Der Wind, das himmlische Kind

Wind fegt die kalte Erde,
sattelt die wilden Pferde.
Sie schnauben und verwehen
und bleiben niemals stehen.

Weiß ist die Welt von Glitzer,
der Sturm ein Herrgottsschnitzer,
er weckt in kahlen Gärten,
des Winters Schlafgefährten,

nimmt mit in Windeseile
die losen Blätterteile.
Er braust durch Land und Straßen,
die Mensch und Tier verlassen.

Doch bald wird still das Sausen
und Ruhe folgt dem Brausen.
Das Volk, es schmückt die Fenster,
vertreibt die Wind-Gespenster

mit Tannengrün und Kerzen,
erhellt die trüben Herzen.
Im lichten Widerschein
tritt Seelenruhe ein.

Die Wunde und das Eichhörnchen

Bild von Oldiefan auf Pixabay

Seit Ende Oktober habe ich fast tägliche Arztbesuche hinter mir, wovon ich selbst an Feiertagen und samstags nicht verschont wurde. Die Hautärztin war ein Engel! Wer behandelt neben den Praxiszeiten?! Sie und ihr Team ersparten mir lange Wartezeiten. Dafür bin ich dankbar! Dort bin ich für den 15. Dezember zur Booster-Impfung vorgemerkt. Alles ohne Schlange stehen und Terminkampf.

Heute war ich zum letzten Mal zum Verbinden der Wunde dort. Keine teuren Taxifahrten mehr und keine Quälereien. Es ist gut geheilt. Den Rest kann ich selbst übernehmen. Darüber freue ich mich sehr!

Wie schon so oft hatte ich vor der Operation einen Tiertraum:

Ich päppelte ein rotes Eichhörnchen auf, das mir überall hin folgte. Es war nicht zu halten, aber immer um mich herum. Kurz rannte es weg, kam dann aber wieder zu mir zurück. Doch dann war es fort und kam nicht mehr.

Das war ein Zeichen: die offene Wunde, die sich nun geschlossen hat.

Bild von 995645 auf Pixabay

Das Wort Hoffnung

Erinnerungen verblassen
und des Tages Ruhm vergeht.
Die Spuren, die wir heute zieh’n
sind morgen schon verweht.
Doch in uns ist die Sehnsucht,
dass etwas von uns bleibt,
ein Fußabdruck am Ufer,
eh‘ der Strom uns weitertreibt.

Nur ein Graffiti, das sich von der grauen Wand abhebt,
so wie ein Schrei, der sagen will:
Schaut her, ich hab gelebt!
So nehm ich, was an Mut mir bleibt,
und in der Dunkelheit
sprühe ich das Wort „Hoffnung“ auf die Mauern meiner Zeit.

Die Herzen sind verschlossen,
die Blicke leer und kalt,
Brüderlichkeit kapituliert
vor Zwietracht und Gewalt,
und da ist so viel Not und Elend
gleich vor uns’rer Tür,
und wenn wir ein Kind lächeln seh’n,
so weinen zehn dafür.

Der Himmel hat sich abgewandt,
die Zuversicht versiegt.
Manchmal ist’s, als ob alle Last auf meinen Schultern liegt.
Doch tief aus meiner Ohnmacht
und meiner Traurigkeit
sprühe ich das Wort „Hoffnung“ auf die Mauern meiner Zeit.

Um uns regiert der Wahnsinn
und um uns steigt die Flut.
Die Welt geht aus den Fugen,
und ich rede noch von Mut.
Wir irren in der Finsternis
und doch ist da ein Licht,
ein Widerschein von Menschlichkeit –
ich überseh‘ ihn nicht.

Und wenn auf meinem Stein sich vielleicht das Unkraut wiegt im Wind,
die Worte „Ewig unvergessen“ überwuchert sind,
bleibt zwischen den Parolen von Hass und Bitterkeit
vielleicht auch das Wort „Hoffnung“ auf den Mauern jener Zeit,
bleibt zwischen den Parolen von Haß und Bitterkeit
vielleicht auch das Wort „Hoffnung“ auf den Mauern jener Zeit.

Quelle: Musixmatch
Songwriter: Reinhard Mey

Englische Übersetzung:

Memories fade
and the glory of the day fades.
The traces we leave today
Are tomorrow already blown away.
But in us is the longing,
that something of us remains,
A footprint on the shore
before the current carries us on.

Just a graffiti that stands out against the gray wall,
like a scream that wants to say:
Look, I lived!
So I take what courage I have left,
and in the darkness
I spray the word „hope“ on the walls of my time.

The hearts are closed,
gazes empty and cold,
brotherhood capitulates
before discord and violence,
and there is so much need and misery
just outside our door,
and when we see one child smile,
ten weep for it.

Heaven has turned away,
And all hope is gone.
Sometimes it’s as if all the weight is on my shoulders.
But deep from my helplessness
and my sadness
I spray the word „hope“ on the walls of my time.

Madness reigns around us
and around us the tide is rising.
The world is coming apart at the seams,
and I still speak of courage.
We wander in the darkness
and yet there is a light,
a reflection of humanity –
I do not overlook it.

And if on my stone perhaps the weeds sway in the wind,
the words „Eternally unforgotten“ are overgrown,
among the slogans of hatred and bitterness
perhaps the word „Hope“ also remains on the walls of that time,
between the slogans of hatred and bitterness
perhaps also the word „hope“ remains on the walls of that time.

