Kleiner Rückblick – Familienglück

Fortsetzung Teil 29

William-Adolphe Bouguereau (1825-1905)

Ich hatte K. schon so manches über meine Vergangenheit erzählt, auch über einige Männer, die es gegeben hatte, aber nie wäre ich auch nur annähernd auf die Idee gekommen, über diese in fast schwärmerischer Erinnerung zu berichten. Das wäre geschmacklos und unpassend gewesen und für mich gar nicht möglich. Diese Geschehnisse waren nicht grundlos vergangen und vorbei und somit für mich nicht mehr wichtig. Solche sexuellen Exkursionen stellen für mich sowieso keinen Grund dar, mich an sie erinnern zu wollen. Sie waren oberflächlicher Natur gewesen, weil sie der körperlichen Nähe dienten, ohne Seele und Geist zu berühren. Wenn ich auf Vergangenes zurückblicke, erinnere ich mich meist nur an das Negative. Wirklich schöne Erlebnisse sind rar, und ich müsste mein Gedächtnis schon sehr anstrengen, um welche darin finden zu können.

K. sah in den Kindern die „Engel dieser Welt“…das Wichtigste im Leben. Oh je! Kinder = Engel? Sie als das Wichtigste im Leben zu sehen, empfinde ich ähnlich schlimm wie „Wohnmobil fahren“. Natürlich bin ich verantwortlich für meine Kinder und tue alles, damit es ihnen gut geht. Das steht außer Frage! Aber ich unterwerfe mich ihnen nicht und verpflichte sie auch nicht dazu, mir eine Aufgabe zu sein. Das war der Grund, weshalb Patrick nie meine Last tragen sollte.

Aber viele Paare setzen Kinder aus purem Egoismus in die Welt, um sich darin selbst zu verwirklichen. Auch K. glaubte, mit seiner Familiengründung eine gottgefällige Tat begangen zu haben. Das hätte er getan, wenn der Menschheit ein Aussterben gedroht hätte. Doch sie stirbt nicht aus – im Gegenteil. Er hatte also vielmehr nur seinem Ego gedient und der Überbevölkerung seinen Beitrag geleistet.

Es würde ihn schier wahnsinnig machen, wenn er irgendwann die Kontrolle über den Nachwuchs verlieren würde. Hinter den Köpfen der Kinder verbergen sich ganz eigene Persönlichkeiten. Die grundlegenden Charaktereigenschaften sind von Geburt an festgelegt. Man kann nur versuchen, den Kindern den richtigen Weg zu zeigen. Aber was ist der richtige Weg? Sie werden uns ihren Weg klar machen, ob es uns passt oder nicht.

Kinder sind egoistisch und bestehen darauf, dass ihre Forderungen erfüllt werden. Sie fühlen sich als Mittelpunkt der Familie und gerade DAS finde ich falsch. Wenn sich alles hauptsächlich nur noch um sie dreht, werden sie das Gleiche auch in ihrem Erwachsenenleben erwarten. So erzieht man kleine Egoisten zu großen.

Wenn man abends lieber mit dem Töchterchen auf der Couch kuschelt, als mit der Ehefrau, läuft etwas schief… auch wenn die lieben Kleinen bis spät abends, tagein, tagaus, im Wohnzimmer bei den Eltern herumspringen dürfen und sie belagern, von früh bis spät. K. Ehefrau hatte ihre bulgarischen Sitten eingeführt und K. zum Belagerungsobjekt Nummer Eins erklärt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Kinder auch nur ein einziges Mal fortgeschickt hat, um selbst Ruhe zu finden. Die Kinder teilten sich ein kleines Zimmer – für mich ganz und gar nicht nachvollziehbar. Ab einem gewissen Alter sollten beide einen Ort des Rückzugs haben… wie auch die Eltern ihn haben sollten.

K. war stolz auf seine Kinder. Ich bin der Meinung, dass niemand stolz auf einen anderen Menschen sein darf. Man kann sich mit den Kindern über deren Erfolge freuen. Alles andere ist Hochmut!

In Kindern stecken alte und neue Seelen, die hier inkarnieren. Sie haben bei mir keinen Niedlichkeitsbonus – im Gegenteil. Wer behauptet, Babys seien süß, der lügt oder hat die Brille vergessen. Es gibt nur sehr wenige Neugeborene und Kleinkinder, die niedlich aussehen. Irgendwann werden aus Kindern Erwachsene. Gute oder böse. Ich kann doch auch nicht alle Erwachsenen lieben und ’süß‘ finden! Warum sollte das bei Kindern anders sein? Kinder machen keinen Hehl daraus, wenn sie Erwachsene nicht mögen… ich umgekehrt auch nicht.

