Lied der Engel

In Tönen, die nur Seraphinen singen,
durchströmt ein glockenheller Klang die Welt,
mit überirdischem Vibrato ferner Stimmen,
wird unsre Dunkelheit zum lichten Tag erhellt.

Zum altgegangenen Weg der Religionen,
dringt dieses Licht der Wahrheit mehr und mehr.
Die Finsternis, in der noch viele wohnen,
wird es mit Weisheit fluten, wie ein Meer.

Versiegelt scheint die heil’ge Wirklichkeit,
die Flamme der Vernunft, sie wird es lösen;
das Licht geht auf, der Bettler steht in feinem Kleid,
denn ein Geringer zeigt des Geistes Größen.

Wo Gottes milde Segensströme fließen,
ergossen durch den reinen Sphärenklang,
endlos wird Liebe sich in uns ergießen,
wo wunde Herzen leiden, zukunftsbang.

Taktlos

Arche Noah – Quelle: Pinterest
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende,
verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen;
sucht, dass er seine Buntheit wiederfände,
wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.

Wo Farbenspiele spannend unter Bläue,
sich zeigen in des Regenbogens Pracht,
des Schöpfers Segen alle Saat erneuere,
die Welt verschone vor der Bombenmacht.

Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen,
wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg.
Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen,
von denen allen Ländern böses blüht.

Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen
mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl.
Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen:
„Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*

*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe

Morgenlicht

Bild von Arifur Rahman Tushar auf Pixabay

Es dämmert schon –
gleich wird der Tag erwachen!

Das Licht kämpft gegen die Dunkelheit.

Der Wind reißt Löcher in die Wolkendecke
und lässt das Blau des Himmels erahnen;
friedlich und still ruht die Welt,
zärtlich streichelt sie die Nacht,
umschließt sie sanft mit einer Aura kosmischer Liebe.

Erde und Himmel im göttlichen Licht;
kühl ist der Morgen.

Schwingungen des Geistes
schenken wärmende Gedanken,
damit unsere Seelen nicht frieren.

Sonnenhungrig

Aus den Wolken fällt der Regen,
welterwachend, frühlingsmild,
sanft, wie zarter Hauch und Segen,
tränkt er Wiesen, Wald und Feld.

Tröpfchen hängen an den Zweigen,
jede Knospe fein erwacht;
gelb malt an Forsythien-Zweigen
Farbe „Frohsinn“ über Nacht.

Wolken, die vorüberschweben,
sind in regengrau getaucht,
und das frühlingsnahe Leben
wird von Ungeduld behaucht.

Kühl sind noch die Temperaturen,
doch die Wärme stellt sich ein,
wenn die alten Sonnenuhren
wachgeküsst vom Sonnenschein.

Frühlingsgeister

Kühle Winde stoben,
bald ist es April,
und das Wetter droben,
weiß nicht, was es will.
 
Treibt die Winterwesen
durch die grauen Gassen,
fegt mit feinem Besen
über Feld und Straßen.
 
Jung und Alt erleben
Vogelsang und Wende.
Frühlingsgeister geben
sich die Sonnenhände.
 
Knistern, Brechen, Heben
unter dunklen Schollen,
und das bunte Leben
hebt sich aus den Knollen.
 
Segensreich erneuern
wird die Frühlingszeit,
schmückt mit frischen Farben
tristes Erdenkleid.

Sang und Klang

Song of the heart – Joel Kirk Richards (1976*)
Singen möcht’ ich, helle, reine Töne,
in die missklangreiche Welt hinein.
Möcht‘ ihr bringen, was den Geist verschöne,
Dur und Moll im Lied vereinen.

Wie die Vogelstimmen, die am Morgen
Tag und Sonne freundlich singend grüßen,
möcht‘ mein Lied, die allergrößten Sorgen
wandeln, dass sie schnell vergehen müssen.

Auf dem Blütenteppich bunter Träume,
unter Bäumen, deren Kronen rauschen,
soll die grenzenvolle Welt der Zäune
meinen hellen Liedern lauschen.

Die Akkorde möchten aufwärts schwingen,
wie die Wolken, die um Berge kreisen.
Augenschließend werden sie erklingen,
wie ein Schiff durch Wolkenmeere reisen.

