Kleiner Rückblick – unbekanntes Pflänzchen

Fortsetzung Teil 32

Obwohl wir Anfang Juli auf meinem großen Bett gelegen hatten, hatten wir immer noch nicht richtig miteinander geschlafen. Es war damals mehr ein Vorspiel gewesen.
In diesem Ereignis sah K. den Auslöser für die Sehnsucht, die mich nun quälte. Deshalb hatte er es sich in den Kopf gesetzt, es mit mir ein weiteres Mal nur in freier Natur zu tun, und das sollte erst im nächsten Jahr in Weimar passieren!
Bevor er diese plötzliche Erkenntnis hatte, war er mit dem Fahrrad herumgefahren, um für uns nach einem geeigneten Ort zu suchen.

„…A. und ich waren heute mit dem Fahrrad unterwegs“, schrieb er mir am 30. Juli 2006. „Ich habe überall gesucht, wo es einen schönen Ort, nur für uns beide, geben könnte. Ich habe leider noch nichts Gutes gefunden, wo wir uns wohlfühlen könnten. Aber ich suche weiter! Kennst Du einen Ort „mit Ausstrahlung“ hier in der Nähe, der für unser erstes Mal geeignet wäre?“

Was sollte das?! Ich versuchte, es ihm auszureden. DRAUSSEN? Das ging gar nicht! Das lehnte ich ab, doch er suchte tausend Argumente dafür.

Ich bin kein Mensch, der ohne Aussicht auf Erfüllung lange warten will. Auch beim nächsten Treffen kamen wir uns nicht näher. Es wäre ein wundervoller Nachmittag geworden, wenn mir K. nicht seine Pilzinfektion hätte beichten müssen. Er hatte sich im Urlaub bei seiner Frau angesteckt.

In diesem Moment fiel mir meine Naivität wie Schuppen von den Augen, und ich sah voller Entsetzen, was ich meiner Seele in dieser Situation antat. Ich versuchte, K. gegenüber meine Bestürzung zu verbergen, doch ich konnte das nicht so ohne weiteres wegstecken. Es tat zu weh!

Was hatte ich überhaupt zwischen K. und seiner Frau zu suchen!? „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weibes!“, ordneten die zehn Gebote an. Sicher galt das auch für „Deiner Nächsten Mann“. Zur Zeit Moses wäre ich wohl für dieses Vergehen gesteinigt worden!

K. vollzog den ehelichen Verkehr mit seiner Gattin, als würde es mich gar nicht geben. Kein einziger Gedanke galt dann mir und unserer Liebe.

„Es wird alles gut werden!“, beschwichtigte er mich. „Wir werden zueinander finden und eines Tages nebeneinander aufwachen, und Du wirst von DEINEM SCHÖNEN TRAUM erzählen. Du wirst zu Hause ankommen. Sei sicher: Es wird so kommen!“
Ich hatte fortan schlaflose Nächte, wachte mitten in der Nacht auf und konnte nicht wieder einschlafen.
Wann wird dieses „Irgendwann“ sein, das er beschrieb? Für mich war das der Name des Zuges, der schon längst abgefahren war.
K. glaubte nicht an die Aussage der Wahrsagerinnen, die durchaus eine Zukunft für uns sahen.

„…aber ich WILL es in diesem Fall glauben“, schrieb er mir Anfang August. „Keine Ahnung wie und in welcher Form, aber ich möchte DEIN ZUHAUSE sein.
Für mich ist die Zeit, in der ich Dich nicht sehen kann, keine „tote Zeit“. Du bist immer da, auch wenn ich Dich nicht sehen kann. Wie hast Du denn gelebt, als wir uns noch nicht gekannt haben? Um wie viel schöner ist es jetzt für Dich, wenn wir uns kennen und zumindest von Zeit zu Zeit (natürlich immer viel zu kurz und immer unter äußeren Zwängen) sehen können? Ist es jetzt nicht besser als vorher, als Du ‚nur’ Dein Leben gelebt hast? Sicherlich ist unser Leben jetzt schwerer, aber auch um so vieles schöner geworden! Dieses Zittern und Bangen, dieses tiefe Atmen bevor und während ich mit Dir spreche (auch wenn es nur am Telefon ist), diese Unruhe, bis ich Dich in den Armen halten kann, Dein Stöhnen, wenn Du Dich erregst, Dein „Schnurren“, wenn ich Dich streichle, Dein spitzbübisches Gesicht, als Du mich „entführt“ hast, das Strahlen in Deinen Augen, als wir im Kloster Kamp waren, Dein schneller, stolzer und zunehmend sicherer Schritt zusammen mit mir, Arm in Arm, mit mir, als dem Mann an Deiner Seite! …“


