Kleiner Rückblick – Umzüge

Fortsetzung Teil 16

Mit „Manni“ und Patrick vor dem Jasmin-Busch meiner Eltern

Als ich 1987 M., meinen zweiten Ehemann, einen Musiker, kennen lernte, hatte mir meine ehemalige Kollegin in einem Lokal für Live-Musik in Krefeld dringlich ins Gewissen geredet: „Manni sucht eine Frau. Mit zwei Kindern musst du froh sein, wenn dich überhaupt noch einer nimmt!“

„Manni“ nahm mich und hatte seinen besten Freund T., zehn Jahre jünger als ich und angehender Fachpfleger für Intensivmedizin, gleich mit in die Ehe gebracht. Als ich damals heiratete und mit Manni zusammen ein Reihenhaus kaufte, das unsere Väter mit viel Arbeit und Geld renovierten, tat ich das aus Torschlusspanik und nicht aus Liebe. Manni war Heizungstechniker, nur mein Herz konnte er nicht erwärmen. Ich wollte irgendwo ankommen und meinen Söhnen ein sicheres Heim bieten.

Manni war überhaupt nicht mein Typ, er war überall dunkel behaart, auch auf dem Rücken. Eigentlich hatten wir uns nicht viel zu sagen. Im Alltag war er langweilig, und er hatte keinen Geschmack, was Kleidung oder Einrichtung betraf. Seine Wohnung bestand aus Ikea-Bretterregalen, die ich mir nur in den Keller gestellt hätte. Bei ihm standen sie im Wohnzimmer. Ich fand alles schrecklich! Aber er hatte den Blues und konnte singen wie Jimi Hendrix. Selbst zur Weihnachtsmusik wurde ein Blues-Element geklimpert. Für seine Gitarrensolos war er bekannt. Wie die meisten Musiker hatte er ein massives Alkoholproblem. Wenn bereits nachmittags die Flasche Schnaps und das Bier auf dem Tisch standen, und ich ihn im Unterhemd und Trainingsanzug vor dem Fernseher sitzen sah, sah ich „rot“. An den Wochenenden hatte Manni Auftritte mit seiner Band. Dann floss der Sambuca in Strömen, und es gruselte mich davor, wenn er nach Hause kam.

Helene Nicolay, geb. Buskies – Foto Reisepass

Im April 1988, kurz bevor wir heirateten, verstarb meine Oma. Sie hatte ein halbes Jahr vorher, nach einer schweren Magen-Darminfektion – vermutlich durch eine Lebensmittelvergiftung – jegliche Lebensenergie verloren. Bis zu ihrem 93. Lebensjahr hatte sie völlig selbstständig gelebt. 26 Jahre lang war sie nach Opas Tod allein gewesen. Mit einem Mal wollte sie nicht mehr und verweigerte jegliche Nahrung. Bis auf ein paar Löffelchen Wasser lehnte sie alles ab. Der herbeigerufene Notarzt meinte, wir sollen sie in Frieden sterben lassen. Ein paar Tage vor ihrem Tod umarmte sie mich ein letztes Mal und wurde nicht wieder wach. Das war das erste Mal, dass mich ein Familienmitglied umarmt hatte, und ich wusste zunächst gar nicht was es bedeutete: Abschied für immer.

Weil meine Mutter nicht mehr in der Lage war, Omas langes Haar zu kämmen, sollte ich es abschneiden. Ich ging widerwillig diesem Wunsch nach und tat wie mir aufgetragen war. Hierauf reagierte Oma mit heftiger Gegenwehr. Sprechen konnte sie nicht mehr. Sie hatte ihr langes Haar mit ins Grab nehmen wollen. Oft habe ich daran denken müssen und mich jedes Mal schlecht gefühlt. Ich hoffe, dass sie mir vergeben hat.

Nach Omas Tod weinte ich hemmungslos. Meine Mutter zeigte keine Gemütsregung – im Gegenteil: Sie machte sich bei meinem Vater über mich lustig, weil ich nicht aufhörte zu weinen. „Die hat einen Weinkrampf gekriegt“, berichtete sie ihm kichernd. Heute denke ich, es waren bereits die Anfänge ihrer Alzheimer Erkrankung gewesen.

Mein damals 16-jähriger Sohn G. war mitten in der Pubertät und kam weder mit sich selbst noch mit mir, noch mit meinem zweiten Ehemann zurecht. Weil Manni ihn nicht mochte, behandelte er ihn immer wieder ungerecht.

