Kleiner Rückblick – Rheinaue

Fortsetzung Teil 31

Foto: Gisela Seidel

Wir sahen uns wenig später wieder und standen uns zitternd gegenüber. Dann fuhren wir zu einem Spaziergang in die Rheinaue, an meinen Kraftort, den er noch nicht kannte. Dort saßen wir auf einer Bank und küssten uns immer wieder und wieder. Es war ein schöner Sonnentag, und ich war glücklich. Dennoch wirkte K. irgendwie distanzierter als vor dem Urlaub auf mich.

Foto: Gisela Seidel, Rheinaue in Duisburg-Friemersheim
Foto: Gisela Seidel

Es folgte ein Treffen bei mir zu Hause. Ich hatte eine ungestillte Sehnsucht in mir und wollte nichts als seine Nähe, doch er beachtete mich gar nicht. Küsse erwiderte er wie ein Automat, aber sonst berührte er mich nicht ein einziges Mal. Als ich ihn schließlich überredet hatte, sich zu mir aufs Bett zu legen, lag er da, bewegungslos wie ein Stein und ließ sich von mir befriedigen. Da merkte ich, dass nicht nur EINE Frau zwischen uns lag, sondern sogar zwei weibliche Wesen, die absolute Macht über ihn hatten: seine Frau und seine Tochter. Danach folgte sein verletzendes Geständnis: „Meine Frau ist auch zärtlich!“
Er hatte ein schlechtes Gewissen… auch seiner Tochter gegenüber. Das verstand ich nicht. Man kann seine Kinder lieben, aber sich ihnen zu unterwerfen, das war sicherlich nicht so gedacht.
Ich fühlte mich minderwertig. Mir schien es so, als sei K. Liebe für mich in Kroatien auf der Strecke geblieben.

„Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter!“, dachte ich enttäuscht. Und genauso war es auch: Er hatte im Urlaub natürlich mit seiner Frau geschlafen. Das brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück!

Dazu gestand er mir:
„.. Ich habe Dich gestern aus einem ganz anderen Grund nicht berührt: als Du mich auf dem Bett geküsst hattest und ich „fertig“ war, hatte ich natürlich auch ein schlechtes Gewissen, weil ich mein Versprechen meiner Frau gegenüber gebrochen hatte, aber das war es nicht. Ich war sehr unglücklich, und ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen, weil mir in den Sinn kam, was Du jetzt von mir denken musst. Ich war vor Dir fertig! Ich hatte ein schönes Erlebnis, ich hatte einen Vorteil dadurch, dass ich untreu war. Würdest Du nicht später immer denken: „Wenn er jetzt untreu ist, dann wird er später bei mir auch untreu sein, obwohl er sein Versprechen gegeben hat?“ Ist es nicht so?
Wenn ich dagegen nur DICH berühren würde und alles für Dich tue, wäre es für mich tausendmal leichter, weil ich dann keinen eigenen Vorteil davon habe. Mein Gewissen wäre dann überhaupt nicht (oder zumindest fast nicht) belastet. Ich tue es dann für DICH und NUR für Dich. Und das wäre gut, und ich kein schlechter Mensch. Alles wäre schön! Das wäre die Lösung, …aber ich weiß, auf die Dauer wirst Du Dich damit nicht zufrieden geben (können): Du willst ausschließlich geliebt werden – ohne wenn und aber! Du willst die Einzige sein, die von mir geliebt wird, und Du willst die Einzige sein, die mich liebt. Ich habe Dich schon verstanden … Ich bin voller Liebe für Dich! Dein K.“


Wie sollte ich DAS verstehen? Das würde bedeuten, dass er nur noch mit seiner Frau „richtig“ schlafen würde! Versuchte K. mir etwas zu verbergen? Vielleicht war es ihm gar nicht möglich, „normal“ mit mir zu schlafen!?

