Kleiner Rückblick – Erwachsen werden

Fortsetzung Teil 8

Fotos aus dieser Zeit existieren leider nicht mehr, weil ich das Album verloren habe.

Wenn ich nach diesem Vorfall nicht gegangen wäre, hätte mich mein Vater womöglich totgeschlagen. Sein Jähzorn machte ihn unberechenbar.
Ich erinnere mich noch genau an den Hergang meiner Flucht: Vater hatte Nachtschicht und schlief im Wohnzimmer auf der Couch, als ich mit einer großen Reisetasche und meinem Kofferradio, zitternd wie Espenlaub, durch die Hintertüre ins Freie schlich, den Beatles-Song „She’s leaving home“ und die Hoffnung auf ein angstfreies Leben im Kopf.

In der Parallelstraße wartete ein Bekannter aus der Disco mit seinem Auto auf mich und brachte mich in den Nachbarort, gar nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Dort war ich zunächst in einem möblierten Zimmer untergekommen, das ich mir aus der Zeitung gesucht hatte. Zum Glück hatte die Vermieterin keinen Ausweis verlangt. Meine Lehre hatte ich geschmissen, weil mich meine Eltern dort gefunden hätten. Ich wollte nur weg von ihnen… raus aus meinem Gefängnis. Zwanzig Mark hatte ich mitgenommen. Das war mein ganzer, gestohlener Reichtum. Wie ich die Miete aufbringen sollte, wusste ich nicht. Es war mir in dem Moment egal. Es ging immer irgendwie weiter, hoffte ich. Das war wie eine Art Ur-Vertrauen.

Die ersten Tage lief ich umher und trampte ziellos durch die Gegend, wie ich es auch vorher schon oft getan hatte, um auszubrechen. Abends ging ich in eine Kneipe, unweit von meinem Zimmer entfernt. Dort lernte ich einen Fernfahrer kennen, der mich abends mit in die Hafenbar „Der goldene Anker“ nahm. Dort gab es Striptease und Porno auf der Bühne. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war peinlichst berührt. Es war das Lokal mit dem schlechtesten Ruf in der Stadt. Aber ich war furchtbar naiv und innerlich tot. Ich dachte nicht nach, über die Absicht, die hinter der Einladung steckte. Schließlich ließ ich mich von dem Mann überreden, am nächsten Tag mit nach Nord-Holland zu fahren, wo er eine Fuhre abliefern musste.
Als wir dort ankamen, war es mitten in der Nacht, und er wurde handgreiflich. Ich wehrte mich und lehnte es ab, zum Schlafen zu ihm in seine Kabine zu kommen. Also wartete ich, bis er eingeschlafen war und stahl ihm 20 Mark aus seiner Brieftasche. Ich wollte nur weg…nur wieder nach Hause kommen…obwohl es das ja gar nicht mehr gab. Ich war in einem fremden Land, irgendwo an der See, und ich hatte Angst. Ich irrte ziellos durch die Nacht. Irgendwo fand ich eine Kneipe, die noch offen war und ging hinein. Ein Holländer sprach mich an, machte aber keinen Hehl daraus, dass er Deutsche nicht ausstehen konnte.
Ich erzählte ihm von meiner Misere und erklärte ihm, dass ich nicht wüsste, wie ich von dort aus nach Moers kommen könnte. Er nahm mich ein Stück weit in seinem Auto mit und meinte dann, dass ich es mit 20 Mark nicht bis über die Grenze schaffen würde. Dann bot er mir 25 Gulden für einmal Geschlechtsverkehr. Was sollte ich tun?

„Augen zu und durch! Es sind nur ein paar Minuten“, dachte ich und ließ mich benutzen. Ich würde diesen Kerl nie wiedersehen. Ich hatte keine Wahl, doch Minuten können verdammt lang sein.

