Kleiner Rückblick – Unerreichbar

Fortsetzung Teil 34

Janus-Kopf, römische Mythologie, Gott des Anfangs und des Endes

Er hatte mich in seine Seele schauen lassen, und was ich dort sehen durfte, war Schönheit, Reinheit und Reife. Sie überstrahlte alle anderen, die ich kannte, bei weitem. Ich liebte ihn: seinen Körper, seine Seele und seinen Geist…immer mehr!
Am 18.08.06 schrieb er mir:

Mein Liebes, so viel Gutes und Besonderes siehst Du in mir? Du kannst nicht mich gemeint haben, als Du diese Zeilen schriebst. Ich bin nichts Besonderes und fühle mich beschämt, ja wirklich, das ist keine Koketterie. Aber es ist trotzdem so schön, so etwas von einem anderen Menschen, von Dir, meiner Liebsten, zu hören. Und ich möchte es immer wieder hören, auch wenn es egoistisch von mir ist. Es ist so schön!

Auch ich durfte etwas in Deine Seele schauen…und ich bin überwältigt (im wörtlichen Sinn) von der Stärke und Intensität Deines Gefühls, von Deiner Kraft, Deiner Stärke und…Deiner Sehnsucht. Ich bin jetzt schon seit Wochen vollkommen außerhalb meiner Mitte. Meine ganze Sicherheit, Kraft und Gelassenheit sind verschwunden und haben einer Verwirrung, Unruhe und Unsicherheit Platz gemacht, die ich bisher nicht gekannt habe. Alles dreht und bewegt sich, und ich habe das Gefühl, dass ich mitgerissen werde und nichts mehr mit meinen Augen um mich herum wahrnehmen kann. Alles verschwimmt, und ich treibe auf einem wilden Fluss, der mich in jede Richtung werfen kann. Ich kann seine Strömungen nicht beeinflussen, er wirft mich mal hierhin, mal dorthin, und ich kann nicht sehen, an welchem Ufer ich vorbei treibe, was sonst noch um mich herum geschieht. Ich sehe nur Dich und Deine Augen, Deine sehnsuchtsvollen, erwartungsvollen, tiefgründigen, geheimnisvollen Augen, in denen ich mich immer wieder verliere, in denen ich versinke, wie in diesem wilden, unberechenbaren, aber doch so schönen Fluss…

Ich habe Angst, meine Mitte nicht mehr finden zu können, meine Ruhe und innere Gelassenheit, meine Sicherheit und innere Kraft. Diese innere Kraft ist notwendig für mich, weil ich ohne sie nicht der bin, den Du kennst, den Du liebst und den Du so lieb, so ganz lieb beschrieben hast. Ich möchte wieder „schillernd“ für Dich sein, so wie Du es Dir gewünscht hat. Ich muss meine innere Ruhe wieder finden, damit ich Dich weiter festhalten kann, damit ich Dich als meinen festen Punkt im Wirbeln dieser Strudel sehen und zusammen mit Dir alle Wasserfälle und Klippen überstehen kann. Ich liebe Dich! Dein K.“

Aber K. hatte zwei Gesichter. Manchmal schäumte er über vor Gefühl und einen Tag später erschreckte er mich mit seinem Alltagsgesicht. Ein kleiner Macho steckt offenbar in jedem Mann, und in K. steckte ein besonders stures Exemplar. Dann war er ganz förmlich, wirkte distanziert, und ich spürte die Veränderung, die in ihm vorgegangen war.

Manchmal war er wie ein kleiner Junge, der gerade dabei erwischt worden war, wie er aus einem Marmeladeglas naschte. Wenn er davon erzählte, dass es ihm Spaß machte, mit seiner Frau zu schlafen, dann hatte er genau den Ton in der Stimme und das erinnernde Lächeln. Dann merkte er nicht mal, wie sehr er mich durch seine Offenheit verletzte, denn er hatte ja nur genascht, weil es ihm gerade Spaß machte. Auch, wenn meine Wunde danach blutete, konnte ich nicht böse auf ihn sein.

„…Das gilt für Dich ganz genauso wie für mich!!!“, schrieb er mir zurück. „Dann hast Du Deinen Goethe-Gesichtsausdruck und Deine Kant-Stimme. Diese Stimme tut mir dann immer sehr weh, weil sie dann sehr hart ist…
Wir müssen in der Tat behutsam und geduldig miteinander umgehen. Mit Geduld und Zeit…ohne Druck werden unsere Seelen Vertrauen finden!“ Dein K.

