Kleiner Rückblick – Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst

Fortsetzung Teil 17

1999
2000

Eine relativ kurze Beziehung von zwei Jahren, in der mein Lebensabschnittsgefährte D. im Jahre 2002 von heut auf morgen ohne ein Wort verschwunden war, hatte mich im ersten Schockzustand für einen Monat in eine psychosomatische Klinik nach Rinteln befördert. Im alten Domizil des Barons von Münchhausen zog ich mich, nach dessen Vorbild, selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Zu therapeutischen Zwecken hatte dort fast jeder Klinikinsasse das Buch „Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst!“ lesen müssen. Distanz und Nähe in Beziehungen – dessen Logik von Ursache und Wirkung verstand ich zwar, konnte es aber nicht umsetzen. Denn für mich ist Liebe nichts, was man künstlich dosieren kann, indem man das Gefühl auf „klein“ dreht und den Verstand auf „groß“ wie an einem Gasherd. Wenn mein Herz entflammt ist, lässt es sich nicht mehr regulieren. Die emotionale Flamme ist bei mir stets größer, als irgendwelche logisch erscheinenden Überlegungen. Entweder brenne ich lichterloh, oder die Flamme erlischt nach einiger Zeit ganz von selbst wieder.

Für D. hatte es nie eine wirkliche Flamme gegeben, nur eine Glut, die sich an Äußerlichkeiten entzündete. 2002 war es also nicht die verlorene Liebe gewesen, die mich nervlich und emotional runtergezogen hatte. Eher war das Kindheitstraumata des Verlassenseins der Auslöser gewesen, denn Liebe hatte es in der Beziehung mit D. überhaupt nicht gegeben. Aus einem sexuellen Abenteuer, das für mich ziemlich emotionsfrei begonnen hatte, war plötzlich ein Zusammenleben geworden, weil D. keine eigene Wohnung hatte. Bis dahin hatte er bei seiner Ex gelebt, die manisch-depressiv fast ständig im Krankenhaus untergebracht war.
Beim Tanzen hatte ich D. kennen gelernt. Nachdem sich mein Bauchgefühl mit einem lauten „Nein“ geäußert hatte, hatte meine weibliche Begleitung dies mit einem sehr eindringlichen „Ja“ übertönt.
„Er ist der bestaussehende Mann im Lokal!“, hatte sie mir immer wieder einzureden versucht. Für mich war er ein Prolet wie aus der Coca-Cola-Werbung. Eine Kollegin, die ihn zum ersten Mal bei mir zu Hause gesehen hatte, hatte ganz verzückt gemeint: „Wo hast du ihn denn her? So einer läuft noch frei herum?“

Alle sahen nur D. schöne Fassade, aber bei einem Blick dahinter klaffte mir seine „Hohlraumversiegelung“ derart entgegen, dass seine Zweckbestimmung für mich von Anfang an feststand. Obwohl ich kleiner war, als er, schaute ich auf ihn herunter. Ich kann einen Mann nur auf gleicher Augenhöhe lieben.

Der Mann, den ich mir da in mein Bett geholt hatte, beziehungsweise, der sich fast unmerklich in meiner Wohnung einnistete, war überhaupt kein Kandidat gewesen, den ich hätte lieben können. Seine Anwesenheit belastete mich, weil ich mit ihm nichts anzufangen wusste, und er passte auch nicht in meine liebevoll eingerichtete Frauenwohnung. Trotzdem war ich froh, nicht mehr allein zu sein, was durchaus ein Widerspruch war, für den ich später sehr tief in die Tasche greifen musste. Aber das war wohl mein Los.

Eine Freundin erinnerte mich an die Schattenseiten des Zusammenlebens mit einem Mann.
„Warte ab, wenn du zum ersten Mal seine schmutzigen Socken waschen musst, und er erwartet, dass sein Essen pünktlich auf dem Tisch zu stehen hat!“, hatte sie gesagt.

Socken und Essen waren nur ein kleines Problem; Modellautos hingegen ein großes! Als D. diese wie selbstverständlich auf ein Regal ins Wohnzimmer stellte, sträubten sich meine Nackenhaare.

Er besaß nichts, außer Schulden, hatte ein einfaches Gemüt und großes handwerkliches Geschick. Er aß den ganzen Tag und stopfte Unmengen in sich hinein. Unterwegs war keine Fressbude vor ihm sicher und wenigstens einmal wöchentlich ging es in ein Restaurant.
„Große Männer essen viel!“, hatte meine Freundin beiläufig erklärt. Das Beiläufige wurde vor meinen Augen jeden Tag größer und größer. Ich fand das ekelhaft!

