Ich mag

Schneewittchen und die sieben Zwerge – gemalt von mir im Kindergarten 1957
Ich mag in der Vergangenheit wühlen –
habe so manche Träne vergossen.
Die bunten Eier …, spür‘ alte Gefühle;
hab sie tief im Herzen verschlossen.
Ich tue so, als wären ALLE bei mir,
denn nur, weil SIE lebten, bin ich hier.

Ich mag Kamine mit rauchenden Schwaden,
wie auf dem Kinderbild, wo sie nicht schaden,
auf Dächern vertrauter Häuser, darin
Menschen und deren Eigensinn;
Gesichter, die verändert in Jahren,
Falten, wie Jahresringe tragen.

Ich mag rote Ziegel, die sich dunkler verfärben,
wenn der Regen sie nässt und mein Leben auf Erden.
Kaminfeuer, das in Haus und Gemüt
Behaglichkeit und Wärme versprüht.

Ich mag Vögel, wie sie fliegen, dort oben,
jeden Flügelschlag und ihr Singen und Toben;
wenn sie Platz für neue Nester finden,
und dort kunstvoll Zweig mit Zweig verbinden.

Ich mag, wie in der Kindheit, auf dem Dörpel sitzen,
mit dem Tretroller über die Straßen flitzen,
Lakritz-Wasser trinken, Glanzbilder betrachten,
die Zigarrendose, in der sie Jahre verbrachten,
die Unbeschwertheit weniger Tage genießen
und abends mit Grießbrei den Abend beschließen.

Ich mag Erinnerungen an unseren Garten,
wo bunte Eier auf Entdeckung warteten.
Wo Osterfeuer der Freude dienten und dem Brauch,
und das innere Kind, wenn es lacht, mag ich auch!

Geborgenheit

Foto privat, mein Opa und ich.
Die Blütezeit nimmt ihren zarten Lauf,
und Gänseblümchen seh’ ich auf dem Wege blühn,
Insekten voller Leben, Löwenzahn zuhauf,
und Opa seh’ ich lächelnd vor dem Garten stehn,

wie er von Oma rationierte Stumpen raucht.
Ich seh’ den grauen Qualm, wie er verweht,
wie der Moment, der war und zeitverbraucht
in mir als Bild erneuernd aufersteht.

Spüre Geborgenheit, die Blicke treffen sich
und ein Gefühl von Wärme zeigt Gesicht.
Ich nehm’ es mit, soweit es trägt in sich,
den Hauch „Zuhause“ jetzt und ewiglich.
Foto privat: Oma und Opa in ihrem Garten 1956

Fernes Leuchten

Oft kreisen die Gedanken wie Planeten, 
um einen Mittelpunkt, erstrahlt im Licht;
manchmal lässt uns der Geist um Wahrheit beten,
denn wir erkennen Gut und Böse nicht.

Der Kosmos weit, der Geist in uns so klein,
und jeder Stern ist seine eigne Welt –
vielleicht mag sein Gesicht nur Schein noch sein,
aus einer Zeit, die lange nicht mehr zählt.

Doch wenn die Nacht uns still ins Staunen senkt,
vergessen wir doch meist in heller Welt,
dass uns das All sein fernes Leuchten schenkt,
weil unser Sinn auf andere Dinge fällt.

Im Frühling werden zarte Knospen sprießen,
als ob sie neu geboren sind;
unzählig wird sich Blütenpracht ergießen
und kurz gelebt, verwehen mit dem Wind.

Auch diese Zeit verweht.
Ihr folgen, die einst neu geboren.
Sie blühen und vergehen;
der Kosmos ist so groß und wir in ihm verloren –
wir können nur den kleinen Teil verstehen,

der sichtbar ist und unseren Blick erhellt,
nicht was im Dunkeln liegt und außer Sicht.
Gerüstet ist die Schöpfung dieser Welt
und die Natur im hellen Frühjahrslicht.

Taktlos

Arche Noah – Quelle: Pinterest
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende,
verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen;
sucht, dass er seine Buntheit wiederfände,
wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.

Wo Farbenspiele spannend unter Bläue,
sich zeigen in des Regenbogens Pracht,
des Schöpfers Segen alle Saat erneuere,
die Welt verschone vor der Bombenmacht.

Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen,
wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg.
Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen,
von denen allen Ländern böses blüht.

Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen
mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl.
Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen:
„Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*

*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe

Ein anderer Zeitgeist

Zeichnung von Ludwig Richter (1803-1884)
Es gab eine Zeit, es ist noch nicht lange her,
da hatten die Leute 15 Kinder und mehr.
Ganz ohne Kindergeld – das gab’s noch nicht,
12 Stunden Arbeit waren Tagespflicht,
und Schulgeld zahlten sie für jedes Kind,
Lehrgeld für die, die in Ausbildung sind.

Die Straße gehörte den Kindern zum Spiel,
und wenn eines von ihnen in den Schotter fiel,
dann sorgten sich Eltern wenig um sie,
sondern nur ums Loch in der Hose am Knie.
Da piepte kein Handy, man maß Liebe, nicht Likes.
Es gab simple Fahrräder, keine Mountainbikes;
auch mal Langeweile und Stille daheim,
wenn es draußen dunkelte, musste man rein.

Man folgte den Eltern mit Respekt.
Die Alten wurden nicht ins Heim gesteckt,
und sollte man alleine sein, vom Leben müde gemacht,
dann hat die Caritas Hilfe, nur für Gotteslohn gebracht.
Den Dienst an Kranken leisteten die Frauen,
ein Arzt kam ins Haus, um nach Kranken zu schauen.
Niemand musste mit Fieber im Warteraum sitzen,
um stundenlang Blut und Wasser zu schwitzen.

Arbeiter konnten sich Autos nicht leisten,
ein Telefon bekamen längst nicht die meisten;
auch wenn die Arbeit fern war, fuhr man Rad.
Ein Moped war ein Traum, wie jede Fahrt.
Oft lief man Kilometer, stundenlang;
es fuhr nicht überall die elektrische Straßenbahn.
Die Welt war riesengroß und jeder Schritt
und jeder Gang ein Stück vom Lebensglück.

Man nutzte jeden Tag schon früh, daheim.
Arbeit war immer, Freizeit „schrieb man klein“.
Man nähte, kochte, strickte noch per Hand;
bevor man Waschmaschinenkraft erfand,
mühte man sich den lieben, langen Tag
mit Waschen, Trocknen und Bügeln ab.
Staubsauger waren noch unbekannt,
Teppiche wurden geklopft, bis man sie staubfrei fand.
Die Frauen verbrachten ihr Leben daheim,
mussten dem Ehemann untertan sein.
Geld und Auskommen hat er gebracht;
das Sagen behielt er und häusliche Macht.

Handwerker war jeder Mann im Haus;
man teerte Dächer, baute die Zimmer aus,
man legte angstfrei die Elektrik unter Putz,
geerdet war nichts, vor dem Schlag fehlte Schutz;
mit Kitt setzte man Fensterscheiben ein,
und kaufte Kohleöfen für ein warmes Heim.
In Aschetonnen, wöchentlich abgefahren,
gab es weder Papier noch Plastikwaren.
Man düngte den Garten mit Biomüll,
aus stinkenden Kuhlen, inmitten des Garten-Idylls.
Auch das Plumpsklo wurde jährlich geleert,
auf die Beete gekippt, als Dünger verwertet.

Kaninchen hockten in kargen Ställen,
ließen sich mästen, bis zum Schlachten quälen.
Nicht ein einziges Mal fühlten sie Boden und Licht,
nur den Schlag in den Nacken, der am Ende sie bricht.

Es gab Brote mit Butter, darauf Zucker gestreut,
nur selten Fleisch; sonntags war Bratenzeit.
Schmalhans war Küchenmeister im Revier,
nur sonntags kaufte man manchmal ein Bier.
Abends gab es das Fernsehen nicht,
nur eine Stimme, die aus dem Radio spricht.

Heut‘ ist alles anders, der Wandel Magie,
ein Zeitgeist, der flüstert: Nimm’s leicht, c’est la vie.

Schuld und Sühne

Kain und Abel – Gustav Jäger (1808-1871)
Wer waren wir, als wir vor Anfangsjahren
die Wildnis teilten, jung und unerfahren,
an Orten weilten, wo sich Energien entluden,
die unter sich den Lebensgeist begruben,
wo Menschen einst trotz täglicher Gefahren
des Drangsals unerschrocken waren?

