Des Lebens Kür

Ostern 1957 – Foto: Almuth Köhler

Ich mag in der Vergangenheit wühlen,
der alten Bilderkiste;
je mehr ich die Kindheit von damals fühle,
reis ich auf holpriger Piste.

Nichts ist mehr so, wie es einmal war,
die Gesichter der Kindheit sind fort.
Ich bilde mir ein, alle wären noch da
und sehe mein Leben dort.

Es gibt so vieles, das sie mich gelehrt,
viel Bitteres trenn ich vom Guten;
bin wieder Kind, denke: Ist es verkehrt,
Stunden von damals zu suchen?

Die Suche nach Gott ist des Schicksals Sinn,
das Leben ist eine Kür;
der Familie dank ich, für das, was ich bin. –
Nur, weil sie gelebt, bin ich hier!

Jahreswechsel

GIF von jorono von Pixabay

Seh mich noch stehn, mit Mutter, Oma,
am weiß-getünchten Fenster, als Raketen knallten,
und es wie spukende Gespenster zur Geisterstunde durch die Scheiben schallte.

Die bunten Blitze blühten auf, wie Wunderkerzen;
ein kurzes Schauen nur, ein kleiner Lichtblick für die Herzen.
Mit großen Kinderaugen dort des nachts zu stehen,
am Arm der Mutter, dem Treiben auf der Straße zuzusehen,
wo Männer zündelnd, prostend tranken, Vater Lachen zeigte,
was sich versteckte, bis erneut das Jahr sich neigte.

Es folgten viele Jahreswechsel – vertrieben die Gespenster;
die Oma fehlt, der Mutter Gegenwart… ach ja,
schon lang gehört es anderen an, das kleine Fenster.


Ich wünsche allen einen
Guten Rutsch, Gesundheit und Wohlergehen!

Andachtsvolle Weihnachten

Vincenzo Irolli (1860-1949)
Weihnachtsfest - Zeit der Erinnerungen;
wir lernten früh als Kinder diese Klänge,
wie schon die Alten hatten einst gesungen.
Die Kirche war gefüllt bis in die ob'ren Ränge.

Das Orgelspiel klang feierlich und trug
den Ton der Flöten durch die Reihen.
Wir sangen Christ entgegen, frohgemut,
der Saal, er war erfüllt von Glanz und Freuen.

Vor dem Altar sah ich die Englein schweben,
ich malte mir den Heiland, neu geboren.
Der Tag war mir ein himmlisches Erleben,
ich wurd‘ aus meinem Alltag fortgehoben.

Hell strahlend fiel herab der lichte Traum,
nahm fort die Sorgen mir und Nöte,
es streifte mich des Lichtgewandes Saum,
als wenn’s der ganzen Welt Erlösung böte.

Am Sonntag

Meine Mutter und ich, 4 Jahre alt, 1957
Es gab manch helle Sonntagmorgen,
an denen ich zum Spielen ging.
Die Luft war rein, es blieb verborgen,
was über mir in Schwere hing.

Geöffnet waren Herz und Seele;
streckte die Arme aus nach Leben.
Ein frohes Lied floss aus der Kehle,
dem Hof und Garten galt mein Streben.

Im Sonntagskleid und weißen Strümpfen,
mit feinen schwarz lackierten Schuhen,
gab’s manchen Tadel, lautes Schimpfen,
wenn ich’s beschmutzte durch mein Tun.

Im Garten durch die Felder gehen,
und die Insektenwelt betrachten,
schaukelnd die Welt von oben sehen,
wie Wolken ziehn und Schatten brachten.
Des mittags roch es aus der Küche
nach Klößen und nach Schweinebraten,
die Schwaden sonntäglicher Gerüche,
zogen sich weit bis in den Garten.

Mit Vorsuppe und Schokopudding
wurde der Sonntag zelebriert;
saß müd gegessen auf der Bank,
nachdem die Reste abserviert.

Es gab statt Fernsehen Radioklänge
und Sportreporter, die dort schrien;
Redeverbot – im Raum die Enge –,
wollt‘ nur in meinen Garten fliehen.

Luftschlösser

Künstler: Ciro Marchetti – Quelle: Pinterest
Die Kinderwelt von einst verging,
Erinnerung bleibt allein.
Als ich an Mutters Lippen hing – 
voll Wissbegier und klein,

da war die Welt ein großes Spiel,
dem wahren Märchen gleich,
in Luftschlössern, der Anzahl viel,
geheimnisvoll und reich.

Die Kindheitssonne malte bunt,
was grau in dunklen Mienen;
fand so im jahrgekränzten Rund
noch Sommerglanz in ihnen. 

Die Träume blieben unerfüllt,
sind lange schon vergangen.
So blieb das Licht in jener Welt
im Märchenland gefangen.

Osterzeiten

Foto: Gisela Seidel
Ein letzter Tag in bunten Osterzeiten,
der, wie so manch ein and‘rer Tag verging,
gleich einem Bogenstrich, auf alten Saiten,
bereit zum Sprung, ein wundgescheuert‘ Ding. 

Gefärbte Eier, wie an Kindertagen -
niemand, der lacht und strahlt vor Glück.
Allein bleib ich mit all‘ den vielen Fragen,
nach denen, die aus meiner Welt entrückt.

