Maß der Zeit

Göttliche Geometrie – Vladimir Kush (1965 – )

Das Maß der Zeit, vergangenes Empfinden,
verschmilzt alsdann mit Gegenwart,

lässt Künftiges in Hoffnung gründen,
die eine Aussicht hat, auf Tat.

Ereignisse, die Wellen schlagen,
sind bald schon in vergangener Zeit,

wenn sie jedoch Gefühle tragen,
sind sie stets Gegenwärtigkeit.

Ist das Empfinden einst vorüber,
ziehn sie in „alte Zeiten“ um.

Wir ordnen Zeit, wie Pflanzenfreunde
die Blätter im Herbarium.

Bestimmen taktvoll unser Leben,
gleich, wie das Pendeln einer Schwingung;

die Rotation der Erdumläufe
sind unsrer Zeiteinheit Bedingung.

Der Zeiten Anfang? – Unerklärlich!
Es bleibt uns ein Mysterium.

Sterblich sind wir – Allväter ewig,
hier bleibt das Universum stumm.

Der alte Baum

Foto: Mariamne, Pixelio.de

Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt,
zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde,
der unter dunkel, harter Borkenrinde
die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.

In hundert Jahren wird er noch hier stehen,
wenn sich die Zeit schon lang gedreht
und neuer Geist durch Land und Köpfe weht,
hat er so manchen Sturm gesehen.

Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen,
von Liebesglück und Leid, das er geschaut,
und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut,
wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.

Nach Ostern

Carl Larsson 1853-1919 – Abend vor der Reise nach England

Kein Läuten mehr – die Osterglocken schweigen!
Still lastet Schwere auf dem kalten Tag,
und wieder liegen Fröste auf den Zweigen,
als wenn die Welt uns nicht mehr blühen mag.

Das Vogelsingen ist heut leis geworden.
Die Straßen leer, selbst Kinderlachen schweigt.
Das Leben scheint mir beinah ausgestorben,
wenn rauer Wind die frischen Wipfel streift.

Die Jahre sind so schnell dahingegangen.
Es blieb ein welker Kranz aus ferner Zeit.
Ob meinem wehen Herzen noch, dem bangen,
ein wenig Zuversicht erhalten bleibt?

Wohl dem, der aus des Lebens schweren Tagen
und aus den Stunden ungetrübten Glücks
ein Leuchten darf in seiner Seele tragen…
ein Sonnenlächeln göttlichen Geschicks.

Zauberschleier

Der Morgen – Caspar David Friedrich (1774-1840)

Verhüllt liegt unsre Zukunft, weltverborgen,
und um uns webt der lichte, helle Morgen,
die weißen Zauberschleier in den Tag.

Am Abend wirft die Nacht die langen Schatten
und legt sich auf des Tages Lasten nieder;
leise raunt die Natur die alten Lieder,
auf den Rabatten.

Die Weise, die erklingt, so fern der Nöte,
sie schwebt zum Wohle aller durch die Nächte,
als ob sie allem Übel Tröstung böte
und Freunde brächte.

Wer hoffend lauscht, den wird der Segen finden,
er eilt von Herz zu Herz, wie ein Gebet.
Den rechten Weg, wirst du ergründen,
wenn deine Seele es erfleht.

Wenn du die Liebe fühlst, so ganz durchdrungen,
dann öffnest du dich deinem Gott in Dir.
Folge der Stimme, voll Vertrauen, unumwunden,
öffne die Tür.

Karfreitagstimmung

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Spaziergang in der Abenddämmerung

Wie soll ich den Frühling genießen,
mit all seinen Blumengeschenken,
wo unlängst die Blüte der Liebe verwelkte,
in meinen Händen?
 
Wie kann die Sonne meine Seele erwärmen,
mit all ihrem Strahlengefunkel?
Wenn Tränen mir Sinn und Antlitz verhärmen,
bleibt mein Herz kalt und dunkel.
 
Wie kann ich Hoffnung in Gedanken binden,
wo alle Zukunftsbilder jüngst zerstört?
Wo werd’ ich jemals wieder finden,
was mir noch nie zuvor gehört?
 
Kann sich das Schweigen aus Gräberreihen,
wo kein Kreuz gleicht dem andern,
wie ein Wunder durch himmlischen Schluss,
ganz plötzlich in Lachen verwandeln?
 

Schicksal

John Everett Millais (1829-1896)

Fühle mich innerlich wie neu,
geboren aus Schmerz und Hoffen.

Das kleine Glück, es blieb mir treu:
Gott ließ mir ein Stück Zukunft offen.

Der Tod grub schon an meiner Grube.
Darf mich nun auf den Frühling freuen.

Da wird der Sonnenstrahl zum Schube
und lässt den Lebensmut erneuern.

Die kleinen Dinge meines Lebens
war’n immer wichtiger, als große.

Kein Tag des Daseins war vergebens;
oft fiel ich aus dem weichen Schoße

der Engel, die mich sanft belehrten,
ertrugen meine Menschlichkeit.

Sie, die sich opfernd nie beschwerten,
sie hoben mich durch manches Leid.

Nun taste ich mich durch die Tage.
Manches, das aussteht wird verwunden.

Und wird auch manche Zeit zur Plage,
ich freue mich auf jede Stunde.

Schicksalsschleier

Caspar David Friedrich 1774-1840

Wirst du erwartungsvoll nach einer Antwort suchen
und fragend deinen Blick zum Himmel lenken,
in Träumen einen unbekannten Namen rufen,
und auch am Tage oft an dies Geheimnis denken?
 
Versperrt ist noch der freie Zukunftsblick,
wart’ nur, das Schicksal wird dir Zeichen senden,
und eines Tages mit noch unbekanntem Glück,
dein Leben und dein Los zum Guten wenden.
 
Das Namenlose, das du suchst, du wirst es finden,
das Unbekannte, es bekommt Gesicht.
Kannst du es lieben, wirst du selbst ergründen,
ob du Erfüllung wähltest oder nicht.
 
Suche den rechten Weg, folg deinem Herzen;
lass alles was dich traurig macht zurück.
Die Engel leuchten dir mit Wunderkerzen,
Gott leitet dich auf deinen Weg ins Glück.
 
Fühlst du, der Himmel stellt des Lebens Weichen
für viele neue Wege, die wir gehen.
Eine Vision wird plötzlich dir die Hände reichen,
wo du es nicht erwartest, werden Engel stehen.

Zukunft

Die Kartenlegerin – Anker Albert 1831-1910


Das Lebensrad dreht sich im Kreise,
mal läuft es langsam,
manchmal schnell,
lenkt uns auf unsichtbaren Gleisen,
vorbei an Dunkel oder Hell.
 
Oft fürchten wir, was im Verborg’nen liegt
und suchen Rat in des Orakels Kraft,
es gibt uns Wissen, das dann gerade biegt,
was sonst recht krumm in seiner Eigenschaft.
 
Wir gehen nicht mehr unsre eignen Wege,
das, was normal wir täten, tun wir nicht,
als würden wir die Zukunft in die Karten legen,
folgen wir dem, was unsren Willen bricht.
 
Wir denken nur noch an das unbekannte Ferne,
vergessen ganz den Glanz der Gegenwart,
befragen Kaffeesatz und Stand der Sterne
und sind vom Reiz der Antworten genarrt.
 
Vergesst nicht euer tiefes Wissen,
das selber ihr in euch verspürt,
Wegweiser werdet ihr nicht missen,
wenn euer Weg ZU MIR euch führt.