Wenn du wiederkommst

Wenn du wiederkommst,
wird meine Seele jubilieren.
Wie ein fruchtbarer Boden
zwischen kalten Steinen
wirst du erscheinen.
Mein Herz kann nicht still sein,
will dich nicht verlieren,
im Weinen.

Meine Arme sind leer,
meine Sinne so trübe –
als grübe sich dumpfer Schmerz
in mein Denken.
Mir ist das Leben so schwer,
fühl’ mich unendlich müde.
Wohin wird es mich lenken?

Wie ein Liebesbrief
mit erbrochenem Siegel,
der versteckt vor der Welt
deinen Namen trägt,
bist du mein Ich hinter dem Spiegel,
das sich wie ein Gewissen in mir regt.

Untrennbares löst sich,
es bindet das Leben;
das Schicksal trägt in sich,
was geht und beginnt.
Die Hoffnung breitet in Liebe die Flügel,
wenn du wiederkommst,
mit dem Frühlingswind.

Orakel

Emil Dörstling 1859-1940 – Kant und seine Tischgenossen


Ein Teil des ew’gen Geistes Licht zu sein
und hier im Kreise der gelehrten, alten Runde,
mit Worten dringen durch des Schleiers Schein,
zu stärken euch in tiefstem Seelengrunde,
 
dies sei zu eurer Freude unser tägliches Bestreben,
fragt nicht die Wissenschaft, wenn ihr nach Wahrheit sucht,
wir sind es, die euch hier die Antwort geben,
liegt doch im Jenseits des Orakels Lösungsspruch.
 
Es gilt ein Zauberwort, das Nächstenliebe heißt,
für alle Zeit im Herzen dieser Welt zu integrieren,
nur wer die Existenz des Nächsten preist,
wird Gottes Sinn in den Alltäglichkeiten spüren.
 
Wer alles Leben ehrt, ehrt auch die Göttlichkeit,
drum seid bestrebt den rechten Weg zu gehen,
entfernt euch von der Oberflächlichkeit,
mildert mit Liebe euer Zeitgeschehen.
 
Schützt die Natur, die Schatzkammern der Erde,
begegnet voll Respekt der Schöpfung allen Lebens,
verteilt gerecht, dass endlich Frieden werde;
des Nächsten Last zu mildern, das sei euer Streben.

Melodie der Nacht

www.mondlicht08.de – Karin Milde

Du bist vergangen,
fern noch dein Lied.
Es klingt so dunkel,
und der Himmel singt
so Gott befohlen.
 
Die Welt, sie schlief,
und wie im Traum,
mit ihr die Zeit,
fern macht der Tag sich
nun bereit,
auf unsichtbaren Sohlen.
 

Erwartung

Aufstieg – Ferdinand Hodler 1853-1918

Ungeduld durchströmt das Handeln,
ohne Ruhe scheint der Geist,
wenn sich der ersehnte Wandel
scheinbar endlos dreht im Kreis.
 
Fern dem Ziel erscheint die Strecke,
die zu bewältigen wir wählten,
die wir langsam wie die Schnecke,
Schritt für Schritt uns vorwärts quälen.
 
Und haben wir trotzdem erreicht,
was wir zu träumen nicht mehr wagten,
dann wird’s ums Herz uns richtig leicht,
vergessen, wenn wir fast verzagten.
 
D’rum setzt die Ziele nie zu hoch
und nie zu groß das Streben,
gelingt in kleinen Schritten doch
der Aufstieg durch das Leben.

Gebet

Kurische Nehrung – Hans Kallmeyer 1882-1961

Herr, gib uns helle Augen
Die Schönheit der Welt zu sehn!
Herr, gib uns feine Ohren,
Dein Rufen zu verstehn.
Und weiche, linde Hände
Für unserer Brüder Leid
Und klingende Glockenworte
Für unsre wirre Zeit!
Herr, gib uns rasche Füße
Nach unserer Arbeitsstatt –
Und eine stille Seele,
Die deinen Frieden hat!

