Hinter dem Vorhang

Musik, du Liebliche, bist Träger der Gedankenströme,
die aus mir fließen in die noch vorhandene Zeit,
und wie von weit erklingen unbekannte Töne,
die tief im Seeleninnern mir zum Lied gereift.

Hör es im Schlafe, singend, traumbeladen;
es teilt den Vorhang, öffnet, lässt mich sehen,
lässt Bilder aus dem Jenseits meiner Seele tragen,
die tief verschlossen ewig mit mir gehen.

Nur durch den Lichtstrahl eines edlen Fühlens,
das mehr als nur der bloßen Form entspricht,
die ohne Geistesinhalt, leer, die Normen trüben -
teilt sich der Vorhang, der sonst schwer und dicht.

Im feinstofflichen Reich der Geistesschäume,
zerfließen alle Formen wie in bunten Dünsten,
sie flammen auf, erlöschen, werden Träume -
als inneres Sehen lichter Nachtgespinste.

Damals

Adam und Eva im Paradies – Johann Wenzel Peter (1745-1829)

Es war einmal ein winzig Kleines,
das überhaupt nicht wusste, wer es war,
und was es sollte, blieb ihm ein Geheimnis,
denn so weit dachte es nicht, offenbar.

Es wuselte durch Weltgeschichten,
um ihn herum, die Pflanzen riesengroß.
Es konnte niemandem davon berichten,
denn da war nichts wie er, und er beschloss,

in sich die Hoffnung niemals zu verlieren,
voll Demut, dennoch himmelschreiend;
alleine würde er den Mut verlieren,
und einsam sein, das würd‘ er, obendrein.

Als androgynes Etwas – der Gedanke;
geboren war ein Adam dieser Welt,
und als sein Wunsch zum Himmel rankte,
der ihm die Adama zur Seite stellt,

da waren aus den Ursprüngen verbunden,
die Kreationen, Mann und Frau vereint.
Der Schöpfergeist hat sie für gut befunden,
in Obhut durch die Engel, gut gemeint.

Doch, da war plötzlich dieses Für und Wider,
ein Trieb, der nachzugeben zog und lenkte;
im Geiste ging die Mahnung auf sie nieder,
der Einsicht in den Tod des Lebens schenkte.

Es war einmal ein winzig Kleines,
das seiner Geistesgröße nicht bewusst,
als Androgynes, ewiglich Geheimes –
aus Fleisch und Blut, Vergänglichkeit ein Muss.

Der Vergessene

 Die Einsamkeit bei Tagesanbruch – Johann Heinrich Füssli (1741–1825)
Nur Sterne waren dort, der Mond so weit;
der Himmel über ihm, ist grau verhangen.
Er fühlt die Leere um sich, weit und breit
ist niemand da; sind alle fortgegangen.

Doch neben ihm, da liegt ein Treuer,
erwacht wie er im zarten Morgenrot.
Das Hündchen trieb die Ungeheuer
der Nacht hinfort und alle Not.

Er greift nach ihm und fühlt sein Herz,
wie still es pocht, ganz im Vertrauen, gut.
Sieht er die Augen funkeln, geht der Schmerz
und seine Seele weiß, wie gut es tut.

Er ist ein Wanderer in dieser Welt,
an seiner Seite gingen viele Seelen,
die durch Erfahrungen sein Herz gestählt,
nur sein getreuer Hund, er würde fehlen.

Nun sind sie alt geworden hier auf Erden.
Klingt wie das herbste Wort von allen herben.
Der stille Tod ist das Vergessenwerden,
was noch viel bitterer ist als Sterben.

Schlafes Bruder

Nachtmahr – Johann Heinrich Füssli (1741–1825)
Der Geist ist wach, auch wenn du schläfst,
der Körper wälzt sich in Erfahrungen der Jahre,
die Vielfalt ist so groß, die Spanne weit,
dass sich im Traum Durchlebtes offenbare.

Des Schlafes Grund ist ähnlich wie der Tod,
weil die Maschine „Körper“ ruhen muss.
Die größten Ingenieure dieser Welt,
kreierten nie der Weisheit letzten Schluss.

Der Körper ist ein wundersames Werk,
so wundervoll, wie es kein zweites gibt;
doch ist die Leistungsfähigkeit nur kurz
und manchmal wird man abermals belebt.

Wahrhaftig, man stirbt jede Nacht!
Nur durch die Silberschnur sind wir verbunden;
der Geist ist frei, ganz körperlos und wach,
treibt er durch viele Sphären, in geträumten Stunden.

Das menschliche Gehirn ist klein; nur bruchstückhaft
erinnern wir uns an die Sinnesdimensionen,
die wir durchziehen, wenn wir schlafen in der Nacht;
die Lücken schließen sich, wenn wir erst drüben wohnen.

Musikunterricht

Georgios Iakovidis (1853-1932)
Jungs aus meiner Klasse
haben ihn nicht ernst genommen – Mädchen schon;
trafen doch die meisten Flegel
absichtlich den falschen Ton,

und der gute, alte Lehrer
schien entgeistert von dem Sang;
nur wir Mädchen sangen leidlich,
mit Klavier-Blockflötenklang.

