Kaninchen

Paul Hoecker (1854-1910)

Hinter dem Haus – ein Kaninchenstall,
bot ihnen ein liebloses Heim.
Das war halt so, ich warf lieber Ball,
zum Nachdenken war ich zu klein.

Urin durchtränkt und von Kot übersät,
war der Stall – kein schöner Ort.
Vater war der, der säubert und mäht,
denn sie fraßen in einem fort.

Doch hinter dem Haus war zu wenig Grün,
und wir zogen mit Leiterkarren
in „den Bruch“, um Kettensalat zu ziehen,
für alle, die hungrig waren.

*Bruch = Rheinaue Homberg

Felix Schlesinger (1833-1910)

Nach einem halben Jahr etwa,
ging Vater allein in den Garten.
und sonntags gab es dann sogar
Kaninchen als Sonntagsbraten.

Dann eines Tages lernte ich schnell,
was mich schier mit Leid berührte,
als mein geliebter „Hansi“ ohne Fell,
hing an der alten Türe.

Ich war schockiert, war lange betrübt
und habe seitdem beschlossen,
nie wieder zu essen, was ich geliebt,
schon gar keine Hausgenossen.

Ich mag…

Schneewittchen und die sieben Zwerge – meine Kindergarten-Zeichnung 1957

Ich mag in der Vergangenheit wühlen,
habe so manche Träne vergossen.
Ich dekoriere Eier, spür‘ alte Gefühle;
hab sie tief in meinem Herzen verschlossen.
Ich tue so, als wären ALLE bei mir.
Denn nur, weil IHR gelebt, bin ich hier!

Ich mag Kamine, die rauchen…wie auf meinen Kinderbildern.
Häuser, in denen vertraute Menschen wohnen und Gewohnheit,
die, wie gewachsen an Jahren, Ringe wie in Stämmen tragen.

Ich mag rote Ziegelstein-Dächer, die bei Regen dunkler werden,
dort, die vielen kleinen Schlote, für das Rauchige auf Erden,
Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt Behaglichkeit versprüht.

Ich mag, wenn Vögel in den Rinnen Regenwasser trinken,
auf den Dächern landen und zurück in hohe Bäume fliegen,
wo in den Gärten ihre Nester liegen und sie kunstvoll Zweig am Zweig
verbinden.

Ich mag, wie in der Kindheit auf der steinernen Treppe sitzen,
Lakritz-Wasser trinken und Glanzbilder in Opas Zigarrendose betrachten,
die Unbeschwertheit weniger Tage genießen und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.

Ich mag die ferne Zeit in unserem Garten,
wo Ostereier noch mancherorts lagen.
Als ich zum jährlichen Osterfest unter den Sträuchern fand so manches Nest.

Ostern 1957 – Foto: Almuth Köhler

Dort, wo die Osterfeuer nicht verboten, sondern der Freude dienen und dem Brauch.
Wo uns niemand am Menschsein hindert, das eigentlich gut war, als wir erschaffen,
das mag ich auch!

Die Rhön

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Ich erinnere mich: Als ich 13 Jahre alt war, gab es in der Tageszeitung meiner Eltern samstags eine Rubrik, die nannte sich „Pfiffikus“. Ob es sie heute noch gibt, weiß ich nicht. Damals konnte man eine Schriftanalyse anfertigen lassen, durch die festgestellt wurde, welcher Beruf in Frage käme. Die Antwort auf meine Anfrage lautete: Bauer.

Mit dieser Aussage konnte ich mich identifizieren. Nichts war mir lieber, als die Erinnerungen an die Kindheitstage in der Rhön. Dorthin fuhr ich relativ häufig, erst mit meiner Mutter, später dann mit beiden Elternteilen.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Das Bauerndorf heißt „Habel“. Es war klein, hatte nur wenige Einwohner. Habel wurde damals Grenzort und lag nur 2 km von der Grenze entfernt. Meine Mutter musste aus dem Arbeitsdienst dorthin flüchten, als vor Kriegsende ‚der Feind‘ immer näher kam. In Habel wurde meine Mutter aufgenommen und bei einem Bauern untergebracht.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Als ich klein war, lebten dort Kinder im gleichen Alter. Ich durfte später bei dieser Familie wohnen.
Mit den Mädchen bin ich an die Zonengrenze gegangen und verstand damals das warnende Stoppschild nicht. Es war uns verboten, dorthin zu gehen.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Am liebsten verbrachte ich den Tag in den Ställen. Jeder Bauer hatte Schweine, Kühe und Hühner. Es machte mir nichts aus, früh aufzustehen, um die Kühe auf die Weide zu treiben. Das war um fünf Uhr. Auch heute bin ich Frühaufsteher. Danach halfen wir auf dem Feld oder in der Küche. Einmal im Monat wurde im Dorf-Backhaus Brot gebacken, das herrlich schmeckte: große runde Laibe mit Sauerteig und Gewürzen. Darauf leckere Marmelade aus Himbeeren. Das ist ein Geschmack aus der Kindheit, den ich in meinen Gedanken eingefangen habe. Hier in NRW gibt es solch ein Brot nicht. Aber hin und wieder bestelle ich es mir online.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

In den letzten Tagen fand ich im Internet einen Persönlichkeitstest, der angeblich anzeigte, welchem Beruf man in einem längst vergangenen Leben nachgegangen sein soll. Wieder war das Resultat: Bauer im 30jährigen Krieg.

Schon seltsam, wie mich das verfolgt. Vielleicht im nächsten Leben?

Vater und Familie

Foto: Almuth Köhler, Mein Vater backte die leckersten Torten

Familie, in die hineingeboren,
ich mich wie ausgeliefert sah.
Als Baby, neu und unverdorben,
nahm ich den Vater ‚böse‘ wahr.

