Tagesanbruch

Stille ruht noch in der Stadt.
Schlaf hängt an den Fensterscheiben.
Alles, was einst dunkle Nacht,
wird nun sanft ins Helle gleiten.

So vergehen Tageszeiten.
Viele werden sie erleben,
andre beim Hinübergleiten
in die andre Welt entschweben.

Friedlich schleichen die Sekunden.
Dankbar blick ich in die Ferne.
Grüß den Sonnenball, den runden,
grüß auch Mond und alle Sterne.

Tag, ich heiße dich willkommen!
Und die alte Uhr tickt leise.
Was du bringst und was genommen,
segne ich auf gleiche Weise.

In Windes Eile

Bild von Comfreak auf Pixabay

Hörst du den Klang der Welt vorüberziehen?

Der Wind trägt ihn auf kühlen Schwingen,
hebt hoch den Frohsinn und das Singen,

im Auf und Ab des Flügelschlags.
Trägt auch den Hilfeschrei des Tags,

und nachts des tausendfachen Sterbens!
Im Wind singt uns die Stimme des Verderbens,

die Angst vor Krankheit, Hunger, Armut auf den Flügeln.
Unbändig, rastlos lehrt er uns zu zügeln,

Begehrlichkeiten dieses Weltgeschehens.
Zeigt auf die bittren Quellen des Entstehens,

die auch die Quelle allen Leidens ist.
Frevel zu lindern, das ist Lebenspflicht!

Sehnsucht und Einsicht

Élisabeth-Louise Vigée-Lebrun (1755-1842)

Lang lag ich wach in abendlicher Stunde,
mein Körper müd, jedoch gedankenhell.
Wird es bald Nacht? Ersehnte Traumsekunde!
Wie ging mein Tagesablauf gar so schnell?

Der frühe Morgen, dem ich einst entstiegen,
ist schon durchlebt. Bin nicht bereit zu scheiden!
Seh‘ die Vergangenheit Revue passieren
auf bunten Wiesen, meiner Kindheit Weiden.

Da lockte neue Sehnsucht mit Erfüllung,
der Geist ließ meine Seele tanzend heben;
des Lebens Suche nach stets neuer Stillung
ließ manches Abenteuer mich erleben.

Ich sah mich selbst, die Hände streckend
nach manchem Glanz, der keiner war.
Zerstörend, seh‘ ich müd mich recken,
das greifend, was sich mir versagte.

Bedenkenlos war’n viele meiner Stunden,
die ich an manchem Tag durchlebte.
So ist Vergangenes mit ihm verschwunden,
was bleibt: das von mir selbst Gesäte.

Blüten

Hieronymus Galle der Ältere (1625-1679)

So, wie ein Blumenstrauß, so ist das Leben,
der prachtvoll zeigt sich in den schönsten Farben.

Er hat den Sinnen reiches Glück gegeben
und niemand sieht der Blüten stilles Darben.

Schon abgeschnitten von der Lichtflut ist die Hülle,
bis sie tagtäglich sich zu Tode blüht,

die Stiele streckend, hingelenkt zur Fülle,
dem Himmel zugewandt, wenn sie vergeht.

Erst ist das Leben wie ein zarter Trieb,
doch Blüten unsres Lebensbaumes fallen.

Welch‘ Antwort, die das Leben schuldig blieb?
Wir blüh’n für andre. Geben heißt: für alle!

Die Zeit von gestern

Die alte Zeit ist fort. Mit ihr Generationen.
Auf Sand des Einst ist unsre Welt gebaut,
als winziges Atom, das schlummert in Ionen.
Ihr Bild, verklärt, nur Abbild, mild ergraut.

Verklärte Zeit! Was ist von dir geblieben,
wenn das Gedenken manche Wahrheit schönt?
Wie war dein Früher? Ist es übertrieben…
ist es ein falsches Bild von dir, das uns verhöhnt?

Der Sand der Gegenwart lässt Schritte schwanken.
Mein Blick mag ungern manche Wahrheit schauen.
So manche Nacht gefüllt mit Taggedanken,
die kreisten bis zum nächsten Morgengrauen.

An Fetzen der Vergangenheit zu kleben,
fest in sich tragend altes Zeitgeschehen;
ringen nach Luft im Wellentanz des Lebens,
im Auf und Ab, wie Treibholz und vergehen.

