Kleiner Rückblick – Lehrgeld

Fortsetzung Teil 15

Nach der Entbindung blieb ich ein Jahr lang zu Hause. Aus den wenigen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, „bastelte“ ich meinem Sohn ein eigenes Kinderzimmer und lackierte mein Schlafzimmer schwarz/orange. Ich selbst schlief im Wohnzimmer, in einem alten Bett, das ich mir bei Emmaus besorgt hatte.

Zu meinen Eltern hatte ich nach wie vor keinen Kontakt, wohl aber zu meiner Oma, die ich hin und wieder besuchte. Sie konnte für das „Niggerkind“ keine Sympathien entwickeln, was mir sehr weh tat.

Ein Mal in dieser Zeit traf ich meine Mutter beim Bäcker. Mein Söhnchen lag im Kinderwagen. Meine Mutter hatte nicht EINEN Blick für ihn und grüßte auch nicht. Das war wie ein Stich ins Herz! Es war so schlimm für mich, dass die Verkäuferin die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

1983 arbeitete ich wieder halbtags im Großhandel für Dachdeckerbedarf, verbotenerweise, weil ich eigentlich Sozialhilfe bezog. Aber ich wollte unbedingt meine Schulden abbauen. Mit Sozialhilfe allein wäre das unmöglich gewesen. Mein jüngster Sohn wurde während meiner Arbeitszeit von einer Tagesmutter betreut, die ich mir durch das Jugendamt hatte vermitteln lassen. Alles war soweit geregelt, doch ich fühlte mich einsam und allein gelassen.

Heimlich verehrte ich meinen Juniorchef und stellte ihn mir als vorbildlichen Ehemann vor. Er war immer freundlich und charmant und sah noch dazu gut aus. So einen Mann wünschte ich mir.

Es war am Anfang des Jahres 1983, als S.’s Oma heimlich für ihre Enkelin in der Zeitschrift ‚Heim und Welt‘ eine Heiratsannonce aufgegeben hatte. Meine Freundin fiel aus allen Wolken, als ihr über dreißig Briefe ins Haus flatterten, die sie selbst gar nicht haben wollte. Weil ich allein war, bot S. mir die Briefe an.

Schon damals legte ich großen Wert auf gute Rechtschreibung, obwohl ich selbst nicht fehlerfrei bin. Das war ein Kriterium, nach dem ich die Interessenten auswählte. Schließlich fiel die Wahl auf einen Mann in Freiburg, der sich als Geschäftsführer des Pharmakonzerns „Hoffmann La Roche“ in Basel ausgab. Was und wie er schrieb, sprach mich gleichermaßen an, und ich begann einen Briefwechsel mit ihm. Die Briefe waren allesamt handgeschrieben und meistens seitenlang. Fast täglich kam Post, und wenn der Briefkasten leer blieb, war ich enttäuscht. Es waren schöne Briefe, und ich war beeindruckt von der Wortwahl des Absenders. Schon hing ich am Haken.

Ganz zu Beginn der Korrespondenz teilte dieser Mensch mir mit, dass er in Freiburg wegen eines Verkehrsdelikts für ein halbes Jahr im Gefängnis säße und im Herbst entlassen würde. Das war zunächst ein Schock für mich, doch ich dachte, dass jeder andere auch in solch eine Lage kommen könnte und bewunderte ihn für seine Offenheit.

Eine meiner Freundinnen las mit mir gemeinsam die Briefe, und auch sie konnte nichts Negatives entdecken. Ich versuchte bei ‚Hoffmann La Roche‘ in Basel herauszubekommen, ob die Angaben meines Brieffreundes stimmten. Doch ich konnte nichts in Erfahrung bringen. Selbst der Gefängnispfarrer gewährte mir keine Auskunft. Mein Bauchgefühl saß voller Skepsis, mein Herz sagte zaghaft „Ja“ und mein Verstand riet ganz und gar ab.

Wir schrieben uns ein halbes Jahr lang, und als der Herbst nahte, war ich fest entschlossen, meinen inhaftierten Schreiberling in Freiburg zu besuchen. Vor seiner Entlassung stand eine Operation an der Harnröhre bei ihm an, und ich besuchte ihn im Krankenhaus.

Er war sehr freundlich und machte einen guten Eindruck auf mich. Etwas Jungenhaftes hatte er an sich und das gefiel mir gut. Als ich Freiburg verließ und nach Hause zurückfuhr, war ich fest entschlossen, mich auf eine Beziehung mit dem mysteriösen „Herrn Meier“ einzulassen. Er schrieb, dass er Ende Herbst aus der Haft entlassen würde, und er fragte mich allen Ernstes, ob ich mit ihm nach Paris gehen würde. Dort habe man ihm seitens der Firma, in der er arbeitete, einen leitenden Posten angeboten. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Ich freute mich darüber, doch es blieb ein gewisses Risiko für mich, denn er verlangte, dass ich meinen Job aufgeben sollte.

