Gott allein hat sie gezählet…

Ich habe meine Seele gerettet – Vladimir Kush

Wolkenberge treiben am Himmelsblau.
Erhellen den grauen Horizont,
rosig, wie in Sommernächten.
Ewiges Werden und Vergehen.
Treiben lautlos zerfließend,
in zahllosen Formen.
Entschwinden,
wie hehre Luftgestalten
mit weißen Gewändern,
schweigenden Gesichtern
und Tiergestalten.
Atmen die Sphäre des Himmels
in die Schwere des Lebens,
Wolkenwanderer,
immer wiederkehrend
in neuer Schöpfung.
Leuchtend in vielen Nuancen.
Inspiration für Tagträumer.

Kleiner Rückblick – Friemersheim

Fortsetzung Teil 45

Dorfkirche in Friemersheim – Foto: Gisela Seidel

Bereits im Jahr 2010 hatte ich erneut damit begonnen, in der Bibel zu lesen, bzw. sie richtig zu studieren. Dazu schaffte ich mir verschiedene Ausgaben an und fand so meinen Favoriten, die Züricher Bibel. Ich benötige einen gewissen Sprachklang, damit ich mich für die Worte dort öffnen kann. Mittlerweile ist das Buch durch und durch bunt markiert.

Damals begann meine lange Suche nach Wahrheit und Lebenssinn. Ich las eine Zeit lang wöchentlich mit den Zeugen Jehovas, die mir zufällig an der Haustüre begegnet waren. Das ging fast ein Jahr, doch dann merkte ich, dass wir uns in gewissen Dingen nicht nähern konnten. Ihr Fundamentalismus ging mir zu weit. Ich kann nicht grundsätzlich an eine Religion und an ein Buch glauben, das von Priestern gemacht worden ist. Ich glaube an einen Gott, der so, wie ich ihn empfinde, nicht in diesen Schriften dargestellt wird.

Die Kirchen wollen von jeher nur Macht, um ihre kleingläubig gemachte Gemeinschaft zu unterdrücken. Ich lehne einen solchen Extremismus ab. Den gibt es leider in jeder Religion. Man muss darauf achten, sich davon nicht gefangen nehmen zu lassen. Das Himmelreich lässt sich nicht kaufen, schon gar nicht durch Kirchen. Viele Bibelstellen wurden gefälscht, erstaunlicherweise noch in der Gegenwart. Da heißt es nicht mehr „du sollst nicht töten“, da heißt es neuerdings „du sollst nicht morden“.

Damals wollte ich meine Neugierde befriedigen und wissen, woher die unterschiedlichen Glaubensrichtungen stammen und was der Ursprung ist. Ich war ja bereits mit dieser Wissbegierde auf die Welt gekommen und befriedigte sie mit dem Lesen bestimmter Bücher, zu guter Letzt mit dem Studium der Kabbala, vermittelt von Friedrich Weinreb.

Obwohl mich diese religionsphilosophische Betrachtung dem Sinn der mosaischen Schriften näher brachte, blieb ein großes Fragezeichen in mir. Im Buch „Hiob“ und an anderen Stellen wurde von Reinkarnation geschrieben. Darüber gingen sowohl die Zeugen Jehovas als auch die reformierten Kirchen hinweg. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Mit der Zeit merkte ich, dass mich das Studium immer mehr zu mir selbst führte, zu meinem Lebenskern…dem Gott in mir.

Nachdem der arme Schäferhund meines Nachbarn eingeschläfert worden war, schaffte er sich einen Welpen an, einen Golden Retriever.
Ich kenne mich mit Hunden nicht aus, und mein Nachbar ließ ihn meistens frei im Garten herumlaufen, obwohl er eigens dafür einen großen Zaun um sein Gartenhaus hatte bauen lassen. Jedes Mal, wenn ich in den Garten ging, musste ich aufpassen, nicht in die Hinterlassenschaft des Hundes zu treten, die überall herumlag. Da der Welpe noch keine Erziehung genossen hatte, attackierte er ständig meine Fersen, um daran zu nagen, was seinem Herrchen sichtlich Spaß machte.