Als ich aus dem Wagen ausstieg, ekelte ich mich vor mir selbst. Aber ich hatte nun wenigstens Geld genug, um von dort fort zu kommen. Es war gegen Morgen, als ich mich an die nächste Hauptstraße stellte, um per Anhalter nach Venlo zu trampen. Ein LKW-Fahrer hielt an und nahm mich mit. Er sah sofort, dass es mir nicht gut ging und war sehr fürsorglich zu mir. Irgendwo hielt er unterwegs auf einem Rastplatz an und brachte mir etwas zu Essen und zu Trinken. Er nahm mich mit bis nach Ede. Von dort aus fuhr ich mit dem Bus bis an die Grenze. Am frühen Morgen kam ich dort an – völlig fertig und übermüdet.

Ich erinnere mich sogar noch an die wollweiße Baskenmütze, die ich damals trug, und wie schmutzig und hässlich ich mich gefühlt habe. Ich ging in das Bahnhofscafé, weil mein Bus nach Deutschland erst später fuhr. Dort sah ich eine Clique deutscher Hippies am Nebentisch sitzen, und ich lauschte ihren Gesprächen.
„Wir haben kein Geld und nichts mehr zu essen!“, sagte einer von ihnen. „Wie sollen wir bloß die nächste Zeit überleben?“
Ich überlegte nicht lange, stand auf, ging an den Nachbartisch und legte wortlos mein Geld hin. Alle sahen mich an, als hätten sie einen Geist gesehen. Ein Mann stand auf und bedankte sich überschwänglich bei mir.
„Unsere Gebete wurden erhört. Dich hat der Himmel geschickt!“, rief er mir nach.
Bis auf das Fahrgeld war ich den Rest meines erbärmlichen Hurenlohns los, und es ging mir besser. Dann bin ich mit dem Bus nach Hause gefahren. Ein Zollbeamter kontrollierte beim Einstieg die Pässe. Niemand schien mich zu suchen. Eine Stunde Fahrt, dann war ich wieder zu Hause. Als ich ausstieg und den vertrauten Boden betrat, war es mir, als würde ich aus einem Alptraum erwachen.

In meinem Zimmer habe ich mich erst einmal gewaschen und wollte ausschlafen, doch am späten Nachmittag klopfte jemand energisch an mein Fenster. Es war der Fernfahrer, der sein Geld zurückhaben wollte. Ich hatte es nicht mehr, und er machte einen Riesenlärm vor dem Haus. Als ich versprach, ihm das Geld wiederzugeben, ist er mit der Drohung, zur Polizei zu gehen, wenn ich es nicht täte, schließlich fort gegangen.

Abends ging ich in eine Disco in Homberg, in der ich einige Leute kannte. Ein Bekannter verkaufte mir dort einen LSD-Trip für 1 DM. Ich hätte nicht gedacht, dass eine so kleine Pille eine solch große Wirkung haben könnte. Aus Vorsicht schluckte ich die Hälfte, und die Auswirkung blieb nach einer halben Stunde nicht aus.

Ich sah Pärchen auf der Tanzfläche, die gar nicht da waren und musste über alles und jeden lachen. Irgendwann begann sich meine ganze Umgebung in bunte Punkte aufzulösen. Alles bewegte sich unter mir, und ich lief wie auf Wellen. Ich stand an der Theke und sah zwei junge Männer am Nebentisch sitzen. Einer war blond und hatte lockige, schulterlange Haare. Er trug eine Lederweste mit Fransen, und in meinem berauschten Zustand nahm ich ihn als ein ganz armes Geschöpf wahr, dem ich helfen musste. Ich ging zu ihm an den Tisch und fragte ihn, ob er kein Zuhause hätte.
„Du kannst bei mir schlafen, wenn du willst!“, bot ich ihm an.
Ich war nicht Herr meiner Sinne, als ich das sagte. A. stellte sich vor und willigte ein. Dann liefen wir…oder vielmehr ich schwebte über die Straßen in Richtung Nachbarort, wo mein Zimmer war. Alles waberte und wogte in seiner Buntheit unter mir und um mich herum. Ich lief lachend mit dem Wohnungsschlüssel in der Hand und suchte das passende Haus.

