Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 6

Weihnachten 1958

Ich war sechs Jahre alt, als meine Großeltern mitsamt ihren Habseligkeiten in das Obergeschoss des Hauses zogen, was zur Folge hatte, dass das Untergeschoss einer deutlichen Verjüngungskur unterworfen wurde. Alte Eingänge und Fenster wurden zugemauert, neue eingebaut und ein Elternschlafzimmer in Rattas ehemaligem Wohnraum eingerichtet. Aber das war erst der Anfang einer nicht enden wollenden Sanierung.
Mein Bruder schlief im ersten Jahr noch bei den Eltern. Ich bekam mein eigenes Zimmer im Anbau. Dafür musste nicht nur das Plumpsklo, sondern auch die alte Waschküche weichen.
Dort, wo sich meine Mutter und Oma bisher einmal wöchentlich die Finger am Waschbrett wund gerieben hatten, stand die Welle im großen Waschbottich still. Fortan schwebten keine Wasserdampfschwaden mehr über dem Hof, keine Seifenlaugengerüche drangen mehr bis auf die Straße. Die schwerste Arbeit der Nachkriegsjahre nahm ein Ende. Eine neumodische Waschmaschine von Miele wurde stattdessen angeschafft. Sie bekam einen Stellplatz in der neu eingebauten Toilette der oberen Etage und tat dort die folgenden zwanzig Jahre ihren Dienst.

Trotzdem wurden an den Waschtagen die im Garten gespannten Wäscheleinen nicht leer. Windelberge mussten gewaschen, zum Trocknen gespannt und gebügelt werden. Tagelang war Mutter damit beschäftigt, die stocksteife Wäsche glatt zu bügeln und zusammen zu legen.
An Regentagen wurde das Trocknen in die Wohnräume verlegt und eine Wäscheleine quer durchs Wohnzimmer gespannt.

Freitags war Waschtag und am Samstag Badetag, wo die ganze Familie nacheinander in die Wanne stieg. Anfangs wurde das Badewasser in großen Zubern auf dem Herd erhitzt; später gab es den ersten Gasboiler und eine Heizsonne, die über der Türe hing.

Nachmittags wurde meist Kuchen für den Sonntag gebacken. In der dunklen Jahreszeit backte Oma oft gedeckten Apfelkuchen mit Cox-Orange-Äpfeln aus dem Garten, die den ganzen Winter über, im kühlen Keller, in großen Holzkisten eingelagert wurden. Opa hatte alle Obstbäume selbst veredelt. Die wurmstichigen Äpfel wurden aussortiert und Apfelmus daraus gekocht.

Mein Vater backte die besten Torten. Sein „Frankfurter Kranz“ mit selbst gemachtem Krokant und Buttercreme war der absolute Glanzpunkt, der allerdings nur selten auf dem Tisch stand. Beim Kochen machte ihm keiner etwas vor. Selbst meine Mutter konnte ihn darin nicht übertrumpfen. Am Wochenende war er allein Küchenchef. Mutter hatte zu putzen, Staub zu wischen und zu saugen, was er hinterher genauestens inspizierte, indem er mit dem Finger über die Schränke strich. Die Fransen des neuen Perserteppichs bürstete er selbst. Wehe dem, der sie danach wieder durcheinander brachte! Das Spielen im Wohnzimmer war uns untersagt.

In meinem Zimmer standen später weiß lackierte Möbel. Der Raum war ungeheizt. Zwei Heizkörper gab es unten in der Wohnung, ein Kohleofen in der Küche und einer im Wohnzimmer. Im Winter konnte gegen die Kälte der Nacht nur ein dickes Daunen Oberbett Wärme bringen.
Jeden Abend hatte ich Angst davor, einzuschlafen! Auch das Gebet, das ich immer vor dem Einschlafen sprach, schützte mich nicht. Vor meiner Einschulung hatte das Bettnässen begonnen. Damals, als mein Bruder zur Welt kam, war mir das Leben plötzlich zur Qual geworden. Meine Eltern behandelten mich lieblos und ohne jede Zärtlichkeit. Es gab nichts mehr, worüber ich mich mit ihnen hätte freuen können.

Ich fürchtete den neuen Morgen. Noch heute erinnere ich mich, wie schwer das riesige Daunenbett beim Erwachen auf meinem Körper lag. Jeder Atemzug war mir beinahe unangenehm gewesen, und ich lag wie erstarrt. Schon wieder war es mir passiert. Keinen einzigen Millimeter bewegte ich mich in meinem Bett. Der Rücken schmerzte bereits, und insgeheim wusste ich, dass ich keine andere Wahl hatte: Ich musste aufstehen, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Minutenlang versuchte ich es hinauszuzögern.

Ich erinnere mich an die Winterzeit, wenn das Dunkel der Nacht noch nicht gewichen war. Kein Geräusch drang von Haus und Hof zu mir ins Zimmer. Draußen hatte der Winter mit seinem harten Griffel Eisblumen an die Scheiben gemalt. Das war eine Zeit, in der der Winter noch klirrend kalt war. Unmengen von Schnee fielen vom Himmel, worauf man herrlich Schlitten fahren konnte. Wir Kinder bauten auf der noch fast autofreien Straße riesige Schneemänner und lange Schlitterbahnen.

Die Räume waren des Nachts derart ausgekühlt, dass ich meinen Atem sehen konnte. Die Luft floss kalt und schwer in meine Lungen, wenn ich im Bett lag.
Immer noch abwartend, so, als würde ich auf ein Wunder hoffen, lag ich bewegungslos in den Federn. Völlig durchnässt klebte das Kopfkissen an meinem Rücken, und bei der kleinsten Bewegung wurde es unangenehm kalt. Das über einer Gummidecke, dem Laken und der Matratze gespannte Moltontuch war ebenfalls nass. Meine Mutter hatte es, neben sechs anderen, eigens für mich genäht. Die Matratze sollte geschützt sein.

Ich hatte keinen Schutz, wenn morgens das eingenässte Bett entdeckt wurde. Dann fielen barsche Worte, die schlimmer waren als Prügel. Manchmal schlug Mutter mich mit dem hölzernen Kochlöffel. Einmal hatte ich versucht, vor ihr davon zu laufen, immer um den Tisch herum, und sie hatte gelacht. Ich dachte, sie würde nicht schlagen, doch dann packte sie mich und schlug mich so sehr, dass der Löffel zerbrach.

Wenn es im Bett so nass war, überlegte ich angestrengt, wie ich das Aufstehen am Schnellsten hinter mich bringen konnte. Dann fasste ich mir irgendwann ein Herz, warf die schwere Zudecke zurück und hastete mit einem großen Satz hinaus. Das nasse Hemd klebte mir dann eiskalt am Rücken. Schnell zog ich es mitsamt dem Schlüpfer aus, machte Licht und öffnete so leise wie möglich den Kleiderschrank. Nachdem ich mich mit einem frischen Nachthemd und sauberen Höschen bekleidet hatte, konnte ich durchatmen. Doch ich fror entsetzlich.

Ich zog die Einschläge des Tuches unter der Matratze hervor, legte das eingenässte Nachthemd, das Höschen und den Kopfkissenbezug darauf, wickelte alles ein und schleuderte die inhaltsschwere, feuchte Rolle bis in den hintersten Winkel unter das Bett. Vor den Blicken der Mutter sollte es unsichtbar sein, und obwohl ich genau wusste, dass Mutter mit zornigen Augen zuerst unter das Bett sehen würde, wie sie es jeden Morgen tat, geschah das Verbergen der nassen Beweise dennoch aus panischer Angst und aus Scham, was die Mutter nur noch zorniger machte.

Das Inlett des Federbettes hatte abgefärbt, denn der weiße Bettbezug zeigte stellenweise rote Flecken. Ich platzierte das Kopfkissen zum Trocknen auf den Stuhl, der unter dem Fenster stand; das dicke Federbett drehte ich um, sodass die nasse Seite nach oben zu liegen kam.

Ich war in Panik, doch mehr konnte ich nicht tun. Am liebsten hätte ich alles fortgezaubert und mich selbst natürlich auch. Barfüßig stand ich mit klappernden Zähnen auf dem kalten Linoleumboden und zitterte wie Espenlaub. Ich fühlte mich ohnmächtig und ohne Schuld, denn ich hatte keinen Einfluss auf das, was während des schlafes geschah, und es geschah immer wieder und wieder.
In meinem Nachthemd aus Flanell schlüpfte ich frierend zurück ins Bett, zog das schwere Inlett über den Kopf und bangte – wie so oft – dem Morgen entgegen.

