Grenzenlos

von Christoph Martin Wieland

William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Allmählich wiegt die Wonnetrunkenheit
das volle Herz in zauberischen Schlummer.

Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer,
die Seele dünkt vom Leibe sich befreit.

In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen!
So inniglich von ihm durchatmet und durchdrungen!

Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloß.
Sich fühlend. – Aber, o dies Eins, wie grenzenlos!

Christoph Martin Wieland (1733-1813)

Bunt sind schon die Wälder

Text von: Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834)

Interpreten: Zupfgeigenhansel
Musik von Johann Friedrich Reichardt (1752-1814)

Bunt sind schon die Wälder,
gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.

Wie die volle Traube
aus dem Rebenlaube
purpurfarbig strahlt!
Am Gelände reifen
Pfirsiche, mit Streifen
rot und weiß bemalt.

Dort im grünen Baume
hängt die blaue Pflaume
am gebognen Ast
gelbe Birnen winken
dass die Zweige sinken
unter ihrer Last

Welch ein Apfelregen
rauscht vom Baum! es legen
in ihr Körbchen sie
Mädchen, leicht geschürzet
und ihr Röckchen kürzet
sich bis an das Knie

Winzer, füllt die Fässer
Eimer, krumme Messer
Butten sind bereit
Lohn für Müh und Plage
sind die frohen Tage
in der Lesezeit

Unsre Mädchen singen
und die Träger springen
alles ist so froh
Bunte Bänder schweben
zwischen hohen Reben
auf dem Hut von Stroh

Geige tönt und Flöte
bei der Abendröte
und bei Mondenglanz
schöne Winzerinnen
winken und beginnen
frohen Erntetanz

Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834) – Quelle: Wikipedia

Der Handschuh

Ballade von Friedrich von Schiller

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auftut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Thor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwey Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wirds still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leu’n
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis’
Wendet sich Fräulein Kunigund:
„Herr Ritter ist eure Lieb so heiß
Wie ihr mirs schwört zu jeder Stund,
Ey so hebt mir den Handschuh auf“.

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehens die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und der Ritter sich tief verbeugend, spricht:
Den Dank, Dame, begehr ich nicht,
Und verläßt sie zur selben Stunde.

August

von Erich Kästner

Peder Mørk Mønsted, (1859-1941)

Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen.
Und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Stockrosen stehen hinterm Zaun
in ihren alten, brüchigseidnen Trachten.
Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,
mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n,
die eine Reise in die Hauptstadt machten.

Wann reisten sie? Bei Tage kaum.
Stets leuchteten sie golden am Stakete.
Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?
Nachts, als der Duft vom Lindenbaum
an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?

In Büchern liest man groß und breit,
selbst das Unendliche sei nicht unendlich.
Man dreht und wendet Raum und Zeit.
Man ist gescheiter als gescheit, –
das Unverständliche bleibt unverständlich.

Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.
Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille.
Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.
Wie klein ist heut die ganze Welt!
Wie groß und grenzenlos ist die Idylle …

Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Erich Kästner (1899-1974)

Wie mein Kind sich freuen kann!

Von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Illustration von Lisa Aisato
Wie mein Kind sich freuen kann!
Sieht es nur ein Licht,
Sieht es nur ein Blümchen an,
Lächelt sein Gesicht.

Welche Freude wird es sein,
Wenn´s im Frühlingsfeld
Laufen kann im Sonnenschein
Durch die Blumenwelt!

Wie´s die Händchen dann erhebt
Nach dem Schmetterling!
Wie´s nach allem hascht und strebt!
Nichts ist ihm gering.

Und das Hälmchen in dem Ried
Und das Blatt am Strauch,
Alles, alles, was es sieht,
Alles freut es auch.

Und wie wird die Freude sein
In der Sommernacht,
Wenn der Mond mit güldnem Schein
Ihm entgegenlacht!

Freue dich, mein liebes Kind!
Wer sich freuen kann,
Ist, sobald er nur beginnt,
Schon ein bess´rer Mann!