In der Firma, in der ich arbeitete, machten sich die Männer lustig über mich.
„Irgendwann wirst du in Paris in einem Schaufenster sitzen!“, witzelten sie. Ich überhörte ihre Mahnungen und kündigte.

Dann stand mein Brieffreund vor meiner Türe, und ich ging zum Sozialamt und meldete mich ab. Etwas vorschnell, wie sich bald darauf herausstellte.
Drei Tage vergingen, bis es früh morgens an der Türe sehr energisch schellte. Zwei Kripo-Beamte in Zivil standen davor. Sie fahndeten nach meinem Bekannten. Er wäre aus der Haft geflohen, sagten sie und müsste noch sieben Jahre wegen schweren Raubes absitzen. Ich war fassungslos und konnte nicht glauben, was da geschah. Alle Träume waren mit einem Mal geplatzt wie eine Seifenblase.

Ich hatte keinen Job mehr, ja selbst das Geld vom Sozialamt konnte ich nun nicht mehr in Anspruch nehmen. Nachdem ich alle Briefe vernichtet hatte, fuhr ich zur Justizanstalt in die Innenstadt und machte Schluss mit diesem Menschen. Doch der hatte nichts Besseres zu tun, als einen Erpressungsversuch zu starten.
„Wenn du Schluss machst, verpfeife ich dich beim Sozialamt!“, hatte er mir angedroht. Nun saß ich endgültig in der Klemme. Den Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

Zunächst musste ich für mich und meinen Sohn Geld zum Leben auftreiben, und zwar sofort. Ich schaute durch die Anzeigen des Wochenblattes, und mir fiel eine Annonce ins Auge, die sofortiges Geld versprach. In einem Edel-Saunaclub wurden ‚Damen‘ gesucht. Ich meldete mich noch am gleichen Tag, und obwohl ich so etwas noch nie gemacht hatte, war ich fest entschlossen, dort wenigstens zur Überbrückung arbeiten zu dürfen, bis sich etwas anderes fand. Augen zu und durch!

Aber ich hatte es mir leichter vorgestellt. Die Mädchen, die dort arbeiteten, waren allesamt nett. Die meisten machten den Job gerne und freiwillig. Unvorstellbar! Am ersten Abend wurde ich in alles eingewiesen und saß zunächst knapp bekleidet an der Theke. Als die Türglocke ging, war ich sehr aufgeregt. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch dass es so schlimm werden würde, hatte ich nicht gedacht.

Mein ehemaliger Juniorchef kam zur Türe herein und sah mich genauso erstaunt an, wie ich ihn. Er war seit Jahren Stammgast in diesem Club, wie auch sein Vater und einige seiner Geschäftsfreunde, die ich dort später wieder traf. Ich war wie erstarrt, und wäre gerne ich im Erdboden versunken. Der untreue Ehemann ging mit Pamela, einer farbigen New-Yorkerin nach oben aufs Zimmer. Zum Glück nicht mit mir.

Später traf ich noch andere alte Bekannte wieder, wie beispielsweise F., den ehemaligen Schwarm meiner Mutter, der bereitwillig für eine Stunde Sex mit mir bezahlte. Es war eine neue Welt für mich…aber es war nicht meine.

Ich erspare mir die Einzelheiten des Rückblicks, denn sie waren alles andere als schön. Zwar wusste ich, dass es Triebgesteuerte gab, doch dass sie hier teilweise ihre Perversionen auslebten, hätte ich nicht gedacht.

Aber ich bekam bereits am zweiten Tag Geld zum Überleben. Abends und des Nachts war ich im Club, morgens brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten. Zwischendurch kaufte ich ein und brachte den Haushalt in Ordnung, so gut ich konnte. Ab und zu versorgte mich meine Nachbarin, oder sie passte auf meinen Sohn auf, damit ich schlafen konnte. Es war schrecklich!

Jede Woche ging es zum Arzt zur Untersuchung. Das war eine peinliche Pflicht. Nach einem Monat fühlte ich mich tot und wurde immer dünner. Meine Psyche und mein Darm rebellierten. Jedes Mal, wenn es im Club an der Türe schellte, ging es zur Toilette, weil ich mich übergeben musste. Ich war bis auf 55 kg abgemagert und krank. Diese „Arbeit“ hatte mich hässlich gemacht, und die Gäste sahen mich auch so. Ich konnte und wollte nicht mehr. Es gruselte mich vor den geilen, teilweise ungewaschenen Typen, den Möchtegern-Prominenten verschiedener Fußballclubs und dem stets betrunkenen Fabrikbesitzer, der nächtelang sadistische Spielchen mit den Frauen liebte. Sie kamen allein, zu zweit oder zu dritt und wollten dementsprechend bedient werden. Das Schicksal befahl mir dort aufzuhören.

