Kleiner Rückblick – Neuer Lebensabschnitt

Fortsetzung Teil 22

Zwischenzeitlich war trotz der neuen Aufgabe in mir der Ruf nach Liebe nicht verstummt. Wie andere Menschen auf die Uhr schauten, so schaute ich auf den Kalender. Schiller und das Schreiben hatten mich über die Zeit getragen. Er blieb allgegenwärtig.

Die Jahre waren fast unmerklich vergangen, doch die Aussage von R. M. konnte ich nicht vergessen. Als ich damals nach einem Partner fragte, hatte sie mir das Jahr 2006 genannt.

Viele der damaligen Freundinnen hatten sich für immer verabschiedet oder vielmehr ich mich von ihnen. P. war darunter und auch I., von der ich mich wegen ihrer Exzentrik distanziert hatte. Daneben hatte ich neue Bekanntschaften in Voerde gemacht und alte in Homberg aufgefrischt.

Als die Sache mit R. M. damals in die Brüche ging, hatte I. deren Zukunftsaussagen allesamt in Frage gestellt. Das Jahr 2006 nahte, und ich hoffte noch immer. Fast drei Jahre lang hatte ich allein gelebt.

Für meine neuen Bekannten von der Presse war ich nur interessant, solange ich ihnen Stoff für neue Artikel lieferte. Auch hier entpuppten sich vermeintliche Freundschaften als schnell vergänglich. Ein Ende 2005 gegründeter Kulturverein in Geldern hatte mir außer einer Menge Arbeit als Schatzmeisterin nur Oberflächliches gebracht. Jeder kochte hier sein eigenes Süppchen. Von Verbund spürte ich wenig und kehrte schließlich auch dem den Rücken zu.

Dass ich mitunter als weltfremder, nicht kritikfreier Exot belächelt wurde, kam erschwerend hinzu. Viele suchten meinen Rat, aber wirklichen Umgang mit mir schien niemand zu wollen. Immer war ich diejenige, die Einladungen aussprach, nur selten erhielt ich eine zurück. Schließlich war ich nicht lustig, sondern nur ‚komisch‘.

Auch ein wieder aufgenommener Kontakt zu E., die inzwischen eine mit neuen Frauen besetzte Gruppe leitete, änderte daran nichts. Sie lehrte immer noch die gleichen Dinge, und ich äußerte nach wie vor Kritik, sobald mein Bauchgefühl die Alarmglocken läuten ließen.

E. liebte Tobias-Channelings genauso, wie die Geistheilung durch irgendwelche selbsternannten „Lichtgestalten“, die gar keine waren. Einer davon entpuppte sich später als Kinderschänder. Sie animierte die anderen Gruppenmitglieder zur Teilnahme an fragwürdigen Veranstaltungen, aber ich lehnte es ab, Deeksha gebende indische Gurus reich zu machen, die in den Augen der westlichen Welt die spirituelle Weisheit scheinbar für sich gepachtet hatten. Doch damit stand ich allein.

Ich brauche Gott und seinen christlichen Geist, den er einst seinem Menschensohn Jesus mit auf diese Welt gegeben hatte. Sonst niemanden! Jeder, der sich auf ihn beruft, ist in der Lage heilend zu wirken, wenn der ‚Himmel‘ das so vorsieht und das kostenlos. Ich musste feststellen, dass manche Ärzte nicht durch Gott, sondern durch ihren Geldbeutel heilen.

Mit meiner christlichen Überzeugung konnte auch die neue Gruppe nichts anfangen. Deshalb kehrte ich E. schließlich wieder den Rücken zu. Was sollte sie mir beibringen?! Sie hatte selbst nichts dazugelernt. Ihre Wahrheit war nicht meine. Ich hatte doch alles IN mir, was wichtig für mich war.

Irgendwie war ich zu gläubig, zu leidgeprüft, zu wenig esoterisch, zu lebenserfahren, zu mystisch und passte wohl kaum in die Denkweise meiner Zeitgenossen. Das war auch nicht meine Absicht, denn ich liebte es mittlerweile, mit einem Bein in der Vergangenheit zu stehen. Egal, was ich tat, ich schien immer zwischen den Welten und Zeiten zu wandeln.

Meine Lebensanschauung war anders, mein Glaube und mein Bewusstsein hatten sich entwickelt und aus mir eine Einzelgängerin gemacht. Nur eine sehr alte Seele konnte ertragen, was ich im Leben erfahren musste. Es war mein Weg! Erst jetzt konnte ich ihn segnen, weil ich sah, welche Tiefe er mir durch seine Schwere gegeben hatte. Ich war nicht stolz darauf – im Gegenteil und hoffte, dass auch Gott mich segnen würde.

