Kleiner Rückblick – Sonnenuntergang

Fortsetzung Teil 30

Sonnenuntergang an der Adria in Novigrad, Kroatien.
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Wie fühlt es sich an, ’nur‘ Geliebte zu sein? Wenn man das Wort „Geliebte“ näher betrachtet, könnte man die Buchstabenfolge „lieb“ als etwas Positives empfinden. Ist es aber nicht! Die Geliebte hat „lieb“ zu sein, um ihrem Auserwählten zu gefallen. Übt sie Kritik an ihrer misslichen Lage, was bei ihm wie ein Vorwurf klingen muss, wird sie gar nicht mehr als ‚lieb‘ eingestuft. ‚Böse‘ Worte, persönlich oder in Briefen, sind dann seiner angeblichen Liebe eher abträglich, weil er sich sofort unter Druck gesetzt fühlt.

Eine Geliebte darf nichts wollen, erhoffen, fordern, erwarten und ersehnen! Eine Geliebte darf nur eines: ihren Geliebten empfangen und die körperlichen Geschenke von ihm dankbar annehmen – mehr wird sie niemals bekommen. An diese Geschenke klammert sie sich und vor allem an den geistigen Austausch. Es gibt ihr das Gefühl, nicht alleine zu sein, obwohl sie es nach wie vor ist. Den Alltag und das Leben außerhalb des Bettes, darf nur die Ehefrau teilen. Nach mehr zu fragen ist grundsätzlich verboten… genauso tabu ist die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft. Fehlanzeige!

Vor diesen Fragen hatte K. geradezu Angst. Entweder folgte auf meine Fragen ein viel sagendes Schweigen oder ein schulterzuckendes „Ich-weiß-es-nicht-Grinsen“, was sich auch nach zwei Jahren nicht änderte.

Ich fragte und fragte, obwohl ich doch die Antwort kannte. Was hätte er mir sagen sollen? Er redete einerseits von Liebe und „verbundenen Seelen“, andererseits ließ er alle Handlungen vermissen, die dies untermauerten. Obwohl er vor mir stand, wie ein Kind vor dem Christbaum, ließ er sich von seinen Emotionen nicht zu einer „romantischen Kurzschlussreaktion“ verleiten. „Ich brauche Zeit!“, sagte er. „Hab Geduld!“

Wenn K. nach unseren Treffen den „Tatort Geliebte“ verlassen hatte, blieb ich jedes Mal mit einem unguten Gefühl in der Magengegend und Tränen in den Augen zurück. Wie ich mich danach fühlte?

Er stellte problemlos den Schalter „Geliebte“ auf „Aus“ und den Schalter „Familie“ auf „An“ und lief in bester Laune und guten Gedanken, ohne schlechtes Gewissen, bei seiner Frau in den heimischen Hafen ein.

Und ich? Wie ging es mir? Mich drückte bereits der Magen, wenn er kurz vor 17 Uhr auf die Uhr schaute, aus dem Bett stieg und duschen ging. Dann fühlte ich mich benutzt, wie von allen anderen Männern in meiner Vergangenheit, obwohl es gar nicht stimmte. In seinen Augen gab er mir Glücksgefühle und das war ja auch so. Doch dann wandelten sie sich, weil danach nichts blieb.

Nachdem er fort war, entfernte ich die Überreste seines Besuches, löschte die Kerzen, spülte die Sektgläser, die Teetassen und lüftete das Schlafzimmer, das noch immer nach ihm roch. Anschließend saß ich traurig auf der Couch und war noch ganz erfüllt von ihm.

Ob er mich vermisste, wie ich ihn? Nein, natürlich tat er das nicht! Er saß vermutlich ebenfalls zu Hause auf der Couch, aber nicht alleine. Seine Frau und seine beiden Kinder waren anwesend, redeten wie immer über ihre Tageserlebnisse… und waren völlig ahnungslos. Wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, dann eher seiner Tochter gegenüber. Das zeigte mir deutlich, wie fixiert er auf sie war, und wie er sich an sie und ihre Zärtlichkeiten klammerte.

„Meine Frau ist auch zärtlich!“, hatte er mir einmal ganz unverblümt und wenig einfühlsam erklärt, nachdem er aus dem Urlaub zurückgekehrt war.

