Besteht die Welt denn nur aus Lügen?

Märchen von Hans Christian Andersen – Des Kaisers neue Kleider

Es lügen Große mit den Kleinen
und lassen sich für Geld verbiegen,
um Macht zu halten, zu verneinen,
dass manche Menschen besser lügen.

Sie trotzen, golfen oder wüten,
wo‘s doch vorbei, und unbegründet
und zeigen ihrer Unschuld Güte,
obwohl ihr Heil’genschein verschwindet.

Noch leben sie auf großem Fuße,
schleichen mit finsterem Gesicht.
Ihr Größenwahn wird längst zum Fluche,
doch die Fassade bröckelt nicht.

In ‚Kaisers neuen Kleidern‘ stehend,
leugnet man seinen Niedergang,
damit manch Dummer, Spenden gebend,
noch schmeichelnd ‚Jacke ziehen‘ kann.

Des Lügners Nacktheit sieht ein Jeder,
die ganze Welt schaut auf sein Toben.
Lügt er nun weiter oder geht er?
Brillen dem Volk und Hirn von Oben!

Schicksale

William Adolphe Bouguereau 1825 – 1905

Ich begleitete im Jahre 2003 eine vom Tod ihres 15 jährigen Sohnes psychisch sehr angeschlagene Frau nach Kassel, damit sie dort an einem von Psychologinnen begleiteten Familienstellen nach Bernd Hellinger teilnehmen konnte. Dort wurden 15 Menschen behandelt. Ich wollte nur Begleitung sein und mich dort nicht aufstellen lassen. Letztendlich überredete man mich doch. Ich übernahm die Rolle von Juden, die zur Zeit des Holocaust im KZ umgebracht worden sind.

Damals habe ich es nicht für möglich gehalten, dass man in die Rolle eines anderen Menschen schlüpfen kann, und dessen Empfindungen wahrnimmt.

Der Mann, der sich behandeln ließ, bekam regelmäßig derartige Wutausbrüche, dass er zu Hause alle Möbel kurz und klein schlug. Er war ca. 40 Jahre alt. Er belastete sich unbewusst mit der Schuld seines Vaters, der im Krieg die Juden mit seinem LKW zum Bahnhof zur Deportation gebracht hatte und fragte sich, wieso er lebte und diese Menschen nicht. Das kam erst im Laufe der Therapie zu Tage.

Im Laufe des Familienstellens kam er dann auf mich zu, berührte mich an der Schulter und entschuldigte sich für das Tun seines Vaters. In diesem Moment habe ich zig Emotionen gleichzeitig gespürt: Wut, Angst und Verzweiflung. Es folgte eine nicht enden wollende Trauer, die sich in Weinkrämpfen bei mir bemerkbar machte. So sehr die Therapeutinnen auch versuchten, mich zu beruhigen, es gelang ihnen nicht. Die Sitzung wurde abgebrochen, aber mein Weinen hörte erst auf, als der Patient mehrfach um Verzeihung bat. Dann erst konnte ich damals die Rolle verlassen, doch sie verfolgt mich heute noch. Damals schrieb ich dieses Gedicht:

Wenn wir zusammensinken durch des Lebens Last,
den Himmel und die Sonne nicht mehr finden,
weil dunkler Schatten unser Herz erfasst
und unsre Seele schreit aus Höllengründen.
 
Wenn unser Kreuz zu groß wird, das wir tragen,
wir nur noch haltlos, schwankend weiterziehn,
bis wir in einsam dunklen Tagen
in keiner unserer Taten Zukunft sehn.
 
Wenn die Vergangenheit uns hält mit Klammerhänden,
belastet durch das Schicksal unsrer Ahnen;
wenn wir verzweifelt uns an die Verstorbnen wenden,
dann wird der Himmel uns zur Vorsicht mahnen.
 
Die Toten sind befreit von allen Bürden,
sie hatten ihre eigne Lebenslast zu tragen.
Ob sie die unsre helfend mindern würden,
das sollte man, dies würdigend, erfragen.
 
Zur Hilfe wird man viele gute Seelen finden,
aber auch solche, die noch sehr am Erdendasein haften;
die sich bei Aufruf fest an deine Aura binden,
dich dort verbleibend, negativ umnachten.
 
Drum lass im Dunkeln, was im Dunkel war verborgen,
habe Respekt vor Allem was einmal gewesen,
denn eine andere Macht wird für Beleuchtung sorgen,
und finstre Seelenflecken der Familie lösen.