Schneeflocke

Der Wind trägt dich aus fernen Weiten,
lässt dich aus grauen Himmeln gleiten,
glitzernd wie ein kristallner Stern.

Bist so vergänglich, winzig klein,
doch wirst du in Gesellschaft vieler Flocken
bald wie ein weißer Riese sein.

Ein kühler Hauch bist du, bedenkt,
aus Wasser nur – auch wenn man’s halten kann,
doch rinnt aus deinem Schmelz alsdann
wieder ein flüchtig’ Element.

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Klänge von Zuhause

Bild von Rainer Maiores auf Pixabay

Vernimmst Du den heimlichen Klang?

Lausche in Dich hinein:
Wahrhaftig ein Künstler zu sein,
heißt, den heimlichen Klang zu ergründen,
Seele und Geist im Eins-Sein verbinden.

ER wird die Stille durchbrechen,
wird Dir singen und leis zu Dir sprechen,
fortnehmen, die Dinge, die Dich quälen,
Deine Beharrlichkeit wird er stählen.
.
Wirst Dich an den Ursprung zwanglos binden,
gemeinsame Wurzeln wiederfinden,
den fremden Lauten der Welt nachspüren,
um die falschen Akkorde zur Lösung zu führen.

Bis Du selbst der Klang bist, den viele vernehmen,
die sich nach höherer Einsicht sehnen.
Fühle die Disharmonie der Welt. Gib ihr neue Prägung.
Bringe sie geistig zu neuer Erhebung.

Lied der Engel

In Tönen, die nur Seraphinen singen,
durchströmt ein glockenheller Klang die Welt,
durch überirdisches Vibrato ferner Stimmen,
wird unsre Dunkelheit zum lichten Tag erhellt.

Wo Gottes milde Segensströme fließen,
ergießt sich jetzt der Engel heil’ger Lobgesang,
endlose Liebe wird sich über uns ergießen
und unsre wunden Herzen füllen, lebenslang.

Zuflucht

Caspar David Friedrich – (1774–1840)

Ich seh’ ein fernes Schimmern
am klaren Firmament,
das wie ein Hitze-Flimmern,
mir sehnsuchtsvoll entbrennt,

nach weiten Ozeanen,
nach bergesweißen Gipfeln,
nach langen Promenaden
und grünen Tannenwipfeln.

Nach unbefleckten Ecken,
fern von der Welten Nöte,
will sich die Seele strecken.
Ein Ort, der Zuflucht böte,

von weltlich lauter Plage,
geschützt vom Lärm der Zeit;
wo Gott die dunklen Tage
mit Regenbogen weiht.

Will bunte Brücken bauen,
zu einem Ort – so weit,
und dann verzaubert schauen,
den Platz der Ewigkeit.

Der weltliche Messias

Sir Lawrence Alma-Tadema (1836-1912)

Wie nur erlöst er unsre Welt,
der biblische Messias, wie versprochen?
Kommt er herab vom Himmelszelt,
in das er vor 2000 Jahren aufgebrochen?

Ist es denn seine Welt, die hier verblieb?
Der Menschen Freiheit kann nur Selbsterlösung sein!
Ist er denn der Messias, menschenlieb;
liebt er auch die, die unbezähmbar scheinen?

Der Wohlstand wächst, hat Städte reich geschmückt,
gebildet stark und stolz für Ewigkeiten.
Durch ‚Sklavenländer‘ ist das Land bestückt,
durch deren Wildheit sah ich Diebe steigen.

Sie krönen sich mit Raub und Kostbarkeiten,
irdische Straßen deuten ihre Wege.
Ihr stetes Wachstum, das sie sich erstreiten,
dem alt gewordenen Land bringt’s keinen Segen.

Wann naht Erlösung, wann ein neues Land?
Bringt denn der Mensch nicht alte Schuld hinein?
Zieht sich mit altem Denken Sklaventum heran,
will Herr über die ‚Untermenschen‘ sein?

In deren Städte würde Hochmut wohnen,
herab der Über-Mensch auf Menschen schaut!
So würde neues Land die Selbstsucht lohnen.
Es muss von selbst erblüh’n, was man bebaut!

„Entwicklung“ heißt ein Baum des Paradieses.
Im Frucht sein, wird er stets nach neuen fragen.
Der ‚Herr der Welt‘ geht nicht auf bunten Wiesen,
er muss im Werden auch den Untergang ertragen.

Die freie Seele in des Denkens Garten,
darf unsre alte Erde neu bepflanzen,
in Gottes Land, dem niemals offenbarten,
im eignen Garten, dienend so dem Ganzen.

Brot der Sprache

Der jüdische Schriftsteller Hans Sahl (eigentlich Hans Salomon) 1902-1992 war vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflüchtet. Von dort gelang ihm 1941 die Emigration in die vereinigten Staaten von Amerika.

Kein deutsches Wort hab ich so lang gesprochen.
Ich gehe schweigend durch das fremde Land.
Vom Brot der Sprache blieben nur die Brocken,
die ich verstreut in meinen Taschen fand.

Verstummt sind sie, die mütterlichen Laute,
die staunend ich von ihren Lippen las,
Milch, Baum und Bach, die Katze, die miaute,
Mond und Gestirn, das Einmaleins der Nacht.

Es hat der Wald noch nie so fremd gerochen.
Kein Märchen ruft mich, keine gute Fee.
Kein deutsches Wort hab ich so lang gesprochen.
Bald hüllt Vergessenheit mich ein wie Schnee.