K. sagte mir, dass die wenigen Minuten des sexuellen Beisammenseins mit seiner Frau ganz unbedeutend wären. Bisher hatte ich mir eingeredet, dass er es mit ihr tun MÜSSTE, aber das stimmte nicht: Er WOLLTE es! Das kränkte mich ungemein und tat mir weh. Das hatte nichts mit besitzen wollen zu tun, sondern war für mich ein Zeichen von Liebe. Er verstand das nicht…oder wollte es nicht verstehen. Wenn ich ihn darauf ansprach, war es so, als belächelte er mich, weil ich mich als zweite Wahl fühlte.

„Mein Liebes, ich belächele Dich doch nicht, wenn Du Dich so quälst. Hältst Du mich wirklich für so herzlos und kalt?
Lachen ist nicht nur ein Zeichen von Freude und Glück. Bei mir ist es sehr oft der hilflose Versuch schwer zu Erklärendes, oder auch etwas, das ich selber nicht verstehen kann, zu überspielen. Es ist ganz sicher nicht gegen Dich gerichtet und schon gar nicht möchte ich mich über Dich lustig machen! Es zeigt nur meine Hilflosigkeit.

Ich weiß wie sehr Dich das quält, aber ich kann es nicht verstehen. Du bist natürlich keine „Zweite Wahl“, und ich werde Dich auch nie verletzen, indem ich Dich damit quäle. Ich habe es überhaupt nie vor Dir erwähnt. Aus diesem Grund habe ich Dir auch nie ein Bild oder auch nur den Namen meiner Frau gegeben. Du sollst in ihr keinen Feind und auch keine Konkurrenz sehen. Dazu gibt es nicht den geringsten Grund,…und ich bin es auch nicht wert…
…Das Licht in unseren Herzen ist der einzig zuverlässige Wegweiser, egal auf welchen Horizont wir uns zu bewegen. Ich denke immer daran, wie sehr Du mich liebst und ich Dich!
Kannst Du Dir vorstellen, dass Dein langer und so unendlich tiefer Blick vom Donnerstag für mich tausendmal mehr Bedeutung hatte, als jedes intime Zusammensein mit allen anderen Frauen davor und sogar mit Dir? Wahrscheinlich nicht! So unglaublich das klingt, aber für mich ist es so! Dieser Blick, unsere Reise in das Innere der Partnerseele – Deine und meine – hat nichts Erotisches, ist aber derart intensiv, dass ich es niemals vergessen könnte. So nahe war ich einem anderen Menschen noch nie!!! Und das ist unvergleichlich! Tausend Küsse für Dich! Dein K.“


Ich sollte seine Frau nicht als Konkurrenz sehen!? Ich bin immerhin 13 Jahre älter als sie, was nicht gerade zu meiner Attraktivität beitragen kann. Was sah K. in mir? Doch nur die Frau, die ab und zu mal im Schnelldurchgang drankommt. Und DAS konnte er nicht verstehen?

Der Liebesbrief – Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

„Mein Liebes, Deine Blicke sind für mich auch sehr erotisch und aufregend. Aber ich habe nicht diese Blicke gemeint, sondern diesen ganz speziellen, unendlich langen, intensiven, unvergleichlichen „Einsblick“ (ich habe kein anderes Wort dafür) vom letzten Donnerstag, als wir uns so, so nah waren, so nah, wie ich noch nie…und damit meine ich NIE (!)…einem anderen Menschen war.

Es war fast so, als ob wir beide eine gemeinsame Einheit, ein gemeinsames neues Wesen gebildet hätten….Wir waren wie ein Bogen, der noch unten geschlossen und verbunden, und nach oben offen, aber verbunden durch die Energie unserer Augen, dem Himmel entgegengestreckt war. Das ist nichts Sexuelles mehr, das ist Verbindung in schönster Vollendung. Das müssen wir erreichen! Das will ich mit Dir erreichen!

Das können wir auch jetzt schon, ohne dass wir uns gegenseitig BESITZEN müssen, und ich meine Familie verlieren muss. Dieses Gefühl mit Dir ist so wunderschön, so unvergleichlich. Wie schön, dass es so einen Menschen wie Dich überhaupt gibt!

Verzeih mir bitte, jetzt habe ich schon wieder alles verdorben, aber es ist ehrlich und kommt genauso aus meinem Herzen. Genauso jetzt in diesem Moment, und ich werde den Text auch nicht mehr verändern. Ich habe Dir versprochen, immer ehrlich zu sein, auch wenn es manchmal sehr weh tut. Verzeih mir bitte! Dein K.“

Ich konnte mich an diesen Blick erinnern. Nur SO konnte sich „Glückseligkeit“ anfühlen. Es war so schön, so tief greifend, dass es beinahe wehtat. Es war Liebe pur, ganz rein und voller Seelenverbundenheit! Er war wie ein Resonanzboden für mich.
Aber was er zum Schluss in diesem letzten Brief schrieb, machte alles zunichte!