Eine glückliche Familie! Er vermisste nichts… auch nicht mich. Ich schwebte ja immer irgendwie mit im Raum… wenn auch nur gedanklich. Aber ich war DA, auch mit meinen Gedanken an ihn. Das reichte ihm! Mehr, als DAS, was wir zusammen erlebten, brauchte er nicht – den Rest bekam es ja von IHR! War DAS seine Liebe? Ich wollte das nicht glauben und wurde doch immer wieder aufgefordert, genau hinzusehen.

Die Tage vergingen wie ihm Flug und der Urlaub von K. rückte näher und näher. Ich hatte mir seine Reise gedanklich in allen möglichen Fassetten ausgemalt. Die Tatsache, dass er romantische Abende mit seiner Frau verleben würde, ebenfalls.
Er versuchte mich zu beruhigen, so gut er konnte, aber es half nichts.

„Meine Liebste, ich habe es schon befürchtet, dass es Dich sehr beunruhigen wird, wenn wir uns zwei Wochen nicht sehen können. Mir geht es doch genauso! Ich habe es Dir nicht früher gesagt, weil ich Dich nicht auch noch mit diesen Gedanken quälen wollte. Jede unglückliche Minute, die Du erlebst, ist eine zu viel. Ich möchte, dass Du möglichst viel Glück anstelle von Leid erfährst. Oder ist es Dir lieber, wenn ich nicht versuche, Dich vor quälenden, grüblerischen Gedanken zu schützen, so lange ich das nur kann? Ich will Dich vor allem Bösen und Schlimmen schützen, soweit meine Kräfte dafür ausreichen, und ich möchte VERANTWORTUNG für Dich tragen und mich um Dich und für Dich sorgen dürfen. Darf ich das? Sag es mir bitte! Ich werde mich in Zukunft so verhalten, wie Du es wünschst.

Sei doch unbesorgt wegen der zwei Wochen und wegen des Zusammenschlafens. Normalerweise würde ich nie etwas über andere sagen, aber jetzt nur so viel: SO wie wir uns geküsst haben, haben meine Frau und ich uns in den letzten Jahren nicht mehr geküsst… Das war mir bisher aber überhaupt nicht in den Sinn gekommen, es hat mir auch nicht gefehlt… keine Ahnung warum… Ich wusste gar nicht mehr wie schön das sein kann. Das – und vielleicht bald noch viel mehr (?) – gehört ab sofort nur noch Dir und mir… Ich weiß genau, dass Dir das nicht im Geringsten reicht. Du willst mehr, Du willst mich ganz…

Du wirst NICHT weit weg von mir sein; ich werde Dir nächste Woche vor der Reise etwas von mir geben, etwas sehr Wichtiges für mich, einen Stein, MEINEN TRAUMSTEIN. Der wird bei Dir sein, die ganze Zeit, und ich werde durch ihn bei Dir sein. Er ist zwar nicht so weich und warm, wie ich es für Dich bin, er kann Dir keine Briefe schreiben, aber er wird mit Dir REDEN, meine Stimme sein; er wird ganz sanft und ein Teil von mir NUR für Dich sein. …Er hat keinen materiellen Wert, aber für mich ist er das Symbol für MEINEN Traum. Ich trage ihn normalerweise immer bei mir, aber ich werde ihn Dir anvertrauen, solange wir getrennt sind. Dadurch werde ich immer bei Dir sein. Behüte ihn gut! Mit ihm kannst Du mich zerstören!“

Diese Worte lasen sich eigentlich sehr gut, doch wie sollte mir ein Stein Ersatz sein für ihn? Er küsste seine Frau nicht mehr… nach so langen Ehejahren war das vermutlich normal und bedeutungslos, aber sie befriedigten sich gegenseitig immer noch leidenschaftlich.

Er hatte beruhigende Worte schreiben wollen, doch sie betrübten und verletzten mich. SO sollte es weitergehen? Ich hatte Angst, im Büro entdeckt zu werden… ich hatte vor so vielen Dingen Angst. Wie immer, war ich ihm gegenüber offen und machte daraus kein Geheimnis. In einem Brief, die er emotional zu den „bösen“ sortierte, vielleicht weil unangenehme Wahrheiten darin standen, durch die seine heile, neue Welt mit einem Mal Risse bekam, teilte ich ihm meine Bedenken mit.

