Sonnenfeuer

Sir John Everett Millais (1829-1896)

Die Frühlingsluft tanzt durch die Gärten,
vermählt sich fröhlich mit dem Wind,

umhüllt mit einem weichen Wehen,
den Weltschmerz, wie ein kleines Kind.

Die Sonne zaubert hehres Leuchten
voll Freude in des Tages Zeiten,

und Himmelsfrieden lässt den Lärm
des Alltags in die Dünste gleiten.

Ihr Heerschar himmlischer Gewalten,
die ihr dem Schöpfer dienend schafft,

entzündet in den Menschenherzen,
des Abends eure Sonnenkraft!

Und jedes Herz, vom Glanz erhellt,
getröstet, wird sein Leid verstehen,

drum muss es abends stille sein,
dann kann der Schmerz der Welt vergehen.

In der Mondnacht

von Paul Heyse

Théodore Chassériau (1819-1856)- An Angel Praying in the Garden of Olives
In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht
gehen Engel um auf leisen Sohlen;
blonde Engel, innig und verstohlen
küssen Sie die schönsten Menschenblumen.

Tausendschönchen, allerliebste Blume,
weiß es wohl, woher der Schimmer stammet,
der dir heut das Antlitz überflammet:
bist noch in den Traum der Nacht verloren.

Denkst der Engel, die durchs kleine Fenster
sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen,
leise dir zu küssen Mund und Wangen
in der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht.
Paul Heyse (1830-1914)

Am Niederrhein

Foto: Pieter Delicaat – Wikipedia

An der Niers am frühen Morgen,
schwebt ein Nebel, sanft bewegt,
und der Mond hält das Gebilde
fest am Boden, bis er geht.

An den Ufern strecken Bäume,
das Geäst zum Himmelszelt,
spinnen veilchenblaue Träume;
Schlaf entweicht der Vogelwelt.

Der Jasmin beginnt zu blühen,
glänzt im feuchten Morgentau.
Duft’ges Weiß liegt auf dem Grünen,
kontrastiert zum Himmelblau.

Weiden mit bizarren Ästen
winken heimatlich gesinnt,
bieten farbenfrohen Gästen,
Lebensraum und Neubeginn.

Nimmermüde Dotterblumen,
träumen schwefelgelben Traum,
lauschen selig den Gesängen,
aus dem hohen Lindenbaum.

Foto: Gisela Seidel

Grün erneuert sich das Leben,
Farbenrausch am Niederrhein,
Butterblumen an den Wegen,
Jedermann will draußen sein.

Senfsaat hat in manche Ecke
gelbe Blüten ausgestreut,
überdeckt die Erdendecke.
Seht nur, wie ihr Anblick freut!

Dunkles Erdreich atmet Schwere,
Schollen sind zur Saat bereit,
damit im Frühjahr wiederkehre,
was im Herbst zur Ernte reift.

Tanz in den Mai

KI generiert von Gemini
Alles schwingt und schwebt und fügt sich,
wie ein Wort aus liebem Mund;
federleicht im Zauber hebt sich,
was entzweit war, zum Verbund.

Gleicht der Vögel Morgensingen,
nimmt die Falten aus der Welt,
glättet sie mit hellem Klingen,
als wär’ sie wie neu erstellt.

In den Mai tanzt wie die Lüfte,
wie die kleine Fee am Bach,
fluoreszierend ihre Düfte,
zieht sie magisch mit sich nach.

Welt, erkenne all den Zauber,
der das Land im Rausch erhellt;
rings ein Sonnenglanz, der sauber
lichtet und zum Tanz erwählt.

Am Wege

Peder Mørk Mønsted (1859-1941)
Die alte Weide treibt in ihren Ruten
die neuen Blätter, himmelwärts, zum Licht.
Sie spiegelt sich verzerrt in ruhigen Fluten
des Baches Lauf und fließend Angesicht.

Die hellen Birken nässen ihre Zweige
im Morgentau und wiegen sanft im Wind;
bald stehn sie da, in neuem Frühlingskleide,
die Krone tragend, weil sie Königinnen sind.

Die Bäume öffnen sehnsuchtsvoll die Lüster -
ein rechter Ort zum nächsten Nesterbau.
Ein Rascheln – heimlich geht ein Flüstern
durch alle Welt von Baum und Wiesentau.

Der erste Löwenzahn ist gelb erblühet,
mit weißen Gänseblümchen ringsumher,
die Vögel sind in aller Herrgottsfrühe
dem blauen Himmel nah, im Sonnenmeer.

Im Frühlicht möcht‘ ich stehen bei den Bäumen,
und Deinen heiligen Atem spüren.
Fühl‘ Dich in jedem Lächeln, jedem Träumen;
auf allen Wegen wirst Du mich berühren.

Fernes Leuchten

Oft kreisen die Gedanken wie Planeten, 
um einen Mittelpunkt, erstrahlt im Licht;
manchmal lässt uns der Geist um Wahrheit beten,
denn wir erkennen Gut und Böse nicht.

Der Kosmos weit, der Geist in uns so klein,
und jeder Stern ist seine eigne Welt –
vielleicht mag sein Gesicht nur Schein noch sein,
aus einer Zeit, die lange nicht mehr zählt.