Frieda Jung (1865-1929)
Ostpreußische Heimatdichterin
geboren im Landkreis Gumbinnen

Liebe

Maximilian Pirner 1854-1924

Dein Blick ist mir das hellste
Licht auf dieser Welt,
wenn du es löscht,
bin ich allein im dunklen Raum.
Und meine Liebe zu dir,
die mich unlösbar in Fessel stellt,
ist stark – will Früchte tragen,
wie ein Baum.
 
Doch du beschneidest ihn,
lässt ihn nicht blühen,
und er fragt Gott: „Wann wird es Frühling sein?“
Die trüben Himmel sind stets über ihm
es bleibt die Kälte, und er steht allein.
 
Auch, wenn ich meine Hände nach dir strecke,
so wie der Baum zum Himmel sein Geäst,
so bleibst du fern, bist unerreichbar fort,
bist wie ein Horizont, der mir kein Leuchten lässt.
 
Nicht immer hält der Liebe Band
uns sanft umschlungen,
unlösbar ist es – trennen wird die Zeit.
So leb ich zwischen Sehnsuchtsleid
im Taumel, hoffend, wartend,
und täglich sind es die Erinnerungen
an jene Stunden,
als wir weltvergessen, voller Liebe,
einander in die Herzen lauschten,
und Liebe dort, so wie ein sanftes, frisches Windesrauschen,
ein Frühlingsweben in die Seelen schrieb:
 
Ich hab Dich lieb!
 

Es strömt die Nacht

Ivan Konstantinowitsch Aiwasowski 1817–1900

Es strömt die Nacht – hast du sie wirken sehn?
Sie webt ihr silbern Kleid um jeden Reinen,
um ihn mit seinem Schöpfer zu vereinen
in alter Pracht.

Es strömt die Nacht – hast du sie weinen sehn?
Sie klagt um jede Seele, die verloren,
noch nicht den Christus in sich hat geboren,
eh es vollbracht.

Es strömt die Nacht – hast du sie leuchten sehn?
Schon naht, dem blinden Erdensinn verborgen,
der lang verheißne, neue Weltenmorgen.
Wohl dem, der wacht!

<Ephides>

Sommerplage

Ich wünsche mir mein Büro zurück,
mit Klimaanlage und Kühle.
Ich sehne mich nach vergangenem Glück,
mit Schaukel und Gartenstühlen.

Foto: Gisela Seidel

Dem Sommer bin ich abgewandt,
möcht‘ mich am liebsten verkriechen.
Mag nicht das Meer und den vollen Strand;
will nicht Schweiß und Sonnencrem‘ riechen.

Foto: Gisela Seidel

Die Menschen laufen draußen umher,
so froh gelaunt und so munter,
als gäbe es keine Hitze mehr.
Ich lass‘ früh die Rollos herunter.

Foto: Gisela Seidel

Die Luft wird mir knapp, ist zum Schneiden fast,
und nachts macht der Tag so weiter.
Ich wünsch mir herbei ein herbstliches Nass,
und der Winter macht dann weiter.

Foto: Gisela Seidel

Zerflossen in dieser ‚Sommerlust‘
wünsche ich mir kühlere Tage.
Fühl‘ mich bedrängt von Wärme und Frust.
Der Sommer ist meine Plage!

Foto: Gisela Seidel

Liebesqual

Sie streicht mit sanfter Feder
über deine Haut.

Ein zartes Spiel,
noch lächelst du,
dem Streichelnden vertraut.

Doch jedes lose Gleiten
wird schnell zur Folter dir,
und du erstarrst
beizeiten.

Gefährlich ihre Kür.
Gefühlskalt geht sie mit dir
ganz grausam ins Gericht.

Sie lächelt noch,
mit Grausen erkennst du
ihr Gesicht.

Sie lacht das gleiche Lachen,
aus dem die Lust entsprang,

geöffnet war ihr Rachen,
mit dem sie dich verschlang.

Nun liegst du ihr im Magen,
du wälzt dich in der Qual.

Trotzdem würdest du sagen:
„Dasselbe noch einmal“.