Gegen Ende des Jahres 2000 besuchte ich zusammen mit D. eine Kartenlegerin, die mitunter recht hellsichtige Anwandlungen hatte. D. war erst kürzlich mit seinem Laden in die Pleite gegangen und suchte nach einer neuen Anstellung. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, bei seiner Schwester, die eine IKEA-Filiale leitete, eine Stelle als Geschäftsführer zu bekommen. Sie hatte es ihm versprochen.
Eva, die Wahrsagerin sah unsere Zukunft rosarot:
„Ihr werdet zusammenarbeiten“, prophezeite sie, „und in einem Haus am Wasser wohnen.“
Tagelang zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wie eine Zusammenarbeit denn überhaupt möglich sein könnte. Meinen Job aufgeben, wollte ich auf gar keinen Fall. Ich sah mich bereits in Schweden an einem einsamen Fjord bei IKEA sitzen, doch es kam ganz anders.

Das schwedische Möbelhaus schickte eine klare Absage, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt waren. D. besaß die nötige Vorbildung nicht. Auch seine Schwester konnte daran nichts ändern. Er war enttäuscht und wütend, doch das brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor seiner Selbstständigkeit hatte er als Maschinist gearbeitet. Bei meinem Arbeitgeber bot sich zwar nicht die Möglichkeit einer solchen Tätigkeit, aber eine dort ansässige Firma stellte D. schließlich als Kran- und Schaufelladerfahrer ein.

Nun waren wir sicher, dass auch die zweite Vorhersage von Eva eintreffen würde. Wir bewarben uns intern um eine Werkswohnung und mussten feststellen, dass für die heiß begehrte 150 Quadratmeter-Wohnung noch weitere 35 Interessenten Schlange standen. Mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen kamen wir in die engere Sozialauswahl, die vom Betriebsrat genehmigt worden war. D. hatte seine Tochter angegeben, die nur alle zwei Wochen bei ihm war, aber es funktionierte. Als ehemaliges Geschäftsführerdomizil war die Wohnung nicht nur besonders hochwertig ausgestattet, mit hohen Decken, neuen Fenstern und Rheinblick, sondern verfügte auch über einen riesigen Garten, der in Gemeinschaftsfläche und Mieter-Nutzfläche aufgeteilt war.

Die viele Arbeit, die andere eher abschreckte, scheuten wir nicht. Zusammen – da waren wir sicher – könnten wir aus dem völlig heruntergekommenen Gartenanteil ein kleines Paradies machen. Außerdem hatte ich mich in die flämische Eichenküche verliebt, die der Vormieter zum Verkauf anbot. Gespannt hofften wir weiter.

Nachdem der Februar 2001 vorüber war, gab ich die Hoffnung auf. Dabei standen wir nur noch mit einem anderen Bewerber auf der Liste. Doch dieser eine war vorrangig, denn seine Familie hatte die größere Personenanzahl. Und das Wunder geschah: Zu guter Letzt sprang der Kandidat ab, weil der Ehefrau, die viele Arbeit doch zu gewaltig erschienen war.

Wir bekamen das „Haus am Wasser“ mit hochwertiger Küche. Anfang April zogen wir ein. D. machte den Umzug nahezu allein und transportierte selbst die großen Möbelstücke auf dem Dach seines alten Ford Fiesta.

Arbeiten konnte er! Das muss ich ihm lassen. Ihm wurde nie etwas zu viel.
Die fehlende Bildung versteckte D. hinter einem guten, gepflegten Aussehen, und dadurch wirkte er auf Frauen sehr anziehend. Seine Ex hatte ihn kürzlich erst frisch eingekleidet, als er mit mir anbandelte. Junker und Lodenmantel standen ihm gut – er war groß und konnte das tragen, Aber ich konnte nicht zu ihm aufschauen.

So sehr er sich auch mühte, intelligent daherzureden, es gelang ihm nicht. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Buch gelesen. Abends saß er vor dem Fernseher und glotzte RTL2. Dann hasste ich ihn…und er mich, weil er sich ertappt und beobachtet fühlte, wenn ich wie „Kermit der Frosch“ mit verkniffenem Mund neben ihm saß. Er verstand nicht, dass ich nicht schadenfroh über die vielen Hinfall-Pannen-Videos anderer Leute lachen konnte. Da streikte selbst mein inneres Kind und schaute weg.

In punkto Sexualität und Frauen kannte D. sich aus. Das war sein Fachgebiet. Darüber konnte er stundenlang reden; besonders wie gut er doch sei, im Gegensatz zu anderen. Die Überzeugung: „Man(n) muss doch immer erst an die Befriedigung der Frau denken!“, hatte er sich auf seine Fahnen geschrieben. Naja, es gab jedenfalls keine Nähe zwischen uns, außer an einer bestimmten Körperstelle. Aber auch sein „Zipfel zum Glück“ beeindruckte mich nicht wirklich.

