Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 9

Meine Eltern und mein Sohn G.

Der Kontakt zu meinen Eltern wurde auch danach nicht besser. Mein Mann wurde von meinem Vater immer nur „das Arschloch“ genannt. Im ersten Ehejahr hatte ich mir mit diesem eine kleine Wohnung in der Nachbarstadt gemietet. Ein französisches Bett hatten wir uns gekauft und eine weiße, kleine Anbauküche folgte. Im Wohnzimmer stand anfangs nur ein Tapeziertisch. Später leisteten wir uns dann eine dunkelbraune Couchgarnitur aus Cord. An den Wänden klebte eine silbrig schimmernde Tapete mit großen Kreisen. Das war damals modern. Meine Eltern hatten uns zur Hochzeit eine Waschmaschine geschenkt. Nicht ohne Hintergedanken. Ein Mittel, um mich ganz und gar loszuwerden.

Ein halbes Jahr später wurde ich schwanger. Als ich 1973 im siebten Monat zu ihnen kam und mein Kleid am Bauch spannte, verbot mir mein Vater das Haus.
Er sagte: „Wenn du noch einmal mit diesem Kleid hier erscheinst, schmeiße ich dich raus!“
Ich hatte kein Geld für neue Kleider. A. hielt mich kurz, obwohl ich damals mein eigenes Geld im Büro einer Kiesbaggerei verdiente. Mein Vater verletzte mich so sehr mit seiner Drohung, dass ich ausgerastet bin. Zum ersten Mal habe ich ihn angeschrien und ihm gesagt, was für ein Arschloch ER sei. Ich habe es aus dem Fenster des oberen Stockwerkes geschrien. Die ganze Nachbarschaft muss es gehört haben. Selbst die Beruhigungsversuche meiner Mutter halfen nichts. Dann bin ich wütend und verletzt gegangen und hatte monatelang keinen Kontakt mehr. Erst als G. längst auf der Welt war, und ich irgendwann meine Oma besuchte, stand plötzlich meine Mutter am Kinderwagen im Flur und schaute sich wohlwollend ihr Enkelkind an. Danach „durfte“ ich wieder zu meinen Eltern kommen.

A. war anfangs ständig mit dem Schiff unterwegs gewesen und nur selten zu Hause. Ich war meistens allein. Eines Tages hatte er einen jungen Dackelmischling mitgebracht, der mir Gesellschaft leisten sollte. Auf einem Spaziergang mit A. lief er angeblich fort. Er konnte ihn nicht wiederfinden. Das erzählte er mir, aber ich konnte ihm nicht glauben. Ich war betrübt und nahm als Ausgleich einen kleinen Kater aus dem Wurf der Nachbarkatze mit in unsere Wohnung auf. Er war fortan das einzige Wesen, das die Einsamkeit mit mir teilte. Nur wenig Kontakt hatte ich mit S., meiner Freundin, die ebenfalls verheiratet war. Sie durfte irgendwann nicht mehr zu mir kommen. Ihr Mann hatte es ihr verboten, weil A. ihr ‚eindeutige‘ Angebote gemacht hatte.
Ende Januar 1974 bin ich dann am ausgezählten Tag zur Entbindung mit dem Bus ins Krankenhaus gefahren. Obwohl ich frei von Wehen war, dachte ich, es muss so sein. Fragen konnte ich niemanden. A. war nicht zu Hause, ich hatte zu niemandem Kontakt.
„Was rein gekommen ist, muss auch wieder raus!“, hatte die Hebamme zu mir gesagt, als sie mich jammernd treppauf und treppab laufen ließ, damit die Wehen schneller kamen. Dann brachte sie mich in den Kreissaal. Ich kann mich heute noch an die große, weiße Uhr an der Wand erinnern, deren Zeiger Stunde um Stunde kreisten, bis endlich die Presswehen einsetzten. Dann, gegen Morgen, kam die Hebamme zurück. Als ich um eine Betäubung bettelte, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, kam der Arzt und setzte sich grinsend mit einem Skalpell zwischen meine Beine, um den Dammschnitt zu machen. Viel brauchte er nicht mehr zu tun, denn der Damm war längst gerissen. Fast 24 Stunden hatte ich in den Wehen gelegen. Von den Schmerzen traumatisiert, schwor ich, nie wieder ein Kind zu bekommen. Ich hasste die Situation, das Kind und mich!