Irgendwann stand ich am Küchenfenster und sah zufällig, wie er die große Stechpalme, die auf meiner Gartenseite stand, mit der Heckenschere bearbeitete. Während er die unteren Zweige abschnitt, schwoll mein Hals. Ich öffnete das Fenster und schrie nach draußen, er soll das sein lassen. Danach beschwerte ich mich bei dem Menschen in der Firma, der die Wohnungsverwaltung unter sich hatte. Da kam keine Resonanz. Ich hatte das Gefühl, mir wurde nicht geglaubt. Man ignorierte mich einfach. Jahre später erfuhr ich, dass mein Nachbar es bei meiner Nachmieterin genauso gemacht hatte und der Wohnungsverwalter entschuldigte sich bei mir.

Danach herrschte jedenfalls Funkstille im Haus. In den Garten wollte ich nicht mehr. Es war alles zu viel!

Ich suchte nach einer neuen Wohnung, fand aber keine passende im heimatlichen Ortsteil. Da ich diesen noch nie verlassen hatte, fiel mir meine Entscheidung sehr schwer: Im Oktober 2012 zog ich in den Stadtteil Friemersheim. Das Mietshaus lag unmittelbar am Deich. Dahinter liegt die Rheinaue, in der ich oft mit K. spazieren war.

Foto: Gisela Seidel

Der Umzug war eine große Herausforderung, und ich bekam plötzlich Hilfe von meinem türkischen Arbeitskollegen, der sich, zusammen mit seinem Cousin und seinen Kindern, fleißig und hilfsbereit in die Arbeiten einbrachten. Ich bin noch heute dankbar für die Hilfe und überrascht von so viel Freundlichkeit.

Blick vom Balkon – Foto: Gisela Seidel

Nach sechs Wochen Arbeit zog ich endgültig in meine neue Bleibe ein. Das Schönste an dieser Wohnung war der große Balkon und die herrliche Lage mitten im Grünen. Meine beiden alten Katzen kamen natürlich mit, aber mein „Wichtel“ litt zusehends an Altersdemenz, konnte kaum noch sehen und schrie unentwegt. Zum Glück konnte man das außerhalb der Wohnung nicht hören. Mein Sohn Patrick hing an der Katze, und ich tat alles, um ihr Leben noch eine Weile schön zu machen.

Wichtel – Foto: Gisela Seidel
Dibo – Foto: Gisela Seidel

Die neue Wohnung lag ca. 10 Kilometer von meiner Firma entfernt. Eine ganz neue Erfahrung. Auch die Wohnung von K. konnte ich nun nicht mehr sehen, was mir sehr beim Vergessen half.

Alles war soweit gut, und ich versuchte neue Menschen kennenzulernen. Sie sollten gläubig sein und sich mit mir darüber austauschen wollen. Deshalb trat ich wieder der evangelischen Kirche bei. Aber ich hatte wohl zu viel erwartet.

Der Platz um die Dorfkirche ist für mich ein mystischer Ort, mit dem Haus des Küsters unmittelbar neben der Kirche. Ein altes Lehrerhaus steht unweit gegenüber, welches heute als Museum zu besichtigen ist.

Lehrerhaus Friemersheim

Wird fortgesetzt…

Schneeflocke

Der Wind trägt dich aus fernen Weiten,
lässt dich aus grauen Himmeln gleiten,
glitzernd wie ein kristallner Stern.
 
Bist so vergänglich, winzig klein,
doch wirst du in Gesellschaft vieler Flocken
bald wie ein weißer Riese sein.
 
Ein kühler Hauch bist du, bedenkt,
aus Wasser nur – auch wenn man’s halten kann,
doch rinnt aus deinem Schmelz alsdann
wieder ein flüchtig’ Element.
 

David gegen Goliath

Maximilian Pirner (1854-1924) – Der Tod

So stark fühlt sich doch mancher Held,
dem Schicksal überlegen.
Er raubt den ander‘n Gut und Geld,
stemmt seine Macht dagegen.

Er meuchelt Mensch, schlachtet das Tier;
hat Blut an seinen Händen.
Er bläht sich auf, lügt dort und hier,
die Ich-Sucht will nicht enden.