Wegen des Bettnässens wurde ich zu einem Urologen gebracht. Mit einem Katheder wurde mir Urin abgenommen. Für ein fünfjähriges Mädchen eine Tortur! Der Arzt wollte in seiner Praxis eine Blasenspiegelung durchführen, doch ich wehrte mich so sehr, dass er die Spritze nicht setzen konnte. Ein Krankenhausaufenthalt, der anfangs geplant war, blieb mir zum Glück erspart, weil ich nur noch weinte…tage- und wochenlang. Meine Eltern hörten irgendwann auf, nach dem Grund meiner Unart zu suchen, mussten sich aber letztendlich damit abfinden, dass meine unkontrollierbaren nächtlichen Entleerungen bis ins fünfzehnte Lebensjahr anhalten sollten.

Meine Mutter versorgte mich mit Nahrung und Kleidung, doch nie mit Güte und Liebe. Wenn sie mir morgens zum Frühstück den Kakao hinstellte und mir Brote machte, war das wie eine besondere Zuwendung für mich. Nie stellte sie sich schützend vor mich, wenn mein Vater mich schlug. Auf ihren mütterlichen Beistand hatte ich ein ganzes Leben lang vergeblich gehofft. Sie war keine Freundin, der ich mich hätte anvertrauen können.

Meine Kindheit war, bis auf den Jähzorn meines Vaters, dem ich stets schutzlos ausgeliefert war, erträglich. Eine seiner bevorzugten Strafen war es, mich in den dunklen Keller zu sperren. Dort ließ er mich dann hinter abgeschlossener Türe weinen und schluchzen.

Während meiner Schulzeit spielte ich meist mit den Kindern auf der noch unasphaltierten Straße vor unserem Haus. In der Nachbarschaft gab es viele Kinder. Ich durfte immer nur eins davon mit nach Hause bringen, weil es meine Eltern gestört hätte.

Wir spielten mit Tonknickern, Murmeln und Pitchdobbeln – das waren kleine, bunte Holzkreisel, die mit einer Peitsche geschlagen wurden. Später, als die Straße asphaltiert worden war, fuhren wir mit Rollschuhen oder sprangen Seil. Oft saß ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft auf den Treppenstufen vor unserem Haus und trank Leitungswasser mit echtem Lakritz, das mir Mutter in eine Flasche abgefüllt hatte. Dort tauschten wir untereinander Zigarettenbildchen, Glanzbilder und später Autogrammkarten aus.

Manchmal ermahnte Mutter mich: „Sitz’ nicht auf dem Dörpel, sonst holst du dir ‚nen Pips!“, weil meine Blase sehr oft entzündet war. Dann musste ich bittere Wacholderbeeren kauen und ekelhaften Tee trinken.

Mitte der 50er Jahre fuhren noch Händler mit Pferd und Wagen durch die Straßen. Sie brachten die Eierkohlen, die vor das Haus gekippt wurden, welche Vater und Opa dann gemeinsam in den Keller schippten. Auch Kartoffeln, Eier und Milch wurden gebracht. Ich weiß noch, wie der Händler rief: „Kartoffeln…Kartoffeln…fünf Pfund eine Mark!“
Für Eltern und Oma lief ich manchmal zum Bäcker, vorbei an der kleinen Trinkhalle, wo ich mir zur Belohnung einen Mohrenkopf kaufen durfte, oder eine Kugel Kaugummi für einen Groschen.

Meine Schulzeit verlief weitestgehend normal. Ich brachte ganz gute Noten nach Hause, womit meine Eltern jedoch keinesfalls zufrieden waren. Ständig bekam ich vorgehalten, dass meine Mutter die Schulbeste gewesen sei, mit einem einzigen „befriedigend“ in Musik auf dem Zeugnis. Ihre anderen Fächer glänzten mit „sehr gut“.

Meine Mutter in den 30er Jahren

Bereits mit neun Jahren ging ich regelmäßig allein in den Kindergottesdienst. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich sonntags für eine Mark ins Kino gehen. Dort wurden neben „Dick und Doof“ auch Märchenfilme gezeigt, was der Auslöser dafür war, dass ich begann, unzählige Bücher aus der Leihbücherei zu lesen. Ich las in jeder freien Minute, wobei mir Märchen besonders gefielen.

Bis auf die Kinderstunde blieb mir das Fernsehen verboten. Jeden Tag um 17 Uhr durfte ich mir das Programm anschauen. Da ich die Kirchturmuhr vom Garten aus sehen konnte, verpasste ich keine dieser Sendungen. Abends um 20 Uhr, wenn die Nachrichten begannen, hatte ich in meinem Zimmer zu sein, wo spätestens um 21 Uhr geschlafen wurde.

Mit elf Jahren bekam ich eine Blinddarmentzündung und kam ins Krankenhaus, was mich in helle Panik versetzte. Ich weinte und weinte und gab erst wieder Ruhe, als der Narkosearzt mir das Häubchen mit Äther aufsetzte. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und ich durfte nach zwei Wochen nach Hause zurückkehren.

Meine Großeltern gingen regelmäßig mit mir spazieren. Sie waren es gewohnt, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen. Ich hingegen hasste es, so weit zu laufen, was sich bis heute nicht geändert hat. Meist liefen wir in die Innenstadt. Dort gab es in einem Zoogeschäft lebendige Tiere zu bestaunen. Das war ein kleiner Trost für die ungeliebte Anstrengung für mich.

Einmal im Jahr gab es eine Kirmes auf dem Marktplatz. Ich mochte den Lärm zwar nicht, fuhr aber gerne auf dem Ketten-Karussell. Oma kaufte mir dort ein Äffchen aus Kaninchenfell, das wie eine Marionette an einem Hölzchen und an Fäden hing. Dieses „Tierchen“ war mein Liebstes. Es wurde überall mit hingeschleppt, gestreichelt und gekuschelt, bis es bald auseinander fiel.
Einmal wurde es meiner Mutter zu bunt. Der Affe war schmutzig, das Fell arg lädiert. Sie sprach mit mir und bot mir an, ein anderes Tier zu kaufen, wenn ich den Affen hergeben würde. Schweren Herzens willigte ich ein und bekam stattdessen einen kleinen, auf dem Bauch liegenden Bären von Steiff.
Als ich meinen geliebten Affen in den Flammen des Herdes verschwinden sah, ist mir fast das Herz gebrochen. Ich habe geschrien und geweint und war in heller Panik, doch mein Liebling war unwiederbringlich fort.
Mit dem Bären habe ich mich nie anfreunden können und noch heute finde ich „Teddys“ schrecklich, fast genauso, wie die Puppen, die man mir schenkte. Eine davon hieß Lilli. Es war eine Schildkrötpuppe mit Augen, die sich öffnen und schließen konnten. Obwohl meine Mutter viele Kleidchen dafür strickte und nähte, konnte ich keinen Gefallen daran finden.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 5

Im Kindergarten 1957

Zwei Jahre vergingen, und ich besuchte für kurze Zeit den Kindergarten, in dem E., Mutters Freundin, Kindergärtnerin war. Täglich ging ich in der Frühe dorthin, mit einem roten Ledertäschchen für das Frühstücksbrot um den Hals. Anfangs zeigte mir meine Mutter den Weg. Danach musste ich allein gehen. Das war ein richtiges Abenteuer, denn auf der Straße liefen die riesigen Schäferhunde noch frei herum, vor denen ich mich sehr fürchtete. Überall lagen ihre Kothaufen, und ich hatte Mühe, nicht hinein zu treten. Ich lief vorbei an der Post, der kleinen Leihbücherei von Frau L., dem Lädchen der Familie E., in dem es Milch, Käse und Eier zu kaufen gab und bestaunte die alten Häuser, die immer noch riesige Einschusslöcher aus der Kriegszeit aufwiesen.

Dort, wo sich heute Haus an Haus reiht, luden damals große, freie Flächen mit Wildwuchs und altem Baumbestand zum Spielen ein. Leider vertrödelte ich oft die Zeit, und einmal bin ich gar nicht nach Hause gegangen, um dort zu spielen. Das löste bei E. und meiner Mutter eine richtige Panik aus. Doch ich ging nicht verloren.

In diesem Kindergarten blieb ich einen Sommer und einen Winter lang. Noch heute habe ich alles dort in Erinnerung: Die langen, roten Holzbänke, die bei schönem Wetter nach draußen getragen wurden, die Schaukeln und Spiele. Alles war unbetoniert, keine bezwungene Natur.
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, war eines der Spiele oder „Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser?“
Drinnen spielten wir mit Plastikblümchen, die sich zu Armbändern aneinanderreihen ließen, oder wir malten und bastelten den ganzen Vormittag. Es war eine schöne Zeit. Doch nichts Schönes hält ewig.

