Frühling – Der Berufene

von Ephides

Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)

Wer sagt der Erde, dass sie blühen soll, wenn der Frühling da ist? Sie weiß nur, dass er da ist, und blüht, weil sie nicht anders kann. Und wer sagt ihr, dass sie ruhen muss und die Geschöpfe, die sie hervorgebracht hat, in sich hineinnehmen muss, dass sie zurückkehren in ihren Schoß, die Baum- und Blumenseelen, die das Blühen und Früchtetragen vollbracht haben? Niemand sagt es ihr, und niemand sagt den Geschöpfen der Natur, dass die Zeit des großen Ruhens, der Arbeit nach innen, gekommen ist. Und dennoch weiß jedes Hälmchen, wann seine Zeit gekommen ist, zu sprießen, und fühlt jeder Baum die Müdigkeit, wenn die große Ruhe kommt.

So auch der Berufene. Er kennt seine Zeit zum Schweigen wie zum Wirken. Er weiß die Zeichen der Zeit zu finden und zu deuten. Er kennt die Arbeit in der Stille, das Wirken nach innen, wie die Sprache, die ihm gegeben ist, und weiß, wachzurütteln, wenn die Zeit es verlangt.

Seht, auch im Frühling der Erde sind viele Blumen und Blüten schon erfroren, und die Kälte hat sie, die zu früh gekommen sind, hinweggenommen. War es aber nicht dennoch die Wahrheit, die ihr Erscheinen kündete? Waren die, deren Blüten der Frost nahm, nicht dennoch Kinder des Frühlings und Träger seiner belebenden Kräfte, genau wie die anderen Blüten, die das Licht grüßten, nachdem der Frost gegangen war?

So auch der Berufene. Mögen viele vergeblich gewartet haben auf die Weltenwende, auf den Frühling der Welt, der sich mächtig ankündigt, sie haben nicht vergeblich gewartet, auch wenn das Leben im vergeblichen Warten hinging. Sie sind Kinder des Weltenmorgens wie jene, die den Weltenfrühling erleben werden.

Die Zeit der Frühlingsstürme, die aufrüttelnde, die schöne, starke Zeit ist gekommen. Wer den Frühling spürt, drängt zur Blüte, und manches in der Knospe verborgen Schlummernde wird sich öffnen, und einmal wird offenbar werden der Weltenwende ganze Herrlichkeit.

Gott geleite euch!

Zyklus von Leben und Tod

Der Festzug der Natur wiederholt sich in jeder menschlichen Seele.

Zuerst gibt es den Frühling mit dem erwachenden Bewusstsein,
den Sommer, wenn die Kräfte des Menschen zu ihrem Höhepunkt aufsteigen, den Herbst, wenn das Leben zu schwinden beginnt, und den Winter, wenn der Schlaf in die müde, erschöpfte Seele kommt.

Aber selbst nach dem Winter des physischen Lebens kommt der Frühling für den Geist, wenn er in einer anderen Welt erwacht,
um den ewigen Zyklus fortzusetzen.

Lerne von der Natur diese Botschaft.

Hochzeit

Ludwig Richter (1803-1884)
Erwacht der Tag im kühlen Hauch des morgens,
so irrt er schläfrig noch durch Träume letzter Nacht;
sendet das Licht, das scheinbar war verborgen,
mit einem Glanz, der bunt und sichtbar macht.

Entfesselt breitet sich Natur und Schönheit
im heimatlichen Raum zum Blütenteppich aus.
Der Mai tanzt leicht beschwingt im weißen Kleid
mit einem Kranz aus Liebe in die Welt hinaus.

Fernes Leuchten

Oft kreisen die Gedanken wie Planeten, 
um einen Mittelpunkt, der strahlt im Licht;
manchmal lässt uns der Geist um Wahrheit beten,
denn wir erkennen Gut und Böse nicht.

Der Kosmos ist so groß, der in uns klein,
und jeder Stern ist eine eigne Welt -
vielleicht ist schon sein Licht Vergangenheit,
aus einer Zeit, die lange nicht mehr zählt.

Nachts staunen wir,
wenn uns ein Stern am Himmelszelt
sein fernes Leuchten schenkt,
doch wir vergessen ihn in heller Welt,
wenn unser Kopf an andere Dinge denkt.