Im Blätterrauschen meines Lebensbaums
fühl’ ich mich männlich in so manchem Traum,
wo ich der vielen Leiden widerstand,
bis ich im Tod mich geistig wiederfand.
An Stätten, die im Bösen sich verfingen,
ließ mich mein Los mit meinem Dasein ringen.

Die Luft zum Atmen hat der Wind getragen;
man nahm sie mir nach unbekannten Jahren.
Auch ich verging in Schuld und Sühne,
war nur ein Rädchen auf der Lebensbühne.
Vergänglich ist der Körper, ist das Kleid,
in stetem Wechsel bis in Ewigkeit.

Die Gene Kains und Abels, jener Ur-Gestalten,
die Gut und Böse tragen, zeigen noch ihr Walten.
Doch ist’s der Wille nur, der sie befreit.
Mensch, trag die Harmonie als Festtagskleid!

Es kommt der Tag

Quelle: Pinterest
Es kommt der Tag, an dem der letzten Liebe
nur noch Alleinsein folgen wird.
Die Jugendzeit, die ewig schien und bliebe,
war bloße Hoffnung, die so oft geirrt.

Erinnerung, des Alters Rückbesinnung,
auf alles, was wir taten oder nicht.
Sie zeigt den Füllstand der Gewinnung,
Werte, die wir erreichten, stehn im Licht.

Es kommt der Tag, an dem wird alles enden,
alles ist ausgelebt und abgehandelt.
Der Spiegelblick, man möcht’ sich von ihm wenden,
man sieht, wie sich das Schöne hat verwandelt.

Das alte Leben ging, es kam das fremde,
das unbekannt und kalt vor meinem Haus.
Schließ leis die Tür und unsichtbare Hände
breiten die Gnade des Vergessens aus.

Die alten Wege

Albert Anker (1831-1910)
Ich kenn’ die Stadt, in der die Mauern flüstern;
hier wuchs ich auf, die Straßen ungeteert.
Koksrauch ließ manche Häuserfront verdüstern,
wie ein zerschlissenes Kleid, von Ärmlichkeit beschwert.

Und jede Pfütze glitzerte im Regen -
wir Kinder stapften fröhlich durch die Lachen,
auf bordsteinlosen, dunklen Wegen,
wo Regenwürmer durch die Erde brachen.

Die alten Straßen trugen meine Schritte,
aus jedem Haus sprach die Vergangenheit;
verhallt ist jeder meiner Kindheitstritte,
mir eilt voran der Gang der Lebenszeit.

Das Alte ist längst fort und abgehandelt;
das Schicksal schlägt im Buch die Seite um.
Was hat der Mensch belassen, was gewandelt?
Die Münder meiner Ahnen bleiben stumm!

Als ihre Herzen pochten und die Quellen flossen,
aus denen sich des Standpunkts Klarheit nährt,
wie zuversichtlich wirkten sie entschlossen
auf falschen Wegen, die das Glück verwehrt.

Das Leben ist des Lichtes reiner Segen,
bewahre ihn, der selbst dich ‚reif‘ gemacht.
Des Vaters Glanz liegt wie ein Blühn auf Wegen,
senk demutsvoll davor dein Haupt herab.

Schlafende Welt

Heinrich Flockenhaus (1856-1919)
Tag, du senkst dein Licht ins Nebelgrau der Ferne,
wo zum Horizont die rosa Wolken ziehen,
die so hingehaucht, wie Rosen kurz erblühen,
und dann nachtverdunkelt untergehen
mit der Sicht auf erste Sterne.

Mondschein, der durchs Himmelgrau des Abends bricht,
hat sich zauberhaft hinzugesellt;
magisch formt er seine eigene Welt.
Erdverbunden schwindet alles, Licht an Licht.
Welt, sie schläft. Wer schläft, der sündigt nicht!

Flockentanz

So schwer fällt jeder Schritt auf weichem Grund,
versunken in den Schnee, der nächtens fiel,
der funkelnd in der frühen Morgenstund‘
auf schon verharschten Gründen fand sein Ziel.

Der Flocken Tanz im Nachtschein der Laternen,
die federleicht in Stille niedergehen,
scheint wie kristallner Glanz von fernen Sternen,
die sanft, vom Wind getragen und verwehen.