Wie schön blüht uns der Maien

Wie schön blüht uns der Maien,
der Sommer fährt dahin.
Mir ist ein schön Jungfräulein
gefallen in meinen Sinn.
Bei ihr da wär mir wohl,
wenn ich nur an sie denke;
mein Herz ist freudenvoll.

Bei ihr, da wär ich gerne,
bei ihr, da wär mir‘s wohl.
Sie ist mein Augensterne,
strahlt mir ins Herz so voll.
Sie hat ein roten Mund,
sollt ich sie darauf küssen,
mein Herz würd mir gesund.

Wollt Gott, ich fänd im Garten,
drei Rosen auf einem Zweig,
ich wollte auf sie warten,
ein Zeichen wär mir´s gleich.
Das Morgenrot ist weit,
es streut schon seine Rosen.
Ade, mein schöne Maid!

Liebeslied aus dem 16./17. Jahrhundert. Text nach einem Gedicht von Georg Forster (1510-1568). Neu vertont von der deutschen Gruppe „Zupfgeigenhansel“ in den 1980er Jahren.

Unsterblichkeit

Vor dem Tod erschrickst du? Du wünschest, unsterblich zu leben?
Leb’ im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.

Friedrich von Schiller

Friedrich von Schiller (1759-1805)-Portrait von Larissa Krause, Duisburg (2008), im Besitz der Auftraggeberin Gisela Seidel.

Schiller Biografie von Gisela Seidel

Zeitzeugin über Friedrich von Schiller:

Karoline von Wolzogen:
„Schiller war von großer, wohlgebauter Gestalt, „der größte Mann“ in Weimar,
6 Fuß und 2 Zoll hoch. Seine Haltung war militärisch von der Karlsschule her.
Schon dort deutete sein sicherer Schritt ein starkes Gefühl des eigenen Wertes an.
Eine alte schwäbische Bäuerin, die ihn in einem Gange der Karlsschule gehen sah, meinte: „Der denkt auch, er sei der Herzog!“

Dazu drückte sich die Freiheit des Geistes, das lebendige Gefühl für das Edle, erhaben über alles Kleinliche und Gemeine, auch in seinem Äußeren aus.

Sein Kopf war wohlgeformt, der Hals schlank und etwas stark, die Stirn
hoch und breit, die Brust zwischen den Schultern gewölbt, der Leib
schmal, Arm und Fuß in rechtem Ebenmaß zur ganzen Erscheinung.
Die Farbe der Augen war unentschieden zwischen blau und lichtbraun.
Der Blick unter den hervortretenden Stirnknochen und den dichten,
blonden Augenbrauen warf im Gespräche helle Lichtfunken oder drang
tief ins Herz, wenn er sich auf jemanden richtete; gewöhnlich war er
sinnend und beschaulich nach innen gekehrt. Seine Nase war gebogen
und ziemlich groß. Er scherzte, dass er ihr auf der Schule durch stetes
Ziehen eine Spitze gebildet habe.

Sein Haar war lang, fein und spielte ins Rötliche, die Haut weiß, das Rot der Wangen zart, das Kinn von angenehmer Bildung, sein Lächeln anmutig, seine Stimme meist belegt und nur ergreifend, wenn er gerührt war.

Sein Gang war nach seiner schweren Erkrankung etwas nachlässig, spannte sich aber straff bei innerer Bewegung. Seine Kleidung war einfach, aber gewählt, seine Wäsche stets sauber, sein Schreibtisch wohlgeordnet. Er liebte Blumen um sich, besonders Lilien. Sanfte Musik steigerte seine Arbeitslust,
ebenso die rote Farbe der kurzen Fenstervorhänge. Lila war seine Lieblingsfarbe. Spinnen waren ihm widerwärtig.“

