Kleiner Rückblick – Krankheit

Fortsetzung Teil 11

Ende 1979 in der psychosomatischen Klinik im Schwarzwald zur Reha

Die psychische Belastung der vergangenen Jahre forderte ihren Tribut. Von einem Tag auf den anderen bekam ich massive, blutige Durchfälle, die mit Krämpfen einhergingen. Irgendwann konnte ich wegen der Schmerzen nicht mehr arbeiten. Über ein Jahr lang war ich krank geschrieben und erhielt schließlich die Kündigung.

Monatelang war ich 1977/78 von einem Arzt zum anderen gelaufen und hatte mir schließlich auf Verdacht die Gallenblase wegen eines Steines entfernen lassen. Keiner erkannte die Ursache meiner plötzlichen Durchfälle und der immer wiederkehrenden Darmkoliken, und als ich in meiner Not kurz vor Weihnachten schließlich zum Gynäkologen ging, wies der mich notfallmäßig ins Homberger Krankenhaus ein.

Es war „kurz vor Zwölf“ gewesen. Zwanzig Kilogramm hatte ich bereits abgenommen. Ich wurde mit 50 kg auf die Intensivstation gelegt und sechs Wochen lang künstlich ernährt. Bei einer Bauchspiegelung konnte man einen großen Entzündungsherd im Darmbereich ausmachen und riet zur baldigen Operation.

Was man alles in mich hinein spritzte, weiß ich nicht mehr. Nach über einem Monat waren alle meine Venen durch die Infusionsnadeln kaputt. Selbst die hart gesottene Ordensschwester Hermana litt mit mir, wenn sie mir morgens einen neuen Tropf anlegen musste. Irgendwann ging nichts mehr. Die Ärzte legten mir in zweieinhalbstündiger Prozedur einen Subclavia Katheder und punktierten mich, da man zusätzlich eine perniziöse Anämie vermutete. Dann bekam ich vom ‚Novalgin‘ einen anaphylaktischen Schock. Das wurde angenommen, möglicherweise waren aber Keime des Katheders schuld.

Der kurdische Arzt Dr. Al-Faily hatte mein Bett geschnappt und es in Windeseile zur Intensivstation geschoben, nachdem er mich zufällig kollabierend im Zimmer vorgefunden hatte. Mein Puls betrug nur noch 35 und ich bekam keine Luft mehr. In meiner Todesangst schrie ich panisch: „Ich will nicht sterben…ich will nicht sterben!“ Dann wurde ich ohnmächtig und erwachte auf der Intensivstation. Der Himmel erfüllte meine Bitte: Ich überlebte!

Aufgrund meiner negativen Erfahrungen wollte ich mich in der Homberger Klinik nicht operieren lassen und ging auf eigenen Wunsch nach Hause.

Wenige Tage später konnte ich das rechte Bein nicht mehr strecken und bekam wieder heftigste Schmerzen im rechten Bauchbereich.

Daraufhin erklärten sich meine Eltern zu meiner Verwunderung bereit, mich aufzunehmen, bis ich wieder gesund sei. Fortan lag ich dort im Wohnzimmer auf der schwarzen Ledercouch, unfähig zu laufen, weil ich auf dem rechten Bein nicht mehr stehen konnte. Jedes Mal, wenn ich zur Toilette musste, konnte ich nur auf allen Vieren oder gestützt dorthin gelangen.

Meine Eltern schliefen nebenan im Schlafzimmer, und ich musste meine Mutter rufen, wenn ich nachts raus musste. Einmal dann wurde mein Rufen von ihr nicht gehört, und ich machte mein großes Geschäft auf der Couch, was mir sehr unangenehm war. Am nächsten Morgen hat meine Mutter getobt und mich angeschrien. Später hat sie in Rage meiner Oma gesagt, dass ich nie mehr ins Haus käme, wenn ich erst wieder gesund sei. Beide standen im Wohnzimmer, wo ich alles genau mitbekam.
„Du bist immer schon ein Dreckschwein gewesen!“, hatte meine Mutter gesagt.
Es tat weh, doch ich konnte mich nicht wehren. Diese Worte schmerzten damals mehr, als mein Bauch. Und Oma stand daneben und schwieg.

Schließlich bot Oma mir an, einen Heilpraktiker zu bezahlen, der täglich kam, um mir Spritzen im Sinne der Neuraltherapie zu geben. Er spritzte mir in den Darm, ins Hüftgelenk und in die Wirbelsäule und diagnostizierte, weil er keine Ahnung hatte, eine Muskelentzündung. Irgendwann konnte ich nicht mehr aufstehen, sitzen, schreiben und sprechen. Ich weinte den ganzen Tag vor Schmerzen und bemerkte schließlich eine dicke, schmerzende Beule an der rechten Gesäßhälfte.

Als 1979 im April mein Geburtstag kam, wurde es meinem Vater mulmig zumute. Er alarmierte die Rettung. Ich konnte wegen der Schmerzen nur sitzend transportiert werden und wurde in ein anderes Krankenhaus nach Moers gebracht. Die Nachbarin vom Haus gegenüber stand bei meinem Abtransport fassungslos an der Türe und weinte. Meine Eltern waren erleichtert. Endlich verließ ich das Haus. Ob tot oder lebendig: Ich war erstmal weg.