Er schrieb:
„..Du hast Recht: Wir werden in Zukunft immer weniger Gelegenheiten haben, uns zu sehen. Irgendwann wird jeder, egal ob wir es wollen oder nicht, wissen, was unsere Blicke füreinander zu bedeuten haben. Wir werden irgendwann früher oder später bemerkt werden. Unsere Blicke und Gesten werden irgendwann für alle sichtbar sein, weil wir, wenn wir uns sehen, die Welt und die Menschen um uns herum vergessen und sie nur noch als lästige Störung unserer Zweisamkeit empfinden werden. Und das macht unvorsichtig.

Du hast weiterhin Recht: Weder Du noch ich haben schuld daran, dass wir uns lieben. Es ist einfach geschehen. Und das ist GUT so! Was nicht gut ist, ist MEIN Verhalten! Ich bin derjenige, der seine Frau und seine Familie betrügt. Ich bin der Böse, ich bin der Schuft und schlechte Mensch, der ich eigentlich nie sein wollte. Ich habe mein Wort gebrochen und meinem Gefühl nachgegeben. Ich bin SCHULD!

Jetzt ist es mir klar: Es ist nicht möglich zwei Menschen zur gleichen Zeit VOLLKOMMEN zu lieben! Ich habe dies mit meinem schlechten Gewissen (habe ich überhaupt noch eines?) bezahlt. Die Blicke von meiner Tochter und auch die meiner Frau treffen mich tief…

Du hast Recht: Es ist eine Unverschämtheit und Ungerechtigkeit von mir, Dich darum zu bitten, mich vor mir selber zu schützen. Welch eine Schwäche, welch eine Gemeinheit! Verzeih mir bitte! Ich bin für mein Handeln und Denken selbst verantwortlich und darf niemand anderen vorschieben – auch – und vor allem nicht denjenigen, den ich liebe. Das ist echte Schwäche, Schwäche, die ich verachte! Jetzt verachte ich mich selbst. Es ist gut, dass Du mir das bewusst gemacht hast! Ich muss die „Notbremse ziehen“, wie Du sagst, oder die Konsequenzen tragen. Nur ich!

Aber Du hast nicht Recht, wenn Du schreibst: „So ist es immer: Wenn die Frau Kinder bekommen hat und selbst zur Mutter wird, kann der Ehemann in ihr nur noch die Mutter sehen, und er sucht sich woanders eine Frau, die seinen Wert als Mann auf den ersten Rang rückt.“

Das trifft bei uns (bei mir) ganz sicher nicht zu! Und das weißt Du! Ich habe nie etwas von Dir gefordert, und ich will Dich auch nicht besitzen. Ich brauche Dich nicht zu meiner Selbstbestätigung, um „meinen Wert als Mann auf den ersten Rang zu rücken“. Das brauche ich nicht, ganz sicher nicht! Ich achte, liebe und respektiere Dich als MENSCH und nicht als Objekt. Mein Gefühl sagte mir eigentlich, dass Du das auch so empfunden hast, aber vielleicht habe ich mich auch nur getäuscht?

Jetzt kommen bald die zwei Wochen, in denen wir räumlich (und nur räumlich) getrennt voneinander sind. Ich werde versuchen, in dieser Zeit rein logisch und ohne Emotionen über uns und mein Verhalten Dir gegenüber nachzudenken. Vielleicht hast Du Recht, und ich verdiene es nicht, Dich zu lieben. Ich weiß es nicht. Wenn ja, wird das für mich wie ein „kleiner Tod“ sein, weil ich Dich enttäuscht und verletzt habe, ohne es zu wollen. Verzeih’ mir bitte, dass wir uns heute nicht sehen können. Ich kann Dir im Moment nicht in die Augen sehen, weil ich mich schäme…Meine Augen sind heute verschlossen, ich werde nichts mehr in mich hineinlassen (können). In Liebe, Dein K.“

Henri Gervex (1852-1929) – Rolla

Trotz seiner vor mir verschlossenen Seele kam er noch einmal zu mir. Es war der Abschied. Mit Tränen in den Augen standen wir uns gegenüber und umarmten uns vorerst zum letzten Mal.