Sein Schreien, aggressiv im Tone,
sein Schlagen, wenn ein Wort nicht passte,
bis ich dem Männerbild zum Hohne
ein Vater-Abziehbild verpasste.

Ich musste ‚Bitte, Bitte‘ machen,
wenn Vater was gewähren sollte.
Ins Wohnzimmer geschlichen bin ich,
damit der Vater mir nicht grollte.

Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen

Und meine Mutter stand ganz stumm,
wenn voller Furcht die Tränen rannen.
Was Vater tat, schien ihr nicht dumm,
ich sollte Folgsamkeit erlangen.

Und jede Träne war sein Ziel,
er hasste meine jungen Schwächen.
Für ihn war es ein ‚schwarzes‘ Spiel,
mich bei Missfallen zu verdreschen.

Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen

Ich liebte ihn, trotz alledem.
Er war mein ‚böser Friederich‘*.
Erst spät im Alter konnt‘ ich sehn,
weshalb am Leben man zerbricht.

So lieblos, wie man ihn erzog,
gab er‘s cholerisch mir zurück.
Dass man mit falschen Werten wog,
ist der Gewissheit schweres Stück.

*aus dem „Struwwelpeter“

Anmerkung: Mein Vater wurde mit 15 Jahren zum Militär einberufen. Sämtliche Kameraden sind damals in Stalingrad gefallen. Er war zwei Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft. Solch eine Erfahrung bleibt nicht ohne Folgen.

Die Zeit steht still

Foto: Gisela Seidel

Die Uhr blieb stehn, nach mehr als 100 Jahren.
Ein silbern Zifferblatt, vom Glas bedecktes Kleid,
trotzte so manchen Kriegsgefahren,
doch schließlich siegt der Zahn der Zeit.

Die Zeiger ruhn, sie zogen ihre Runden,
als ich von Krieg und Frieden keine Ahnung hatte.
Im Zeichen bittrer oder süßer Stunden
drehten die Räder unter’m Zifferblatt.

Dem Ticken folgte eine ‚laute‘ Stille,
war wie ein Zeitensterben dann.
Die Uhr, nur schwarz und hölzern ihre Hülle,
auf die ich nichts mehr lesen kann.

Ihr Schlagwerk musste lange schweigen,
doch weiß ich noch den Klang zur vollen Runde,
mit dem er prägte meinen Lebensreigen
und manch durchlebte Kinderstunde.

Als Kind sah ich oft mahnend Omas Hand,
wenn zaghaft sie den großen Schlüssel nahm
und jedes Dreh’n die Feder wand,
damit das Pendel in Bewegung kam.

Voll Übermut hät‘ ich gern aufgezogen,
was meiner Oma lieb und teuer war.
Doch ich war klein, Impuls bewogen,
den Schlüssel wollt ich nehmen, unsichtbar,

und auf ein Bänkchen steigen, ungestört
den Schlüssel drehen…bis die Feder sprang,
den Dialekt in Omas Schimpfen hören…
verklärt mein Blick zurück ins Irgendwann.

Die Zeiger stehen still, die Zeit blieb stehn.
Für mich ein Zeichen von Vergänglichkeit.
Als Kind hab ich die Raben fliegen sehn,
als sie entkamen aus dem Uhrenkleid.

Winterträume

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) – Winter

Ach, wie war es eine Freude,
wenn wir morgens aufgewacht;

wenn das Eis am Fensterkleide
Blumen pflanzte über Nacht,

fielen sanfte Winterträume
flockendicht auf den Asphalt,

lag der Schnee auf allen Bäumen,
deckte Böden, Tal und Wald,

haftend auf des Weges Strecke;
Flocken trieben himmelsfern.

Hell erstrahlt die Straßendecke,
leuchtet, wie ein lichter Stern.

Unter’m Glanze der Laternen
streut die weiße Glitzermacht

flatterhafte Funkelsterne
flockenprächtig in die Nacht.

Hell erleuchtet sind die Fenster,
wo die Menschen stehn und schaun.

denn das kalte Wintertreiben
deckt längst Weg und Apfelbaum.

Ach, es sind nur Kindheitsträume.
Hier schneit es schon lang nicht mehr.

Und die letzten Apfelbäume…
ach, wie lang ist das schon her.

Kind sein

Zug aus Streichholzschachteln. Quelle: Pinterest

Schon wieder Tag!
Die kurze Nacht hängt noch in meinen Knochen.

Kind möcht‘ ich sein,
das freudig aus dem Bett gekrochen,
das voller Neugier auf die Mutter blickte,
ein süßes Brötchen in den Händchen drückte.

Das draußen eine Wunderwelt beschaute,
aus Streichholzdosen bunte Züge baute.
Mit ausgedienten Schachteln spielte,
darin das Fallobst aus dem Garten füllte.

Das jedes Kärtchen, jedes Blatt verwahrte,
sich in die Hüte des Rhabarberblatts vernarrte,
und Kirschen, als die schönsten Ohrgehänge,
im Sommer zeigte in der Menge.

Kind möcht‘ ich sein,
mit Baumel-Beinchen auf der Bank,
Rhabarberstangen in der kleinen Hand,
genüsslich in den Zucker tauchen;
zufrieden in den Himmel schauen.

Die ‚alte Schachtel‘ bin ich selbst geworden.
Schon wieder Tag! Es kommt ein neuer Morgen.
Ich sehe traurig ein, nach all den Jahren:
Mein Zug ist doch längst abgefahren.

