Die Nacht kommt und die Stimmen flüstern.
Hört niemand, wie die Seelen schreien?
Die Gegenwart verklärt den Blick im Düstern,
lässt Kopfsteinpflaster wie magnetisch sein.
Verbunden sind die Leiber der Verstreuten,
die nächtens angezogen auf die Suche gehen.
Verhallter Klang der Schritte – sie bereuten,
die falschen Zeichen noch am Tag zu sehen.
Sie suchen Hoffnung mit und in den Allen;
die wälzt sich schlaflos in vertaner Zeit.
Die immer noch der Illusion verfallen,
ziehen mit der Sehnsucht in die Dunkelheit.
Im Schein der Lichter glänzt das alte Pflaster,
das unter vielen Füßen schon begangen;
es trägt des Lebens Freud- und Leid-Desaster,
der Nächte ungestilltes Glücksverlangen.
Schlagwort: Verse
Gottvertrauen

Wie lieb spinnst Du so leise
von meines Lebens Glück,
so klug versprichst Du weise
mir glückliches Geschick.
Soll’n scheiden sich die Geister
aus der Vergangenheit,
stehst Du als Lebensmeister
mir zukünftig bereit.
Wirst meinen Weg begleiten,
trägst mich mit starker Hand;
Du wirst mich schützend leiten,
ins unbekannte Land.
Ich werde staunend schauen,
Dir danken im Gebet,
wenn altes Gottvertrauen
durch meine Seele geht.
Einsamkeit

Keine Stimme, die ruft,
kein Herz, dem ich fehle,
nur Einsamkeit, Stille,
durch die ich mich quäle –
aus der Ferne, der Klang der Motoren
und manchmal will sich die Ruhe
in meine Seele bohren.
Suche Beschäftigung,
die diesen Bann durchbricht,
doch wirklich finde ich sie nicht.
Kann mich nicht fügen,
nicht konzentrieren,
möcht‘ manchmal den Verstand verlieren.
Ich schau’ die Wände an –
es sind dieselben, die ich vor einer Stunde sah;
verwandeln möchte ich die gelben
in bunte, mit Punkten,
die ich dann zählen könnte,
um mich abzulenken,
vom Denken.
Paradox

Es wiegt so schwer,
so unheilig und schlimm,
dass es zwar untergeht im Sog der Zeit,
doch wie ein Steinwurf,
der an Wasserflächen reibt,
noch Kreise zieht,
wenn er zum Abgrund treibt.
Selbst längst versunken
auf den tiefen Grund,
zittert die Schwingung immer noch im Raum;
um kreisend die Bewegung aufzubauen,
die nach Beschränkung ihres bösen Sinns,
mit starker Kraft dem Übel Einlass bot.
Ein tiefes Paradoxon steht im Raum.
Verwerflich scheint zunächst sein Gastgeschenk:
Böses treibt Mensch, bis er zum Guten lenkt.
Anlehnung an den Satz „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Er stammt aus Goethes Faust und wird von Mephisto gesprochen.
Mephisto, der Teufel, will zwar das Böse bewirken, doch seine Handlungen führen oft unbeabsichtigt zum Guten. Das bedeutet, dass negative oder destruktive Kräfte im Leben manchmal positive Veränderungen bewirken können. In diesem Kontext wird gezeigt, dass selbst das, was als böse oder schädlich gedacht ist, am Ende zum Guten beitragen kann – etwa durch das Auslösen von Bewegung, Entwicklung oder Erkenntnis.
Am Wege

