Seelenflüge

Louise Janmot (1814-1892)

Die Seele öffnet ihre Flügel, wenn sie liebt.
Hebt alle Erdenanker, treibt im Meer des Sehnens,
und so, wie Sommerwolken über Wellen schweben,
treibt sie bis an die fernsten Weltenenden
im Strom der Leichtigkeit dem Liebenden entgegen.

Der Ruf der Seele sucht das Ohr des andern,
der einsam und allein am fernen Ufer stehend wartet
und voller Angst den Weg zurück nicht findet.
Dazwischen sucht die Woge des Vergessens
im Strom verflossener Zeit Vergangenes zu lösen.

Die Seelenflügel sind im Liebesfluge weit gebreitet.
Sie suchen Herzensbrücken über Abgrundtiefen
auf neuem Grund zu bauen, in Liebe fest verankert,
den bodenlosen Strudel fliehend.
Nur, wenn man liebt, dann hat die Seele Flügel.

Aus unsichtbarer Welt

Sir Edward Burne-Jones (1833-1898), Phyllis and Demophoön

Ich möcht‘ aus deiner Seele lesen,
erfühl’n die Göttlichkeit in ihr,

möchte als unerkanntes Wesen,
die Rose sein, vor deiner Tür.

Möchte dich in Gedanken halten,
zum Tanze nah dich wiegend schwingen

und dir die Blume für dein Haar
aus dem verbot’nen Garten bringen;

möchte im Mondschein dich bezaubern,
mit Sternen, die am Himmel tanzen,

dir nur die schönsten aller Rosen
in deine Herzenslaube pflanzen;

möchte dein Narr sein und dein Held,
der treu und schützend dich umgibt,

der dich aus unsichtbarer Welt
bereits seit Ewigkeiten liebt.

Will sanft dich sicher halten,
wenn du zu fallen drohst,

möcht‘ deinen Weg begleiten,
ewig und grenzenlos.

Untragbar

Dein Blick war mir das hellste
Licht auf dieser Welt,
du nahmst es fort,
ich trieb allein im dunklen Raum,
und meine Liebe zu dir,
die mich unlösbar in Fessel stellte,
war stark, wollt‘ Früchte tragen
wie ein Baum.

Doch du beschneidest ihn,
lässt ihn nicht blühen.
Er fragt das Jahr: „Wann wird es Frühling sein?“
Die trüben Himmel sind stets über ihm,
es bleibt die Kälte, und er steht allein.

Auch, als ich meine Hände nach dir streckte,
so wie der Baum zum Himmel sein Geäst,
so bleibst du fern, bist unerreichbar fort,
bist wie ein Schatten, der kein Leuchten lässt.

Nicht lange hielt das Liebesband
uns sanft umschlungen,
unlösbar schien es – trennend war die Zeit.

Ich lebte zwischen Sehnsuchtsleid
im Taumel, hoffend, wartend,
und täglich sind es die Erinnerungen
an jene Stunden,
als wir weltvergessen, voller Liebe,
einander in die Herzen lauschten
und Liebe dort,
so wie ein sanftes, frisches Windesrauschen,
ein Frühlingsweben in die Seelen schrieb:
Ich hab dich lieb!

Der Geist dieses Ortes

Genius huius loci – in Weimar

aus Werthers Leiden von Johann Wolfgang von Goethe,
Zeichnung von Friedrich Bold

Es gibt einen Ort dessen Schwingung
erstrahlt mir so rein wie Kristall.
In seinen Facetten, da spiegelt
sich dein Geist noch ein letztes Mal.

Spür’ noch deinen Arm, deine Blicke,
die heller erstrahlten als Licht.
Warst mir der Schönste zum Glücke,
erhaben, dein Geist, dein Gesicht.

Als leise im Frühlingserwachen
dein Mund mich zärtlich berührt,
da hab ich auf heißen Wangen
den Hauch deiner Liebe gespürt.

In unseren Herzen lag Frieden,
Glückseligkeit gab uns Geleit,
doch blühten die Herbstzeitlosen
uns lange schon vor der Zeit.

Das Schicksal, es streute uns Rosen,
doch der Geist unsrer Liebe trieb fort.
Vorbei ist das Streicheln und Kosen,
die Blüten, zertreten, verdorrt.

Das Leben hat alles genommen;
dein Geist ist so fern mir, so weit.
Nun ist der Winter gekommen –
du hast dich von mir befreit!

Verwoben

Fotograf unbekannt

Der Raum – erfüllt von dir,
und wenn ich meine Augen schließe, bist du hier.

Ich fühle deinen Atem noch an meiner Wange,
und deine starke Hand hält mich noch lange,

auch wenn es nicht in Wirklichkeit geschieht,
du bist noch hier, doch deine Schwingung flieht,

und schon nach kurzer Zeit geht sie dahin,
doch bleibst du tief in Seele mir und Sinn.

Das Schicksal hat uns für die Ewigkeit verwoben,
es scheint, als hätten Engel uns ins Licht gehoben.

Ein Teil von mir bist du, das ich nicht missen will,
an deinem Herzen werd ich ruhig und still.

