Kalte Gedanken

Julius Sergius von Klever (1850-1924)
Es wird bald Nacht sein, Gott,
gib für die letzte Fahrt mir Licht.
Kalt bläst der Wind von Nord
und rötet mein Gesicht.

Es wird noch lang nicht tauen -
der Reif hängt an den Zweigen
und aus dem flachen Land
seh’ ich die Nebel steigen.

Zeig mir den Weg nach Haus,
halt an die Weltenuhren,
deck zu mit Sternenglanz
und Mondlicht meine Spuren.

Lass Kirchenglocken schlagen,
hör’ sie durch Eis und Schnee;
so Gott will, werd‘ ich’s tragen,
das Schwere, wenn ich geh.

Wird sein kein Steingebilde,
geschmücktes Grab und Trauer,
wer Wahrheit führt im Schilde,
der ist allein – auf Dauer.

So blind bin ich, vertraue,
tappe durch Finsternisse;
wie die Lebendigen glauben -
und nur die Toten wissen.

Aus deinen hohen Stämmen
wob Nacht nun graue Fäden,
der Schneeluft gilt kein Dämmen,
wenn lichte Flocken weben.

Gespenst der Nacht, jetzt weiche!
Unholde Wesen kriechen
um Schnee verwehte Eiche,
aus Wald und Mauernischen.

Muss dunkle Pfade gehen -
tritt mir auch Angst entgegen,
werd‘ starken Mutes sehen:
auch dort liegt Gottes Segen.

Flockentanz

So schwer fällt jeder Schritt auf weichem Grund,
versunken in den Schnee, der nächtens fiel,
der funkelnd in der frühen Morgenstund‘
auf schon verharschten Gründen fand sein Ziel.

Der Flocken Tanz im Nachtschein der Laternen,
die federleicht in Stille niedergehen,
scheint wie kristallner Glanz von fernen Sternen,
die sanft, vom Wind getragen und verwehen.

Schnee

Den Winter umarmen

Er kommt mit großen Schritten;
auf seinen Schultern, drückt die Schwere,
denn was er trägt,
kann nur sein kaltes Wesen tragen,
denn es zerrinnt in wärmevoller Atmosphäre.
Im Rausch des Windes hört man seine Klagen,
die Spuren, die er hinterlässt,
sind Tränen, die zu Schnee geworden.
In Sehnsucht nach Umarmung
darf er nur Kälte geben –
zwiespältig wie das Leben.

Frühlingssehnsucht

Eichen im Schnee – Eugen Bracht 1842-1921

Gar freudig ist das Schauen!
Verwandelt ist der Regen,
es liegt ein zarter Flaum
auf Puderzucker-Wegen.

 Der Vogelsang verklungen –
Schneestille fließt so weiß;
im Herzen wurd’ gesungen
von Frühlingssehnsucht leis.

Foto: Gisela Seidel

Es wird noch lange dauern,
bis die Natur erwacht
und vor den tristen Mauern
 die helle Sonne lacht.
 
Doch einmal wird er kommen,
der Lenz nach langer Nacht,
bringt das Gefühl der Wonnen,
das alle glücklich macht.

Winterfarbe

Bild von marcelkessler auf Pixabay
Das Wasser ist so trüb, so träg quält sich der Fluss,
und die Natur verdunkelt ihre Lebenslichter,
verstreut der tristen Winterstunden graues Muss,
treibt müdes Gähnen auf die Ruhezeit-Gesichter.

Der Boden, Höhlung durch des Wassers Kraft,
liegt hart und steinern unter weicher Fläche,
als eisig glitzernd in der Flocken Pracht,
der Frost anhielt der Fluten ew’ge Bäche.

In blasse Trauerfarben hüllt der Tag sich ein,
gefolgt von einer ewig langen Nacht,
die dunkel sich im Wintermondenschein
mit schwarzen Schatten kalt und endlos macht.

Schlittenfahrt

Früher kannten wir noch Winter,
und die Schneelast, die sich türmte;
waren wild verspielte Kinder,
die selbst draußen, wenn es stürmte,

rannten durch die dichten Flocken -
fuhren Schlitten, viele Stunden,
um in weißer Pracht zu hocken
und die Schneewelt zu erkunden.

Hügel rauf und wieder runter,
hei, die Luft war voll mit Lachen;
rot die Wangen und darunter,
unter unseren dicken Sachen,

die von Mutter fein gestrickten
Fäustlinge – sorgsam verbunden.
Wenn sie uns nach draußen schickte,
wär‘ sonst einer bald verschwunden.

Frierend gingen wir nach Hause,
weinend wärmten wir die Hände
nach durchnässter Schlitten-Sause,
doch der Schmerz schien nicht zu enden. 

Doch bereits nach Tagerwachen,
hinter Eis beblümten Scheiben, 
ließ das schneebeglückte Lachen
uns erneut ins Freie treiben. 

Schneeluft

Hell strahlt die Welt! Vom Weiß bedeckt,
glänzt freundlich kalter Himmelssegen.
Der Schnee, der hinterm Haus sich streckt,
liegt unberührt auf allen Wegen.

So zierlich wirkt des Vogels Tritt,
wenn er durchläuft die kalte Stätte;
bald knirschen Füße, Schritt für Schritt,
und reißen auf die weiße Decke.

Bizarr und blattlos stehn die Bäume -
die stets geduldig Schneelast tragen;
die kühle Luft weckt Frühlingsträume,
noch sind sie fern, die warmen Tage. 

Der Januar bringt Neujahresfrische,
die Welt hält still den Atem an,
bis alle winterleeren Tische
die Frühlingszeit bedecken kann. 

Sonnenaufgang

Bild von Wolfgang Dietz auf Pixabay
So kalt ist es heute Morgen,
so unbarmherzig der Wind!
Mit mir hinaus gehn die Sorgen,
die an meiner Seite sind.

Im Schnee verwehen die Pfade,
von anderen Menschen gegangen;
ich stapfe hinaus – alle Gnade
darf ich in der Schneeluft empfangen.

Die Welt ist erwacht und klirrend
sind die öden Straßen im Frost;
den Lärm des Verkehrs hör ich schwirren
und eisig weht es von Nordost. 

Nur ein kleiner Stern ist zu sehen,
der glitzernd am Himmel steht;
die kalten Stunden vergehen,
wenn die Sonne im Osten aufgeht. 

Kitt der Seele

Quelle: Pinterest
Kommt jetzt der Winter? Wo ist er geblieben?
Die Gier der Menschen hat ihn fortgetrieben!
Hier gibt es keinen Schneefall mehr,
nur warme Tage, klimaschwer.

Wo einstens früher Flocken tanzten,
Eisblumen sich auf Fenster pflanzten,
stieß Glaserkitt gefasstes Glas,
auf isoliertes Doppelglas. 

So abgegrenzt von der Natur,
verließ der Mensch gerahmte Spur,    
ist schöpfungsreich durch Wissenschaft,
Gott, der sie führt, den schafft sie ab. 

Lass doch den Schneefall wieder treiben!
Mein Opa flickte alle Scheiben
mit Fensterkitt in Ölpapier.
Sei DU der Kitt der Seele mir!