Als meine Mutter feststellte, dass sie wieder schwanger ist, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden – auch für den Kindergarten. Fortan musste ich zu Hause bleiben, und im darauffolgenden Sommer kam mein Bruder zur Welt.

So vieles hatte sich seit seiner Geburt in meiner kleinen Welt verändert. Ich dachte daran zurück, wie der Vater oft mit mir zur „Ting-Ting“-Oma gefahren war. Das tat er nun nicht mehr. Ich sei zu groß fürs Rad, hatte er gemeint. Die Essenberger Oma hatte diesen Spitznamen von mir bekommen, weil ich jedes Mal die Klingel am Fahrrad des Vaters betätigen durfte, wenn er damit zu seiner Mutter gefahren ist. Dann hatte ich stets mit gedurft.

Als Dreijährige wurde ich vorn am Lenker, in den schwarz lackierten Kindersitz des väterlichen Fahrrades gesetzt, wo ich die schönste Aussicht hatte. Dann war Vater mit mir zur Oma Nummer Zwei gefahren. Es ging die steile Abfahrt die Bruchstraße hinunter. Von dort fuhr er direkt in das Essenberger Bruch hinein, um Kettensalat für die Kaninchen zu holen, die hinter dem Anbau des Hauses in ihren selbstgebauten Holzställen saßen oder weiter zur Oma.

Meine Eltern und Oma in Essenberg

Überall hatte mir der Bruder das alte Platzrecht streitig gemacht. Deshalb blieb ich bei den Großeltern.

mit meiner Lieblingsoma bei uns Zuhause

Ich hörte lieber Omas Geschichten von Ostpreußen und bestaunte die vielen Dinge in ihren Schubladen und Schränken. Auch ihre Ermahnungen hielten mich nicht davon ab, dort alles gründlich zu untersuchen. Doch selbst die geduldige Oma musste ab und zu ein deutliches „Geh da nicht dran!“ aussprechen, was sich im ostpreußischen Dialekt jedoch eher lustig anhörte und wie „je da nich drran“ klang.

Von besonderem Interesse waren Perlenkette und Goldschmuck, aber auch Lippenstift und Parfüm im Schlafzimmer. All diese Schätze wurden in Schalen und Behältnissen aus Kristallglas aufbewahrt, und manchmal kehrte ich von einer Lavendelwolke umgeben zur Oma ins Wohnzimmer zurück. Diese rümpfte die Nase und schaute sich den Flakon „Uralt Lavendel“ genauer an, der sichtlich an wertvollem Inhalt verloren hatte. Was folgte, war ein striktes Schlafzimmerverbot. Nur noch in Begleitung war mir das Betreten erlaubt, doch manchmal bekam ich einen winzigen Tropfen Parfüm, als Trosttröpfchen von Oma hinter die Ohren geschmiert.
Ganz fasziniert war ich von der großen, schwarzen Wanduhr, die ihr gleichmäßiges Tick-Tack, tagein, tagaus, von der Wohnzimmerwand in die Wohnung streute. Halbstündlich und stündlich wurde das Geläut in Gang gesetzt. Die Uhr, die eine Anschaffung aus den 20er-Jahren war, wurde von Oma wie ein wertvolles Heiligtum bewacht. Nur sie hatte das Privileg, die Uhr mit einem großen Schlüssel aufzuziehen.
Immer wieder erschien das tickende Etwas in meinen Träumen; vermittelte aber jedes Mal den Eindruck, etwas Dunkles, Unheilvolles zu sein. Einmal sah ich, wie Rabenvögel aus ihr herausflogen und sich im Wohnraum verteilten. Die Uhr war für mich in späteren Jahren das Zeichen für die ablaufende Lebenszeit. Jeder Stillstand wirkte beunruhigend auf mich, denn er erinnerte an den Tod. Die Uhr ist das einzige Erbstück von Oma. Heute hängt sie an meiner Wohnzimmerwand und bringt mit jedem Tick-Tack Erinnerungen zurück.

Ich hatte als Kleinkind niemals damit aufgehört, am Daumen zu lutschen. Nach der Geburt des Bruders steigerte es sich bis ins Extreme und war so schlimm, dass das rohe Fleisch bis auf den Knochen zerbissen war. Der Kinderarzt verordnete übelschmeckende Salben und das nächtliche Handschuhtragen, was jedoch nichts bewirkte. Bis zum zwölften Lebensjahr sollte diese Unart anhalten und konnte auch nicht durch die Geschichte des Daumenlutschers im „Struwwelpeter“ vereitelt werden. Diese, von meiner Oma oft vorgelesene Geschichte des „Conrad“, dem aufgrund des Daumenlutschens beide Daumen abgeschnitten wurden, faszinierte und ängstigte mich in gleicher Weise wie die Geschichte „des bitterbösen Friederich“, bei dem die Vergleiche mit meinem Vater nicht ausblieben.

An fast jedem Tag wurde dieses Buch hervorgeholt, und bereits mit vier Jahren war es mir möglich, selbst darin zu lesen. Genauso anziehend wirkten Omas uralte Schulbücher aus Ostpreußen auf mich, und obwohl ich noch nicht alles Geschriebene verstand, ließ ich mir täglich neue Geschichten von Oma vorlesen. Zusätzlich verschlang ich Mickey-Mouse-Hefte, die wie ein kostbarer Schatz in einem kleinen Koffer unter dem Sofa verwahrt wurden. Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich schon gute Lesekenntnisse vorweisen, was meinen Klassenlehrer veranlasste, mich zum Vorlesen mit in die oberen Klassen zu nehmen.

Einschulung mit 5 Jahren 1958

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 4

Zur gleichen Zeit stellte der Hausarzt bei meiner Mutter eine neue Schwangerschaft fest, was meine Großeltern dazu bewog, nach der Geburt des neuen Erdenbürgers, nach oben, in die erste Etage zu ziehen, um den jungen Eltern mit den Kindern die größere Wohnung zu überlassen. Doch bis Oma dazu bereit war, bedurfte es wieder einiger Überzeugungskraft.

Als mein Bruder Gerald im Juli 1958 geboren wurde, war mein Vater natürlich glücklich und erleichtert gewesen. Endlich war der ersehnte Stammhalter da! Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – jetzt musste und durfte es genug sein. Kein weiteres Kind sollte hinzukommen. Die Familiengröße entsprach genau den gesellschaftlichen Vorstellungen einer modernen Nachkriegsfamilie.

In der ersten Zeit wurden wir beide im elterlichen Schlafzimmer untergebracht. Mein Klappbett stand links an der Wand; das weiß lackierte Gitterbettchen meines Bruders wurde auf die gegenüberliegende Seite gestellt. So durchlebte man das erste Halbjahr auf engstem Raum, was meinen Vater aggressiv und übellaunig machte.

Ich fühlte mich immer mehr vernachlässigt und tat meine Eifersucht in eigenartigsten Verhaltensauffälligkeiten kund. Um meinen Bruder in Misskredit zu bringen, legte ich ihm eines mittags mein auf der Toilette fabriziertes „Geschäft“ ins Bett, was meine Mutter fassungslos ihrem Mann berichtete. Der prügelte mit seiner aufgestauten Wut auf mich ein, bis ich mich wimmernd in die hinterste Zimmerecke verkroch, aus Angst, noch weitere Schläge aushalten zu müssen. Doch die waren mir immer noch lieber, als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Von Stund an fürchtete ich mich noch mehr vor dem Vater. In meinen Augen war er der Alleskaputtmacher, der Wegwerfer, der gefühllose Grobian, der „bitterböse Friederich“ – ganz im Gegensatz zum Opa, der alles reparierte, neu pflanzte und jede noch so kleine Schraube sammelte und liebevoll in seiner Werkstatt aufhob. Alle Fragen, die man als kleines Mädchen auf den Lippen hatte, stellte ich den Großeltern, niemals meinem Vater. Wenn ich etwas haben wollte oder länger aufbleiben wollte und meine Mutter darum bat, schickte sie mich meistens zu ihm.
„Frag deinen Vater!“, sagte sie dann immer, um mich loszuwerden, aber die Angst, ihn zu fragen, war zu groß. Dann verzichtete ich lieber.

Ich bekam mit, wie die Oma über den Vater schimpfte: „Der macht doch alles kaputt!“, murrte sie immer wieder und nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich im Raum war.

