Die Einsamkeit bei Tagesanbruch – Johann Heinrich Füssli (1741–1825)
Nur Sterne waren dort, der Mond so weit; der Himmel über ihm, ist grau verhangen. Er fühlt die Leere um sich, weit und breit ist niemand da; sind alle fortgegangen.
Doch neben ihm, da liegt ein Treuer, erwacht wie er im zarten Morgenrot. Das Hündchen trieb die Ungeheuer der Nacht hinfort und alle Not.
Er greift nach ihm und fühlt sein Herz, wie still es pocht, ganz im Vertrauen, gut. Sieht er die Augen funkeln, geht der Schmerz und seine Seele weiß, wie gut es tut.
Er ist ein Wanderer in dieser Welt, an seiner Seite gingen viele Seelen, die durch Erfahrungen sein Herz gestählt, nur sein getreuer Hund, er würde fehlen.
Nun sind sie alt geworden hier auf Erden. Klingt wie das herbste Wort von allen herben. Der stille Tod ist das Vergessenwerden, was noch viel bitterer ist als Sterben.
Caspar David Friedrich 1774-1840 – Frau am Fenster
Keine Stimme, die ruft, kein Herz, dem ich fehle, nur Einsamkeit, Stille, durch die ich mich quäle – aus der Ferne, der Klang der Motoren und manchmal will sich die Ruhe in meine Seele bohren.
Suche Beschäftigung, die diesen Bann durchbricht, doch wirklich finde ich sie nicht. Kann mich nicht fügen, nicht konzentrieren, möcht‘ manchmal den Verstand verlieren.
Ich schau’ die Wände an – es sind dieselben, die ich vor einer Stunde sah; verwandeln möchte ich die gelben in bunte, mit Punkten, die ich dann zählen könnte, um mich abzulenken, vom Denken.
Entzweit sein, werden wir und einsam verloren sein, uns fühlen wie ein Kind, das Dunkelheit umhüllt verlassen, sich fürchtet, als sei‘s plötzlich blind.
Blühendes Leben, golden war’s beschienen, voll Lebensübermut und Zuversicht; das innere Kind spielt zwischen den Ruinen, sieht nur die Furcht im Dunkeln, ohne Licht.
Entreißt das Schicksal Menschen, was sie lieben, verliert ihr wundes Herz den Lebenssinn. Das, was verwachsen und im Geist getrieben – mit Herzblut geht ein Teil verloren und dahin.
Das innere Kind, gebrannt in Seelenflammen, ergab sich mit gebundenen Händen unter Tränen; es glimmt ein letztes Glühen in den Herzenskammern, ist wohlverborgen unter Asche reichem Sehnen.
Schweigen, Stille, Dunkelheit – nur das Rauschen müder Blätter, die sich langsam lösen von den Zweigen. Schaukelnd fallen sie der Nacht entgegen, blühen noch einmal auf, in buntem Zauber, legen eine farbenfrohe Decke auf die Wege; majestätisch liegt die Welt im Sterben… und der Tod, er schreitet still darüber, um den Lebenskreislauf abzuschließen.
Herbstgedanken – Sonntagsstille ! Und die Uhr, sie tickt und tickt, streut monoton Sekunden in das Grau, das ruhig dahin fließt, wie ein träger Fluss. Ich treibe haltlos, sinke in das Nirgends; bin losgelassen, treibe ohne dich. Ertrinke in den Fluten der Gedanken, die mich ziehen, immer tiefer, und ich falle wie die Blätter von den Bäumen… und der Tod, er schreitet still darüber.
Der Sommer bäumt sich auf,
als wär’s das letzte Mal
an dem er Trost und Licht sein kann;
denn trotz August im Jahreslauf,
trägt Sonnenlicht gedämpften Strahl,
wie auch der Herbst ihn bringt alsdann.
Die Vögel schweigen ringsumher,
umflattern uns mit Schauer;
er trägt den Hauch von Ewigkeit,
die uns den Todesbecher reicht -
nichts ist von langer Dauer.
Alles geht fort! – Verlassensein
durchstreift die alten Glieder.
Man dreht sich um und ist allein,
die Nächsten gehn - kein Blick zurück,
sie kehren nie mehr wieder.
Das Jahr geht ohne Wiederkehr,
wie alle, die gegangen;
die um mich lebten, sie sind hier -
gedanklich einen Steinwurf weit,
von Dunkelheit umfangen.
Alle Würfel, die gefallen,
zeigen Niedergang und Sieg.
Ledern wird der Becher knallen,
wenn ein Holz darunter liegt.
Hand um Hand, den Wurf erringend,
kommt die Zufallszahl ans Licht.
Prasselnd klingt es und gelingend,
wenn sie durch die Reihen bricht.
Wie die Sieger triumphieren!
Schreien auf, wenn er vollbracht,
und im Wirtshaus jubilieren
feiernd sie die ganze Nacht.
Als in frühen Morgenstunden
Alkohol und Börsen leer,
ist das Grölen längst verschwunden,
denn die Augen wurden schwer.
Morgengrauen legt den Schatten
des Vergessens an den Tag,
man verkriecht sich, wie die Ratten,
in den häuslichen Verschlag.
Nur der Schlaf entspannt die Glieder,
zugedeckt mit Einsamkeit.
Beim Erwachen treibt sie wieder
hin zum Würfelspiel im Leid.
Die Begeisterung des Handels
in der Spielart ihres Treibens,
lässt so manchen Lebenswandel
in die Not der Armut gleiten.
Jede Einsamkeit ist Sehnen
nach der Liebe, nach dem Licht.
Es vergehen Leid und Grämen -
Spielerei vertreibt sie nicht.
Heilen wird ein leises Rufen,
tief in deiner Einsamkeit.
Folge ihm auf ew’gen Stufen,
hin zum Ort der Ewigkeit.
Wenn dich die Mühen deines Tages schwächen,
die Beine schwer sind, wie aus Blei;
wenn du dich leer fühlst, ohne Sinn zu sprechen,
du schweigend wünscht, dass es zu Ende sei.
Schau an, die lauten Menschenmassen -
so ausdruckslos die Mienen um dich her.
Es sind so viele, die alleingelassen,
ganz ohne Heimat, fühlen sie nichts mehr.
Der Mensch der Erde ist sein eigner Schatten,
er bindet andere mit Liebesschwüren,
die schon beim ersten Hauch von Einsamkeit ermatten,
und ihn beim letzten Glockenschlag verlieren.
Kein Mensch ist einsam, weil es alle sind!
Die Wüste „Einsamkeit“ hat große Straßen.
Sie sind belebt, dort herrscht ein rauer Wind.
Verborgen ist der Schmerz, den sie begraben.
Man eilt vorbei, ganz ziellos ist das Schauen -
auf diesen Straßen sucht man sich vergebens.
Gesenkte Lider – Männer gehn, wie Frauen,
passieren still den Schauplatz ihres Lebens.
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