Kleiner Rückblick – W-Fragen

Fortsetzung Teil 28

Federico Andreotti 1847-1930

Bis auf meine zerknitterte Bluse hatten wir die Dämonen in uns besiegen können. K. fühlte sich ganz und gar nicht an wie ein Dämon. Ich wollte ihn mit Haut und Haaren, obwohl meine innere Stimme warnend „Tu es nicht!“, rief, und er wollte mich auch. Es war nur ein Gewissen beruhigendes Verzögern, das uns abhielt, den letzten Schritt zu tun.

Zwei Tage später trafen wir uns in meinem Büro. Er liebte anscheinend dieses spannende Versteckspiel mit heimlichen Blicken, Berührungen und Küssen. Mir war alles andere als wohl dabei. Wenn das auffiel, war ich womöglich meinen Job los.
Ich merkte, dass ich schon jetzt – vor dem ersten Mal – an meine Grenzen stieß. Wie sehr hatte ich doch insgeheim gehofft, dass ich K. in punkto Sexualität nicht attraktiv finden würde. Die Situation hatte mich eines Besseren belehrt, und ich warf diesen gedanklichen Sicherheitsanker weit von mir, denn zwischen uns herrschte eine besondere Harmonie. Dabei spielte die Sexualität eher eine – wenn auch schöne – Nebenrolle.

Abends schrieb ich ihm:

„…Es zieht mich immer mehr zu Dir hin, immer heftiger. Ich bin, wie im Nebel, aus dem Büro nach Hause gefahren und musste erst einmal zur Besinnung kommen. Alles riecht noch nach Dir; ich schmecke Dich noch immer und schon bist Du wieder unerreichbar fern für mich. Du bist ein absolut ehrlicher Mensch und dafür liebe ich Dich umso mehr! Deshalb bin ich Dir dankbar für Deine Offenheit, und dass Du mir nichts vormachst. Also muss ich aufhören an eine Zukunft mit Dir zu denken, noch bevor es richtig mit uns begonnen hat. Du sagtest, es hätte bereits richtig begonnen. Das stimmt, denn vom Denken und Fühlen her gesehen, stand ich noch niemandem näher.

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es weiter geht, aber ich will kein Verhältnis sein, das man verstecken muss. Aber, dass Du Dich von Deiner Familie trennst, um mit mir zusammen zu sein, dass will ich auch nicht, denn ich möchte von Dir geliebt werden und nicht gehasst. Was bleibt da noch? Eine Brieffreundschaft, die keine Freundschaft ist, sondern Liebe? Eine unendliche Quälerei, weil ich Dich brauche und mich nach Dir sehne? Irgendwann wird es Deine Frau merken! Ganz egal, was wir tun. Du hast Dich verändert – schon jetzt, – und wenn ich einen Schlussstrich ziehe und den Kontakt ganz abbreche, wirst Du das genauso wenig ertragen können wie ich. Gedanklich würdest Du sogar in Kauf nehmen, dass ich von hier fort ginge, ohne Dich. Dann würden wir uns bestimmt nicht wieder sehen – das ist pervers. Wenn Du so denkst, kannst Du mich nicht lieben!

Wie Du ja schon gemerkt hast, habe ich bisher bei jeder Begegnung versucht, Dir nicht tief in die Augen zu sehen. Heute ist der Funke zur Flamme geworden, weil ich es nicht mehr vermeiden konnte. Hast Du das gefühlt? Ich brauche Dich! Du bist die Seele, die ich liebe! Was soll ich ohne Dich tun? G.“

Wenig später:

„Mein Schatz, Du bist noch bei mir. Ich kann nicht aufhören, über die Einzelheiten unseres Gespräches nachzudenken, auch über die Vision, die Du hattest, als Du Deine Frau als Mutter Deiner Kinder sahst. Du hast Recht gehabt, es hat wehgetan, als Du davon erzählt hast, aber es ist die Wahrheit, die ich manchmal nicht sehen und hören will.

Ich habe auch sehr deutlich verstanden, was gestern bei Euch vorgefallen ist, obwohl Du schnell darüber hinweggegangen bist, als Du merktest, was Du da erzählst. Vielleicht schläfst Du heute mit Deiner Frau? Nun gut, ich dachte, dass ich es verwinden, teilen könnte…oh, wie könnte ich das…wie nur? Ich bin nicht Gott, der das kann, bedingungslos, sondern nur ein kleiner Mensch, der vergeblich kämpft und hofft, wo er nicht hoffen darf. Kannst Du ahnen, wie unglücklich ich bin? Nein, das kannst Du nicht! Weißt Du, wie glücklich ich bin – nein, auch das weißt Du nicht! Doch, wenn ich beides miteinander vermische, das Glücklich- und Unglücklichsein, bildet sich dann eine Art Neutralität, die über beidem steht und den Zustand erträglicher macht? Was bin ich noch, wenn ich nichts und doch alles habe? In diesem Leben werde ich keine Ruhe finden, keinen Frieden, kein Glück!