-1855
Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

In der Mondnacht

von Paul Heyse

Théodore Chassériau (1819-1856)- An Angel Praying in the Garden of Olives
In der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht
gehen Engel um auf leisen Sohlen;
blonde Engel, innig und verstohlen
küssen Sie die schönsten Menschenblumen.

Tausendschönchen, allerliebste Blume,
weiß es wohl, woher der Schimmer stammet,
der dir heut das Antlitz überflammet:
bist noch in den Traum der Nacht verloren.

Denkst der Engel, die durchs kleine Fenster
sich auf Mondesstrahlen zu dir schwangen,
leise dir zu küssen Mund und Wangen
in der Mondnacht, in der Frühlingsmondnacht.
Paul Heyse (1830-1914)

Pfingsten

von Marie Paschke-Diergarten

John William Waterhouse (1849-1917)


Nun schmückt sich zu dem Fest der Pfingsten
mit frischen Blumen jedes Haus,
selbst in den Hütten der Geringsten
sieht’s heute feiertäglich aus.

Die allerärmsten Siebensachen
verklärt ein Hauch von Poesie,
auf frischen Lippen liegt ein Lachen
und eine heitre Melodie.

Da draußen blumenreiche Auen
und Lust und Leben weit und breit
und rings, wohin die Blicke schauen,
nur Glück und Daseinsfreudigkeit.

Und unter all dem Jauchzen, Klingen,
inmitten froher Festtagslust,
da will’s auch mich zum Liede zwingen,
als Dankgebet aus voller Brust.

Marie Paschke-Diergarten
(1870-Sterbedatum nicht bekannt)

Wie schön blüht uns der Maien

Wie schön blüht uns der Maien,
der Sommer fährt dahin.
Mir ist ein schön Jungfräulein
gefallen in meinen Sinn.
Bei ihr da wär mir wohl,
wenn ich nur an sie denke;
mein Herz ist freudenvoll.

Bei ihr, da wär ich gerne,
bei ihr, da wär mir‘s wohl.
Sie ist mein Augensterne,
strahlt mir ins Herz so voll.
Sie hat ein roten Mund,
sollt ich sie darauf küssen,
mein Herz würd mir gesund.

Wollt Gott, ich fänd im Garten,
drei Rosen auf einem Zweig,
ich wollte auf sie warten,
ein Zeichen wär mir´s gleich.
Das Morgenrot ist weit,
es streut schon seine Rosen.
Ade, mein schöne Maid!

Liebeslied aus dem 16./17. Jahrhundert. Text nach einem Gedicht von Georg Forster (1510-1568). Neu vertont von der deutschen Gruppe „Zupfgeigenhansel“ in den 1980er Jahren.

Ein grauer, trüber Morgen

Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832 und Friederike Brion

Ein grauer, trüber Morgen
Bedeckt mein liebes Feld,
Im Nebel tief verborgen
Liegt um mich her die Welt.

O liebliche Friederike,
Dürft ich nach dir zurück!
In einem deiner Blicke
Liegt Sonnenschein und Glück.

Der Baum, in dessen Rinde
Mein Nam bei deinem steht,
Wird bleich vom rauhen Winde,
Der jede Lust verweht.
Der Wiesen grüner Schimmer
Wird trüb wie mein Gesicht,
Sie sehen die Sonne nimmer,
Und ich Friedricken nicht.

Bald geh ich in die Reben
Und herbste Trauben ein;
Umher ist alles Leben,
Es strudelt neuer Wein.
Doch in der öden Laube,
Ach, denk ich, wär sie hier!
Ich brächt ihr diese Traube,
Und sie – was gäb sie mir?

Fröhliche Ostern

von Kurt Tucholsky

Da seht aufs Neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase gackert wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt froh bewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchen: eins, zwei und drei ...
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins Pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie's gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei – wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innere Gleichgewicht.

Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei -
und kurz und gut: Verderbt euch nicht den Magen!
Vergnügtes Fest! Vergnügtes Osterei!
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)