So gern würd‘ ich die Zukunft für dich sein,
denn nur ein Tag mit dir fängt mir die Sonne ein.

Bedingungslose Liebe

Wir sollten versuchen, die Menschen zu lieben wie sie sind, ganz gleich auf welchem Weg sie sich befinden, und ganz gleich, welch eigene, besondere Art ihnen innewohnt. Auch, wenn ihre Taten nicht immer liebenswert sind, so bedeutet “bedingungslose” Liebe, so, wie die Sonne auf alles zu scheinen, was existiert auf Erden, auf Gut oder Böse.

Du gehst deinen eigenen Weg. Es sind deine Entscheidungen, auf welche Weise du deine irdischen Lektionen lernen möchtest. Sei der Mensch, der du sein möchtest und nicht der, den andere erwarten. Doch vergiss dabei nie: Du sollst niemandem antun, was du selbst nicht ertragen könntest! Bleib stets liebevoll und lass dich niemals leiten von Hass, Rache, Neid und Gier.

Niemand kann wissen, was für dich das Beste ist, obwohl andere es manchmal meinen. Sie waren niemals dort, wo du gewesen bist, sind nie in “deinen Schuhen gelaufen”, haben das Leben demnach nur aus ihrem eigenen Blickwinkel betrachtet, von ihrem Standpunkt aus.

Welche Lernaufgaben du dir ausgesucht hast, als du in dieses Leben kamst, weiß niemand auf Erden. Es liegt alleine an dir, wie oder mit wem du sie lösen möchtest und in welcher Zeit. Denke aber daran: Deine Eltern, die Menschen mit denen du zeitlebens zusammentreffen wirst, hast du dir selbst gewählt, um durch ihre Taten zu wachsen und zu reifen. Seelenreifen ist Schmerz! Menschen, die dir scheinbar Schlechtes antun, damit du reifen kannst, haben eine schwere Aufgabe übernommen. Sei auch dafür dankbar!

Wie viel Zeit dir gegeben ist, weiß nur Gott. Bedenke: Zeit ist das einzige Kapital, das du auf diese Welt mitgebracht hast. Versuch sie mit Gutem und Nützlichem zu füllen, dann wirst du darin weiterleben. Niemand hat die Welt durch deine Augen gesehen, wie könnte jemand also wissen, was du benötigst?!

Wenn dich deine Handlungen, Gedanken oder Worte zu Taten treiben, mit denen du anderen Schaden zufügst, überdenke den Weg, der dorthin geführt hat. Nur du allein bist ihn gegangen. Auch Vergebung ist Liebe. Dennoch dient alles, was du tust, dem geistigen Wachstum.

Ein jeder sieht die Welt aus seinem eigenen Blickwinkel. Akzeptiere, dass es vielerlei Möglichkeiten gibt, die verschiedenen Seiten unserer Welt zu betrachten und zu erfahren. Niemand darf dir dein Recht auf Entwicklung absprechen. Alle Menschen verfügen über dieses Recht! Versuche, die Liebe, die du in dir fühlst, an alle gleich gültig weiterzugeben. Sei wie die Sonne, die nicht unterscheidet und alles gleichermaßen bestrahlt. Was du ausstrahlst, wird zu dir zurückkommen! Was du säest, das wirst du ernten!

Du hast die freie Entscheidung, deinen, von dir gewählten Weg zu gehen. Ob es der richtige war, wirst du erfahren. Falsch gewählte werden dich zurückwerfen. Manchmal musst du eine Weile ausruhen und in dich gehen, wenn du wieder einmal in einer Sackgasse steckst. Du kreierst hier auf Erden deinen eigenen Himmel oder deine eigene Hölle.

Ob der Weg auf- oder abwärts führt, bestimmst du alleine. Sei Balsam für die Welt, nicht Säure, die zerstört! Jedes Wesen folgt dem inneren Drang, der ihn seinen Pfad erkennen lässt. Dieses Drängen kommt von Gott, der uns in die richtige Richtung führt. Jeder Mensch kann hier auf Erden auf ganz individuelle Art und Weise seine eigene Weisheit und Liebe einbringen. Wir sind hier, um Lieben zu lernen.

Die Welt wird uns gereicht, wie ein bunter Blumenstrauß aus vielen Rassen, Religionen, Kulturen, Nationalitäten und Glaubensrichtungen, sodass wir aus dieser Vielfalt einen großen Nutzen und viele Lehren ziehen können. Die Menschheit besteht aus Brüdern und Schwestern, auch, wenn sie an fernen Orten geboren wurden oder einen anderen Glauben haben.

Tolerant sein, ist nicht immer leicht, aber wir lernen ja noch, sonst wären wir nicht hier.

Seelenleuchten

The Kiss – Silvio Allason (1845-1912)

Es war im Blicke seiner Augen,
ein Funken von Verbundenheit;
an wahre Liebe wollt‘ ich glauben,
an Feuer in der Dunkelheit.