Seit der Geburt des Bruders schien ich für die Eltern nicht mehr vorhanden zu sein. Nur wenn es etwas zu tadeln gab, erinnerte sich der Vater an mich.
„Du unnützes Ding!“, schimpfte er dann mit mir. Nach der Schelte oder gar Ohrfeige „verschwand“ ich wieder vor seinen Augen, bis zum nächsten Mal. Und dieses nächste Mal kam bestimmt, da konnte ich mich anstrengen, wie ich wollte. Mein „Papi“ wurde alsdann zum dunklen Schatten, der immer dann auftauchte und strafte, wenn ich es nicht erwartet hatte.

Plötzlich gab es keine Kosenamen von den Eltern mehr für mich. Fortan bekam ich ganz andere Dinge zu hören. Für meinen Vater war ich „das Blag“, das nichts taugte.

Einmal wollte ich mit den Eltern sonntags zum Onkel fahren. Ich war in meinem besten Kleidchen, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Lackschuhen noch einmal in den geliebten Garten geeilt, weil die Eltern noch nicht fertig waren. Als ich vor der Ligusterhecke stand, flog eine große Amsel erschreckt aus ihrem Nest und stieß sich mit den schmutzigen Füßen an meinem Kleidchen ab. Oh je! Wie sollte ich das Vater erklären? Ängstlich ging ich zurück ins Haus und erwartete, dass man mir meine Geschichte glaubte. Doch das taten die Eltern nicht! Sie schimpften über das beschmutzte Kleid, und Vater holte mit der Hand aus und schlug mir mitten ins Gesicht.
„Für die Lüge!“, sagte er. Ich stand fassungslos da und weinte über die Ungerechtigkeit. Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt! Von nun an schwieg ich lieber. Vater hasste meine Tränen. So sehr ich mich auch bemühte, sie zurückzuhalten, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dann schlug er mich jedes Mal noch mehr.

Schon im Kinderwagen hatte er das getan. Zwei Jahre lang hatte meine Mutter nach ihrer Heirat darauf gewartet, in guter Hoffnung zu sein. Erst eine Luftveränderung brachte den ersehnten Erfolg. Im April 1953 kam ich zur Welt, an einem Montag. Die Hoffnung meines Vaters, einen Stammhalter in den Armen halten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Stattdessen hatte ihm die Hebamme ein kleines, schreiendes Mädchen entgegengehalten. Mit Mädchen wusste mein Vater nur wenig anzufangen.

Wie meine Mutter erzählte, entwickelte ich mich mit lautem Geschrei und forderte unmissverständlich die Aufmerksamkeit aller Mitbewohner des Hauses und der Nachbarschaft dazu. Wenn ich bei schönem Wetter in einem Kinderwagen aus cremefarbig lackiertem Korbgeflecht im Hof, der unter dem großen Birnbaum stand, wurden Fenster und Türen der Nachbarhäuser der Reihe nach geschlossen. Jedes Mal, wenn sich meine Mutter auf Zehenspitzen von dem hochmodernen Gefährt entfernt hatte und zurück ins Haus geschlichen war, begann wie auf Knopfdruck kurz darauf die Heulerei. Sie nahm erst dann wieder ein Ende, wenn ich zur nächsten Fütterung zurück ins Haus gebracht wurde.

Auf jeden Fall hatte ich mich der Nachbarschaft sehr eindringlich präsentiert, was anfangs dazu führte, dass die weiblichen Anwohner der Straße ins Haus kamen, um den Eltern zu gratulieren und den Schreihals mit „och ist die süß“ oder anderen beifälligen Bemerkungen gutzuheißen. Von Mutters Freundin E., die nur zwei Häuser weiter rechts wohnte, bekam ich einen kleinen hölzernen Hund mit Messing-Plakettchen um den Hals geschenkt, der fortan auf dem Regal in der Küche einen Platz bekam und später in meinem Zimmer stehen durfte. Den Hund gibt es heute noch. Er steht auf der Fensterbank in meiner Küche. Die Messingplakette ist jedoch verloren gegangen.

Mit der Zeit wussten alle im näheren Umkreis meines Elternhauses, wer da schrie.
„Vom Schreien bekommt sie kräftige Lungen“, hatte der Kinderarzt Dr. D. meinen Eltern zur Beruhigung erklärt.

Wie schrecklich ich die Welt empfunden haben musste, konnte man nur ahnen, weil das Geschrei tage-, nächte-, ja, monatelang anhielt, ohne jemals leiser zu werden. Man konnte nur Eins tun: dem Schreihals „den Mund stopfen“, was zur Folge hatte, dass ich zusehends rundlicher wurde und als Dreijährige kaum noch in die gängige Strumpfhosengröße hineinpasste.

Dem Vater muss ich von der ersten Minute an ‚ein Dorn im Auge‘ gewesen sein. Oft drosch er entnervt auf mich ein, um das Schreien abzustellen, doch alle Schläge schafften keine Abhilfe.
Er musste sich beherrschen, und meine Mutter ließ alles was er tat, gehorsam, widerstandslos und schweigend geschehen, weil sich ihrer Ansicht nach, eine Frau dem Manne unterzuordnen hatte, auch wenn ihr die bibeltreue Mutter tagtäglich das Gegenteil vorlebte.
Das klägliche, fordernde, hilflose Geschrei des Säuglings ließ sich nicht abstellen! Es gab kein Rezept, keinen Knopf, keinen Schalter. Das Geplärr brachte meine Eltern nicht nur um ihre wohlverdiente Nachtruhe und um die letzten Nerven, sondern störte auch in erheblichem Maße die Konzentrationsfähigkeit meines Vaters, die er für die Arbeiten an seiner Meisterprüfung dringend brauchte. Schlecht gelaunt und müde verbrachte er seine normalen Arbeitsstunden im Labor und noch schlechter gelaunt kehrte er jeden Tag nach Hause zurück
Umbringen konnte mich mein Vater jedenfalls nicht, wie seine Vorfahren es einst im Hunsrück mit unerwünschten Kindern getan hatten. Wie „Hänsel und Gretel“ hatte eine seiner Ur-Großtanten zwei ihrer Kinder einfach in den Wald gebracht und getötet. Damals gab es keine Ankläger und keine Richter. Die Menschen waren bitterarm und konnten nicht alle Kinder ernähren, die sie zeugten. Aber das war lange her!

Als ich ein Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Habel in die Rhön. Dorthin war sie gegen Kriegsende aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. Ihm gehörte der größte Bauernhof des Dorfes. Seitdem war der Kontakt nicht abgebrochen.
Damals nahm sie die beschwerliche Bahnreise auf sich, weil sie ihren Mann entlasten wollte und vielleicht auch zu meinem Schutz. Wie sie mir in späteren Jahren erzählte, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, meinen Vater zu verlassen. Damals war das nicht so einfach gewesen wie heute. Deshalb rauften sie sich wieder zusammen, und meine Mutter verlor mit den Jahren nicht nur ihren eigenen Willen, sondern im Alter schließlich auch ihr Gedächtnis.

Als ich vier Jahre alt war, fuhren wir ein zweites Mal dorthin und auch in späteren Jahren immer wieder. Solange, bis mein Vater nicht mehr bereit war, in seinem Urlaub zu arbeiten, denn jeder musste dort mithelfen. Der paradiesisch gelegene Ort war ein Stückchen Himmel für mich. Ich habe die Zeit dort nie vergessen!

Das Dorf lag idyllisch von Bergen und Feldern eingerahmt am „Ende der Welt“. Es bestand aus ca. zwanzig Bauernhöfen, einer Kirche, einer Kneipe, einem Krämerladen und einer Dorfschule, in der alle gleichzeitig unterrichtet wurden. Ringsum unberührte Natur, Felder und Weiden soweit das Auge reichte, grunzende, quiekende Schweine in den Ställen und glückliche Kühe auf den Weiden. Gänse watschelten durchs Dorf, dessen einzige Straße ganz und gar mit Kuhfladen bedeckt war.

Die Dorfgemeinschaft war sehr gastfreundlich. Ich durfte bei einem Bauern schlafen, der zwei Töchter im gleichen Alter hatte und hielt mich den lieben, langen Tag bei den Tieren im Stall auf. Täglich durfte ich zusehen, wie die Kühe gemolken und in aller Herrgottsfrühe auf die Weide getrieben wurden. Wenn die Bäuerin die Schweine fütterte, roch der ganze Hof nach Kleie und Kartoffeln. Ich schaute ihr zu, wie sie zusammen mit anderen Dorffrauen den Teig für das runde Brot mit dem feinen Kümmel Geschmack zubereitete. Zum Backen stand ein großer, steinerner Ofen mitten im Dorf. In späteren Jahren fiel mir der Abschied jedes Mal sehr schwer. Ich mochte das Landleben viel lieber als die Stadt.
Nach einem Monat Aufenthalt mussten meine Mutter und ich damals nach Hause zurückkehren.

