Leben an Leben

Vladimir Kush (1965-

Das Leben ist wie eine Pflanze,
wurzelnd im Ur-Grund, zum Himmel strebend,
jedes mit einzigartiger Blüte,
im steten Werden, Wachsen und Vergehen.
Immer aufs Neue erdentief versunken,
irgendwann,
vom Licht bestrahlt, neu erwachend,
und vom Schein der Sonne gestärkt,
wachsend und blühend, mit frischen Trieben.
So reiht sich im Lichte GOTTES,
Leben an Leben,
Menschenblüte an Menschenblüte.
Gib dich seiner Flamme und du bist verklärt!

Maß der Zeit

Göttliche Geometrie – Vladimir Kush (1965 – )

Das Maß der Zeit, vergangenes Empfinden,
verschmilzt alsdann mit Gegenwart,

lässt Künftiges in Hoffnung gründen,
die eine Aussicht hat, auf Tat.

Ereignisse, die Wellen schlagen,
sind bald schon in vergangener Zeit,

wenn sie jedoch Gefühle tragen,
sind sie stets Gegenwärtigkeit.

Ist das Empfinden einst vorüber,
ziehn sie in „alte Zeiten“ um.

Wir ordnen Zeit, wie Pflanzenfreunde
die Blätter im Herbarium.

Bestimmen taktvoll unser Leben,
gleich, wie das Pendeln einer Schwingung;

die Rotation der Erdumläufe
sind unsrer Zeiteinheit Bedingung.

Der Zeiten Anfang? – Unerklärlich!
Es bleibt uns ein Mysterium.

Sterblich sind wir – Allväter ewig,
hier bleibt das Universum stumm.

Folgen

Pietro Saltini (1839-1908)

Sie waren jung und sehr verliebt,
hatten nur Augen für sich,
in ihnen erwachte ein lockender Trieb;
ihr Treiben kam bald ans Licht.

Nicht ohne Folgen blieb ihr Tun,
die Gesellschaft regte sich auf,
die Anklagen Dritter wollten nicht ruhen,
das Schicksal nahm seinen Lauf.

Der Liebe folgte alsdann das Bereuen,
sie waren arm und naiv.
Nie konnten sie sich ihren Leichtsinn verzeihen,
weil ihr Leben nun ernsthafter lief.

Die Verwandtschaft drängte folglich zur Ehe,
SIE zeigte stolz ihren Bauch.
Es gab keine Jobs in ihrer Nähe,
er ging noch zur Lehre, sie auch.

Sie feierten schließlich Hochzeit in Eile,
erwarteten Hilfe vom Amt.
Er lernte noch eine lange Weile,
ihre Ausbildung ‚fuhr gegen die Wand‘.

Als Geselle wurde er stolzer Vater,
dann folgte Kind Nummer Zwei.
Von vorne begann das Kinder-Theater.
Man(n) wünschte sich Ruhe herbei.

Sie war für Kinder und Haushalt da,
er hielt es nicht so mit der Treue.
Sie wurde im Alter wie unsichtbar,
nebenher nahm er sich eine Neue.

Es trieb ihn zu seinen Zech-Kumpanen,
dort betrank er sich über Gebühr.
Handgreiflich und wirr kannte er kein Erbarmen,
sie setzte ihn vor die Tür.

Gewalttätig blieb er, ist meistens betrunken,
ist frustriert von Frau und von Kind.
Ihr Leben bleibt so, in Schulden versunken,
…wenn sie nicht gestorben sind.

Engelsflügel

Caspar David Friedrich (1774 – 1840) – Engel in Anbetung

Wenn eine Sehnsucht weint,
ein Haus im Schatten steht,
geht dort mit mildem Licht,
ein Geist, der Sorgen trägt.

Und jedes müde Herz,
von diesem Geist erhellt,
versteht mit einem Mal
die Spaltung dieser Welt .

Geduldig schweigt er,
trägt sein Leid auf Erden
bis in den Abend,
ohne Aufbegehren.

Der Himmelsfrieden
fließt herab von fern,
versinkt in Träumen,
wie ein Hoffnungsstern.

Sein zarter Glanz,
ein Hauch nur, nur ein Schein,
will leiderfüllten Menschen
Liebe sein
und Hoffnung
über alle Trübnis breiten.

Geister der Nacht
mit Engelsflügeln gleiten.

Zeitzeichen

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Die Zeit ist fremd und kalt voran geschritten,
und meine Erdenzeit,
genährt von Himmelsfrieden,
bald entglitten.

Ich will nicht mehr in dieses Schema passen,
und poesielos letzte Federn lassen.

Will nicht die Menschen sehn im trüben Licht,
das mir verklärt die warme Himmelssicht.

Die Luft der Erde, die beim Atmen schwer
in meinen Lungen liegt – ich mags nicht mehr.

Fühl Gott in meinen Adern fließen,
trägt die Lebendigkeit,
die alle Mordenden mit Füßen stießen.

Fühl kalt die vielen Lügen um mich her,
Blicke, die sich an Leid erfreuen…
ich will’s nicht mehr.

Wohlstand und Freiheit –
wie kostbar ist dies Los!
Dennoch sind Münder,
die bösen Hass verstreuen, groß.