Diese Liebe trug für ihn keinen Drang und Wunsch nach Erfüllung in sich, wie bei mir. Er nannte das „besitzen wollen“, was ich als eine normale Reaktion auf Liebe ansah. Nein, es war umgekehrt: Er sah seine Familie als Besitz. Die Kontrolle darüber wollte er keinesfalls verlieren. Er bildete sich ein, dort unabkömmlich zu sein. Diesen Besitz hatte er sich erzogen, erkauft und aufgebaut, und er sah es als Lebensaufgabe, wie ein König über sein Reich zu herrschen und alles zu kontrollieren.

Was erwartete er von mir? Sollte ich jedes Mal, wenn er bei mir war, meinen Verstand ausschalten und so tun, als wäre alles gut? Ich bin kein Mensch, der nur in der Gegenwart lebt und sie genießen kann, ohne nachzudenken. Er konnte es noch so schön umschreiben: Ich war und blieb doch nur die Affäre, „nur“ eine Liebe für die man sein Leben nicht ändern wird.

Er grübelte:

„Frage: Was kann ich Dir geben? Jetzt! In der jetzigen Situation und nicht erst später?
MEINE nichtkörperliche Liebe? – JA, ohne Einschränkungen!
MEINE Gedanken und Gefühle, meine Seele? – JA, ohne Einschränkungen (sie gehören Dir sogar im Traum)!
MEINE Briefe, unsere Gespräche? – JA, ohne große Einschränkungen (wenn man vom Wochenende absieht)!
MEINEN Körper, meine Anwesenheit? – JA, aber nur zeitweise, immer zu wenig und unter schwierigen, unschönen Bedingungen!
Frage: Welche Sicherheit kann ich Dir bieten?
MEIN Bild, dass wir irgendwann (wann immer das sein mag) zusammengehören werden. Und sonst, …nichts?
Frage: Womit wirst Du Deine Zeit füllen, bis ich Dir (vielleicht) GANZ gehöre?
Mit Sehnsucht (sehr schmerzhafter)!
Mit Angst (auch körperlicher)!
Mit Bitterkeit (und Verzweiflung)!
Mit Hoffnung!
Ein Goethe oder Kant würde vielleicht fragen: Was? Wozu? Ohne Sicherheit? Nur für Sehnsucht, Angst, Hoffnung und…vielleicht Erfüllung?

Wie würdest Du für Dich darauf antworten (nur logisch, nicht emotional)?“

Rein von der Logik her hätte ich es schon wegen des in Klammer gesetzten „vielleicht“ beenden müssen. Doch rein logisch müsste die Liebe siegen. Aber er liebte auch seine Familie (Frau inbegriffen). Demnach war der Versuch gescheitert, weil es ein sinnloses Warten auf einen Menschen gewesen wäre, der mit größter Wahrscheinlichkeit niemals zu mir gehört hätte.

Nach Werther:
„Ich kann nicht beten: „Lass mir ihn!“, und doch kommt er mir oft als der Meine vor. Ich kann nicht beten: „Gib mir ihn!“, denn er ist einer andern. Ich wälze mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir’s nachließe, es gäbe eine ganze Litanei von Antithesen.“

Ich dachte schon damals mit Grauen an die endlos lange Zeit ohne ihn. Ich wollte nicht ohne ihn leben. Die Angst, ihn zu verlieren, war allgegenwärtig. Wie konnte ich unter diesen Umständen noch auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm vertrauen!?

„Mein Liebes, ich vertraue auch auf unsere Zukunft – ohne jede Logik und Verstand, aber ich vertraue…und hoffe! Dein K.“

Er vertraute und hoffte? Worauf? Welch krasser Widerspruch steckte in diesen Worten! Er wollte doch gar nichts ändern, also konnte und durfte er auch nicht auf eine himmlische Fügung hoffen, die uns zusammenbringen würde. Worauf konnte er vertrauen? Jeder Mensch wählt im Großen und Ganzen die Wege selbst, die er gehen will. K. würde sich immer wieder für seine Familie und gegen mich aussprechen.
Sein „ich vertraue und hoffe“ war demnach nichts weiter als eine Phrase gewesen, die mich beruhigen sollte.
Ich fragte mich, ob er problemlos die nächsten 30 Jahre mit seiner Frau verbringen konnte, ohne unglücklich zu sein.
In dieser Zeit schrieb ich viele Gedichte, die das Unglück aus mir herauspressten, das ich empfand. Eines davon war dieses: Liebe

Heinrich Kley (1863-1945) – Kunsthalle Karlsruhe

Fortsetzung folgt…

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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