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 3

Beim Kartoffel-Setzen im Garten

Ja, Opa hatte es nicht leicht! Trotzdem sah man ihn niemals schlecht gelaunt. Er war immer freundlich, geduldig und hatte ein sonniges Gemüt. Als ich heranwuchs, genoss ich in seiner Obhut einen besonderen Schutz. Ich hielt mich gerne in seiner Nähe auf, weil er ganz das Gegenteil des autoritären Vaters war.

Mit dem Opa konnte ich spielen und lachen, ohne Ermahnungen und Schläge fürchten zu müssen. Von ihm ließ ich mich beschützen und tragen und die Natur erklären. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam, lief ich zu ihm, um nach dem Essen mit ihm in den Garten zu gehen. Er zeigte mir, wie man Kartoffeln setzt und Bäume veredelt, Strauch- und Heckenschnitt, Saat und Ernte. Mit ihm zusammen ging ich auf Entdeckungsreise. Opa offenbarte mir, dass das „Männlein im Walde“ durchaus auch in der Hecke stehen konnte. Von den Hagebutten wurde Tee gekocht, man sammelte gemeinsam Kamille und Minze, Salbei und Bohnenkraut.

Ich schaute zu, wenn er die großen Stangen für die Bohnen richtete und später, wie sich die Ranken ihren Weg bis an die Spitze bahnten. Es wurden Erbsen „gedöppt“, Sauerkirschen, „Wimmelchen“ (Johannisbeeren), Stachel- und Erdbeeren gepflückt, Rhabarberblatthüte getragen und die Stangen in Zucker getaucht gegessen. Bereits als Vierjährige stand ich mit einem Körbchen auf dem Acker, um die von Opa gegrabenen Erdlöcher mit Pflanzkartoffeln zu belegen oder schaute in der alten Laube, inmitten herrlich duftender, roter Rosen, auf dem Boden oder unter Steinen nach Kellerasseln und Silberfischen.

Wenn ich die rot lackierte Holztüre des Hinterausgangs durchschritt, kam ich in „meine Welt“. Bei gutem Wetter tollte ich beim Ballspielen auf dem Hof herum oder schaukelte stundenlang dem Himmel entgegen. Dabei sah ich meinem Schatten zu, wie er sich bei jeder Auf- und Ab Bewegung an der Wand des Nachbarhauses hob und senkte. Hinter dem Haus stand eine alte Bank, wo wir abends, nach getaner Arbeit, oft beisammen saßen. An lauen Sommerabenden konnte ich dort die Mückenschwärme tanzen sehen, oder ich lauschte dem Zirpen der Grillen.
Im Garten gab es viel Schönes zu entdecken. Wenn das Gepflanzte heranwuchs und mit ersten zartgrünen Blättchen die dunklen Erdschollen durchbrach, wurde das von mir mit dem größten Interesse beobachtet. Ebenso erregte jedes Getier meine Aufmerksamkeit. Ob es nun Spinnen, Käfer, Heuschrecken, Raupen oder Schmetterlinge waren: Jedes Krabbeltier wurde genauestens beschaut und bestaunt, in Behälter gesammelt und hinterher wieder freigelassen. Besonders Katzen machten mir damals schon große Freude. Sie wurden angelockt und gestreichelt, sobald sie unseren Garten oder den Hof durchquerten.
Jeden Herbst verbrannte Opa Strauchwerk und Kartoffelkraut auf den abgeernteten Äckern, und wir aßen in der Glut gegarte Kartoffeln, die herrlich schmeckten.
Die geernteten Kartoffeln wurden im Hof ausgebreitet, damit sie trocknen konnten, bevor sie eingekellert wurden. Von den winzig kleinen machte Oma die leckersten Bratkartoffeln, und da mir ihr Essen viel besser schmeckte als das meiner Mutter, schlug ich mir fast täglich den Bauch damit voll.
Bei Oma kamen köstliche Dinge auf den Tisch. Ihr eingepökeltes Fleisch war so zart, wie ich es nie wieder gegessen habe und ihre Pfannkuchen, die sie oft für uns Kinder zubereitete, waren, neben ihren selbst gemachten grünen Klößen mit Mehlschwitze und „Spirkel“ (dicke Rippchen) „ein Gedicht“.
Zu Beginn des Frühjahrs musste Opa die Grube unter dem hölzernen Klosett und die Mistkuhle im Garten entleeren, die mit Küchenabfällen gefüllt war. Dann wurde der Inhalt mit einem Eimer, der an einer langen, hölzernen Stange befestigt war, als Dünger in die Kartoffelacker im Garten eingebracht. In dieser Zeit lag über Hof und Garten ein bestialischer Gestank. Wege und Beete waren mit gelblich-braunen Flecken überzogen, hier und da konnte man sogar noch einige Zeitungsfetzen ausmachen, und man mied nach Möglichkeit für eine Weile diesen Ort.

Wo es während des Krieges und danach nur diese Toilette gegeben hatte, die ihre Funktion noch lange Jahre beibehielt, baute mein Vater Anfang der 50er Jahre ein Badezimmer in die Küche der Schwiegereltern ein. Dazu wurden neue Leitungen gelegt und Wände gesetzt, jedoch ohne Genehmigung der Baubehörden. Da eine Toilette mitten in der Küche weder den Hygiene- noch den Bauvorschriften entsprach, musste das Machwerk, nach behördlicher Anordnung, ein Jahrzehnt später wieder abgerissen werden.

Oma beobachtete missmutig die Aktivitäten ihres Schwiegersohnes, der seit seinem Einzug damit begonnen hatte, gewisse Dinge in Haus und Hof zu modernisieren und Überflüssiges zu entfernen.

Der riesige Birnbaum mitten im Hof hatte den letzten Krieg überstanden und war auch durch einen direkten Bombeneinschlag im Anbau des Hauses nicht zerstört worden. Aber er musste weg, denn er versperrte nicht nur die Sicht, sondern saß im Sommer voller Insekten. Im Herbst lag das Fallobst faul im Hof herum, wo es Schwärme von Wespen anzog. Zu gefährlich für mich, weil sich unter dem Baum meine Schaukel und ein Sandkasten befand.

Einzige Gegnerin dieser Pläne war natürlich Oma, denn sie musste sich für immer von ihren in Essig-Zuckerwasser mit Gewürznelken eingemachten Birnen verabschieden, die neben selbstgemachtem Apfelmus, im Sommer geernteten Sauerkirschen und anderen eingekochten Köstlichkeiten das ganze Jahr über in den Kellerregalen standen.

Nachdem die Pläne jahrelang aufgrund des schwiegermütterlichen Widerstandes zurückgestellt worden waren, hatte ich bereits das fünfte Lebensjahr erreicht, als mein Vater sich endlich durchsetzte. Oma murrte, ließ ihn jedoch diesmal gewähren. Ganz allein fällte er zu Beginn des Frühjahres den alten, riesigen Baum und verarbeitete ihn nach und nach zu Brennholz.

Oma hatte schon auf vieles verzichten müssen, das ihr wert und teuer gewesen war, wie zum Beispiel auf ihre Hühner und Enten. Anstelle eines Hundes hatte viele Jahre lang ein Ganter darauf aufgepasst, dass kein Fremder den Hof betrat. Ein „stinkender Köter“, wie sie sagte, kam ihr nicht ins Haus, denn sie mochte Hunde überhaupt nicht.

Einen besonderen Widerwillen hatte sie gegen Ferdinands Schäferhund, der während der Besuche immer unter dem Tisch lag und nur darauf wartete, dass sich jemand bewegte. Dann begann er sofort das Knurren und Zähnefletschen und konnte nur mit Mühe von Ferdi beruhigt werden. Ich fürchtete mich sehr vor dem langhaarigen, bissigen Gesellen, was zur Folge hatte, dass ich den Hunden aus dem Weg ging, wo immer ich es konnte.

Als der Gänserich das Zeitliche gesegnet hatte, musste Anfang der 50er Jahre durch Initiative meines Vaters auch der Hühnerstall und der Ententeich weichen. Das war das Aus für die täglich frischen Eier, und es nahm meiner Oma schließlich auch ein kleines Stück Heimat, die in ihr durch die Erinnerungen an den elterlichen Bauernhof in Ostpreußen lebendig blieb.

Was zunehmend wie eine gesteigerte Zerstörungswut aussah und von Oma auch so gedeutet wurde, sollte am Hausprojekt in eine lebenslange, ehrgeizige Sanierungs- und Erhaltungsarbeit übergehen. Dafür investierte mein Vater nicht nur alles Geld, sondern auch alle seine Kräfte.

