Kleiner Rückblick – Königskinder

Fortsetzung Teil 37

Bildausschnitt Hero und Leander – Karl Theodor von Piloty (1826-1886)

Während ich die Zeilen las, machte mein Herz Luftsprünge. K. war immer noch in meinem Leben. Es war nicht vorbei! Ich hatte an allem gezweifelt: an seiner Liebe, an seinem Interesse an mir. Ich konnte nicht ahnen, was in ihm vorgegangen war, nachdem ich ihm vorgeworfen hatte, er habe ein „Herz aus Stein“.

…“Wieso kommst Du auf die Idee, dass es mir egal sei, wie es Dir geht? Wir sind Dualseelen und sei gewiss: alles Leid, das Du in der Zwischenzeit erfahren hast, habe ich ganz genau so auch erfahren. Sicherlich nicht in der gleichen Form, Du wahrscheinlich mehr tagsüber, abends und an den Wochenenden. Ich vor allem nachts in meinen Träumen, wenn Du mich gerufen hast, und ich Dir nicht antworten konnte. Ein Neuanfang ohne Leid – ja, aber ohne Vorwürfe und Zwänge, ohne Eifersucht und Drängen, wenn es sein muss auch ohne körperliche Nähe, nur Briefe. Ich möchte NIE wieder etwas von „Affäre“, „Beziehung“, „ins Bett hüpfen“ und Ähnlichem als Vorwurf vorgehalten bekommen. Unsere Liebe ist keine „Affäre“! Wir sind verbunden, für immer! Die Zeit wird uns nicht trennen! Alles Leid, was wir bisher erfahren haben (ja auch ich leide), war die Folge unserer körperlichen Nähe – aber das waren auch gleichzeitig einige der schönsten Momente.

Ich habe Dir meinen Traumstein gegeben, und ich habe Dir damals gesagt, dass Du damit große Macht über mich bekommst. Das war nicht nur so dahingesagt. Mit diesem Stein hattest Du meine Träume in DEINER Hand. Ich habe es gerne getan, weil ich Dir vertraue – ja, auch jetzt vertraue ich Dir. Das war mein Geschenk für Dich von mir – ohne materiellen – aber für mich von höchstem symbolischem Wert. Du hast den Stein benutzt, als Du wütend und verzweifelt warst. Du hast mich verflucht, und Du hast mein Herz in Stein verwandelt. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn Du mich wirklich liebst! Warum hast Du den Stein nicht einfach aufbewahrt? Hat er so viel Platz beansprucht? War er so schwer, dass er Deine Schubladen durchbrochen hätte? Hättest Du ihn nicht irgendwo an einen anderen Ort, weit weg von Dir, so dass Du ihn nicht mehr sehen musstest, verstecken können? Ja, auch ich war voller Wut, aber immer wenn ich Deine Briefe und Dein Gedichte gelesen, Deine Fotos angesehen, Dein Gesicht, Deine Augen, Deinen Körper, dann war die Wut wieder weg und machte einer großen Zärtlichkeit Platz. Nur DU kannst diesen Fluch wieder lösen. Ich bitte Dich darum! Ich will kein kaltes Herz haben. Du hast mich damit mehr als getötet.

Du fragst, warum ich das Gefühl habe, Dir nicht mehr in die Augen sehen zu können? Ich habe dieses Gefühl, weil ich Dir so viel Leid gebracht habe und weil ich – bisher – bei Dir versagt habe. Ich will, dass Du Dein Zuhause findest. Ich will, dass Du Geborgenheit fühlst und Glück empfindest. Das ist meine Aufgabe! Durch meine körperliche Nähe konnte ich Dir dies alles nicht geben. Deshalb werde ich versuchen, Dir in Deinen Gedanken und Gefühlen so nah zu sein, wie Du es mir erlaubst. Auch dort kann man Geborgenheit und ein Zuhause finden! Dein K.“

Geborgenheit und ein Zuhause versprach er mir, aber nur gedanklich und gefühlsmäßig, nicht im realen Leben! Was war das für eine Liebe: Er wollte das Leben mit seiner Frau weiter führen.

Es vergingen damals ein paar Tage, bis wir eines nachmittags in getrennten Autos zum Schwafheimer See fuhren. Er wollte danach noch einen Bekannten besuchen. Nachdem wir dort eine Weile spazieren gegangen waren, fragte ich K. mehr im Scherz, ob seine „empfindlichste Stelle“ noch mir gehören würde. Es steckte natürlich eine große Portion Eifersucht dahinter, und es war eine überaus dumme Frage gewesen, denn seine Antwort stach mir wie ein Messer ins Herz.

„Wenn DU „ihn“ hast, gehört er Dir…!“, sagte er und ich schlussfolgerte, „wenn SIE „ihn“ hat, gehört er ihr!“, und damit lag ich genau richtig! Ich hatte aus ihm „herausgekitzelt“, was ich nicht hören wollte: Er schlief wieder mit ihr. Es war mir unerträglich, wie leicht es ihm war, den Schalter zwischen mir und ihr umzulegen. Wutschnaubend und maßlos enttäuscht fuhr ich nach Hause. Am Liebsten hätte ich ihn am Kragen aus seiner Friede-Freude-Eierkuchen-Familie herausgezerrt und sein ekelhaftes Tun angeprangert! Sein Tun machte mich böse und auch ein Stück weit ungerecht.

Ich fragte mich in diesem Augenblick, wer schlimmer dran ist, sie oder ich!? Es machte ihm anscheinend Freude, mich zu demütigen und mit diesen Tatsachen zu quälen. Seine Frau ahnte nicht einmal, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Sie besaß seinen vollen Schutz, seine Fürsorge und alle Sicherheiten! Es war so ungerecht und doch wieder nicht, weil er ja mit ihr verheiratet war. Ich gehörte einfach nicht in sein Leben! Wieder fühlte ich das ohnmächtige Nichts-tun-können. Ich konnte es nur hinnehmen oder musste K. für immer lassen.
Aber wie sollte ich das machen? Ich liebte ihn!

In seiner Gegenwart fühlte ich mich nicht wie ein Exot. Er war so erfrischend anders. Er war etwas Besonderes…wie von einem anderen Planeten stammend. Wenn er mich liebte und seine Leidenschaft mit mir auslebte, erfüllte er mich ganz und gar. Ich war glücklich in seiner Nähe. Er war für mich ein Wunder…ein Geschenk des Himmels!
Niemals hätte ich ihm wehtun wollen…auch wenn er mich immer aufs Neue in Rachegefühle trieb, wenn die Ohnmacht zu groß wurde, und ich eine Reaktion von ihm erhoffte, die nicht kam.

„…Lass uns eine Vereinbarung treffen“, schrieb ich ihm. „Nie mehr zu streiten, wenn wir uns nicht gegenüber stehen. Nie mehr alles hinzuwerfen, ohne vorher miteinander gesprochen zu haben. Es gibt sonst zu viele Missverständnisse. Und, dass wir uns spätestens am Abend wieder versöhnen, wenn wir morgens gestritten haben. Wenn wir zusammen wohnen würden, wäre das einfacher, denn dann käme ich garantiert abends in Dein Bett gekrochen und würde Dir den Zorn wegküssen. Und wie ich Dich küssen würde!…“

Foto: Gisela Seidel

Er hielt sich nicht an diese Abmachung.

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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