Ich kann nicht länger zusehen, wie sie streiten,
anstatt die Hand des Nächsten zu ergreifen,
mit ihm im Füreinander beten.
Wenn sie’s doch täten!

Verhängnisvolle Worte

Quelle: Seniorenportal

Ersonnen sind der Worte viele,
besinnliche Gedankenspiele,

die ganze Blätter-Wälder füllen,
erdacht, geschrieben, ganz im Stillen,

Anziehungskraft des fremden Flairs,
Unendlichkeit des Schriftenmeeres,

lässt uns in ferne Welten tauchen,
kann Märchen Wirklichkeit einhauchen;

das, was sonst niemand anders schafft,
vollbringt des Wortes Zauberkraft.

Schenkt uns ein Wort der Liebe Glück,
so nimmt ein andres dies zurück.

Mit ein paar hingesagten Sätzen,
kann man die Seele tief verletzen,

und oft noch leidet man alsdann
darunter gar ein Leben lang.

Wählt eure Worte mit Bedacht
und sprecht nicht aus, was Leiden schafft,

man kann in wunden Augen lesen,
dass Schweigen besser wär’ gewesen.

Der Ohrwurm

Der Betrunkene – Gemälde von Carl Spitzweg (1808-1885)

Ein Ohrwurm hing als kleiner Rest,
wie Fetzen, im Gehörgang fest,

dort trat er mit zerriss’nem Klang
ungnädig den Alleingang an.

Nach einer wohl durchzechten Nacht
hatte ein Mensch ihn mitgebracht;

statt Schlaf verfolgt ihn nun Musik,
mit Tönen, die dem Ohr nicht lieb.

Dort gingen didel-dadel-dum
die Schwindel ihm im Kopf herum,

und als des nachts sie kreisend flogen,
war Kopfschmerz in das Hirn gezogen.

Vom Alkohol gebeugt und stumm,
saß nun der Mensch im Bett herum.

Von der Musik war nichts geblieben,
der Ohrwurmfetzen war vertrieben,

der Rausch der Nacht war bald vorbei,
das Ganze ihm nun Warnung sei.

Schatten der Vergangenheit

Johann Heinrich Füssli (1741-1825)

Ich fühle, wie Gestalten
im Dämmerschatten stehen,
sind unsichtbar verknüpft
mit meinem Zeitgeschehen,
zeigen hilflose Momente,
warnend und wohlbekannt,
von denen ich mich trennte –
vernarbtes Lebensband.

Möcht’ ich mich auch entziehen,
in wilder, langer Flucht,
so kann ich nicht entfliehen,
aus dieser Lebensschlucht.
Schau mutig ich hinüber,
mit ungetrübtem Blick,
bringt dieses Schau’n doch wieder
Erinnerung zurück.

Sind’s dunkle Lebensflecken,
die dort im Nebel stehen,
die mir aus finster’n Ecken
tief ins Bewusstsein gehen.
Die vielen off’nen Wunden –
sie heilen wird die Zeit –
sind noch nicht überwunden,
obwohl Vergangenheit.

Willkür

S.O.S. – Evelyn De Morgan (1855 -1919)

Mit Willkür ist des Staates Macht
so voll und ganz durchwoben,
dass sie den Menschen Leiden schafft,
die sie zum Dienst erhoben.

Was wir gewählt in manchem Gang,
trug doch nur eine Maske,
die scheinbar groß, rhetorisch gut,
zu unsren Wünschen passte.

Bestimmungen sie sind geschrieben
wohl auf recht dehnbarem Papier.
Erwartungsvoll erhoffst du Frieden,
doch naht sogleich ein Kriegsgewirr.

Du hast als Bürger viele Rechte,
geschrieben auf geduld’gem Grunde
doch gibt’s genauso viele Schächte,
die wohl umgehen diese Kunde.

Erst wenn am Boden du schon kriechst,
mit blutig, blauen Knien,
du deinen Rücken krumm dir biegst,
wird dir Gehör verliehen!

Konzentriertes Elend

Flüchtlingslager – Wikimedia

Die Finsternis haust in den Ecken
voll Armut, zwischen Schmutz und Kot.
Das Elend wächst, muss nichts verstecken,
die Welt schaut weg, will Spaß, nicht Not.

Die Kinder wälzen sich im Müll,
mit ihnen spielt Armseligkeit.
Touristenreich durch das Idyll
flaniert der Spaß im neuen Kleid.

Wo neues Leben reift heran,
wächst neuer Hass auf Wohlstandländer.
Der Urlaubsspaß von nebenan,
beschallt die europäischen Ränder.

Über die im Mittelmeer ersaufen,
fährt derweil unsre Kreuzfahrtflotte.
Sind doch nur junge Männer-Haufen,
schwarz noch dazu: Lasst sie verrotten! (Ironie aus)

Was will Europa denn mit denen?
Geht wieder nur auf unsre Kasse!
Müssen wir Christen uns nicht schämen?
Sind Kirchen, Menschen ohne Klasse?

Betrüger, Schlepper, Waffenhändler,
sie schröpfen, töten ohne Skrupel,
die Hoffnung heimatloser Pendler
mit Blut bezahlt. Es rollt der Rubel!

„Und ewig grüßt das Murmeltier.“
Es scheint so fern, was doch so nah.
Der Mensch gleicht einem wilden Tier –
hier wird das Böse offenbar.