Die alte Weide treibt in ihren Ruten
die neuen Blätter, himmelwärts, zum Licht.
Sie spiegelt sich verzerrt in ruhigen Fluten
des Baches Lauf und fließend Angesicht.
Die hellen Birken nässen ihre Zweige
im Morgentau und wiegen sanft im Wind;
bald stehn sie da, in neuem Frühlingskleide,
die Krone tragend, weil sie Königinnen sind.
Die Bäume öffnen sehnsuchtsvoll die Lüster -
ein rechter Ort zum nächsten Nesterbau.
Ein Rascheln – heimlich geht ein Flüstern
durch alle Welt von Baum und Wiesentau.
Der erste Löwenzahn ist gelb erblühet,
mit weißen Gänseblümchen ringsumher,
die Vögel sind in aller Herrgottsfrühe
dem blauen Himmel nah, im Sonnenmeer.
Im Frühlicht möcht‘ ich stehen bei den Bäumen,
und Deinen heiligen Atem spüren.
Fühl‘ Dich in jedem Lächeln, jedem Träumen;
auf allen Wegen wirst Du mich berühren.
Ursprung
Ich wandre durch die Welten,
bewusstseinsblind geboren,
kenn nicht den Weg.
Mit vielen Steinen ist er dicht belegt,
es freut und schmerzt zugleich,
ihn zu durchschreiten.
Niemand geht leichten Fußes,
ohne Leiden.
Nur eine Ahnung wacht;
in mir, ein Urvertrauen.
Das Blut in meinen Adern ist ein Fluss,
der altes Wissen in sich trägt
und einen Geist, der Wahrheit finden muss.
Durch alle Zeitenflüsse treibt sie ihn,
denn alle Lebensgeister sind aus ihm.
Ob Moses Volk einst auszog
aus dem Land der Pharaonen,
durch Sturmesfluten und durch
Wüstenschwere,
nun trägt auch mich
die gotterfüllte Lehre.
Gefahren trotzend geht mein Blick nach oben,
wo ich, von Sonnenhand erhoben,
bestaun den Bogen, bunt, wie ein Kristall.
Wann immer ich ihn sehe, ist er Kompass mir.
Mein Ziel erreichen, will ich, dort und hier.
Was Mensch aus Gott gemacht,
in Kirchen und Gedanken,
Es ist nur ein falsches Bild.
Es wird vergehen,
wie die Gewohnheit irdischer Belange,
ganz ohne Rasse, Nationalität,
im lichten Land befreit sein wird, verweht.
Wo sich die Seelen finden,
körperlos und fern der Zeitenflüsse,
wo Gut und Böse sich zur Harmonie verbinden,
da ist mein Ursprung, möcht' ihn wiederfinden!
Fröhliche Ostern
von Kurt Tucholsky

Da seht aufs Neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase gackert wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.
Und auch der Mensch reckt froh bewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchen: eins, zwei und drei ...
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!
Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins Pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.
Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie's gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!
Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei – wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innere Gleichgewicht.
Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei -
und kurz und gut: Verderbt euch nicht den Magen!
Vergnügtes Fest! Vergnügtes Osterei!

Golgatha

Stille trägt die Last des Tages
und des einstigen Geschehens;
Sein Ermatten und Gemahntes
wird durch die Geschichte gehn.
Hat den bitteren Kelch getrunken,
sah sie kommen, diese Nacht;
sah die Mutter, die gesunken,
vor dem Kreuz, das Leiden macht.
Tod, der Wartende am Hügel,
mit gesenktem Blick davor,
hielt geduldig seine Zügel,
doch dann trieb sein Ross empor.
Aus der blut’gen Dornenkrone
trieben plötzlich weiße Rosen;
und man nahm Ihn aus der Mitte
seinen Leib, den regungslosen.
Will im tiefsten Deingedenken
jedes Leid auf Erden sehen;
will den Blick zum Himmel lenken
und glaub‘ an Dein Auferstehen.
Ich mag

Ich mag in der Vergangenheit wühlen –
habe so manche Träne vergossen.
Die bunten Eier …, spür‘ alte Gefühle;
hab sie tief im Herzen verschlossen.
Ich tue so, als wären ALLE bei mir,
denn nur, weil SIE lebten, bin ich hier.
Ich mag Kamine mit rauchenden Schwaden,
wie auf dem Kinderbild, wo sie nicht schaden,
auf Dächern vertrauter Häuser, darin
Menschen und deren Eigensinn;
Gesichter, die verändert in Jahren,
Falten, wie Jahresringe tragen.
Ich mag rote Ziegel, die sich dunkler verfärben,
wenn der Regen sie nässt und mein Leben auf Erden.
Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt
Behaglichkeit und Wärme versprüht.
Ich mag Vögel, wie sie fliegen, dort oben,
jeden Flügelschlag und ihr Singen und Toben;
wenn sie Platz für neue Nester finden,
und dort kunstvoll Zweig mit Zweig verbinden.
Ich mag, wie in der Kindheit, auf dem Dörpel sitzen,
mit dem Tretroller über die Straßen flitzen,
Lakritz-Wasser trinken, Glanzbilder betrachten,
die Zigarrendose, in der sie Jahre verbrachten,
die Unbeschwertheit weniger Tage genießen
und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.
Ich mag Erinnerungen an unseren Garten,
wo bunte Eier auf Entdeckung warteten.
Wo Osterfeuer der Freude dienten und dem Brauch,
und das innere Kind, wenn es lacht, mag ich auch!

Geborgenheit

Die Blütezeit nimmt ihren zarten Lauf,
und Gänseblümchen seh’ ich auf dem Wege blühn,
Insekten voller Leben, Löwenzahn zuhauf,
und Opa seh’ ich lächelnd vor dem Garten stehn,
wie er von Oma rationierte Stumpen raucht.
Ich seh’ den grauen Qualm, wie er verweht,
wie der Moment, der war und zeitverbraucht
in mir als Bild erneuernd aufersteht.
Spüre Geborgenheit, die Blicke treffen sich
und ein Gefühl von Wärme zeigt Gesicht.
Ich nehm’ es mit, soweit es trägt in sich,
den Hauch „Zuhause“ jetzt und ewiglich.
