Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 10

1977 – 24 Jahre

Der Freund meines Vaters verkaufte mir später für 50 DM seinen VW-Käfer aus dem Jahre 1959, mit Seilzugbremse und Zwischengas, doch ich war froh, endlich ein Auto zu haben.

Zwei Jahre später mietete ich mir Zweieinhalb-Zimmer und nahm einen Kredit für Möbel auf. Das war gar nicht so einfach, denn damals bekam eine geschiedene Frau nicht ohne weiteres einen Kredit. Sie könnte ja schwanger werden, dachte man.

Mit meiner Arbeit in der Reederei klappte es gut; ein Verhältnis zu Männern war jedoch nachhaltig gestört. Sex war ein Muss, bei dem ich nichts empfand. Es war für mich ein Zeichen von Macht, nicht von Liebe.

In meiner Stammdiskothek hatte ich K. kennengelernt. polnisch, adlig und verarmt. Mit ihm „latschte“ ich durch die Stadt; mit ihm verbrachte ich die Wochenenden, und ich ließ meinen ganzen Frust an ihm ab. Er war ein Stillhalter und Dulder…bis zuletzt war er dem Alkohol verfallen. Ich verprügelte ihn, wenn er mich reizte, und einmal riss ich ihm vor Wut die Haare aus. Er kam immer wieder, bis ich ihn eines Tages endgültig fortschickte.

Meine Freundin S. kannte einen Club in Duisburg, in dem hauptsächlich schwule Männer und Lesben verkehrten. Irgendwann nahm sie mich dorthin mit.
An diesem Abend schminkte ich mich nur mäßig und hatte meine ältesten Jeans und die Fransen-Lederweste meines Ex-Mannes angezogen. Ich glaubte, in dem Lokal keine Männer zu finden, denen ich gefallen könnte und eigentlich wollte ich das auch nicht. Meine Freundin und ihre Bekannte hatten sich im Gegensatz zu mir ganz besonders aufgestylt. Mir war das egal!

Ausgerechnet in diesem Lokal lernte ich einen Jura-Studenten kennen, der auf der anderen Seite der Theke mit dem Barkeeper redete. Meine Freundinnen waren essen gegangen, und ich blieb allein im Lokal zurück. Als sie wiederkamen, fanden sie mich knutschend auf der Tanzfläche. S. verstand die Welt nicht mehr.
„Du wieder, mit deinem Unschuldsblick!“, hatte sie oft vorwurfsvoll gesagt.

Mit F., meiner neuen Eroberung, blieb ich ein halbes Jahr zusammen… sehr zur Freude meiner Mutter. Er war nicht nur attraktiv, mit schwarz-graumeliertem Haar, sondern auch sehr redegewandt. Er spielte Gitarre und konnte gut singen, natürlich in einwandfreiem Englisch. Meine Eltern sahen mich bereits als angehende Gattin eines Rechtsanwaltes. Mit F.s Eltern verstand ich mich gut. Seine Mutter war Journalistin beim Bundespresseamt in Bonn und ausgesprochen dominant. Sie hatte ein Faible für meinen Sohn und für Amerika. Zwei Mal jährlich flogen sie dorthin. Mein Sohn G. blieb für sie stets „das liebe Schätzchen“, dem sie auch später noch Geschenke zukommen ließ, nachdem die Beziehung mit F. und mir in die Brüche gegangen war. Auch der Kontakt zu meinen Eltern blieb bis zu ihrem Tod 1998 bestehen. F.s Mutter hatte mir in späteren Jahren immer wieder finanziell geholfen – im Gegensatz zu meinen Eltern.

F. hatte ihre Adoptionsurkunde in alten Unterlagen gefunden. Davon ahnte sie aber nichts. Demnach war sie ein Findelkind und hatte es gewiss in den Kriegsjahren nicht leicht gehabt. Eine Sinti- oder Roma Abstammung konnte man ihr ansehen. Sie war eine sehr auffällige Frau, immer in teure Klamotten und Pelze gekleidet. Ihre schwarzen Haare hatte sie knallrot gefärbt. Ebenso auffällig eingerichtet waren ihre Wohnräume, die ich damals tapeziert habe: auf einer Seite die Skyline von Manhattan, in der Ecke, um den kleinen Gaskamin ein wenig dezentes Schottenkaro und den Rest des kleinen Raumes in einem Lila-Ton, der ganz und gar zu nichts passte. Aber ich half ihnen gerne. Das taten sie auch für mich.

Durch ihre Arbeit in Bonn durfte ich sie ein Mal zum Bundespresseball begleiten, wo ich mit ihrer Chinchilla-Stola herumflanierte. Ein anderes Mal lernte ich durch sie einen echten Lord kennen, der ein Schloss in England besaß. Ich ging mit ihnen in Duisburg in den Steigenberger Hof und schämte mich abgrundtief, weil Milady mit einem türkisfarbenen Hosenanzug bekleidet war, der wegen der vielen Urinflecke alle Blicke auf sich zog. Es war ein schon älteres Ehepaar – Milady mit Diamanten behangen – die ihre vornehme Herkunft ansonsten keineswegs verbarg.

Ein halbes Jahr vor dem Staatsexamen warf F. damals sein Studium hin. Wenn er Alkohol trank, fand ich ihn widerlich. Eigentlich geht es mir bei allen alkoholisierten Menschen so, besonders wenn man es ihnen ansieht. Ich liebte F. nicht und machte deshalb kurzerhand Schluss. Von meinem Vater hatte ich zwar seinen Jähzorn erfahren, aber er trank nur hin und wieder ein Glas Wein. Ansonsten hatte ich die Alkohol-Abstinenz von ihm geerbt. Die Ähnlichkeit zu meinem Nikotin-Dämon, so nenne ich die Abhängigkeit, erkannte ich da noch nicht.

