Altersschranken

Irdische und himmlische Liebe – FRANZ VON LENBACH (1836 ‐ 1904)

Vorbei die Zeit des Gegenüberstehens,
verborgene Blicke des Vorübergehens,
ein Ahnenlassen, wie das Herz empfindet,
voll Scham erröten, völlig unbegründet,
verlegen dann die Hand zum Gruße reichen,
ungern von der geliebten Seite weichen.

Die Jugend ist vorbei, ist abgehandelt,
kein Trieb, der meine Sinne wandelt.
Mit alter Seele frei von Leidenschaft,
aus tiefstem Herzen manches Mal gedacht:
Befreiung heißt Verzicht und nicht Verbot,
ist die Gewissheit vor dem Abendrot.

Liebt man nicht nur das Bild im Spiegel,
sein selbst kreiertes Gütesiegel?!
Kann Unbekanntes Seligkeiten bringen,
das nicht gestaltet ist nach eignen Dingen?
Die rosarote Blindheit der Gedanken
eröffnet die im Alter auferlegten Schranken.

Doch gab ich meinen Kräften neuen Sinn,
damit ich hier auf Erden nah dem Himmel bin.