Frostige Tage, die im Jahr naturbefohlen; mal lärmt es laut, mal ist es still und kalt. Auf Barometern machen Wetter Kapriolen, es friert und schneit in eisiger Gestalt.
Des morgens unterm Federbett erwachen, der erste Schritt ins abgekühlte Zimmer, zeremoniös und frierend Kaffee machen, Kätzchen versorgen – alles ist wie immer.
Der Frühling lässt Kalenderblätter träumen, mit ersten Tulpen, die bewerbend blühen; ich laufe zu den durchgewärmten Räumen. Ich schreibe! Mein fast tägliches Bemühen.
Wie lang noch werden regsam die Gedanken und geistig wach, den neuen Tag verstehn? Bis sie ins Nichts des Universums sanken, im Schnee der Zeit vergessen untergehn.
Vom Schein der Mode sollt‘ ich mich entwöhnen; ein Hauch von Nichts, der sich um Leiber schmiegt, ein bisschen krumm Gewachs’nes gerade biegt, die Blicke auf sich zieht, um zu verschönen.
Liegt doch ein Trug, der augenscheinlich da, in Kleidern, die den Trägern schmeicheln, kaschiert die Linie in einigen Bereichen und man verbirgt, was sonst erkennbar war.
Ganz unentbehrlich schienen einst die Blicke, die beim Flanieren meinem Körper galten; es war mir ein Genuss, sie an mir festzuhalten, es gab mir Selbstvertrauen, Leichtigkeit der Schritte.
Die Moden ändern sich im Lauf der langen Zeit, Gepflogenheiten sind nur temporär - das Alter kam, und jede Falte zeigt mir, was es mit sich nahm: die Schönheit und die Oberflächlichkeit.
Wie vergänglich doch die Schönheit,
geht mit jedem Tag ein Stück,
und die Weisheit folgt der Jugend,
fort sind Liebreiz, Frühlingsglück.
Wenn der Herbst des Lebens kommt,
scheinen Uhren schnell zu gehen;
Leben treibt zum Horizont,
und das Alter bleibt nicht stehen.
Einmal mich in Schönheit denken,
unbekümmert und vertrauend,
ahnungslos den Schritt zu lenken,
tausend Leben überdauernd.
Kommt kein Frühlingstag mir wieder,
lenkt Erkenntnis meinen Schritt.
Auch, wenn alt und müd die Glieder -
Weisheit ist des Alters Glück.
Irdische und himmlische Liebe – FRANZ VON LENBACH (1836 ‐ 1904)
Vorbei die Zeit des Gegenüberstehens, verborgene Blicke des Vorübergehens, ein Ahnenlassen, wie das Herz empfindet, voll Scham erröten, völlig unbegründet, verlegen dann die Hand zum Gruße reichen, ungern von der geliebten Seite weichen.
Die Jugend ist vorbei, ist abgehandelt, kein Trieb, der meine Sinne wandelt. Mit alter Seele frei von Leidenschaft, aus tiefstem Herzen manches Mal gedacht: Befreiung heißt Verzicht und nicht Verbot, ist die Gewissheit vor dem Abendrot.
Liebt man nicht nur das Bild im Spiegel, sein selbst kreiertes Gütesiegel?! Kann Unbekanntes Seligkeiten bringen, das nicht gestaltet ist nach eignen Dingen? Die rosarote Blindheit der Gedanken eröffnet die im Alter auferlegten Schranken.
Doch gab ich meinen Kräften neuen Sinn, damit ich hier auf Erden nah dem Himmel bin.
Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt, zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde, der unter dunkel, harter Borkenrinde die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.
In hundert Jahren wird er noch hier stehen, wenn sich die Zeit schon lang gedreht und neuer Geist durch Land und Köpfe weht, hat er so manchen Sturm gesehen.
Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen, von Liebesglück und Leid, das er geschaut, und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut, wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.
Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön, lass mich nicht einsam in den Abend gehn!
Ein Plätzchen vor der Tür! Die Luft so lind, und neben mir ein treues Menschenkind, das freundlich mit mir geht die alten Wege, ein wenig mit mir weint, ein wenig lacht, wie alte Leute tun, – ganz kurz, ganz sacht! –
Im Nachbarhof, nicht ferne, geht die Säge mit scharfem Schnitt durch einen Baum; wir schau’n uns an und nicken wie im Traum: „Ja, ja, – so geht’s!“ Stumm tastet Hand nach Hand, mit leisen Schritten kommt die Nacht ins Land, wir merken’s kaum. –
Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön, lass mich nicht einsam in den Abend gehen!
Frieda Jung (1865-1929) Ostpreußische Heimatdichterin geboren im Landkreis Gumbinnen
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