Dann übernachteten wir in meinem Zimmer. Ich weiß nicht, was wir taten, aber wir taten es. Mein Begleiter war mir völlig fremd, aber es war mir egal…wie alles andere auch. Am nächsten Morgen sah ich in den Spiegel und traute meinen Augen nicht. Mein Gesicht war nicht mehr MEIN Gesicht! Es wirkte verzerrt und schien voller Pusteln zu sein.
Ich schaute mir die Bescherung im Zimmer an. Die Kissen und die Bettwäsche waren Urin durchtränkt. Die weiße Wäsche hatte rote Flecken, wie in meiner Kindheit. Das Inlett hatte abgefärbt. Ich war voller Panik und schämte mich.
Als ich meine Begleitung sah, war ich zu Tode erschrocken!
„Wen hast du denn da mitgenommen!?“, dachte ich entsetzt.
A. war aufgewacht, und ich versuchte, ihm meinen Zustand zu erklären. Schnell verließen wir die Wohnung. Wir liefen und liefen – stundenlang, bis die Wirkung der Droge schließlich nachließ. Nie wieder habe ich später so etwas genommen. Ab und zu rauchte ich Haschisch, was meinem Kreislauf nicht gerade gut bekam. Das taten alle, die ich kannte, aber ich empfand es als negativ, und als ich mit Ende Zwanzig beinahe einen Kreislaufkollaps von Marihuana bekam, habe ich die Finger gänzlich davon gelassen.

A. war Matrose. Sein Vater hatte das eigene Schiff versoffen. Es lag in Rotterdam an der Kette. Nun fuhr A. auf verschiedenen Schiffen als „Springer“. Als ich ihm von meiner finanziellen Misere erzählte, bot er mir an, dass ich mitfahren könnte. Des nachts holten wir schweigend meine Sachen aus dem Zimmer. Ich habe die Vermieterin nie wiedergesehen. Später habe ich noch oft an sie denken müssen. Was sie wohl gedacht haben mag, als sie das Zimmer betrat? Das tat mir leid.

Mehrere Monate lang fuhr ich mit auf dem Schiff, den Rhein rauf und wieder runter. Es war abenteuerlich und langweilig zugleich, aber ich hatte eine kostenlose Unterkunft und Essen genug. A. war Holländer, ein ruhiger, einfach strukturierter Mann, wohl aber sehr rechthaberisch. Er sorgte für mich, wollte als Gegenleistung aber die Koje mit mir teilen. Ich ließ ihn gewähren. In mir war sowieso alles tot.

Der Satz: „Augen zu und durch“, wurde zu meinem Lebensmotto. Für mein Überleben bezahlte ich einen hohen Preis!

Irgendwann hatte A. genug von mir. Mit voll bepackten Reisetaschen ließ er mich im dicksten Winter von einem Lotsenboot in Kaub an Land setzen. Ich sollte bei seinem Großvater auf ihn warten. Der war schon äußerst senil. Alles ließ er unter sich gehen. Ich putzte es angewidert weg und wartete…tagelang, wochenlang. A. blieb auf dem Schiff. Niemand wusste, wann er wiederkommen würde.

In meiner Verzweiflung rief ich meine Mutter an.
„Komm nach Hause!“, bat sie mich. „Hier bei uns ist dein Zuhause!“
Ich wunderte mich über ihre Gefühlsregung. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein halbes Jahr war inzwischen vergangen. Ich verließ Kaub und fuhr mit der Bahn in Richtung Heimat. Als ich dort ankam und mein Elternhaus betrat, war alles beim Alten.

Meine Mutter machte sich lustig über mich.
„Es geht eine Träne auf Reisen!“, sang sie jedes Mal mit, sobald das Lied von „Adamo“ im Radio gespielt wurde und blickte dann augenzwinkernd zu mir. Mit „Träne“ meinte sie mich. WDR4 dudelte von früh bis spät in der Küche. Der Schlager wurde oft gespielt. Sie fand das lustig… ich sehr verletzend.