Doch ist der Gegner winzig klein,
und schwerlich auszumachen,
bekämpft die Wissenschaft allein
die unsichtbaren Sachen.

Die sind viel stärker als gedacht,
schlagen die Weltverbände.
Die Weltbeherrscher, die gelacht,
sind ahnungslos am Ende.

Es beugt sich Mensch, im Demutsgang,
so sonderbar verbunden;
Reichtum und Macht sind hier vertan,
gelähmt die Wirtschaftsstunden.

Der Untergang der Welt scheint nah;
die Lügner stehn und schreien.
Die Gräber sind schon offenbar –
wer kann sich das verzeihen?!

Es stirbt doch nur das alte Volk,
seht nur, der Tod, er wartet.
Er fordert Leben, seinen Sold
und pflügt den Wohlstandsgarten.

Niemand kann fliehen, dem entgehen,
keiner ist auserkoren.
Wen hat das Schicksal vorgesehen?
Der Held hat längst verloren!

Herbstlied

Weil ich den Ohrwurm so gerne höre, habe ich ihn noch einmal eingestellt:

„Feinslieb, du lachst dazu“ von Hans Eckardt Wenzel und Band

Text:

Feinslieb, nun ist es Blätterbraun
Schon wieder in den Spitzen
Wann wir unterm Kastanienbaum
Am Abend fröstelnd sitzen
Das Jahr geht fort mit schwerer Fracht
Es bindet sich die Schuh‘
Ich bin so traurig heute Nacht –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, die schwarze Jacke hängt
Die Schultern ab mir wieder
Wann schon so früh das Dunkel fängt
Uns und die Kält‘ die Glieder
In deinen Augen glimmt noch leis‘
Der Sommer voller Ruh‘
Ich wein‘, weil ich nicht weiter weiß –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, das war es also schon
Der Sommer ist vertrieben
Die Vögel sind auf und davon
Und wir sind hier geblieben
Fremd zieh‘ ich ein, fremd zieh‘ ich aus
Ich weiß nicht, was ich tu‘!
Heut‘ Nacht, verwelkt ist mein Zuhaus‘ –
Und du, du lachst dazu!

Feinslieb, komm stirb mit mir ein Stück
Sieh, müd‘ die Blätter schunkeln
Wir dreh’n das Jahr doch nicht zurück
Und seh’n uns nicht im Dunkeln!
Lass in dem Kommen, Bleiben, Geh’n
Zertanzen uns die Schuh‘
Ich will noch soviel Himmel seh’n –
Und du, du lachst dazu!

Alter Fluss

Es liegt ein silbergraues Gleiten,
ein altes Fließen trüber Kraft,
über des Wassers flussbegrenzte Weiten,
der fernen Ozeane Lebenskraft;
als wollt’ er hundert Meere füllen,
wälzt er durch tiefes Bett die Fluten,
nichts Irdisches kann seine Kräfte stillen,
so wird er stets den Weg zu neuen Ufern suchen.

Kleiner Rückblick – Amigo

Fortsetzung Teil 44

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Im August 2009 verabschiedete sich mein alter Chef von mir im Traum, zwei Wochen vor seinem Tod. Er stand lächelnd da, trug einen schwarzen Anzug und winkte mir zu. Ich erzählte es meinen Kollegen, die Angst vor meinen Wahrträumen bekamen. Seitdem hüllte ich mich in Schweigen. Für mich ist ein solcher Traum ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Sphäre gibt, die wir Menschen verstandesmäßig nicht erfassen können.

Ich arbeitete in der Chemiefabrik hauptsächlich mit Männer zusammen, was mir sehr angenehm war. Mit allen kam ich gut klar, doch mein Nachbar war eine Ausnahme. Selbstständige Frauen waren ihm ein Gräuel. Einen Mann brauchte ich nur für handwerkliche Dinge, wenn mir die Kraft fehlte. Ich machte von jeher vieles selber. Bei der Gartenarbeit war das genauso. Aber meinem ‚lieben‘ Nachbarn gefiel das nicht. Der für mich abgestellte Wasserhahn im Garten war eine Geschichte von vielen. Wenn ich nicht draußen war, sah ich ihn oft durch meinen Gartenteil schleichen.

