Frühlingsklänge

Der Reigen – Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903)
Hell und lustig, wie ein Singen;
jedes Lied klingt wie ein Bogen,
der die Geigensaiten streifte,
dass die Seelen höher flogen.

Augenblicklich singt man Lieder;
trübe Augen werden heller,
wo man sanfte Töne fiedelt,
pulst das Blut zum Herzen schneller.

Winterfrei macht man die Tische,
so, als würde auf den Bänken,
frisch geputzt der Frühling sitzen,
Wärme gebend, Sonne schenkend.

Volle Krüge, essen, tanzen,
dass die Mädchenzöpfe fliegen,
wie auf altgemalten Bildern,
die im Reigen sich vergnügen.

Ausgelassen, froh und munter
sitzt das Volk bei Brot und Schinken;
rote Wangen, wache Blicke,
zeigen unbeschwert ihr Trinken.

Die in Frühlingswonne träumten,
wolkenfrei vom Blütenschimmer,
fanden ihre alte Welt
plötzlich hoffnungslos in Trümmern.

Wären nicht die Religionen,
Menschen könnten glücklich werden!
Wäre nicht der Hass der Menschen,
O, es wäre schön auf Erden!

Ein anderer Zeitgeist

Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)
Es gab eine Zeit, es ist noch nicht lange her,
da hatten die Leute 15 Kinder und mehr.
Ganz ohne Kindergeld – das gab’s noch nicht,
12 Stunden Arbeit waren Tagespflicht,
und Schulgeld zahlten sie für jedes Kind,
Lehrgeld für die, die in Ausbildung sind.

Die Straße gehörte den Kindern zum Spiel,
und wenn eines von ihnen in den Schotter fiel,
dann sorgten sich Eltern wenig um sie,
sondern nur ums Loch in der Hose am Knie.
Da piepte kein Handy, man maß Liebe, nicht Likes.
Es gab simple Fahrräder, keine Mountainbikes;
auch mal Langeweile und Stille daheim,
wenn es draußen dunkelte, musste man rein.

Man folgte den Eltern mit Respekt.
Die Alten wurden nicht ins Heim gesteckt,
und sollte man alleine sein, vom Leben müde gemacht,
dann hat die Caritas Hilfe, nur für Gotteslohn gebracht.
Den Dienst an Kranken leisteten die Frauen,
ein Arzt kam ins Haus, um nach Kranken zu schauen.
Niemand musste mit Fieber im Warteraum sitzen,
um stundenlang Blut und Wasser zu schwitzen.

Arbeiter konnten sich Autos nicht leisten,
ein Telefon bekamen längst nicht die meisten;
auch wenn die Arbeit fern war, fuhr man Rad.
Ein Moped war ein Traum, wie jede Fahrt.
Oft lief man Kilometer, stundenlang;
es fuhr nicht überall die elektrische Straßenbahn.
Die Welt war riesengroß und jeder Schritt
und jeder Gang ein Stück vom Lebensglück.

Man nutzte jeden Tag schon früh, daheim.
Arbeit war immer, Freizeit „schrieb man klein“.
Man nähte, kochte, strickte noch per Hand;
bevor man Waschmaschinenkraft erfand,
mühte man sich den lieben, langen Tag
mit Waschen, Trocknen und Bügeln ab.
Staubsauger waren noch unbekannt,
Teppiche wurden geklopft, bis man sie staubfrei fand.
Die Frauen verbrachten ihr Leben daheim,
mussten dem Ehemann untertan sein.
Geld und Auskommen hat er gebracht;
das Sagen behielt er und häusliche Macht.

Handwerker war jeder Mann im Haus;
man teerte Dächer, baute die Zimmer aus,
man legte angstfrei die Elektrik unter Putz,
geerdet war nichts, vor dem Schlag fehlte Schutz;
mit Kitt setzte man Fensterscheiben ein,
und kaufte Kohleöfen für ein warmes Heim.
In Aschetonnen, wöchentlich abgefahren,
gab es weder Papier noch Plastikwaren.
Man düngte den Garten mit Biomüll,
aus stinkenden Kuhlen, inmitten des Garten-Idylls.
Auch das Plumpsklo wurde jährlich geleert,
auf die Beete gekippt, als Dünger verwertet.