Wie es mich plagt und mir mitten ins Herz sticht! Diese Ungewissheit, die doch Gewissheit zu sein scheint. Unerträglich nimmt sie mir die Luft zum Atmen…zum Leben!
Du fehlst mir so sehr! Ja, ich sehne mich nach Dir! Der Nachmittag war zu kurz…ich könnte immer nur reden, reden und Dich ständig küssen und streicheln. Nie würde ich müde, das zu tun. Immer sehe ich Dich vor mir, wie ein Traumbild, eine Fata Morgana, die zerfließt, wenn ich sie halten will.
Es hat mir den Magen herumgedreht, als wir uns vor dem Eingang des Büros verabschiedet haben, wie zwei flüchtige Bekannte.
Ich weine um Dich, mein Schatz, ich weine! Ich weiß nicht weiter. Welche Vision hast Du für mich, wenn Du in Dich hineinsiehst? Gibt es eine? Was bin ich für Dich?“

Raimundo de Madrazo 1841-1920 – Der Liebesbrief

Das waren die ersten „W“-Fragen, die ich ihm stellte. Er hasst „W“-Fragen! Noch beantwortete er sie. Später nicht mehr. Dann ging er darüber hinweg, als hätte er sie niemals gelesen. Damit brachte er mich in Rage. Ich suchte doch Klarheit für mich… und Gespräche! Sie schienen ihm ein Gräuel zu sein.

Aber wir waren erst am Anfang. Die ersten vierzehn Tage lagen emotionsgeladen hinter uns. Nur sagte mir mein Gefühl, dass schon Jahre vergangen sein müssten.
Ich merkte selber, wie sehr ich jedes seiner Worte auf die Goldwaage legte und analysierte. Ich las auch zwischen den Zeilen! Bis vor zwei Jahren hatte er nicht an andere Frauen gedacht?! Was bedeutete das? Ich wollte es wissen. Nur zögernd gestand er mir, dass ich nicht das erste Verhältnis dieser Art war. Es hatte schon einmal eine Kollegin gegeben, und das war noch gar nicht lange her:

„…Ich wollte Dir noch erzählen, was bei uns vor zwei Jahren geschehen war, als ich das erste Mal (es war wirklich das erste Mal) daran gedacht habe, meine Frau zu verlassen. Es gab eine andere Frau, die mit mir zusammen in einem Büro war. Wir waren Freunde schon seit Jahren – aber nicht mehr. Es gab eine Krise mit meiner Frau, ich kann Dir nicht genau sagen, um was es sich genau handelte, weil es nur meine Frau betraf und nicht mich. Von mir werde ich Dir IMMER alles sagen, es gibt keine Geheimnisse zwischen uns, aber dies ist etwas sehr Persönliches von meiner Frau, das ich Dir nicht erzählen darf. Nun, ich war damals so tief verletzt, so gekränkt, dass ich nur noch weg wollte, weg aus dieser Stadt, weg aus diesem Leben. Es waren nur wenige Tage, aber sie rechten aus, dass ich empfänglich war für diese Frau.
Sie selbst war total erstaunt, als ich sie eines Tages ganz einfach in den Arm nahm und sie küsste – manchmal bin ich wirklich sehr spontan. Sie hatte nichts geahnt, und ich glaube es ihr auch wirklich – es war keine Verstellung und Koketterie dabei. Ich küsste sie (nur auf den Mund) und es war wie ein Blitz! Sie sagte, dass es für sie war wie ein elektrischer Schlag, als ich sie berührte. Es musste sein! Wir küssten und küssten uns…tage-, wochen- und monatelang. Wir küssten uns, sehr intensiv, aber auch nicht mehr. Ich wollte sie haben! Aber ich hatte keine „Vision“ von ihr. Trotzdem wollte ich sie haben! Sie wollte sich von ihrem Mann trennen (wegen uns und weil er sie schon einige Male so geschlagen hatte, dass sie ins Krankenhaus musste).
Sie hat es auch versucht, aber ihre beiden Kinder haben sie später wieder zusammengebracht. Ich hatte das akzeptiert, weil die Kinder – ihre und natürlich meine – für mich das Wichtigste im Leben sind. Für mich sind sie die wahren Engel auf der Erde, die niemals ohne Schuld leiden dürfen. Nun, sie ruft auch heute noch öfters an, ich spüre ihre Unzufriedenheit in ihrem Leben und ihre Sehnsucht. Aber es ist zu Ende. Die Tür ist für immer verschlossen! Aber ich bedaure nichts, was damals geschah, es gehört zu meinem Leben, und ich behalte die schönen Gefühle immer in Erinnerung. Es gab damals keine Vision, weder eine gute, noch eine schlechte.