Und ich pfiff in allen Tönen,
selbst erlernt, mit Klammergriff.
Eltern mussten sich gewöhnen,
manchmal 'pfiff' mein Vater mit.
Simon Glücklich (1863-1943)
Festlich war die Weihnachtsfeier, 
laut war unser Flötenchor,
und der gute, alte Lehrer
stand mit Taktstock stolz davor.

An mein graues Liederbuch
denke ich so manche Stunde,
seh‘, wie die Kultur vergeht,
mit ihr auch die alte Kunde.

Wenn die vielen Worte sterben,
die einst unser Volk geprägt,
dann verblasst der Ahnen Erbe,
das sie uns ans Herz gelegt,

denn die Verse dieser Lieder
spiegeln einfühlsam die Zeit,
öffnen das Erinnern wieder,
was in Herz und Köpfen bleibt.

Gefühl von Sommer

Bild von pasja1000 auf Pixabay
Der Himmel breitet seine Bläue
an Sonnentagen über Stock und Stein.
Die Welt liegt hell, dass sich ein Jeder freue,
und jedes Korn wiegt sich zur Reife ein.

Geöffnet sind die weiten Sommertore,
und alles, was sich regt nach Licht,
erblüht im rosa Schein, wie Blütenflore,
dass sie verblühn, erschreckt sie nicht.

Willst du die Gräser wachsen hören? –
Es treibt hinauf, das immer gleiche Lied!
Als wollten sie beschwingt den Tag beschwören,
der Schatten nimmt und pure Liebe gibt.

Zeitgeist

Die Zeit vergeht,
so zäh wälzt sie sich oftmals,
wie ein Lavastrom
und so behäbig,
manchmal scheint’s,
sie ist nur Illusion.

Durch die Epochen
kommt sie gekrochen;
doch halten kann man sie nie,
und irgendwann wird sie vergehen,
mit ihr das Zeitgeschehen,
und eine neue Zeit
sie folgt der alten,
so wie ein endlos' Band
geknüpft an die Gewalten
der vergang’nen Zeiten,
steht sie in dunklem Kleid
und hast du sie erkannt,
wird sie dir sanft entgleiten.

Einsamkeit

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Frau am Fenster

Keine Stimme, die ruft,
kein Herz, dem ich fehle,
nur Einsamkeit, Stille,
durch die ich mich quäle –
aus der Ferne, der Klang der Motoren
und manchmal will sich die Ruhe
in meine Seele bohren.
 
Suche Beschäftigung,
die diesen Bann durchbricht,
doch wirklich finde ich sie nicht.
Kann mich nicht fügen,
nicht konzentrieren,
möcht‘ manchmal den Verstand verlieren.
 
Ich schau’ die Wände an –
es sind dieselben, die ich vor einer Stunde sah;
verwandeln möchte ich die gelben
in bunte, mit Punkten,
die ich dann zählen könnte,
um mich abzulenken,
vom Denken.

Golgatha

Kreuzigung Jesus von Nazareth – Christian Wilhelm Ernst Dietrich (1712-1774)
Stille trägt die Last des Tages 
und des einstigen Geschehens;
Sein Ermatten und Gemahntes
wird durch die Geschichte gehn.

Hat den bitteren Kelch getrunken,
sah sie kommen, diese Nacht;
sah die Mutter, die gesunken,
vor dem Kreuz, das Leiden macht.

Tod, der Wartende am Hügel,
mit gesenktem Blick davor,
hielt geduldig seine Zügel,
doch dann trieb sein Ross empor.

Aus der blut’gen Dornenkrone
trieben plötzlich weiße Rosen;
und man nahm Ihn aus der Mitte
seinen Leib, den regungslosen.

Will im tiefsten Deingedenken
jedes Leid auf Erden sehen;
will den Blick zum Himmel lenken
und glaub‘ an Dein Auferstehen.

Hilfloses Altern

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Die Tür fällt leis ins Schloss!
Du musst verlassen deines Wirkens Stätte.
So, wie ein langer Regen sich ergoss
und dann versickert tief im Erdenbette,
so flossen deine Tage voller Schaffen,
doch langsam wich die Kraft aus deinen Zellen,
vorbei der Ansporn, das Zusammenraffen,
der Zahn der Zeit, er nagt an allen Stellen.

Ein letzter Blick fällt auf das Altvertraute,
ein tiefer Seufzer der Erinnerungen.
Der mit Elan einst Zukunftsschlösser baute,
ist ohne Ziele, ganz vom Weh durchdrungen.

Die Wehmut lenkt die Schwere deiner Schritte,
nichts hält dich, niemand, der dein Dasein wandelt;
was du einst liebtest und dich hielt in deiner Mitte,
es ist längst fort, vorbei und abgehandelt.

Führst Zwiegespräche mit den Unsichtbaren,
die schon vor langer Zeit die Welt verließen.
Hilflosigkeit wächst mit den täglichen Gefahren
und tückisch scheint der Weg unter den Füßen.

So gehst du hin in eine Heimstatt, die man wählte,
und überschaubar werden deine letzten Jahre.
Am Ort, an dem Vergessenheitsgequälte
vergessen werden, steht bereits die Bahre.

Wenn Menschenhände dich längst losgelassen,
du mit Erinnerungen nur im Damals lebst,
bleibt dir nur Gott – er wird dich nicht verlassen,
wenn du auf deine letzte Reise gehst.