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 6

Weihnachten 1958

Ich war sechs Jahre alt, als meine Großeltern mitsamt ihren Habseligkeiten in das Obergeschoss des Hauses zogen, was zur Folge hatte, dass das Untergeschoss einer deutlichen Verjüngungskur unterworfen wurde. Alte Eingänge und Fenster wurden zugemauert, neue eingebaut und ein Elternschlafzimmer in Rattas ehemaligem Wohnraum eingerichtet. Aber das war erst der Anfang einer nicht enden wollenden Sanierung.
Mein Bruder schlief im ersten Jahr noch bei den Eltern. Ich bekam mein eigenes Zimmer im Anbau. Dafür musste nicht nur das Plumpsklo, sondern auch die alte Waschküche weichen.
Dort, wo sich meine Mutter und Oma bisher einmal wöchentlich die Finger am Waschbrett wund gerieben hatten, stand die Welle im großen Waschbottich still. Fortan schwebten keine Wasserdampfschwaden mehr über dem Hof, keine Seifenlaugengerüche drangen mehr bis auf die Straße. Die schwerste Arbeit der Nachkriegsjahre nahm ein Ende. Eine neumodische Waschmaschine von Miele wurde stattdessen angeschafft. Sie bekam einen Stellplatz in der neu eingebauten Toilette der oberen Etage und tat dort die folgenden zwanzig Jahre ihren Dienst.

Trotzdem wurden an den Waschtagen die im Garten gespannten Wäscheleinen nicht leer. Windelberge mussten gewaschen, zum Trocknen gespannt und gebügelt werden. Tagelang war Mutter damit beschäftigt, die stocksteife Wäsche glatt zu bügeln und zusammen zu legen.
An Regentagen wurde das Trocknen in die Wohnräume verlegt und eine Wäscheleine quer durchs Wohnzimmer gespannt.

Freitags war Waschtag und am Samstag Badetag, wo die ganze Familie nacheinander in die Wanne stieg. Anfangs wurde das Badewasser in großen Zubern auf dem Herd erhitzt; später gab es den ersten Gasboiler und eine Heizsonne, die über der Türe hing.

Nachmittags wurde meist Kuchen für den Sonntag gebacken. In der dunklen Jahreszeit backte Oma oft gedeckten Apfelkuchen mit Cox-Orange-Äpfeln aus dem Garten, die den ganzen Winter über, im kühlen Keller, in großen Holzkisten eingelagert wurden. Opa hatte alle Obstbäume selbst veredelt. Die wurmstichigen Äpfel wurden aussortiert und Apfelmus daraus gekocht.

Mein Vater backte die besten Torten. Sein „Frankfurter Kranz“ mit selbst gemachtem Krokant und Buttercreme war der absolute Glanzpunkt, der allerdings nur selten auf dem Tisch stand. Beim Kochen machte ihm keiner etwas vor. Selbst meine Mutter konnte ihn darin nicht übertrumpfen. Am Wochenende war er allein Küchenchef. Mutter hatte zu putzen, Staub zu wischen und zu saugen, was er hinterher genauestens inspizierte, indem er mit dem Finger über die Schränke strich. Die Fransen des neuen Perserteppichs bürstete er selbst. Wehe dem, der sie danach wieder durcheinander brachte! Das Spielen im Wohnzimmer war uns untersagt.

In meinem Zimmer standen später weiß lackierte Möbel. Der Raum war ungeheizt. Zwei Heizkörper gab es unten in der Wohnung, ein Kohleofen in der Küche und einer im Wohnzimmer. Im Winter konnte gegen die Kälte der Nacht nur ein dickes Daunen Oberbett Wärme bringen.
Jeden Abend hatte ich Angst davor, einzuschlafen! Auch das Gebet, das ich immer vor dem Einschlafen sprach, schützte mich nicht. Vor meiner Einschulung hatte das Bettnässen begonnen. Damals, als mein Bruder zur Welt kam, war mir das Leben plötzlich zur Qual geworden. Meine Eltern behandelten mich lieblos und ohne jede Zärtlichkeit. Es gab nichts mehr, worüber ich mich mit ihnen hätte freuen können.

Ich fürchtete den neuen Morgen. Noch heute erinnere ich mich, wie schwer das riesige Daunenbett beim Erwachen auf meinem Körper lag. Jeder Atemzug war mir beinahe unangenehm gewesen, und ich lag wie erstarrt. Schon wieder war es mir passiert. Keinen einzigen Millimeter bewegte ich mich in meinem Bett. Der Rücken schmerzte bereits, und insgeheim wusste ich, dass ich keine andere Wahl hatte: Ich musste aufstehen, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Minutenlang versuchte ich es hinauszuzögern.

Ich erinnere mich an die Winterzeit, wenn das Dunkel der Nacht noch nicht gewichen war. Kein Geräusch drang von Haus und Hof zu mir ins Zimmer. Draußen hatte der Winter mit seinem harten Griffel Eisblumen an die Scheiben gemalt. Das war eine Zeit, in der der Winter noch klirrend kalt war. Unmengen von Schnee fielen vom Himmel, worauf man herrlich Schlitten fahren konnte. Wir Kinder bauten auf der noch fast autofreien Straße riesige Schneemänner und lange Schlitterbahnen.

Die Räume waren des Nachts derart ausgekühlt, dass ich meinen Atem sehen konnte. Die Luft floss kalt und schwer in meine Lungen, wenn ich im Bett lag.
Immer noch abwartend, so, als würde ich auf ein Wunder hoffen, lag ich bewegungslos in den Federn. Völlig durchnässt klebte das Kopfkissen an meinem Rücken, und bei der kleinsten Bewegung wurde es unangenehm kalt. Das über einer Gummidecke, dem Laken und der Matratze gespannte Moltontuch war ebenfalls nass. Meine Mutter hatte es, neben sechs anderen, eigens für mich genäht. Die Matratze sollte geschützt sein.