Kaninchen hockten in kargen Ställen,
ließen sich mästen, bis zum Schlachten quälen.
Nicht ein einziges Mal fühlten sie Boden und Licht,
nur den Schlag in den Nacken, der am Ende sie bricht.

Es gab Brote mit Butter, darauf Zucker gestreut,
nur selten Fleisch; sonntags war Bratenzeit.
Schmalhans war Küchenmeister im Revier,
nur sonntags kaufte man manchmal ein Bier.
Abends gab es das Fernsehen nicht,
nur eine Stimme, die aus dem Radio spricht.

Heut‘ ist alles anders, der Wandel Magie,
ein Zeitgeist, der flüstert: Nimm’s leicht, c’est la vie.

Vorfrühling

Quelle: Pinterest – KI modifiziert
Die zarten Tage kehren endlich wieder,
an denen die Natur erwacht aus Träumen
und über grauem Laub im Frühjahrsfieber,
die Glöckchen stehn, die viele Wege säumen.

Weiß, wie die Unschuld, sind sie aufgeblüht.
Das alte Grün erscheint in neuem Licht.
Der Morgen hat sich früher aus dem Bett bemüht,
bevor die Sonne durch die Wolken bricht.

Der Himmelsbogen ist noch stark verhangen,
von grauen Schwaden, die am Tag verwehen.
Der Winter scheint mit einem Mal vergangen;
der Frühling zeigt sich sanft und morgenschön.

Morgen- und Abendrot

Filmmusik von Ennio Morricone aus dem Film „Die Mission“

Foto: Gisela Seidel – Aussicht aus dem Küchenfenster meiner ehemaligen Wohnung

Die Morgenröte der Möglichkeiten
erwacht im Lichtstrahl der Erkenntnis;
der Dunkelheit entstiegen,
erweckt sein,
voll von Gottvertrauen,
Leben, fühlen und getragen sein von Vollkommenheit,
die begeistert,
einen unbekannten Weg zu gehen,
das Wofür, zu finden im tieferen Sinn,
ihn anzunehmen,
auf die Zukunft gerichtet durch höhere Macht,
von ersten zaghaften Schritten,
hin zur letzten Wegstrecke des Alters.
In der Stille der Dämmerung,
sich als Kind fühlen,
das geborgen ist im Gegenwärtigen,
deren Hände ruhen vor dem Dunkelwerden,
das im höchsten Glück vollendend geistig macht.

Welke Tage

Copyright: olegdudko
Tage, welche welk geworden,
fallen in den Schoß der Zeit,
sind wie Staub,
gehn geistverloren
in die Schicht der Fruchtbarkeit.

Alter Weg vergang’ner Fährten,
Schichten, die wie Jahresringe
alter Bäume Auskunft geben,
sind der Boden aller Dinge.

Schoß, aus dem die Leben kamen,
werden, wachsen und vergehen.
Wiederkehren ist ein „Amen“,
lässt das Ur-Bild auferstehen.

Hartes Landleben in Ostpreußen

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)

Wintermüde war die Landschaft
und die Lager leer gegessen. –
Karge Äcker! Stark und standhaft
waren die Alteingesess’nen.

Heimatlich ruht Dorf und Scholle.
Erde, die uns reich gemacht.
So auch ruhte manche Knolle,
in der Nebelfelder Pracht.

Sturmes Zeiten kamen wieder,
fegten durch den Wolkenpfad,
machten müd geword’ne Glieder
alter Bauersleute schwach.

Und des Frostes letztes Mühen
trieb mit tödlich kaltem Herz,
hinderte des Lenzes Blühen,
und das Volk schrie himmelwärts.

Doch aus gnadenlosen Himmeln
regnete es glücksverloren.
Sonne ließ die Hoffnung schimmern,
als ein neuer Tag geboren.

Und die vielen Hoffnungsfrohen
weinten unter ihren Bäumen.
Heimaterde, trink die Tränen,
lass die Frühlingssterne träumen.

