Kleiner Rückblick – Schwangerschaft

Fortsetzung Teil 14

Patrick 3 Jahre alt

Ich versuchte, die Schulden in 50 DM-Raten abzustottern, was aber bei zig verschiedenen Gläubigern nicht gelingen konnte, da mir nichts zum Leben übrig blieb. Die Mutter von F. half mir, das Gröbste zu bereinigen. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Essen blieb da nicht viel. Der Gerichtsvollzieher ging bei mir ein und aus und wollte am Ende sogar meine Perserkatze pfänden.

Manchmal kam meine Bekannte und steckte mir einen 20 DM-Schein zu. Das half mir dann über die nächsten Tage hinweg. Da ich starke Raucherin war, sammelte ich Kippen und drehte mir aus dem restlichen Tabak neue Zigaretten. Ich wusste damals, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich hungerte und war froh darüber, wenn ich ab und zu von meiner Nachbarin einen Teller Suppe bekam. Sie meinte, es sei ein Wunder, dass ich mich nicht schon längst aufgehängt hätte.

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich gab nicht auf. Nach kurzem Suchen bekam ich einen Bürojob in einem Großhandel für Dachdeckerbedarf und sah Licht am Horizont. Wie immer war jedoch eine Wolke in der Nähe, die schnell wieder alles verdunkelte.

Nachdem ich diesen Job zwei Wochen lang ausgeführt hatte, stellte mein Arzt eine Schwangerschaft fest, da mir ständig übel war. Wieder war eine Prophezeiung eingetroffen!

Das Schicksal hatte noch eins drauf gesetzt. Nun war ich restlos erledigt und trug mich zunächst mit dem Gedanken, abzutreiben. Doch ich konnte es nicht tun. Irgendetwas hielt mich zurück. Da war die einseitige Liebe zu Erick und die Überzeugung , dass niemand das Recht hat, Leben zu töten.

Ich sehe immer noch das erstaunte Gesicht meines neuen Chefs vor mir, der sofort dachte, ich hätte von der Schwangerschaft gewusst und daraufhin den Arbeitsvertrag mit ihm geschlossen. Aber das war nicht der Fall.

Zu meinem Geburtstag ließ ich mir aus reinem Interesse von meinen verwunderten Kollegen das Neue Testament schenken und begann darin zu lesen. Allerdings öffnete sich ‚das Wort‘ nur scheibchenweise, und bei „du sollst nicht schwören“ blieb ich verständnislos hängen, wo doch die christliche Welt auf die Bibel schwören lässt. Das war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich mit ‚Gottes Wort‘ beschäftigte. Aber erst als ich 50 Jahre alt war, fielen mir die teuflischen Details dieses Buches auf.

Obwohl Erick nur noch selten nach Deutschland kam, stellte er mir ein Ultimatum: „Entweder ich oder das Kind!“, und: „Du erschwerst mein Leben!“ Ich entschied mich für das Kind und wusste, dass ich damit die Beziehung mit Erick, die eigentlich nie eine war, beendete.

Da ich kein Geld für eine Baby-Erstausstattung hatte, besorgte ich mir diese auf unlauteren Wegen durch eine Bestellung in einem Versandhaus und ließ es an eine fingierte Adresse im Hochhaus liefern. Mir stand das Wasser bis zum Hals, und ich tat niemandem damit weh.

Meine Bekannte kaufte mir kurz vor der Entbindung einen gebrauchten Kinderwagen und ein Bettchen. Sie fand einen Käufer für mein Auto, wovon ich mich schweren Herzens trennen musste. Trotz meiner armseligen Verhältnisse wollte ich das Kind unbedingt austragen. Es gab mir einen Grund, weiter zu leben. Über das Warum machte ich mir damals keine Gedanken.

Meine Eltern mieden mich seit Monaten. Besonders als sie von meiner Schwangerschaft erfuhren, war ich für sie nicht mehr existent. Sie taten einfach so, als würde es mich nicht geben. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Ich habe mein Lebtag keinen Pfennig von ihnen erfragt oder erhalten.

Schwarze Menschen waren Untermenschen für sie, genauso wie Juden. So hatten es ihnen der ‚große Führer‘ und die Pseudo-Wissenschaftler und Theologen der damaligen Zeit beigebracht. Ein farbiges Kind war für sie das Letzte. Sogar meine Oma schimpfte über das ‚Niggerkind‘, als sie es verächtlich beim Wickeln betrachtete. Oder ihr „Das machen doch nur Juden!“, wenn ich mit rot lackierten Fingernägeln bei ihr erschien. Wie hätten sie damals anders denken können? Weiß sein und noch dazu deutsch, das war für sie etwas Besonderes, ein Privileg. Sie gehörten zur militärisch gedrillten ‚Herrenrasse‘. Was sollte ein dummer Sklave in der Familie? Dafür schämten sie sich.