Im Frühling werden an den Zweigen Knospen sprießen,
als ob sie neu geboren sind;
unzählig wird sich Blütenpracht ergießen
und kurz gelebt, verwehen mit dem Wind.

Auch diese Zeit verweht.
Ihr folgen, die einst neu geboren,
sie blühen und vergehen;
der Kosmos ist so groß und wir in ihm verloren –
wir können nur den kleinen Teil verstehen,

der sichtbar ist und unseren Blick erhellt,
nicht was im Dunkeln liegt und außer Sicht.
Gerüstet schon, mit Wonne zu erblühen,
ist die Natur im hellen Frühjahrslicht.

Frühlingskränze

Wie Wolken ziehen, gehen hin die Tage,
nur geliehen ist die Lebensgabe,
will vollzogen sein in hohem Sinn.

Trag dein Lebenslicht und scheine,
geb der Welt die Klarheit und das Reine,
bring die Mattigkeit zum Glänzen,
bind den Sonnenschein zu Kränzen.

Winde mit hinein Erfahrung,
nimm die Blüten dir als Offenbarung,
als Erziehung für die Welt danach.

Ist nicht schlimm, wenn kurz die Dauer;
blühtest wie die Blumen an der Mauer,
wie an einem warmen Frühlingstag.

Blütenmeer

Foto: Gisela Seidel
Blümlein, die ihr noch in Erden,
lasst des Frühlings Buntheit werden;
richtet auf die Blütenspitzen,
kriecht heraus aus dunklen Ritzen.

Reckt die Köpfchen in die Sonne,
öffnet euren Kelch mit Wonne;
Gänseblümchen, Löwenzahn,
lockt die Bienenvölker an.

Wolken werden euch begießen,
um mit bald vermehrtem Sprießen
uns ein Blütenmeer zu schenken
und die Sorgen fortzulenken.
Foto: Gisela Seidel

Frühlingsmomente

Ein Frühlingstag – Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)
Sich von allen Schatten lösen
und vor Mauern, den porösen,
glücklich in der Sonne dösen;

friedvoll sein in den Gedanken
und im Reigen grüner Ranken
für den neuen Frühling danken.

Zwischen Bäumen Ruhe finden,
tief verwurzelt sich verbinden;
Herzen suchen in den Rinden.

Liebe fühlen in den Zweigen,
sich vor der Natur verneigen,
Gottes Schöpfung Demut zeigen.

Segen liegt auf seiner Kunde,
wenn das Licht verlässt die Runde,
in des Lebens blauer Stunde.

Schmetterling

CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=737211

Im Frühling bist du sanft erwacht,
hast deinen altversponn’nen Haufen,
 
mit einer ungeheuren Wandlungskraft
metamorphisch neu durchlaufen.
 
Zeigst uns die Augen der Natur
auf deiner Flügel-Rückenpracht,
 
ziehst über Blüten deine Spur,
so leuchtend bunt und  flatterhaft.
 
In deiner Welt im Wiesengrund
wird warm bestrahlt dein Leben,
 
zeigst du uns in so mancher Stund’
dein flüchtig Sonnenstreben.

Erneuerung

Wiesenstück – Albrecht Dürer (1471-1528)
Frühlingshaft, von allen Jahreszeiten
neu, in die Verwandlung gleiten,
wie im Tanz der Zauberenergien,

sind des Lebens schwingende Atome,
wandeln sich im Wachstumsstrome,
sind dem Jahr von der Natur geliehen.

Richten auf gen Himmel, die Gesichter,
mit des Schöpfers Kraft an Sonnentagen;
kurz entzünden sich des Daseins Lichter,
um den Kampf Erneuerung zu wagen.

Fortschritt

Mann mit Geige am Fenster – Franz Otto Scholderer (1834-1902)
Mit der Fiedel in den Händen
wandert niemand mehr auf Erden;
Frohsinn strich zum Tanz der Sonne,
Saiten, dass es Frühling werde.

Stimmen aus dem Herzen sangen
hoffnungsvoll und freudig Lieder;
Kälteschmerz wich mit den Strophen,
wärmten wintermüde Glieder.

Frostig dampft auch heut der Atem,
und es knirscht unter den Schritten.
Trotz der Winterruhe Schein
ist der Frühling fortgeschritten!