An Friedrich von Schiller

– zum Gedenken an seinem Todestag am 09. Mai 1805
von Gisela Seidel


Fort bist du lange schon,
doch hier noch so präsent,
dass deine Gegenwart zu spüren
augenschließend ich vermag;
lässt mir das große Schweigen,
das niemals meinen Namen nennt.
So plötzlich kam der Schmerz,
verfinsterte den Tag;
suchtest den Weg in ferne Dimensionen,
gabst von der Ewigkeit, die du versprachst,
mir nur ein kleines Stück;
wo Seraphinen in Traumwelten wohnen,
dorthin brachte dein Todesengel dich zurück.
Gewährte Zerberus dir Einlass in sein Reich,
so zahle ich heut’ noch dafür Gebühr;
erscheint dein Antlitz vor mir engelsgleich,
streck’ ich in manchem Traum die Hand nach dir.
Werde ich niemals deiner Stimme lauschen
und niemals deinen warmen Atem spür’n?
Wie könnt’ ich mich an deiner Gegenwart berauschen,
wie sehr möcht’ ich mit dir den Himmel sanft berühr’n!
Vergangen und vorbei – vergessen nie so ganz;
am Ende meines Weges sei bereit,
reich’ mir die Hand zum eig’nen Totentanz
auf dem Parkett durch die Unendlichkeit.

Katzen

Albert Anker (1831-1910)

Vergangnen Maitag brachte meine Katze
zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen.
Fürwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen!

Die Köchin aber, Köchinnen sind grausam,
und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche –
die wollte von den sechsen fünf ertränken,
fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen.

Ermorden wollte dies verruchte Weib.
Ich half ihr heim! – Der Himmel segne
mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen,
sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem

erhobnen Schwanzes über Hof und Herd;
ja, wie die Köchin auch ingrimmig drein sah,
sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster
probierten sie die allerliebsten Stimmchen.

Ich aber, wie ich sie so wachsen sah,
ich preis mich selbst und meine Menschlichkeit. –
Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen,
Und Maitag ist’s! – Wie soll ich es beschreiben,

das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet?
Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel,
ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen!
Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen,

In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen,
Die Alte gar – nein, es ist unaussprechlich,
Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette!
Und jede, von den sieben Katzen

hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen,
Maikätzchen, alle weiß mit schwarzem Schwänzchen!
Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut
nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers;

Ersäufen will sie alle neunundvierzig!
Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon –
O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!
Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!?

Hans Theodor Woldsen Storm (1817-1888)

Mainacht

Ostseestrand – Eugen Dücker 1841-1916

O meine selige Jugend!
Blaue Tage am Ostseestrand,
wenn in den grauen Schluchten
jeder Baum in Blüte stand.

O glühende Sommernächte!
Am offenen Fenster durchwacht.
Ferne Gewitter rollten
im Westen die ganze Nacht.

Und über den Lindenwipfeln
führten im Blitzesschein
die alten Preußengötter
ihren ersten Frühlingsrein.

Herden und Saaten segnend,
schwanden sie über das Meer.
Ihre hohen Bernsteinkronen
blitzen noch lange her.

Agnes Miegel (1879-1964)

Eine kleine Frühlingsweise

Eine kleine Frühlingsweise nimmt mein Herz mit auf die Reise
in die schöne weite Welt hinaus!
Dort, wo bunte Blumen blühen, dort wo weiße Wolken ziehen,
steht am Waldesrand ein Haus.

Still, ohne Sorgen, friedlich geborgen
liegt dort die Welt im Sonnenschein.
Unter uralten Bäumen lässt es sich träumen,
in den goldenen Frühlingstag hinein.

Alle Bienen summen leise meine kleine Frühlingsweise,
bunte Falter flattern hin und her.
Die Natur auf allen Wegen streut den schönsten Blütensegen,
und die Rosen duften süß und schwer.

Doch wie bald ist all diese Pracht entschwunden,
die ein schöner Tag uns im Mai gebracht,
denn ein kalter Reif hat in nebelgrauen Stunden,
alles Grün vernichtet in einer Nacht!

Längst schon sind verstummt alle Vöglein auf den Zweigen,
und die Falter tanzen nicht mehr ihren Reigen,
selbst die alten Bäume hüllen frierend sich in Schweigen
und den Blümlein klein ist so traurig zu Mut!