Einmal hatte er wohl mächtig Spaß daran, mir eine große, tote Ratte vor meinen Wassercontainer zu legen. Ich mag Ratten, und geekelt habe ich mich auch nicht, sondern das Tierchen beerdigt. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ende 2010 klaute er dann von meinem Gartenteil eine von mir gekaufte Christrose und pflanzte sie in eine Schale vor seinem Eingang. Ich kochte vor Wut, sagte aber nichts.

Wir hatten eine Toilette im Garten. Er hat absichtlich das Wasser abgestellt, und ich musste jedes Mal nach oben in meine Wohnung laufen. Dann zog seine Frau die Reißleine und ging mit ihm 2010 ins Altenheim, was einen neuen Mieter auf den Plan rief, der nicht besser war, als der alte. Er war Malermeister in der Fabrik gewesen und damals im Vorruhestand. Seine Frau war ebenfalls immer zu Hause.

Im Werk hatte er viele Handwerker-Kollegen, die darauf warteten, dass er einzog. Ihm wurde von allen Seiten geholfen; er hatte für jede Arbeit ein Helferlein, auch für den Garten.

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Der Garten glich vormals einer Parklandschaft. Er war an der Außenmauer dicht bepflanzt mit Sträuchern und Bäumen. Als mein Nachbar endgültig eingezogen war, änderte sich das. Er ließ alles roden, was seinem Plan im Weg stand. Die Mauer wurde durch Holzplatten erhöht, dafür Flieder und Jasmin entfernt. Dabei war ihm die Gemeinschaftsfläche ganz egal.

Als ich einmal nach Feierabend nach Hause kam, blickte ich zufällig auf eine große, kahle Stelle der unansehnlichen Mauer. Das tat mir so weh, dass ich in Tränen ausbrach. Ich habe geheult wie ein Schlosshund und konnte es nicht verstehen. Wie konnte der Mensch so etwas Schönes zerstören!?

Foto: Gisela Seidel

Aber ich hatte keine Chance zu widersprechen. Nachdem der halbe Garten gerodet war, wurde ein Holzhaus gebaut und ein großer, grüner Zaun darum gesetzt. Wenn die Kollegen Mittagspause machten, war dieses Haus ein gerne angenommenes Gartendomizil. Hier wurde niemals gegrillt, nur geredet. Des Nachbarn Erklärung für diese Maßnahme: „Wenn ich ein Mal grille, will meine Frau das immer haben.“

Blumen suchte man vergebens. Dafür hatte man ja meine Seite, die ich immer neu bepflanzte. Tragisch war, dass der Mensch im Sommer hinging und die blühenden Hibiskus-Sträucher vor dem Haus mit einer Heckenschere abschnitt, damit seine Frau die herabfallenden Blüten nicht beseitigen musste.

Foto: Gisela Seidel

Die Straßenseite blieb weiterhin meine Arbeit. Ich sah das Pärchen niemals fegen oder Schnee schaufeln. Das machte ein Gärtner für sie. Aber sie hatten etwas mit ins Haus gebracht, mein Kindheitstrauma, einen großen altdeutschen Schäferhund.

Welcher Hund passt besser zu einem Macho? Der neue Nachbar glaubte auch, seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, indem er sich einen 360 PS starken, neuen Mercedes in die Garage stellte. Er brauchte diese Penis-Verlängerung!

Sorge machte mir das ‚Hündchen‘. Immer, wenn ich die Türe zum Hof aufschloss, erstarrte ich. Was war, wenn er dort frei herumlaufen würde? Einen Gärtner hatte er bereits in den Bauch gebissen. Mein Nachbar hatte ihn schon mal auf die spielenden Kinder gehetzt, als sie auf dem neuen Holzzaun herumkletterten. Die waren weinend nach Hause gelaufen.