Auch Opa hatte zuvor schon Pionierarbeit am Bau geleistet und neue Stromkabel und Wasserrohre verlegt. Wenn man nun im Wohnraum den Lichtschalter betätigte, gingen die Lampen im Schlafzimmer an, was natürlich so nicht gewollt war.

Durch die Detonation einer Bombe im Nachbarhaus gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war ein Teil der Zimmerdecke des Wohnraumes eingestürzt. Opa hatte sie nur notdürftig flicken können, weil ihm zum damaligen Zeitpunkt die dafür erforderlichen Baustoffe fehlten. Das hatte zur Folge gehabt, dass sich Anfang der 50er Jahre über dem Sofa erneut ein riesiger Deckenriss gebildet hatte, was wenige Zeit später einen weiteren Einsturz nach sich zog. Da es mittlerweile wieder alle Materialien zu kaufen gab, wurde 1957 die gesamte Decke neu eingezogen.

Wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Fortsetzung Teil 2

Meine Großeltern

Obwohl mein Opa täglich zehn Stunden und mehr im Stahlwerk schuftete, bekam er nur ein kleines Taschengeld, womit er sich ab und zu Zigarren der Marke „Weiße Eule“ oder Stumpen kaufen konnte. Darüber freute ich mich als Kind, denn die Bildchen, die sich in jeder Packung befanden, kamen wie ein Schatz in eine kleine Zigarrenkiste, die ich sorgsam hütete.

In den Nachkriegsjahren hatte Opa selbst im Garten Tabak angepflanzt, und er trocknete die geernteten Blätter in seiner Werkstatt. Das war ein übel riechendes, kaum genießbares Kraut gewesen. Wenn die Taschengeld-Zuteilung aufgebraucht war, gab es nur unter heftigsten Vorhaltungen von Oma einen Nachschlag.
Penibel war ihre häusliche Buchführung. Dafür benutzte sie jedes Blättchen, das sie trotz der Papierknappheit finden konnte. Selbst Opas vergilbte Gedichtheftchen, mit Deckblättern aus alten Feldpostkarten, wurden derart „entehrt“. Neben den einst von ihm gedichteten, sehnsuchtsvollen Liebesversen standen nun Zahlenkolonnen und Auflistungen von Ein- und Ausgaben, Kosten für Tabakwaren, Benzin für das 1936 angeschaffte Motorrad und Notizen über Weinansatz und Hypothekentilgung. Hin und wieder konnte man dort auch den Text eines Volksliedes finden. „Ja, grün ist die Heide…“, von Hermann Löns, hatte es Oma besonders angetan.
„Was die schöne Heide weiß, geht die Mutter gar nichts an…“, war eine Stelle aus diesem Lied. Wann immer es ihr in den Sinn kam, gab sie es lautstark zum Besten. Neumodische Musik war ihr ein Gräuel, und auch ihrem Mann war es nicht erlaubt, derartige „Niggermusik“ zu hören. Das Röhrenradio von Nordmende wurde lediglich zum Nachrichtenempfang genutzt. Abends, immer um dieselbe Zeit, saßen meine Großeltern beisammen und lauschten dem Hörfunksprecher.

Meine Oma war als Tochter eines Gutsbesitzers zusammen mit acht Geschwistern aufgewachsen und hatte bei einem Kürschner das Nähen gelernt. In stillen Stunden schwelgte sie sehnsuchtsvoll in Erinnerungen, erzählte von der elterlichen Trakehner-Zucht und dem geschwisterlichen Spiel auf dem Heuboden. Sie schwärmte von den Störchen, die sie besonders liebte, aber auch von den dunklen Wäldern, den Elchen, dem Flussufer der Memel mit Wiesen voller Frösche und Libellen und der Weite des Landstriches, von dem sie sagte, dass er dem Niederrhein ähnlich sei. Doch ihr Heimatland lag nicht nur weit vom Ruhrgebiet entfernt, sondern war im Krieg, nach Vertreibung der Deutschen und Besetzung durch die Russen, unerreichbar für sie geworden.

Ihre Eltern starben bereits in den 30er Jahren. Ihr Lieblingsbruder Eugen Ewald war 1944 in Labian gefallen. Zwei ihrer Schwestern, Hedwig und Olga, waren ihr nach Duisburg gefolgt, wo sie im Stadtteil Beeck eine Unterkunft fanden; Maria Meta verstarb bereits 1920 in Essen, Bruder Artur Hermann 1922 in Jagstellen/Ostpreußen; von zwei Brüdern zog Georg Willy nach Köln und August Emil nach Büderich bei Werl. Ihre Schwester Elisabeth Marta – von allen „Ratta“ genannt – lebte nach Kauf des Hauses, zusammen mit ihrem beamteten Mann, ebenfalls in einem Raum des Erdgeschosses im Hause der Großeltern.
(Fotos siehe: www.gottes-bilderbuch.de/ueber-mich/zum-gedenken/ostpreussen )

Nachdem ihr Gatte im Krieg gefallen war, verlor sie all ihre Lebensfreude und versank mehr und mehr in eine tiefe Depression, die sie mit billigem Fusel und Branntwein aus Methylalkohol zu betäuben versuchte. Sie verwahrloste völlig, hörte schließlich auf zu essen und unterließ jegliche Körperpflege. Manchmal saß sie im Bademantel mit wirren Haaren auf dem unteren Treppenabsatz und aß dick mit Wasser angerührten Malzkaffee-Brei. Als ihre Krankheit den Höhepunkt erreichte, lief sie ihrem Schwager im Garten mit einer Axt hinterher und schrie voller Verzweiflung: „Erschlag mich! Bring mich doch endlich um!“
Ratta, die, wie mein Vater sagte, einst eine patente Frau gewesen war, hatte ihre Gehirnzellen endgültig dem Alkohol geopfert. Aufgrund dessen wurde sie schließlich Anfang der 50er Jahre, von Wahnvorstellungen geplagt, in die Nervenklinik nach Bedburg-Hau eingewiesen, wo sie im Jahre 1964 verstarb.


Mein Opa stammte von einem Großbauern aus Lütz an der Mosel. Er war ein geselliger, ruhiger und gutmütiger Mann, handwerklich geschickt, der die sämtlichen Arbeiten am Haus erledigte und acht Jahre jünger war, als seine Frau.
In den 20er Jahren hatten beide ihre Heimat verlassen und waren ins Ruhrgebiet gezogen, weil es dort Aussichten auf ein gutes Auskommen gab. Opa hatte als Stahlwerker eine Arbeit bei den Krupp-Werken in Rheinhausen bekommen, und Oma kaufte mit ihrem Erbteil das 1896 erbaute Haus für 7.000 Goldmark.

Vor ihrer Heirat war es bei beiden Familien in Ostpreußen und an der Mosel zum Eklat gekommen, denn Oma war Protestantin und Opa Katholik. Das wurde seinerzeit wie ein kirchlicher Verrat angesehen und stieß überall auf herbe Kritik. Selbst in der Nachbarschaft wurde hinter vorgehaltener Hand darüber geschwätzt. Eine der unmittelbaren Nachbarfamilien war „schwarz-katholisch“ und ging nicht nur täglich in die Messe und zur Beichte, sondern pilgerte auch regelmäßig zur Wallfahrt nach Kevelaer.
Oma fand dafür nur ablehnende Worte. „Die Katholiken werden doch von Kindheit an durch die Beichte zum Lügen erzogen“, behauptete sie. „Denen kann man nicht trauen!“
Ob Katholik oder Protestant: Alle waren davon überzeugt, den einzig wahren Glauben zu haben. Wer andersgläubig war, wurde belächelt und verurteilt. Für diese Religionseiferer einen gemeinsamen Nenner zu finden, war ein Unterfangen, auf dem kein kirchlicher Segen ruhen konnte, denn konfessionelle Mischehen waren verpönt. Zeitlebens schimpfte Opa deshalb auf „die Pfaffen“, aber seine Frau war pietistisch fromm für beide zusammen.

Auch Opa hatte Geschwister. Einer seiner Brüder war nach München gezogen, der zweite, mit Namen Ferdinand, hatte zunächst Omas Schwester Olga geheiratet. Dann wechselte er zur Schwester Hedwig und begann zunächst ein Verhältnis mit ihr. Als die bedauernswerte Olga gezwungenermaßen mit beiden zu Dritt in einem Bett schlafen sollte, erhängte sie sich aus Kummer. Später heirateten Hedwig und Ferdinand. Es war ihre zweite Ehe. Ihrem ersten Ehemann war sie zwei Tage nach der Hochzeit in Ostpreußen davongelaufen.
Hedwig und Ferdi kamen häufig zu Besuch. Dann wurden die hauchdünnen, „guten“ Weingläser aus dem schwarz-braunen, goldfüßigen Schleiflack-Schrank geholt, und man saß bei Moselwein zusammen und schwelgte in Erinnerungen.