Eine solche Ungerechtigkeit brachte das Fass zum Überlaufen. Es folgte eine üble Auseinandersetzung, bei der G. meinem Mann beinahe die Augen ins Gehirn gedrückt hatte. Es ging so weit, dass ich meine Eltern anrief, die jedoch davon nichts hören wollten. Schließlich bewog es sie, meinen Sohn wieder mit Sack und Pack bei sich aufzunehmen. Er hatte bereits zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr bei ihnen gelebt.

Mein Vater hatte den Anbau des Hauses für G. ausgebaut und verwöhnte ihn wie einen Sohn, weil er seinen eigenen einst für tot erklärt hatte.
Gerald, mein Bruder, war mit 16 Jahren heroinsüchtig in die Landesklinik gekommen und durchlief danach eine Therapie nach der anderen, ohne Aussicht auf Erfolg. Als mein Bruder zu allem Elend noch auf die kriminelle Schiene geriet und meiner Oma die Rente stahl, durfte er nicht mehr nach Hause zurückkehren. Für meinen Vater war eine Welt zusammengebrochen, denn er hatte alle Hoffnungen in seinen Sohn gesetzt, den er mir von klein auf vorgezogen hatte. Als er fort war, projizierte er diese Hoffnungen später auf meinen Sohn.

Da meine schwere Erkrankung nichts anderes mehr zuließ, blieb G. ganz bei meinen Eltern. In der Zeit, als ich damals bewegungsunfähig auf der Couch meiner Eltern lag, hörte ich seine Stimme, als er zur Oma in die Küche lief: „Oma, Oma, komm schnell, die Mama weint!“ Diese Situation bleibt immer in meinen Gedanken.

Die Zeit entfremdete uns mehr und mehr. Meine Mutter trug ihren Teil dazu bei, als sie mich mit G. zusammen auslachte, wenn ich beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk zu ihm brachte. Später sah ich mich nur noch als eine „Auf-die-Welt-Bringerin“, nicht mehr als Mutter, weil ich jeglichen Zugang zum Kind verloren hatte.

Mit zwölf Jahren setzten meine Eltern meinen „verlorenen“ Sohn kurzerhand vor die Türe und gaben ihn mir mit den Worten: „Jetzt bist du wieder dran.“, zurück. Das konnte nicht gut gehen, zumal die neue Situation einen weiteren Umzug verlangte.

Wie ich das damals finanziell gestemmt habe, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine gebrauchte Küche und ein separates Kinderzimmer für beide Kinder. Doch das ging nicht lange gut, wegen der G.s Eifersucht. Ein Mal schaute sich Patrick einen Film im TV an und kam mit einer Szene nicht klar, die ihm Angst machte. Ich war an diesem Nachmittag nur kurz zu einem Geburtstag gegangen und wollte danach wieder zu Hause sein. Als ich kam, fand ich die Polizei vor und meine Nachbarn, die durch Patricks Weinen aufmerksam geworden waren. Erst als ich den Beamten zeigte, dass er gar nicht alleine war, sondern sein Bruder unbeteiligt im Kinderzimmer saß, fuhren sie fort. G. hatte wohl Spaß daran gehabt, als es seinem Bruder schlecht erging.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als erneut umzuziehen, in eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern. Ich tat mein Bestes, doch das Mutter-/Sohn-Verhältnis blieb gestört. Der arme Junge wusste gar nicht wie ihm geschah. Er konnte doch mit mir genauso wenig anfangen, wie ich mit ihm und war noch dazu sehr eifersüchtig auf seinen Bruder.

G. war verzogen, unehrlich und brutal. Einmal glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als er seine lebendige Wüstenrennmaus im Klo herunterspülte. Eine zweite erweckte das Interesse meines Katers „Paulchen“, weil sie tot im Papierkorb lag.

Kurz danach heiratete ich und kaufte mit Manni zusammen ein Reihenhaus.

G. hatte an jedem und an allem etwas auszusetzen und war genauso rechthaberisch wie sein Vater. An jedem Essen mäkelte er herum. Ich konnte ihm nichts recht machen. Bei Tisch eskalierte es immer wieder. Obwohl ich nur wenig Geld hatte, musste ich seinetwegen teures Fleisch kaufen. Eines Tages stocherte er wieder mal an seinem Steak herum und fand natürlich Fett, wo gar keins war. Da habe ich getobt und so fest auf den Tisch geschlagen, dass ich mir die Hand gebrochen hatte. Ich wollte nicht mehr mit ihm umgehen… nein, ich konnte es nicht!

Das war eine schlimme Zeit für uns alle. Als es dann mit seinem Stiefvater eskalierte, nahmen ihn meine Eltern wieder bei sich auf, und ich war froh, dass G. sein eigentliches Zuhause wieder hatte.