Hierzu fällt mir wieder diese Betrachtung ein:

Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet finden, dass nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.

Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen, und ihr werdet sehen, dass die Wahrheit um das weint, was euch Vergnügen bereitet hat.

Einige von euch sagen: „Freude ist größer als Leid“, und andere sagen: „Nein, Leid ist größer.“

Aber ich sage euch, sie sind untrennbar.

Sie kommen zusammen, und wenn einer allein mit euch am Tisch sitzt, denkt daran, dass der andere auf eurem Bett schläft.

Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude.

Und wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht.

Khalil Gibran 1883-1931

Der Prophet brachte es genau auf den Punkt: Ohne K. war mein Leben zwar im Gleichgewicht, aber vollkommen leer gewesen. Nur Liebe hatte diese Leere füllen können. Ohne Liebe verläuft alles ohne Höhen und Tiefen…ein weitgehend freudloses Dasein, ohne tiefes Glücksempfinden.

Damals wollte ich nicht verstehen, dass ich umsonst um K. kämpfte. In mir fraßen Verlust- und Zukunftsängste gleichermaßen. Er wollte seine Familie nicht verlieren und ich nicht den Glauben an die Liebe und an eine Zukunft mit ihm. In jedem neuen Brief überhäufte ich ihn mit „W“-Fragen. Mein Forschen nach dem Weshalb, Wieso, Warum und Wann, um mir selbst Klarheit zu verschaffen, machten ihn mürbe.

Ich glaube ihm, dass er mich irgendwie geliebt hat, trotzdem waren meine Nähe und das gemeinsame Erleben für ihn nicht wichtig. Sein Bestreben, „GUT“ für mich zu sein, bezog sich NUR auf meine sexuellen Erfordernisse, nicht auf meine Seelen- und Lebensbedürfnisse. Immer mehr verschloss er sich vor mir und wich zurück, wenn wieder eine solch gefürchtete Frage von mir ausgesprochen worden war, die er selbst nicht beantworten konnte.

Tief in meinem Innern rief eine laute Stimme „Ihr gehört zusammen!“ – Oder war es etwa mein Ego, das rief? Oder war es wie ein gewonnener Kampf, wenn er sich endgültig für mich entscheiden würde, und dass ich dann jedes Interesse an ihm verlor? Ich konnte ihn nur als meinen Mann sehen und nicht nur als meinen Liebhaber, der bei Gelegenheit Zärtlichkeiten mit mir austauschte. So verrückt das auch sein mochte.

Jedenfalls trug mich unsere Verbindung in eine romantische Gefühlswelt, die ich bisher nicht kannte.

Ich schrieb ihm: „Es darf kein Tag vergehen, an dem wir uns nicht gegenseitig unsere Liebe spüren lassen! Das darf niemals einschlafen! Wir dürfen nie vergessen, etwas dafür zu tun. An jedem Tag, wieder und wieder… damit wir das Glück erhalten, das uns geschenkt worden ist.

Du bist wie ein schöner, großer, geheimnisvoller Garten für mich, den ich ganz neu entdecken will, mit all seinen seltenen Pflänzchen darin. Was wärst Du für eine Pflanze? Das Pflänzchen „Sonnentau“, das manchmal gar nicht so lieb ist oder eher die schöne Dahlie, die keiner frostigen Nacht standhält…, vielleicht das bescheidene Veilchen, das irgendwo ganz versteckt aus purer Lebensfreude heraus die herrlichsten Blüten treibt?