Als ich heranwuchs und begann, meine Umwelt bewusster wahrzunehmen, war das Gesicht von „Onkel Ferdinand“ ein besonders anziehender und gleichermaßen abstoßender Blickpunkt für mich. Seine linke Gesichtshälfte bedeckte nämlich ein Blutschwamm, der sich bis über den gesamten Hinterkopf erstreckte.

„Ist der Onkel krank?“, fragte ich immer wieder, und obwohl meine Oma hier ein deutliches „Nein“ aussprach, wurde die Frage stets wiederholt, sobald Ferdi zu Besuch kam. Meiner Oma war das peinlich, und sie versuchte es zu erklären, in dem sie mir erzählte, die Mutter von Onkel Ferdinand hätte sich während der Schwangerschaft vor Feuer erschreckt.

Ob das Aberglaube war oder nicht, Oma hatte immer Recht, wenn von solch mystischen Dingen sprach. Einmal blühte im Spätherbst die Hecke nach. Das war ihr ein Zeichen, dass jemand aus der Nachbarschaft sterben würde, und es traf ein. In der Nacht, als der Nachbar starb, hatte Oma Geistwesen in ihrem Schlafzimmer gesehen, die über den Kranken im Nebenhaus sprachen. Wie weiße Schwaden hätten sie im Raum gestanden und geflüstert: „Jetzt ist es vorbei!“

Ein anderes Mal wuchs einer Blume im Garten eine Knospe, in der sich zwei Blüten befanden. Jemand aus der Familie würde heiraten, prophezeite Oma, und so kam es dann auch.
Schon, als ich noch relativ klein war, erzählte mir Oma die Geschichte ihres Bruders Artur Hermann, der sich auf dem elterlichen Gutshof erhängt hatte.
„Er hat das „Sechste und Siebente Buch Moses“ gelesen“, hatte sie gesagt, „und damit die Toten gerufen!“ Anschließend sei er sie nicht mehr losgeworden. Das Buch wäre sieben Mal versiegelt gewesen. Der Bruder hätte aus Neugierde alle diese Siegel gebrochen und wäre deshalb immer tiefer in die Hände der Geisterwelt geraten. Schließlich hätte ihn das zum Selbstmord getrieben.
„Die Toten muss man ruhen lassen!“, warnte Oma. „Niemand darf sie rufen!“ Früher einmal hatte sie mit anderen zusammen Séancen abgehalten und den Geistern beim „Tischchen rücken“ Fragen über die Zukunft gestellt.
„Wenn die Toten schon lange von der Erde weg sind, wird ihre Schrift undeutlich“, hatte sie über das „automatische Schreiben“ gesagt, „dann ist es eine Sünde, sie zurückzuholen.“
Über Marta erzählte Oma ähnliche mysteriöse Dinge. Einmal sei diese ins Dorf zum Tanz gegangen und hätte dort einen Mann kennen gelernt. Völlig verändert wäre Marta danach ins elterliche Haus zurückgekehrt. Sie sei fortan wie verhext gewesen und geistesabwesend herumgeirrt. Oma erzählte, sie habe ihre Schwester daraufhin gefragt, was denn passiert sei.
„Jede Nacht kommt jemand und holt mich!“, hatte Marta ihr wie in Trance berichtet.

Oma wollte das nicht glauben und bot ihr an, am nächsten Abend das Bett zu tauschen. Als Oma in Martas Bett lag, erwachte sie mitten in der Nacht, weil jemand an ihrer Decke zog und raunte: „Das ist sie nicht!“ Dann wäre ein Heulen durch Haus und Garten gegangen, das Tor sei mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen, und die Tiere im Stall hätten gelärmt. Der Spuk war nach diesem Vorfall vorbei gewesen und Martas Zustand hatte sich wieder normalisiert.

Im Haus hatte Oma das Sagen und führte ein sanftes Regiment, dem sich ihr Mann nicht zu widersetzen wagte. Ihr Schwiegersohn hingegen sehr. Als Oma eines Tages, wie immer mittags um 12 Uhr, ihren Mann mit einem lauten „Robert!“ zum Essen herbei rief, platzte meinem Vater fast der Kragen. Eine dringende Arbeit im Hof sollte gemeinsam mit dem Schwiegervater erledigt werden, doch Opa ließ nach dem zweiten Mahnruf die Arbeit sinken und machte sich auf zum Mittagstisch, wo sein Weib bereits sehr ungehalten auf ihn wartete. Der häusliche Frieden war ihm wichtiger. Er gab immer klein bei und schien sich mit allem abzufinden.
Irgendwann in späteren Jahren fragte mein Vater den Schwiegervater: „Warum haust du ihr nicht einmal eine runter?“
Dieser zuckte nur mit den Schultern und erwiderte kleinlaut: „Ach, sie ist doch schon so alt!“

Oma behielt die Hosen an und ließ ihren Mann durch ihre barsche und fromme Art in punkto Sexualität und Romantik „verhungern“. Das war nicht ihre Welt! Aber es wäre durchaus die von Opa gewesen, hätte er seine Sinnlichkeit denn ausleben können. So etwas brauchte sie genauso wenig wie die Musik. Sie hatte eine Tochter zur Welt gebracht, und aus war es fortan mit der körperlichen Liebe und den ehelichen Pflichten gewesen.

Notgedrungen ergötzte ihr Mann sich deshalb an der Unterwäsche der Nachbarin, wenn sie ihre Höschen zum Trocknen auf die Wäscheleine hängte oder an diversen pornografischen Fotos, die er mit sich herum trug wie ein kleiner, ungezogener Junge. Manchmal verschwand er damit im Plumpsklo auf dem Hof, das von allen Bewohnern des Hauses benutzt wurde.
Zeitungen dienten dort nicht nur der morgendlichen Lektüre, sondern wurden auch im stark verkleinerten Zustand zum Abputzen des „Allerwertesten“ benutzt, weil Toilettenpapier Luxus war, den man sich nicht leisten konnte.

wird fortgesetzt…

Kleiner Rückblick – Kindheit

Zur Info: Alle hier von mir beschriebenen Personen sind inzwischen verstorben.

1955

Meine Mutter gab sich Fremden gegenüber immer freundlich und gut gelaunt. So habe ich sie jedenfalls in Erinnerung behalten. Nach außen hin wirkte sie stets zufrieden und heiter. Hinter verschlossenen Türen wechselte sie oft ihr Gesicht. Dann machte sie ihrem Sternzeichen „Skorpion“ alle Ehre, wenn sie Worte wie Pfeile in meine Richtung schoss. Das tat sie besonders gerne, wenn andere Leute dabei waren. Das Kompromittieren machte ihr Spaß. Mit einem Schaudern denke ich an die letzten Worte zurück, die meine Mutter für mich hatte.
Ihr: „Mach’ bloß, dass du wegkommst!“, werde ich wohl zeitlebens nicht mehr vergessen können. Doch muss ich zu ihrer Entschuldigung sagen, dass sie 1997, als diese Worte fielen, schwer an Alzheimer erkrankt war. Mein Vater hatte nicht eingegriffen und die Situation entschärft. Beide wollten das nicht wahrhaben. Mit einer solchen Erkrankung konnte mein Vater gar nicht umgehen. Vielleicht war es ihm lieber gewesen, dass ich ging!? Grund des damaligen Rausschmisses war meine Absicht gewesen, mit zum Arzt gehen zu wollen, weil meine Mutter sich mit der Begründung gesund zu sein, weigerte, ihre Medikamente zu nehmen. Drei Monate später war sie tot.
Als junge Frau hatte sie in einem Textilgeschäft in Alt-Homberg den Beruf der Verkäuferin gelernt. Nach ihrer Heirat führte sie als Nur-Hausfrau ein weniger abwechslungsreiches Leben. Doch damals hatte die Hausarbeit noch ein anderes Volumen als heute.
In der Mitte der 50er Jahre hatte „Schmalhans“ die deutschen Küchen verlassen. Wir hatten immer genügend zu Essen, wenn auch weniger mannigfaltig als heutzutage. Es wurde vieles selbst angepflanzt oder hergestellt. Damals war man sparsamer als heute. Es gab wenig Müll und keine Wegwerf-Mentalität. Die Menschen schätzten die Handarbeit. Es wurde selbst gekocht, genäht und gestrickt. Fast alle Tätigkeiten und Reparaturen im Haus erledigte man eigenhändig, so gut es ging. Bis auf die Grundnahrungsmittel gab es nur wenig zu kaufen und wenn doch, dann war es sehr teuer. Geld war damals knapp und die Löhne niedrig.
Die Läden in der Stadt führten wieder ein vielfältiges Sortiment. Es gab Drogerien, Buch- und Schreibwarenläden, Kohlehändler, Schuhgeschäfte und Apotheken, ein kleines Tabaklädchen, eine Leihbücherei und mehrere Bäcker, Metzger und Krämerlädchen. Zwei Mal wöchentlich war Markt.
Als Vierjährige war ich fröhlich hüpfend an der Hand meiner Mutter gelaufen, wenn sie mittwochs und samstags zum Wochenmarkt ging. Dort hatte ich mich über ein kleines Stückchen Wurst gefreut, das ich jedes Mal von der freundlichen Marktfrau am Fleischerstand gereicht bekam. Wenn die Einkäufe erledigt waren, hopste ich genauso fröhlich wieder neben meiner „Mami“ nach Hause zurück, allerdings durstig und erschöpft.
„Hast du Durst, dann geh nach Frau Wurst, die hat ein kleines Hündchen, das pinkelt dir ins Mündchen“, sagte meine Mutter dann oft lachend auf dem Nachhauseweg. Immer war es dasselbe Ritual… eine der guten Erinnerungen, an einen kurzen, glücklichen Moment meiner Kindheit. Stolz trug ich die frisch gefüllte Milchkanne aus Blech am Holzgriff in meinen kleinen Händen und fühlte mich neben meiner Mami geborgen und furchtlos.