Doch wenn die Nacht uns still ins Staunen senkt,
vergessen wir doch meist in heller Welt,
dass uns das All sein fernes Leuchten schenkt,
weil unser Sinn auf andere Dinge fällt.

Im Frühling werden zarte Knospen sprießen,
als ob sie neu geboren sind;
unzählig wird sich Blütenpracht ergießen
und kurz gelebt, verwehen mit dem Wind.

Auch diese Zeit verweht.
Ihr folgen, die einst neu geboren.
Sie blühen und vergehen;
der Kosmos ist so groß und wir in ihm verloren –
wir können nur den kleinen Teil verstehen,

der sichtbar ist und unseren Blick erhellt,
nicht was im Dunkeln liegt und außer Sicht.
Gerüstet ist die Schöpfung dieser Welt
und die Natur im hellen Frühjahrslicht.

Taktlos

Arche Noah – Quelle: Pinterest
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende,
verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen;
sucht, dass er seine Buntheit wiederfände,
wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.

Wo Farbenspiele spannend unter Bläue,
sich zeigen in des Regenbogens Pracht,
des Schöpfers Segen alle Saat erneuere,
die Welt verschone vor der Bombenmacht.

Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen,
wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg.
Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen,
von denen allen Ländern böses blüht.

Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen
mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl.
Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen:
„Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*

*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe

Sonnenhungrig

Aus den Wolken fällt der Regen,
welterwachend, frühlingsmild,
sanft, wie zarter Hauch und Segen,
tränkt er Wiesen, Wald und Feld.

Tröpfchen hängen an den Zweigen,
jede Knospe fein erwacht;
gelb malt an Forsythien-Zweigen
Farbe „Frohsinn“ über Nacht.

Wolken, die vorüberschweben,
sind in regengrau getaucht,
und das frühlingsnahe Leben
wird von Ungeduld behaucht.

Kühl sind noch die Temperaturen,
doch die Wärme stellt sich ein,
wenn die alten Sonnenuhren
wachgeküsst vom Sonnenschein.

Frühling – Der Berufene

von Ephides

Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)

Wer sagt der Erde, dass sie blühen soll, wenn der Frühling da ist? Sie weiß nur, dass er da ist, und blüht, weil sie nicht anders kann. Und wer sagt ihr, dass sie ruhen muss und die Geschöpfe, die sie hervorgebracht hat, in sich hineinnehmen muss, dass sie zurückkehren in ihren Schoß, die Baum- und Blumenseelen, die das Blühen und Früchtetragen vollbracht haben? Niemand sagt es ihr, und niemand sagt den Geschöpfen der Natur, dass die Zeit des großen Ruhens, der Arbeit nach innen, gekommen ist. Und dennoch weiß jedes Hälmchen, wann seine Zeit gekommen ist, zu sprießen, und fühlt jeder Baum die Müdigkeit, wenn die große Ruhe kommt.

So auch der Berufene. Er kennt seine Zeit zum Schweigen wie zum Wirken. Er weiß die Zeichen der Zeit zu finden und zu deuten. Er kennt die Arbeit in der Stille, das Wirken nach innen, wie die Sprache, die ihm gegeben ist, und weiß, wachzurütteln, wenn die Zeit es verlangt.

Seht, auch im Frühling der Erde sind viele Blumen und Blüten schon erfroren, und die Kälte hat sie, die zu früh gekommen sind, hinweggenommen. War es aber nicht dennoch die Wahrheit, die ihr Erscheinen kündete? Waren die, deren Blüten der Frost nahm, nicht dennoch Kinder des Frühlings und Träger seiner belebenden Kräfte, genau wie die anderen Blüten, die das Licht grüßten, nachdem der Frost gegangen war?

So auch der Berufene. Mögen viele vergeblich gewartet haben auf die Weltenwende, auf den Frühling der Welt, der sich mächtig ankündigt, sie haben nicht vergeblich gewartet, auch wenn das Leben im vergeblichen Warten hinging. Sie sind Kinder des Weltenmorgens wie jene, die den Weltenfrühling erleben werden.

Die Zeit der Frühlingsstürme, die aufrüttelnde, die schöne, starke Zeit ist gekommen. Wer den Frühling spürt, drängt zur Blüte, und manches in der Knospe verborgen Schlummernde wird sich öffnen, und einmal wird offenbar werden der Weltenwende ganze Herrlichkeit.

Gott geleite euch!

Zyklus von Leben und Tod

Der Festzug der Natur wiederholt sich in jeder menschlichen Seele.

Zuerst gibt es den Frühling mit dem erwachenden Bewusstsein,
den Sommer, wenn die Kräfte des Menschen zu ihrem Höhepunkt aufsteigen, den Herbst, wenn das Leben zu schwinden beginnt, und den Winter, wenn der Schlaf in die müde, erschöpfte Seele kommt.

Aber selbst nach dem Winter des physischen Lebens kommt der Frühling für den Geist, wenn er in einer anderen Welt erwacht,
um den ewigen Zyklus fortzusetzen.

Lerne von der Natur diese Botschaft.