Da ich keinen Menschen hatte, wo ich meinen Sohn hätte hingeben können, erklärte sich eine liebe Ex-Kollegin bereit, ihn zu versorgen, als ich ins Krankenhaus kam. Das tat sie, obwohl ihr Mann aus Eifersucht strikt dagegen war. Ich muss ihr heute noch dankbar dafür sein.

Nachdem ich den ungeliebten Job aufgegeben hatte, ging ich erst zum Sozialamt und dann in die Klinik. Einen ganzen Monat lang blieb ich dort, bis sich mein Zustand, der mit Herzrasen und Durchfällen einherging, wieder einigermaßen normalisiert hatte.

Mit der Sachbearbeiterin vom Amt redete ich Klartext und gestand ihr auch meinen Nebenverdienst im Büro, mit Arbeitszeit von fast einem Jahr. Ich wollte frei sein von jeglichem Druck, doch jetzt erdrückte mich die Situation.

Die Selbstanzeige brachte mir 1.200 DM Strafe ein und die Rückzahlung der seinerzeit gezahlten Unterstützung. Es war ein hoher Preis für meine Dummheit, und ich traute zunächst keinem Menschen mehr.

Die nette Frau vom Sozialamt versuchte mir zu helfen. Da sie wusste, dass ich gerne arbeiten würde, bot sie mir in einer Emmaus-Gemeinschaft eine ABM-Stelle an, die gut bezahlt wurde. Ich willigte sofort ein und trat im Folgemonat die Stelle an.

Das Büro war in einem ehemaligen Zechensiedlungshaus untergebracht. Die Gemeinschaft lebte nach den Grundsätzen von Rudolf Steiner, was mir damals überhaupt nichts sagte.

Ein Jahr lang blieb ich dort und machte neben den üblichen Büroarbeiten auch die Buchführung. Im Haus herrschten Büro unübliche Zustände, denn morgens musste ich selbst den Kohleofen anzünden, um es bei schlechtem Wetter warm zu haben. Die Tätigkeit schloss nicht nur die Büroarbeit ein. Ich fuhr in die Brotfabrik, um altes Brot zu kaufen und auf die Wochenmärkte, wo ich nicht mehr verkäufliches Gemüse und Obst umsonst erhielt. Davon und von selbst erwirtschafteten Gütern ernährte sich die Gemeinschaft. Alle vierzehn Tage musste ich kochen.

Später wurde ich nach Mülheim-Saarn versetzt, wo die Ratten durch das Büro liefen. Dort war die Gemeinschaft auf einem ehemaligen Fabrikgelände untergebracht. Man wohnte in Bauwagen, sammelte Lumpen und Kleider, die man verkaufte und führte einen gut besuchten Trödelmarkt. In einer riesigen Fabrikhalle waren Säcke bis an die Decke gestapelt, die aus Wohnungsauflösungen und Sammlungen stammten. Dort verbargen sich unschätzbare Werte, wie beispielsweise Brüsseler Spitze und wertvolles Porzellan, alte Gemälde und Kleider. Aber niemand kümmerte sich darum, bis irgendwann die ganze Fabrik einem Feuer zum Opfer fiel.

Damals war ich dankbar für den Job. Ich lernte andere Menschen kennen, die für ihre Ideale lebten und sich ganz selbstlos verhielten. Für mich war es ein Einblick in eine andere Welt.

Nach einem Jahr Emmaus-Arbeit informierte mich mein Vater über eine interne Stellenausschreibung des Chemiewerkes in dem er arbeitete, worauf ich mich bewarb. Mein Vater dachte gar nicht daran, sich für mich einzusetzen. Im Gegenteil, er riet mir ab. Der Chef dort sei ein Despot, der bereits zig Frauen im Büro rausgeekelt hätte. Irgendwie kam mir das bekannt vor. Wie war doch gleich mein Vater…?

Ich erinnerte mich an die Fahrten zur Oma, die dort wohnte. Anstelle der weiten Rheinaue von einst war dort eine Schwefelsäurefabrik entstanden. Als ich noch Kind war, warnte mich mein Vater immer davor, alleine in die Wiesen zu laufen: „Da wohnt der Bullemann!“, mahnte er damals.
Nun stellte ich mich dort bei ebensolchem vor.

Zuvor hatte ich von einem Haufen kleiner Ferkel geträumt, die mitten auf der Straße lagen. Dieser Traum ist mir immer ein Glückszeichen geblieben. Zwei Mal träumte ich ihn und wartete bisher vergeblich auf ein drittes Mal.

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Ich bekam die Stelle 1986 und blieb 31. Jahre dort, bis zu meiner Rente.