In der Klinik standen alle Oberärzte und Professoren ratlos an meinem Bett. Sie vermuteten einen Spritzenabzess, aber es war eine Darmfistel, die nach zwei Wochen aufgeschnitten wurde. Eiter hatte den Bauchraum erfüllt und das rechte Hüftgelenk war dadurch aus der Gelenkschale gesprungen. Ich glaubte, das sei mein Todesurteil und war nur noch eine Masse aus Schmerz und Verzweiflung.

Man verlegte mich auf die septische Station, in ein Fünf-Bett-Zimmer, und versuchte, mich durch Bluttransfusionen und Infusionen wieder aufzupäppeln.
Die Wunde am Gesäß wurde täglich aufgestochen, damit der Eiter abfließen konnte. Eines morgens floss Stuhl mit Eiter heraus. Ich glaubte, das sei mein Ende und weinte stundenlang.

Neben unserem Zimmer lag eine junge Frau im Sterben. Sie hatte Krebs und muss wohl fürchterlich gelitten haben, denn sie schrie Tag und Nacht nach ihrer Mutter. Ihr „Mama, Mama!“, werde ich nie mehr vergessen können! Es verhallte im Flur, denn niemand kam sie besuchen. Nach vierzehn Tagen Kampf war sie verstummt.

Ich überlebte wie durch ein Wunder und mir ging es täglich besser. Einmal gab man mir eine falsche Spritze. Ich kollabierte und erwachte auf der Intensivstation. Hätte ich allein im Zimmer gelegen, wäre ich tot gewesen. Das ist der Grund, weshalb ich niemals ein Einzelzimmer haben möchte.

Täglich bekam ich sechs große Infusionsflaschen angehängt. Dazu war ein neuer Katheder gelegt worden. Da einmal eine Schwester vergaß, die Luft aus dem Schlauch zu lassen, als sie mir die Infusion anlegen wollte, bestand ich darauf, das selber zu tun und man stellte mir die Flaschen auf die Fensterbank.

Alle starken Raucher – das waren damals fast alle – trafen sich im Raucherzimmer. Da ich anfangs das Bett nicht verlassen konnte, brachten mir die Schwestern Zigaretten und Feuerzeug in einem Infusionsständer, und ich durfte im Bett rauchen, weil die anderen Patienten nichts dagegen hatten.

Auf der Station lagen viele Brandopfern. Eine Clique von Leidensgenossen hatte sich gefunden. Wir machten uns gegenseitig Mut, spielten Karten auf dem Flur und „geisterten“ durch die Krankenhausgänge und-abteilungen. Manchmal kam eine Schwester und holte in einem Zinksarg Verstorbene aus den Zimmern, um sie in den Keller zu bringen. Die Männer ärgerten sie mit dummen Sprüchen, bis sie ihnen hinterher rief: „Wartet, euch kriege ich auch noch!“

Ich war froh, nicht mehr ganz allein zu sein, obwohl mich meine Eltern in der Zeit fast täglich besuchten und mich mit Wäsche und dem Nötigsten versorgten. Die schweren Schicksale der anderen nahmen mir meine Angst und bauten mich auf.
Nach drei Monaten operierte man mich und entfernte das kranke Stück Darm. Ein Morbus Crohn wurde diagnostiziert. Ihn würde ich ein Leben lang behalten. Erst vor kurzem stellten die Wissenschaftler fest, dass diese Krankheit oft entsteht, nachdem Blinddarm und Mandeln entfernt wurden, wie bei mir. Aber damals war die Erkrankung unerforschtes Gebiet.

Nach der Operation durfte ich wochenlang nur flüssige und breiige Nahrung zu mir nehmen. Doch ich war froh, dass ich überhaupt wieder etwas essen konnte. Vorher gab es Astronautenkost, die wie Tapetenkleister schmeckte. Es ging langsam und stetig voran.

Gegen Ende des Sommers wurde ich entlassen. Eine Kur im Schwarzwald schloss sich im Spätherbst an. Ein Jahr lang bekam ich eine kleine Rente und begann allmählich wieder zu leben.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

6 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Krankheit“

  1. Man sagt ja auch: „Ein geprügelter Hund kommt immer wieder nach Hause!“
    Damit meine ich, dass man sehr gut verzeihen kann und auch darf, aber wie sieht es mit dem Vergessen aus? Das klappt bei mir nicht so recht… 🤔
    Übrigens… APRIL… bist du auch ein Stier? Würde mich nicht wundern!?
    LG

    1. Nein, ich bin Widder mit Aszendent Stier. Bei meinem Arbeitgeber wusste jeder, dass ich am 20. Geburtstag habe. Warum wohl?
      Einige meinen, Astrologie sei Blödsinn. Aber das stimmt nicht. Bei meiner Geburt standen viele Planeten im 12. Haus. Das bedeutet Widerwärtigkeiten hoch 10.
      Das Beispiel des geprügelten Hundes stimmt leider. Vergessen kann ich leider nichts.

      Liebe Grüße

    1. Danke Reiner,
      ich konnte nichts ändern und jetzt sind beide tot. Ich habe ihnen verziehen und trotz allem geliebt. Sie waren meine Eltern und konnten/wollten nichts anderes. Weiter konnten sie nicht denken. Lieblos waren sie. Das stimmt…und ihr maßloser Rassenhass kam erst später zum Vorschein. Wenn Du weiterlesen magst, würde es mich freuen.

      Liebe Grüße

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