Als ich ihn irgendwann nach seinem „Sinn des Lebens“ fragte, hat mich die Antwort beinahe umgehauen: „Wohnmobil fahren“. Etwas Dümmeres hätte er nicht sagen können. DAS ging gar nicht!

Das alles war keine Grundlage für eine Partnerschaft – im Gegenteil. Für mich der absolute Horror! Wohnmobil fahren sowieso.

Die Gespräche waren belangloses Alltags-Blah-Blah, ohne Tiefgang und sein platter Humor, der sich darin äußerte, dass er mir ständig Witze erzählte, über die ich nicht lachen konnte, ekelte mich an, wie die ganze Situation und zuletzt der ganze Kerl.
Obwohl er vom Aussehen wirkte wie Rock Hudson, konnte mich das nicht täuschen. Wenn er mich anlächelte, sah ich, welch Geistes Kind er war. Er wirkte stupide…nein, er war es. Dafür konnte er nichts…ich aber auch nicht.

D. war eifersüchtig. Er verbot mir den Umgang mit alten Bekannten und scheute sich nicht, es denjenigen direkt telefonisch mitzuteilen. Ich stand wütend daneben und traute meinen Ohren nicht. Gesprächen mit Freundinnen lauschte er interessiert. Dabei bekamen seine Ohren die Größe von Rhabarberblättern.

D. trug gerne kleinkarierte Hemden. Die passten zu ihm. Etwas tiefer ausgeschnittene Blusen oder Oberteile durfte ich nicht anziehen. Kam ich mit einem solchen Teil nachmittags aus dem Büro nach Hause, gab es Stress.

Nach einem Jahr des Zusammenlebens fand ich D. nur noch widerlich und ertrug ihn immer weniger in meiner Nähe. Wenn er meiner Aura zu nah kam, glich das einer Verletzung. Der Abstand zwischen seiner und meiner Bettseite war irgendwann nicht mehr groß genug. Seine Gegenwart schnitt mir in die Seele wie ein Elektroschocker. Das musste ich abstellen! Folglich verwies ich ihn aus dem Schlafzimmer.

Er wusste gar nicht wie ihm geschah. Ich brauchte diese Bannmeile. Wenn er sie überschritt, läuteten bei mir die Alarmglocken. Manchmal merkte ich, dass er hinter mir stand und mich beim Ankleiden beobachtete. Ich sah, wie er zitterte und welche Macht ich über ihn hatte. Das gefiel mir irgendwie, obwohl ich wusste, dass solche Anwandlungen nicht richtig sein können. Ich ließ ihn zappeln und wies ihn gnadenlos zurück. Dann gab es nur noch Streit und Handgreiflichkeiten vom Allergemeinsten. Er „rückte“ meine Wohnung zurecht, wenn ihm danach war. Und ihm war oft danach, weil er sich verbal nicht gegen mich wehren konnte.
Als in dieser Situation noch seine manisch-depressive Ex anrief und mir mit teuflischer Freude erzählte, dass er mit ihr fremdgegangen sei, brachte das das Fass zum Überlaufen.

D. machte eine Zeit lang gute Miene zum bösen Spiel, um seine desolaten Finanzen durch mich noch ein wenig aufzubessern und seinen ‚Abflug‘ vorzubereiten, von dem ich nichts ahnte. Dann überredete er mich zu einer Reise nach Berchtesgaden, die natürlich ich bezahlen ‚durfte‘. Er wollte König Ludwig spielen in Junker und Lodenmantel und badete in den Blicken der bayrischen Frauenwelt. Ich ließ ihn gewähren. Dann fuhren wir nach Hause zurück. Zwei Tage später war er verschwunden.

Er hatte mich mit der gemeinsam gemieteten Wohnung und natürlich auch mit den Kosten und der ganzen Arbeit alleine gelassen. Den riesigen Garten musste ich nun selbst pflegen. Alle Lasten und Kosten hatte ich von Stund an am Hals und kein Geld für einen weiteren Umzug.

Zum ersten Schock des Verlassenseins gesellte sich die Panik, es womöglich finanziell und kräftemäßig nicht alleine schaffen zu können. Ich hatte für den letzten Wohnungswechsel Schulden gemacht, die ich abzahlen musste. D. schuldete mir Geld, das ich nie wiedersehen würde, denn ich hatte nicht nur seine Rechnungen bezahlt, sondern auch die Unterhaltszahlungen für seine Tochter monatelang übernommen. Unbezahlte Rechnungen und Mahnbescheide von D. flatterten haufenweise ins Haus. Ich schickte sie alle zurück.

D. war unerreichbar für mich. Er hatte sein Handy abgestellt. Erst als ich ihm mit dem Einschalten der Polizei drohte, meldete er sich. Ich ging zum Neurologen. Er verschrieb mir Beruhigungsmittel.

Blick auf den Garten 2001
Blick am Abend aus dem Küchenfenster

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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