Webe und erwache

Wie Goldfäden weben,
ist das Freudegeben,
des auf Erden ohnegleichen
beglückenden Wortes.
 
Wie ein Singen aus Sphären,
von himmlischen Chören,
in klanglosen Räumen,
aus Dornröschenträumen,
weckt die Stimme des Alls.
 
Wie die Schatten entfliehen,
flieht die Zeit. – Nur geliehen
sind der Menschheit Tage.
Wandle Leiden und Plage
auf den ewigen Stufen.
 
Reich dem Guten die Hände,
eil‘ entgegen der Wende.
Lass dich treiben vom Schönen
in Gedanken und Tönen,
bei dem Einen verbleibe.

Ich mag…

Schneewittchen und die sieben Zwerge – meine Kindergarten-Zeichnung 1957

Ich mag in der Vergangenheit wühlen,
habe so manche Träne vergossen.
Ich dekoriere Eier, spür‘ alte Gefühle;
hab sie tief in meinem Herzen verschlossen.
Ich tue so, als wären ALLE bei mir.
Denn nur, weil IHR gelebt, bin ich hier!

Ich mag Kamine, die rauchen…wie auf meinen Kinderbildern.
Häuser, in denen vertraute Menschen wohnen und Gewohnheit,
die, wie gewachsen an Jahren, Ringe wie in Stämmen tragen.

Ich mag rote Ziegelstein-Dächer, die bei Regen dunkler werden,
dort, die vielen kleinen Schlote, für das Rauchige auf Erden,
Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt Behaglichkeit versprüht.

Ich mag, wenn Vögel in den Rinnen Regenwasser trinken,
auf den Dächern landen und zurück in hohe Bäume fliegen,
wo in den Gärten ihre Nester liegen und sie kunstvoll Zweig am Zweig
verbinden.

Ich mag, wie in der Kindheit auf der steinernen Treppe sitzen,
Lakritz-Wasser trinken und Glanzbilder in Opas Zigarrendose betrachten,
die Unbeschwertheit weniger Tage genießen und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.

Ich mag die ferne Zeit in unserem Garten,
wo Ostereier noch mancherorts lagen.
Als ich zum jährlichen Osterfest unter den Sträuchern fand so manches Nest.

Ostern 1957 – Foto: Almuth Köhler

Dort, wo die Osterfeuer nicht verboten, sondern der Freude dienen und dem Brauch.
Wo uns niemand am Menschsein hindert, das eigentlich gut war, als wir erschaffen,
das mag ich auch!

Erwachen

Foto: Gisela Seidel

Der Vollmond schimmert silbrig in mein Zimmer.
Es ist noch morgenfrisch; langsam vergeht die Nacht.
Um vier Uhr öffne ich die Außentür, wie immer.
Die Katzen haben schlaflos neben mir gewacht.

Foto: Gisela Seidel

Sie brachten ihre liebsten Spiel-Geschenke,
damit ich mich aus meinem Bett erhebe.
Nun sind sie draußen, und ich denke,
es ist noch früh. Wenn ich nur wieder läge!

Foto: Gisela Seidel

Ich schneide Fleisch, zur morgendlichen Stunde,
bringe das Katzenfutter, nass und trocken,
hol frisches Wasser, stell es in die Runde,
säuber‘ ihr Klo. Mein Bett mag mich noch locken.

Foto: Gisela Seidel

Die beiden Katzen haben sich nach einer Weile
längst ausgetobt und liegen faul wie Sofakissen.
Ich blick betreten, müd und schreibe diese Zeile:
Nun bin ich wach. Ich hätt‘ es wissen müssen!

Foto: Gisela Seidel
Foto: Gisela Seidel

Fahrt ins Blaue

Und manchmal,
wenn sich die Sonne neigt,
mit gedämpftem Licht
hinter die Dächer steigt,
ja, manchmal
bin ich der Einsamkeit müde,
mit der ich so lange verwoben,
und ich bitte Gott, dass er mich trüge
von hier unten zu sich nach oben.

Doch manchmal,
erwache ich morgens und strecke
mich gierig aus nach dem Leben,
will Neues und noch vieles mehr –
hab’ keine Zeit zu vergeben.

Und manches Mal denk ich,
so lang ist mein Weg,
den ich mich zu gehen getraue,
so allein, voller Neugier und unentwegt –
geht meine Fahrt ins Blaue.