Doch redsam ist die Stille in den Wänden,
gibt mir ihr Geist, der immer noch bei mir,
die Antwort in mein Herz: „Es wird nie enden!
Bist du bei mir, so bin ich auch bei dir.“  

In dieser Hoffnung werd‘ ich wieder Eier färben, 
werd‘ denken an vergang’ne Ostertage;
trübe Gedanken sollen nicht verderben,
was ich in all‘ der Zeit erfahren habe. 
Ich (Ostern 1957 + 1958)

Schulzeit

Ich, 5 Jahre alt (1958)
Vergangen ist, was längst dahin,
erinnerungstief verschlossen;
doch wird so oft, des Geistes Sinn,
mit Tränen übergossen. 

Man wühlt in allem, was geschehn,
sieht sich in Kinderjahren
mit anderen im Reigen drehn,
im Hof an Schülertagen.

Wo sich im steinig klaren Quell
der alte Brunnen füllte
und sich die Kinder an der Stell
den Durst mit Wasser stillten.

Als uns der Pausenhof verband
zum Fangenspiel und Lachen,
wo Kinder sich noch Hand in Hand
im Singspiel Freude machten. 

Das Butterbrot in Zellophan,
mit Milchgeld für die Klasse,
in Reih und Glied standen wir an,
vorm Eingang in der Masse.

Es war geordnet, ruhig und schön,
das bunte Schulhoftreiben;
respektvoll gar wurd‘ angesehen,
was Lehrer tun und schreiben.

Mittags, da war die Schule aus.
Mit Ranzen auf dem Rücken
gingen wir wohlgemut nach Haus,
den Weg in unseren Blicken.

Da war kein Auto, kein Verkehr,
nur unser heimwärts gehen.
Heut‘ wird bestimmt, vom Handy her,
der Blick in’s Zeitgeschehen. 
Schulspaziergang – Albert Anker (1831-1910)

Entsagung

Ich, 4 Jahre alt
Als ich klein war und durch Wiesen ging,
waren sie lebendig, blütenbunt,
wie ein großer Schatz, an dem das Auge hing;
nur die schönsten Blumen pflückte ich zum Bund.

Schenkte sie der Mutter, strahlend froh,
und mein Herz war wie die Wiese voll und rein.
Mein Vertrauen stand in Flammen, lichterloh,
wie ein brennend‘ Haus stürzte es ein.   

Wiesenblumen waren nichts fürs Haus!
Machten ihr nicht Freude, nur Verdruss.
Alles, was ich schenkte, blieb ihr Graus,
malte Spitzwegs Bild als letzten Gruß.

Von der Mutter blieben harte Worte,
keine Liebe, statt Geborgenheit nur Hass.
Sie vertrieb mich von den liebsten Orten,
jeder and‘re war mir Hütte, kein Palast. 

Fort gejagt aus meinem Elternhaus,
musste ich allein das Leben lernen.
Mich zu lieben, das war mir ein Graus.
Meine Eltern war’n wie ferne Sterne.

Gingen lang schon, so wie alle gingen.
Ihre Ruhestätten sind längst blütenleer.
Geh im Traum vorbei und hör mich singen:
"Wachse, Wiesenblumen-Meer!"

Die alten Wege

Albert Anker (1831-1910)
Ich kenn die Stadt, in der die Mauern flüstern;
hier wuchs ich auf, die Straßen ungeteert.
Koksrauch ließ manche Häuserfront verdüstern, 
wie ein zerschlissenes Kleid, von Ärmlichkeit beschwert.

Und jede Pfütze glitzerte im Regen -
wir Kinder stapften fröhlich durch die Lachen,
auf bordsteinlosen, dunklen Wegen,
wo Regenwürmer durch die Erde brachen. 

Die alten Straßen trugen meine Schritte,
aus jedem Haus sprach die Vergangenheit;
verhallt ist jeder meiner Kindheits-Tritte,
mir eilt voran der Gang der Lebenszeit. 

Das Alte ist längst fort und abgehandelt;
das Schicksal schlägt im Buch die Seite um.
Was hat der Mensch belassen, was gewandelt?
Die Münder meiner Ahnen bleiben stumm! 

Als ihre Herzen pochten und die Quellen flossen, 
aus denen sich der Sehnsucht Klarheit nährt,
wie zuversichtlich wirkten sie entschlossen
auf falschen Wegen, die das Glück verwehrt.

Das Leben ist des Lichtes reiner Segen,
bewahre ihn, der selbst dich ‚reif‘ gemacht.
Des Vaters Glanz liegt wie ein Blüh’n auf Wegen,
senk demutsvoll davor dein Haupt herab.

Grenzenlose Heimat

Adrian Ludwig Richter (1803-1884)
Schon als ich klein war, suchte ich auf Erden
nach Heimat. Himmlisch sollte sie mir werden,
fort von den eng gesteckten Grenzen und Verboten,
wo mich die Elternherzen banden hinter Pforten

und Kämpfe trugen in die Kindheitsecken,
wo lieblos ihre Seelen sich versteckten
und Abschied nahmen nach geraumer Zeit,
der Arbeit folgten, statt der Zweisamkeit.

Die Eltern waren abweisende Gefährten.
Sie liebten ihre Werte, wie die Gärten,
in altbewährter, wohl erzogener Art,
die alles Eigentum vor ‚bösen' Fremden wahrt.

Ich habe losgelassen, blick ins Unbegrenzte.
Die Sehnsucht band mir helle Zukunftskränze
und legt ein weißes Band zum Horizont,
wo Gott in grenzenloser Heimat wohnt.