Ich hatte keinen Schutz, wenn morgens das eingenässte Bett entdeckt wurde. Dann fielen barsche Worte, die schlimmer waren als Prügel. Manchmal schlug Mutter mich mit dem hölzernen Kochlöffel. Einmal hatte ich versucht, vor ihr davon zu laufen, immer um den Tisch herum, und sie hatte gelacht. Ich dachte, sie würde nicht schlagen, doch dann packte sie mich und schlug mich so sehr, dass der Löffel zerbrach.

Wenn es im Bett so nass war, überlegte ich angestrengt, wie ich das Aufstehen am Schnellsten hinter mich bringen konnte. Dann fasste ich mir irgendwann ein Herz, warf die schwere Zudecke zurück und hastete mit einem großen Satz hinaus. Das nasse Hemd klebte mir dann eiskalt am Rücken. Schnell zog ich es mitsamt dem Schlüpfer aus, machte Licht und öffnete so leise wie möglich den Kleiderschrank. Nachdem ich mich mit einem frischen Nachthemd und sauberen Höschen bekleidet hatte, konnte ich durchatmen. Doch ich fror entsetzlich.

Ich zog die Einschläge des Tuches unter der Matratze hervor, legte das eingenässte Nachthemd, das Höschen und den Kopfkissenbezug darauf, wickelte alles ein und schleuderte die inhaltsschwere, feuchte Rolle bis in den hintersten Winkel unter das Bett. Vor den Blicken der Mutter sollte es unsichtbar sein, und obwohl ich genau wusste, dass Mutter mit zornigen Augen zuerst unter das Bett sehen würde, wie sie es jeden Morgen tat, geschah das Verbergen der nassen Beweise dennoch aus panischer Angst und aus Scham, was die Mutter nur noch zorniger machte.

Das Inlett des Federbettes hatte abgefärbt, denn der weiße Bettbezug zeigte stellenweise rote Flecken. Ich platzierte das Kopfkissen zum Trocknen auf den Stuhl, der unter dem Fenster stand; das dicke Federbett drehte ich um, sodass die nasse Seite nach oben zu liegen kam.

Ich war in Panik, doch mehr konnte ich nicht tun. Am liebsten hätte ich alles fortgezaubert und mich selbst natürlich auch. Barfüßig stand ich mit klappernden Zähnen auf dem kalten Linoleumboden und zitterte wie Espenlaub. Ich fühlte mich ohnmächtig und ohne Schuld, denn ich hatte keinen Einfluss auf das, was während des schlafes geschah, und es geschah immer wieder und wieder.
In meinem Nachthemd aus Flanell schlüpfte ich frierend zurück ins Bett, zog das schwere Inlett über den Kopf und bangte – wie so oft – dem Morgen entgegen.

Wegen des Bettnässens wurde ich zu einem Urologen gebracht. Mit einem Katheder wurde mir Urin abgenommen. Für ein fünfjähriges Mädchen eine Tortur! Der Arzt wollte in seiner Praxis eine Blasenspiegelung durchführen, doch ich wehrte mich so sehr, dass er die Spritze nicht setzen konnte. Ein Krankenhausaufenthalt, der anfangs geplant war, blieb mir zum Glück erspart, weil ich nur noch weinte…tage- und wochenlang. Meine Eltern hörten irgendwann auf, nach dem Grund meiner Unart zu suchen, mussten sich aber letztendlich damit abfinden, dass meine unkontrollierbaren nächtlichen Entleerungen bis ins fünfzehnte Lebensjahr anhalten sollten.

Meine Mutter versorgte mich mit Nahrung und Kleidung, doch nie mit Güte und Liebe. Wenn sie mir morgens zum Frühstück den Kakao hinstellte und mir Brote machte, war das wie eine besondere Zuwendung für mich. Nie stellte sie sich schützend vor mich, wenn mein Vater mich schlug. Auf ihren mütterlichen Beistand hatte ich ein ganzes Leben lang vergeblich gehofft. Sie war keine Freundin, der ich mich hätte anvertrauen können.

Meine Kindheit war, bis auf den Jähzorn meines Vaters, dem ich stets schutzlos ausgeliefert war, erträglich. Eine seiner bevorzugten Strafen war es, mich in den dunklen Keller zu sperren. Dort ließ er mich dann hinter abgeschlossener Türe weinen und schluchzen.

Während meiner Schulzeit spielte ich meist mit den Kindern auf der noch unasphaltierten Straße vor unserem Haus. In der Nachbarschaft gab es viele Kinder. Ich durfte immer nur eins davon mit nach Hause bringen, weil es meine Eltern gestört hätte.

Wir spielten mit Tonknickern, Murmeln und Pitchdobbeln – das waren kleine, bunte Holzkreisel, die mit einer Peitsche geschlagen wurden. Später, als die Straße asphaltiert worden war, fuhren wir mit Rollschuhen oder sprangen Seil. Oft saß ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft auf den Treppenstufen vor unserem Haus und trank Leitungswasser mit echtem Lakritz, das mir Mutter in eine Flasche abgefüllt hatte. Dort tauschten wir untereinander Zigarettenbildchen, Glanzbilder und später Autogrammkarten aus.

Manchmal ermahnte Mutter mich: „Sitz’ nicht auf dem Dörpel, sonst holst du dir ‚nen Pips!“, weil meine Blase sehr oft entzündet war. Dann musste ich bittere Wacholderbeeren kauen und ekelhaften Tee trinken.

Mitte der 50er Jahre fuhren noch Händler mit Pferd und Wagen durch die Straßen. Sie brachten die Eierkohlen, die vor das Haus gekippt wurden, welche Vater und Opa dann gemeinsam in den Keller schippten. Auch Kartoffeln, Eier und Milch wurden gebracht. Ich weiß noch, wie der Händler rief: „Kartoffeln…Kartoffeln…fünf Pfund eine Mark!“
Für Eltern und Oma lief ich manchmal zum Bäcker, vorbei an der kleinen Trinkhalle, wo ich mir zur Belohnung einen Mohrenkopf kaufen durfte, oder eine Kugel Kaugummi für einen Groschen.