Erwartungen

Quelle: Pinterest
Es gibt Menschen, die kommen nicht wieder,
auch, wenn man sie sehnlichst vermisst.
Sie sind wie ein Vogel entflogen,
der den Rückweg im Fluge vergisst.

Du kannst sie laut rufen und klagen,
in Liebe vergehen, verzeihen.
Es verlischt eines Tages die Hoffnung,
und du wirst die Erwartung bereuen.

Sind doch längst in anderen Gefilden,
wie losgelassen und frei.
Muss sich jeder den eigenen Weg bilden,
bis vollkommen und fruchtbar er sei.

Bleib immer sonnenbeschienen,
dränge alle Zweifel zurück.
Die Tränen, sie werden trocknen
durch anderes Lebensglück.

Der maskierte Mensch

Ausschnitt des Gemäldes von H. G. Leiendecker
Früh üben wir das Maskentragen,
an allerersten Kindertagen;
Menschen erkennen später nicht
der anderen wahres Angesicht,

denn die sympathische Fassade
täuscht nur mit lockendem Gehabe.
Die echte Miene bleibt verborgen,
man lächelt noch, trotz vieler Sorgen.

Denn Lügen stehn nicht im Gesicht;
nichts weist auf das, was unwahr ist.
Wir sind vom Aussehen angezogen
und glauben alles, was gelogen.

Es fasziniert das fremde Tun,
wir rätseln nicht daran herum.
Erst, wenn die schönen Masken fallen,
sehen wir der Wahrheit Licht in allen.

Die Larve wollt ihr Bild verdecken,
und erst auf ihren Sterbebetten,
wo sie durch Lebensnot geschwächt,
sind ihre Totenmasken echt.

Bruder Mensch

Wie elend ist ein Mensch mit sich allein,
der geistig tot ist, ohne Ideale;
nicht mal ein kleines Licht gab seinen Schein,
sehnsuchtsbefreit sein Leben, das Finale.

Wie arm ist dieser Mensch in seinem Tun,
ein Totengräber ist er seiner selbst.
Er schaufelt anderen Gräber, ohne Ruhen,
freut sich darüber, wenn man fällt.

Opferbereitschaft, Mitleid kennt er nicht,
ist frei von Selbsterkenntnis und nicht klug;
von niederem Instinkt zeugt sein Gesicht,
zeigt keinen menschlich guten Zug.

Erblickte er nicht auch des Schöpfers Land,
als Glück der Mutter und des Vaters Stolz?
Hielt ihn nicht auch des Engels lichte Hand
und wiegte ihn im Bett aus Fichtenholz?

Verirrter Mensch, auch du bist Gottes Kind.
Was trieb dich nur auf diese falsche Bahn?
Mein Bruder Mensch, was machte dich so blind,
trägt auch dein Umfeld eine Schuld daran?

Schuld und Sühne

Kain und Abel – Gustav Jäger (1808-1871)
Wer waren wir, als wir vor Anfangsjahren
die Wildnis teilten, jung und unerfahren,
an Orten weilten, wo sich Energien entluden,
die unter sich den Lebensgeist begruben,
wo Menschen einst trotz täglicher Gefahren
des Drangsals unerschrocken waren?

Im Blätterrauschen meines Lebensbaums
fühl’ ich mich männlich in so manchem Traum,
wo ich der vielen Leiden widerstand,
bis ich im Tod mich geistig wiederfand.
An Stätten, die im Bösen sich verfingen,
ließ mich mein Los mit meinem Dasein ringen.

Die Luft zum Atmen hat der Wind getragen;
man nahm sie mir nach unbekannten Jahren.
Auch ich verging in Schuld und Sühne,
war nur ein Rädchen auf der Lebensbühne.
Vergänglich ist der Körper, ist das Kleid,
in stetem Wechsel bis in Ewigkeit.

Die Gene Kains und Abels, jener Ur-Gestalten,
die Gut und Böse tragen, zeigen noch ihr Walten.
Doch ist’s der Wille nur, der sie befreit.
Mensch, trag die Harmonie als Festtagskleid!