Kleiner Rückblick – Voodoo

Fortsetzung Teil 13

von links: Ich – Marcel – Gabi – Erick

Erick kam in unregelmäßigen Abständen alle vier Wochen nach Duisburg.
Nach meinem letzten Krankenhausaufenthalt hatte ich keinen Kontakt zu meinen Eltern. Sie hätten keinerlei Verständnis für meine Beziehung mit einem Ausländer gehabt, schon gar nicht hätten sie einen schwarzen Mann akzeptieren können.

Meine Familie war nationalsozialistisch geprägt. Ausländer waren das Vorletzte und ‚Neger‘ das Allerletzte. Damals war man der Ansicht, ‚die‘ seien nur gut fürs Bett und noch dazu dumm. Solche Ansichten konnte ich nicht verstehen.
Selbst viele Jahre später, als Obama Präsident wurde, meinte mein Vater verwundert: „Der hat doch nicht mehr Grips als ich!“

Nur ist es schlecht, wenn man seinen Verstand für kriminelle Zwecke einsetzt.
Das ist unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Für mich sind in erster Linie alle Menschen gleich. Es gibt gute und weniger gute in jedem Kulturkreis.

Als ich wieder mal auf Erick wartete, war als Intermezzo eine kurze Reise nach Roermond geplant, wo die Familie eines ebenfalls in Curacao geborenen Bekannten lebte. Der bestand darauf, dass ich mit meinem eigenen Auto fuhr, erzählte mir aber sonst keine Einzelheiten.

Es handelte sich um ein Familientreffen. Alle waren dort und unterhielten sich in der Landessprache Papiamento, die ich nicht verstand. Anwesend waren ungefähr 20 Personen. Ich hatte mich in die hinterste Ecke verkrochen, weil die Situation sehr angespannt war. Die Frauen gestikulierten wild und legten eine aufgeschlagene Bibel auf den Küchentisch, vor eine mittel-alte Frau, die irgendwie geistig von Sinnen zu sein schien.

Wie sich später herausstellte, war es die Schwägerin. Man sagte ihr nach, dass sie mit Hilfe eines Voodoo-Priesters aus Tahiti die Familie umbringen wollte. Sie hatte mehrfach Lebensmittel ins Haus gebracht, die angeblich ‚besprochen‘ worden waren. Dadurch verunglückten mehrere Personen. Die Mutter hatte zwei Autounfälle mit Knochenbrüchen knapp überlebt.

Die dunkelhäutige Schwägerin stritt alles ab, schimpfte und tobte, so arg, dass sie wütend aufsprang und mit den Fäusten gegen die Wand schlug. Erst als sie sich vor das aufgeschlagene Buch setzen musste, wurde sie zunehmend ruhiger. Sie erinnerte mich an den Film „Exorzist“.

Es gab eine junge Familie dort, in der ein schwarzer Mann mit einer weißen Frau verheiratet war. Aus dieser Verbindung war ein Kind hervorgegangen. Diese Familie war besonders belastet und schon mehrfach umgezogen. Sie berichteten von schwarzen und weißen Katzen, die abends vor dem Haus übelste Kämpfe aufführten, wie ein Kampf zwischen gut und böse. Eines Tages hing das noch kleine Kind am Treppengeländer im oberen Stock, und eine unsichtbare Kraft drückte den Vater zurück, als er die Treppe hochlaufen wollte. Heraus kam, dass die Schwägerin aus Hass auf Weiße die Familie zerstören wollte.

1980

Das war nicht das erste Mal, dass mein Bekannter aus demselben Grund nach Roermond fahren musste. Er verschwieg mir, dass jedes Mal sein Auto kaputt ging, wenn er dorthin gefahren war. Diesmal fuhr ich mit meinem Golf und plötzlich riss auf der Überholspur der Autobahn der Gaszug auf der Rückfahrt. Mit Mühe gelang es mir bei voller Autobahn auf die rechte Spur zu wechseln, und wir landeten erleichtert auf dem Standstreifen.

Es vergingen danach einige Wochen, bis ich erfuhr, dass die Freundin meines Bekannten in der Sauna an ihrem Erbrochenen erstickt ist. Welch mächtige, dunkle Kräfte in der Angelegenheit aktiv gewesen sein müssen, wurde mir dann erst bewusst.