„Mein Liebes, keine Sorge! Es geht schon auf dem ganz „normalen“ Weg. Das ist überhaupt nicht das Problem. …Das liegt – für mich – irgendwo anders. Du schreibst:
„Ich könnte es niemals ertragen, wenn Du mit ihr „Eins“ sein würdest. MEIN Mann wird nur mit mir „Eins“. Das ist für mich wie eine geweihte Handlung. Da gibt es keine Ausnahme!“
Das ist etwas, das ich nicht verstehen kann! Nein, verstehen kann ich es schon, aber ich bin nicht damit einverstanden! Da sind wir verschieden – trotz vieler Gemeinsamkeiten. Du fragst, ob ich mit meiner Frau so eng verbunden bin wie mit Dir? Willst Du das wirklich wissen? Du hast mir einmal gesagt, dass Du nichts über sie wissen willst, weil es Dir wehtun würde. Willst Du es wirklich wissen?“

Inzwischen hatte ich ihm seinen Stein mit der Hauspost in der Firma zurückgeschickt. Seinen Brief musste ich erstmal ‚verdauen‘. Er war ja nicht MEIN Mann, also konnte er mit seiner Frau schlafen, wann immer er wollte. Ich hatte kein Recht dazu, ihm das zu verbieten. Wie immer suchte ich nach Entschuldigungen für ihn, streichelte ihn mit Worten und tat alles, um ihn glücklich zu machen, obwohl es gleichzeitig mein Unglück war und mir ein riesiger Kloß im Hals saß. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Am nächsten Tag schrieb er mir:
„…Ich bin so froh und glücklich, dass Du versuchen willst, mich nicht ganz ausschließlich zu besitzen. Ich bin sowieso ganz voll von Dir. Jede Faser meines Körpers hängt in irgendeiner Weise mit Dir zusammen, obwohl ich nicht erklären kann, auf welche Weise dies geschieht. Es ist ganz einfach so! Wenn Du es wirklich versuchen willst, fällt mir ein riesiger, großer Felsbrocken von meinem Herzen. Ich glaube ein bisschen zu verstehen, wie schwer Dir das fallen muss. Nun kann ich wieder tief atmen; ich fühle mich glücklich und frei und kann auch wieder klarer denken. Alles wird sich finden… es gibt für alles eine Zeit! Ich küsse, küsse und küsse Dich ohne Ende! K.“

Ich wollte es wirklich versuchen und nicht mehr darüber nachdenken, was er zu Hause tat. Aber ich tat es trotzdem irgendwann, und es war dann so schwer, dass ich zur Toilette rennen musste, weil sich mein Magen herumdrehte. Eigentlich ein guter Grund Schluss zu machen, aber ich brachte es nicht übers Herz, in den ‚kalten Entzug‘ zu gehen.

Ich machte für ihn viele Fotos von mir, und er schickte mir seinen Stein zurück.

Seifenstein Karneol

Er schrieb:„… Ich wiederhole mich, aber eines ist mir gestern und vorgestern klar geworden: Wir müssen nicht nur miteinander reden, schreiben, uns sehen und berühren, sondern auch jeder für sich aus dem engen Gefängnis der eigenen Gedanken und Grübeleien herauskommen, und stattdessen die Gefühle und Gedanken des Partners herauszulesen versuchen und vor allem, sie als WAHR akzeptieren. Wenn Du mir beispielsweise sagst, dass ich nicht unscheinbar bin, dann BIN ich es auch nicht (auch wenn es mir bei meinen eigenen Grübeleien oft so vorkommt), und wenn ich Dir sage „DU BIST SCHÖN UND LIEBENSWERT“, dann BIST Du es! Wir müssen immer versuchen, die Gefühle des Partners zu verstehen und uns deshalb sowohl im praktischen, als auch im übertragenen Sinn immer in die Augen sehen, damit wir nie die Verbundenheit verlieren.
Du hast mich sehr verändert! Ich akzeptierte jetzt eine andere Stimme in meinem tiefsten Innern, in meinen Gedanken und Gefühlen, ich akzeptiere und achte DEINE Meinung über MICH. Das habe ich bisher noch nie… und ich meine NIE… getan. Meine innersten Gedanken waren bisher NUR für mich da. Ich teile sie jetzt mit Dir. Du veränderst mich – zu meinem Guten! Ich bete dafür, dass ich das auch für Dich tun kann.
Ich habe Dir den Stein zurückgeschickt, weil ich es so will. Er soll bei Dir sein, wenn Du ihn noch möchtest. Darf ich Deinen Türkis auch noch behalten – nicht als Besitz, sondern als einen Teil von Dir in meiner direkten Nähe, das ich jederzeit berühren kann, wenn ich es möchte?
…Ich will etwas Schönes mit Dir zusammen erschaffen – eine schöne Welt, eine Welt nur für uns beide! Dein Liebster“


