Kleine Stadt am Sonntagmorgen

Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

Das Wetter ist recht gut geraten.
Der Kirchturm träumt vom lieben Gott.
Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten
und auch ein bisschen nach Kompott.

Am Sonntag darf man lange schlafen.
Die Gassen sind so gut wie leer.
Zwei alte Tanten, die sich trafen,
bestreiten rüstig den Verkehr.

Sie führen wieder mal die alten
Gespräche, denn das hält gesund.
Die Fenster gähnen sanft und halten
sich die Gardinen vor den Mund.

Der neue Herr Provisor lauert
auf sein gestärktes Oberhemd.
Er flucht, weil es so lange dauert.
Man merkt daran: Er ist hier fremd.

Er will den Gottesdienst besuchen,
denn das erheischt die Tradition.
Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen,
Pauline bringt das Hemd ja schon!

Die Stunden machen kleine Schritte
und heben ihre Füße kaum.
Die Langeweile macht Visite.
Die Tanten flüstern über Dritte.
Und drüben, auf des Marktes Mitte,
schnarcht leise der Kastanienbaum.

Erich Kästner (1899-1974)

Einfaches Lebensglück

Unser Zeitgeist ist hochtechnisiert. Das hat eine gute und eine weniger gute Seite. Es gilt Althergebrachtes zu erhalten und zu bewahren.

Maschinen übernehmen die Arbeit aus Jahrhunderten und der Mensch hat sich in eine große Abhängigkeit begeben. Die nächsten Generationen verlieren nicht nur altes Wissen, sondern auch alte Fähigkeiten. Würde die Technik ausfallen, ginge alles verloren und die Menschheit müsste bei Null beginnen.

„Alexa“ kann nichts mehr sagen, wenn man ihr den Stecker zieht.

Lebensweg

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Sulamith Wülfing (1901-1989)

Wenn du mich rufst, dann komme ich
durch finst’re Nacht zu dir.
 
Wenn du mich suchst, dann brennt ein Licht
ganz hell an meiner Tür.
 
Du findest mich im Überall,
siehst mich in deinen Träumen;
 
bin schneller bei dir als der Schall,
wie Wind in allen Bäumen.
 
Den Plan für deine weit’ren Wege,
halt ich in meiner Hand;
 
du wirst sie sicher finden,
darauf hast du mein Pfand!
 
Ließ ich doch mein Vertrauen
und meine Liebe dir,
 
so lass’ mich durch dich schauen,
des Lebens Wunder hier.
 
Dann fließen alle Fragen
und alle Zweifel fort,
 
nie soll dein Herz verzagen,
an einem falschen Wort.

Trugschluss

John William Waterhouse  1849-1917

Manche Träume, die träumt man allein,
des Abends bei flackernden Kerzen,
manch eine Treue ist leider nur Schein,
die Wahrheit erkennt man mit Schmerzen.
 
Manch einen Wandel durchlebet die Zeit,
was gestern geglänzt, steht durchrostet.
Schnell friert die Liebe im eisigen Kleid,
Wärme von einst ist durchfrostet.
 
Vermeintliches Gold wird zum wertlosen Tand,
blättert ab von brillanter Attrappe.
Nimmt dem Edlen das Feine, die entblößende Hand,
wird das Hartgold zur biegsamen Pappe!
 
Manch eine Liebe ist Alltag und Pflicht,
manch eine bringt Wachstum und Segen.
Gefühl und Vertrauen, wenn beides bricht,
sinkt die Sonne im Schatten des Regens.

Kleiner Rückblick – Blindheit

Fortsetzung Teil 42

Mein Alleinsein füllte ich mit Arbeit und Tränen. Die große Wohnung war mir nicht dienlich. Dort fühlte ich mich noch verlorener. Fast verbissen schrieb ich meinen Roman „Jenseits des Schleiers“ zu Ende, in dem ich meinen verletzten Gefühlen Ausdruck verleihen konnte.

Seitdem mein Vater zu seiner Freundin in den Duisburger Süden gezogen war und mein Elternhaus von fremden Menschen bewohnt wurde, hatten wir mäßigen Kontakt. Der beschränkte sich auf ein Mittwochstreffen zum Kaffeetrinken, zu dem ich nach Feierabend quer durch die Stadt fuhr, was meiner künftigen Stiefmutter gar nicht passte. Sobald ich ihre Wohnung betrat und in ihr abweisendes Gesicht sah, wusste ich, dass ich nicht willkommen war. Mein Vater schien hingegen Freude daran zu haben, dass ich ihn besuchte, im Gegensatz zu früher.

Bereits Anfang 2008 hatte mein ältester Sohn G. meinen Vater beim Straßenverkehrsamt angezeigt, quasi als Rache für das nicht erhaltene Haus. Angegeben hatte er, dass mein Vater trotz Makulardegeneration fast blind Auto fuhr. Daraufhin wurde dessen Führerschein eingezogen. Nun stand er da, mit seiner relativ neuwertigen Mercedes-Limousine, mit der er nicht mehr fahren durfte.