T., Manni’s Freund und Bandkollege, kam oft zu uns und begleitete uns auch bei aushäusigen Unternehmungen. Er war hellblond, unscheinbar und unbehaart. Irgendwann, als ich mit Manni ein halbes Jahr lang verheiratet war, machte es „klick“. Ich verliebte mich in T. und er sich in mich. Wir sträubten uns zunächst beide dagegen, doch es half nichts.

Ich wollte wie immer klare Verhältnisse haben, obwohl mir mehr als Chaos bevorstand. Die Ehe wurde geschieden, das Haus verkauft, die Musikerfreundschaft zerbrach, und die Band suchte sich einen neuen Schlagzeuger.

Als das Reihenhaus nach nur drei Monaten verkauft worden war, zog ich mit T. zusammen in eine Mietwohnung. Kurz darauf wurde ich schwanger, verlor aber das Kind gleich zu Beginn mit großen Schmerzen auf dem Büro-Parkplatz. Zum Glück! T. mochte keine Kinder. Mit meinem jüngsten Sohn konnte er nichts anfangen.

Der Kontakt zu meinen Eltern war seit der Scheidung von Manni nahezu abgerissen. Mein Vater hatte nach meiner Heirat das Haus renoviert und sein Vorzeigebad war verkauft worden. Darüber war er sauer. Meine Scheidung war ihm egal.

Mit T. war es von Anfang an eine Verbindung ohne Leidenschaft gewesen. Anfangs war ich verliebt und sah darüber hinweg. Er war ein ruhiger Zeitgenosse mit jungenhaftem Aussehen – kein Mensch, mit dem man Streit bekommen konnte. Er war ehrlich, arbeitsam und ordentlich und in seiner Freizeit ein nicht ganz alkoholfreier Schlagzeuger. Abends brauchte er seine vier Flaschen Bier. Zwei Mal wöchentlich reagierte er sich im Proberaum ab.
Ein weiterer Makel war, dass er von sich aus nie mit mir schlafen wollte. Das tat er nur, wenn ich den Anfang machte, und nur selten dachte ich: „Und er bewegt sich doch!“. Nach zwei Jahren begann ich an meiner Weiblichkeit zu zweifeln und nach weiteren zwei Jahren machte ich mir Gedanken darüber, ob er vielleicht schwul sei.

Obwohl es im Krankenhaus Frauen genug gab, vermutete ich niemals, dass es eine andere geben könnte. Er hatte ganz einfach keine Lust auf Sex. Orale Befriedigung fand er widerlich. Bei sich selbst nicht. Wenn ich die Initiative ergriff, ließ er es geschehen. Aber das war auch alles. Nach sechs Jahren hatte ich dazu keine Lust mehr. Nach acht Jahren dachte ich: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ und machte „Butter beim Fisch“. Ich beendete die Beziehung, weil wir seit Jahren nur noch wie Bruder und Schwester zusammengelebt hatten. Als Partner und Mensch blieb T. mir fremd. Es gab keine innere und keine äußere Nähe, nur tristes Alltagseinerlei.

Unsere Habe wurde geteilt, das gemeinsam angeschaffte, neue Auto verkauft. Jeder half jedem beim Umzug, und wir gingen in Freundschaft auseinander.
1998 hatte ich mir schließlich eine kleine 75 qm-Wohnung und meine Freiheit erkämpft und lebte nach neunjähriger Lebensgemeinschaft wieder mit meinem jüngsten Sohn allein.

Nach meiner Trennung von T. war ich voller Zuversicht, irgendwann doch noch die Liebe zu finden, nach der ich mich schon ein Leben lang sehnte. Nach zwei missglückten Kurzversuchen mit vermeintlichen Kandidaten, waren die Stroh-feuer schnell wieder erloschen… auch meine Hoffnung. Ich war enttäuscht und frustriert und befürchtete, für lange Zeit allein sein zu müssen, wenn nicht für immer. Mit fast 50 ist eine Frau für die Männerwelt nahezu unsichtbar. Ich sah zwar jünger aus, passte aber längst nicht mehr in das gängige Beuteschema und ältere Männer nicht in meines.

Damals setzte ich Zeichen für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes: Zunächst verlor ich bei „Weight Watchers“ 13 Kilogramm Gewicht; dann wurde ich nach 30 Jahren intensivem Glimmstengelkonsum Nichtraucherin. Das, was ich nie für möglich gehalten hatte, gelang mir mit eisernem Willen in kürzester Zeit. Ich fühlte mich befreit und runderneuert.
Doch die innere Leere konnte ich mit äußeren Aktionen nicht füllen.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

2 Gedanken zu „Kleiner Rückblick – Umzüge“

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