Aber sie waren nicht die einzigen Menschen, die Vorurteile hatten. Auch Erick hatte sie. Hauptsächlich gegen Weiße, weil sie sowohl die indigenen Völker, als auch die Schwarz-Afrikaner auf dem Gewissen hatten, von denen seine Familie abstammt. Obwohl ein Teil seiner frühen Vorfahren Afrikaner waren, meinte er: „Lass uns Monkeys gucken.“, wenn wir ein afrikanisches Lokal besuchen wollten.

Mir war das Gerede egal. Ich kannte einen dunkelhäutigen Tänzer aus Paris, der mit mir nicht über die Straße gehen wollte, weil sich das für eine weiße Frau nicht gehört.
So engstirnig und arrogant wollte ich nicht mit Leuten umgehen. Die brachten mir auch kein Essen vorbei, wenn ich Hunger hatte. Was hatte ich mit denen zu tun, außer sie bis zu einem gewissen Grad dulden zu müssen? Aber ich suchte immer eine Entschuldigung für ihr Verhalten, weil ich mich selbst so anders denkend wahrnahm.

Nach einer normalen Schwangerschaft kam mein Sohn zur Welt, und ich war froh, dass er trotz der vielen negativen Umstände gesund war. Meine Freundin S., die damals zwei Hochhäuser von mir entfernt wohnte, hatte mich zur Entbindung ins Krankenhaus gefahren. Ich musste mit Wehen zur Telefonzelle laufen, um sie darum zu bitten, weil ich kein Telefon besaß. Heute muss ich gestehen: Ich habe bis zur letzten Minute geraucht.

Einer der wenigen Menschen, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, war mein Lebensretter von einst gewesen.

Ich hatte Dr. Al-Faily zufällig wieder getroffen, als er mit dem Fahrrad des Weges kam. Zu der Zeit war ich bereits hochschwanger. Er wusste noch, wer ich war und freute sich, mich lebend wieder zu sehen. Ihm ging es zu der Zeit nicht gut, denn er hatte alles verloren: seine Freundin, sein Haus, seine Arbeit im Krankenhaus. Man hatte ihn nach 16 Jahren Deutschlandaufenthalt nach Bagdad zurückschicken wollen, doch er war Kurde und seine Familie war bereits nach Persien verschleppt worden. Also hatte er notgedrungen Asyl beantragt und durfte nicht mehr arbeiten. Das machte ihm zu schaffen. Er kam mich oft besuchen, auch nach der Entbindung in der Klinik, und wir waren froh, jemanden zum Reden zu haben. Später heiratete er eine Deutsche, und eröffnete eine Praxis am nördlichen Ende der Stadt.

Jahrzehnte später machte mich die geistige Welt darauf aufmerksam, dass mein Arzt von damals gar nicht mehr lebte. Ich wurde von meiner Hausärztin an einen bestimmten Internisten in Homberg überwiesen und ging versehentlich zu einem anderen. Dort erfuhr ich, dass er Arzt in der Klinik gewesen war, in der einst auch Dr. Al-Faily als Internist gearbeitet hatte. Er erinnerte sich sogar an „eine Patientin, die schwerstkrank und völlig abgemagert“ dort behandelt worden war. Als ich ihm sagte, dass ich diese Frau war, erzählte er mir, dass Dr. Al-Faily vor Jahren an Krebs gestorben sei. Das hat mich sehr betroffen gemacht, und ich wusste sofort, dass diese Botschaft mich hatte finden sollen.

Weder meine Eltern noch der Vater meines Kindes ließen sich blicken. Mein Söhnchen war ein goldiger, hübscher Junge, kaffeebraun und mit großen, schwarzen Locken. Als er drei Monate alt war, stand plötzlich sein Vater vor der Hochhaus Türe.
„Der ist ja fast weiß!“, war dessen entsetzter Ausruf gewesen, nachdem er seinen Sohn zum ersten und letzten Mal gesehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen. Erick ging und kehrte niemals wieder. Kurz vor meiner zweiten Eheschließung meldete er sich noch ein einziges Mal telefonisch bei mir.
„Gisela, verzeih mir, ich war ein Schwein!“, sagte er. Das war der letzte Kontakt.

Erick wurde mit Fahndung von der Staatsanwaltschaft gesucht, aber nicht gefunden. Unterhalt bekam ich keinen Pfennig, wohl aber eine kleine Beihilfe vom Amt für die ersten Jahre. Ich kämpfte täglich ums Überleben. Irgendwann wollte ich Ericks Bedenken widerlegen und beweisen, dass auch ein Farbiger in Deutschland etwas werden konnte…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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