Kleiner Rückblick – Weitergehen

Wenn einem das Wichtigste im Leben genommen wird, bleibt man eine Weile desorientiert in der Gegenwart zurück. Man verliert den Boden unter Füßen. Die Zeit nach Patricks Tod brachte mir viele, viele Tränen und eine Trauer, die ich anderen gegenüber nie gezeigt habe.

Eines Morgens im Schlaf erhielt ich im Traum eine Nachricht in Form eines alten Schlagers, den ich früher überhaupt nicht leiden mochte. Nun bekam er einen Sinn: „Mama, du wirst doch nicht um deinen Jungen weinen…“, von Heintje.

Erschrocken bin ich aufgewacht. Es klang wie eine Aufforderung, weiter zu leben und mit dem Weinen aufzuhören. Die Tränen hatten doch keinen Sinn. Mein Sohn kam nicht zurück. Vielleicht saß er auf ‚Wolke Sieben‘ und sah zu, wie ich litt. Er sollte doch weitergehen, immer weiter. Ich wollte ihn nicht aufhalten. Er sollte dort, wo sein Geist war, Glück und Liebe empfinden, was ihm auf Erden verwehrt war.

Ich folgte und schob die Trauer aus meinem Tagesbewusstsein in den Hintergrund, wo ich sie gedämpfter empfand und meine Tränen zügelte. Wenige Tage später träumte ich von Patrick. Er saß schweigend, als kleiner Junge auf seinem Kinderbett und schaute erst mich an, dann wies er zum Fenster. Damit wollte er mir sagen, dass er nun gehen müsse.

Nach einer Woche informierte ich die Frau meines Ex-Mannes über den Todesfall. Meinen ältesten Sohn G. hatte ich vor ca. 14 Jahren zuletzt gesehen. Seine neue Anschrift war mir nicht bekannt, aber ich wusste, dass er noch Kontakt zu seinem Vater hatte.

Als sich nach so langer Zeit mein Sohn am Telefon meldete, war es für mich fremd und doch vertraut. Er bedauerte den Tod seines Halbbruders und klang erschrocken. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass er das Erbe ausschlagen muss, wenn er es nicht will. Das tat er dann auch. Wir verabredeten noch vor Weihnachten einen Besuch, und er kam zum Essen zu mir.

Natürlich war ich einerseits froh, ihn wiederzusehen, aber andererseits kam es mir vor, wie ein Verrat, ein Austauschen. Die Türe öffnete sich, als sich die andere schloss. Aber Patrick ließ sich nicht austauschen.

Wir sprachen über Vergangenes, über meinen Vater und mein Elternhaus. Mein Vater hatte sich damals gegen G. entschieden. Er hatte das Haus nicht bekommen, auch nicht, als er meinem Vater den Kaufpreis bot. Fremde wurden vorgezogen. Aus Bosheit. Bisher glaubte mein Sohn, ich hätte das so gewollt und meinen Vater getrieben, das Haus zu verkaufen. Aber das war nicht so. Meine Stiefmutter steckte dahinter.

Als mein Sohn ging, waren alle Unklarheiten beseitigt, und wir beschlossen, in Kontakt zu bleiben. Ich war von Patrick gewohnt, dass er täglich eine Nachricht über WhatsApp schickte. Sein Bruder mochte das nicht. Er ist schreibfaul und irgendwie war unser Verhältnis viel oberflächlicher. G. war halt ein anderer Charakter und glich seinem Vater. Das lastete ich ihm nicht an, sondern versuchte, damit zu leben. Wir sahen uns nicht oft. Sein Weihnachtsfest verbrachte er mit der Mutter seiner beiden Kinder.

Für mich war das gut. Ich wollte kein Weihnachten feiern. Es gab keine Familie mehr. Also verschenkte ich alles, was mit dem Fest zu tun hatte, an eine arme Familie, die sich nicht mal einen Baum leisten konnte. Außerdem schenkte ich dem sechsjährigen Töchterchen mein Tablet.

Was brauchte ich noch? Ich hatte bereits beim letzten Umzug gewaltig reduziert. Nochmals verringerte ich den Inhalt meines Schrankes.

Meine ehemalige Arbeitskollegin, die mich auch zum Bestatter und zum Gericht begleitet hatte, bestand darauf, den Heiligen Abend gemeinsam mit mir, ihrer Mutter und dem Onkel verbringen zu wollen. Schließlich ließ ich mich überreden und war froh, an diesem Abend abgelenkt zu sein.

Silvester war ich wie immer alleine. Mit dem neuen Jahr 2020 begann ein neuer Lebensabschnitt. Mit ihm kam ab März Corona. Dann der Stillstand.

Ich bin vorsichtig geworden, verlasse das Haus nicht mehr. Drei Mal fuhr ich zum Arzt in diesem Jahr, sonst sehe ich nur die Mülltonnen. Kochen tue ich nur noch selbst. Lebensmittel bekomme ich allesamt geliefert, auch die Getränke. Aber schützen kann man sich nicht wirklich. Da wird jeder Paketbote zum Virusbringer.

Ich hab Angst um meine Katzen. Ich muss noch weiterleben – so Gott will! Für mich und für sie. Ich stelle mir vor, ich liege tot in der Wohnung und die Katzen müssten verhungern. Eine Horrorvorstellung! Hätte ich das alles vorher gewusst…

Wenn wir vom Lebensbeginn ausgehen, um so manches Lebensziel zu erwandern, sind wir nach Jahrzehnten nicht mehr dieselben, wie am Anfang. Was uns unterwegs begegnete, ist unser. So tragen wir alle Freuden, alle Anstrengung in uns, wenn wir das Ziel erreichen.
Anfangs werden wir von Ungeduld getrieben, doch in späten Jahren sind wir wegmüde geworden. Die ganze Welt liegt dann in uns, wenn wir aus der Welt zurückkehren. Ihr Schein, aber auch das Sein, das jedem Schein zugrunde liegt.

Symbol der ewigen Wiederkunft – Ouroboros. Zeichnung von Theodoros Pelecanos

Wer am Ziel steht, hat seine Reinheit tausendmal verloren und tausendmal neu geschaffen. Dann ist es die in Feuern der Schmerzen und Schauern der Sehnsucht tausendfach geklärte Reinheit. Aber nur, wer die Klarheit des Ursprungs mit der Erkenntnis des Weltenwanderers verbindet, ist vollendet. Er hat sein Wesen im Kreise geschlossen, durch den das Leben fließt. Er hat alles in sich, was ist, ewig gegenwärtig. Er hat Gottes Schöpfung in sich noch einmal wiederholt.