Bei Dir hatte ich bisher auch noch keine Vision (das ist ein blödes Wort, es hört sich so wichtig an und trifft es auch nicht genau. Es ist wie eine Eingebung, wie ein Blitz, ganz plötzlich und tief in meinen Gedanken). Ich habe bisher das Gefühl, dass sie sich von INNEN, aus meinem Innersten heraus entwickeln wird. Sie braucht Zeit! Bitte gib sie mir! Erzwinge nichts, auch wenn Du es natürlich kannst. Ich bin ganz weich und willenlos in Deinen Armen (das meine ich ganz ernst, und das ist keine Wortspielerei). Du kannst mich zu allem bringen, auch zu Verderben und Tod, aber ich bin mir nicht sicher, ob Dir dies auch bewusst ist. Bitte gib mir Zeit! Ich habe Angst, dass durch gegenseitige Forderungen alles zerstört werden könnte. Ich gebe Dir alles, was ich Dir geben kann und erbitte das Gleiche von Dir! Hab Vertrauen und Geduld! Ich danke Dir dafür, mein Schatz! Dein Liebster.“


„…Mein Kussverhältnis war sehr (!) intensiv, vielleicht sogar intensiver, als das Zusammenschlafen mit ihr gewesen wäre, das nie stattgefunden hat. Wenn wir uns berührten, war das wie ein Brennen, ein Fließen von einem Körper zum anderen, eine Energie, die uns verband. Ich wusste immer, wenn sie in meiner Nähe war, auch wenn sie in der Stadt im Auto an mir vorbeigefahren ist oder wenn sie die Treppe hoch ins Büro kam. Sie hat sich nie darüber gewundert, dass ich sie in meinen Gedanken besuchen konnte. Sie sagte dann immer „Ich habe Dich gestern Abend wieder gespürt, fast wie jemand, der mich anruft. Es ist wie ein Klingeln in meinem Kopf. Du rufst mich und willst mich!“ Und meistens stimmte auch die Zeit, in der ich an sie gedacht hatte. Sehr seltsam, nicht wahr? Und das Merkwürdige ist, dass sie Dir vom Aussehen her sehr ähnlich war.
Mit ihr habe ich aber nie auch nur einen Brief schreiben können, der über das Niveau einer SMS-geschädigten E-Mail hinausgeht. Wie Telegramme mit hässlichen Abkürzungen ohne jedes Gefühl und Sinn – nichts sagend und belanglos. Wie anders ist das mit Dir! Vielleicht war sie jemand, der mich auf Dich vorbereiten sollte? Auf Dich, Du Meisterin der Worte UND des Gefühls!
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich mit Dir auch nur ein „Kussverhältnis“ haben könnte, und dass ich dann auch vollkommen zufrieden wäre, aber es geht nicht nur um mich, sondern vor allem um Dich: Ich glaube, Du brauchst MEHR, um glücklich zu sein und…Du wirst es bekommen… Dein K.“


Dachte er wirklich, dass ich ihm DAS geglaubt habe? NUR ein Kussverhältnis, ohne sie jemals befriedigt zu haben?!

Durch diese beiden Geständnisse machte er aus dem angeblich Besonderen zwischen uns etwas ganz Gewöhnliches…nämlich eine zweite Büroaffäre.
Das „Seelenverbindungsspiel“ hatte er doch zur Genüge mit dieser Kollegin geübt. Er hatte monatelang tagtäglich die intimsten Küsse mit ihr ausgetauscht und machte jetzt eine theatralische Szene aus einer einzigen, intensiven Umarmung mit mir?! Warum? Ein „Brennen und Fließen von einem Körper zum anderen“ hatte er dabei jedenfalls nicht gespürt.

Doch gab es einen Unterschied: Er hatte daran gedacht, seine Frau zu verlassen und mit der Überlegung gespielt, mit diesem Kussverhältnis zusammen zu leben. Meinetwegen war ihm ein solcher Gedanke noch nie in den Sinn gekommen. Wie elend und minderwertig fühlte ich mich nach seinem „Geständnis“! Am liebsten hätte ich alles hingeworfen!

Wird fortgesetzt…