Meine Schulzeit verlief weitestgehend normal. Ich brachte ganz gute Noten nach Hause, womit meine Eltern jedoch keinesfalls zufrieden waren. Ständig bekam ich vorgehalten, dass meine Mutter die Schulbeste gewesen sei, mit einem einzigen „befriedigend“ in Musik auf dem Zeugnis. Ihre anderen Fächer glänzten mit „sehr gut“.

Meine Mutter in den 30er Jahren

Bereits mit neun Jahren ging ich regelmäßig allein in den Kindergottesdienst. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich sonntags für eine Mark ins Kino gehen. Dort wurden neben „Dick und Doof“ auch Märchenfilme gezeigt, was der Auslöser dafür war, dass ich begann, unzählige Bücher aus der Leihbücherei zu lesen. Ich las in jeder freien Minute, wobei mir Märchen besonders gefielen.

Bis auf die Kinderstunde blieb mir das Fernsehen verboten. Jeden Tag um 17 Uhr durfte ich mir das Programm anschauen. Da ich die Kirchturmuhr vom Garten aus sehen konnte, verpasste ich keine dieser Sendungen. Abends um 20 Uhr, wenn die Nachrichten begannen, hatte ich in meinem Zimmer zu sein, wo spätestens um 21 Uhr geschlafen wurde.

Mit elf Jahren bekam ich eine Blinddarmentzündung und kam ins Krankenhaus, was mich in helle Panik versetzte. Ich weinte und weinte und gab erst wieder Ruhe, als der Narkosearzt mir das Häubchen mit Äther aufsetzte. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und ich durfte nach zwei Wochen nach Hause zurückkehren.

Meine Großeltern gingen regelmäßig mit mir spazieren. Sie waren es gewohnt, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen. Ich hingegen hasste es, so weit zu laufen, was sich bis heute nicht geändert hat. Meist liefen wir in die Innenstadt. Dort gab es in einem Zoogeschäft lebendige Tiere zu bestaunen. Das war ein kleiner Trost für die ungeliebte Anstrengung für mich.

Einmal im Jahr gab es eine Kirmes auf dem Marktplatz. Ich mochte den Lärm zwar nicht, fuhr aber gerne auf dem Ketten-Karussell. Oma kaufte mir dort ein Äffchen aus Kaninchenfell, das wie eine Marionette an einem Hölzchen und an Fäden hing. Dieses „Tierchen“ war mein Liebstes. Es wurde überall mit hingeschleppt, gestreichelt und gekuschelt, bis es bald auseinander fiel.
Einmal wurde es meiner Mutter zu bunt. Der Affe war schmutzig, das Fell arg lädiert. Sie sprach mit mir und bot mir an, ein anderes Tier zu kaufen, wenn ich den Affen hergeben würde. Schweren Herzens willigte ich ein und bekam stattdessen einen kleinen, auf dem Bauch liegenden Bären von Steiff.
Als ich meinen geliebten Affen in den Flammen des Herdes verschwinden sah, ist mir fast das Herz gebrochen. Ich habe geschrien und geweint und war in heller Panik, doch mein Liebling war unwiederbringlich fort.
Mit dem Bären habe ich mich nie anfreunden können und noch heute finde ich „Teddys“ schrecklich, fast genauso, wie die Puppen, die man mir schenkte. Eine davon hieß Lilli. Es war eine Schildkrötpuppe mit Augen, die sich öffnen und schließen konnten. Obwohl meine Mutter viele Kleidchen dafür strickte und nähte, konnte ich keinen Gefallen daran finden.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 5

Im Kindergarten 1957

Zwei Jahre vergingen, und ich besuchte für kurze Zeit den Kindergarten, in dem E., Mutters Freundin, Kindergärtnerin war. Täglich ging ich in der Frühe dorthin, mit einem roten Ledertäschchen für das Frühstücksbrot um den Hals. Anfangs zeigte mir meine Mutter den Weg. Danach musste ich allein gehen. Das war ein richtiges Abenteuer, denn auf der Straße liefen die riesigen Schäferhunde noch frei herum, vor denen ich mich sehr fürchtete. Überall lagen ihre Kothaufen, und ich hatte Mühe, nicht hinein zu treten. Ich lief vorbei an der Post, der kleinen Leihbücherei von Frau L., dem Lädchen der Familie E., in dem es Milch, Käse und Eier zu kaufen gab und bestaunte die alten Häuser, die immer noch riesige Einschusslöcher aus der Kriegszeit aufwiesen.

Dort, wo sich heute Haus an Haus reiht, luden damals große, freie Flächen mit Wildwuchs und altem Baumbestand zum Spielen ein. Leider vertrödelte ich oft die Zeit, und einmal bin ich gar nicht nach Hause gegangen, um dort zu spielen. Das löste bei E. und meiner Mutter eine richtige Panik aus. Doch ich ging nicht verloren.

In diesem Kindergarten blieb ich einen Sommer und einen Winter lang. Noch heute habe ich alles dort in Erinnerung: Die langen, roten Holzbänke, die bei schönem Wetter nach draußen getragen wurden, die Schaukeln und Spiele. Alles war unbetoniert, keine bezwungene Natur.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, war eines der Spiele oder „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?“
Drinnen spielten wir mit Plastikblümchen, die sich zu Armbändern aneinanderreihen ließen, oder wir malten und bastelten den ganzen Vormittag. Es war eine schöne Zeit. Doch nichts Schönes hält ewig.

Als meine Mutter feststellte, dass sie wieder schwanger ist, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden – auch für den Kindergarten. Fortan musste ich zu Hause bleiben, und im darauffolgenden Sommer kam mein Bruder zur Welt.