Quelle: Wikipedia, Fleischfressende Pflanze „Sonnentau“

Irgendwann sollte ich K. meinen schönen Traum erzählen? Es gab keine schönen Träume für mich. Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich noch nie einen solchen Traum geträumt. Im Gegenteil: Wenn ich träume, dann waren es oft bedrückende Dinge, die ich sah. Seit meiner Jugend hatte ich ein und denselben Traum, der immer wiederkam: Ständig irrte ich des nachts alleine umher, in meist fremder, dunkler Umgebung. Ich versuche, nach Hause zu kommen, doch es gelang mir nicht.

Seitdem habe ich Angst, im Dunkeln draußen alleine zu sein. Es ist dann so, als würde mein Alptraum Realität werden. Wenn ich diesen Traum habe, macht er mir Angst. Dann stehe ich an Bushaltestellen und alle Busse fahren vorbei, ohne mich mitzunehmen, oder ich finde mein Auto nicht wieder; manchmal fahre ich im Dunkeln mit dem Fahrrad umher und kann den Weg nicht finden.

Das ist schlimm für mich! Das macht mir jedes Mal bewusst, dass ich im Leben alleine bin und niemanden habe, zu dem ich gehen könnte oder zu dem ich gehöre. Dann fühle ich mich verlassen, wie ein kleines Mädchen, das seine Eltern sucht.

Schon als Kind hatte ich diese Träume gehabt: Ich betrat den Hof meines Elternhauses, und als ich darauf einige Schritte gegangen war, kamen ganz hinten aus der Rosenlaube des Gartens wilde Tiere, meist Löwen und Tiger, auf mich zu gerannt. Ich versuchte ins Haus zu flüchten und rüttelte voller Angst an die rote Holztüre im Anbau, doch niemand öffnete mir.

K. versuchte, mir diese Angst zu nehmen:
„Mein Liebes…Du schreibst, dass Dein Traum Dir immer wieder zeigt, dass Dich Deine Eltern nicht wollten und Du ganz alleine auf der Welt bist.
Du bist nicht alleine! Ich BIN bei Dir, und ich WERDE Dich abholen! Du wirst Dein Zuhause finden! Bitte schenke mir Zeit und dränge mich nicht (zu sehr). Ein bisschen Drängen ist bei mir ganz gut, weil ich manchmal etwas „Anschub“ brauche, um etwas auf die Reihe zu bringen. Aber wirklich nur ganz wenig. Wenn es zu viel wird, zerbreche ich… und zerstöre mich eher selbst.

Du hast Dich gefragt, welche Pflanze ich denn sein könnte. Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Es gibt bei vielen Indianerstämmen einen Brauch, in dem die jungen Männer ihr „Symboltier“ finden müssen, bevor sie als Erwachsene aufgenommen werden. …Ich habe mein Symboltier gefunden, als ich einmal mit hohem Fieber im Bett lag. Es ist die Eule. Sie lebst versteckt im Wald, fliegt fast lautlos, ist selbst fast unsichtbar, sieht und hört aber selbst alles sehr genau, sie ist schnell, geschickt und auch stark, aber sie ist auch ein Raubtier. Mir kommen immer die Tränen, wenn ich im Zoo die Eulen sehe: eingesperrt, nur zum Sitzen, Warten, Fressen und Schlafen verurteilt. So eine Eule will ich niemals sein.

…Natürlich würde ich einsam sein, ohne Dich! Gut, dass es Dich gibt, und ich Dich kennengelernt habe. Jetzt, da ich weiß, dass es einen solchen Menschen, wie Dich auf dieser Welt gibt, würde ich einsam sein, ja, sehr einsam und alleine. Vorher hätte ich mir das nicht vorstellen können. …Dein unbekanntes Pflänzchen.“

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Nein, eigentlich wollte ich ihn zu nichts drängen, aber es lag in meiner Natur, nur wenig Geduld zu haben. Er sollte frei sein, in seiner Entscheidung, denn es war ja schließlich sein Leben, über das er entscheiden musste. Ich wollte ihm Zeit geben!

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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