Mein Vater und seine Lebensgefährtin hatten ein gemeinsames Hobby: das Tanzen. Dazu waren sie bisher sonntags an die holländische Grenze nach Herongen gefahren, was nun nicht mehr möglich war.

Kurz entschlossen wurde ich dazu verdonnert, diese Fahrten zu übernehmen. Das bedeutete, dass ich überhaupt keine Freizeit mehr hatte. Mittags in den Duisburger Süden, dann nach Herongen, zwischendurch nach Hause und wieder zurück, dann erst nach Huckingen und schließlich abends nach Hause. Jeden Sonntag 250 Kilometer!

Von ‚Madame‘ wurde ich behandelt wie eine Dienstmagd. Kein „Guten Tag“, kein „Auf Wiedersehen“. Während der Fahrt saß sie neben mir und redete kein Wort, auch nicht, wenn ich sie ansprach. Das tat meinem desolaten Gemütszustand nicht gut. Wieder fühlte ich mich minderwertig und benutzt, wollte aber nichts dagegen tun, weil ich meinem alten Vater das Tanzen gönnte. Es sollte ihm gut gehen. Lieber weinte ich im Stillen und bedauerte mich im Selbstmitleid.

Der einzige Lichtblick waren meine drei Katzen, die geduldig zu Hause auf mich warteten. Sie waren lebendig, immer gut gelaunt und mir zugewandt. Wie Engelchen, kleine, gute Energien, die mir Freude machten, wenn ich in ihre niedlichen Gesichter schaute.

Als ich den Wagen meines Vater fuhr, den K. ‚Protzauto‘ genannt hatte, hatte mein Sohn Patrick den verbeulten Micra bekommen. Damit konnte er mich samstags besuchen und die Katzen. Patrick liebte die Katzen und besonders seinen „Wichtel“.

Suse, Wichtel und Dibo waren ein ‚Rudel‘. Als meine Nachbarn in Urlaub waren, folgten sie mir in den Keller und dann hinaus in den Garten. Das war ihnen nicht geheuer, denn sie kannten nur die Wohnung. Ein Abenteuer! Dann entdeckte Wichtel eine Feldmaus, und sie rannte im ‚Tiefflug‘ die Mauer entlang, zurück in den Keller, wo sie mit weit aufgerissenen Augen auf uns wartete. Damit endete unser Familienausflug und keine Katze wollte mehr nach draußen. Wenn ich am Wochenende die Außentreppe putzen musste, hockte Wichtel stets auf der oberen Stufe, wartete, bis ich fertig war und lief dann artig mit mir in die Wohnung zurück.

Patrick und Wichtel

Das Ende des Jahres nahte und die mulmigen Gedanken nahmen zu. Im Geiste sah ich K. mit seiner Familie feiern, denn ich konnte nicht vergessen.

Als der 24. Dezember 2008 auf einen Mittwoch fiel, fuhr ich wie gewöhnlich nachmittags nach Huckingen, um meinen Vater zu besuchen. Ich hatte für ihn und für seine Frau bunte Weihnachtsteller vorbereitet, voll mit Nüssen und Süßigkeiten. Mein Vater bekam zusätzlich einen CD-Player und Hörbuch-CDs, womit er aber überhaupt nicht zurechtkam. Er fragte mich mürrisch, was das sollte. Später erfuhr ich, dass mein Geschenk an den Stiefsohn weitergegeben worden war.

Die Freundin meines Vaters nahm zwar meine Geschenke zur Kenntnis, war aber ziemlich ungehalten.
„Wieso kommst Du heute?“, fragte sie mich. „Heute ist doch Heiligabend!“

An diesem Tag gab es kein Kaffeetrinken, und ich fuhr tief getroffen nach Hause zurück, wo glücklicherweise Patrick zu Besuch kam und mir einen riesigen Engel schenkte.

Wir waren zwar alleine, aber zufrieden.
Ich kochte Patricks Lieblingsweihnachtsessen: Pute mit Kastanien, Klöße und Rotkohl…wie noch weitere zehn Jahre.

Dann kam das trostlose Silvester-Feuerwerk, bei dem ich alleine am Fenster stand und auf die feiernde Welt schaute. Ein neues Jahr begann. Konnte es besser werden?

Stille

Dort, wo die Stille durch die Bäume sinkt
und friedvoll mit dem Dunst zu Boden schwebt,
dort, wo des Vogels Lied so traurig klingt,
dort sende ich dir Grüße im Gebet.
 
Dort, wo auf Gräbern, die vergessen liegen,
Unkräuter blühen, statt der Blumen Zier,
dort, wo die Zweige, die im Wind sich wiegen,
ganz leise flüstern zu den Mauern hier.
 
Dort, wo die Marmorsteine kraftvoll glänzen,
neben den namenlosen, alt und unerkannt,
wo Todesengel wachend bei den Kränzen
irrende Seelen führen in das Anderland.
 