So vieles hatte sich seit seiner Geburt in meiner kleinen Welt verändert. Ich dachte daran zurück, wie der Vater oft mit mir zur „Ting-Ting“-Oma gefahren war. Das tat er nun nicht mehr. Ich sei zu groß fürs Rad, hatte er gemeint. Die Essenberger Oma hatte diesen Spitznamen von mir bekommen, weil ich jedes Mal die Klingel am Fahrrad des Vaters betätigen durfte, wenn er damit zu seiner Mutter gefahren ist. Dann hatte ich stets mit gedurft.

Als Dreijährige wurde ich vorn am Lenker, in den schwarz lackierten Kindersitz des väterlichen Fahrrades gesetzt, wo ich die schönste Aussicht hatte. Dann war Vater mit mir zur Oma Nummer Zwei gefahren. Es ging die steile Abfahrt die Bruchstraße hinunter. Von dort fuhr er direkt in das Essenberger Bruch hinein, um Kettensalat für die Kaninchen zu holen, die hinter dem Anbau des Hauses in ihren selbstgebauten Holzställen saßen oder weiter zur Oma.

Meine Eltern und Oma in Essenberg

Überall hatte mir der Bruder das alte Platzrecht streitig gemacht. Deshalb blieb ich bei den Großeltern.

mit meiner Lieblingsoma bei uns Zuhause

Ich hörte lieber Omas Geschichten von Ostpreußen und bestaunte die vielen Dinge in ihren Schubladen und Schränken. Auch ihre Ermahnungen hielten mich nicht davon ab, dort alles gründlich zu untersuchen. Doch selbst die geduldige Oma musste ab und zu ein deutliches „Geh da nicht dran!“ aussprechen, was sich im ostpreußischen Dialekt jedoch eher lustig anhörte und wie „je da nich drran“ klang.

Von besonderem Interesse waren Perlenkette und Goldschmuck, aber auch Lippenstift und Parfüm im Schlafzimmer. All diese Schätze wurden in Schalen und Behältnissen aus Kristallglas aufbewahrt, und manchmal kehrte ich von einer Lavendelwolke umgeben zur Oma ins Wohnzimmer zurück. Diese rümpfte die Nase und schaute sich den Flakon „Uralt Lavendel“ genauer an, der sichtlich an wertvollem Inhalt verloren hatte. Was folgte, war ein striktes Schlafzimmerverbot. Nur noch in Begleitung war mir das Betreten erlaubt, doch manchmal bekam ich einen winzigen Tropfen Parfüm, als Trosttröpfchen von Oma hinter die Ohren geschmiert.
Ganz fasziniert war ich von der großen, schwarzen Wanduhr, die ihr gleichmäßiges Tick-Tack, tagein, tagaus, von der Wohnzimmerwand in die Wohnung streute. Halbstündlich und stündlich wurde das Geläut in Gang gesetzt. Die Uhr, die eine Anschaffung aus den 20er-Jahren war, wurde von Oma wie ein wertvolles Heiligtum bewacht. Nur sie hatte das Privileg, die Uhr mit einem großen Schlüssel aufzuziehen.
Immer wieder erschien das tickende Etwas in meinen Träumen; vermittelte aber jedes Mal den Eindruck, etwas Dunkles, Unheilvolles zu sein. Einmal sah ich, wie Rabenvögel aus ihr herausflogen und sich im Wohnraum verteilten. Die Uhr war für mich in späteren Jahren das Zeichen für die ablaufende Lebenszeit. Jeder Stillstand wirkte beunruhigend auf mich, denn er erinnerte an den Tod. Die Uhr ist das einzige Erbstück von Oma. Heute hängt sie an meiner Wohnzimmerwand und bringt mit jedem Tick-Tack Erinnerungen zurück.

Ich hatte als Kleinkind niemals damit aufgehört, am Daumen zu lutschen. Nach der Geburt des Bruders steigerte es sich bis ins Extreme und war so schlimm, dass das rohe Fleisch bis auf den Knochen zerbissen war. Der Kinderarzt verordnete übelschmeckende Salben und das nächtliche Handschuhtragen, was jedoch nichts bewirkte. Bis zum zwölften Lebensjahr sollte diese Unart anhalten und konnte auch nicht durch die Geschichte des Daumenlutschers im „Struwwelpeter“ vereitelt werden. Diese, von meiner Oma oft vorgelesene Geschichte des „Conrad“, dem aufgrund des Daumenlutschens beide Daumen abgeschnitten wurden, faszinierte und ängstigte mich in gleicher Weise wie die Geschichte „des bitterbösen Friederich“, bei dem die Vergleiche mit meinem Vater nicht ausblieben.

An fast jedem Tag wurde dieses Buch hervorgeholt, und bereits mit vier Jahren war es mir möglich, selbst darin zu lesen. Genauso anziehend wirkten Omas uralte Schulbücher aus Ostpreußen auf mich, und obwohl ich noch nicht alles Geschriebene verstand, ließ ich mir täglich neue Geschichten von Oma vorlesen. Zusätzlich verschlang ich Mickey-Mouse-Hefte, die wie ein kostbarer Schatz in einem kleinen Koffer unter dem Sofa verwahrt wurden. Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich schon gute Lesekenntnisse vorweisen, was meinen Klassenlehrer veranlasste, mich zum Vorlesen mit in die oberen Klassen zu nehmen.

Einschulung mit 5 Jahren 1958

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 4

Zur gleichen Zeit stellte der Hausarzt bei meiner Mutter eine neue Schwangerschaft fest, was meine Großeltern dazu bewog, nach der Geburt des neuen Erdenbürgers, nach oben, in die erste Etage zu ziehen, um den jungen Eltern mit den Kindern die größere Wohnung zu überlassen. Doch bis Oma dazu bereit war, bedurfte es wieder einiger Überzeugungskraft.