K. schickte mir Fotos von seinen Kindern. Seinen Sohn hatte ich schon öfters auf dem Schulweg an mir vorbeifahren sehen. Er ist ein auffallend hübscher Junge, mit schwarzen Haaren, und die kleine J. war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. An beiden hätte ich Gefallen haben können, aber ein Kennenlernen war unmöglich.

Was lebte K. seinen Kindern vor? Eine heile Familienwelt… und ‚heil‘ wird sie wohl in seinen Augen auch gewesen sein. Wie schein(heil)ig! Durch die Kinder war K. mit seiner Frau in besonderem Maße verbunden. Niemand, außer der Mutter selbst, würde ein solch überzogenes Verhältnis zu den Kindern ertragen können. Das war in meinen Augen eine „Affenliebe“, die mehr schadet als nützt. Ihr alleine nützte sie, denn sie hatte es geschickt verstanden, die Lasten auf ihren Mann abzuwälzen, der das als „normal“ empfand.

Die Vergangenheit und der gemeinsame Alltag mit den Kindern verband natürlich mehr, als ein kurzes Liebesabenteuer. In seinem „Abstecher“ zu mir konnte K. keinen Betrug sehen, nur ein „Bonbon“ nebenher, das er lutschen durfte, solange es ihm und seinen Familienmitgliedern nicht im Magen liegt.

Er merkte sehr wohl, dass mich seine „Beichte“ über das Kussverhältnis gekränkt hatte, aber ich verschwieg ihm diesmal meine Gedanken darüber.

Wir trafen uns mehrmals und irgendwann ging urplötzlich eine weiteres ‚Geschoss‘ in meine Richtung los und traf mich mit mächtiger Wucht ins Herz. K. teilte mir mit, dass er in Kürze mit seiner Familie für vierzehn Tage nach Kroatien reisen würde. Wunderbar! Eine Reise für die glückliche Familie! Ich war kreuzunglücklich darüber. Hier sah ich meine Grenzen bereits erreicht.

Fast drei Wochen lagen hinter uns, die einer einzigen Liebeserklärung glichen. Wie konnte er in einer solchen Situation mit IHR in Urlaub fahren, ohne dass es ihm weh tat? Ihm würde es nichts ausmachen… im Gegenteil: Er nahm beides mit. Ich würde in meinem Jammer zu Hause sitzen und die Tage bis zu seiner Rückkehr zählen, während er mit seiner Familie am Strand lag, die fremde Umgebung und die Sonne genoss. Abends würde es ihm gleichgültig sein, dass SIE neben ihm im Bett lag und nicht ich… wie es ja auch zu Hause der Fall war. Er schlief natürlich auch mit ihr, wie er es immer tat. In diesen Momenten war seine angebliche Liebe zu mir vergessen.

Eigentlich hätte ich schon daran merken müssen, wie oberflächlich seine Gefühle für mich waren. Wie wäre es sonst überhaupt möglich gewesen, heute ihren und morgen meinen Körper zu streicheln und zu küssen? Ihn treiben Leidenschaften, nicht Liebe.
Zu solchen Handlungen bin ich nicht fähig. So etwas kann ich nur als abgrundtief lieblos und hässlich empfinden. Damit nahm er mir meine Würde. Wer war ich denn schon? Seine Frau hatte alle Rechte… ich hatte nur diese irrsinnige Liebe, die mir das Leben gleichermaßen schön und schwer machte.

Da, wo Liebe Kraft gebend sein sollte, nahm sie mir Kraft, weil alle gute Energie im Nichts verpuffte. Ich hatte K. so viel zu geben und durfte es nicht, und er wollte seine Energie lieber in sein Familienleben stecken… nur gelegentlich auch in unsere Treffen. Aber das glich dann eher einem „Spaziergang im Park“, bei dem er neue Kräfte sammelte.

Wenn ich einen Menschen liebe, ist es selbstverständlich, dass ich auch Sorge für ihn tragen möchte. Ich fühle mich dann verantwortlich für ihn. Dann will ich ihm körperlich und räumlich nah sein, ihn ansehen dürfen und streicheln, mit ihm schlafen, wenn es der Augenblick so will und meine Tage und Nächte mit ihm verbringen. Wie soll ich ihm meine Liebe denn zeigen können, wenn nicht im realen Leben…in der Öffentlichkeit!?

Aber es gab nichts, was K. in unsere Verbindung einbringen wollte, außer sein Gefühl und seinen Körper.
„Dann gebe ich mich ganz!“, sagte er einmal. Sollte ich ihm für diese Selbstverständlichkeit auch noch dankbar sein? Das war doch „normal“, wenn man jemanden liebt! Oder?