Um ein notenreiches Werk zu singen,
hebt die Menschheit sich vereint zum Chor.
Bleibt es nur ein Traum? – Ein hehres Ringen
bringt das allerschönste Lied hervor.

Sternenreise

Im Weltall ist es stille,
kein Ton dringt durch die Zeit,
in der Materienfülle,
Unendlichkeiten weit.

Gedankenweit getragen,
bis an den fernsten Punkt,
vorbei an Götterwagen,
wo Weltliches verstummt.

Lichtjahre weitertreiben,
von Stern zu Stern sich schwingen,
in fremden Sphären weilen
und mit den Winden singen.

So ganz und gar verloren
im stillen Sog des Gleitens;
im Strudel neu geboren,
in allen Ewigkeiten.

Frühling – Der Berufene

von Ephides

Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)

Wer sagt der Erde, dass sie blühen soll, wenn der Frühling da ist? Sie weiß nur, dass er da ist, und blüht, weil sie nicht anders kann. Und wer sagt ihr, dass sie ruhen muss und die Geschöpfe, die sie hervorgebracht hat, in sich hineinnehmen muss, dass sie zurückkehren in ihren Schoß, die Baum- und Blumenseelen, die das Blühen und Früchtetragen vollbracht haben? Niemand sagt es ihr, und niemand sagt den Geschöpfen der Natur, dass die Zeit des großen Ruhens, der Arbeit nach innen, gekommen ist. Und dennoch weiß jedes Hälmchen, wann seine Zeit gekommen ist, zu sprießen, und fühlt jeder Baum die Müdigkeit, wenn die große Ruhe kommt.

So auch der Berufene. Er kennt seine Zeit zum Schweigen wie zum Wirken. Er weiß die Zeichen der Zeit zu finden und zu deuten. Er kennt die Arbeit in der Stille, das Wirken nach innen, wie die Sprache, die ihm gegeben ist, und weiß, wachzurütteln, wenn die Zeit es verlangt.

Seht, auch im Frühling der Erde sind viele Blumen und Blüten schon erfroren, und die Kälte hat sie, die zu früh gekommen sind, hinweggenommen. War es aber nicht dennoch die Wahrheit, die ihr Erscheinen kündete? Waren die, deren Blüten der Frost nahm, nicht dennoch Kinder des Frühlings und Träger seiner belebenden Kräfte, genau wie die anderen Blüten, die das Licht grüßten, nachdem der Frost gegangen war?

So auch der Berufene. Mögen viele vergeblich gewartet haben auf die Weltenwende, auf den Frühling der Welt, der sich mächtig ankündigt, sie haben nicht vergeblich gewartet, auch wenn das Leben im vergeblichen Warten hinging. Sie sind Kinder des Weltenmorgens wie jene, die den Weltenfrühling erleben werden.

Die Zeit der Frühlingsstürme, die aufrüttelnde, die schöne, starke Zeit ist gekommen. Wer den Frühling spürt, drängt zur Blüte, und manches in der Knospe verborgen Schlummernde wird sich öffnen, und einmal wird offenbar werden der Weltenwende ganze Herrlichkeit.

Gott geleite euch!

Frühlingsklänge

Der Reigen – Jacob Abraham Camille Pissarro (1830-1903)
Hell und lustig, wie ein Singen;
jedes Lied klingt wie ein Bogen,
der die Geigensaiten streifte,
dass die Seelen höher flogen.

Augenblicklich singt man Lieder;
trübe Augen werden heller,
wo man sanfte Töne fiedelt,
pulst das Blut zum Herzen schneller.

Winterfrei macht man die Tische,
so, als würde auf den Bänken,
frisch geputzt der Frühling sitzen,
Wärme gebend, Sonne schenkend.

Volle Krüge, essen, tanzen,
dass die Mädchenzöpfe fliegen,
wie auf altgemalten Bildern,
die im Reigen sich vergnügen.

Ausgelassen, froh und munter
sitzt das Volk bei Brot und Schinken;
rote Wangen, wache Blicke,
zeigen unbeschwert ihr Trinken.

Die in Frühlingswonne träumten,
wolkenfrei vom Blütenschimmer,
fanden ihre alte Welt
plötzlich hoffnungslos in Trümmern.

Wären nicht die Religionen,
Menschen könnten glücklich werden!
Wäre nicht der Hass der Menschen,
O, es wäre schön auf Erden!