Zog aus, das Kleid aus Traumgespinst, Vergangenheit lag zugedeckt mit Nacht. Es wich die Dunkelheit, ein Tag beginnt, der neue, lichte Horizonte schafft.
Der Sonnenglanz entstieg dem Horizont, zerriss das wolkenschwere Firmament, so hat der Geist, der in den Himmeln wohnt, die Schatten dunkler Stunden abgetrennt.
Ein Schein des Glücks fällt durch das Fenster, erhebt die Brust zu neuem Aufwärtsstreben, vertreibt Vergangenheitsgespenster, erweckt in Geist und Körper neues Leben.
Der Regen trübt die Helligkeit der Stunden, sanft gleiten Tropfen auf die dürre Erde, die Sommerzeit scheint bald verschwunden, der Herbst empfing schon ihr: „Es werde!“
Amor und Psyche – William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Oft ist es klein, doch gegenwärtig nah, ein schattenhaft Erinnern, das zuvor, manchmal doch nur Sekunden da, ein Ton, ein Klang, der sich im Wind verlor.
Das Unbekannte, das verging, es flieht, doch rüttelt es an meiner Seelentür. Es singt in mir ein altes Liebeslied, die Strophen so bekannt und tief in mir.
Zwei Rosenblätter, die vorüberflogen, als sie ein Windhauch aus der Blüte nahm. Getrennt und doch gemeinsam angesogen von Sehnsucht, die auf weißen Schwingen kam.
Herr, gib uns helle Augen Die Schönheit der Welt zu sehn! Herr, gib uns feine Ohren, Dein Rufen zu verstehn. Und weiche, linde Hände Für unserer Brüder Leid Und klingende Glockenworte Für unsre wirre Zeit! Herr, gib uns rasche Füße Nach unserer Arbeitsstatt – Und eine stille Seele, Die deinen Frieden hat!
Frieda Jung(1865-1929) Ostpreußische Heimatdichterin geboren im Landkreis Gumbinnen
Foto: privat – Sonnenblumen von Karl-Heinz Stienen (1929-2002)
Rosenblüten sind schon recht bleich; viele vertrocknen im steigenden Jahr, der Rasen zerstört und sein grünes Reich gleicht Stroh, wie schütteres Haar.
Das immergrüne Efeu scheint müd, es steigt nicht mehr höher am Haus; regenarm dörrt aus, was heute noch blüht, es leiden der Mensch und die Maus.
Der Sommerweizen weht noch wie Gold, die Schnitter werden bald kommen. Die Sonnenblumen schauen gar hold, sie sind aus der Mode gekommen.
In den 50ern zierten sie Bilder zuhauf, in Öl gemalt und im Rahmen. Das gefiel aller Welt und erschwinglich der Kauf; heute will sie niemand mehr haben.
Wie die Sonne, deren Sommerwelt schon längst obsolet geworden, hofft man, dass endlich Regen fällt und auf Luft zum Atmen von Norden.
Nun hebt das Jahr die Sense hoch und mäht die Sommertage wie ein Bauer. Wer sät, muss mähen. Und wer mäht, muss säen. Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
Stockrosen stehen hinterm Zaun in ihren alten, brüchigseidnen Trachten. Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun, mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n, die eine Reise in die Hauptstadt machten.
Wann reisten sie? Bei Tage kaum. Stets leuchteten sie golden am Stakete. Wann reisten sie? Vielleicht im Traum? Nachts, als der Duft vom Lindenbaum an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?
In Büchern liest man groß und breit, selbst das Unendliche sei nicht unendlich. Man dreht und wendet Raum und Zeit. Man ist gescheiter als gescheit, – das Unverständliche bleibt unverständlich.
Ein Erntewagen schwankt durchs Feld. Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille. Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille. Wie klein ist heut die ganze Welt! Wie groß und grenzenlos ist die Idylle …
Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht. Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht, ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer. Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht! Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
Es wirkt so wundersam vollkommen, wie mich das Schicksalsrad geprägt, wie es die Sorgen hat genommen und mir den Rücken hat gestählt.
Ein jeder Schritt, den ich einst machte, der mich hinabriß in den Schmutz, war einer, der mich dazu brachte, zu glauben, an den Gottesschutz.
Als mich mein Handeln tiefer zerrte, und ich mich in mir selbst verlor, da klang etwas, was aufbegehrte, so wie ein Hilfeschrei empor.
Denn meine Seele blieb nicht stumm, wie sie es jahrelang getan; es füllte sich ein Vakuum mit Hoffnung, die nicht schweigen kann.
Ich fand die Tür, die angelehnte, die Flucht mir bot, aus Schmutz und Sumpf, war überrascht, als ich sie wähnte; der Ausweg war der größte Trumpf.
Ich sah das Himmelblau und Wolken nach langer Zeit zum ersten Mal; niemals werd‘ ich den Tag bereuen, als ich erlöst war von der Qual.
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