Die alte Weide treibt in ihren Ruten die neuen Blätter, himmelwärts, zum Licht. Sie spiegelt sich verzerrt in ruhigen Fluten des Baches Lauf und fließend Angesicht.
Die hellen Birken nässen ihre Zweige im Morgentau und wiegen sanft im Wind; bald stehn sie da, in neuem Frühlingskleide, die Krone tragend, weil sie Königinnen sind.
Die Bäume öffnen sehnsuchtsvoll die Lüster - ein rechter Ort zum nächsten Nesterbau. Ein Rascheln – heimlich geht ein Flüstern durch alle Welt von Baum und Wiesentau.
Der erste Löwenzahn ist gelb erblühet, mit weißen Gänseblümchen ringsumher, die Vögel sind in aller Herrgottsfrühe dem blauen Himmel nah, im Sonnenmeer.
Im Frühlicht möcht‘ ich stehen bei den Bäumen, und Deinen heiligen Atem spüren. Fühl‘ Dich in jedem Lächeln, jedem Träumen; auf allen Wegen wirst Du mich berühren.
Oft kreisen die Gedanken wie Planeten, um einen Mittelpunkt, erstrahlt im Licht; manchmal lässt uns der Geist um Wahrheit beten, denn wir erkennen Gut und Böse nicht.
Der Kosmos weit, der Geist in uns so klein, und jeder Stern ist seine eigne Welt – vielleicht mag sein Gesicht nur Schein noch sein, aus einer Zeit, die lange nicht mehr zählt.
Doch wenn die Nacht uns still ins Staunen senkt, vergessen wir doch meist in heller Welt, dass uns das All sein fernes Leuchten schenkt, weil unser Sinn auf andere Dinge fällt.
Im Frühling werden zarte Knospen sprießen, als ob sie neu geboren sind; unzählig wird sich Blütenpracht ergießen und kurz gelebt, verwehen mit dem Wind.
Auch diese Zeit verweht. Ihr folgen, die einst neu geboren. Sie blühen und vergehen; der Kosmos ist so groß und wir in ihm verloren – wir können nur den kleinen Teil verstehen,
der sichtbar ist und unseren Blick erhellt, nicht was im Dunkeln liegt und außer Sicht. Gerüstet ist die Schöpfung dieser Welt und die Natur im hellen Frühjahrslicht.
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende, verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen; sucht, dass er seine Buntheit wiederfände, wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.
Wo Farbenspiele spannend unter Bläue, sich zeigen in des Regenbogens Pracht, des Schöpfers Segen alle Saat erneuere, die Welt verschone vor der Bombenmacht.
Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen, wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg. Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen, von denen allen Ländern böses blüht.
Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl. Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen: „Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*
*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe
Wer sagt der Erde, dass sie blühen soll, wenn der Frühling da ist? Sie weiß nur, dass er da ist, und blüht, weil sie nicht anders kann. Und wer sagt ihr, dass sie ruhen muss und die Geschöpfe, die sie hervorgebracht hat, in sich hineinnehmen muss, dass sie zurückkehren in ihren Schoß, die Baum- und Blumenseelen, die das Blühen und Früchtetragen vollbracht haben? Niemand sagt es ihr, und niemand sagt den Geschöpfen der Natur, dass die Zeit des großen Ruhens, der Arbeit nach innen, gekommen ist. Und dennoch weiß jedes Hälmchen, wann seine Zeit gekommen ist, zu sprießen, und fühlt jeder Baum die Müdigkeit, wenn die große Ruhe kommt.
So auch der Berufene. Er kennt seine Zeit zum Schweigen wie zum Wirken. Er weiß die Zeichen der Zeit zu finden und zu deuten. Er kennt die Arbeit in der Stille, das Wirken nach innen, wie die Sprache, die ihm gegeben ist, und weiß, wachzurütteln, wenn die Zeit es verlangt.
Seht, auch im Frühling der Erde sind viele Blumen und Blüten schon erfroren, und die Kälte hat sie, die zu früh gekommen sind, hinweggenommen. War es aber nicht dennoch die Wahrheit, die ihr Erscheinen kündete? Waren die, deren Blüten der Frost nahm, nicht dennoch Kinder des Frühlings und Träger seiner belebenden Kräfte, genau wie die anderen Blüten, die das Licht grüßten, nachdem der Frost gegangen war?
So auch der Berufene. Mögen viele vergeblich gewartet haben auf die Weltenwende, auf den Frühling der Welt, der sich mächtig ankündigt, sie haben nicht vergeblich gewartet, auch wenn das Leben im vergeblichen Warten hinging. Sie sind Kinder des Weltenmorgens wie jene, die den Weltenfrühling erleben werden.
Die Zeit der Frühlingsstürme, die aufrüttelnde, die schöne, starke Zeit ist gekommen. Wer den Frühling spürt, drängt zur Blüte, und manches in der Knospe verborgen Schlummernde wird sich öffnen, und einmal wird offenbar werden der Weltenwende ganze Herrlichkeit.
Der Festzug der Natur wiederholt sich in jeder menschlichen Seele.
Zuerst gibt es den Frühling mit dem erwachenden Bewusstsein, den Sommer, wenn die Kräfte des Menschen zu ihrem Höhepunkt aufsteigen, den Herbst, wenn das Leben zu schwinden beginnt, und den Winter, wenn der Schlaf in die müde, erschöpfte Seele kommt.
Aber selbst nach dem Winter des physischen Lebens kommt der Frühling für den Geist, wenn er in einer anderen Welt erwacht, um den ewigen Zyklus fortzusetzen.
Erwacht der Tag im kühlen Hauch des morgens, so irrt er schläfrig noch durch Träume letzter Nacht; sendet das Licht, das scheinbar war verborgen, mit einem Glanz, der bunt und sichtbar macht.
Entfesselt breitet sich Natur und Schönheit im heimatlichen Raum zum Blütenteppich aus. Der Mai tanzt leicht beschwingt im weißen Kleid mit einem Kranz aus Liebe in die Welt hinaus.
Ein Frühlingstag – Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)
Sich von allen Schatten lösen und vor Mauern, den porösen, glücklich in der Sonne dösen;
friedvoll sein in den Gedanken und im Reigen grüner Ranken für den neuen Frühling danken.
Zwischen Bäumen Ruhe finden, tief verwurzelt sich verbinden; Herzen suchen in den Rinden.
Liebe fühlen in den Zweigen, sich vor der Natur verneigen, Gottes Schöpfung Demut zeigen.
Segen liegt auf seiner Kunde, wenn das Licht verlässt die Runde, in des Lebens blauer Stunde.
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