Ich sehnte mich nach Menschen und blieb dennoch unter vielen allein. Um mich zu erden, unternahm ich lange Spaziergänge durch die Rheinauen oder fuhr nach Kevelaer, um Kraft zu tanken und „Gott zu atmen“, obwohl er sehr wahrscheinlich dort, unter den vielen Geschäftemachereien des Pilgerortes, am wenigsten zu finden war. Doch ganz gleich, wo ich lief, ich fühlte mich einsam und verlassen. Ich hatte das Alleinsein gelernt und lebte autark mein Leben. Sollte DAS meine Bestimmung sein? Es machte mir zu schaffen! Wenigstens empfingen mich meine drei Katzen mit Freude, wenn ich nachmittags von meinem Vollzeitjob nach Hause kam.

Mein jüngster Sohn war die einzige Menschenseele, die mir emotional und aufgrund der räumlichen Nähe verbunden war, doch er blieb mir trotzdem fremd, weil er ein ganz anderes Naturell hatte, als ich. Was uns jedoch immer vereinte, war unsere Tierliebe. Er hegte und pflegte die Katzen, wenn ich ein paar Tage weg war. Seine Lieblingskatze hieß „Sally“. Ich rief sie „Wichtel“. Sie pinkelte durch ihr Revierverhalten ständig alle Übergardinen voll, aber wir liebten sie trotzdem.

Patrick und ich, wir beide waren hochsensibel. Sobald wir längere Zeit zusammen in einem Raum waren, entwickelte sich ein explosives Gemisch, das kurz darauf explodierte. Er entzündete sich an meiner Art und ich an seiner. Ein Teufelskreis, den man nur durch räumliche Trennung entkommen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Patrick sein Studium aufgegeben, weil es finanziell nicht zu stemmen war. Der Bafög-Antrag war zwar gestellt worden, doch die Antwort darauf verblüffte und erschreckte uns beide: Ich sollte fast 400 Euro an Patrick zahlen, obwohl ich ihn bisher alleine unterhalten hatte und nie einen Pfennig Unterhalt von seinem Erzeuger bekam. Er wohnte und aß bei mir, wurde eingekleidet, wenn er etwas brauchte und bekam ansonsten alles, was die Uni betraf, zusätzlich von mir. Hinzu kam dann noch seine fehlende Hilfe, die Unordnung und seine immer desolateren Wohnräume. Ich war verzweifelt!

In seiner Grundeigenschaft war Patrick ein liebenswerter Mensch, der sich selbst als wertloses Geschöpf empfand und genauso lebte. Er lehnte es ab, den Bafög-Bescheid umzusetzen und verzichtete auf die Geldforderung, weil er mir nicht schaden wollte. Das war auch eine Eigenart von ihm: Er hätte niemals etwas von mir weggeworfen und sei es nur eine Trockenblume gewesen, die langsam auseinander fiel.

Ich hatte ihm den Führerschein finanziert, und er benutzte meinen Micra solange, bis er rundherum verbeult war. Bei ihm herrschte das Chaos – die ‚Kehrseite der Medaille‘.

Im Frühjahr brachte er mir die Nachricht, dass er nach Duisburg-Neudorf ziehen will. Grund dafür war eine junge Frau, in die er verliebt war und die in nächster Nähe zu seiner neuen Wohnung wohnte. Mit ihr verbrachte er seine Freizeit, hing in irgendwelchen Clubs ab und zelebrierte seine Rap-Musik.

Bevor er umzog, richtete ich ihm das Nötigste ein: Eine neue Küche, Schlaf- und Wohnzimmer mit Flachbild-TV, Vorhänge und Lampen. Ich wollte, dass er es gut vorfand, in seiner 45 qm-Wohnung und wusste, dass er kein Geld zur Verfügung hatte, um sie einzurichten. Kurz darauf begann er nach einem Praktikum eine Ausbildung zum Bürokaufmann, die er auch beendete. Er war damit nicht nur unterfordert und unglücklich, sondern fand letztendlich keine Anstellung.

In der Zwischenzeit zerplatzten alle seine Träume. Die größte und letzte Liebe seines Lebens betrog ihn mit seinem besten Freund. Das hatte er niemals verwunden. Danach wollte er zwar nichts mehr von Frauen wissen, weil er deren materielle Einstellung hasste, hatte aber dennoch die Sehnsucht nach einer heilen eigenen Familie.

Ich weiß noch den Tag, an dem Patrick bei mir auszog. Das war das erste Mal, dass wir getrennt voneinander lebten. Als damals die Türe ins Schloss fiel, schauderte es mich. Ein neuer Lebensabschnitt begann! Ich blieb alleine mit meinen drei Katzen zurück.

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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