Als mein Bruder Gerald im Juli 1958 geboren wurde, war mein Vater natürlich glücklich und erleichtert gewesen. Endlich war der ersehnte Stammhalter da! Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – jetzt musste und durfte es genug sein. Kein weiteres Kind sollte hinzukommen. Die Familiengröße entsprach genau den gesellschaftlichen Vorstellungen einer modernen Nachkriegsfamilie.

In der ersten Zeit wurden wir beide im elterlichen Schlafzimmer untergebracht. Mein Klappbett stand links an der Wand; das weiß lackierte Gitterbettchen meines Bruders wurde auf die gegenüberliegende Seite gestellt. So durchlebte man das erste Halbjahr auf engstem Raum, was meinen Vater aggressiv und übellaunig machte.

Ich fühlte mich immer mehr vernachlässigt und tat meine Eifersucht in eigenartigsten Verhaltensauffälligkeiten kund. Um meinen Bruder in Misskredit zu bringen, legte ich ihm eines mittags mein auf der Toilette fabriziertes „Geschäft“ ins Bett, was meine Mutter fassungslos ihrem Mann berichtete. Der prügelte mit seiner aufgestauten Wut auf mich ein, bis ich mich wimmernd in die hinterste Zimmerecke verkroch, aus Angst, noch weitere Schläge aushalten zu müssen. Doch die waren mir immer noch lieber, als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Von Stund an fürchtete ich mich noch mehr vor dem Vater. In meinen Augen war er der Alleskaputtmacher, der Wegwerfer, der gefühllose Grobian, der „bitterböse Friederich“ – ganz im Gegensatz zum Opa, der alles reparierte, neu pflanzte und jede noch so kleine Schraube sammelte und liebevoll in seiner Werkstatt aufhob. Alle Fragen, die man als kleines Mädchen auf den Lippen hatte, stellte ich den Großeltern, niemals meinem Vater. Wenn ich etwas haben wollte oder länger aufbleiben wollte und meine Mutter darum bat, schickte sie mich meistens zu ihm.
„Frag deinen Vater!“, sagte sie dann immer, um mich loszuwerden, aber die Angst, ihn zu fragen, war zu groß. Dann verzichtete ich lieber.

Ich bekam mit, wie die Oma über den Vater schimpfte: „Der macht doch alles kaputt!“, murrte sie immer wieder und nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich im Raum war.

Seit der Geburt des Bruders schien ich für die Eltern nicht mehr vorhanden zu sein. Nur wenn es etwas zu tadeln gab, erinnerte sich der Vater an mich.
„Du unnützes Ding!“, schimpfte er dann mit mir. Nach der Schelte oder gar Ohrfeige „verschwand“ ich wieder vor seinen Augen, bis zum nächsten Mal. Und dieses nächste Mal kam bestimmt, da konnte ich mich anstrengen, wie ich wollte. Mein „Papi“ wurde alsdann zum dunklen Schatten, der immer dann auftauchte und strafte, wenn ich es nicht erwartet hatte.

Plötzlich gab es keine Kosenamen von den Eltern mehr für mich. Fortan bekam ich ganz andere Dinge zu hören. Für meinen Vater war ich „das Blag“, das nichts taugte.

Einmal wollte ich mit den Eltern sonntags zum Onkel fahren. Ich war in meinem besten Kleidchen, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Lackschuhen noch einmal in den geliebten Garten geeilt, weil die Eltern noch nicht fertig waren. Als ich vor der Ligusterhecke stand, flog eine große Amsel erschreckt aus ihrem Nest und stieß sich mit den schmutzigen Füßen an meinem Kleidchen ab. Oh je! Wie sollte ich das Vater erklären? Ängstlich ging ich zurück ins Haus und erwartete, dass man mir meine Geschichte glaubte. Doch das taten die Eltern nicht! Sie schimpften über das beschmutzte Kleid, und Vater holte mit der Hand aus und schlug mir mitten ins Gesicht.
„Für die Lüge!“, sagte er. Ich stand fassungslos da und weinte über die Ungerechtigkeit. Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt! Von nun an schwieg ich lieber. Vater hasste meine Tränen. So sehr ich mich auch bemühte, sie zurückzuhalten, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dann schlug er mich jedes Mal noch mehr.

Schon im Kinderwagen hatte er das getan. Zwei Jahre lang hatte meine Mutter nach ihrer Heirat darauf gewartet, in guter Hoffnung zu sein. Erst eine Luftveränderung brachte den ersehnten Erfolg. Im April 1953 kam ich zur Welt, an einem Montag. Die Hoffnung meines Vaters, einen Stammhalter in den Armen halten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Stattdessen hatte ihm die Hebamme ein kleines, schreiendes Mädchen entgegengehalten. Mit Mädchen wusste mein Vater nur wenig anzufangen.

Wie meine Mutter erzählte, entwickelte ich mich mit lautem Geschrei und forderte unmissverständlich die Aufmerksamkeit aller Mitbewohner des Hauses und der Nachbarschaft dazu. Wenn ich bei schönem Wetter in einem Kinderwagen aus cremefarbig lackiertem Korbgeflecht im Hof, der unter dem großen Birnbaum stand, wurden Fenster und Türen der Nachbarhäuser der Reihe nach geschlossen. Jedes Mal, wenn sich meine Mutter auf Zehenspitzen von dem hochmodernen Gefährt entfernt hatte und zurück ins Haus geschlichen war, begann wie auf Knopfdruck kurz darauf die Heulerei. Sie nahm erst dann wieder ein Ende, wenn ich zur nächsten Fütterung zurück ins Haus gebracht wurde.