Ich wuchs im Hause meiner Großeltern auf. Meine Eltern bewohnten dort seit 1951 die obere Etage. Bei einem Tanzvergnügen hatten sie sich kennengelernt, nachdem Friedrich, mein Vater, aus französischer Gefangenschaft nach Hause zurückgekehrt war. Anschließend hatte er eine Laborantenlehre bei dem hiesigen Chemieunternehmen absolviert und seine Arbeit so gut gemacht, dass man aus oberen Reihen bestimmte, er solle die Stelle eines Chemiemeisters in einem der Betriebe übernehmen. Wieder musste er intensiv lernen, in fast jeder Minute seiner Freizeit, bis er auch diese Prüfung erfolgreich absolviert hatte.

Mit Bitterkeit dachte mein Vater manchmal an die schwere Nachkriegszeit in Südfrankreich zurück, wo er in Bergerac bei einem Bauern Dienst tun musste, bis man ihn nach sechs langen Jahren „Kohldampfschieben“ und Schinderei endlich freigelassen hatte. Der Krieg hatte seine Seele auf dem Gewissen, und er trauerte seiner verlorenen Jugend hinterher.
Mit fünfzehn Jahren war er von den Nationalsozialisten zum Militärdienst herangezogen und zunächst auf eine Schule für Unteroffiziere nach Skandinavien gebracht worden. Das war nichts für ihn. Ihm lag das Dienen nicht. Nach der Grundausbildung ging er zurück ins Ruhrgebiet, von wo aus man ihn anderweitig im Militärdienst einsetzte. Ganz im Gegensatz zu ihm, war sein Vater Ernst mit Leib und Seele Soldat gewesen. Schon im Ersten Weltkrieg war er als Offizier für Deutschland in den Kampf fürs Vaterland gezogen. Doch der Krieg hatte erbarmungslos seine Opfer gefordert. Vaters einstige Kameraden von der Offizierschule waren in blutjungem Alter allesamt nach Stalingrad abkommandiert worden und dort elendig umgekommen. Nicht einer von ihnen war zurückgekehrt.

Auch der Vater meines Vaters fand 1944 als Feldwebel der Waffen-SS in Frankreich bei Auray/Morbihan sein Grab und wurde in Pornichet beigesetzt.

Vater hatte Glück im Unglück, dass er nach Kriegsende aus einem Lager bei Rheinberg von den Alliierten nach Frankreich gebracht worden war. Sein Äußeres wirkte wegen seiner schwarzen Haare dem Deutschen ganz und gar untypisch.

In den letzten Jahren seiner Gefangenschaft war der Feindeshass langsam gewichen. Zwangsläufig hatte er die französische Sprache erlernen müssen und engere Kontakte zum Eigner des Gutshofes geknüpft. Fast zwei Jahrzehnte nach seiner Entlassung flatterte ihm von diesem eine Einladung nach Bergerac ins Haus. Es berührte ihn sehr, als er den parfümierten Brief aus Frankreich in Händen hielt. Das Wiedersehen seiner Leidensstätte lehnte er jedoch ab. Zu viele bittere Erinnerungen hingen daran, die er nicht vergessen konnte. Von Frankreich wollte er zeitlebens nichts mehr wissen.

Er war 23 Jahre alt gewesen, als er nach der Gefangenschaft seine Heimat wiedersehen durfte. Dort lernte er meine zwei Jahre ältere Mutter Almuth beim Tanzen kennen. „Zur Lindenwirtin“ hieß das Lokal, das sich ganz in der Nähe des Chemiewerkes befand und unweit seines Elternhauses auf derselben Straße lag. Als das Unternehmen das Firmengelände erweiterte, wurden die kleinen Häuser und Gärten dem Erdboden gleich gemacht.

Danach lebte seine Mutter ganz in der Nähe ihres alten Zuhauses, in einer engen Zwei-Zimmerwohnung ohne Küche. Die Angehörigen ihrer Familie waren allesamt rothaarig. Mein Vater glich dem schwarzhaarigen Vater. Der „Schwatte“ war immer der Böse. Das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter hatte man nicht gerade als liebevoll bezeichnen können. Es schien eher oberflächlicher Natur zu sein; der Kontakt zur Mutter ein familiäres Muss.
Er hatte sich als Kind stets von ihr vernachlässigt gefühlt. Geprägt und hart gemacht hatte ihn das, und er konnte es nicht vergessen. In punkto „nicht vergessen können“ glich er zeitlebens einem Elefanten.

Sein Bruder Günter, im Gegensatz zu ihm blond und blauäugig, war als Frühgeburt nach ihm zur Welt gekommen und hatte wegen seiner Kränklichkeit immer mehr Zuwendung erhalten als er. Zwischen erhitzten Backsteinen, die die Funktion eines Brutkastens übernehmen mussten, war Günter nach seiner Geburt mühsam am Leben erhalten worden. Im ersten Jahr kam eine Rippenfellentzündung hinzu, und der Vater musste täglich den Eiter mittels einer Spritze aus dem Rücken des armen Säuglings ziehen. Das hatte die Bindung zur Mutter vertieft.
Deutschland befand sich im Wiederaufbau; Wohnungen waren knapp, viele Häuser ausgebombt. Also zog das junge Paar zum Leidwesen meines Vaters in das Haus der Schwiegereltern in Hochheide. Hier bewohnten sie eine kleine Wohnung mit Schlafraum und Wohnküche, die mit Gasheizung, spartanisch, aber modern eingerichtet war.

Mit seiner Schwiegermutter stand mein Vater von jeher auf Kriegsfuß, denn sie war eine dominante Frau. Da er selbst seine patriarchalische Einstellung nicht ablegen konnte, rasselten beide nur allzu oft aneinander. Dann ging man sich eine Zeit lang aus dem Weg.  

Meine Oma Helene stammte aus Kantarischken im Kreis Heydekrug in Ostpreußen. Sie dachte stets sachlich, praktisch und fromm, ohne jemals sentimental zu sein, war dunkelblond, eher breithüftig, als schlank, und vom Wesen her ruhig, aber resolut, mit unverkennbar ostpreußischem Dialekt. Sie war sehr sparsam und drehte jeden Pfennig dreimal rum, bevor sie ihn ausgab. Oma war in unserer Familie die einzige Person, die immer Geld hatte.

Krankheiten wurden selbst therapiert, weil ein Arzt zu teuer und obendrein in ihren Augen überflüssig war. Einer dieser „Quacksalber“, wie sie die Ärzte nannte, hatte sie in den 40er-Jahren für unheilbar krank erklärt und ihr den baldigen Tod prophezeit. Damals war sie an schwerem Rheuma erkrankt, das ihr aufs Herz geschlagen war. Der üblen Diagnose zum Trotz behandelte sie sich selbst und wurde wieder gesund. Aufgrund dessen ließ sie bis an ihr Lebensende im 93. Jahr keinen Arzt mehr ins Haus. Sie kurierte sich mit „Haarlemer Öl“, ein widerlich riechendes Allheilmittel aus Schwefel und Terpentin, das neben Franzbranntwein und Pferdesalbe ein Muss in der häuslichen Apotheke war.

wird fortgesetzt…