Mein Vater grinste, als er mich nach meiner Rückkehr wiedersah und sagte ironisch: „Bin ich froh, dass DU wieder da bist!“

Da merkte ich, dass sich im Grunde nichts geändert hatte. Meine Eltern hatten mich mit der Interpol suchen lassen. Mussten sie ja! Ich war oft über die Grenze gefahren, aber die Polizei hatte mich nicht gefunden. A. hatte sich strafbar gemacht, weil er mich minderjährig mit an Bord des Schiffes genommen hatte. Mein Vater bestand darauf, ihn anzuzeigen. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden. Er wollte auf die Anzeige verzichten, wenn wir zusammenbleiben würden.
A. mietete sich ein Zimmer, und wir trafen uns dort. Einmal kam ich mit dem Bus aus der Stadt und bemerkte, wie jemand von der Haltestelle aus hinter mir herlief. Ich hörte seine Schritte und drehte mich um. Es war ein jüngerer Mann, den ich nicht kannte. Wenn ich schneller ging, ging auch er schneller. Kurz vor meinem Elternhaus holte er mich ein und stand mit offener Hose und erigiertem Glied vor mir.
„Fass ihn nur einmal an!“, forderte er gierig, doch in meiner Panik riss ich mich los und lief weg. Doch er war schneller als ich. Zwei Häuser vor der elterlichen Wohnung warf er mich gegen die Stahltüre der nachbarlichen Garage. Diese sprang auf und schlug mit lautem Knall gegen die Wand. Der Kerl stieß mich wie von Sinnen zu Boden und stürzte sich auf mich. Ich landete mit dem Kopf auf der Stoßstange des Autos. Er saß über mich gebeugt und zerriss mir die Bluse, als der Nachbar erschien und irgendeine blöde Bemerkung machte, weil er die Situation nicht erfassen konnte. Der Übeltäter sprang auf und verschwand.

Ich rannte nach Hause und meine Eltern reagierten mit Kopfschütteln, taten aber nichts. Ich verkroch mich in mein Zimmer und heulte.
Das war nicht das letzte Mal, dass mir so etwas passierte. Meine Ausstrahlung auf Männer muss wohl sehr erotisch gewirkt haben. Ich war mir dessen nicht bewusst. Einmal stand ein Mann onanierend an der Bushaltestelle, als ich zur Arbeit fuhr; ein anderer Kerl verfolgte mich später mit derselben Handlung durch den Hauptbahnhof. Hier muss ich anmerken: Es waren jedes Mal deutsche Männer.
A. und ich, wir fügten uns den Forderungen meines Vaters, obwohl kein Gefühl zwischen uns war, nur dieses Muss. Schließlich heirateten wir im September 1972, allein, mit zwei Trauzeugen, die ich nicht mal kannte. Ich war froh, das Haus meiner Kindheit verlassen zu können. Darauf lag kein Segen.

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

4 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Erwachsen werden“

    1. Lieber Rolf, die Zeitqualität war damals schlecht. Die Menschen noch völlig anders drauf als jetzt. Das Gute ist, dass ich noch nie Selbstmordgedanken hatte. Egal, wie schlecht es mir ging. Jeder hat seine eigenen Empfindungen.

      Liebe Grüße

      1. Ich weiß… ich habe diese Zeit auch durchlebt… deshalb muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu tief in deine Geschichte hineinbegebe und somit eigene Erinnerungen, die ich „ganz bewusst“ verdrängt habe, wieder hervorkrame!
        LG

        1. Ich schreibe meine Geschichte bewusst, d. h. ich lasse alles Revue passieren. Das ist eine Art Aufarbeitung für mich. Da ich mit allem abgeschlossen habe, fällt es mir leichter loszulassen, obwohl ich einiges nicht vergessen werde. Wichtig ist, dass ich weiß, wie und wer ich jetzt bin. Alles hat mich dazu gemacht. Gepresst und geschliffen, mit vielen Einschlüssen. Ich habe mich niemals verbiegen lassen. „Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom.“ Habe ich heute von einer Freundin gehört. Finde ich gut und es passt. – Ich mache mich nackig und ich schäme mich nicht.
          Liebe Grüße

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