Auf jeden Fall hatte ich mich der Nachbarschaft sehr eindringlich präsentiert, was anfangs dazu führte, dass die weiblichen Anwohner der Straße ins Haus kamen, um den Eltern zu gratulieren und den Schreihals mit „och ist die süß“ oder anderen beifälligen Bemerkungen gutzuheißen. Von Mutters Freundin E., die nur zwei Häuser weiter rechts wohnte, bekam ich einen kleinen hölzernen Hund mit Messing-Plakettchen um den Hals geschenkt, der fortan auf dem Regal in der Küche einen Platz bekam und später in meinem Zimmer stehen durfte. Den Hund gibt es heute noch. Er steht auf der Fensterbank in meiner Küche. Die Messingplakette ist jedoch verloren gegangen.

Mit der Zeit wussten alle im näheren Umkreis meines Elternhauses, wer da schrie.
„Vom Schreien bekommt sie kräftige Lungen“, hatte der Kinderarzt Dr. D. meinen Eltern zur Beruhigung erklärt.

Wie schrecklich ich die Welt empfunden haben musste, konnte man nur ahnen, weil das Geschrei tage-, nächte-, ja, monatelang anhielt, ohne jemals leiser zu werden. Man konnte nur Eins tun: dem Schreihals „den Mund stopfen“, was zur Folge hatte, dass ich zusehends rundlicher wurde und als Dreijährige kaum noch in die gängige Strumpfhosengröße hineinpasste.

Dem Vater muss ich von der ersten Minute an ‚ein Dorn im Auge‘ gewesen sein. Oft drosch er entnervt auf mich ein, um das Schreien abzustellen, doch alle Schläge schafften keine Abhilfe.
Er musste sich beherrschen, und meine Mutter ließ alles was er tat, gehorsam, widerstandslos und schweigend geschehen, weil sich ihrer Ansicht nach, eine Frau dem Manne unterzuordnen hatte, auch wenn ihr die bibeltreue Mutter tagtäglich das Gegenteil vorlebte.
Das klägliche, fordernde, hilflose Geschrei des Säuglings ließ sich nicht abstellen! Es gab kein Rezept, keinen Knopf, keinen Schalter. Das Geplärr brachte meine Eltern nicht nur um ihre wohlverdiente Nachtruhe und um die letzten Nerven, sondern störte auch in erheblichem Maße die Konzentrationsfähigkeit meines Vaters, die er für die Arbeiten an seiner Meisterprüfung dringend brauchte. Schlecht gelaunt und müde verbrachte er seine normalen Arbeitsstunden im Labor und noch schlechter gelaunt kehrte er jeden Tag nach Hause zurück
Umbringen konnte mich mein Vater jedenfalls nicht, wie seine Vorfahren es einst im Hunsrück mit unerwünschten Kindern getan hatten. Wie „Hänsel und Gretel“ hatte eine seiner Ur-Großtanten zwei ihrer Kinder einfach in den Wald gebracht und getötet. Damals gab es keine Ankläger und keine Richter. Die Menschen waren bitterarm und konnten nicht alle Kinder ernähren, die sie zeugten. Aber das war lange her!

Als ich ein Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Habel in die Rhön. Dorthin war sie gegen Kriegsende aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. Ihm gehörte der größte Bauernhof des Dorfes. Seitdem war der Kontakt nicht abgebrochen.
Damals nahm sie die beschwerliche Bahnreise auf sich, weil sie ihren Mann entlasten wollte und vielleicht auch zu meinem Schutz. Wie sie mir in späteren Jahren erzählte, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, meinen Vater zu verlassen. Damals war das nicht so einfach gewesen wie heute. Deshalb rauften sie sich wieder zusammen, und meine Mutter verlor mit den Jahren nicht nur ihren eigenen Willen, sondern im Alter schließlich auch ihr Gedächtnis.

Als ich vier Jahre alt war, fuhren wir ein zweites Mal dorthin und auch in späteren Jahren immer wieder. Solange, bis mein Vater nicht mehr bereit war, in seinem Urlaub zu arbeiten, denn jeder musste dort mithelfen. Der paradiesisch gelegene Ort war ein Stückchen Himmel für mich. Ich habe die Zeit dort nie vergessen!

Das Dorf lag idyllisch von Bergen und Feldern eingerahmt am „Ende der Welt“. Es bestand aus ca. zwanzig Bauernhöfen, einer Kirche, einer Kneipe, einem Krämerladen und einer Dorfschule, in der alle gleichzeitig unterrichtet wurden. Ringsum unberührte Natur, Felder und Weiden soweit das Auge reichte, grunzende, quiekende Schweine in den Ställen und glückliche Kühe auf den Weiden. Gänse watschelten durchs Dorf, dessen einzige Straße ganz und gar mit Kuhfladen bedeckt war.

Die Dorfgemeinschaft war sehr gastfreundlich. Ich durfte bei einem Bauern schlafen, der zwei Töchter im gleichen Alter hatte und hielt mich den lieben, langen Tag bei den Tieren im Stall auf. Täglich durfte ich zusehen, wie die Kühe gemolken und in aller Herrgottsfrühe auf die Weide getrieben wurden. Wenn die Bäuerin die Schweine fütterte, roch der ganze Hof nach Kleie und Kartoffeln. Ich schaute ihr zu, wie sie zusammen mit anderen Dorffrauen den Teig für das runde Brot mit dem feinen Kümmel Geschmack zubereitete. Zum Backen stand ein großer, steinerner Ofen mitten im Dorf. In späteren Jahren fiel mir der Abschied jedes Mal sehr schwer. Ich mochte das Landleben viel lieber als die Stadt.
Nach einem Monat Aufenthalt mussten meine Mutter und ich damals nach Hause zurückkehren.