Kleiner Rückblick – Vaters Tod

Fortsetzung Teil 47

Foto: Gisela Seidel

Bereits im Jahr 2015 hatte mein Vater mit Prostatakrebs auf der Urologie der Klinik in Krefeld-Uerdingen gelegen. Seine Frau hatte mich informiert. Sie wollte nicht täglich zu Besuch dorthin fahren, weil sie gesundheitlich ebenfalls angeschlagen war. Also fuhr ich jeden Tag nach Feierabend dorthin, bis er nach einer Woche und zahlreichen schmerzhaften Operationen entlassen wurde. Ich beschwerte mich beim dortigen Chefarzt, weil die Nieren-OP ohne Narkose durchgeführt worden war und vorzeitig abgebrochen werden musste, weil mein Vater die Schmerzen nicht aushalten konnte. Mit alten Menschen konnte man das ja machen. Soviel Skrupellosigkeit entsetzte mich, denn die Narkose hatte nicht stattgefunden, weil man Kosten sparen wollte. Der Chefarzt kam mit einer fadenscheinigen Entschuldigung zu mir.

Damals merkte ich, dass mein Vater gewisse Dinge gedanklich nicht mehr richtig umsetzen konnte. Schließlich war er 88 Jahre alt und seine Frau nur zwei Jahre jünger. Wenn er etwas nicht verstand, wurde er unwirsch. So widersprach er den Ärzten, die behaupteten, seine Krebserkrankung hätte das Rauchen als Ursache. Rauchen und Nieren hatten nach seiner Auffassung miteinander nichts zu tun.

Nachdem er wieder entlassen worden war, wurde er kurz darauf als Notfall in ein anderes Krankenhaus eingeliefert. Grund dafür waren Darmblutungen und starker Durchfall. Ich besuchte ihn dort auf der Intensivstation. Die Ärztin sagte mir, man hätte ihn operieren müssen. Sie machte mir wenig Hoffnung, dass er das überlebt. Doch bereits am nächsten Tag saß er schon wieder im Bett. Man hatte bei ihm einen Morbus Crohn festgestellt, die Krankheit unter der ich bereits seit meinem 25. Lebensjahr leide. Mein Vater war zäh. Auch davon erholte er sich wieder. Erst 2016 kam eine erneute Krankenhaus-Einweisung. Er lag mit einem Beckenbruch wieder in Krefeld-Uerdingen. Er war auf der Treppe vor seiner Wohnung gestürzt.

So tragisch der Unfall war, es gab in dieser Zeit eine gewisse Annäherung. Zum ersten Mal weinte mein Vater in meiner Gegenwart.
„Ich habe mich nie um dich gekümmert!“, sagte er. Da es ein echtes Bedauern zu sein schien, habe ich es als Entschuldigung angenommen.

Auch dorthin bin ich täglich gefahren. Mein Vater hatte seinen Altersstarrsinn nach wie vor behalten, fügte sich jedoch den Anordnungen der Ärzte. Als er wieder fast genesen war, begleitete ich ihn bei Spaziergängen im Park. Wir gingen Arm in Arm. Er schob brav seinen Rollator. Ich dachte bei mir: „Das war der Mann, vor dem ich als Kind immer nur Angst hatte.“ Das Alter hatte aus ihm ein muskelloses Männlein gemacht, das nur noch 45 Kilogramm wog.

Nachdem er entlassen worden war, traten die gleichen Verhältnisse ein, wie zuvor. Wir sahen uns nicht mehr, weil seine Frau das nicht wollte.

Am 23. September 2017 wurde er 90 Jahre alt. Aus diesem Grund erhielt ich eine Einladung von ihm. Die kleine Feier fand in der Wohnung seiner Frau statt, die offenbar mit meiner Anwesenheit einverstanden war.

Ich schenkte ihm zwei Stücke Bienenstich, seinen Lieblingskuchen, aus der Bäckerei seiner alten Heimat in Homberg. Darüber freute er sich sehr. Zum Schluss begleitete er mich bis zum Auto, weil er meinen neuen Mercedes sehen wollte. Durch sein Augenleiden hat er sicher nicht viel sehen können, aber der Wagen gefiel ihm offenbar. Es folgte ein letztes Schulterklopfen, und er ging wieder ins Haus zurück. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah. Am 2. November 2017 ist er in seiner Wohnung gestorben, ganz plötzlich und unerwartet.

Seine Frau hatte wohl darauf bestanden, dass er in Duisburg-Buchholz beerdigt wird. Im September kündigte er vorsorglich die Gruft, in der meine Mutter in Homberg liegt. Seitdem habe ich den Friedhof nicht mehr betreten. Die Vorstellung, dort ein ungepflegtes Grab vorzufinden, war mir zuwider.

Nach Vaters Beerdigung, an der ich teilnahm, brach wieder ein Stück Vergangenheit und Familie weg.

Seine Frau starb nur drei Monate später.

Autor: Gisela

Bitte auf meiner Seite "Über mich" nachlesen.

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