Kleiner Rückblick – Chaos

Fortsetzung Teil 18

Patrick

Mein jüngster Sohn wohnte mit seinen damals 23 Jahren noch bei mir. Er hatte mehr schlecht als recht sein Fachabitur absolviert und versuchte nun ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, wobei er nie zu den Vorlesungen ging und auch sonst nichts tat, was ihn weiterbrachte. Er behauptete zwar, er hätte früher mal ein Buch gelesen, doch ich weiß vom Gegenteil. Es gab kein Thema, das ihn interessierte, und ich glaubte, dass er den Inhalt einer Buchseite überhaupt nicht verstanden hätte, wenn er sie las. Doch er liebte Rap-Musik, schrieb Texte und hatte Auftritte im kleinen Kreis und bei der Schulentlassung.

Wie seinen Vater, unterstützte ich auch ihn finanziell. Sein Vater hatte in all den Jahren keinen Unterhalt gezahlt.

Jeder normal denkende Mensch wird nun zu Recht meinen, dass mein Sohn ja wohl alt genug gewesen sei, um mir zu helfen. Weit gefehlt! Von ihm durfte ich keine Hilfe erwarten. Mein Sohn hasste Gartenarbeit, Arbeit im Allgemeinen und im Besonderen, und ich hasste seine Einstellung. Wenn er den Rasen mähte, tat er das mit Todesverachtung und dermaßen schlecht, dass ich es beim nächsten Mal lieber selbst machte. Außerdem war ich die Bittgesuche bei ihm leid, die ich tagelang vorher stellen musste. Ich konnte die Uhr danach stellen: Er hatte Zeit, wenn es draußen regnete.

Unser Verhältnis war angespannt. Sein Tagesablauf bestand darin, nachmittags nicht vor 15 Uhr aufzustehen, sich sein Essen, wie selbstverständlich, aus der Küche zu holen und sich dann vor den PC zu setzen, um bis spät in die Nacht irgendwelche schrecklichen Ballerspiele zu spielen. Er hatte seine besten Jahre verkifft, zusätzlich seinen Ordnungssinn und jeden inneren Antrieb, aus dieser Misere heraus zu wollen. Irgendwie schien ihm das Chaos im Zimmer eine Art von Geborgenheit zu geben. Und das musste ich mir tagtäglich ansehen.

Das war wie eine Folter, und ich gab mir insgeheim die Schuld, weil ich ihn zur Welt gebracht und allein erzogen hatte. Seinen Vater aus Curacao kannte mein Sohn nur vom Foto. Das trug er stets bei sich wie ein Heiligtum.

Er suchte nach seinen Wurzeln, fand sie aber nicht. Irgendwie hing er zwischen zwei Welten. Hatte er nun eine schwarze, rote oder weiße Seele oder war sie gemischt wie seine Hautfarbe? Im Grunde war Patrick ein ergebener Junge, der sehr an mir hing und ich an ihm, und das Fatale war, wir hatten nur uns alleine. Doch sein Sternzeichen „Skorpion mit Aszendent Skorpion“ verhinderte die Harmonie zwischen uns. Was er nicht wollte, tat er auch nicht! Dagegen kam der „Widder mit Aszendent Stier“ nicht an.

Ich bildete mir ein, versagt zu haben und begann aus meinem Unvermögen heraus, meinen Frust darüber an meinem Sohn auszulassen. Das äußerte sich in recht heftigen und lauten verbalen Äußerungen, wenn ich beispielsweise sein Zimmer nicht mehr betreten konnte, weil dort der Müll, mein gutes Geschirr mit verschimmelten Essensresten und seine schmutzige Wäsche den Raum füllten. Immer dann kamen mir die warnenden Worte seines Erzeugers in den Sinn: „Ein Farbiger in Deutschland – das geht nicht gut!“ oder „Deutsche Frauen haben schmutzige Wohnungen!“
Es war schlimm für mich, mit ansehen zu müssen, dass Erick möglicherweise Recht behalten sollte.

Seit dem Wechsel ins zweite Millennium hatte mein Sohn die Entwicklung mit D. natürlich mitbekommen und geriet immer häufiger zwischen die Fronten. Er mochte D. nicht, hielt sich aber weitgehend aus allem heraus. Als D. mich verließ, freute sich mein Sohn.

Mit meiner Panik über Alleinsein und Geldmangel, kam der psychische Absturz. Noch heute habe ich die Abschiedsworte von D. in Erinnerung: „Du wirst nie mehr einen Mann finden! Wer Dich anspricht, muss sich vorher Mut antrinken.“
Heute klingen sie wie ein Fluch. War ich wirklich solch eine Anti-Frau? Wieder einmal mehr im Leben hatte ich anscheinend alles falsch gemacht.