„Mein Liebes, der Abschied ist mir sehr schwer gefallen“, schrieb ich ihm, nachdem er fort war. „Ich war bis jetzt im Garten und habe rumgewühlt, um den Schmerz zu unterdrücken.
Deinen Brief habe ich mir noch einmal in Ruhe durchgelesen. Eigentlich bin ich froh darüber, dass ich Dir manches noch einmal deutlich machen konnte. Du sollst nie sagen, dass ich Dich nicht gewarnt hätte, obwohl mir diese Warnungen schon schwer genug gefallen sind, weil sie in Dir die Ängste auslösen, die mich von Dir trennen werden.

Nein, Du darfst Dir keine Schuld geben! Du bist an nichts schuld! Das Leben ist nicht planbar und ob eine Beziehung ewig halten wird, das weiß leider niemand im voraus. Dafür gibt es keine Sicherheiten auf Erden. Vielleicht habe ich Dir einen Moment lang das geben können, was Du unbewusst vermisst hast. – Auch Deine Frau trägt keine Schuld, denn sie gibt Dir, was sie kann. Niemand hat schuld! Wenn Du sagst, dass Du sie liebst, glaube ich Dir das. Meine Liebe ist das „kleinerer Übel“. Es wird Dir sicher nicht leicht fallen, aber Du wirst mich vergessen, Deiner Familie zuliebe.

Du bist kein schlechter Mensch, nur eben ein Mensch, mit allen Schwächen und Sehnsüchten. Deshalb nimm bitte keine Rücksicht auf mich. Du weißt, ich bin daran gewöhnt, zu leiden, und das tue ich, obwohl noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Mir ist, als hätte ich ein Kreuz auf mich genommen, das ich nun tragen muss, bis zum bitteren Ende. Du bist es mir wert, dass ich es trage. Ich will, dass Du glücklich bist…sonst nichts!

Ich denke an Dich und fühle Dich ganz tief in meinem Herzen. Dort hast Du einen festen Platz, auch, wenn alles zu Ende sein sollte. Du hast mich in den wenigen Stunden, die wir zusammen waren, fühlen lassen, was Liebe ist: Glück und Leid. Deine vielen, vielen lieben Worte werde ich niemals vergessen, auch nicht die „schillernden“ Liebesbriefe, die Du mir geschrieben hast.

Ich danke Dir von ganzem Herzen für die kleinen (großen) Glücksmomente, die Du mir schenken konntest und für jeden Gedanken, den Du mir gewidmet hast.
Meine Liebe zu Dir wird mit diesem Brief nicht enden. Wie sehr ich Dich liebe, weiß nur Gott! Auch wie weh es tut, weiß er.

Ich wünsche Dir eine gute Reise, viel Sonne und Glück! Deine G.“

„Mein Liebes“, antwortete er, „ich danke Dir für den Brief nach unserem Abschied heute Morgen. Dieser Brief muss Dir unendlich wehgetan haben. Ich habe keine Worte… für das was ich jetzt empfinde. Immer nur Leid für Dich, und dieses Mal durch mich. Du trägst kein Kreuz, Du bist ein Mensch und verdienst es, Dein Glück zu finden. In Dir lebt eine Kraft, die Du auch für Dich und nicht nur für andere nutzen musst. Du musst versuchen, glücklich zu sein und nicht Dein Kreuz zu tragen. Ich wünsche mir so sehr, dass Du glücklich wirst!
Dein Brief klingt wie ein endgültiger Abschied, so, als wenn Du Dich mit allem abgefunden hast, so als wenn Du resigniert hast. Ich werde bei Dir sein, wenn wir jetzt getrennt sind. Meine Liebe für Dich ist in meinem Herzen und wird daraus auch nie verschwinden. Ich werde Dich auch nie „vergessen“, wie Du geschrieben hast. Deine Liebe zu mir wird für immer ein Teil von mir sein, und meine Liebe zu Dir ein Teil von Dir. Daran wird keine Zeit und kein Vergessen etwas ändern.
Ich danke Dir jetzt NICHT für alles, was Du mir in dieser kurzen Zeit gegeben hast (damit meine ich natürlich keine materiellen Dinge), weil jeder Dank wie ein Abschied wirken würde, ein gegenseitiges Aufrechnen von Gutem und Schlechtem. Alles was Du mir gegeben hast, lebt in mir weiter und…vielleicht auch etwas von mir in Dir?