Wie ich jedes Wort und seine Briefe liebte! Alles, was er mir sagte und schrieb, ging direkt in mein Herz hinein. Es machte mich nicht nur glücklich, sondern auch sehr verletzlich. Ich fühlte seine Gedanken bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich mit einem heißen, drückenden Gefühl im Solar-Plexus aufwachte.

„Mein lieber, außergewöhnlich strahlender Engel“, antwortete ich ihm, „manchmal habe ich wirklich Angst, weil ich Dich nicht verstehen kann, und obwohl ich es versuchen will, stoße ich auf meine eigenen Grenzen. Ich kann nicht immer über meinen Schatten springen, und viele Sprünge endeten mit einer schmerzhaften Bauchlandung, von der ich mich dann nur mühsam erholen kann.
Du öffnest mir Deine tiefe Gefühlswelt und lässt mich in Dein Innerstes schauen. Du willst mit mir zusammen eine eigene Welt schaffen, in die nur wir beide Zugang haben – unser geheimes Märchenschloss – fern ab der Realität, umgeben von einem Rosengarten, der nur für uns ohne Dornen sein wird.

Es ist schön, dass Du das willst, aber Du weißt, dass ich für unsere Zukunft nicht nur mit Dir unsere eigene Welt erschaffen will, sondern diese auch in ein gemeinsames Leben mit Dir einbetten möchte. Es wäre ein schönes, erfülltes Zusammensein, dessen bin ich mir sicher.

Ich bin schon ein Leben lang gefühlsmäßig alleine, und dieses Alleinsein schmerzt von Tag zu Tag mehr. Dieses Einsamkeitsgefühl würde mir kein „normaler“ Mann nehmen können, weil er niemals an meine Psyche herankäme. Ich würde sie einem Mann dieser Art auf keinen Fall öffnen, weil er mich nicht verstehen könnte.

Das ist mein ständiger Traum, den ich habe, niemals nach Hause finden zu können. Wo ist dieses Zuhause? Auf dieser Welt vermag ich es nicht zu entdecken, auch nach fünfzehn Umzügen nicht. Meine Seele ist unendlich einsam, und das schon so lange! Manchmal habe ich den Drang auf die geistige Seite zu wollen, aber ich muss dieses Leben weiter ertragen, in dem mich meine Körperlichkeit und mein engstirniges Denken so sehr einschränken. Und das Schlimmste ist, dass ich mich so fernab von der Liebe fühlte – schon ein ganzes Leben lang. Und ich sehne mich nach einer Schulter zum Anlehnen, einem Seelen- und Lebensgefährten, auf den ich mich in Allem verlassen kann, und nach einer tiefen, gefühlsmäßigen Bindung, die alles trägt; ein gegenseitiges Nehmen und Geben, ein ständiges geistiges Wachstum, ein Ergänzen und gemeinsames Streben zum Guten und Schönen. Es wäre ein gegenseitiges Sich-Fallenlassen und Auffangen; man würde das alltägliche Muss als „Nebenbeschäftigung“ sehen und höhere, wichtigere Dinge zum gemeinsamen Lebensmittelpunkt machen.