Niemand besuchte mich in dieser Zeit. Mit wem sollte ich reden? Wer interessierte sich für meine Lage? Ich hatte große Sorge etwas falsch zu machen. Stillen konnte ich nicht. Wickeln, Fläschchen geben und die Körperpflege des Babys hatte mir die Hebamme gezeigt. Doch ich war unsicher. Das Kind war schließlich kein Tier, das ich nach Hause brachte, sondern ein Mensch, für den ich große Verantwortung trug. Ich hatte Angst, weil ich niemanden fragen konnte, ob es richtig war, was ich tat. Also hielt ich mich an das, was ich in Zeitschriften und Büchern gelesen hatte.

Nach dem Klinikaufenthalt fuhr ich mit dem Taxi nach Hause. Dort erwartete mich niemand, und das Kind wollte auch keiner sehen. Ich musste feststellen, dass mein Mann noch nicht mal das Kinderbettchen aufgebaut hatte. Fassungslos habe ich mit dem Säugling auf dem Arm im Schlafzimmer gestanden und geweint.
Auch in der Zeit danach war ich mit allen Sorgen, Fragen und Problemen allein. Ich war 20 Jahre alt! Meine Mutter konnte ich nicht fragen. Wir hatten keinen Kontakt. Mein Mann hatte andere Interessen.

Später bekam er eine Anstellung an Land, in dem Chemiewerk, in dem auch mein Vater arbeitete und begann fremd zu gehen, weil ich nicht mehr mit ihm schlafen wollte.
Nach unserer Scheidung zeigte er mir die Nacktfotos seiner Sex-Gespielinnen. Siebzehn waren es gewesen. Es ekelte mich an, wenn er abends ins Bett kam und neben mir atmete. Dann lag ich bewegungslos, bis ich einschlief. Er meinte, ich sei frigide. Das war ich wohl auch. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.

Alsdann zogen wir in ein Hochhaus in den 19. Stock, weil unsere Wohnung zu klein war, und A. begann, mich ins Schlafzimmer einzusperren und mich zu vergewaltigen. Das war der Anfang vom Ende! Ich ging zum Anwalt und reichte die Scheidung ein. A. wehrte sich dagegen und bettelte auf Knien darum, dass ich bleiben sollte. Als ich ablehnte, schlug er mich nieder. Ich lag bewusstlos im Wohnzimmer auf dem Boden. Als ich wieder erwachte, rief ich in meiner Not meine Mutter an. Sie sagte nur: „DU hast ihn dir ausgesucht! Jetzt sieh zu, wie du damit klar kommst!“

Ich hatte ihn mir ausgesucht? Wie konnte man mit einem solchen Menschen klar kommen? Alles war doch nur das Resultat von Vaters Jähzorn und Mutters Teilnahmslosigkeit , als mein Vater mich schlug und mich damit aus dem Haus trieb.

In meiner Not flüchtete ich zu einer Bekannten, die mit Bruder und Eltern in einem anderen Hochhaus wohnte. Trotz der Enge nahmen sie mich auf, und ich war im ersten Moment froh darüber, dass ich mit meinem erst einjährigen Sohn dort sein durfte. Wo sollte ich sonst hingehen? Von meiner Familie durfte ich keine Hilfe erwarten. Der Bruder meiner Bekannten konnte meinen Sohn nicht leiden. Immer, wenn die beiden allein im Raum waren, fing G. an zu schreien.
An einem Nachmittag ging ich mit meiner Bekannten zu einer Geburtstagsfeier in die Nachbarschaft. Mein Sohn blieb bei ihren Eltern. Als wir zurückkehrten, war das Baby blau und grün geschlagen. Sein ganzer Körper war mit Blutergüssen übersät und angeschwollen. Weil mein Sohn geschrien hatte, hatte ihn der Bruder, völlig in Rage, fast erschlagen.

Als ich meinen Sohn wimmernd im Kinderwagen liegen sah, bin ich wie eine Furie auf den Bruder losgegangen. Ich habe ihm den Tisch auf die Knie geknallt, meine Sachen gepackt und bin gegangen. Die Wut hatte mir fast übermenschliche Kräfte verliehen. Jedes Mal, wenn ich diesen Menschen irgendwo in der Stadt traf, machte ich einen großen Bogen um ihn. Dann verfolgte er mich und beschimpfte mich mit den übelsten Worten. Am liebsten wäre ich dann jedes Mal im Erdboden versunken. Ich hätte ihn damals anzeigen sollen, aber ich war naiv und zu gutmütig.