F. hatte mir irgendwann erzählt, dass er auf asiatische, kleine Jungs stand. Von sexuellen Handlungen an Kindern wusste ich damals nichts. So etwas existierte außerhalb meiner Vorstellungen. Mir wurde erst in späteren Jahren klar, weshalb sich F. in diesem Schwulenclub aufgehalten haben muss.

Für meine verliebte Mutter brach eine Welt zusammen, als die Beziehung mit F. in die Brüche ging. Er ging wochentags weiter bei ihr frühstücken, bis mein Ex-Mann im Werk zu meinem Vater ging und meiner Mutter ein Verhältnis nachsagte.

Ein Jahr später heiratete F. die Kindergärtnerin meines Sohnes und bekam einen Managerposten in Düsseldorf. Gut reden zu können und ein fast abgeschlossenes Jura-Studium zu haben war und ist scheinbar ein Privileg.

Ich zog in den 20. Stock des Hochhauses und flüchtete in die Schwulenszene. In dem Lokal gab es am Wochenende Travestieshows. Hier konnte ich untertauchen, in eine bunte, fremde Fantasiewelt, mit Federn, schrillen Kostümen und Männern in Frauenkleidern. Es wurden Freundschaften geknüpft, die anders waren. Zusammen mit „Tunten und Tucken“ kaufte ich Abendkleider für die Shows. Wir haben viel gelacht. Das tat mir gut!

Mit einer männlichen, hellblonden „Freundin“ verbrachte ich oft die freie Zeit. Mit ihm fuhr ich tagsüber auf der Kirmes Karussell oder ging abends in feinem Abendkleid zum Ball. Wir küssten uns, so, dass seine Freunde meinten, er sei ‚normal‘ geworden. Wir mochten uns – mehr nicht.

Ich begann mich selbst zu verkleiden, trug Herrenanzüge und -hüte, Krawatten und auffälliges Make-up. Geraucht wurde mit Zigarettenspitze. Die kurzen Haare färbte ich knallrot wie David Bowie. Überall fiel ich auf… man redete über mich. Es machte mir Spaß, aufzufallen. Damals merkte ich zum ersten Mal, dass ich anders war als andere… und das wollte ich auch sein. Ich bin auch heute noch keine Frau ‚von der Stange‘!

In meiner Alltagswelt wurde das leider nicht immer positiv aufgenommen. Eine Frau, die ich nur aus dem Bus kannte, stellte sich irgendwann in der Reederei vor, weil sie in unserem Büro arbeiten wollte. Als sie mich sah, weinte sie und wollte nicht mit mir zusammen in einem Zimmer sitzen, obwohl sie mich gar nicht kannte. Das konnte ich nicht verstehen. Ich muss wohl für damalige Verhältnisse sehr „abenteuerlich“ ausgesehen haben.

Als ich mit dieser Kollegin und späteren Freundin in der Düsseldorfer Altstadt war und vor einer Pizzeria auf sie und ihren Freund wartete, merkte ich gar nicht, dass viele Leute vor mir stehen blieben und mich ausgiebig musterten. Sie hielten mich wohl für eine „Bordsteinschwalbe“, als ich mit roten High-Heels, schwarzen Strümpfen und rotem Lackmantel, mit aufgeklebten Wimpern an einem Laternenpfahl lehnte. Meine Freunde hatten das hinter meinem Rücken die ganze Zeit beobachtet und waren darüber sehr belustigt.

Ich hatte überall ‚meine Auftritte‘. Auch in der Schwulenszene. Es gab hübsche Frauen dort, und ich fühlte mich eine Zeit lang von ihnen sehr angezogen. Doch mehr als Schmuserei und ein paar Streicheleinheiten gab es nicht. Ich war nicht lesbisch. Es brachte mir genauso wenig Befriedigung wie der Umgang mit einem Mann, weil es meine innere Leere nicht füllen konnte. Auch in späteren Jahren erlebte ich noch oft, wie mir Frauen in ganz „normalen“ Lokalitäten und Bereichen schöne Augen machten. Ich nahm es stets als Kompliment zur Kenntnis. Trotzdem sehnte ich mich nach der Liebe eines Mannes.

Irgendwann in dieser Zeit kam es zu einer Affäre mit einem zwanzig Jahre älteren, verheirateten Kollegen. Wir trafen uns nicht oft, aber regelmäßig. D. hatte früher bei Porsche gearbeitet und selbst ein Faible für schnelle, teure Autos gehabt. Ich fuhr mit ihm zum Nürburgring, wo er Zutritt zum Fahrerlager hatte. Seine Frau finanzierte ihm sein Hobby. Sie war Geschäftsführerin in einer Süßwarenfabrik. Es dauerte nicht lange, bis nach ein paar Wochen der Anwalt der Ehefrau bei mir anrief. Die Ehe wurde geschieden. Ich war nicht die erste Affäre, die D. hatte. Schließlich ging er nach Stuttgart. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Ich hatte gelernt, wenn ich mich mit einem verheirateten Mann einlasse, kann mir dieser nicht allzu nah kommen. Aber es war paradox, weil ich mich trotzdem nach absoluter Nähe sehnte.

Wird fortgesetzt…