Es ist wunderschön mit Dir – Du bist mein Traum! Endlich eine männliche Seele, die ich lieben kann, die mich liebt und meiner Seele und meinem Geist alles gibt, was sie brauchen. Du beseelst jede Zelle von mir mit Deinem Gefühl, Deinem Feinsinn und Deinen zärtlichen Gedanken. Du malst in meiner grauen Seele mit den buntesten Farben!“

Aber, ich bin doch nur ein schwacher Mensch. Ich wollte K. auch körperlich nah sein, doch er wich immer noch davor zurück. Ich hatte das Gefühl, er sei die Frau und ich der Mann, der ihn erobern musste. Unser letztes Beisammensein auf meinem Bett war mir noch im Gedächtnis. So etwas wollte ich nicht noch einmal erleben!

„Mein lieber Schatz“, schrieb er, „wie kann ich Dich nur um Verzeihung bitten, für letzten Mittwoch? Das Allerschlimmste ist, dass es mir erst gestern Morgen bewusst geworden ist, wie sehr ich Dich verletzt haben muss. Wir hatten uns mehr als zwei Wochen nicht gesehen und dann das! Ich bin manchmal so sehr in mir selbst und meinen Gedanken verloren, dass ich es noch nicht einmal bemerkt hatte. Verzeih mir bitte! Ich muss viel mehr auf Dich und Deine Gefühle achten. Ich bin manchmal leider sehr egoistisch. Ich hatte an diesem Tag das Gefühl gehabt, dass es kein guter Tag für ein Zusammenschlafen sei. Das war für mich Fakt und in meinem Egoismus war ich der Meinung, dass das für Dich ganz genauso gelten müsse, ganz so, als wenn mein Gefühl auch für Dich Gültigkeit haben müsse. Du bist ein eigener Mensch und Deine Gedanken gehören natürlich nur Dir. Ich bin verrückt, und ich glaube Dir, dass ich manchmal nicht zu verstehen bin. Verzeih mir bitte! Beim ‚nächsten Mal’ werde ich meine Gedanken abschalten und NUR für Dich da sein. Ich muss meinen Egoismus überwinden lernen! Das hatte nicht im Geringsten mit Dir oder Deinem Körper zu tun. Des begehre ich immer mehr. Ich möchte nur, dass es ganz schön wird zwischen uns. Es soll perfekt sein, genauso wie Du es beschrieben hast: Wir werden beide „fliegen“ und uns gleichzeitig von oben sehen, wie wir uns lieben. Ich liebe Dich! Dein K.“

Was sollte ich nun wieder von diesem Brief halten? Woher kamen seine plötzlichen Einsichten? Ja, in manchen Dingen wirkte er sehr eigenartig auf mich, und ich konnte ihm diese „Geschichte“ nicht so recht abnehmen. War es eine große Angst, die er hinter wohlklingenden Worten zu verbergen versuchte oder „ein gestörtes Ich“? Ich verwarf diese Gedanken zwar sofort wieder, nur blieb sein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis auffällig, wie auch die Furcht vor Gesprächen am Telefon, bei denen ihm die wohl durchdachte Formulierung seiner Worte nicht möglich war. Alles in allem: Er scheute den Konflikt und versuchte die Fehler, die möglicherweise dorthin führten, möglichst klein zu halten!

Einige Tage später „entführte“ ich ihn in der Mittagspause von meinem Büro aus zu einem Ausflug zum Kloster Kamp, wo wir Arm in Arm spazieren gingen. Mein Gott, wie glücklich war ich in dieser Stunde! Sie gehörte zu den wenigen Glücksmomenten meines Lebens, die ich niemals vergessen werde.

Kloster Kamp – Foto: Gisela Seidel
Garten Kloster Kamp – Foto: Gisela Seidel

Wird fortgesetzt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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