Kleiner Rückblick – Xanten und Gelderland

Fortsetzung Teil 49

Leon und Maya, Foto: Gisela Seidel

Nachdem ich mich in meiner neuen Wohnung eingelebt hatte, erhielt ich einen unerwarteten Anruf aus Xanten. Es war die Mutter meiner Freundin B., die mir zuletzt das Grabgesteck für meine Wohnung in Friemersheim schenkte. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Das war Anfang 2013.

Als mich die Mutter nach meiner neuen Adresse fragte, war das zwar ungewöhnlich, aber ich gab sie ihr natürlich gerne. Einige Wochen später rief sie mich wieder an und hatte dieselbe Bitte. Ich wusste nicht, was das sollte. Sie schien verwirrt. Doch diesmal sagte sie mir, ihre Tochter sei im Krankenhaus gewesen. Sie würde sich freuen, wenn ich sie besuchen käme. Das alles war mehr als fragwürdig. Also fuhr ich nach Xanten und fand eine mir völlig fremde Freundin vor, die wieder bei ihrer Mutter wohnte.

B. sprach nur noch selten. Oft war es wirr, durchbrochen von klaren Phasen. Sie sah anders aus…stupide. Alleine zu essen, fiel ihr schwer. Fleisch zerschneiden, konnte sie nicht mehr. Ihr Zustand machte mich fassungslos.

Ich bewunderte ihre Mutter G., die nicht geduldig genug war, um mit ihrer Tochter klar zu kommen. Es gab Streit. In B. wuchsen ungeahnte Kräfte, und sie ließ nur noch das zu, was ihr benebelter Verstand zulassen wollte. Darüber reden konnte man nicht.

Sie bewohnten beide ein wunderschönes Haus mit einem großen Garten und hatten zwei Hunde. Selbst ihren eigenen Collie nahm B. nicht mehr wahr. Der arme Hund konnte das nicht verstehen.

Von dem Zeitpunkt an fuhr ich wöchentlich wenigstens einmal nach Xanten. Doch die Situation eskalierte zusehends. B. wurde inkontinent und ließ alles unter sich gehen. Sie wusste nicht mehr was eine Toilette ist. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde sie alleine von ihrer Mutter versorgt, die selbst die 70 an Jahren überschritten hatte.

Als es so nicht mehr weiterging, wurde eine Hilfskraft aus Polen engagiert, die kein Wort Deutsch sprach, aber dafür sehr fleißig war und den Haushalt in Ordnung hielt.

In den Sommermonaten fing B. an zu krampfen, wenn sie sich setzen sollte. Dann kam ein Restless-leg-Syndrom hinzu, und B. lief den ganzen Tag ruhelos durch den Garten. Manchmal weinte sie, wenn sie wieder mal eine klare Minute hatte. Dann jammerte sie um ihr verlorenes Ich. Das war ganz schrecklich. Sie war einst eine schöne junge Frau, hatte studiert und 2005 ihren Klassenkameraden geheiratet. 2013, als sie bei mir war, zeigten sich bereits die ersten Anzeichen einer Erkrankung.

Niemand weiß, was Mitte 2015 geschehen ist. Ihr Mann hatte sie nach einer Ohrfeige aus dem Haus geworfen, und sie war im Schlafanzug, weinend, zu ihrer Mutter gefahren. Sogar ihre persönliche Kleidung gab ihr Ehemann nicht mehr raus. Er machte sie fertig. Sehr wahrscheinlich ahnte er gar nicht, wie krank sie war. Schon damals konnte sie kein zusammenhängendes Wort mehr schreiben.

Glücklicherweise hatten B. und ihre Mutter gegenseitig eine Vorsorgevollmacht vor dem Notar unterschrieben. Damit begannen die vielen Anwaltsbesuche und Klagen, die sich über Jahre hinzogen. Der Ehemann wohnt immer noch im gemeinsam angeschafften Haus und hat erst Monate später einige Kleidungsstücke und Möbel an B. rausgegeben. Da sie zunächst keinen Unterhalt erhielt, stand sie vor dem Nichts. Wenn ihre Mutter nicht gewesen wäre, wäre sie mittellos und krank auf der Straße gelandet.

Irgendwann kam der Tag, an dem nichts mehr ging. B. musste wieder in eine Klinik in Kalkar. Ich fuhr mit ihrer Mutter sämtliche Altenheime ab, um eine Bleibe für B. zu finden. Wir waren teilweise schockiert über die dortigen Zustände. Alles war natürlich auf alte Menschen ausgerichtet, aber sie war erst Anfang 50. Schließlich fand die Mutter eine katholische Einrichtung in Kleve, die mit ca. 5.000 Euro nicht gerade billig war. Dort hat man ein separates Haus, speziell für Alzheimer-Patienten eingerichtet. Jedoch ist die Frontotemperale-Demenz meiner Freundin ganz anders als eine Altersdemenz. Startschwierigkeiten bei der Unterbringung waren vorprogrammiert.

B. lief anfangs zweimal weg und musste mit der Polizei gesucht werden. Alte Mitinsassen des Heims fuhren ihr mit dem Rollstuhl über die Füße, und da sie sich nicht äußern konnte, wurden ihre Verletzungen viel zu spät bemerkt. Ihre Mutter versorgte sie mit dem Nötigsten und kam dabei an ihre finanziellen Grenzen.

Als ich mit ihrer Mutter das Heim besuchte, fanden wir B. in der Gemeinschaftsküche völlig Urin durchnässt vor. Die Angestellte dort meinte nur, man würde den Insassen ihren freien Willen nicht nehmen, und B. wollte sich nicht waschen lassen. Da bin ich laut geworden. Den freien Willen? Wir haben sie dann aufs Zimmer gebracht, und die Mutter hat sie abgeduscht und neu eingekleidet. Dafür zahlt man über 5.000 Euro monatlich! Ich frage mich wofür?

Das Heim war nicht nur einmal mit B. überfordert, und wenn es gar nicht mehr ging, wurde sie nach Bedburg-Hau in die Psychiatrie gebracht. Dort blieb sie dann ein paar Monate und ihre Medikamente wurden neu eingestellt. Wir besuchten sie auch dort auf der geschlossenen Station. Soviel Elend habe ich selten gesehen. Jeder Mensch muss dankbar sein, wenn er dort nicht eingeliefert wird.

Mit B.s Erkrankung bewahrheitete sich auch die Aussage meines Pendelns. Damals pendelte ich, dass der Ehemann in Xanten und B. im Gelderland wohnen würde.

Leider wurde auch mein Traumbild Wirklichkeit, als der Cocker-Spaniel der Mutter auf einem langen Feldweg hinter uns herlief und plötzlich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte. Der kleine Hund starb einige Wochen später.

Meine Freundin lebt immer noch in Kleve. Die Prognosen sind nicht gut. Die Krankheit hat leider neue Ausmaße erreicht. Das ständige Laufen hat 40 kg Gewicht gekostet. Sie reagiert mechanisch und spricht gar nicht mehr. Was sie erkennt, wissen wir nicht.

Manchmal ist der Tod Erlösung. Das denkt auch ihre Mutter. Das Grabgesteck war Symbol für das Sterben ihres Ichs, was ich damals nicht verstanden habe.

Anfang Juni 2018 habe ich B. zum letzten Mal gesehen.

Fortsetzung folgt…