Nach der Attacke auf meinen Sohn hatte ich den Kinderarzt aufgesucht. Der machte den Aktenvermerk „Kindesmisshandlung“, und ich ging in meiner Not zu meinem Mann zurück ins Hochhaus, wo ich auf der Couch im Wohnzimmer schlief. Mein Mann hatte genau an dem Tag zwei weibliche Gäste im Schlafzimmer, die mich fragend musterten, als sie mich morgens sahen. Mir war das egal!

Ich hatte keine Freunde, nur einen Bekannten, mit dem ich mich hin und wieder in einer Gaststätte traf. Er wollte für mich vor Gericht aussagen, damit ich schuldlos geschieden würde. Mein Anwalt hatte das in einem Schreiben an A. erwähnt. Eines Tages kam mein Mann in das Lokal und drohte meinem Bekannten Prügel an, wenn er für mich aussagen würde. Mein Bekannter machte danach keine Anstalten mehr, mir zu helfen. Nach einer Weile wurde die Ehe nach holländischem Recht geschieden. Man gab mir die Schuld. A. hatte mich des Ehebruchs mit meinem Bekannten beschuldigt, was ich aus Angst nicht widerlegen wollte. Ich verzichtete auf alles, auch auf Unterhalt für mich, weil A. mir mit weiteren Repressalien drohte.

Danach war ich zunächst ohne eigene Einkünfte in ein möbliertes Zimmer unter dem Dach eines alten Jugendstilhauses gezogen. Eine Kollegin hatte mir den Makler besorgt. Nur ein paar Handtücher und meine persönlichen Sachen hatte ich mitgenommen. Der kleine Raum hatte kein warmes Wasser und auch kein Bad; die Toilette befand sich auf dem Flur, ein halbes Stockwerk tiefer.

Ich hatte fast kein Geld, versorgte meinen Sohn aber mit allem Notwendigen. Selbst aß ich so gut wie gar nichts mehr. Nach ein paar Monaten bekam ich Skorbut. Mein Zahnarzt traute seinen Augen nicht und verordnete mir eine Traubenkur.

Trotz abgebrochener Lehre fand ich Arbeit bei einer Reederei, und meine Eltern erklärten sich bereit, meinen Sohn zunächst während meiner Arbeitszeit bei sich aufzunehmen. Das bedeutete jedoch für mich, dass ich morgens vor Dienstbeginn und abends nach Dienstende bei Wind und Wetter mit dem Kinderwagen in einen anderen Ortsteil laufen musste. Geld für den Bus hatte ich nicht. Diese tägliche Belastung nahm mir meine Kräfte. Das war kein Leben mehr! Ich war gerade mal 21 Jahre alt und fühlte mich total überfordert.

Zu allem Elend rief meine Mutter täglich bei mir im Büro an und setzte mich so sehr unter Druck, dass es kaum auszuhalten war. Sie war nicht die liebende Großmutter, wie es nach außen aussah. Eigentlich wollte sie nicht auf das Kind aufpassen und schmierte mir das jeden Tag aufs Butterbrot.

22 Jahre alt

Glücklicherweise hatte ich bereits mit 18 Jahren einen Führerschein gemacht, konnte mir jedoch wegen meiner Geldknappheit kein eigenes Auto leisten. Ab und zu hatte mir mein Vater sein Auto geliehen. Einmal durfte ich mit seinem Wagen, ein Ford 17M, zur Arbeit fahren und wollte danach noch ins Schwimmbad gehen. Es war Hochsommer. Durch die Hitze hatte sich das Benzinkabel gelöst, und plötzlich kam während der Fahrt eine riesige Stichflamme aus der Gangschaltung emporgeschossen. Ich musste anhalten und rief die Feuerwehr. Das war genau vor dem Thyssen-Fabrikgelände, direkt gegenüber der Ruhrorter Badeanstalt. Die Feuerwehrleute mussten den Wagen mit der Axt öffnen, weil die Motorhaube klemmte. Der ganze Wagen war ausgebrannt. Ich dachte mit Schrecken daran, was mein Vater wohl sagen würde, wenn ich damit nach Hause käme. Als der den Schaden sah, grinste er nur und ließ ihn reparieren. Seine Reaktion hat mich damals sehr gewundert.

Wird fortgesetzt…