Ich küsse Deine Hand, als ein Zeichen von Respekt und Achtung; ich küsse Deine Stirn, als Symbol Deiner Klugheit und Weisheit; ich küsse Dein Herz, als einen Ort Deiner Seele, als ein Zeichen meiner Liebe zu Dir! Dein K.“


Dann kam der Tag seiner Abreise. Ich hatte ihm ebenfalls meinen Glücksstein gegeben. Er hat ihn immer noch. Es ist ein Türkis, und man sagt, dass sich dieser Stein für seinen Besitzer opfert, wenn Gefahr droht.

Zwei schwere Wochen lagen vor mir, und ich versuchte mich abzulenken, doch es gelang mir nicht. Ich lehrte das Email-Postfach, nachdem ich K. Briefe ausgedruckt hatte. Es sollte „jungfräulich“ sein… noch einmal bei null beginnen!
Alle Gedanken drehten sich um K., und ich schrieb sie in eine Art Tagebuch, das ich ihm schicken wollte, sobald er zurückgekommen ist.

Die Stunden schleppten sich langsam wie Kaugummi. Endlich kam der lang ersehnte Tag seiner Rückkehr. Es hatte an meiner Haustüre geläutet, als ich gerade ein Bad nahm. Ich wusste sofort, dass er es war, fand aber nur noch einen Zettel mit einer Nachricht, als ich in den Briefkasten sah. „Schade!“, dachte ich und ärgerte mich über mich selbst, weil ich es nicht schnell genug aus der Wanne geschafft hatte.

Ein schnelles Wiedersehen war nicht möglich, weil er den Rest der Woche zu Hause blieb. Das machte mich mürbe. Ich war frustriert und genervt durch diese Situation. Er wohnte nur zwei Straßen von mir entfernt, und es war ihm nicht möglich, für ein paar Minuten zu mir zu kommen oder wenigstens anzurufen!? K. besaß kein Handy. Er hasste es zu telefonieren! An diesem Wochenende hatte ich das Gefühl, dass es besser wäre, K. nicht mehr zu treffen.

Er schickte mir per Email ein Urlaubsfoto mit Sonnenuntergang am Meer. Dieses Bild hatte er im Original zusammen mit seiner Frau gesehen. Nun schickte er es mir, um mir eine Freude damit zu machen!? Wie unsensibel und furchtbar fand ich das! Sie hatte diese romantischen Stunden mit ihm erlebt, währenddessen ich zu Hause in mein Taschentuch geweint hatte.

Die Sehnsucht rumorte in mir, doch ihm schien es nichts auszumachen, dass wir uns noch nicht sehen konnten. Während der letzten Jahre hatte er immer wieder versucht, es mir in unzähligen Briefen zu erklären:

„Mein armer, armer Schatz, warum quälst Du Dich nur so? Du fragst, wie ich das aushalte ohne Dich zu sehen? Du hast mir das Gefühl gegeben, dass Du mich willst und liebst. Dieses Gefühl gibt mir Sicherheit, eine Sicherheit, die es mir erlaubt, einen Tag, eine Woche oder auch einen ganzen Monat zu überstehen, ohne Dich zu sehen und zu berühren. Die Zeit und die räumliche Entfernung zwischen uns spielt dabei fast keine Rolle. Wichtig ist nur das Gefühl, dass Du mich willst. Und solange dieses Gefühl da ist, das Du mir geschenkt hast, ist alles zwar nicht immer leicht, aber es ist zu ertragen. Ich habe Dir dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit scheinbar leider noch nicht gut genug gegeben. Ich werde versuchen, mich zu verbessern…“

Wie konnten mir gelegentliche Treffen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben? Das war doch gar nicht möglich! Wie sollte es mir egal oder erträglich sein, K. nur ein paar wenige Stunden im Monat sehen zu können, in dem Bewusstsein, dass er die übrige Zeit im Büro oder mit seiner Familie verbringt?

Es müsste Lehrgänge geben in: „Wie lerne ich zu verzichten, ohne zu leiden?“ oder „Wie liebe ich richtig, ohne zu fordern?“ oder „Wie erträgt man die Sehnsucht bei ständiger Distanz?“ oder „Wie lerne ich es, oberflächlich zu lieben?“

Henri Gervex (1852-1929)

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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