Frühlingssymphonie

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)

Die Landschaft hängt so voller Geigen,
dass es wie Symphonien klingt,
wo gestern noch ein tiefes Schweigen,
es nun in Baum und Wiesen singt.

Mit neu begrünten frischen Zweigen
und leuchtend grünen Tannenspitzen,
lässt Sonne Blatt und Blüten treiben,
wo sie im Lichte leuchtend blitzen.

Die bunten Wiesen, groß und weit,
gebettet um des Baches Lauf,
künden uns eine schöne Zeit,
so blüh‘n die kranken Seelen auf.

So manches regentrübe Sinnen
vertreibt der erste Bienenflug,
die nun zu leeren wohl beginnen,
der Blüten süß gefüllten Krug.

Vom Nektar schwer, so freudetrunken,
schwirrt es und summt es allerorten,
Insektenwelt scheint tagversunken,
zu bauen, krabbeln oder horten.

Mainacht

Ostseestrand – Eugen Dücker 1841-1916

O meine selige Jugend!
Blaue Tage am Ostseestrand,
wenn in den grauen Schluchten
jeder Baum in Blüte stand.

O glühende Sommernächte!
Am offenen Fenster durchwacht.
Ferne Gewitter rollten
im Westen die ganze Nacht.

Und über den Lindenwipfeln
führten im Blitzesschein
die alten Preußengötter
ihren ersten Frühlingsrein.

Herden und Saaten segnend,
schwanden sie über das Meer.
Ihre hohen Bernsteinkronen
blitzen noch lange her.

Agnes Miegel (1879-1964)

Frühlingssturm

Der Sturm – Pierre Auguste Cot (1837 -1883

Jubelnd treibt ein Frühlingssturm
durch irdisch weiten Raum,
singt hoch sein Lied vom Wolkenturm,
hält Luftikus im Zaum.

Er treibt durch Länder, grenzenlos,
mit tausend Flügelpaaren,
sein aufgeblähtes Sein ist groß,
mit ihm himmlische Scharen.

Der Aufgeblühtes sprengt und trägt
mit sich das neue Leben,
der über Berg und Täler fegt,
dem Sonnenlicht entgegen.

Blumenstrauß

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

Du Blütenpracht, die du gen Himmel strebst,
wächst weit hinaus aus deiner Vasen-Gruft,
obwohl du wurzellos in stillem Wasser stehst,
ringst du mit letztem Drang nach Lebensluft.

Noch ist dein Grün so frisch und deine Blüten prahlen,
nur ein paar Tage schmückst du diesen Raum,
doch dann zerfällt dein lebensfrohes Strahlen,
und schnell vergeht der erste Frühlingstraum.

Frühling ohne Wiederkehr

Edmond Aman-Jean (1858-1936)

Lieblich ist des Lenzes erstes Lächeln,
wenn in Blütenbäumen laue Luft sich wieget,
und des Baches eisbefreite Welle
nicht mehr stockend, durch die Fluren rinnt.

Dann ermuntern sich zu neuem Leben
die verblich‘nen Wiesen aus dem Winterschlafe,
und das Gras wacht auf, und decket träumend
wiederum den Schoß der Mutter Erde.

Und die Blumen öffnen ihre Kelche –
alle die im späten Herbste starben
richten sich aus ihrem dunklen Grabe
neu empor im Glanz der Auferstehung.

O Natur – wie milde gibst du wieder
was dein feierlicher Gang zerstöret.
Fest im stillen, ewig gleichen Kreislauf,
folgt auf deinen Ernst ein mildes Lächeln.

Nicht Vernichtung, nur ein leiser Schlummer
hält des Frühlings holde Lust gefangen;
bald, bekränzt mit Veilchen, kehrt er wieder
süß umhallt von Nachtigallentönen.

Doch wann kehrt der Liebe Frühling wieder?
Ach, verscheucht hat ihn die Nacht der Trennung
und der Winterschauer einer ew’gen Ferne
tötet rauh das zarte Grün der Hoffnung.

Des beisammen Lebens Stundenblumen
starben hin im Seufzerhauch des Abschieds.
kummervoll benetzt von heißen Tränen,
sind der Freude Rosen längst verblichen.

Keine Sonne wird sie neu erwecken –
keines Wiedersehens gold‘ner Schimmer
winkt des Glückes lichterfüllte Tage
aus dem Grabe der Vergangenheit hervor.

Traurig zieht der Jahreszeiten Wechsel
meinem still umwölkten Blick vorüber.
Ach, es folgt der Frühling auf den Winter,
aber nimmer kehrt der Liebe Frühling wieder!

Charlotte Elisabeth Sophie Louise Wilhelmine von Ahlefeld
(1777 – 1849)

Blütenkranz

Möcht’ einen Blütenkranz dir binden für dein Haar,
mit wilden Wiesenblumen weiß und grün verschlungen;
er soll dein Antlitz schmücken, mild und wunderbar,
vom Frühlingsnahen wird schon leis’ gesungen.
 
Der Wind, er fegt mit kalter, starker Hand
den letzten Rest des Schnee’s über die Auen.
Schon ohne Frost, frei, ruht das weite Land,
die Blumenwelt darf aus der Erde schauen.
 
Die bunten Köpfe lugen keck hervor,
die Vögel ringsum fröhlich tirilieren,
die ganze Welt klingt wie ein großer Chor,
kein Herz will nun noch einsam sein und frieren.
 

Blütentraum

Frühling in Oberweimar – Johann Carl Buchholz (1849-1889)

Mit tausend Blütenblättern
hast du über Nacht
ein weißes Leuchten in die Welt gebracht.
Des süßen Kernes lockender Genuss
strömt in den lauen Tag –
ein stiller Gruß
von aller höchster Stelle,
denn von der Himmelsschwelle
leert Gott ein Füllhorn aus,
und die Natur,
sie malt mit bunten Farben
ein duftig‘ Frühlingsbild daraus.

Vergissmeinnicht

Foto: Gisela Seidel

Streust dich wie Himmel aus,
mit Zauberhand,
und wo du jemals hast geblüht,
da strahlst du immer wieder;
es legen sich mit dir die alten Lieder,
die mir aus meiner Kindheit wohl bekannt,
so adelsblau aufs frühlingsschwere Land
und bringen jedes Jahr
Erinnerungen wieder.
 

Frühlingsgeister

Kühle Winde stoben,
bald ist es April,
und das Wetter droben,
weiß nicht was es will.
 
Treibt die Winterwesen
durch die grauen Gassen,
fegt mit feinem Besen
über Feld und Straßen.
 
Jung und alt erleben
Vogelsang und Wende.
Frühlingsgeister geben
sich die Sonnenhände.
 
Knistern, Brechen, Heben
unter dunklen Schollen,
und das bunte Leben
hebt sich aus den Knollen.
 
Segensreich erneuern
will die Frühlingszeit,
schmückt mit frischen Farben
tristes Erdenkleid.