Ach wie geht der Frühling doch so schnell vorbei!
Da ertönt ganz leise, leise meine kleine Frühlingsweise,
bis die gold’ne Sonne strahlend lacht,
und die Blumen blühen wieder, auch die Wolken ziehen wieder
und vergessen ist die kalte Nacht!

Freut euch der Jugend, nutzt jede Stunde,
wenn euch die Sonne strahlt im Mai.
Sucht die Schönheit im Leben, steht nicht daneben,
denn der Frühling geht ja doch so schnell vorbei.

Yesterday when I was young

Original Copyright:
Writer(s): Herbert Kretzmer, Charles Aznavour (1924-2018)

Übersetzung:

Gestern, als ich jung war…
Der Geschmack des Lebens war süß wie Regen auf meiner Zunge,
Ich neckte das Leben, als wäre es ein dummes Spiel,
So wie die Abendbrise eine Kerzenflamme necken kann.
Die tausend Träume, die ich träumte, die prächtigen Dinge, die ich plante,
Ich baute immer… ach, auf schwachem und schwankendem Sand.
Ich lebte bei Nacht und mied das nackte Licht des Tages,
Und erst jetzt sehe ich, wie die Jahre davonliefen.

Gestern, als ich jung war…
So viele Trinklieder warteten darauf, gesungen zu werden,
So viele eigensinnige Vergnügungen, die auf mich warteten
Und so viel Schmerz, den meine geblendeten Augen nicht sehen wollten.
Ich rannte so schnell, dass die Zeit und die Jugend endlich abliefen.
Ich hielt nie inne, um darüber nachzudenken, worum es im Leben geht,
Und jedes Gespräch, an das ich mich jetzt erinnern kann,
beschäftigte sich mit mir und sonst gar nichts.

Gestern war der Mond blau…
Und jeder verrückte Tag brachte etwas Neues zu tun.
Ich benutzte mein magisches Alter, als wäre es ein Zauberstab
Und sah nie die Verschwendung und Leere dahinter.
Das Spiel der Liebe spielte ich mit Arroganz und Stolz
Und jede Flamme, die ich zu schnell entzündete, erlosch schnell.
Die Freunde, die ich fand, schienen alle irgendwie wegzudriften,
Und nur ich bin auf der Bühne übrig, um das Stück zu beenden.
Es sind so viele Lieder in mir, die nicht gesungen werden wollen,
Ich spüre den bitteren Geschmack der Tränen auf meiner Zunge
Die Zeit ist gekommen, dass ich für das Gestern bezahle.
Als ich noch jung war…

April

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldenen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.

Auch dieses Mal ist es dem März geglückt:
Er hat ihn in den April geschickt.

Und schon hoppeln Hasen,
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob’s gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere.
Er blickt dabei entschlossen ins Leere.
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Erich Kästner (1899-1974)

Ich glaube nicht

Friedrich von Schiller: „Das Universum ist ein Gedanke Gottes. …
Möglich, daß das ganze Gerüste meiner Schlüsse ein bestandloses Traumbild gewesen. Aber eine Wahrheit ist es, die gleich einer festen Achse, durch alle Religionen und alle Systeme geht! – Nähert Euch dem Gott, den ihr meinet!“

Hin und wieder geißl‘ ich mich und geh‘ hart mit mir ins Gericht
und befrag‘ mich hochnotpeinlich, ob ich glaube oder nicht.
Nur ein bißchen Folter und schon erpress‘ ich mir den Beweis,
dass ich erstens gar nichts glaube und zweitens gar nichts weiß.

Ich glaub‘ nur, dass, wenn es ihn tatsächlich geben sollte,
Er, was hier in seinem Namen abgeht, gar nicht wollte.
Erstmal glaub‘ ich, dass die Weihwasserbeckenfrösche ihn stören
und die viel zu großen Häuser, die angeblich ihm gehören.
Glaubt ihr denn, er ist auf Lakaien und Grundbesitz erpicht?
Ja-Sager und Immobilien?
Ich glaube nicht!