Winterträume

Iwan Iwanowitsch Schischkin (1832-1898) – Winter

Ach, wie war es eine Freude,
wenn wir morgens aufgewacht;

wenn das Eis am Fensterkleide
Blumen pflanzte über Nacht,

fielen sanfte Winterträume
flockendicht auf den Asphalt,

lag der Schnee auf allen Bäumen,
deckte Böden, Tal und Wald,

haftend auf des Weges Strecke;
Flocken trieben himmelsfern.

Hell erstrahlt die Straßendecke,
leuchtet, wie ein lichter Stern.

Unter’m Glanze der Laternen
streut die weiße Glitzermacht

flatterhafte Funkelsterne
flockenprächtig in die Nacht.

Hell erleuchtet sind die Fenster,
wo die Menschen stehn und schaun.

denn das kalte Wintertreiben
deckt längst Weg und Apfelbaum.

Ach, es sind nur Kindheitsträume.
Hier schneit es schon lang nicht mehr.

Und die letzten Apfelbäume…
ach, wie lang ist das schon her.

Ur-ewige Liebe

Quelle: Wikipedia

Urew’ge Liebe, Anfang und Vollendung,
Ursprung und Ziel! An jeder Wegeswendung
rückschauend halt ich Rast, um mich zu laben,
und auf den Spuren, die mein Fuß gegraben,
geht das Erinnern meinen Weg zurück…

Und aus den Stapfen, die entgegenkommen,
steigt Bild um Bild. – Du hat sie mir genommen,
weil sich mein Herz, das allzu leicht verschenkte,
ans Bild verlor. Doch immer wieder drängte
mein hoffend Herz zu nie erfülltem Glück. –

Wie ein Verbannter zog ich einst die Straßen,
als ein Verkannter litt ich ohne Maßen.
Nur Halbheit war mir, wo ich Ew’ges meinte,
bis sich mir Bild um Bild in Dir vereinte.
Von Deinem Glanz ist jedes nur ein Stück!

Urew’ge Liebe, Vater aller Wesen,
Dein Siegel steht auf jeder Stirn zu lesen,
Dein Glanz strahlt mir aus allen Augen wider,
Dein Segen strömt als Licht zur Erde nieder.

Eh ich Dich suchte, bist Du mir begegnet,
eh ich mich sehnte, hast Du mich gesegnet!

<Ephides>

Tropfen

Wasserperlen kleben auf der Scheibe –
unaufhörlich wie der Regen rinnt.
Tropfen, schillernd im kristallnen Kleide,
fließen ineinander mit dem Wind.

Wie die Tropfen waren wir verbunden,
spürten uns bei Tag, im stillen Traum.
Nun ist alles, was uns band verschwunden,
keine Liebe füllt den toten Raum.

Kalt und leer hast du dich selbst beschrieben,
denn dein Lebenskrug brach jäh entzwei.
Nichts als Wehmut ist zurück geblieben,
und der Regen klopft den Takt dabei.

Alle Wärme wurde mir genommen,
spür‘ nur Kälte statt Geborgenheit.
Wird die Sonne nach dem Regen kommen,
oder gar ein neuer Winter vor der Zeit?

Werden und Vergehen

Grabstein auf dem Melatenfriedhof in Köln. Foto: Gisela Seidel

Es ist ein ewig Auf und Ab,
ein Werden und Vergehen.

Die Erde ist ein großes Grab,
die Zeit nur ein Geschehen.

Wie Blätter fallen sie vom Baum,
die vielen Todgeweihten.

Die Lebenszeit bleibt nur ein Traum
von Hoffnung in den Zeiten.

Du schöne Welt, du süßer Klang,
bald muss ich Abschied nehmen.

Bin wie die Vielen, müd und bang,
vom Dasein wund gelegen.

Und bettet mich der Sonne Strahl
in neue Frühlingsfülle,

so wandle ich ein weit’res Mal
auf dieser Erdenhülle.

Verklärtes Lied, im letzten Klang
dem Himmelsglanz zu singen;

der alten Töne neuer Sang,
Vollendung und Beginnen.

Fern von dir

Maximilian Pirner 1854-1924

Du bleibst die größte Liebe meines Lebens,
verblasst ist nur der öde, äußre Schein;
er trug den Glanz des Wollens, nicht des Gebens;
die falschen Hoffnungsschimmer trübten ein.
 
Du warst die Andacht, ich der Wahrheitsfinder,
der sich im Nebel stets im Kreise dreht.
Um dich der Hauch der Reinheit; Seelenbinder
warst du, den ich mir einst von Gott erfleht.
 