Dort, wo der Tränen Fluss die Erde nährt
und auch der Himmel Trauertränen weint,
dort wird die Seele, die gen Himmel fährt,
still mit der Gottes-Ewigkeit vereint.
 

Wer gerne gibt

Mondlicht08

Nur wer gerne gibt, gibt gut, nur wer freudig dient, dient recht, nur wer aus freien Stücken Gott sucht, wird Gott finden.
 
Menschensatzungen und Gebote, die von Menschen als Gottesgebote in die Welt gesetzt werden, unterscheiden sich von der Gottesstimme, die aus dem Licht in das Menschenherz einfließt, dadurch, dass Menschengebote die Verneinung verlangen, die Gottesstimme aber Bejahung ist.

Menschengebote beginnen mit: „Du sollst, du darfst nicht!“, Gottes Stimme aber ist ein Drängen, ein Müssen. Und ein einziger Schritt in der Bejahung wiegt viele Fortschritte in der Verneinung auf. Denn die Stimme Gottes, die zum Müssen wird, hat die Kraft, alles zu wandeln, was dem Müssen entgegensteht, und trägt den steilsten Weg empor, als ob ihr über blumige Wiesen ginget. Verneinung aber ist die Last, unter der man seufzt.
 
So möchte ich Euch eines mit auf den Weg geben, was Ihr zu leicht vergesst, wenn Ihr damit beschäftigt seid wegzulegen, abzustreifen, herzugeben. Dies eine ist die Freudigkeit. Bei all dem Weglegen legt Ihr oft auch sie ab, die doch Eurer Stab sein kann auf dem Weg zu Gott, die doch die heilige Verwandlerin des Leides ist.
 
Freudigkeit wurzelt im Glauben, denn nur wer glaubt, dass alles noch zu gutem Ende kommen muss, dass alles in Gottes weisen Händen ruht, kann freudig sein. Der Ungläubige, Furchtsame kennt keine Freudigkeit. Denn sie setzt Vertrauen voraus. Misstrauen und Verachtung schließen Freudigkeit aus. Und endlich wächst Freudigkeit aus der Liebe, die Glaube und Vertrauen in sich schließt und unbekümmert und unbegrenzt gibt. So wie die Sonne, die immer strahlt und wärmt, weil das ihr Wesen ist, weil sie nicht anders kann. Sie strahlt, weil sie muss und nicht, weil sie soll und wählt die Menschen nicht aus, denen sie schenkt. Sie wäre keine Sonne, würde sie ihr Strahlen nur fallweise und um der Menschen willen, die würdig sind, üben. Sie ist für alle da, die sich ihrem Licht aussetzen, sie strahlt vielleicht einem, den die Menschen schuldig sprechen, tiefer ins Herz, weil er sie aufsucht, als jenem, der würdig ist, aber, mit dem Ablegen seiner schlechten Eigenschaften beschäftigt, im Schatten bleibt.
 
Im Irdischen seht Ihr das Bild so oft und wisst es im Geistigen nicht zu deuten. Ihr sagt vom Menschen, der im Schatten stehen bleibt, er sei selbst schuld, weil ihn die Sonne nicht erwärmt, aber Ihr versucht es immer wieder, Euch ohne die Freudigkeit auf den Weg zu Gott zu machen, und indem Ihr mit Schatten kämpft, versäumt Ihr des Lichtes Segen, der Euch umgibt, Euch einhüllt, der immer da und für alle da ist, die sich ihm aufschließen.

<Ephides>
aus Band VII, Turm-Verlag (1978)

Gut und Böse

Rotkäppchen und der Wolf – Märchen der Gebrüder Grimm

Wir binden uns an Menschen,
die wir still verehren;
vertrauen blind den Worten,
die sie uns bescheren.
 
Und keine Schatten,
die Vertrauen töten,
nehmen wir wahr
und Vorsicht wird vonnöten.
 
Manipuliert,
von Falschen oft bekehrt,
folgen wir dem,
was keinen Glauben wert.
 
Den Wolf im Schafspelz
gilt es aufzufinden;
nur schnelle Umkehr führt
uns dann zu sich’ren Gründen.
 
Enttäuscht und traurig
wird uns manchmal klar,
dass das vermeintlich Gute
doch das Böse war.

Der Dom

(1831)

Caspar David Friedrich (1774-1840) – Der Träumer

Ich lieb dich nicht,
der frühe Traum zerrann
durch Qual und Leidenschaft.
Doch ist dein Bild im Seelenraum lebendig noch,
doch ohne Kraft.

Längst andern Träumen folg’ ich schon.
Vergessen dich, hab’s nicht vermocht. –
Ein Dom verlassen – bleibt ein Dom,
ein Götze, der gestürzt, bleibt Gott.

andere Übersetzung aus dem Russischen von Hans Baumann:

Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar
und unversehrt in mir zurück.
Umglänzt von dem, was einmal war,
erhellt es mir das Herz und Glück.

Viel reißt der Leidenschaften Strom
dahin. Dein Bild hat er verschont.
Der Dom, verlassen, ist noch Dom,
Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.

Maler unbekannt

Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-1841)