Kleiner Rückblick – Blindheit

Fortsetzung Teil 42

Mein Alleinsein füllte ich mit Arbeit und Tränen. Die große Wohnung war mir nicht dienlich. Dort fühlte ich mich noch verlorener. Fast verbissen schrieb ich meinen Roman „Jenseits des Schleiers“ zu Ende, in dem ich meinen verletzten Gefühlen Ausdruck verleihen konnte.

Seitdem mein Vater zu seiner Freundin in den Duisburger Süden gezogen war und mein Elternhaus von fremden Menschen bewohnt wurde, hatten wir mäßigen Kontakt. Der beschränkte sich auf ein Mittwochstreffen zum Kaffeetrinken, zu dem ich nach Feierabend quer durch die Stadt fuhr, was meiner künftigen Stiefmutter gar nicht passte. Sobald ich ihre Wohnung betrat und in ihr abweisendes Gesicht sah, wusste ich, dass ich nicht willkommen war. Mein Vater schien hingegen Freude daran zu haben, dass ich ihn besuchte, im Gegensatz zu früher.

Bereits Anfang 2008 hatte mein ältester Sohn G. meinen Vater beim Straßenverkehrsamt angezeigt, quasi als Rache für das nicht erhaltene Haus. Angegeben hatte er, dass mein Vater trotz Makulardegeneration fast blind Auto fuhr. Daraufhin wurde dessen Führerschein eingezogen. Nun stand er da, mit seiner relativ neuwertigen Mercedes-Limousine, mit der er nicht mehr fahren durfte.

Mein Vater und seine Lebensgefährtin hatten ein gemeinsames Hobby: das Tanzen. Dazu waren sie bisher sonntags an die holländische Grenze nach Herongen gefahren, was nun nicht mehr möglich war.

Kurz entschlossen wurde ich dazu verdonnert, diese Fahrten zu übernehmen. Das bedeutete, dass ich überhaupt keine Freizeit mehr hatte. Mittags in den Duisburger Süden, dann nach Herongen, zwischendurch nach Hause und wieder zurück, dann erst nach Huckingen und schließlich abends nach Hause. Jeden Sonntag 250 Kilometer!

Von ‚Madame‘ wurde ich behandelt wie eine Dienstmagd. Kein „Guten Tag“, kein „Auf Wiedersehen“. Während der Fahrt saß sie neben mir und redete kein Wort, auch nicht, wenn ich sie ansprach. Das tat meinem desolaten Gemütszustand nicht gut. Wieder fühlte ich mich minderwertig und benutzt, wollte aber nichts dagegen tun, weil ich meinem alten Vater das Tanzen gönnte. Es sollte ihm gut gehen. Lieber weinte ich im Stillen und bedauerte mich im Selbstmitleid.

Der einzige Lichtblick waren meine drei Katzen, die geduldig zu Hause auf mich warteten. Sie waren lebendig, immer gut gelaunt und mir zugewandt. Wie Engelchen, kleine, gute Energien, die mir Freude machten, wenn ich in ihre niedlichen Gesichter schaute.

Als ich den Wagen meines Vater fuhr, den K. ‚Protzauto‘ genannt hatte, hatte mein Sohn Patrick den verbeulten Micra bekommen. Damit konnte er mich samstags besuchen und die Katzen. Patrick liebte die Katzen und besonders seinen „Wichtel“.

Suse, Wichtel und Dibo waren ein ‚Rudel‘. Als meine Nachbarn in Urlaub waren, folgten sie mir in den Keller und dann hinaus in den Garten. Das war ihnen nicht geheuer, denn sie kannten nur die Wohnung. Ein Abenteuer! Dann entdeckte Wichtel eine Feldmaus, und sie rannte im ‚Tiefflug‘ die Mauer entlang, zurück in den Keller, wo sie mit weit aufgerissenen Augen auf uns wartete. Damit endete unser Familienausflug und keine Katze wollte mehr nach draußen. Wenn ich am Wochenende die Außentreppe putzen musste, hockte Wichtel stets auf der oberen Stufe, wartete, bis ich fertig war und lief dann artig mit mir in die Wohnung zurück.

Patrick und Wichtel

Das Ende des Jahres nahte und die mulmigen Gedanken nahmen zu. Im Geiste sah ich K. mit seiner Familie feiern, denn ich konnte nicht vergessen.

Als der 24. Dezember 2008 auf einen Mittwoch fiel, fuhr ich wie gewöhnlich nachmittags nach Huckingen, um meinen Vater zu besuchen. Ich hatte für ihn und für seine Frau bunte Weihnachtsteller vorbereitet, voll mit Nüssen und Süßigkeiten. Mein Vater bekam zusätzlich einen CD-Player und Hörbuch-CDs, womit er aber überhaupt nicht zurechtkam. Er fragte mich mürrisch, was das sollte. Später erfuhr ich, dass mein Geschenk an den Stiefsohn weitergegeben worden war.

Die Freundin meines Vaters nahm zwar meine Geschenke zur Kenntnis, war aber ziemlich ungehalten.
„Wieso kommst Du heute?“, fragte sie mich. „Heute ist doch Heiligabend!“

An diesem Tag gab es kein Kaffeetrinken, und ich fuhr tief getroffen nach Hause zurück, wo glücklicherweise Patrick zu Besuch kam und mir einen riesigen Engel schenkte.

Wir waren zwar alleine, aber zufrieden.
Ich kochte Patricks Lieblingsweihnachtsessen: Pute mit Kastanien, Klöße und Rotkohl…wie noch weitere zehn Jahre.

Dann kam das trostlose Silvester-Feuerwerk, bei dem ich alleine am Fenster stand und auf die feiernde Welt schaute. Ein neues Jahr begann. Konnte es besser werden?