„Männer mögen keine starken Frauen!“, hatte meine Freundin gesagt. „Sie wollen das unschuldige, hilflose Weibchen, das abends den Mund hält, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.“

Ich war eine starke, resolute Frau…stark auch dann, wenn ich schwach war. Das Leben hatte mich zu dem gemacht, was ich bin. War ich denn schlechter als andere? Ich wünschte mir einen liebevollen, intelligenten Mann, mit dem ich über alles reden konnte, …eine starke Schulter zum Anlehnen und vor allen Dingen Liebe, Ehrlichkeit und Harmonie. Das hatte ich doch noch nie bekommen. Stattdessen Gleichgültigkeit, Lügen, Brutalität, Oberflächlichkeit und Langeweile.

Meine Nerven lagen blank. Wo ich ging und stand, weinte ich hemmungslos. Mein Arzt injizierte „Imap“ zum Ruhigstellen.
Meine Psyche reagierte mit panischer Höhenangst, die ich vorher nicht gekannt hatte. Sie hinderte mich daran, Rolltreppen zu benutzen oder eine Leiter zu besteigen. Sobald es draußen dunkel wurde, bekam ich Angst, nicht mehr nach Hause zu finden und Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit machten sich breit, die mich tief depressiv werden ließen. Das äußerte sich wieder in Herzrasen und erhöhtem Puls. Da wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauchte und ließ mich von meinem Hausarzt in die psychosomatische Klinik einweisen.

Burghof-Klinik, Rinteln

Anfang Dezember 2002 wurde ich dort entlassen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir der Aufenthalt dort gutgetan hat. Ich gewann Abstand, bekam eine andere Sicht der Dinge und lernte neue Menschen kennen. Dann folgte ein Rückfall.

D. war nach zwei Wochen in der Klinik aufgetaucht, um sich in Erinnerung zu bringen und seinen Marktwert zu testen. Ich stieß die Warnungen der Ärzte in den Wind und glaubte seinen Versprechungen, dass er noch vor Weihnachten wieder bei mir wäre. Es war ein Trugbild von Zuneigung, die gar keine war. Jetzt hatte D. Macht über mich: Er kam nicht! Seine Schwester erklärte mir am Telefon, er sei in Begleitung einer blonden Frau bei ihr im Laden gewesen.

Weihnachten fiel in diesem Jahr ins Wasser, Silvester ebenfalls. Ich kannte das ja schon. Trotzdem war ich wie immer todunglücklich.

Ende Januar 2003 traf ich D. wieder, ganz zufällig, auf dem Weg zum Trödelmarkt. Er grinste mich an, als sei niemals etwas geschehen, und zwei Wochen später war er wieder in meiner Wohnung, mit all seinen Siebensachen. In einem Anfall von Wahnsinn wurde ein neuer Versuch gestartet. Ich war froh, nicht mehr allein zu sein. Mein Sohn verstand die Welt nicht mehr, hielt sich aber raus.

Heute bin ich davon überzeugt, dass D. zurückkommen musste, nicht nur um etwas an mir gut zu machen, sondern, damit ich abschließen konnte. Ich sollte ihn mir noch einmal genau anschauen. Und das tat ich auch.

D. baute die gesamte Wohnung nach meinen Wünschen um. Mein Sohn bezog unsere ehemaligen Schlafräume in der oberen Etage und hatte fortan eine noch größere Ablagefläche für seinen Unrat, der mir nun aber aus den Augen war; die untere Wohnung wurde auf einer Ebene von 100 qm zusammengefasst, wodurch sich mein Wohnzimmer in einen sonnendurchfluteten, positiven Raum verwandelte. Das machte mich froh. Allein hätte ich das niemals geschafft.

Im April 2003 war D. fertig, auch mit dem Garten. Dann, im Mai, folgten die ersten Wochenenden, an denen er mit recht fragwürdigen Ausflüchten wegblieb. Da wusste ich, dass es endgültig aus war. Ich hatte genug von seinen Eskapaden und ließ mir die Kündigung für die gemeinsame Wohnung unterschreiben, um jederzeit ausziehen zu können.

Ich packte ihm seine Siebensachen in große Umzugskartons und stellte sie in die Garage, wo er sie nach und nach abholte. Vorher wechselte ich den Zylinder des Schlosses zur Wohnung. Hier sollte er nicht mehr reinkommen. Das Thema D. war durch – ich konnte es abschließen und begraben.

Wird fortgesetzt…