Ich glaub‘ nicht, wenn es ihn wirklich gibt, dass er’s überaus liebt,
dass sich jemand hartnäckig als sein Stellvertreter ausgibt
und sich für unfehlbar hält.
Ich glaub nicht, dass es ihm gefällt,
dass man ihm krause Ansichten als ’sein Wille‘ unterstellt.

Ich verwette mein Gesäß: Brimborium und Geplänkel
Mummenschanz und Rumgeprotze gehn ihm auf den Senkel.
Dieses Ringeküssen, diese selbstgefäll’gen Frömmigkeiten,
dies in seinem Namen Eselei’n und Torheiten verbreiten.
Glaubt ihr, dass er will, dass irgendwer an seiner Stelle spricht?
Irgend so ein kleines Licht?
Ich glaube nicht!

Ich glaub‘ nicht, dass er in seiner Weisheit, seinem ew’gen Rat
sowas Abartiges ausgeheckt hat, wie den Zöllibat.
Denn sonst hätt‘ er sich zum Arterhalt was andres ausgedacht
und uns nicht so fabelhafte Vorrichtungen angebracht.
Welch ein Frevel, daran rumzupfuschen, zu beschneiden,
zu verstümmeln! Statt sich dran zu erfreu’n, dran zu leiden.

Und wenn Pillermann und Muschi nicht in den Masterplan passen,
glaubt ihr nicht, er hätt‘ sie schlicht und einfach weggelassen?
Glaubst du Mensch, armsel’ger Stümper, du überheblicher Wicht,
dass du daran rumschnippeln darfst?
Ich glaube nicht!

Ich glaub‘ nicht, dass ihm der Höllenlärm etwas bedeutet,
wenn man in die göttliche Ruhe hinein die Glocken läutet.
Ich bin sicher, dass er es als schlimme Lästerung betrachtet,
wenn man, um ihn zu bestechen, kleine Lämmerchen abschlachtet.
Und er muss sich sofort übergeben, denkt er nur ans Schächten,
oder an die schleim’gen Heuchler, an diese gottlosen Schlechten,
die scheinheilig die Kinderlein zu sich kommen lassen
und ihnen in die Hose fassen.

Ich glaub‘ nicht, dass er in euren pompösen Palästen thront.
Ich glaub‘ eher, dass er beim geringsten meiner Brüder wohnt.
Eher bei den Junkies, bei den Trebern im Park als in Rom,
eher in den Slums, den Schlachthöfen, den Ghettos als im Dom.
Im Parterre bei Oma Krause, in der Aldi-Filiale,
eher auf dem Straßenstrich als in der Kathedrale,
Wo Schiefköpfige, Händeknetende Schuldgefühle schüren,
Eitel, selbstgerecht, als würden sie ihn an der Leine führen.
Eher als in eurer düstren, modrig-lustfeindlichen Gruft,
Sitzt er unter freiem Himmel in der lauen, klaren Luft,
neben mir auf der Bank vor der Gartenlaube,
bei einer Flasche Deidesheimer Herrgottsacker.
Ja, ich glaube!
Ja, ich glaube!

Quelle: Musixmatch
Songwriter: Reinhard Mey

Die Sense

Krankes Kind – Christian Krogh (1852-1925)

Die Hunde schlugen an um Mitternacht,
bis über ihrem Bellen wild erschrocken
des Gutsherrn jüngstes Kind vom Schlaf erwacht,
es strich sich aus der Stirn die langen Locken.

Zitternd vor Furcht und Frost hob’s die Gardinen,
um nach dem späten Wanderer zu spähn,
doch einsam lag der Garten, mondbeschienen,
und keine Spur war auf dem Schnee zu sehn.

Die Hunde aber bellten immer noch,
und ihre Ketten klirrten. An der Hecke
duckte der Tod sich, der vorüberkroch,
damit sein Schatten nicht das Kind erschrecke.

Aus seinem weiten weißen Schafspelz stach
der Sense Stahl und blitzte aus dem Graben.
Das sah die Kleine, die verschlafen sprach:
„Da liegt ein Mond im Schnee, den möcht‘ ich haben!“

Agnes Miegel (1869-1964) – Ostpreußische Dichterin