Anfangs luden mich die Nachbarn zu sich ein. Der Hund sollte lernen, dass ich Mitglied des Hauses sei. Ich näherte mich vorsichtig, und da ich keine Hunde kannte, hielt ich „Amigo“ für unberechenbar. Nach einiger Zeit und nach zahlreichen Leckerchen, die er von mir erhielt, hatte er mich akzeptiert. Er lag im Garten zu meinen Füßen und ließ mich anstandslos auf den Hof. Die Furcht wich langsam, und er respektierte mich.
Leider musste Amigo wegen einer nicht zu behandelnden Entzündung im Bein eingeschläfert werden. Ich werde nie vergessen, wie er zu seiner letzten Fahrt in das Auto meiner Nachbarn stieg. Das tat mir sehr leid, denn ich mochte ihn.

Foto: Gisela Seidel

Fortsetzung folgt...

Winter will es werden

Carl-Ludwig Fahrbach (1835-1902)

Dunkel wird’s schon frühe,
Sonne dringt mit Mühe,
durch den grauen Dunst.
 
Nebel wallen wieder,
Kälte lähmt die Glieder.
Schleierhafte Kunst!
 
Kalt ist es geworden,
und vom hohen Norden
ziehn die Winde ein.
 
Tanzen durch die Straßen,
singen in den Gassen,
säubern Feld und Stein.
 
Fegen durch die Schächte,
einsam sind die Nächte;
Seelen wachen müd.
 
Winter will es werden,
und der Herbst auf Erden,
singt sein Abschiedslied.

Kleiner Rückblick – Pendelfragen

B. beim Kartenlegen

Das Jahr 2009 zog sich wie Kaugummi. Eine letzte Lesung über „Henriette Brey“ hatte ich in einem Altenheim absolviert. Danach war damit Schluss. Meine Kräfte waren aufgebraucht, denn das ungnädige Ende mit K. zerrte an meinen Nerven. Außerdem schien es mir die Luft zum Atmen genommen zu haben. Immer, wenn ich mich anstrenge oder aufgeregt bin, folgt Kurzatmigkeit.

Das brachte zusätzlich eine Freundin auf den Plan, die ganz von oben herab urteilte: „So etwas könnte mir nicht passieren!“

Sie war rund 13 Jahre jünger als ich und eine typische Jungfrau, was das Sternzeichen betraf. Wir kannten uns schon lange durch ihre Tante Ursel, die bereits mit 40 Jahren verstorben war. Deren Halbschwester G. hatte ihre Tochter B. verwöhnt. Sie wollte ihr das bieten, was sie selbst als Kind nicht hatte, denn sie war in einem Heim aufgewachsen.

Von jeher wirkte B. wie ein vornehmes Burgfräulein auf mich, das gerne auf ihre Untergebenen herabschaute und sie verurteilte. Für B. zählte nur Geld, Mode, Einfluss, Platin-Schmuck und teure Autos. Sie lebte gerne mit Hummer, Steaks, Lachs und mediterraner Küche und war dann oftmals völlig überrascht, wenn ich ihr Bratkartoffeln und Bratheringe vorsetzte, die sie nicht kannte.

G. und B. waren nicht gern gesehene Gäste. In jedem Geschäft und in den Speiselokalen waren sie unbeliebt, denn es ging kaum etwas ohne lautstarke Beanstandungen, bei denen nicht das Personal herabgekanzelt wurde.

B. ist eigentlich eine liebe Person, wenn nicht der Einfluss ihrer dominanten Mutter gewesen wäre. Doch die war Patentante meines jüngsten Sohnes. Deshalb ist unsere Verbindung nie ganz abgerissen und mein Sohn mochte sie.

Da ich stets meine Meinung sage, bin ich mehrfach mit G. aneinander geraten, weil sie sehr ausländerfeindlich ist. B. hörte immer auf ihre Mutter. Deshalb war jahrelang Funkstille zwischen uns. Doch wie der Zufall es wollte, traf ich B. irgendwann auf dem Parkplatz von Aldi wieder und es war, als hätten wir uns nie getrennt.

Mein kleiner Bekanntenkreis wusste, dass ich Karten legen konnte und pendelte. Kartenbilder machen nicht immer eine Aussage, doch wenn ich es sehen soll, dann tue ich das auch. So saßen B. und ich oft bei mir und stellten den guten Geistern Fragen, die wir selbst nicht beantworten konnten.

