibt man dir die Schuld und wirft dir womöglich vor, dass du ihn verführt hast. Die Geliebte hat immer schuld!“
Die Warnung saß. Ich musste ihr Recht geben.
Außerdem hatte ich die Befürchtung, dass irgendjemand unsere Briefe finden könnte. Ich wollte, dass er sie vernichtet und nicht irgendwo im Schrank aufbewahrt.

Abends schrieb ich ihm: „Es tat gut, mal so richtig mit Dir reden zu können, obwohl ich sehr nervös war, in Deiner Gegenwart. Das war ich schon bei Deinem letzten Bürobesuch. Deine Ruhe macht mich ganz kribbelig!
Ich glaube, in Dir einen guten Freund zu haben, mit dem ich über alles reden kann, und dafür bin ich Dir sehr dankbar. Eine platonische Liebe ist mit Sicherheit viel haltbarer, als eine, die auf dem Körperlichen basiert. Und wir sollten es auch für die Zukunft dabei belassen, gerade weil ich Dich wirklich sehr gerne habe! Du bist eine gute Seele…mit ganz viel Sonne im Herzen! …In Freundschaft mit all meinen guten Gedanken! G.“

„…Wie seltsam, dass Du das Gefühl hattest, dass ich ganz ruhig gewesen bin“, antwortete er. „Das war ich nämlich überhaupt nicht!
Ich möchte für Dich auch ein guter Freund sein, möchte mit Dir über alles reden, für Dich da sein und Dich auch manchmal trösten, wenn Du traurig bist. Eine platonische Liebe ist vielleicht haltbarer, als eine körperliche, aber mit Sicherheit nicht so intensiv. Außerdem: Wenn es schon keine körperliche Liebe zwischen uns geben darf, müssen zumindest Zärtlichkeiten für uns erlaubt sein! Ich glaube, dass wir beide erwachsen genug sind, um den Dämon in uns beherrschen zu können.
Obwohl… bei mir bin ich mir da nicht so ganz sicher. Ich kann manchmal SEHR emotional und impulsiv sein, auch wenn das nur die Wenigsten von mir erwarten. Viele Menschen halten mich zwar für klug, aber auch für sehr langweilig und ziemlich naiv. (Das ist ein Bild, das ich ganz bewusst bei vielen Menschen provoziere, um mich zu schützen)

Aber es hat mir nach dem Gefühlsausbruch noch nie leidgetan, und es hat sich noch nie etwas Schlechtes daraus entwickelt. Wenn man ehrlich zu sich selber ist, und immer das tut, was einem sein ehrliches Gefühl sagt, macht man nichts falsch! Ich habe Dich sehr, sehr lieb – gerade weil Du mich schützen willst! K.“


Nach diesem Treffen im Büro hatte K. einen Tag Urlaub genommen, und ich hörte erst nachts wieder von ihm, als er in Ruhe schreiben konnte:

„Ich bin sehr froh, dass wir uns nach so langer Zeit wieder einmal sehen konnten. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit – eine sehr schöne und aufregende, glückliche, aber manchmal auch sehr herzzerreißende (vor allem gestern!) Zeit, seit wir mit dem Briefeschreiben FÜREINANDER begonnen haben. Und dabei ist noch nicht einmal eine Woche vergangen, seit zwischen uns eine erst kleine, dann immer größere und hellere Flamme entzündet wurde…mittlerweile brennt sie wie ein „Sonnenfeuer“.
Die wenigen Tage waren – nein, das ist falsch – sie SIND für mich erfüllt von tiefem Gefühl, Zärtlichkeit, Sehnsucht und Glück. Deine Briefe treffen meine Seele und mein Herz! Ich bin vollkommen offen für Dich, ohne jeden Panzer und Schild. Wenn Du mir etwas sagst – Gutes UND Schlechtes -, trifft es mich bis ins Innerste.


Normalerweise baue ich einen Schutzwall aus Anpassung, oberflächlichem Gerede und gespielter Leichtigkeit oder auch manchmal gespielter Unwissenheit und Naivität um mich herum auf, um mich zu schützen. Bei Dir habe…und will ich keinen Schutz! Ich möchte alles von Dir in mich aufnehmen, das Du mir schenken willst.
Wir sind beide – so glaube ich – sehr empfindsame, aber auch sehr zerbrechliche Wesen. Jeder Schmerz – egal, ob mit Absicht oder gedankenlos zugefügt – trifft uns ins Innerste. Ich werde jedenfalls alles tun um Dich – vor mir und anderen – zu schützen. Wenn ich mich in „meine Höhle“ zurückziehe, findet sich für DICH auch dort immer ein Platz. Ich kann Dich auch von meiner Höhle aus immer noch sehen, hören und spüren, auch wenn dicke Felsen zwischen uns sind. Diese Band dürfen wir nie zerreißen! Ich brauche es! Vielleicht brauchst Du es auch?


Es stimmt und Du hast Recht: Ich bin nicht frei; ich trage Verantwortung für meine Familie, und ich habe mein WORT gegeben. Es stimmt und Du hast Recht: Niemand darf durch unser Band verletzt werden! Doch das ist nicht leicht.

Darf ich Dir nah sein, …in Gedanken und auch sonst …ganz, ganz nahe, …ohne zu betrügen, ohne ein Verräter zu sein? Darf ich Dich sehen, Dich hören, mit Dir reden, Briefe schreiben, Dich zärtlich berühren, streicheln und auch manchmal küssen?
Darf ich? Bin ich dann ein Schuft?

Nein, nein, NEIN! Ich bin es nicht!
Ich will, dass wir uns sehen, uns hören, miteinander reden, Briefe schreiben, uns manchmal trösten, uns zärtlich berühren und auch – wenn Du es erlaubst – uns küssen!
DAS darf nicht verboten sein! Dürfen wir? Niemand soll dadurch Schaden leiden! Ich will es! Willst Du mehr? Ich will noch VIEL, VIEL mehr von Dir, aber, ach…
Ich, ich, ich! Was bin ich doch für ein Egoist!
Was willst Du? Dein K.“


Was ich wollte? Ich wollte ihn. Ganz und gar! Aber ich merkte, dass meine Einstellung bezüglich Treue eine ganz andere war als seine. Wenn ich gebunden bin, sind bereits Gedanken an eine andere Person Betrug, und diese Gedanken konnten gar nicht erst entstehen, wenn ich liebte. Zwei Männer gleichzeitig zu lieben, das ist mir nicht möglich, weil ich absolut monogam bin. Deshalb musste ich es als äußerst fragwürdig empfinden, wenn K. behauptete, er würde seine Frau ebenfalls lieben, auch, weil sie nach seinen Angaben ganz anders war als ich. Wem machte er etwas vor? Mir, seiner Frau oder sich selbst?

aus: Die Leiden des Jungen Werthers – J. W. von Goethe


Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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