Da war ein Leuchten unsrer Seelen,
etwas ergriff mein ganzes Herz,
es schien vom Boden mich zu heben
und gleichsam zog es voller Schmerz.

Es waren kurze Glücksmomente,
ein Losgelöst sein von der Zeit.
Des Glücks Sekunden sind zu Ende,
Erinnerung beschwert mein Herz.

Wieder ist Frühling! Aufgewühlt,
geht weit zurück ein altes Hoffen.
Nie wieder hab ich so gefühlt!
Kein Herz schien mir so nah und offen.

Durchlebte Zeit

„Träumerei“ Gemälde von Franz Guillery (1863-1933)


Wie schnell die Zeit läuft,
wenn du bei mir bist,
wie sie zu stehen scheint,
wenn du mich küsst.

Wenn deine Lippen sanft auf meine Hände gleiten,
dann ist es so,
als würden die Sekunden schleppend schreiten
und sich nur zögernd mit den Strömen der Vergänglichkeit verbinden,
als müssten unsre Seelen sich in ihren Tiefen wieder finden.
Nur unsre Liebe hilft uns aus dem irdischen Geschehen,
hinüber in die zeitenlose Dimension zu gehen.
Wenn unsre Geister sich im Über-All verbinden,
dann werden wir uns in den fernen Himmeln wieder finden,
die wir verlassen mussten schon vor Ewigkeit;
nun fanden wir uns auf der Erde wieder,
hier und heut.

Wenn mir dein Augen-Blick wie ein Versprechen scheint,
das uns nicht erst in der Unendlichkeit vereint,
dann werden mir die Tage lang und endlos scheinen,
und in der Zeit des Wartens werd‘ ich bittre Tränen weinen.

Du gabst mir nichts,
nur deine Liebe gabst du, deinen lieben Blick,
doch brachtest du mir das Elysium in diese graue Welt zurück.
Gib mir die Hand für eine lebenslange Reise durch die Zeit,
sag niemals, unsre Liebe sei Vergangenheit.

Selbst befreit

Károly Brocky (1807-1855)- Schlafender Bacchant

So, wie ein Hauch
im Fluss der Zeit verdunstet,
gelöst, gelöscht die Spur,
die tränenreich verschwamm.
 
So trieb der Rauch,
der lichtlos sich verdunkelt,
aus meiner Hölle hoch empor,
als Glut noch glomm.
 
Was bleibt zum Schluss?
Ein Nicht-Verstehen,
Vertrauensbruch und Schmerz,
der tief begraben in der Grube ruht.
 
Doch weckt man ihn,
zerreißt es mir das Herz,
und aus dem Rauch
und aus der Asche steigt die Wut.
 
Es gab kein Wort,
kein Abschied…letzte Blicke.
Erklärung suchend
deute ich den Schluss.
 
So wende ich mich ab,
ertrag die Tritte,
von dem, der „rein“ zu sein schien,
mit Verdruss.
 
Benutzt, gedemütigt, verworfen,
verletzt, verstoßen – längst bereut.
Verbrannt im großen Höllenofen
der Fehler…schließlich selbst befreit.
 

Frühling ohne Wiederkehr

Edmond Aman-Jean (1858-1936)

Lieblich ist des Lenzes erstes Lächeln,
wenn in Blütenbäumen laue Luft sich wieget,
und des Baches eisbefreite Welle
nicht mehr stockend, durch die Fluren rinnt.

Dann ermuntern sich zu neuem Leben
die verblich‘nen Wiesen aus dem Winterschlafe,
und das Gras wacht auf, und decket träumend
wiederum den Schoß der Mutter Erde.

Und die Blumen öffnen ihre Kelche –
alle die im späten Herbste starben
richten sich aus ihrem dunklen Grabe
neu empor im Glanz der Auferstehung.

O Natur – wie milde gibst du wieder
was dein feierlicher Gang zerstöret.
Fest im stillen, ewig gleichen Kreislauf,
folgt auf deinen Ernst ein mildes Lächeln.

Nicht Vernichtung, nur ein leiser Schlummer
hält des Frühlings holde Lust gefangen;
bald, bekränzt mit Veilchen, kehrt er wieder
süß umhallt von Nachtigallentönen.

Doch wann kehrt der Liebe Frühling wieder?
Ach, verscheucht hat ihn die Nacht der Trennung
und der Winterschauer einer ew’gen Ferne
tötet rauh das zarte Grün der Hoffnung.

Des beisammen Lebens Stundenblumen
starben hin im Seufzerhauch des Abschieds.
kummervoll benetzt von heißen Tränen,
sind der Freude Rosen längst verblichen.

Keine Sonne wird sie neu erwecken –
keines Wiedersehens gold‘ner Schimmer
winkt des Glückes lichterfüllte Tage
aus dem Grabe der Vergangenheit hervor.

Traurig zieht der Jahreszeiten Wechsel
meinem still umwölkten Blick vorüber.
Ach, es folgt der Frühling auf den Winter,
aber nimmer kehrt der Liebe Frühling wieder!

Charlotte Elisabeth Sophie Louise Wilhelmine von Ahlefeld
(1777 – 1849)