Anfang September 1980 wurde meine Gaststätte eröffnet. Für mich war das absolutes Neuland, da ich so gut wie keinen Alkohol trank und noch nie hinter einem Tresen gestanden hatte. Dieser war alt und die Kühlung taugte nichts mehr. Alle paar Tage waren die Flaschen eingefroren. Außerdem litt auch das Mobiliar unter Altersschwäche. Die Pächterin hatte einige Spielautomaten aufgestellt, doch wenn man an den Flipper fasste und gegenüber die Jukebox berührte, bekam man einen leichten Stromschlag. Die Bierfässer standen im Keller und mussten nach Bedarf neu angestochen werden.

Am Eröffnungstag begleitete mich meine Pächterin und machte mich mit allem vertraut. Das Lokal war voll und jeder erwartete ein Gratis-Bier. In Duisburg hatten etliche Kneipen schließen müssen, weil dort die Rockerbanden von den Lokalen Besitz ergriffen hatten. Dann blieben die anderen Gäste aus. Inmitten des größten Ansturmes im Lokal öffnete sich die Türe und ca. zehn Rocker in Kluft standen vor meiner Theke. Meine Pächterin gab mir zu verstehen, ich soll sie nicht bedienen.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich das täte, schlagen die mir den Laden kurz und klein. Also bediente ich sie. Sie tranken nicht mal aus und verschwanden…um am Folgetag wiederzukommen.

Da wurde es richtig brenzlig, denn ich war alleine, ohne Schutz. Die Rocker hatten alle zusammen 100 Jahre Knast auf dem Buckel. So bedrohlich standen sie also in Reih und Glied vor meiner Theke und bestellten Bier, was sie auch bekamen. Aber zwei tranken es nicht, sondern schütteten es auf den Boden. Zunächst war ich schockiert, habe dann aber allen Mut zusammen genommen und bin wütend auf die Übeltäter zugesteuert. Sie bekamen von mir Lokalverbot. Dem Chef der Bande sagte ich, sie dürften in die Kneipe kommen aber ohne Montur, und wenn sie sich anständig benehmen, dürften sie gerne wiederkommen. Mir war damals so, als hätte ich sie verblüfft, denn sie kamen einige Tage später ohne ihre Banden-Kluft zurück. Ich hatte niemals mehr Handgreiflichkeiten, auch nicht zwischen den übrigen Gästen, weil mir die „Hells-Angels“ immer geholfen haben, wenn es nötig war. Mit ihnen fuhr ich ins Vereinsheim oder zum Eishockey. Später nahmen einige am Schachspiel mit Erick teil.

Erick dachte nicht im Geringsten daran, sich an der Arbeit zu beteiligen. Er benutzte lieber mein neues, auf Raten gekauftes Auto und mein Geld, während ich oft mehr als zwölf Stunden am Tag hinter dem Tresen stand und schuftete. Die Arbeit brachte keinen Gewinn…im Gegenteil. Ich hatte liebe Stammgäste, die mir halfen, wenn Not am Mann war. Kurz vor Karneval packte ich mein Bierlager voll und erhoffte mir einen großen Umsatz, weil der Zug direkt an meiner Kneipe vorbeiführte. Weit gefehlt!
Eines Morgens saß ein neuer Wirt an meinem Tresen und behauptete, er sei der neue Pächter. Die ‚Dame‘, die mir die Gaststätte verpachtet hatte, hatte mich über den Tisch gezogen. Sie hatte die Kneipe verkauft, ohne mir ein Wort zu sagen. Die 1.200 DM Konventionalstrafe taten ihr nicht weh – mir aber sehr. Für die Vorräte und das Inventar hatte ich Schulden gemacht, und es gab unzählige Rechnungen, die bezahlt werden mussten. Zusammen mit dem Auto waren es fast 35.000 DM, die offen standen.

Alle Arbeit, jede Hoffnung auf eine angenehmere Zukunft waren umsonst gewesen. Nun hatte ich nichts mehr außer Schulden. Als ich das Auto wieder abgeben musste, blieb Erick in Holland. Bei mir war nichts mehr zu holen.

Wird fortgesetzt…