B. war seit 2005 mit ihrem ehemaligen Schulkameraden St. verheiratet und lebte in Xanten. Dort hatte sie eigentlich für ihren Vater eine Eigentumswohnung gekauft, weil der keine adäquate Wohnung zur Miete finden konnte. Doch der Vater starb 2008, und sie zog selbst mit ihrem Mann in die Wohnung. Im selben Haus wohnte noch eine junge Frau zur Miete, die B. jedoch nicht duldete. Die Frau wurde kurzerhand hinausgeekelt und suchte sich eine neue Bleibe. Dann kaufte man kurzerhand auch diese Wohnung und besaß somit das ganze Haus.

Während einer Pendelsitzung fragte B., wo sie und ihr Mann zukünftig wohnen würden. Mein Pendel zeigte an, St. in Xanten und B. im Gelderland. Wir waren beide sehr verblüfft und konnten uns keinen Reim auf dieser Antwort machen. Doch die Erklärung kam 2015.

K. war fort aus meinem Leben. Patrick hatte eine eigene Wohnung und kam meist samstags. Ich aktivierte meine Handarbeitskenntnisse, die ich bereits in meiner Schulzeit und zu Hause von meiner Mutter gelernt hatte. So viele Pullover, Schals und Tücher konnte niemand tragen! Ein Blog dazu setzte mich unter Druck. Das alles tat ich zusätzlich zur Haus- und Gartenarbeit in meiner Freizeit, doch es füllte mich nicht aus.

Ich hatte von 50plus gehört und schrieb mich dort ein, um neue Bekanntschaften zu machen. Da fühlte ich keinen Gemeinschaftssinn. Viele warteten nur darauf, andere nieder zu machen. Ein paar meiner Gedichte schrieb ich dort ein, doch kurz darauf beschuldigte mich ein angeblicher Rechtsanwalt i. R. des Datendiebstahls, weil er meine Homepage entdeckt hatte, wo dieses Gedicht ebenfalls stand.

Ganz egal, was ich schrieb, ich fühlte mich wie auf einem anderen Stern. Das war mir viel zu oberflächlich! Schnell wurde mir klar, ich gehöre dort nicht hin. Einen einzigen Bekannten aus dieser Zeit, habe ich als fernen Begleiter meines Schreibens mitnehmen dürfen. Wir telefonieren heute noch ein paar Mal im Jahr, obwohl er mittlerweile sehr krank ist.

Es war kein Jahresverlauf, der mir Zuversicht gab. In mir war alles leer. Wenn die Liebe weg ist, fühlt man sich so. Da war ein Loch in der Herzgegend.

Ich schrieb längst keine Gedichte mehr. Von Verlagsseite erklärte man mir, es würden keine Gedichte mehr gelesen. Auch ein Roman ohne Leser macht wenig Sinn. Da bei mir ein gewisser Sprachpurismus herrscht, kann die heutige Leserschaft nur wenig Freude daran finden. Man hält mich für altmodisch.

Es ist mir ein Anliegen, diese althergebrachten Worte zu bewahren. Manchmal klingen sie sehr pathetisch, aber ich fühle mich darin.

Wird fortgesetzt…

Kleine Stadt am Sonntagmorgen

Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

Das Wetter ist recht gut geraten.
Der Kirchturm träumt vom lieben Gott.
Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten
und auch ein bisschen nach Kompott.

Am Sonntag darf man lange schlafen.
Die Gassen sind so gut wie leer.
Zwei alte Tanten, die sich trafen,
bestreiten rüstig den Verkehr.

Sie führen wieder mal die alten
Gespräche, denn das hält gesund.
Die Fenster gähnen sanft und halten
sich die Gardinen vor den Mund.

Der neue Herr Provisor lauert
auf sein gestärktes Oberhemd.
Er flucht, weil es so lange dauert.
Man merkt daran: Er ist hier fremd.

Er will den Gottesdienst besuchen,
denn das erheischt die Tradition.
Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen,
Pauline bringt das Hemd ja schon!

Die Stunden machen kleine Schritte
und heben ihre Füße kaum.
Die Langeweile macht Visite.
Die Tanten flüstern über Dritte.
Und drüben, auf des Marktes Mitte,
schnarcht leise der Kastanienbaum.

Erich Kästner (1899-1974)