Die Trauer ist der dunkle Dieb des Lichtes,
sie nahm mein Innen – ich versink in ihr.
Tief auf dem Todesgrund in mir gebricht es.
Was wärmend dich und mich einst band, gefriert.
 
Ich schüttle ab die schweren Kälteschauer,
doch greift die kalte Hand erneut nach mir.
Sie reißt mich mit, ich treib in hoffnungsloser, grauer
Vergessenheit. Nichts führt zurück zu dir.
 
Wie soll ich deine Augen je vergessen?
Wenn ich hineinsah, fühlte ich das Glück!
Die Sehnsucht hat mein krankes Herz zerfressen.
Kein weher Wunschgedanke bringt dich je zurück.
 
Auch, wenn ich des Vermissens stille Qualen
noch immer leide…mehr, mit jedem Tag,
muss ich auf schwarzer Leinwand fremde Bilder malen,
weil ich das Bild von dir nie wieder denken mag.
 
Wenn ich es denke, bricht mir dein „nicht Wollen“
mein Herz in stiller Seelenqual. Du fehlst!
Das neue Jahr begann mit Donnergrollen.
Wird es mir Tage bringen, die du nicht beseelst?!
 
Mein Alles warst du – ich war nur die Schwere,
die Last, die auf dir lag und die dich bitter machte.
Du wolltest Ruhe, tauschtest Liebe ein, in Leere.
Wortlos gingst du! Ob es dir Frieden brachte?
 
Ich gab die Hoffnung auf – sie starb und doch…
sitz’ manchmal ich am Fenster, schau hinaus.
Gleich kommt er um die Ecke, denk‘ ich noch,
dann seh‘ ich dich im Geiste: meine Maus.
 
Kurz streichle in Gedanken ich dein Haar,
fühl dein Gesicht für einen Augenblick.
Doch schon beim nächsten Wimpernschlag ist klar:
Es war nur Illusion…und doch mein ganzes Glück.

Wertlos

Caspar David Friedrich 1774-1840

Wertlos sind heut manche Sachen,
die mir einmal wichtig waren.
Und nach vielen, langen Jahren
kann ich nun darüber lachen.

Menschen, Werte, Liebe, Leiden,
sie vergeh’n im Strom der Zeit.
Hat sie uns vom Trug befreit,
bringt sie lächelnd späte Freuden.

Gerade noch gestreichelt, später
ist’s die Andre. Wie verlogen
wird so manches Herz betrogen!
Der Geliebte wird zum Täter.

Was uns glänzend blendet, stumpft,
Liebe ist ein Wort – nicht mehr!
Hier auf Erden fehlt uns sehr,
was in höchsten Himmeln trumpft.

Es ist gut, dass manches endet!
Liebe trübt so oft die Sicht,
und bei hellem Tageslicht
wird der schöne Schein gewendet.

Wir verlieren unsre Träume,
deren Wahrheit wir erwarten,
denn im großen Liebesgarten
wachsen viel zu hohe Bäume.

Licht sein

Jesus heilt eine blutflüssige Frau – 4. Jahrhundert Katakombe Petrus Marcellinus Rom

Was wir ersehnt, erstrebt, erhofft,
es treibt wie altes Holz im Strom des Lebens,
wir träumen manchen Lebenstraum vergebens
und widmen unser Herz dem Falschen oft.
Zurück bleibt nur die lichte Liebe, die wir schenkten.
Oft ist sie nur ein Funke, mal ein helles Denken,
das in uns Sonne wird, die durch uns scheint,
und wenn sie Irdisches mit Himmlischem vereint,
dann geht ein stilles Leuchten durch den Raum
und flüchtig küssen wir den Saum
Seines Gewandes.

Vergangenheit

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist david-caspar-friedrich-frau-vor-sonne.jpg
Caspar David Friedrich 1774-1840

Gewesen ist, was längst vorbei,
doch liegt Vergangnes in den Zellen,
schäumt die Erinnerung dabei
sich manchmal auf zu Sturmeswellen.
 
Hast du verdrängt die alten Lasten,
so stecken sie doch tief in dir;
du willst zu neuen Dingen hasten,
blockierst dir selbst die offne Tür.
 
Will die Erfahrung dunkel trüben
die wahre Sicht, die gar nicht schlecht,
lässt dich dein Zweifeln unterliegen –
wird der Vergangenheit gerecht.
 
Die Zeit hüllt den Vergessensschleier
um alle Dinge, die geschehn,
denk‘ an den Morgen, werde freier,
dann wirst du bald die Sonne sehn.