Selbst die gemeinsamen Stunden hatte er gestohlen. Ich nahm Urlaubstage, um ihn zu sehen… er kam in seiner Arbeitszeit, weil ihn niemand vermisste, wenn er aus dem Büro verschwand. Er verplemperte keine Freizeitstunden mit mir. Die hätte er ja seiner Familie wegnehmen müssen, und das wollte er nicht. Das wäre in seinen Augen Betrug gewesen. So nahm er seinen Lieben nichts weg und hatte noch dazu den Vorteil, seine Frau niemals direkt belügen zu müssen.

Ich schrieb ihm von meinem Lebensleid. Es waren auch Erlebnisse darunter, von denen niemand etwas wusste. Er tat es mir gleich, mit dem Unterschied, dass er ein solches Leid gar nicht kannte, wohl aber die Einsamkeit.

Er schrieb: „… und dann kamst Du! Wie eine Bombe, unerwartet, alleserfüllend, einfach nur SCHÖN! Du hast mir auch Unruhe und Angst gebracht, aber ich würde nie, wie Du, beides gegeneinander abwägen und vielleicht etwas Neutrales daraus gewinnen. Beides ist GUT, das SCHÖNE und die UNRUHE! Ich will beides nicht missen. Es ist…das Leben! []…ich habe nichts Besonderes erlebt und halte mich auch nicht für sehr wichtig, aber ich bin wie ich bin, und ich habe jetzt ein weiteres Ziel: Dich glücklich zu machen, Dir etwas von dem Leid, das Dich erdrückt, abzunehmen und es vielleicht in Glück zu verwandeln. Ich will, dass Du wieder LACHST und Dich über das Leben freust! Suche nicht mehr das Leid in Deinem Leben, suche das Glück! Dann wirst Du es finden! Dein Liebster, K.“

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

Unsere Liebe war von Anfang an ein Versteckspiel gewesen. Niemand durfte von uns wissen. K. bat mich darum, seine Familie zu schützen! Wohl gemerkt: Er bat ausgerechnet MICH!
Was um alles in der Welt hatte ich mit seiner Familie zu tun? Er war erwachsen und konnte entscheiden. Ich kannte die Menschen doch gar nicht. Wenn er zusammen mit mir „in den Federn“ lag, dachte ER dann daran? Du meine Güte, was hatte er für eine Angst, dass seine Frau etwas von seinem Tun erfahren könnte!

„Sie darf es niemals erfahren!“, sagte er bei einem Treffen. „Sie schneidet mir sonst die Kehle durch!“

Huch! Das schien ja eine besonders liebevolle Gattin zu sein, wenn sie Fremdgehen mit dem Tod bestrafte. Das machte mir deutlich, wie es zu Hause bei K. um die „Besitzverhältnisse“ bestellt war und wer denn letztendlich das Sagen hatte: Sie,…und er war ihr Besitz! Er konnte keinen einzigen Schritt ohne ihre Aufsicht tun. Selbst sein Auto, das meist vor dem Haus stand, behielt sie, die selbst keinen Führerschein besaß, stets im Auge. Es war K. nicht möglich gewesen, damit ungesehen wegzufahren, ohne dass sie es merkte.

Seine Frau schien durch ihre bulgarische Herkunft ein anderes Naturell zu haben. Er beschrieb sie als manchmal „aufbrausend“, und das konnte er wohl ganz und gar nicht ertragen. Schon damals wurde deutlich, wie sehr er Konflikte hasste. So etwas brachte sein „bequemes Hamsterrad“ zum Eiern, denn er liebte seine Bequemlichkeit mehr als alles andere.

Trotz all der bestehenden Hindernisse glaubte ich den Worten des Propheten: „Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.“

Nur Gott wusste, wie sehr ich K. liebte! Ich gab mich ganz dem Wunsch auf Erfüllung hin und hoffte auf das für mich Selbstverständlichste von der Welt: mit dieser Liebe, diesem Mann, leben zu dürfen. Dabei war ich mir durchaus bewusst, dass ich damit alle moralisch, ethischen Grundsätze vernachlässigte. Aufgrund seiner Gefühle für mich, war ich überzeugt davon, dass meine Wünsche auch die seinen sein müssten.

Aber das waren sie leider nicht! Er hatte doch alles was er brauchte bereits mit einer Anderen und war keinesfalls bereit, diese Welt aufzugeben. Er wollte beides! Mit seiner Angetrauten und den Kindern fuhr er in der einen Lebens-Kutsche, und ich saß alleine in einer anderen. Diese Darstellung machte mir eine Gänsehaut.
So schön wie die „gestohlenen“ Stunden mit K. auch waren, so sehr schmerzte die Leere, die jedes Mal nach den Treffen Besitz von mir ergriff. Ich versuchte, Verzicht zu üben, mich zurückzunehmen, mich auf die bestehenden Bedingungen einzulassen, aber es gelang mir nicht, weil ich keine Frau zweiter Wahl sein wollte und konnte, und weil ich viel zu viel Gefühl für ihn hatte.